Die Schulwelt in Mark Twains "Tom Sawyer"


Essay, 2017

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Im Rahmen des Seminars „Schulwelten: Eine literatursoziologische Perspektive auf Lehren und Lernen“ wird im folgenden Essay die Schulwelt in dem Roman „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ versucht zu deuten. Im ersten Teil wird kurz die Schul- und Lebenswelt Toms skizziert, im zweiten Teil diese analysiert und im letzten Teil Toms Schulwelt mit der aktuellen verglichen. Zuerst wird jedoch Mark Twains Leben und sein Werk kurz beleuchtet.

Klaus Doderer versucht in seinem Aufsatz zu verdeutlichen, dass die Welt von Tom Sawyer der seines Schöpfers gleicht. Mark Twain beschreibt in seinem literarischen Werk „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ eine Kleinstadt am Ufer des Mississippi, die der Heimat Mark Twains topographisch ähnelt. Dies lässt sich zum einen aus der Annahme schließen, dass Mark Twain ein halb autobiographisches Werk namens „Leben auf dem Mississippi“ schrieb und seine Kindheit in den Jugendliteraturwerken „Abenteuer des Tom Sawyer“ und „Abenteuer des Huckleberry Finn“ verarbeitete. Zum anderen der weiße Zaun, den Tom streichen sollte, sein Haus und auf der anderen Straßenseite Beckys Zimmer, stehen heute noch – wie in den Romanen beschrieben – in der Kleinstadt Hannibal. Ebenso ist die Höhle, in der sich Tom und Becky verirrten, noch heute zu besichtigen.1

Mark Twain heißt gebürtig Samuel Langhorne Clemens und wurde 1832 geboren.2 Erst 1863 legte sich Samuel L. Clemens sein Pseudonym „Mark Twain“ zu, nachdem er als Lotse auf Schiffen auf dem Mississippi nicht mehr gearbeitet hatte. Der Name rührt aus der Schifffahrtssprache der Mississippi-Fahrer, die mit dem Ruf „Marke Zwölf“ (so viel wie „twelve feet or two fathoms“) auf einem Stock die Tiefe gemessen haben, um festzustellen, ob sie tauglich für die Schifffahrt gewesen ist.3 4

Da der Roman „Abenteuer des Tom Sawyer“ zum einen autobiographisch die Jugend Mark Twains befasst, zum anderen Teil auch fiktive Elemente hinzugefügt wurden, sollte man bei der Betrachtung des Werks versuchen, autobiographische Rückschlüsse zu ziehen.

Der Roman „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ behandelt den Protagonisten Tom Sawyer und seine Erlebnisse in der Schule und die Abenteuer in der Freizeit, die durch den rebellischen Jungen Huckleberry Finn gekennzeichnet sind. Tom Sawyer ist ein Waisenjunge, der bei seiner Tante Polly, die als Vormund fungiert, lebt.

Die Schule gilt für Tom als eine Art Gefängnis und der Lehrer als Wärter. Sie ist ihm auferlegt und er muss seinen Pflichten nachkommen – ein alltäglicher nie endender Wiederholungsvorgang. Daraus entstand ein Freiheitsgedanke in Tom, aus diesem System auszubrechen. Ganz anders ist das beschriebene Bild von Huckleberry Finn. Er gilt als obdachlos („lebt in einer Tonne“) und gesetzlos, da sein alkoholkranker Vater sich nicht um ihn kümmert. Huck ist der personifizierte Freiheitsgedanke Tom Sawyers. Vielleicht fällt es Tom deswegen so schwer, diesem zu widerstehen? Da Huck seinen Pflichten nicht nachkommen muss und seine Lebensgestaltung frei wählen kann, wird er von allen Jungen bewundert. Obwohl Huckleberry auch ein Junge ist, ist es den anderen Jungen aus St. Petersburg (die Stadt am Ufer des Mississippi, in der der Roman spielt) verboten, sich mit ihm zu treffen – es gilt als Tabu.

Anders stellt sich die Realität in Mark Twains Lebenswelt dar. Tom Sawyer ist ein Waisenjunge, doch Mark Twain wächst als Sohn von Siedlern auf, die mit ihm mit vier Jahren aus einer kleinen Siedlung zurück nach Hannibal in Missouri zogen. Hannibal erhielt in den späteren Werken Twains das Pseudonym „Sankt Petersburg“.5 Die Schulzeit ist für Tom Sawyer wie ein Gefängnis. Möglicherweise trifft für Mark Twain die gleiche Einstellung zu, da er schließlich nur eine kurze Schulzeit in Anspruch nahm, um das ABC und einige fromme Sprüche zu lernen.6 Nach den Lehrjahren als Setzer in einer Druckerei steuerte Twain Schiffe auf dem Mississippi. Er scheint den gleichen Abenteuergedanken wie Tom Sawyer zu haben.

Bei dem Versuch, Toms Schulwelt zu deuten, scheint diese durch einen Handel (Vgl. Ökonomie) geprägt zu sein. Stets gibt es einen Tausch von sowohl materiellen als auch imaginären „Dingen“.

Die Schulwelt ist kennzeichnend für eine Ökonomie des Strafens. Dies wird durch ein Machtgefüge zwischen den Kindern und den Erwachsenen dargestellt. Der Lehrer gilt als Wärter und Wächter des Gefängnisses (er sitzt hinter einer Zeitung), Strafender, Abfragender, Aufpasser – eine autoritäre und totalitäre Person, vor der sich die Schüler zu rechtfertigen haben. Dieser straft die Kinder mit Demütigungen vor der Klasse und Rutenschlägen. Er züchtigt sogar Tom Sawyer, nachdem dieser sich mit Huckleberry Finn getroffen hatte. Der Lehrer steht somit im Mittelpunkt der Schule und versucht die Ordnung beizubehalten. In diesem Zusammenhang haben wir einen Tauschprozess zwischen Huckleberry und Tom, da Tom durch dieses Treffen Bewunderung der Mitschüler zukommt. Der Lehrer setzt als Strafe Tom zusätzlich neben eine Mitschülerin namens Becky. Erkennbar ist, dass die außerschulische Aktivität somit in die Schulwelt Toms hinein ragt und der Lehrer gilt nicht mehr nur als eine strafende Instanz in der Schule, sondern auch in seinem ganzen Leben. Zusätzlich stellt die Bestrafung Huckleberry Finns durch seinen alkoholkranken Vater eine weitere Ökonomie des Strafens außerhalb der Schulwelt dar. Dass die Ökonomie des Strafens für Tom auch außerhalb der Schule aktiv zu sein scheint, bestätigt die Aufgabe von Tante Polly, den Gartenzaun weiß zu streichen, während seine Schulkameraden ohne Tom schwimmen gehen wollen.7

Eine weitere wichtige Szene des Jugendbuches ist die Szene zwischen Becky und Tom. Als Resultat des Strafens sitzen die beiden nebeneinander in der Schule, was schließlich auch Toms Intention war. Tom möchte Becky einen Pfirsich schenken, einen Handel - einem Tauschobjekt für Aufmerksamkeit – kennzeichnend für eine Ökonomie der Aufmerksamkeit. Später kauen sie abwechselnd das gleiche Kaugummi. Die Phrase „ich liebe dich“ sorgt für einen weiteren Tauschprozess zwischen den beiden, insofern gesagt wird, dass wenn ich es dir sage, müsstest du es auch zu mir sagen. Es soll eine Äquivalenz beider hergestellt werden. Dies hat eine Verlobung zur Folge mit einem gegenseitigen Kuss, der alles besiegelt. Es kann herausgelesen werden, dass dieser Kuss jedoch einer Vergewaltigung entspreche, da Tom Becky seine Liebe aufzwinge, sie jedoch aus Naivität dies toleriere. Tom erläutert Becky, welche Vorteile eine Verlobung für beide hat („das haben wir alles gemeinsam und teilen es sonst mit niemand anderem mehr in unserem Leben“). Er schafft eine Form der Exklusivität zwischen den beiden, die jedoch durch eine frühere „Verlobung“ mit einem anderen Mädchen gebrochen wird. Becky ist verletzt und weint. Tom versucht durch den Tausch(/Übergabe/Geschenk) seines wertvollsten Besitzes, einem Messingknopf, Becky zu trösten, den sie jedoch nicht annimmt. Diese Form der Exklusivität wird erst wieder deutlich, als Tom durch seinen Stolz gedrängt sich von Becky abwendet und trotz einer Reue zeigenden Becky (sie schreit nach ihm als er fort geht) nicht wiederkehrt. Erst der Entzug von Tom macht Becky diese Exklusivität klar. Diese Form einer Ökonomie der Exklusivität ist rein außerschulisch und wird nicht in die Schulwelt integriert.

In der Schule jedoch zählt für Tom Anerkennung und Ansehen. Dies wird deutlich, als er einmal sich einen Zahn gezogen hatte und nun auf eine besondere Art und Weise spucken konnte. Die „Aufmerksamkeit“ galt viel mehr Tom als seinem Mitschüler, der sich absichtlich geschnitten und geblutet hatte, um sich vor seinen Mitschülern zu profilieren. Es vollzog sich ein Wechsel der Aufmerksamkeit, der Tom in den Mittelpunkt des Geschehens drängt. Es war seine Intention, immer mehr und mehr in den Mittelpunkt des Klassengeschehens zu gelangen. Es wird ein rebellisches Bild gezeichnet, das in der Schulwelt stets Ansehen erhält. Somit erhält auch Huckleberry Finn ein hohes Ansehen unter den Mitschülern. Als These kann man aufstellen, dass aus heutiger Sicht Huckleberry Finn einem Punk gleiche.

Nachdem Huckleberry eine tote Katze durch einen Tausch mit einem anderen Jungen erhalten hatte, kommen Tom und Huck auf das Gesprächsthema Warzen und deren Beseitigung. Es sei ein mystisches Zauberritual, dass man die Katze nach dem nächtlichen Erscheinen des Teufels an einem Grab eines kurz vorher verstorbenen bösen Menschen hinterher werfe und Zauberworte spreche. Dieses Ritual habe er von der alten Mutter Hopkins, die in dem Dorf als Hexe gilt. Die Echtheit der Rituale untermauert Huckleberry durch die Verifizierung eines anderen Rituals, dass sein Vater sich den Arm brach, nachdem die Mutter Hopkins ihn verflucht habe. Hier haben wir einen Tausch über Wissen, das Tom vorher verschlossen blieb. Somit gilt Huckleberry für Tom als Wissensvermittler und Vorbild. Ebenso entsteht durch die Zauberrituale eine Ökonomie des Zaubers.

Als Resultat erkennt man eine Ökonomie des Strafens zwischen den Kindern und Erwachsenen, eine Ökonomie der Exklusivität zwischen Tom und Becky, eine Ökonomie der Aufmerksamkeit in der Schulwelt Toms und eine Ökonomie des Zaubers zwischen Tom, Huckleberry und der Mutter Hopkins.

Im folgenden Teil geht es um meine selbst empfundene Schulwelt im Vergleich zu der Schulwelt Toms. Hierzu werden die vier herausgearbeiteten Ökonomien als Vergleichscharakteristika genutzt.

In Toms Schulwelt fungiert der Lehrer als Strafender und eine Ökonomie des Strafens entsteht. In meiner Schulwelt bestand stets auch eine Art des Strafens. Der Lehrauftrag zur Reproduzierung der Gesellschaft kann nur erfüllt sein, wenn die Schülerinnen und Schüler8 sozial integrierbar sind. Wir wurden immer für soziale Ausreißer und Fehler mit zusätzlichen Hausaufgaben bestraft, Hausordnung abschreiben oder nachsitzen. Körperlich wurden wir jedoch nie gezüchtigt oder vor der ganzen Klasse gedemütigt. Es besteht in meiner Schulwelt auch eine Ökonomie des Strafens für rebellisches Fehlverhalten – nur in einer abgeschwächten Form. Die einzige körperliche Strafe, die an meiner Schule vollzogen wurde, war die der körperlichen Arbeit, den Schulhof zu säubern oder Sozialstunden in der hauseigenen Lehrmittelbibliothek zu absolvieren.

Während in der Schulwelt in der Jugendliteratur Tom versucht, stets die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken durch verbotene Handlungen -sich mit Huckleberry Finn treffen- oder durch ein „besonderes“ Spucken. Dies ist vergleichbar mit einem Profilieren meiner Mitschüler und ich. Wir haben zu unserer Schulzeit auch versucht, uns in den Mittelpunkt zu stellen mit Talenten oder durch verbotenes Handeln, was mit Strafen sanktioniert wurde. Ein Mitschüler hat die Wände unseres Schulgebäudes mit dem männlichen Geschlechtsorgan verziert. Die Mitschüler fanden dies sehr amüsant und lobten ihn dafür. Er stand für kurze Zeit im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, wurde jedoch für diese Untat bestraft. Andere versuchten durch Statusobjekte wie ein neues Mobiltelefon die Aufmerksamkeit zu erlangen. Es ist menschlich, sich zu profilieren. Schließlich ist auch eine gewisse Rivalität natürlich, die einen Druck auf die Schüler ausübt. Andere wiederum wollen mit allen Mitschülern befreundet sein, sodass sie sich zum Clown machen, um in den Fokus zu gelangen und von allen akzeptiert zu werden („er ist ja lustig“; „mit dem muss ich befreundet sein“).

Eine Ökonomie der Exklusivität im Roman „Abenteuer des Tom Sawyer“ entsteht außerhalb der Schule zwischen Becky und Tom durch eine Verlobung beider miteinander. Solch eine Exklusivität kann nur zwischenmenschlich entstehen, wenn zwei Individuen sich dazu entscheiden, den anderen zu bevorzugen. Dies kann sich folglich auf die Schulwelt ausweiten durch besondere Freundschaften. Mein bester Freund und ich waren von der ersten bis zur zehnten Stufe in einer gemeinsamen Klasse. Diese Exklusivität, die daraus entstand, machte sich bemerkbar in der Wahl der Sitznachbarn in der Schule, dass wir zusammen die Pausenzeit verbringen, uns viel unterhalten und auch gemeinsam über anderen Schüler lästern. Die Zeit, mit der wir sie verbringen, ist eine besondere Exklusivität, die wir als Kinder genießen können. Eine Form der Exklusivität entsteht auch durch Gruppenbildung von Schülern, die andere ausschließen. Diese Form kann von Nicht-Beachten der Anderen, über Ärgern bis zu gezielten Mobbing führen, welches wieder eine Ökonomie des Strafens fordert. Eine andere Form der Exklusivität in meiner Schulwelt waren Geschenke, die nur für einen bestimmten Schüler bestimmt waren (Bsp.: Valentinstag, Wichteln, etc.). Das Geschenk selber spiegelt eine Exklusivität wieder, während dadurch die Aufmerksamkeit des Beschenkten auf den Schenkenden wechselt.

[...]


1 Vgl. Doderer 1993, S.128.

2 Vgl. Doderer 1993, S.126 und S.134. 1832 stammt aus Doderers Zusammenstellung Twains Leben. Mehrere Werke nennen sein Geburtsjahr 1835.

3 Vgl. Doderer 1993, S.130.

4 Für die Einfachheit benutze ich nun als Mark Twain stellvertretend für Samuel L. Clemens mit.

5 Vgl. Dolderer 1993, S.126.

6 Vgl. Dolderer 1993, S.126.

7 Diese Szene wird später noch einmal aufgegriffen.

8 Zur Einfachheit verwende ich nur noch stellvertretend für beide Geschlechter Schüler.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Die Schulwelt in Mark Twains "Tom Sawyer"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
9
Katalognummer
V960912
ISBN (eBook)
9783346310071
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schulwelt, mark, twains, sawyer
Arbeit zitieren
Tom Schäfer (Autor), 2017, Die Schulwelt in Mark Twains "Tom Sawyer", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/960912

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