Interkulturelle Kompetenzen im Französischunterricht anhand eines frankophonen Landes: Belgien


Examensarbeit, 2018

112 Seiten, Note: 1,33


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Hintergrundinformationen
l.1 Wasist interkulturelle Kompetenz?
1.2 Was ist Francophonie?
1.3 Legitimation für das Unterrichten der Themen

2 Methoden bezüglich Francophonie und interkultureller Kompetenz im Französischunterricht
2.1 Methoden interkulturellen Lernens
2.2 Angaben im Lehrplan, in den Bildungsstandards und im Kerncurriculum versus Unterrichtspraxis
2.3 Mögliche Aktivitäten mit Lernenden

3 Beispiele frankophoner Länder
3.1 Belgien
3.1.1 Situation Belgiens im Französischunterricht
3.1.2 Sprachliche Situation und Geschichte
3.1.3 Eigenschaften des belgischen Französisch
3.1.4 Schulsystem
3.1.5 Kulinarisches
3.1.6 Beziehung der Belgierinnen zu Französisch
3.1.7 Unterrichtsgestaltungsmöglichkeiten zum Thema Belgien
3.1.8 Fazit
3.2 Beispiel Marokko
3.2.1 Situation des Maghreb im Französischunterricht
3.2.2 Sprachliche Situation heute und früher
3.2.3 Eigenschaften des marokkanischen Französisch
3.2.4 Geschichte zur Beziehung zu Frankreich
3.2.5 Schulsystem
3.2.6 Kulinarisches
3.2.7 Beziehung der Marokkanerinnen zu Französisch
3.2.8 Unterrichtsgestaltungsmöglichkeiten zum Thema Marokko
3.2.9 Fazit

4 Vergleich zwischen Marokko und Belgien

Schluss

Résumé

Literaturverzeichnis

Tabellenliste

Tabelle 1: Französisch in Belgien und Frankreich

Tabelle 2: Bezeichnungen des Erziehungswesens in Belgien und Frankreich

Tabelle 3:Durchgeführte Unterrichtsstunde zur Frankophonie (Allgemeine Angaben)

Tabelle 4:Durchgeführte Unterrichtsstunde zur Frankophonie (Aufbau) Angaben)

Tabelle 5: Unterrichtsstunde zu Belgien

Tabelle 6: Unterrichtsstunde zu Marokko (Allgemeine Angaben)

Tabelle 7: Unterrichtsstunde zu Marokko (Aufbau)

Einleitung

Noch immer bildet Frankreich ein zentrales Thema im Französischunterricht, obwohl es nicht das einzige Land darstellt, in dem Französisch eine wichtige Rolle spielt. Das Behandeln anderer französischsprachiger Länder ist nicht nur empfehlenswert, sondern wird auch durch das hessische Kerncurriculum vorgeschrieben.

Diese Arbeit beschäftigt damit, wie sowie warum interkulturelle Kompetenzen und frankophone Länder im Französischunterricht eingebracht werden und was bei dem Unterrichten dieser Themen beachtet werden sollte. Als Beispiele dienen Marokko und Belgien. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben.

Begonnen wird mit dem Definieren von interkultureller Kompetenz und Frankophonie, es folgt eine Begründung der Wichtigkeit der beiden Themen, es wird erläutert, wie man diese behandeln kann und laut Vorgaben behandeln muss. Anschließend werden zwei frankophone Länder, Belgien und Marokko, vorgestellt. Der Leserschaft soll Hintergrundwissen über diese vermittelt werden, welches auch mit den Schülerinnen erarbeitet werden kann, die politische Beziehung sowie die persönliche Beziehung von Einwohnerinnen zwischen den Ländern und Frankreich wird dargestellt und es werden Möglichkeiten der Unterrichtsgestaltung aufgezeigt. Abschließend erfolgt vor dem Schluss ein Vergleich zwischen den beiden Ländern.

1 Hintergrundinformationen

1.1 Was ist interkulturelle Kompetenz?

Interkulturelle Kompetenz kann laut Thomas als die Fähigkeit verstanden werden, den interkulturellen Handlungsprozess so (mit)gestalten zu können, dass Missverständnisse vermieden oder aufgeklärt werden und gemeinsame Problemlösungen kreiert werden, die von allen Beteiligten akzeptiert und produktiv genutzt werden können.[12]

Ähnlich drückt es Schönhuth aus: Interkulturelle Kompetenz sei die Fähigkeit, in der interkulturellen Begegnung angemessenen Kontakt aufzunehmen, die Rahmenbedingungen für eine für beide Seiten befriedigende Verständigung zu vereinbaren und sich mit dem Gegenüber effektiv auszutauschen. Interkulturell kompetente Personen sollten somit dazu in der Lage sein, die vertretenen Kulturen so zu verstehen, dass die Beteiligten auf eine angenehme, zufriedenstellende Art Zusammenarbeiten können, damit die Diversität optimal für das Erreichen gemeinsamer Ziele genutzt werden kann.1 2 3 4

Interkulturelle Kompetenz kann durch Fremdheitserfahrungen erworben werden. Wenn diese häufig und in unterschiedlichen Zusammenhängen gesammelt werden konnten, kann man in interkulturellen Situationen flexibler reagieren alsjemand, der über solche Erfahrungen nicht oder kaum verfügt. Ein solcher Erfahrungsmangel kann zu Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit führen.5

1.2 Was ist Francophonie?

Problematisch an dem Begriff Frankophonie (französisch francophonie/ Francophonie) ist, dass er in unterschiedlichen Bedeutungen und Zusammenhängen verwendet wird und dass die danach benannten politischen Institutionen bezüglich ihrer Aufgabenstellung und ihrer Aktivitäten nicht klar trennbar sind. So kann es zu Überschneidungen und Rivalitäten kommen.6

Francophonie ist ein Begriff, der ursprünglich durch den Geographen Onésime Reclus in den 1880ern genutzt wurde, um die Länder zu beschreiben, welche Französisch gebrauchten, generell als eine offizielle Sprache. Ab den 1990er Jahren wurde der Begriff in unterschiedlichen Zusammenhängen verwendet. Die erste Bedeutung weist auf die Gegenden und Länder in der Welt hin, in denen Französisch offiziell oder inoffiziell zum Kommunizieren eingesetzt wird (francophonie).7 8

Die zweite Bedeutung von Francophonie (hier großgeschrieben) beschreibt eine offizielle Organisation von Ländern und Gebieten, deren Oberhäupter einen regelmäßigen Kontakt pflegen, um sich auszutauschen, und die gemeinschaftliche Projekte sowie Grundsätze planen.9

Allerdings kann der Term auch für eine Annäherung stehen, die nicht nur geographisch oder sprachlich, sondern auch kulturell stattfindet. Es kann sich um eine Einstellung handeln bzw. um eine Ideologie, bestimmte Dinge zu tun, die von der französischen Geschichte, Kultur und Sprache beeinflusst wurde. Dabei muss nicht zwingend Französisch verwendet werden.10 1987 wurde von der Documentation Frangaise ein Répertoire frankophoner Organisationen und Vereinigungen veröffentlicht, welches 246 private und staatliche Einrichtungen vorstellt, beispielsweise die Alliance Frangaise und die Association pour la Diffusion Internationale Francophone de Livres, Ouvrages et Revues (ADIFLOR).11

Im 1986 erschienenen Annuaire biographique de la Francophonie 1986-87 befindet sich ein Verzeichnis von etwa 3000 Namen frankophoner Persönlichkeiten - Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, Ärztinnen, Vertreterinnen der Medien, die sich im Bereich der Frankophonie engagiert haben.12

Diese Beispiele beweisen, in wie vielen Kontexten der Begriff verwendet wird. Im letztgenannten Kontext bedeutet Frankophonie nicht unbedingt, dass die Menschen französischsprachig waren, sondern dass sie sich für die Frankophonie einsetzten.13

Frankophone Länder lassen sich meistens in eine dieser drei Gruppen einteilen: In einer Gruppe ist Französisch eine historische Sprache, beispielsweise in Frankreich, Teilen Belgiens, der Schweiz, Luxemburg und Italien. Diese Länder bilden eine Art Grenzfrankophonie, da sie direkt an Frankreich angrenzen.14

Oder Französisch ist durch Emigration und Siedlung in die Länder gelangt. Beispiele hierfür sind Quebec, Haiti und Mauritius. Die meisten von ihnen wurden vor dem 18. Jahrhundert besiedelt. In diesen Ländern konnte Französisch unterschiedliche Sprachformen entwickeln, unter anderem Kreolisch. Die Bevölkerung spricht dort überwiegend Französisch, eine Sprache, die in der gesamten Gesellschaft angekommen ist.15

Die dritte Gruppe besteht aus nun unabhängigen Ländern, in die Französisch vor allem im 19. und 20. Jahrhundert durch koloniale Expansion gebracht wurde. Dort spricht normalerweise nicht die gesamte Bevölkerung die Sprache, die elitäre Assoziationen behält. Sie ist eine offizielle Regierungs­und Bildungssprache. Zu dieser Gruppe zählen auch die Départements und Territoires d‘Outre-Mer, wo Frankreich selbst die Verantwortung für die Regierung besitzt.16

Francophonie ist für einige Länder ein natürlicher, unvermeidbarer beschreibender Begriff. Er steht für Ideen, die in der Geschichte und in der Tradition verwurzelt sind. Für die zweite Gruppe gehört Frankophonie zum Leben dazu, obwohl Untertöne von rassischer, sozialer oder sprachlicher Diskriminierung in der Gesellschaft vernehmbar sein können. Die dritte Gruppe betrachtet Frankophonie möglicherweise aus einer ganz anderen Perspektive: Darin sieht sie ein Aufzwingen und eine Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung. Gleichzeitig kann von ihrjedoch auch eine Dankbarkeit für die daraus folgende Modernisierung und Entwicklung empfunden werden.17

1.3 Legitimation für das Unterrichten der Themen

Seit einiger Zeit nimmt der zuvor deutlich stärkere Einfluss Frankreichs in der Welt ab. Der Versailler Vertrag, welcher in Englisch und Französisch verfasst wurde, zeigt, dass die Sprache dieses Landes nicht mehr die einzige Sprache der Diplomatie bildet. Ähnliches gilt für den intellektuellen, literarischen und künstlerischen Bereich, in welchem sein Prestige ebenfalls schwächer wird.18

Die Ansicht darüber, ob die zeitgenössische französische Kultur zu den wichtigsten in der Welt zählt, ist heutzutage gespalten: Unter anderem schreibt die Times im Dezember 2007 in der europäischen Edition über den Tod der französischen Kultur.19

Somit kann man sagen, dass das Lernen der französischen Sprache allein als Mittel des Zugangs zur französischen Kultur teilweise seine Bedeutung verloren hat.20

Durch die Globalisierung gewinnt die englische Sprache eine Vormachtstellung. Das Erlernen des Englischen wird gegenüber anderen Sprachen, inklusive des Französischen, bevorzugt, wodurch diese zurückgedrängt werden. 1997 erklärt die Bildungsministerin Claude Allègre sogar, die Bewohnerinnen Frankreichs sollten aufhören, Englisch als eine Fremdsprache zu betrachten.21

Aufgrund dieser Situation lässt sich Französisch nicht mehr durch seine Universalität fördern, die man im 17. bis 19. Jahrhundert für möglich gehalten hätte. Im Gegenteil sollte man sich auf die kulturelle und sprachliche Diversität beziehen. Es sollte als Chance und Vorteil gesehen werden, dass die französische Sprache von verschiedenen Völkern geteilt wird, die diese Vielfalt veranschaulichen.22

Hinzu kommt, dass sich die Lernenden für die Frankophonie begeistern: Laut einer von Komatsu durchgeführten Studie mit Studierenden besitzen 85 % der Lernenden Interesse an dem Thema.23

Das Vermitteln interkultureller Kompetenz gehört zum Französischunterricht im Bereich der Frankophonie dazu, da in frankophonen Ländern eine andere Kultur als in Deutschland zu finden ist. Während Frankreich noch zum abendländischen Kulturkreis zählt, in welchem im Mittelalter das Christentum dominierte, werden die Unterschiede zu weiter entfernten Ländern wie Marokko als noch größer empfunden.24 Man könnte jedoch sagen, dass beispielsweise der Orient in der Form, in der viele Europäerinnen ihn sich vorstellen, nicht existiert. Die Schöpfung des Orients wurde von europäische Politikerinnen und Künstlerinnen zur Zeit der Aufklärung Mitte des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführt. Der islamische Orient, so wie er heutzutage zum Teil noch in der westlichen Wissenschaft gesehen wird, kann als ein politisch dominiertes Kunstprodukt der Kolonialzeit betrachtet werden. Für den Erfinder der geographischen Konstruktion des Orients, Banse (1910), steht diese Region für Sehnsüchte sowie das Andere und Fremde. Laut seiner Beschreibung stellt der Orient oberflächlich betrachtet ein magisches Paradies dar. Auf den zweiten Blick erkennt man nichts Außergewöhnliches, einfach nur Menschen, die den Europäerinnen ähneln. Doch wer sich weiter mit dem dortigen Leben beschäftigt, erfährt erneut das Geheimnisvolle, eine ewige, unaufhaltsame Faszination.25

Es stellt sich die Frage, was dieses Fremde ist. Laut Meusel (1998) ist es das Andere der Vernunft, ein Phänomen, welches in unserer Kultur keinen Platz mehr erhält: Es ist das, was man nicht ausdrücken kann und zeit- und ortlos erscheint. Es ist das Irrationale, Irreale, Alogische, das moralisch Verwerfliche. Es ist das Heilige und Unkontrollierbare, das Heterogene und der Wahnsinn. Es wird verdrängt und ausgegrenzt, da es nicht zum aufklärerischen Denken passt.26

Die Fremdheit einer Kultur kann somit einerseits anziehend, andererseits abstoßend und beängstigend wirken. Deshalb muss also im Sinne der interkulturellen Kompetenz aufgeklärt werden, damit positive Emotionen bezüglich anderer Länder geweckt werden und kein negatives Bild entsteht. Vorurteile müssen abgebaut werden.

Das Vermitteln interkultureller Kompetenz verfolgt unterschiedliche Zielsetzungen: Es geht um den Vergleich von zwei Kulturen und den Erwerb von cultural awareness, um das Erlernen allgemeiner Einstellungen sowie Verstehens- und Verständigungsmöglichkeiten, um Friedenserziehung im Sinne politischer Bildung, somit also um den Abbau von Vorurteilen, Vermittlung von Empathie, Solidarität, Erziehung gegen Rassismus und Erziehung zur Konfliktbewältigungskompetenz.27

2 Methoden bezüglich Francophonie und interkultureller Kompetenz im Französisch­unterricht

2.1 Methoden interkulturellen Lernens

Um interkulturelle Kompetenz erlangen zu können, ist es notwendig, die richtigen Wege interkulturellen Lernens einzuschlagen. Es stehen sich zwei bedeutende Positionen bezüglich der Unterrichtsbedingungen gegenüber. Hünfelds (1994, 1997) steht mit seinem hermeneutischen Ansatz für einen weitgehenden Verzicht auf steuernde Vorgaben. Seiner Meinung nach beschneiden Instruktion und didaktische Manipulation die nicht plan- und prognostizierbaren Wege und Inhalte eines Dialogs, der allein von den Verstehens- und Verständigungsinteressen der Dialogpartnerinnen vorgegeben werden sollte. Die von Keller (1996) vertretene Gegenrichtung betont allerdings planvolle kultur- und landeskundliche Wissensvermittlung. Das Verstehen fremdkultureller Orientierungssysteme setze solide landeskundliche Kenntnisse voraus, während Empathiefähigkeit oder die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel seiner Meinung nach erst auf der Basis ausreichenden historischen und sozio-kulturellen Hintergrundwissens erworben wird.28

Auch House (1996) setzt sich mit dem Argument sprachlicher Barrieren bei interkultureller Kommunikation für einen 'wissensorientierten' Ansatz ein.

Sie befürwortet aber anders als Keller eine stärkere Berücksichtigung fremdsprachlicher Sprach-Kompetenz. Die Diskussion um die Wichtigkeit interkultureller, respektiver sprachlicher Lernziele ist ihrer Ansicht nach nicht gerechtfertigt und dem verkürzten Sprachverständnis der kommunikativen Didaktik zuzuschreiben. Kommunikative Sprachverwendung erfolgt, wie House (1996, 4) angibt, immer "in einem bestimmten situativen (Mikro-)Kontext und einem kulturellen (Makro-)Kontext"29, weshalb die Vermittlung sprachlicher Handlungskompetenz das dazugehörige Kulturwissen miteinbeziehen müsse. Interkulturelle Kompetenz sei nicht mit bestimmten Einstellungen wie Toleranz und Akzeptanz der Fremdkultur gleichzusetzen, sondern benötige sprachlich-diskursive Voraussetzungen interkultureller Kommunikation. Die Vermittlung interkultureller Kompetenz muss somit zwangsläufig mit dem Sprachunterricht verbunden werden.30

Richter (1998) stimmt allen Autoren zu. Der interkulturelle Dialog unterliege der Eigenverantwortung der daran Teilnehmenden, weshalb sich der Unterricht nicht vollständig steuern lässt. Allerdings muss die Vorbereitung interkultureller Begegnungssituationen gut organisiert werden.31

Kellers Befürwortung einer wissens- und sachorientierten Didaktik des Fremdverstehens ginge sicherlich zu weit, wenn sie zu einer widerspruchsfreien Erklärung der fremden Kultur führen sollte, außerdem besteht bei Anwendung seines Konzepts landes- und kulturkundlicher Wissensvermittlung die Gefahr, bei den Lernenden den Eindruck zu erwecken, sie wissen über das Fremde hinreichend Bescheid, da die Wechselwirkungen eines interkulturellen Dialogs nicht berücksichtigt werden. Trotzdem sind kulturelle Prägungen auf gesellschaftliche Einflüsse zurückzuführen und landeskundliches Wissen kann es erleichtern, kulturelle Prägungen zu verstehen. Aus diesem Grund ist letzteres ein Teil interkultureller Kompetenz.32

Keinesfalls sollte interkulturell ausgerichtete Landeskunde-Didaktik auf ein vollständiges Verstehen und Erklären abzielen, sondern die begrenzte Gültigkeit der Erklärungsangebote aufzeigen, die Bereitschaft zur Reflexion eigenkultureller Vorannahmen fördern und Neugierde für das Fremde wecken.33

Für den Erwerb interkultureller Kompetenz in Bezug auf das Nonverbale werden die folgenden Schritte empfohlen: frühzeitig anthropologisch- semiotische Fragen, dann alltagspragmatische und erst dann, auf der Basis gewonnener Erkenntnisse und bei Bedarf, konfliktreiche Themen. Jedoch ist es sinnvoll, die Bereiche miteinander zu verknüpfen, weil die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen durch vorgetragene Beispiele und eigene Erfahrungen erwerben.34

2.2 Angaben im Lehrplan, in den Bildungsstandards und im Kerncurriculum versus Unterrichtspraxis

Im Abiturerlass Hessens ist Marokko nicht direkt zu finden, doch ein verbindliches Thema unter Q2 Profil littérature/civilisation: A la rencontre de mondes différents lautet Au carrefour des cultures. Als Stichwort dazu ist francophonie (continent africain) angegeben.35 Dieser Punkt befindet sich zudem unter Q2 Profil économie: La France face â l’économie européenne36 und Q2 L’homme en face du monde37.

Das Kerncurriculum der Oberstufe besagt zum Thema Q2 Individu et altérité, die Begegnung mit dem „Anderssein“ sei charakteristisch für Frankreich. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert habe der Kolonialismus die außenpolitischen Beziehungen zu den frankophonen Ländern geprägt. Die Auswirkungen seien bis heute erfahrbar. Zudem würden Themen wie Migration und Integration Spannungsfelder bilden, die im Diskurs in Frankreich von Bedeutung seien.38

Tatsächlich lassen sich im Internet viele Zeitungsartikel zu dem Thema Migration und Integration finden: Le Monde schreibt beispielsweise, dass im Jahr 2017 13,7 Prozent mehr Aufenthaltstitel als 2016 vergeben wurden. Gleichzeitig verließen 27 373 Personen, somit also 10,8 % mehr als im Jahr 2016, Frankreich 2017. Davon wurden 6 596 Personen dazu gezwungen, in ihr Land außerhalb der EU zurückzukehren. In den unter dem Artikel stehenden Kommentaren zeigt sich, wie gespalten die Gesellschaft dem Thema gegenübersteht. Ein Nutzer namens I/O äußert beispielsweise am 17.01.2018, man solle keine Angst vor Überfremdung haben, da die Anzahl der aus dem Ausland kommenden Menschen, denen ein Aufenthalt in Frankreich gewährt wurde und von denen ein Teil abwandere, im Vergleich zu der bestehenden Gesamtbevölkerung Frankreichs gering ausfalle. Somit ist er unbesorgt über den derzeitigen Stand der Immigration, während andere sich beunruhigen, beispielsweise der Nutzer éclairé, welcher am 16.01.2018 schreibt, dass der Anstieg der Aufenthaltsgenehmigungen aufgrund der Probleme mit der Integration und der Arbeitslosigkeit bedenklich sei.39 Da die Themen Migration und Integration also noch in diesem Jahr in Frankreich heftig debattiert werden, sind die Aussagen des Kerncurriculums über deren Aktualität berechtigt.

Frankreich war schon immer die erste Wahl der Marokkanerinnen, wenn es darum ging, in ein Land auszuwandern. Mehr als 1,3 Millionen leben dort.40 Hinter Algerien ist Marokko 2016 das zweithäufigste Herkunftsland von Migrantinnen.41

Laut Grünewald unterscheiden die Bildungsstandards bezüglich der interkulturellen Kompetenz zwischen drei Bereichen: erstens thematischem soziokulturellem Orientierungswissen für fremdsprachliches kommunikatives Handeln (kognitiver Aspekt: Ausrichtung auf Zielkultur/en), zweitens Fähigkeiten im Umgang mit kultureller Differenz, insbesondere Erkennen von Stereotypen, von eigen- und fremdkulturellen Eigenarten, Fähigkeiten zum Perspektivwechsel (kognitiv-attitudinaler Aspekt: Ausrichtung auf Kulturkontrastivität) und drittens Strategien und Fertigkeiten zur praktischen Bewältigung interkultureller Begegnungssituationen (handlungsbezogener Aspekt: Ausrichtung auf Bewältigung interkultureller Begegnungssituationen).42

Bezogen auf die Frankophonie verlangen die Bildungsstandards, dass Diskursfähigkeit auf der Grundlage von Wissen über die globale Vielfalt frankophoner Kulturen entwickelt wird, wobei mehrere relevante Themen behandelt werden. Das heißt, dass die Fähigkeit zur schriftlichen und mündlichen Kommunikation kulturelles Wissen voraussetzt, welches zuerst erworben werden muss.43

Zu Q3 Voyage, mobilité, migration steht, das Leben in einer globalisierten Welt eröffne verschiedene Möglichkeiten der interkulturellen Begegnung. Dadurch komme es zur Konfrontation mit der Vergangenheit sowie der Zukunft. Es stelle sich die Frage nach der Bedeutung des Zielsprachelandes und dem Stellenwert der francophonie in Europa. Eine Rolle würden Frankreich als ehemalige Kolonialmacht, seine Überseegebiete und die gemeinsame Geschichte spielen. Zudem werde das heutige Frankreich als Einwanderungsland zusammen mit den zugehörigen Problemen und

Chancen behandelt. Beim Bearbeiten des Themas soll die Lehrkraft die Aspekte der fünf Teilbereiche, zu denen Interkulturalität, Sprache und Kommunikation zählen, beachten. Von verschiedenen Themenfeldern müssen von der Lehrperson zwei ausgewählt werden. Hierzu zählt le frangais dans le monde.44

Das Thema Interkulturalität wird in Spezifika der Zielkultur, kulturelle Prägung von Sprache und kulturell geprägte Konventionen unterteilt.45 In der achten Klasse (G9) wird, wenn Französisch als erste Fremdsprache unterrichtet wird, Francophonie bzw. DOM-TOM fakultativ unterrichtet.46 In der Jahrgangsstufe 10 (G9) ist La Francophonie verbindlich.47 Im Fall von G8 befinden sich die selben Themen in den Jahrgängen 9 und 8.48

Die interkulturelle Kompetenz gehört laut Kerncurriculum zu den fachübergreifenden Kompetenzen, deren Wichtigkeit damit begründet wird, dass sich fachliche Expertise nur in Verbindung mit sozialen und personalen Kompetenzen frei entfalten kann.49 Diese Kompetenz bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Lernenden Menschen aus verschiedenen soziokulturellen Kontexten und Kulturen ohne Vorurteile und überlegt handelnd begegnen, dass sie sich ihrer eigenen kulturellen Identität und der Anderer bewusst sind, dass sie Menschenrechte respektieren, sich an den Werten der Aufklärung orientieren, verschiedene kulturelle Perspektiven einnehmen, empathisch und offen dem Anderen gegenüber sind und Ambiguitäten tolerieren.50

Grünewald kritisiert jedoch, dass trotz der theoretischen Priorität unterrichtspraktisch eine große Unsicherheit bezüglich interkultureller Kompetenz herrscht, weshalb interkulturelle Kompetenz häufig auf die Vermittlung von Landeskunde reduziert wird.51

Eine weitere zentrale Herausforderung für den Fremdsprachenunterricht besteht in der Überwindung der Unstimmigkeit zwischen intellektuellen Fähigkeiten einerseits und eingeschränkten fremdsprachlichen Kompetenzen andererseits. Bei komplexen interkulturellen Lernzielen wird dies besonders deutlich. Vor allem die Reflexion über kulturelle Diversität oder die eigene kulturelle Identität misslingt, da in der Praxis der Großteil der Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe I über ziemlich eingeschränkte Sprachkenntnisse verfügt. Gewisse für den Fremdsprachenunterricht formulierte interkulturellen Lernziele wären im muttersprachlichen Unterricht sicherlich leicht umsetzbar, in einer anderen Sprache hingegen gestaltet sich dies als schwierig. Gerade bezogen auf die Versprachlichung von Reflexionsprozessen geschieht es oft, dass Schülerinnen und Schüler fremdsprachlich ihre Ideen und Gedanken schwer ausdrücken können. Deshalb sind Aufgabenstellungen empfehlenswert, bei denen es den Schülerinnen und Schülern gestattet ist, bei Reflexionsprozessen ihre Erstsprache zu benutzen. Schließlich sind die in den curricularen Vorgaben gesetzten Ziele im Bereich der interkulturellen Kompetenz nicht immer gut auf die Zielgruppe abgestimmt. Teilweise könnten die interkulturellen Teilkompetenzen in den Bildungsstandards die Schülerinnen und Schüler schnell überfordern.52

Aufgrund der verschiedenen Kontexte, in welchen der Begriff interkulturell verwendet wird, sind die mit dem interkulturellen Lernen verbundenen Ziele unterschiedlich. Geht es eher um den Erwerb von cultural awareness oder um den Erwerb allgemeiner Einstellungen, Verständigungs- und Verstehenstechniken?53

Insgesamt begegnen die Schülerinnen den Themen Francophonie und Interkulturalität also immer wieder und die Lehrkraft muss sich darum bemühen, für unterschiedliche Altersstufen mehrere Aspekte davon schülerorientiert aufzubereiten. Beim Unterrichten muss sie auf den Lernstand der Schülerinnen achten und sollte in bestimmten Fällen erlauben, dass sie sich in Ihrer Muttersprache ausdrücken dürfen.

2.3 Mögliche Aktivitäten mit Lernenden

Als Einführung in die Frankophonie für Anfängerinnen schlägt Komatsu vor allem drei Typen von Aktivitäten vor, die sie selbst anwendet: Erstens gibt es die Möglichkeit der Ratespiele über die Frankophonie und Französisch, bei der Fragen in der Muttersprache der Lernenden gestellt werden. Ein Vorteil der Übung besteht im spielerischen Lernen. Sie kann entweder zu Beginn des Jahres zur Einleitung oder zum Semesterende zum Zweck der Wiederholung durchgeführt werden.54

Zudem kann das gesamte Jahr über eine „Reise“ durch die Frankophonie gestaltet werden, welche auf pädagogischen Sequenzen basiert, die auf kurzen französischen Texten beruhen. Auf diese Weise werden unterschiedliche Themen der Frankophonie vorgestellt: ein Land, eine Region, kulturelle, historische oder geographische Aspekte oder berühmte Personen, die aus diesem Land stammen. Das Lernen dieser Aspekte erlaubt, grundlegende Kenntnis über die Frankophonie zu gewinnen. Der Text muss an die Kompetenz der Schülerinnen angepasst werden, er muss vereinfacht werden, um nicht zu überfordern. Darauf folgen Fragen von der Lehrperson, welche zuerst geschlossen und dann offen sind, um zu erlauben, das Verständnis der wichtigsten Informationen zu überprüfen. Danach empfiehlt es sich, auf Französisch ein kurzes authentisches literarisches Dokument zu behandeln. Dabei kann es sich um ein repräsentatives Lied bzw. um ein Gedicht handeln, das den aktuellen kulturellen Aspekt veranschaulicht. Beispielsweise kann ein Schriftstück von Léopold Sédar Senghor eine Unterrichtsreihe über das frankophone Schwarzafrika vervollständigen. Diese Etappe dient der Eröffnung.55

Schließlich ist es möglich, Aktivitäten auszuüben, die die neue Technologie nutzen, beispielsweise das Internet. Es kann als pädagogische Unterstützung dienen, um Aufgaben zum Thema Frankophonie bearbeiten zu lassen. Die Lernenden sammeln unter anderem Informationen wie die Bevölkerungsanzahl und den Namen der Hauptstadt. Auf diese Weise können sie die frankophone Welt entdecken oder besser kennenlernen, über die sie normalerweise wenig Vorwissen mitbringen. Anschließend werden die Ergebnisse der Recherchearbeit online ausgewertet, um die Lernenden mündlich kommunizieren zu lassen. Eine andere Option besteht darin, mithilfe des Wissens etwas kreieren zu lassen, zum Beispiel einen schriftlichen Bericht oder ein Referat vor der Klasse.56

3 Beispiele frankophoner Länder

3.1 Belgien

3.1.1 Situation Belgiens im Französischunterricht

Da viele Lehrkräfte sich beim Unterrichten sehr nach den Schulbüchern richten, können diese einen Beitrag dazu leisten, um zu zeigen, in welchem Umfang Belgien im Französischunterricht behandelt wird. Viele Schulbücher sind stark auf Frankreich konzentriert. Ein Beispiel bildet Découvertes 1, in welchem ein einziges Kapitel das Land thematisiert, während sich die restliche Handlung fast ausschließlich Frankreich widmet. Die Protagonistinnen leben in Paris.57 58

Andererseits gibt es auch im Internet einige Unterrichtsvorschläge bezüglich der gesamten frankophonen Welt, somit auch zu Belgien, beispielsweise Jeux de slam, welches sich mit Slam Poetry von Künstlerinnen aus Frankreich; Belgien, Québec und der Schweiz beschäftigt.59 Zudem werben Schulen mit Exkursionen nach Belgien, welche in einem bestimmten Jahrgang mit Schülerinnen durchgeführt werden, beispielsweise Liège. Im Idealfall wird eine solche Exkursion vor- und nachbereitet, indem die Lehrkraft die Stadt oder das Land der Exkursion im Unterricht behandelt.60

Insgesamt kann man davon ausgehen, dass im Unterricht noch immer der Schwerpunkt auf Frankreich liegt, dassje nach Lehrkraft und Schule jedoch auch in einem gewissen Maß - unter anderem wegen seiner geographischen Nähe zu Deutschland - das Nachbarland Belgien behandelt wird.

3.1.2 Sprachliche Situation und Geschichte

Die Nationalsprache Deutsch wird von 1 %, die Nationalsprache Französisch von 40 Prozent und die Nationalsprache Niederländisch von 59 % der Bevölkerung gesprochen.61

Niederländisch und Französisch sind die Hauptsprachen. Im Land liegen drei einsprachige Gebiete und ein zweisprachiges Gebiet. Die einsprachigen Gebiete bestehen aus dem niederländischsprachigen Flandern, dem französischsprachige Wallonien und einem kleinen deutschsprachigen Gebiet im Osten Belgiens. Die Hauptstadt Brüssel ist zweisprachig, wobei offiziell Französisch und Niederländisch den gleichen Status besitzen. Gleichzeitig werden in dem internationalen Brüssel mehrere Sprachen angewendet, da sich dort viele Institutionen der Europäischen Union befinden.62

Politisch-kulturell gesehen besteht der Bundesstaat aus drei autonomen Gemeinschaften (der Flämischen, der Französischen und der Deutschsprachigen Gemeinschaft), die eigenständig agieren, was die Angelegenheiten des Bildungswesens und Fragen in Bezug auf Sprache und Kultur betrifft.63

Der Föderalisierungsprozess begann im Belgien des 20. Jahrhunderts ab Mitte der 60er Jahre, dem einige große Staatsreformen folgten. 1962/1963 wurden auf Bundesebene Sprachgesetze für den Unterricht erlassen, die festlegten, dass der Unterricht nur in der für die jeweilige Gemeinschaft offiziellen Sprache organisiert werden darf. Andere Sprachen dürfen nur im traditionellen Fremdsprachenunterricht benutzt werden (LOCHTMAN 2010: 291). Seit Mitte der 1990er Jahre vergrößert sich jedoch die Unzufriedenheit mit den Fremdsprachenkenntnissen der Schülerinnen in der Grundschule und in der Sekundarstufe. Im traditionellen FSU in Flandern verschlechtern sich die Französischkenntnisse (VAN DE CRAEN et al. 2007), und auch die Englischkenntnisse werden als verbesserungswürdig bezeichnet (ebd.). Aufgrund dieser Feststellungen wurde 1998 in der Französischen Gemeinschaft ein Dekret erlassen, das es Schulen erlaubt, einen CLIL-ähnlichen mehrsprachigen Unterricht (Immersion) anzubieten. Auch im flämischen Unterricht ändert sich langsam die Lage. Aufgrund eines Erlasses von April 2004 konnten einige flämische Grund- und Sekundarschulen CLIL probeweise anwenden.64

Bezüglich des politisch-gesellschaftlichen Systems Belgiens lassen sich drei Spannngsfelder erkennen: das sozialökonomische, das weltanschauliche und das sprachkulturelle. Diese drei Konfliktzonen bilden einen dreidimensionalen Raum, in dem die Verbände und Parteien zusammen agieren. Mit der Zeit verfestigten sich die Spannungen zu verschiedenen politischen Bruchlinien. Im 19. Jahrhundert manifestierte sich der Gegensatz zwischen Anhängerinnen einer säkularisierten Gesellschaft sowie eines liberalen Staats der nicht durch die Kirche kontrolliert wird, auf der einen Seite und Anhängerinnen einer auf Religion und der katholischen Kirche basierenden Gesellschaft auf der anderen Seite. Die Konflikte, die hieraus entstehen und die Versäulung Belgiens begründeten, verliefen wellenartig. Einen Kulminationspunkt bildete beispielsweise der Schulkampf von 1878 bis 1884. In der Mitte des 19. Jahrhunderts begann als Folge der industriellen Revolution der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit, worauf die Arbeiterbewegung zurückzuführen ist. Die ersten Spuren des sprachkulturellen Konflikts waren ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sichtbar, dieser manifestierte sich jedoch erst später als politisch-gesellschaftliches Problem.65

Seit der römischen Ära ist Belgien ein Gebiet, welches zwischen der germanischen und der romanischen Welt schwankt. Zuerst war es keltisch, nach der Eroberung Julius Caesars wurde es romanisch und durch die Invasion der Franken im IV. Jahrhundert entstand eine linguistische Grenze zwischen den germanischen und romanischen Dialekten. Die südniederländischen Dialekte stellen die Fortsetzung des Fränkischen dar. Mit dem Eintreten des Reiches Karls des Großen wird die Region sowohl romanisch als auch germanisch. Auf die romanischen Wurzeln besinnt man sich ab dem XII. Jahrhundert, als die französische Sprache aus Paris in Mode kommt. Französisch ersetzt somit nach und nach nicht nur die wallonischen und pikardischen Dialekte in der Wallonie, sondern wird auch die Sprache der Administration der flämischen Städte des Nordens bis zum XV. Jahrhundert. Nach dem Einfluss der Herzoge Burgunds herrscht der germanische Einfluss wieder vor, da das Flämische vom XV. bis XVI. Jahrhundert weit verbreitet ist. Dies ändert sich zwischen dem XVII. und dem Anfang des XIX. Jahrhunderts, als die Region zum Kriegsschauplatz zwischen Frankreich, den Niederlanden, Österreich und Spanien wird. Erneut prallen die romanische (spanisches Gebiet im XVII. Jahrhundert und französisches unter Napoleon) und die germanische Welt (unter österreichischer Herrschaft im XVIII. Jahrhundert und unter niederländischer nach dem Kampf von Waterloo 1815) aufeinander. Nach Jean-Marc Defays (2008) war Belgien schon immer ein pays de l‘entre- deux66, somit also ein Spannungsfeld bzw. Zwischenbereich zwischen zwei Kulturen.67 1830 wird Belgien nach der Revolution gegen das niederländische Regime unabhängig. Es entsteht eine konstitutionelle Monarchie mit einem König, welcher über begrenzte Macht verfügt. Französisch wird zur einzigen offiziellen Sprache. Die Wallonie konnte das Land durch seine Kohleminen und seine Stahlindustrie wirtschaftlich dominieren, obwohl die Flamen mit 2,4 Millionen gegenüber 1,8 Millionen Wallonen 1846 in der Überzahl waren.68

Seit dem 10. Jahrhundert verläuft eine recht stabile Sprachgrenze zwischen den zwei großen Sprachgemeinschaften, welche auf das Eindringen der Germanen in das gallo-römische Reich zurückgeht. Im Norden des heutigen Belgiens, in dem man Flämisch sprach, wurde zuerst der Adel französisiert, vor allem durch die burgundische Zeit im 14. und 15. Jahrhundert, als Französisch auf dem Hof und in der fürstlichen Kanzlei verwendet wurde. Der Französisierungsprozess schritt während der Herrschaft der Spanier, der Österreicher (1713-1792), der Franzosen (1792-1815) und der Niederländer (1815-1830) voran. Brüssel war als Sitz der Regierungen bedeutungsvoll. Im 18. Jahrhundert wurde die Sprachenfrage durch die soziale Barriere bedeutsamer. Auch der Unterricht half dabei, das Französische als Kultursprache weiter zu verbreiten und zum Instrument der sozialen Unterschiede zwischen den Bevölkerungsschichten werden zu lassen. Viele Kleinbürger, Großkaufleute, Vertreter freier Berufe und reiche Bauern erwarben die Sprache des Adels und des höheren Bürgertums, durch deren Gebrauch sie sich vom gewöhnlichen Volk distanzieren konnten. 1831, in der Gründungsphase Belgiens, wurde in der Verfassung das Prinzip der Sprachenfreiheit festgelegt. Allerdings wurde dieses so interpretiert, dass nur das Französische als offizielle Sprache des Königshauses akzeptiert wurde, woraus hervorging, dass im Parlament, in der Administration, in der Regierung, in der Armee und im Unterricht Französisch vorherrschte. Diese Interpretation geht darauf zurück, dass aufgrund des einkommensabhängigen Wahlrechts nach 1830 einer sozialen Elite von etwa 46 000 Wählern das Mitbestimmen vorbehalten war. Die finanzielle und politische Entscheidungsmacht konzentrierte sich auf Brüssel, dessen flämischer Charakter nach und nach verlorenging. Zunächst befand sich zudem der ökonomische Schwerpunkt größtenteils in Wallonien. Das Flämische wurde als Dialekt betrachtet und galt als eine zweitklassige Sprache für zweitklassige Bürger. Sprachenfreiheit bedeutete insbesondere die Freiheit der Herrschenden, die Sprache des Volkes nicht zu kennen.69

Die exklusive Stellung des Französischen wurde allerdings von einer Gruppe flämischer Intellektueller der Mittelschicht, die unter dem Regime von Wilhelm I. entstanden war, ablehnend und misstrauisch betrachtete. Dies legte den Grundstein zu der „Vlaamse Beweging“ (Flämische (National-) Bewegung), an der sich Schriftsteller beteiligten. Zuerst zielte die Bewegung auf das Entwickeln einer gemeinsamen Kultursprache ab und bemühte sich um ihren eigenen sozialen Aufstieg. Seit 1840 war die Flämische Bewegung politisch aktiv, unter anderem durch eine Petition zugunsten der Anerkennung des Niederländischen neben dem Französischen in Schulen, in der Verwaltung und im Gericht. 1848 verlieh die Wahlreform der Flämischen Bewegung einen Zuwachs an politischer Macht, weil ihre Mitglieder durch die Veränderung der Wahlzinsen mehr Wählerpotenzial besaßen. Trotzdem dauerte es bis in die 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, bis die ersten Sprachgesetze erzielt wurden. 1898 trat das Gleichstellungsgesetz in Kraft, in dem das Niederländische als eine Landessprache akzeptiert wurde, obwohl noch immer nur Französisch in Flandern offiziell verwendet wurde. 1883 begann durch das Sprachgesetz die Niederlandisierung des Sekundarunterrichts.70

Schon früh bildete das Galloromanische zwei Kultursprachen heraus, das Französische und das Provenzalische (Okzitanische). Seit dem 13. Jahrhundert wird dieses vom Französischen verdrängt und spätestens seit der Revolution von 1789 ideologisch verbrämt. Französisch (frangais) ist der Nachfolger des Franzischen (francien), des Dialekts der Ile-de-France, dem Frankenland (Francia), das zwar nicht durch bedeutende literarische Produktionen bekannt war, aber früh als ein Mittelpunkt galt, dessen Sprache als Vorbild diente. Somit wurde die Pariser Variante des Französischen zur Normsprache, im 17. Jahrhundert war sie die Sprache der Höflinge und wurde zur Sprache der Gebildeten. Neuerungen konnten sich nur durchsetzen, wenn sie in Paris akzeptiert wurden. Aufgrund des sprachlichen Zentralismus wurde jede sprachliche Äußerung am Pariser Modell gemessen, welches anderen Varianten keinen Raum überließ. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde das genormte Französisch im Rahmen der eingeführten allgemeinen Schulpflicht ohne Rücksicht auf Minderheitensprachen, welche diskriminiert wurden, gelehrt.71

Doch auch außerhalb Frankreichs wurde die Pariser Norm für verbindlich erklärt. Diese damalige führende Kultursprache wurde als Fremdsprache besonders in Form der anerkannten Literatur gelehrt. Französisch betrachtete man als die Sprache der feinen Lebensart. Bis ins 18. Jahrhundert erfreute sie sich beim europäischen Adel großer Beliebtheit. Als der Höhepunkt der frankophilen Kultur gilt die 1700 nach dem Plan von Leibniz vom Preußenkönig Friedrich I. gestiftete Akademie der Wissenschaften zu Berlin, die unter dem Vorsitz Maupertuis von Friedrich II. neu eröffnet wurde. Die Sprache der Akademie und ihrer Arbeiten war Französisch. Friedrich verfasste seine Werke ebenfalls in dieser Sprache.72

Durch das Prestige des Pariser Französisch wurde lange in französischsprachigen Gebieten keine abweichende Norm akzeptiert. Mit französischen Varietäten beschäftigte man sich generell nur durch Antibarbari, die den Gebrauch abweichender sprachlicher Eigenheiten eliminieren sollten. Der erzeugte Minderwertigkeitskomplex zeigte sich an den hohen Verkaufszahlen des Werkes Chasse aux Belgicismes von 1974, dessen Autoren sich für ein universelles Französisch einsetzten und die Qualität der französischen Sprache erhalten und bereichern wollten.73

Seit damals änderte sich einiges: Fünf Jahre später erschien Belgicismes de bon aloi (1979) von einem der Autoren des genannten Bestsellers, A. Doppagne. Die Wende begründet dieser mit der Veränderung in Frankreich, dem eintretenden Liberalismus bezüglich regionaler Ausdrücke. 1977 hatte der Petit Robert eine große Anzahl an Belgizismen aufgenommen. Die darin verwendete Terminologie ist jedoch abwertend: Termes régionaux und régionalismes deuten darauf hin, dass das Französische außerhalb Frankreichs mit dem Regionalfranzösisch assimiliert wird. Es wird nicht berücksichtigt, dass es sich bei Belgien um einen eigenständigen Staat handelt, welcher ebenfalls Regionalsprachen aufweist.74

Bezüglich des Sprachbewusstseins von Fläminnen und Flamen sowie Walloninnen lässt sich sagen, dass Fläminnen bzw. Flamen sich auf den niederländischen Standard stützen, um sich im eigenen Land behaupten zu können, während die Französischsprachigen sich den Anschluss an den französischen Standard wünschen, weil sie sich sonst nicht vom Nachbarland als gleichwertig angenommen fühlen würden. In Wallonien existieren drei Sprachschichten: Standardfranzösisch, belgisch gefärbtes Französisch und Regionalsprachen (insbesondere Wallonisch, welches aus mehreren Dialektgruppen besteht). Das in Frankreich angewendete Französisch wird zugleich als besser und fremd empfunden. Zudem werden belgische Sprachmerkmale zum Teil mit niedrigen sozialen Schichten assoziiert und deshalb abgelehnt.75

In Belgien werden drei französischsprachige und drei niederländischsprachige Rundfunkprogramme gesendet. Es gibt ein flämisches, ein deutschsprachiges und ein französisches Fernsehprogramm. Die beiden großen Sprachgemeinschaften sind in dieser Hinsicht gleichberechtigt.76

Von den 42 Zeitungen Belgiens sind 26 in Französisch, 15 in Niederländisch und eine in Deutsch. Die Gesamtauflage der niederländischsprachigen und französischsprachigen Zeitungen unterscheidet sichjedoch kaum.77

Die Hauptstadt Brüssel gilt als zweisprachig, obwohl dort heute 80 Prozent der Bevölkerung Französisch spricht.78

3.1.3 Eigenschaften des belgischen Französisch

Die Strukturen und Organisationsformen des Staates unterscheiden sich von Frankreich, weshalb sich in diesem Bereich andere Bezeichnungen finden lassen:79

Tab. 1: Französisch in Belgien und Frankreich bourgmestre

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Viele dieser Ausdrücke lassen eine deutsche Entsprechung erkennen. Ähnliches gilt für das Erziehungswesen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 2: Bezeichnungen des Erziehungswesens in Belgien und Frankreich

Prégardiennat, école gardienne crèche école Froebel (gardiennat) école maternelle Diese und bestimmte andere Begriffe wurden offiziell anerkannt, während andere Belgizismen zugunsten eines francais universel abgeschafft werden sollten. Auf Straßenschildern findet man die Ausdrücke grenailles errantes évitement, deren Synonym graviHons ist, sowie détournement, welches deviation bedeutet. Im Bereich des Verkehrswesens wird circulation teilweise roulage genannt, bande de roulage bezeichnet den Fahrstreifen, vignette entspricht signe fiscal. Der code postal heißt numéro postal und das billet ist hier coupon.80 81 82

[...]


1 Vgl. Rathje 2006 S. 4

2 Vgl. Thomas 2003 S. 141

3 Vgl.Rathje 2006 S.4-5

4 Vgl. Schönhuth 2005 S. 102-103

5 Vgl. Bolten 2007 S. 36

6 Vgl. Deutsch-Französisches Institut 1989 S.115

7 Vgl. Ager 2010 S. 1

8 Vgl. OIF 2013

9 Vgl. Ager 2010 S. 1

10 Vgl. Ager 2010S.1

11 Vgl. Deutsch-Französisches Institut 1989 S.115

12 Vgl. Deutsch-Französisches Institut 1989 S.115

13 Vgl. Deutsch-Französisches Institut 1989 S.115

14 Vgl. Deutsch-Französisches Institut 1989 S.115

15 Vgl. Ager 2010S.6

16 Vgl. Ager 2010S.6

17 Vgl. Ager 2010S.6

18 Vgl. Komatsu 2008 S. 51

19 Vgl. Komatsu 2008 S. 51-52

20 Vgl. Komatsu 2008 S. 52

21 Vgl. Komatsu 2008 S. 52

22 Vgl. Komatsu 2008 S. 52

23 Vgl. Komatsu 2008 S. 52

24 Vgl. Oppeln 2005 S. 405

25 Vgl. Escher 1999 S. 167-168

26 Vgl. Escher 1999 S. 168

27 Vgl.Bauschl994S.67

28 Vgl. Richter 1998 S.10 -11

29 Richter 1998 S.il

30 Vgl. Richter 1998 S. 10-11

31 Vgl. Richter 1998 S. 11

32 Vgl. Richter 1998 S. 11

33 Vgl. Richter 1998 S. 11

34 Vgl. Oomen-Welke (o. J.) S. 12

35 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2015 S. 6

36 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2015 S. 7

37 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2015 S. 7

38 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2016 S. 40

39 Vgl.Baumard2018

40 Vgl. Boumnade 2011

41 Vgl. Ministère de 1‘Intérieur 2018

42 Vgl. Grünewald 2012 S. 56

43 Vgl.KMK2014S.H-12

44 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2016 S. 62

45 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2016 S. 18

46 Vgl. Hessisches Kultusministerium (o. J.) Jahrgangsstufen 5 bis 13 S. 23

47 Vgl. Hessisches Kultusministerium (o. J.) Jahrgangsstufen 5 bis 13 S. 29

48 Vgl. Hessisches Kultusministerium (o. J.) Jahrgangsstufen 5G bis 9G S. 26-28

49 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2016 S. 7

50 Vgl. Hessisches Kultusministerium 2016 S. 9

51 Vgl. Grünewald 2012 S. 55

52 Vgl. Grünewald 2012 S. 55

53 Vgl.BauschS.67

54 Vgl. Komatsu 2008 S. 53

55 Vgl. Komatsu 2008 S. 54

56 Vgl. Komatsu 2008 S. 54

57 Vgl. Bruckmayer 2009 S. 2-6

58 Vgl. buecher.de (o. J.)

59 Vgl. Vorger2016

60 Vgl. Werner (o. J.)

61 Vgl.Collès 2010S.88

62 Vgl. Lochtman 2015 S. 91

63 Vgl. Lochtman 2015 S. 91

64 Vgl. Lochtman 2015 S. 91-92

65 Vgl. Dapaepe 1994 S. 97

66 Collès 2010 S. 131

67 Vgl.Collès 2010S.131

68 Vgl. Collès 2010 S. 131-132

69 Vgl. Depaepe 1994 S. 98-99

70 Vgl. Dapaepe 1994 S. 99

71 Vgl. Wolf 1992 S. 101-102

72 Vgl. Wolf 1992 S. 102

73 Vgl. Wolf 1992 S. 102

74 Vgl. Wolf 1992 S. 103

75 Vgl. Kasper 2001 S. 838-840

76 Vgl. Kasper 2001 S. 73

77 Vgl. Kasper 2001 S. 74

78 Vgl. Kasper 2001 S. 53

79 Vgl. Wolf 1992 S. 103

80 Wolf 1992 S. 103

81 Wolf 1992 S. 103-104

82 Vgl. Wolf 1992 S. 104

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Kompetenzen im Französischunterricht anhand eines frankophonen Landes: Belgien
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,33
Autor
Jahr
2018
Seiten
112
Katalognummer
V961086
ISBN (eBook)
9783346309983
ISBN (Buch)
9783346309990
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arabisch, Belgien, Marokko, interkulturell, Unterrichtsmethoden, Frankophonie, Französisch, Glottophobie, Beziehung zu Französisch, Beziehung zu Frankreich
Arbeit zitieren
Julia Adams (Autor), 2018, Interkulturelle Kompetenzen im Französischunterricht anhand eines frankophonen Landes: Belgien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/961086

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