Die Macht der Sprache in Feminist Science-Fiction

Zum Einfluss auf die Identität der Frau


Hausarbeit, 2019

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Feminist Science-Fiction
2.1. Durchsetzung und Funktion
2.2. Feministische Dystopien

3. „Native Tongue“ (1984) von Suzette Haden Elgin
3.1. Die Sprache Láadan
3.2. Einfluss der Frauensprache auf die Gesellschaft

4. „Vox“ (2018) von Christina Dalcher
4.1. Die Word Counters
4.2. Einfluss der Sprachlimitierung auf die Gesellschaft

5. Die Macht der Sprache: Vergleich von „Native Tongue“ (1984) und „Vox“ (2018)
5.1. Sprache als Mittel der Unterdrückung
5.2. Sprache als Mittel des Widerstands

6. Sprache als Teil der weiblichen Identität?

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die menschliche Fähigkeit des Spracherwerbs und –gebrauchs zählt zu den entscheidendsten Faktoren, die uns von anderen Lebewesen abheben. Als Kommunikationsmittel dient Sprache zum Austausch von Informationen und zur Wiedergabe von Gedanken und Gefühlen. Sie beeinflusst unsere Weltanschauung und befähigt uns der Unterscheidung verschiedener Kulturen und Nationalitäten. Überdies ermöglicht ihr Gebrauch, insbesondere im politischen Bereich, die Gewinnung und Demonstration von Macht durch Reden oder Gesetzgebungen und vermag durch ihren Einsatz auch als Akt des Widerstands fungieren.

Diese Verbindung von Macht und Sprache ist nicht nur Schwerpunkt vieler linguistischer Diskurse, denn auch literarische Werke „reveal a central emphasis on language as the primary weapon with which to resist oppression, and the corresponding desire of repressive government structures to stifle dissent by controlling language.“1 Durch Werke wie George Orwells „Nineteen Eighty-Four“ (1949) und Anthony Burgess‘ „A Clockwork Orange“ (1962)2 wird die Relevanz dieser Verbindung nicht nur in der Literatur verdeutlicht, sondern dient primär als ein künstlerisches Mittel zur Akzentuierung sozialer Konflikte.

Schwerpunkt dieser Arbeit ist die Betrachtung des Gebrauchs von Sprache als ein Machtinstrument und ihre Bedeutung für das weibliche Geschlecht in den Feminist Science-Fiction Werken „Native Tongue“ (1984) von Suzette Haden Elgin und „Vox“ (2018) von Christina Dalcher.

Der erste Abschnitt dieser Arbeit konzentriert sich auf eine Einführung und Erläuterung des Feminist Science-Fiction Genres, seiner Verbindung zur feministischen Dystopie und ihrer Signifikanz für die Frauenbewegung. Daraufhin erfolgt eine Analyse von Elgins „Native Tongue“ (1984) und Dalchers „Vox“ (2018) in Bezug auf ihren Einsatz von Sprache als Machtinstrument durch Limitierung und Neuerschaffung, sowie dessen Einfluss auf die Gesellschaft. Der anschließende Vergleich dieser Aspekte dient zur Determinierung eines möglichen Erklärungsansatzes auf die Frage, inwiefern Sprache ein relevanter Faktor für die gesellschaftliche Identität der Frau ist.

2. Feminist Science-Fiction

Feminist Science-Fiction Werke thematisieren meist sozialwissenschaftliche Aspekte, welche oft das Novum des Werks sind oder mithilfe eines solchen akzentuiert werden. Diese Nova kennzeichnen den „‘point of difference‘, the thing or things that differentiate the world portrayed in science fiction from the world we recognise around us“3 und eröffnen somit die Möglichkeit einer künstlerischen Auseinandersetzung mit feministischen Themen.

2.1. Durchsetzung und Funktion

Obwohl sich einige Beiträge des weiblichen Geschlechts in der Geschichte dieses literarischen Genres vermerken lassen, wurde Science-Fiction lange Zeit als männlich dominiertes Gebiet rezipiert4, denn „the presence of and the contribution by women have been overlooked, erased and forgotten.“5

Diese Exklusion bezog sich nicht nur auf das Zugeständnis der Präsenz von weiblichen Leser- und Autorinnen, sondern auch auf das Auftreten femininer Charaktere in Science-Fiction Werken als handlungstragende Figuren. Ihre Darstellung war geprägt von männlichen Wunschvorstellungen6 und ihrem Verständnis von der weiblichen Funktion und Stellung in der Gesellschaft. Bis etwa zum Ende der 1950er Jahre galt das Genre als „dominated by a fan culture of young white males“7 mit der „tendency to make a fetish of technology, praticularly military technology“8.

Doch die „New Wave“ und die zweite Welle der Frauenbewegung in den 1960er und 1970er Jahren führten zu einem Anstieg weiblicher Autorinnen und einer Abwendung von wissenschaftlichen und technologischen Motiven hin zu sozial-kulturellen Konflikten9. Dieser Wandel und die verbreitete Wahrnehmung weiblicher Probleme10 „assisted in the emergence of a new wave of feminist science fiction“11.

Diese feministische Literatur eröffnete Schriftstellerinnen die Möglichkeit kontroverse Themen über Sexualität, Geschlecht und soziale Identität in künstlerischer Form zu behandeln und literarische Werke zu kreieren, welche die weiblichen Wahrnehmungen und Vorstellungen über die Gegenwart und Zukunft in den Mittepunkt stellen.

2.2. Feministische Dystopien

Ebenso wie Science Fiction besitzen Utopien und Dystopien die Fähigkeit „to reflect or express our hopes and fears about the future, and […] link those hopes and fears to science and technology.“12

Besonders in der feministischen Literatur ist die Erschaffung utopischer oder dystopischer Sozialstrukturen ein verbreitetes und stets wiederkehrendes Motiv. Während die Frauenbewegung der 1970er Jahre die Publikation vieler einflussreicher feministischer Utopien wie Ursula Le Guins „The Left Hand of Darkness“ (1969) und „The Female Man“ (1975) von Joanna Russ hervorbrachte, richtete sich das gesellschaftliche Interesse ab den 1980er Jahren eher auf die feministischen Dystopien. Ihre Prominenz in der Literatur stieg jedoch, vornehmlich in den letzten Jahren aufgrund von sozialen und politischen Veränderungen gegen die feministische Bewegung, stetig an.

Die Erwähnung feministischer Dystopien und ihrer konstanten gesellschaftlichen Signifikanz ist für die nachfolgende Analyse bedeutend. Sowohl Dalcher als auch Elgin präsentieren in ihren Werken dystopische Sozialstrukturen, in denen eine Aufhebung der Gleichberechtigung und Unterdrückung des weiblichen Geschlechts erfolgt. Ihr divergenter Einsatz von Sprache als Machtinstrument ist jedoch der bedeutendste Faktor zur Bestimmung und Festlegung dieser Geschlechterungleichheit, weshalb er daher im folgenden Abschnitt genauer untersucht wird.

3. „Native Tongue“ (1984) von Suzette Haden Elgin

Der Science-Fiction Roman „Native Tongue“ (1984)13 ist der erste Teil der gleichnamigen Trilogie14 von der Autorin und Linguistin Suzette Haden Elgin und illustriert die Signifikanz einer weiblichen Sprache in einer patriarchalischen Welt.

Die Handlung liefert eine Zukunftsversion Amerikas im 22. und 23. Jahrhundert: Durch die Kontaktaufnahme zu einer Vielzahl außerirdischer Lebensformen stützt sich die intergalaktische Wirtschaft auf eine erfolgreiche Kommunikation zwischen Menschen und Aliens, weshalb die Bevölkerung auf die Arbeit von Linguisten angewiesen ist. Um die verschiedenen interplanetarischen Sprachen zu erlernen, entwickelten die Lines, bestehend aus 13 Linguisten-Familien, den Vorgang des Interface. Hierbei wird eine Verbindung zwischen einem Linguisten-Säugling und einem humanoiden Außerirdischen hergestellt bis sich das Kind diese extraterrestrische Sprache als eine weitere Muttersprache aneignet.

Infolge der Aufhebung des 19. Zusatzartikels der Verfassung der Vereinigten Staaten im Jahre 1991 gelten alle Frauen dieser Gesellschaft, von ihren Rechten entledigt, gesetzlich als Minderjährige. Es ist ihnen untersagt, ohne die schriftliche Einwilligung eines männlichen Vormunds, einen Beruf aus zu üben, über eigenen Besitz zu verfügen, einen Arzt auf zu suchen oder das Land zu verlassen. Die Frauen der Lines müssen jedoch noch weitere Einschränkungen erdulden. Zu ihren Pflichten gehören die Übersetzung und Interpretation für die interplanetare Kommunikation, die Ausführung häuslicher Tätigkeiten, die Vollziehung sexueller Dienst für ihre Ehemänner und die Reproduktion mehrerer Kinder zur Erhaltung des intergalaktischen Spracherwerbs. Verlieren sie jedoch ihre Fortpflanzungsfunktion, werden die Frauen in das separate Barren House verlagert, wo sie den Männern aus dem Weg sind und dennoch die Möglichkeit besitzen ihre anderen Pflichten weiter auszuführen.

Mit der Erlaubnis der Männer begannen diese Barren House Frauen mit der Erschaffung einer neuen Sprache. Getarnt als Langlish -Projekt, welches die Männer nur von ihrer Überlegenheit überzeugen soll, arbeiten sie an der Frauensprache Láadan. Als Nazareth Chornyak, die in ihrer Jugend unwissentlich zur Weiterentwicklung der Frauensprache beigetragen hat, aufgrund einer Mastektomie für unfruchtbar erklärt und ins Barren House entlassen wird, überzeugt sie die älteren Linguistinnen von der Notwendigkeit der Verbreitung von Láadan unter den anderen Frauen und Mädchen.

Während dieser Zeit initiiert die Regierung ein geheimes Experiment, bei dem nicht-linguistische Säuglinge und nicht-humanoide Außerirdische ins Interface geschickt werden, um den Linguisten die Kontrolle über die den intergalaktischen Handel zu entreißen. Diese wiederholten Versuche enden jedoch stets in der grausamen Ermordung der Säuglinge, da sich die Wahrnehmung nicht-humanoider Lebewesen derart unterscheidet, dass das menschliche Gehirn diese Reize nicht verarbeiten kann. Eines dieser geopferten Säuglinge des Experiments ist das Kind von Michaela Landry, einer Krankenschwester, die ihren Mann ermordet, weil dieser ihr Kind ohne ihre Einwilligung an die Regierung überreicht hat. Überzeugt davon, dass es sich um ein Experiment der Linguisten handelt, beschließt sie diese nacheinander zu töten, um den Mord an ihrem Sohn zu rächen. Als sie jedoch eine Position im Barren House der Chornyak Familie bekommt, erkennt sie ihren Fehler und wird zu einem Teil der weiblichen Linguisten Gemeinschaft.

Einige Jahre nachdem die Frauen mit der Verbreitung von Láadan begonnen haben, erkennt das Familienoberhaupt Thomas Chornyak als einziger die Bedeutung ihrer Verhaltensänderung und die Gefahr einer weiteren Ausbreitung der Frauensprache für die patriarchalische Gesellschaft. Um die Barren House Linguistinnen und Láadan vor der Enthüllung durch Thomas zu schützen, vergiftet Michaela ihn.

Zum Ende von „Native Tongue“ (1984) beschließen die Männer alle Frauen, ob unfruchtbar oder nicht, in gesonderten Häusern unterzubringen, nicht ahnend, dass diese somit die Möglichkeit erhalten Láadan unbeobachtet und uneingeschränkt zu praktizieren und an den Rest der weiblichen Gesellschaft zu bringen.

3.1. Die Sprache Láadan

Láadan ist eine von Frauen kreierte Sprache, die es ihnen ermöglicht „to say the things that women wanted to say, and about which men always said ‘Why would anybody want to talk about that ?‘“15 (Elgin. 1984. S. 215)

Ihre Erschaffung stützt sich auf den Bemühungen mehrerer Generationen von Linguistinnen des Barren House und den Vorgang des Encoding: „the making of a name for a chunk of the world that so far as we know has never been chosen for naming before in any human language, and that has not just suddenly been made or found or dumped upon your culture. [It means] naming a chunk that has been around a long time but has never before impressed anyone as sufficiently important to deserve its own name.“ (Elgin. 1984. S.22)

Um die wahre Bedeutung dieser Encodings vor den Männern zu verschleiern und die Weiterentwicklung der Frauensprache unbemerkt fortzusetzen, wurde sie „within a meaningless and cumbersome lexigraphical experiment called Langlish“16 versteckt. Durch Nazareths Versuche solche Langlish-Worte zu kreieren schuf sie eine semantische Basis und leistete somit unbewusst „the most substantial single contribution yet made“17 zur Erschaffung der Frauensprache, welche die Barren House Linguistinnen zur Erweiterung ihrer Grammatik und Lexik nutzten.

Das Vokabular von Láadan besitzt, neben dem Grundwortschatz einer jeden Sprache, unzählige Ausdrücke „to describe aspects of human existence that are perceived as feminine and therefore neglected by most languages“18. Die Mehrheit der etwa dreitausend „freestanding whole words“ (Elgin. 1984. S. 248) fassen demnach Emotionen, Interaktionen und Wahrnehmungen in einem singulären Wort zusammen, welche in anderen Sprachen zuvor nur durch komplexe Phrasen beschrieben werden konnten. Diese präzisen Ausdrücke ermöglichen den Sprecherinnen ambigue Gefühle zu differenzieren und verschiedene weibliche Erfahrungen zu spezifizieren, ohne den Einsatz umständlicher Erläuterungen und Umschreibungen.19

Ein weiterer eminenter Aspekt, neben dem Wortschatz der Sprache, ist der Einsatz von Morphemen am Anfang und Ende eines Satzes zur Verdeutlichung von Sprecher-Intention und seiner Wahrnehmung über das Gesagte:

„For example, the English statement ‘the woman kisses the child‘ would translate to b’i odámála with háawitheth wa in Láadan, where b’i is the declarative speech act morpheme […] and wa is the evidence morpheme that means ‘perceived with the speaker’s own senses‘.“20

Diese Nachweis- und Intentions-Morpheme vermitteln dem Rezipienten durch kurze Lautäußerungen den Zweck der Aussage und den Hintergrund über dessen Wahrheitsgehalt. Für Frauen ist die sprachliche Betonung über den Wahrheitsgehalt ihrer Erfahrungen signifikant, da dieser in den männlichen Sprachen nicht exakt ausgedrückt werden kann.21

So wie jede andere Sprache der Welt ist auch Láadan unvollständig und wird über einen längeren Zeitraum und durch örtliche Ausbreitung von anderen Sprechern und Einflüssen erweitert und verändert.

3.2. Einfluss der Frauensprache auf die Gesellschaft

Noch vor der sprachlichen Verbreitung von Láadan unter den Frauen und Mädchen der Linguisten-Familien, beeinflusste bereits ihre Entwicklung das Leben der weiblichen Lingoes22 über mehrere Generationen. Ihre Signifikanz für das weibliche Geschlecht wurde mithilfe von Geschichten von der weiblichen Unabhängigkeit des 20. Jahrhunderts weitergegeben:

„The little girls heard the stories at their mother’s knees, when their mothers had time to tell them, and from the women of the Barren House otherwise. How women, in the long ago time when women could vote and be doctors and fly spaceships - a fantasy world for those girlchildren, as fabulous and glittering as any tale of castles and dragons – how women, even then, had begun the first slow gropings toward a language of their own.“ (Elgin. 1984. S. 158)

Die tiefe Verbundenheit der Barren House Frauen wird durch das gemeinsame Geheimnis einer Frauensprache noch weiter verstärkt. Wie eine Kostbarkeit wird jeder Beitrag zur Weiterentwicklung von Láadan geschätzt, ebenso wie die Frau, der dieser Beitrag zu verdanken ist:

„A woman who gives an Encoding to other women is a woman of valor, and all women are in her debt forevermore.” (Elgin. 1984. S. 159)

Das Encoding-Projekt ermöglicht ihnen nicht nur die Verwirklichung ihres Wunsches nach einer Frauensprache, sondern dient den Frauen auch als ein Mittel zur Flucht vor der unterdrückenden Realität. Vor den Augen der Männer verhüllt ist jede lexikalische Ausdehnung der Sprache eine Erweiterung ihrer Sammlung untersagter Gegenstände „that made the difference between a life that was unbearable and one that was only miserable“. (Elgin. 1984. S. 125)

Eine besonders eklatante Figur ist Aquina, welche nicht nur die Signifikanz von Nazareths Encodings für die Frauensprache erkannt hat, sondern zu allen möglichen Mitteln greift, um ihre Entwicklung voranzutreiben. Um Nazareth, an welche die Frauen ihre Hoffnung geheftet haben, umgehend ins Barren House zu holen, beschließt Aquina diese mithilfe einer Kräutermixtur unfruchtbar zu machen. Aus Furcht diese lebensgefährlich zu verletzen, verstimmt sie lediglich Nazareths Magen, lenkt aber ungewollt die Aufmerksamkeit der Männer auf die Frauen des Barren House. Als dadurch die Enthüllung ihres Geheimnisses droht, offenbaren diese das Ausmaß ihrer Bereitschaft, um die Bewahrung Láadans zu gewährleisten. Um die Männer von einer Durchsuchung ihrer Unterkunft und der Entdeckung der Láadan-Daten abzuhalten, sehen die Frauen als einzigen Ausweg die Aufopferung eines ihrer Mitglieder:

„Belle-Anne would have no trouble at all convincing the policemen; she would be believed. […] It would have to be this way, if it broke every one of theirs hearts.” (Elgin. 1984. S. 129)

Bei Nazareths Ankunft im Barren House nach ihrer Mastektomie ist diese zunächst in einem Zustand der Benommenheit gefangen, doch durch die Zuwendung der anderen Frauen beginnt sie „to let that numbness go, and she realized that she was like someone who goes home at last after a lifetime of exile.” (Elgin. 1984. S. 243) Als die Barren House Linguistinnen ihr die wahre Intention des Langlish-Projekts offenbaren ist sie entsetzt darüber, dass Láadan nicht bereits aktiv praktiziert und verbreitet wird. Von ihrer Furcht vor Entdeckung gelähmt, beharren die Frauen darauf, dass die Sprache unvollendet ist und demnach noch nicht eingesetzt werden kann. Letztlich ist es die Ungewissheit über die Zukunft und die Möglichkeit der Vernichtung Láadans, die sie zögern lässt:

„They wouldn’t dare kill us. They’d incarcerate every last one of us that knew Láadan; and they’d dope us silly till we forgot every word. They’d destroy our records, they’d punish any child who used a single syllable, and they’d stamp it out forever – but they wouldn’t kill us. I never said they’d kill us, […], it’s Láadan they would kill.” (Elgin. 1984. S. 250)

Nazareth überzeugt sie jedoch von der Notwendigkeit die Unterrichtung von Láadan augenblicklich zu beginnen, da ihre erfolgreiche Verbreitung mehrere Jahrzehnte beanspruchen wird. Doch bereits nach einigen Jahren des Gebrauchs weisen die Mädchen, die Láadan seit ihrer Geburt ausgesetzt sind, erste muttersprachliche Intuitionen vor. Es ist das Vergnügen am Erwerb der Sprache, gänzlich ohne Zwang und Verpflichtungen, was in einer rasanten Ausbreitung Láadans resultiert. Die Möglichkeit komplexe Gefühle präzise auszudrücken ohne Umschreibungen führt zu einer intimeren Relation aller Lingoe Frauen und einer extendierten Distanzierung zu den Männern. Durch das Gefühl von Freiheit das ihnen die Sprache verleiht, haben Frauen aufgehört ihren Männern gegenüber ihr Missfallen über Ungerechtigkeiten zu äußern:

„Women, […], do not nag anymore. Do not whine. Do not complain. Do not demand things. Do not make idiot objections to everything a man proposes. Do not argue. Do not get sick […]” (Elgin. 1984. S. 275).

Die Männer identifizieren diesen weiblichen Verhaltenswandel als erfolgreiche Umsetzung des Sozialisierungsprozesses, indem Frauen endlich ihre gesellschaftliche Rolle und Inferiorität akzeptieren.23 Lediglich Thomas Chornyak eruiert die Bedeutung der Transition und die Gefährdung des patriarchalischen Systems durch eine erfolgreiche Distribution einer Frauensprache: „[It] would be as dangerous as any plague […] it represents danger and it represents corruption – and it shall not happen.” (Elgin. 1984. S. 281)

Thomas Chornyak fürchtet sich vor den Auswirkung Láadans auf die Sozialstruktur, denn als Linguist begreift er die Reichweite der Macht, die sie ihrem Sprecher verleihen kann.

Auch Michaela, eine Nicht-Linguistin, erkennt den Wert der Frauensprache und die Notwendigkeit ihrer Erhaltung für die Zukunft aller Frauen. Um diese zu sichern, ermordet sie Thomas Chornyak bevor er die männlichen Linguisten alarmieren kann:

„Here was a service that she could do, for the women of the Lines. She was no Linguist and never could be, she couldn’t help them with their language and would only be a burden for them if she tried – but she was as skilled at killing as they were at their conjugations and declensions. She, Michaela Landry, could do something that not one of them […] could have done. She could save the woman’s language, at least for a time […] and she could pay in some measure for her sins.” (Elgin. 1984. S. 282)

Wie Belle-Anne versteht sie die Bedeutung Láadans für die weibliche Gesellschaft und nutzt ihre Möglichkeit die Sprache für die Zukunft aller Frauen zu bewahren, selbst wenn die Konsequenz ihrer Tat einen hohen Preis erfordert.

Die Männer der Lines, die zuvor noch erfreut über die Verhaltensänderung waren, beginnen den Konformismus der Frauen zu abhorrieren und identifizieren sie nicht mehr als „reale Frauen“, besitzen jedoch nicht die Macht gegen diese Veränderung vorzugehen:

„Can a man ‘accuse’ a woman of being unfailingly and exquisitely courteous? Can a man ‘accuse‘ a woman of being a flawless mother or grandmother or daughter? Can a man […] ‚accuse‘ a woman of being an ever willing and skillful sexual partner? […] Can a man point a finger at a woman and say to her, ‘I accuse you of never frowning, or never complaining, of never weeping, of never nagging, of never so much as pouting?’ Can a man demand of a woman that she nag? Can he demand that she sulk and bitch and argue – in short, that she behave as women used to behave? […] can one accuse a woman, name her guilty, for ceasing to do every last thing he has demanded that she not do, all his life long?” (Elgin. 1984. S. 289)

Aufgrund ihrer veränderten Wahrnehmung und der Ermöglichung einer sprachlichen Entfaltung durch Láadan weigern sich die Frauen den patriarchalischen Vorgaben ihrer zugeschriebenen Rolle als „renitente Frauen“ nachzugeben und formen die Realität nach ihren eigenen Vorstellungen:24

„Consequently [the men] lack the perceptual resources to interpret and respond to the women’s challenge to their authority. As a result, although they are confused and threatened by the women’s behaviour, they are powerless to do anything about it.”25

Um den unerwünschten Kontakt zu den Frauen auf ein Minimum zu reduzieren, entschließen sich die Männer diese in einer separaten Einrichtung unterzubringen, wodurch sie ihnen unwissentlich die weitere Praktizierung und Verbreitung Láadans erleichtern.

Die Sprache Láadan, welche nicht-patriarchalische Wahrnehmungen lexikalisiert, ist somit imstande die Realität zu beeinflussen und konforme Geschlechterrollen zu verändern.

[...]


1 Sisk, David W.: Transformations of Language in Modern Dystopias. In: Contributions to the Study of Science Fiction and Fantasy, Nr. 75. 1997. S.2.

2 In Orwells und Burgess‘ Werken dienen die Sprache „Newspeak“ und der Jargon „Nadsat“ unteranderem als Mittel der gesellschaftlichen Manipulation oder sozialen Ausgrenzung.

3 Roberts, Adam: Science Fiction. 2. Auflage. New York: Routledge 2006. S. 6.

4 Vgl. Patnaik, Geetha Lakshmi und Praveena, M.: Women in Science Fiction and Feminism. In: IMPACT: International Journal of Research in Humanities, Arts and Literature, Nr.6. 2018. S. 183.

5 Calvin, Ritch: Feminist Science Fiction and Feminist Epistemology. Four Modes. Springer International Publishing 2016. S. 13.

6 Vgl. Hollinger, Veronica: Feminist theory and Science Fiction. In: The Cambridge Companion to Science Fiction. Hrsg. v. Edward James und Farah Mendlesohn: Cambridge University Press 2003. S.126.

7 Roberts, Adam: Science Fiction. 2. Auflage. New York: Routledge 2006. S. 18.

8 Ebd. S. 18.

9 Vgl. Ebd. S. 186.

10 Vgl. Calvin, Ritch: Feminist Science Fiction and Feminist Epistemology. Four Modes. Springer International Publishing 2016. S. 16.

11 Ebd. S. 16

12 Fitting, Peter: Utopia, dystopia and science fiction. In: The Cambridge Companion to Utopian Literature. Hrsg. v. Gregory Clayes. Cambridge: Cambridge University Press 2010. S. 138.

13 Fremdsprachliche Begriffe dieses Werk, die bedeutend für die Analyse dieser Arbeit sind, werden nicht übersetzt und lediglich bei ihrer ersten Erwähnung durch eine kursive Schrift markiert.

14 Bei den weiteren Werken der Trilogie handelt es sich um „The Judas Rose“ (1987 ) und „Earthsong“ (1994) und setzen die Handlung von „Native Tongue“ (1984) fort.

15 Alle Zitate aus: Eldin, Suzette Haden: Native Tongue (1984), unveränderte Neuauflage. London: Orion Publishing Group Ltd 2019 werden in folgender Weise im Fließtext nachgewiesen: (Verfasser. Erscheinungsjahr. Seitenangabe der Neuauflage).

16 Sisk, David W.: Transformations of Language in Modern Dystopias. In: Contributions to the Study of Science Fiction and Fantasy, Nr. 75. 1997. S. 114.

17 Ebd. 1997. S. 114.

18 Bruce, Karen: A Woman-Made Language: Suzette Haden Elgin’s Láadan and the Native Tongue Trilogy as Thought Experiment in Feminist Linguistics. In: Extrapolation. Nr. 49. 1. Ausgabe. The University of Texas at Brownsville and Texas Southmost College 2008. S. 56.

19 Vgl. Ebd. 2008. S. 57.

20 Ebd. 2008. S. 55.

21 Vgl. Calvin, Ritch: Feminist Science Fiction and Feminist Epistemology. Four Modes. New York: Springer International Publishing 2016. S. 201.

22 Hierbei handelt es sich um eine in „Native Tongue“ (1984) häufig verwendete Abkürzung für Linguisten.

23 Vgl. Eldin, Suzette Haden: Native Tongue (1984), unveränderte Neuauflage. London: Orion Publishing Group Ltd 2019.

24 Vgl. Bruce, Karen: A Woman-Made Language: Suzette Haden Elgin’s Láadan and the Native Tongue Trilogy as Thought Experiment in Feminist Linguistics. In: Extrapolation. Nr. 49. 1. Ausgabe. The University of Texas at Brownsville and Texas Southmost College 2008. S. 61.

25 Ebd. 2008. S. 61.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Macht der Sprache in Feminist Science-Fiction
Untertitel
Zum Einfluss auf die Identität der Frau
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Feminist Science-Fiction – ein Genre-Querschnitt
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
25
Katalognummer
V961091
ISBN (eBook)
9783346308375
ISBN (Buch)
9783346308382
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feminist Science Fiction, Science Fiction, Feminism, Sprache, Frauensprache, Macht der Sprache, Silencing of women, Feminist, Native Tongue, Vox, Christina Dalcher, Suzette Haden Elgin, Dystopie, Sprachlimitierung
Arbeit zitieren
Olga Reich (Autor), 2019, Die Macht der Sprache in Feminist Science-Fiction, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/961091

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