Bildungsbenachteiligung von Migranten im deutschen Bildungssystem


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und theoretische Vorüberlegungen

2. Begriffe „Migration“ und „Diskriminierung“

3. Ursachen und Erklärungen für die Nachteile der Kinder und Jugendlichen aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem
3.1 Individuelle Aspekte
3.2 PISA-Studie
3.3 Institutionelle Diskriminierung

4. Förderung / Perspektiven für Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund

5. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen

6. Bibliographie / Literaturverzeichnis

1. Einleitung und theoretische Vorüberlegungen

In der heutigen Gesellschaft spielt das Thema Migration wieder eine große Rolle. Schließlich geht es derzeitig fast täglich durch die Medien „Flüchtlinge und die Probleme“, die durch solch eine Migration entstehen. Die Koalition aus CDU/CSU, der FDP und Bündnis 90/Die Grünen nach der Bundestagswahl diesen Jahres wird wahrscheinlich nicht zu Stande kommen aufgrund von einer unterschiedlichen Meinung zu einer Obergrenze für Flüchtlinge. Wie sieht es jedoch mit der schulischen Bildung aus? Viele Flüchtlinge bzw. Migranten und deren Kinder sprechen kein Deutsch und sollen im Bildungssystem integriert werden. Es besteht Schulpflicht in Deutschland, aber keine Möglichkeit einer Wissensvermittlung in einer gemeinsamen Sprache, nämlich deutsch. Zusätzlich besitzt Deutschland in Ballungszentren wie Frankfurt, Berlin, Düsseldorf, etc. einen hohen Anteil an Migranten aus vorherigen Generationen. Nun stehen die einzelnen Länder vor der Frage, wie das Bildungssystem diese Kinder, die entweder kein oder nur wenig Deutschkenntnisse verfügen, vor dem sozialen Aus des selektierenden deutschen Bildungssystems schützen kann.

Die letzten vierzig Jahre prägten Deutschland zu einem Einwanderungsland. Es entwickelte sich eine Vielsprachigkeit und eine Multikulturalität, die das deutsche Bildungssystem vor neue Probleme stellt.1 Nachdem das deutsche Bildungssystem endlich die Benachteiligung von Mädchen gegenüber Jungen erfolgreich bewältigt hat, besteht nun eine Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund. Deutlich wurde dies in internationalen Vergleichsstudien wie PISA und IGLU.

In den PISA-Vergleichsstudien hat Deutschland einen schlechten Platz sich sichern können. Ist das deutsche Bildungssystem Schuld an dem schlechten internationalen Platz? Offiziell werden jegliche Schuldzuweisungen vermieden, inoffiziell werden die „Kinder mit Migrationshintergrund“ nicht nur für eigenes Versagen, sondern auch für das Versagen des gesamten deutschen Bildungssystems im internationalen Vergleich gesehen (es muss einen Sündenbock geben) - wie hätte Deutschland ohne die Migrantenkinder abgeschnitten, die entweder schlecht für den Durchschnitt oder auch für das Arbeitsklima in den Schulen nicht förderlich seien? Es entstehe eine Abwehrhaltung gegenüber der Einwanderungsgesellschaft, dass diese nie dazugehöre und integriert gewesen sei.2

Der Spracherwerb von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist elementar, da das komplette Bildungssystem darauf ausgelegt ist, in deutscher Sprache zu kommunizieren und zu unterrichten. Umso höherjedoch das Einreisealter der Kinder und eine tiefere Einbindung in ihre Herkunftskultur ist, desto schwieriger ist der Erwerb der deutschen Sprache.3 Viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sprechen zu Hause ihre Muttersprache und daraus folgt eine schlechtere Voraussetzung für eine Selbstbestimmung im Bildungssystem.4 Nach PISA und IGLU hat sich ergeben, dass fast 50% der Jugendlichen aus Migrantenfamilien die elementare Stufe der Lesekompetenz nicht erreichen.5 Wie sollen diese Jugendlichen in Deutschland integriert werden, wenn der Spracherwerb als Basis für jegliche Bildung und schulischer Erfolg gilt? Die Chancen, die eine solche Mehrsprachigkeit mit sich bringt, wurden nicht erkannt. Sie gilt eher als eine Last.

In der folgenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit Kinder mit Migrationshintergrund für ihre Benachteiligung eigenverantwortlich sind oder das Bildungssystem sie vernachlässigt. Dazu werden im ersten Teil die Begriffe Migration und Diskriminierung kurz erläutert. Im nächsten Teil werden die beiden gegensätzlichen Erklärungsversuche zur Benachteiligung betrachtet mit einem kleinen Einblick in die PISA-Studie. Im letzten Teil sollen Perspektiven und mögliche Verbesserungen der Probleme einen Ausblick geben, um den Schulalltag der Migrantenkinder zu bewältigen.

2. Begriffe „Migration“ und „Diskriminierung'

Das Wort Migration kommt aus der lateinischen Sprache (migratio) und steht für Wanderung oder auch Umzug. Seitdem die Menschheit existiert, wandern einzelne Menschen, Gruppen und sogar ganze Völker. Welche Gründe jedoch bewegen Menschen, eine ungesicherte neue Existenz an einem neuen Ort auf sich zu nehmen. Wessel und Naumann beschreiben dazu fünf mögliche Gründe von Migration: Als Ersten und wichtigsten Grund nennen sie Kriege und Naturkatastrophen und daraus resultierende Hungersnöte. Hier geht es um das Überleben und die Menschen werden aus dieser existenziellen Not getrieben zu fliehen bzw. zu emigrieren. Diese Gruppe stellt den größten Teil der Migranten dar. Ebenso sind wirtschaftliche Faktoren relevant, die Menschen dazu bewegen zu emigrieren. Diese Gründe können Arbeitslosigkeit und Hilfslosigkeit sein, somit eine Hoffnungslosigkeit, ohne Sicht auf Besserung der Lebensumstände für sich und seine Familie. Als dritte Gruppe von Emigranten gelten Flüchtlinge aus politischen und religiösen Gründen, die in ihrem Heimatland auf Grund von unterschiedlichen Ideen und Einstellungen die Verhaftung, Folter und sogar Tod drohen. Viertens kann man Emigranten aus sozialen Gründen zusammenfassen. Diese sind nicht aus dem reinen Überlebensgedanken emigriert, sondern allein aus dem Gedanken einer sozialen Verbesserung der Lebensumstände. Ihnen geht es um bessere Bildungschancen und berufliche Aufstiegschancen. Als fünfte Gruppe nennen Wessel und Naumann die Menschen, die die Sehnsucht nach dem Fremden und Andersartigen suchen. Es gibt schon immer Individuen, die die Konfrontation mit anderen Kulturen und Landschaften als Chance sehen anstatt als Bedrohung. Die Abenteuerlust reizt mehr als eine monotone und festgefahrene Lebensgestaltung in der Heimat.6

Aus diesen verschiedenen Gründen emigrieren Menschen aus ihrer Heimat und suchen in anderen Ländern eine existenzielle Sicherung. Als Kinder aus Migrantenfamilien gelten nun die Nachkommen dieser Einwanderer und selbst eingewanderte Kinder. Wichtig nur ist eine klare Differenzierung, da unter dem Migrationsbegriff sowohl der Akademiker aus der Schweiz als auch der „Zuwanderer“ aus dem Osten der Türkei fällt. Nicht allein das Herkunftsland spielt eine Rolle, sondern auch der Sprachgebrauch in den Familien sowie der kulturelle Hintergrund, um eine differenzierte Annahme über die soziale und kulturelle Integration zu ermöglichen.7

Diskriminierung ist laut Duden das Herabsetzen bzw. die unterschiedliche Behandlung von Sachen und Menschen.8 In unserer Thematik muss genauer auf die unterschiedliche Behandlung von Migrantenkindern eingegangen werden, da diese im deutschen Bildungssystem klar als Verlierer dargestellt werden. Wieso werden Kinder anderer Herkunft anders behandelt? Sie gelten als Belastung des deutschen Schulsystems. Obwohl Chancengleichheit für alle trotz unterschiedlicher Herkunft gilt, werden Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund benachteiligt. Selbst im Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3 ist eine Chancengleichheit vorgesehen: Niemanddarfwegen seines Geschlechts, seinerAbstammung, seinerRasse, seinerSprache, seinerHeimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oderpolitischenAnschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darfwegen seiner Behinderung benachteiligt werden.9

Diskriminierung entsteht bei Andersartigkeit und Differenzen: Mögliche Formen von Diskriminierung gehen, wie auch in Artikel 3 genannt, auf das Geschlecht, Ethnizität, sozialer Schicht, Alter, Behinderung und sexueller Orientierung zurück.10 Als institutionelle Diskriminierung bezeichnet man das kollektive Versagen von Organisationen, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Kultur oder ethnischen Herkunft eine angemessene und professionelle Dienstleistung zu bieten. 11 Ein Beispiel der direkten institutionellen Diskriminierung in Bildungseinrichtungen steht bereits am Anfang der Schullaufbahn von Migrantenkindern, die - eigentlich mit guter Absicht - zum Spracherwerb in Kindergärten oder auch Vorbereitungsklassen anstatt in die erste Klasse aufgenommen werden, sodass ihnen der weitere Schulweg leichter falle. Stattdessen werden sie auf Grund ihrer mangelnden Kenntnisse direkt separiert und können später leichter in Sonderschulen etc. überführt werden.

3. Ursachen und Erklärungen für die Nachteile der Kinder und Jugendlichen aus Migrantenfamilien im deutschen System schulischer Bildung

Ditton und Aulinger beschreiben verschiedene Ansatzpunkte für eine Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen aus Migrationsfamilien. Die Ursachen können sowohl auf der Seite der Migranten, also eine individuelle Situation, oder auf der Seite der Bildungsinstitutionen bzw. des -systems verantwortet werden.12

3.1 Individuelle Aspekte

Ein erster Erklärungsversuch ist die Mehrsprachigkeit der Kinder. Diese wachsen meist in verschiedenen Kulturen auf, zum einen die der Eltern und zum anderen die der Schule. Umso größer die Differenzen dieser Kulturen sind, desto schwieriger fällt es den Kindern, sich im deutschen Bildungssystem zu integrieren. Es entsteht ein Kulturkonflikt, der die Kinder dazu zwingt, zwischen beiden Kulturen stetig zu wechseln, dass sowohl daheim als auch in der Schule möglichst wenig Konflikte entstehen. Durch diesen Wechsel hingegen geraten die Kinder in einen Identitätskonflikt, der ihre kognitive und psychische Entwicklung stark negativ beeinflusst. Da sie meist mehrsprachig aufwachsen, sei es durch das Nichtbeherrschen der deutschen Sprache auf Seiten der Eltern, oder durch eine Tradierung der heimatlichen Sprache, leiden die Deutschkenntnisse unter dieser Voraussetzung. Stölting verwandte die Metapher von „Schwimmern/innen und Nichtschwimmern/innen“ zur Verdeutlichung der Umstände. Abhilfe sollten frühe Förderprogramme dienen, diejedoch sowohl mit als auch ohne Erstsprachbeteiligung vorgesehen waren. Es lässt sich streiten, was vorteilhafter ist. Klar zu stellen istjedoch, dass ohne die Erstsprache, die schließlich in den meisten Fällen kein Gewicht im internationalen Raum besitzt13, diese Programme entwicklungshemmend sind. Aber für Förderprogramme mit der Erstsprache stehen dem Haushalt nicht die möglichen Mittel zur Verfügung, da diese langfristig, strukturiert und eine Kombination aus fachlicher und sprachlicher Förderung sein sollten.14

Ein zweiter Erklärungsversuch ist der familiäre Zusammenhang. Die erlebte Kultur steht im starken Kontrast mit den Anforderungen der deutschen Schule. Sowohl ein autoritärer Erziehungsstil der Eltern als auch deren Unwissen über das deutsche Schulsystem hemmen die individuelle Entwicklung ihrer Kinder. Es werde ein regelmäßiger Schulbesuch als nicht notwendig empfunden und deren Schulleistungen nicht gewürdigt oder anerkannt. Somit herrscht daheim ein kontraproduktives Alltagsverständnis von Schule und Bildung.15 Da die Eltern meist selbst keine hohe Schulbildung in Anspruch genommen haben, können sie auch keine Hilfestellungen bei Hausaufgaben der Kinder bieten, sodass diese meist auf sich alleine gestellt sind. Manche Autoren bezeichnen diese Erklärung als eine humankapitaltheoretische Erklärung, da sowohl niedriger Bildungsstand als auch ein niedriges Einkommen der Eltern zu Schwierigkeiten in der schulischen Ausbildung führen. Ebenso geht man davon aus, dass mehrere Geschwister in diesem sozialen Umfeld mehr Zeit, Geld und Zuwendung benötigen und somit einen negativen Einfluss haben.16 Es bietet sich die Möglichkeit, Ganztagsschulen oder auch Hausaufgabenhilfe in Anspruch zu nehmen, um diese Missstände zu verringern.17 Im Bildungsbericht 2006 wurde eine Skala zur Einstellung von Kindern jeglicher Herkunft zur Schule veröffentlicht, die zeigt, dass Migrantenkinder erster und zweiter Generation anders als Nichtmigrantenkinder positiv zur Schule stehen und Motivation zeigen, die PISA18 Ergebnisse jedoch einen abfallenden Leistungsschnitt dieser Gruppe zuordnen. Wirkt etwa die Schule als Institution demotivierend?19

[...]


1 Vgl. Ceri 2008, S.ll.

2 Vgl. Hamburger 2005, S.7.

3 Vgl. Esser2012, S.142.

4 Vgl. Steinbach 2009, 42.

5 Vgl. Ceri 2008, S.12.

6 Vgl. Wessel, Naumann 1993, S.llf.

7 Vgl. Ditton, Aulinger 2011, S.98. Vgl. Steinbach 2009, S.22.

8 Duden 2004, S.295.

9 Grundgesetz Artikel 3 Absatz 3.

10 Gomolla 2005, S. 59.

11 Ebd., S. 58.

12 Ditton/Aulinger 2011, S.99.

13 Vgl. Steinbach 2009, S.61.

14 Vgl. Ebd., S. 49ff.

15 Vgl. Ebd., S.52.

16 Vgl. Diefenbach 2010, S.103.

17 Vgl. Stembach2009, S.52ff.

18 Das Thema PISA wird im nächsten Abschnitt genauer beleuchtet.

19 Vgl. Stembach2009, S.56.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Bildungsbenachteiligung von Migranten im deutschen Bildungssystem
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V961205
ISBN (eBook)
9783346308412
ISBN (Buch)
9783346308429
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildungsbenachteiligung, migranten, bildungssystem
Arbeit zitieren
Tom Schäfer (Autor), 2017, Bildungsbenachteiligung von Migranten im deutschen Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/961205

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