Das Israelbild in den deutschen Medien unter besonderer Berücksichtigung der Berichterstattung über den "Gaza Flotilla Raid" im Mai 2010


Bachelorarbeit, 2011

103 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Theoretischer Teil

1. Antizionismus - Unverhältnismäßige Israelkritik als Form des Antisemitismus
1.1 Was ist Antisemitismus?
1.2 Zur Unterscheidung zwischen Antizionismus und legitimer Israelkritik
1.3 Antisemitismus: Verbreitung in Deutschland und Bedeutung der Medien

2. Darstellung des Forschungsstandes - Das Bild Israels in den deutschen Medien

3. Kontextbedingungen: Der Gaza Flotilla Raid 7
3.1 Hintergrund: Die Blockade des Gazastreifens
3.2 Chronologie des Zwischenfalls
3.3 Internationale Reaktionen und Folgen

III Empirischer Teil

4. Untersuchungsdesign
4.1 Hypothesen
4.2 Untersuchungsmethode: die quantitative Inhaltsanalyse
4.3 Auswahl des Untersuchungsmaterials
4.4 Kategoriensystem und Kategorienbildung
4.5 Beweislogik
4.6 Qualitätskontrolle: Validität und Reliabilität

5. Ergebnisse der Untersuchung
5.1 Frankfurter Allgemeine Zeitung
5.2 Süddeutsche Zeitung
5.3 Die Welt
5.4 Die Tageszeitung

IV Zusammenfassung der Ergebnisse und abschließende Überlegungen

V Literaturverzeichnis

VI Untersuchungsmaterial

VII Anhang

6. Codebuch

7. Abbildungen

Einleitung

Einer meiner Professoren sagte mir einmal, der schwierigste Teil einer wissenschaftlichen Ar­beit sei oftmals die Suche nach einem geeigneten Thema. Und er sollte - zumindest im Hinblick auf diese Bachelorarbeit - Recht behalten: Es vergingen einige Wochen, bis sich aus meinen zahlreichen wissenschaftlichen Interessengebieten, welche vom Nahostkonflikt über den politischen Extremismus bis hin zur Medientheorie reichen, eine aktuelle, interessante und relevante Fragestellung herauskris­tallisiert hatte. Während dieser Zeit kam mir eine ganze Reihe von möglichen Fragestellungen in den Sinn, von denen einige durchaus sinnvoll waren, andere jedoch weniger. Letztere wurden i. d. R. sehr schnell wieder verworfen, meist nach ausgiebigen Gesprächen mit Kommilitonen, Freunden und Be- kannten.1 2 3 4 5 Als ich während dieser Gespräche die Idee äußerte, in meiner Bachelorarbeit eine Fragestel­lung aus dem Themenkomplex Antisemitismus zu behandeln, wurde mir überraschend häufig entgeg­net, warum ich mich mit einem solch „überholten“ Phänomen beschäftigen wolle, denn schließlich sei Antisemitismus seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine „gesellschaftliche Randerscheinung“, die nur noch bei einigen „rechtsradikalen Spinnern“ vorzufinden sei. Diese - leider immer noch sehr ver­breitete - Ansicht ist jedoch aus zwei Gründen falsch: Zum einen sind antisemitische Ressentiments heute keineswegs mehr nur in der rechtsextremen Szene vorzufinden, sondern auch - vielleicht sogar vor allem - in der politischen bzw. radikalen Linken2,3 sowie bei muslimischen Migranten.4,5 Zum anderen handelt es sich beim Antisemitismus keineswegs um eine gesellschaftliche Randerscheinung. So sind antisemitische Einstellungen in Europa auch heute noch weit verbreitet.6 Zudem ist in Europa seit 1989 eine massive Zunahme antisemitischer Straftaten zu verzeichnen, welche von Propagandade­likten über Schändungen jüdischer Friedhöfe und Angriffen auf jüdische Einrichtungen bis hin zu Gewalttaten gegen Juden reichen.7 Daher erscheint das Thema Antisemitismus heute aktuell wie eh und je und eine kontinuierliche wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen nicht nur wünschenswert, sondern vielmehr geboten. Jedoch waren es vor allem die Gespräche mit meinen Kommilitonen, Freunden und Bekannten, die mir die - selbst in universitären Kreisen - weit verbreite­te Ignoranz in Bezug auf die Gegenwart des Antisemitismus und damit die Relevanz und Notwendig­keit einer dem Thema Antisemitismus gewidmeten Bachelorarbeit vor Augen führten.

Nun stellte sich noch die Frage, welche konkrete Fragestellung ich in meiner Bachelorarbeit behandeln würde: Welchen Aspekt innerhalb des überaus komplexen und umfangreichen Themenfel­des Antisemitismus sollte ich hierfür aufgreifen? Die Geschichte des Antisemitismus, seine Verbrei­tung, seine Entstehung und die verschiedenen Theorien hierüber, oder doch einen der unzähligen wei­teren Aspekte? Schließlich entschied ich mich dafür, die Rolle der Medien innerhalb dieses Themen­feldes näher zu beleuchten, und das aus drei Gründen: Erstens war es mir auf diese Weise möglich, das Thema Antisemitismus mit einem meiner anderen großen wissenschaftlichen Interessengebiete zu verbinden, nämlich der Medientheorie. Zweitens kann der Stellenwert, welchen die modernen Mas­senmedien bei der Aufrechterhaltung und Verbreitung von Klischees, Stereotypen und Vorurteilen einnehmen, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.8 Und drittens kommt den Medien bei der ge­genwärtigen Debatte um den sog. „Antizionismus“ eine besondere Bedeutung zu. Der Antizionismus, welcher in den 1960er Jahren aufkam, im Laufe der Jahre an Bedeutung gewann und mittlerweile die dominanteste Form des Antisemitismus darstellt, unterscheidet sich von anderen bzw. früheren For­men des Antisemitismus dadurch, dass er nicht bei „den Juden“ als Rasse oder Religionsgemeinschaft ansetzt, sondern bei der Legitimität und Politik des Staates Israel.9 10 Von Antizionismus spricht man gegenwärtig also dann, wenn das Existenzrecht des Staates Israel in Frage gestellt wird bzw. Kritik an Israel weit über ein sachlich gerechtfertigtes Maß hinausgeht. Und da sich das Israelbild der Deutschen nahezu ausschließlich aus den Darstellungen Israels in den Medien speist, liegt die besondere Bedeu­tung der Massenmedien für die Gegenwart des Antisemitismus somit auf der Hand. Aus diesem Grund existieren mittlerweile auch einige Studien zum Israelbild in den deutschen Medien, welche im zwei­ten Punkt dieser Arbeit vorgestellt werden.

Jedoch wollte ich mich in meiner Bachelorarbeit nicht darauf beschränken, die Ergebnisse die­ser Studien zusammenzutragen. Vielmehr wollte ich - dem Vorgehen dieser Untersuchungen folgend - ein bestimmtes israelbezogenes Ereignis wählen und die Berichterstattung der deutschen Medien hierüber analysieren. Schließlich ist es m. E. nicht primär Sinn und Zweck einer Bachelorarbeit, die Ansichten und Befunde anderer Autoren „durchzukauen“, sondern selbst wissenschaftliche Ergebnisse zu erzeugen durch das Entwerfen eines eigenen Untersuchungsdesigns und die praktische Anwendung der während des Studiums erworbenen Methodenkenntnisse, was auch dem Erwerb von Methoden­kompetenz dient. Ein solches Ereignis war auch schnell gefunden: der sog. Gaza Flotilla Raid1 wel- cher sich am 31. Mai 2010 ereignete. Zwei Gründe sprachen für die Auswahl dieses Ereignisses: Ers­tens handelt es sich um ein relativ aktuelles Ereignis, was wohl auch der Grund dafür ist, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihm bislang nur in Ansätzen erfolgte. Bisher zu dem Thema erschienene Fachartikel beschränken sich in erster Linie auf die Auswirkungen des Gaza Flotilla Incidents auf die Außenbeziehungen Israels; eine Studie zur Berichterstattung der deutschen Medien existiert bis dato nicht, was mit dieser Arbeit nun - zumindest in Ansätzen - nachgeholt werden soll. Zweitens habe ich im vergangenen Jahr die Berichterstattung über den Ship-to-Gaza-Zwischenfall in verschiedenen Medien verfolgt und nahm diese als sehr einseitig und überaus israelkritisch wahr. Noch bevor genaue Informationen zu dem Vorfall vorlagen, waren die Zeitungen und Nachrichtensen­dungen voll von Stimmen, welche das Vorgehen des israelischen Militärs scharf verurteilten und hie­rüber auch oft den Bogen schlugen zu einer grundsätzlichen und fundamentalen Kritik Israels und seiner Politik. Für breite Teile der Weltöffentlichkeit sowie für zahlreiche Medienvertreter stand der Schuldige also bereits von Anfang an fest: Israel. Ich gewann daher den Eindruck, dass im Falle des Gaza Flotilla Incidents - wie auch bei anderen israelbezogenen Ereignissen zuvor - vonseiten der Medien vorschnell reagiert wurde bzw. eine Vorverurteilung Israels stattfand, ja vielleicht sogar be­wusst Stimmung gegen Israel gemacht wurde; ein Eindruck, der für frühere israelbezogene Ereignisse bereits durch verschiedene Untersuchungen bestätigt wurde und den ich im Falle des Ship-to-Gaza­Zwischenfalls ebenfalls wissenschaftlich prüfen wollte.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es also, die Berichterstattung der deutschen Medien über den Gaza Flotilla Incident zu analysieren. Auf diese Weise sollen deren Strukturen herausgearbeitet, even­tuelle israelfeindliche bzw. antisemitische Tendenzen aufgezeigt sowie Unterschiede in der Berichter­stattung der einzelnen Medienangebote festgehalten werden. Dazu bedarf es zunächst einer Darstel­lung der theoretischen Hintergründe, da diese für ein tiefergehendes Verständnis der eigentlichen Ana­lyse unumgänglich sind. Besagte Hintergründe umfassen einige grundlegende Ausführungen zum Phänomen des Antisemitismus, insbesondere zu dessen jüngster Ausprägung, dem Antizionismus sowie die Darstellung des bisherigen Forschungsstandes. Zudem enthält der theoretische Teil einige Anmerkungen zu den Kontextbedingungen dieser Arbeit, d. h. er widmet sich dem Ereignis des Gaza Flotilla Raids selbst: Um einen einheitlichen Informationsstand aller Leser zu gewährleisten, werden in aller Kürze die Hintergründe, der Ablauf sowie die Folgen des Ship-to-Gaza-Zwischenfalls darge­stellt. Dem folgt der empirische Teil an, welcher sowohl das Untersuchungsdesign als auch die Ergeb­nisse wiedergibt, welche durch die Analyse der Medieninhalte gewonnen wurden.11 In einem abschlie­ßenden Fazit sollen schließlich die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit noch einmal komprimiert darge­stellt und mit den theoretischen Vorüberlegungen sowie den Ergebnissen anderer relevanter Studien in Verbindung gebracht werden.

Theoretischer Teil

1. Antizionismus - Unverhältnismäßige Israelkritik als Form des Antisemitismus

1.1 Was ist Antisemitismus?

Um eventuelle antisemitische Tendenzen in der Berichterstattung über den Gaza Flotilla Raid festzustellen, ist es natürlich zunächst erforderlich, den Begriff des Antisemitismus näher zu bestim­men. Eine prägnante Definition aufzustellen, welche dem Phänomen des Antisemitismus in seiner Komplexität gerecht wird, ist jedoch beileibe kein leichtes Unterfangen. Schließlich war die Juden­feindschaft, die es bereits zu Zeiten der Antike gab, im Laufe der Jahrhunderte starken Wandlungspro­zessen unterworfen, und auch der gegenwärtige Antisemitismus ist in Bezug auf seine Akteure, Be­gründungszusammenhänge und Manifestationen eine äußerst heterogene Erscheinung. Daher existie­ren heute zahlreiche verschiedene Bestimmungen des Begriffs, welche zum Teil recht unterschiedliche Akzente setzen. Eine äußerst gehaltvolle Definition stammt von der renommierten Antisemitismusfor­scherin Helen Fein, welche diese 2003 im Rahmen einer von der EU in Auftrag gegebenen Studie über Antisemitismus in Europa erarbeitete. Fein beschreibt Antisemitismus dabei als „eine anhaltende latente Struktur feindseliger Überzeugungen gegenüber Juden als Kollektiv, die sich bei Individuen als Haltung, in der Kultur als Mythos, Ideologie, Folklore sowie Ein­bildung und in Handlungen manifestieren - soziale und rechtliche Diskriminierungen, politi­sche Mobilisierungen gegen Juden und kollektive oder staatliche Gewalt -, die dazu führen und/oder darauf abzielen, Juden als Juden zu entfernen, zu verdrängen oder zu zerstören.“12 13 14

Antisemitismus ist demnach eine Abneigung bzw. feindselige Haltung gegenüber Menschen jüdischen Glaubens bzw. jüdischer Abstammung, die auf negativen Zuschreibungen beruht. Solche Zuschrei­bungen beziehen sich dabei nicht auf einzelne, individuelle Personen, sondern auf „die Juden“ als eine konstruierte Einheit, der pauschal bestimmte Denk- und Verhaltensmuster unterstellt werden. Diese Denk- und Verhaltensmuster unterscheiden sich von denen, die der jeweils eigenen Einheit zuge­schrieben werden und machen Juden damit zu „Anderen“, zu „Fremden“; sie setzen sie in einen Ge­gensatz zur Eigengruppe und werten sie ab. Die Folge hiervon ist, dass die Minderheit der Juden leicht als Hassobjekt instrumentalisiert werden kann und dazu dient, die Feindbildbedürfnisse der eigenen Einheit zu stillen:13,14 Juden müssen als Projektionsfläche für abstrakte und komplexe Bedrohungen und Probleme herhalten, für die es keine einfachen Erklärungen gibt (im Mittelalter war dies bspw. die Pest, heute sind es Phänomene wie die Globalisierung). Dabei ist sowohl auf die Kontinuität und Be­ständigkeit des Antisemitismus einerseits als auch auf dessen Wandelbarkeit und Beliebigkeit anderer­seits zu verweisen: So gibt es bestimmte Stereotype und Schuldzuweisungen, die sich über Jahrhun­derte hinweg in antisemitischen Diskursen finden, während andere an die spezifischen gesellschaftli- chen und politischen Entwicklungen und Problemlagen der jeweiligen Epoche anknüpften bzw. ange­passt wurden und sich somit im Laufe der Zeit signifikant veränderten bzw. fortentwickelten. Die Ge­meinsamkeit all dieser Zuschreibungen an „die Juden“ liegt darin, dass sie absurd und irrational sind und „mit realer jüdischer Existenz nichts oder wenig oder nur Missverstandenes zu tun haben“.15 16 17 Dem Antisemiten geht es somit nicht oder nur bedingt um tatsächliches jüdisches Leben, Denken und Han­deln; er hasst die Juden allein deshalb, weil sie Juden sind.

Ihren irrationalen Judenhass begründen Antisemiten also mit dem Verweis auf verschiedene, „den Juden“ zugeschriebene negative Wesenszüge sowie deren vermeintliche Verantwortung für be­stimmte gesellschaftliche und politische Missstände. Solche Begründungen weichen - wie oben be­reits angedeutet - teilweise stark voneinander ab, weshalb in der Fachliteratur vier Begründungszu­sammenhänge bzw. Formen des Antisemitismus genannt werden, die zu verschiedenen Zeiten unter­schiedliche Relevanz besaßen.16,17 Für eine nähere Bestimmung des Antisemitismusbegriffs erweist es sich daher als hilfreich, diese im Einzelnen zu erläutern. Da wäre als Erstes der christliche Antijudais­mus, eine Variante des Judenhasses, die sich aus der Konkurrenz zwischen Judentum und Christentum ergab und die sich auf „spezifisch christliche bzw. biblische Motive, Bilder, Begebenheiten oder L e­genden im christlich-historischen Diskurs beruft“.18 Im Besonderen sind hier Anspielungen und De­nunziationen wie „Christusmörder“, „Brunnenvergifter“, „rachsüchtig“, „Kindermörder“, „Hostien­schändung“ und „Auge um Auge“ zu nennen. Der christliche Antijudaismus war die vorherrschende Form des Antisemitismus vom Mittelalter bis zur Neuzeit, gegenwärtig findet er jedoch kaum noch Verbreitung. Grund hierfür ist der im Zuge der Aufklärung eintretende Prozess der Säkularisierung, welcher auch das Phänomen des Antisemitismus erfasste; eine religiös begründete Abneigung gegen­über Juden war fortan nicht länger mehrheitsfähig, womit jedoch der Judenhass als solcher nicht aus der Welt war.19 Stattdessen wichen religiöse Argumentationsmuster einer zweiten Form des Antisemi­tismus, welche Juden eine vermeintlich genetisch bedingte Andersartigkeit zuschreibt. Dieser rassisti­sche Antisemitismus, welcher häufig in pseudo-wissenschaftlichem Gewand auftritt, war vor allem im 19. Jahrhundert weit verbreitet, fand seinen Höhepunkt zur Zeit des Dritten Reichs und mündete schließlich in der Tragödie des Holocaust. Er liegt dann vor, „wenn auf Juden als ein ,Abstammungs- kollektiv’ mit (antijüdischen) Vorurteilen Bezug genommen wird“,20 d. h. der rassistische Antisemi­tismus betont die konstitutionelle Andersartigkeit der Juden als Rasse. Solche Zuschreibungen an Ju­den können sich entweder auf deren äußeres Erscheinungsbild („klein“, „hässlich“, „fett“, „große Na­se“, „dunkle, lockige Haare“ etc.) oder aber auch auf deren Kultur bzw. Charakter („Wucherer“, „u n- versöhnlich“, „machtgierig“, „hinterhältig“, „verschwörerisch“, „heimatlos“, „parasitär“ etc.) bezi e­hen. Derartige Argumentationsmuster haben jedoch seit dem Ende des Nationalsozialismus stark an Bedeutung verloren; der rassistische Antisemitismus gilt gegenwärtig - v. a. unter dem Eindruck sei­ner grausamen Kulmination, dem Holocaust - als gesellschaftlich geächtet.21 Daher waren Antisemi­ten fortan gezwungen, ihre Judenfeindschaft neu zu „legitimieren“. Das Resultat hiervon ist ein neuer, dritter Begründungszusammenhang, der für die Gegenwart des Antisemitismus von hoher Relevanz ist. Die Rede ist vom sekundären Antisemitismus, welcher dann vorliegt, „wenn Juden der Vorwurf gemacht wird, sie nutzten die Shoah bzw. Auschwitz aus, etwa um sich zu bereichern, um ihre Interes­sen durchzusetzen, um eigene Taten zu rechtfertigen etc.“.22 Dieses neuartige antisemitische Argumen­tationsmuster kann als Reaktion auf den Völkermord an den Juden angesehen werden und speist sich aus Gefühlen der Scham und Schuldabwehr, die in erster Linie in den Nachfolgegesellschaften des Dritten Reichs, also der Bundesrepublik Deutschland und Österreich, verbreitet sind:

„Nicht trotz, sondern wegen Auschwitz werden Ressentiments gegen Juden mobilisiert, die sich an Entschädigungsleistungen und Wiedergutmachungszahlungen kristallisieren. Wie lan­ge man noch büßen müsse, ob die unschuldigen Enkel noch für den Holocaust zahlen sollten, lauten die Schlachtrufe, und die Vermutung, ,die Juden’ würden sich am Völkermord berei­chern, weil sie eben mit allem Geschäfte machen würden, gehört ins Arsenal der Abwehr und der Selbstbeschwichtigung.“23

Neben dem sekundären Antisemitismus ist gegenwärtig v. a. eine vierte Erscheinungsform, die des Antizionismus, von gesteigerter Bedeutung. Dieses brisante, hochaktuelle und gleichzeitig umstrittene Phänomen bedarf einer etwas ausführlicheren Erläuterung.

1.2 Zur Unterscheidung zwischen Antizionismus und legitimer Israelkritik

Der Terminus „Antizionismus“ bezeichnet in seiner ursprünglichen Bedeutung eine ablehnen­de Haltung gegenüber dem Zionismus, einer im 19. Jahrhundert entstandenen und meist mit Theodor Herzl in Verbindung gebrachten Idee bzw. Bewegung innerhalb des Judentums, „die als Reaktion auf die katastrophalen Lebensbedingungen der Juden in Osteuropa die Rückkehr zum religiösen Aus­gangspunkt, das ,Land Israel’, propagiert“.24 Ist Zionismus also die Überzeugung, Juden bräuchten einen eigenen Staat, einen sicheren Ort, um ihrem Status als vielfach diskriminierte, unterdrückte und verfolgte Minderheit innerhalb der europäischen Mehrheitsgesellschaften ein Ende zu setzen, so be­zeichnet Antizionismus die Auffassung, eine solche Staatsgründung sei unnötig bzw. zu verurteilen. Seit der Verwirklichung der zionistischen Idee durch die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 richtet sich der Antizionismus konsequenterweise meist gegen den Staat Israel und dessen Existenz­recht: Antizionismus wurde „zum Schlachtruf gegen Israel, der die Legalität der staatlichen Existenz bestreitet und sie rückgängig machen, die jüdischen Einwohner des Landes vertreiben will“.25 Daher werden die Begriffe „Antizionismus“ und „Antiisraelismus“ heute weitestgehend synonym verwendet. Zwar gibt es Autoren, die auf eine theoretische Trennung von Antizionismus und Antiisraelismus verweisen,26 jedoch ist in der Praxis von einer weitgehenden Überlappung dieser beiden Konzepte auszugehen; schließlich ist es nur konsequent, als Antizionist auch das in der zionistischen Idee einge­bettete Existenzrecht Israels in Frage zu stellen.27 Neben seiner Nähe zum Begriff des Antiisraelismus ist der Antizionismus zudem zu einem Chiffre für Antisemitismus geworden: Antizionismus zielt ab auf die „Delegitimierung des Staates Israel, die spätestens nach dem Holocaust de facto gleichbedeu­tend mit der Verweigerung eines sicheren Ortes für Juden ist. So verstanden, muss die Verweigerung eines Rechts auf Staatsbildung für Juden als antisemitisch bezeichnet werden.“28 Innerhalb der wissen­schaftlichen Fachgemeinde ist jedoch umstritten, ob es sich beim Antizionismus tatsächlich um eine neuartige Form des Antisemitismus handelt:

„Der Antisemitismusvorwurf gründet auf der Vermutung, dass das Gesagte nicht das Gemein­te ist - daß [sic] Kritik an Israel nur ein Vorwand ist, um antisemitische Ideen oder Gefühle zu artikulieren, bewußt [sic] oder auch unbewußt [sic]. Die andere Seite hingegen argwöhnt, daß [sic] der Antisemitismusvorwurf nur dem Interesse Israels dient, legitime Kritik an Israels Po­litik zum Schweigen zu bringen, die Kritik mit Hilfe der stärksten verfügbaren Waffe aus dem Feld des legitimen Diskurses zu verbannen.“29

Während Befürworter des Antizionismuskonzepts also behaupten, dass die Kritik an Israels Politik häufig über ein sachlich gerechtfertigtes Maß hinausgehe, sich in ihrer Konsequenz gegen das Exis­tenzrecht Israels richte und ihr wahres Motiv somit antisemitisch sei, sehen dessen Kritiker in der Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus lediglich ein politisches Instrument, das der Immunisierung Israels gegenüber Kritik diene. Nach Ansicht Letztgenannter werde legitime Kritik an Aktionen des Staates Israel viel zu leichtfertig als Antizionismus bzw. Antisemitismus gebrandmarkt. Einigkeit besteht innerhalb der wissenschaftlichen Fachgemeinde lediglich darin, dass eine Kritik an der Politik Israels nicht per se antisemitisch ist, es aber andererseits durchaus Fälle gibt, in denen Isra­elkritik als Umwegkommunikation für Antisemitismus dient. Daher stellt sich in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Debatte um den Antizionismus, welche emotional stark aufgeladen ist und oftmals hitzig geführt wird, in erster Linie die Frage, „wo legitime Kritik an israelischer Politik aufhört und eine antisemitisch motivierte Ablehnung der Existenz Israels beginnt“.30

Zahlreiche Autoren haben daher den Versuch unternommen, die Grenze zwischen legitimer Is­raelkritik und Antizionismus auszuloten sowie Grundsätze für eine angemessene, nicht-antisemitische Kritik israelischer Politik zu bestimmen, darunter u. a. die Historiker Tony Judt31 und Georg Kreis32 sowie die Philosophin und bekannte Feministin Judith Butler.33 Deren Einschätzungen fallen jedoch recht unterschiedlich aus, je nach persönlicher Meinung und politischem Standpunkt. Daher sind sie als Grundlage für den Analyseteil dieser Arbeit ungeeignet. Stattdessen empfiehlt es sich an dieser Stelle, auf die Ausführungen Philipp Gesslers zum sog. „neuen Antisemitismus“ zurückzugreifen (un­ter dem Terminus des neuen Antisemitismus werden der sekundäre Antisemitismus und der Antizio­nismus subsumiert, also jene Formen des Antisemitismus nach 1945, die sich von seinen beiden frühe­ren Formen, dem christlichen Antijudaismus und dem rassistischen Antisemitismus, unterscheiden ; es gibt jedoch auch Autoren, die die Begriffe Antizionismus und neuer Antisemitismus weitgehend sy­nonym verwenden).34 35 36 Gessler beruft sich auf das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin, das in einer Studie aus dem Jahr 2003 zehn Argumentationsmuster auflistet, die dem neuen Antisemitismus zugerechnet werden. Die Ausführungen des ZfA sind ab­schließend und stichpunktartig formuliert und ermöglichen es daher, legitime Israelkritik von Antizio­nismus bzw. Antisemitismus effektiv zu unterscheiden; Kritik an Israel ist demnach als antizionistisch bzw. antisemitisch einzustufen, wenn eines der folgenden zehn Argumentationsmuster vorliegt:35,36 (1) Vergleiche von Aktionen Israels mit den Untaten des Naziregimes (Täter-Opfer-Umkehr); (2) Hinwei­se auf vermeintliche Übereinstimmungen von Zionismus und Faschismus; (3) Anwendung „klassi­scher“ antisemitischer Stereotype auf den Staat Israel bzw. dessen Politik; (4) Verweise auf eine an­gebliche „jüdische“ bzw. „zionistische Weltverschwörung“ oder auch auf ein „internationales Juden­tum“; (5) Verallgemeinerungen, welche das Judentum und den Staat Israel gleichsetzen; (6) Behaup­tungen, Juden bzw. Zionisten hätten weit überproportionalen Einfluss auf die Medien, die Finanzwirt­schaft und/oder den Staat; (7) Aussagen, nach denen die Politik der USA von „den Juden“ bestimmt werde oder umgekehrt Israel lediglich ein „imperialistischer Vorposten“ der USA im Nahen Osten sei; (8) Charakterisierungen Israels als per se „rassistisch“ bzw. als „Apartheidregime“; (9) Ansichten, die dem Staat Israel eine fundamentale Differenz zu anderen Staaten unterstellen, was sich darin äußert, dass israelische Handlungen und die anderer Staaten anhand verschiedener Maßstäbe beurteilt werden; (10) Zurückführungen sämtlicher kriegerischer Auseinandersetzungen im Nahen Osten auf eine an­geblich alleinige Aggression Israels gegenüber vermeintlich friedlichen Nachbarstaaten.

1.3 Antisemitismus: Verbreitung in Deutschland und Bedeutung der Medien

Für den weiteren Verlauf dieser Arbeit sind die Begriffe des Antisemitismus und des Antizio­nismus sowie dessen Abgrenzung von legitimer Israelkritik hiermit hinreichend bestimmt. In diesem Zusammenhang ist jedoch noch eine weitere Frage bedeutsam, nämlich die der gegenwärtigen Ver­breitung des Antisemitismus in Europa und speziell in Deutschland. Bei der Beantwortung dieser Fra­ge ist es hilfreich, die in der o. g. Definition von Fein enthaltene Unterscheidung zwischen verschiede­nen Intensitäten des Antisemitismus zu berücksichtigen: So ist es in der Fachliteratur üblich, zwischen einem „manifesten Antisemitismus, der sich in Attacken gegen Personen, in Sa chbeschädigungen und Propagandadelikten äußert, sowie einem latenten Antisemitismus, der sich im Alltagsdiskurs allenfalls als stillschweigendes Einverständnis über „die Juden“ zeigt, der aber überwiegend auf der Einstel­lungsebene bleibt und nur in Meinungsumfragen oder am Stammtisch [... oder] in Leserbriefen in Er­scheinung tritt“,37 zu unterscheiden. So hat die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland seit 1990 zugenommen und erreichte im Jahr 2001 ihren vorläufigen Höhepunkt, als 1629 solcher Strafta­ten registriert wurden, bei deren überwiegender Mehrheit es sich um Propagandadelikte handelte.38 Seitdem ist diese Zahl zwar leicht rückläufig, sie bewegt sich jedoch weiterhin auf hohem Niveau. Verübt werden antisemitische Straftaten in Deutschland meist von Personen aus dem rechtsextremen Spektrum, aber auch muslimische Migranten treten dabei immer häufiger als Täter in Erscheinung. Ein noch größeres Problem stellt jedoch der latente Antisemitismus dar: So gibt es zahlreiche Studien zur Verbreitung antisemitischer Einstellungen, deren Ergebnisse je nach konkreter Fragestellung, Zeit­raum und Zielgruppe variieren. Gemeinsamer Nenner all dieser Untersuchungen ist, dass antisemiti­sche Anschauungen in Deutschland weit verbreitet sind: So ergab bspw. eine Studie der Bielefelder Forschungsgruppe „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ aus dem Jahr 2004, dass sich „klassi­sche“ antisemitische Ressentiments bei etwa 15% der Deutschen finden, sekundärer Antisemitismus und Antizionismus sogar von 31-60% der hiesigen Bevölkerung vertreten werden.39 40 41 Überproportional häufig finden sich Einstellungen, die dem neuen Antisemitismus zugerechnet werden, bei muslimi­schen Migranten und in der politischen bzw. radikalen Linken.40,41 Sekundärer Antisemitismus und Antizionismus sind jedoch nicht den politischen Extremen vorbehalten, sondern auch in der Mitte der Gesellschaft mehrheitsfähig. In den vergangenen Jahren hat die Bereitschaft des durchschnittlichen Bürgers, seine Stimme gegenüber antisemitischen Äußerungen in seinem Umfeld zu erheben, deutlich abgenommen,42 während im Gegenzug das antisemitische Vorurteil, Juden hätten selbst schuld daran, dass man sie hasst, hohe Zustimmungswerte verzeichnet.43 Ein Anstieg antisemitischer Einstellungen in der europäischen Bevölkerung war v. a. seit Beginn der Zeiten Intifada im Jahr 2000 zu verzeich­nen. Seitdem sind auch die Rolle der Medien und deren Berichterstattung über den Nahostkonflikt verstärkt in den Fokus der Antisemitismusforschung gerückt. Aribert Heyder et al. schreiben hierzu:

„Der Anstieg antisemitischer Einstellungen in der europäischen Bevölkerung seit Beginn der Zweiten Intifada im Jahr 2000 wird zunehmend unter dem Aspekt der Medienberichterstattung über den Nahostkonflikt betrachtet. Vor dem Hintergrund der Veröffentlichung der jüngsten empirischen Studien zum Ausmaß des Antisemitismus in Europa geriet die europäische Presse aufgrund ihrer Berichterstattung ins Kreuzfeuer der Kritik: Einseitige und antiisraelische Rap­porte schürten antisemitische Ressentiments innerhalb der Bevölkerung [...]. Erste empirische Hinweise auf die Existenz eines solchen Zusammenhangs finden sich bereits in einer Studie der Anti Defamation League (ADL) von 2002: Hier wird eine bedeutsame Rolle der Medien bei der Formung von Einstellungen gegenüber Israel festgestellt, die sich zum Beispiel daran festmacht, daß [sic] Menschen, die den Nahostkonflikt in den Medien häufig verfolgen, eher Partei für die palästinensische Seite ergreifen [...]. Transportierten die (deutschen) Medien antiisraelische bzw. antisemitische Inhalte?“44

2. Darstellung des Forschungsstandes - Das Bild Israels in den deutschen Medien

Doch auch schon lange vor der Zweiten Intifada gab es Untersuchungen, welche sich dieser und ähnlichen Fragen gewidmet haben. Die wohl älteste „wissenschaftliche“ Studie zum Israelbild in den deutschen Medien stammt von Kenneth M. Lewan,45 der darin die Veröffentlichungen der west­deutschen Presse zum Sechstagekrieg analysierte. Dabei handelt es sich jedoch „um eine stark tenden­ziöse, normativ arbeitende Studie, in der der Presse ausschließlich Beschönigung und Rechtfertigung des israelischen Verhaltens vorgeworfen wird und die zur scharfen Abrechnung mit dem Staat Israel benutzt wird“.46 Daher sind die Ergebnisse der Untersuchung Lewans, der für seine israelfeindliche Haltung und seine Nähe zu Holocaustleugnern bekannt ist,47 mit größter Vorsicht zu genießen. Eine weitere, relativ alte Studie zu diesem Thema stammt von Margot Sonnenberg.48 In ihrer Dissertation widmet sich Sonnenberg der Darstellung der israelischen Friedenspolitik in der überregionalen Presse zwischen Juni 1980 und Juni 1981. Diese Studie ist wesentlich seriöser als die von Lewan und deckt sich in ihren Ergebnissen größtenteils mit einer 1998 von Astrid Hub durchgeführten Untersuchung.49

Hub liefert mit ihrem Werk Das Image Israels in den deutschen Medien: zwischen 1956 und 1982 eine äußerst umfangreiche Studie zu Beschaffenheit und Wandel des Israelbildes in den deut­schen Medien. Hintergrund ihrer Arbeit sind Vorwürfe, die vonseiten Israels an die deutschen Medien herangetragen wurden, nämlich dass diese durch eine verzerrte und einseitige Berichterstattung ein negatives Image Israels erzeugen würden. Die Richtigkeit dieses Vorwurfs will Hub mit ihrer Studie prüfen und leitet aus dieser zentralen Leitfrage zehn konkrete Forschungsfragen ab, darunter bspw., welches Israelbild in den verschiedenen Medienangeboten erzeugt wird und ob bzw. wie sich das Image Israels im Laufe der Zeit gewandelt hat. Zu deren Beantwortung greift Hub auf einen multime­thodischen Zugang zurück; den größten Teil der Untersuchung nimmt dabei die quantitative Inhalts­analyse in Anspruch: Sie umfasst sämtliche Artikel der beiden Tageszeitungen Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Allgemeine Zeitung, der beiden Wochenzeitungen Die Zeit und Rheinischer Merkur sowie des Nachrichtenmagazins Der Spiegel mit Themenschwerpunkt „Israel“, die im Zeitraum von jeweils zwei Wochen vor Beginn und zwei Wochen nach Ende des Suezkrieges 1956, des Sechstage­krieges 1967, des Jom-Kippur-Krieges 1973 und des Libanonkrieges 1982 sowie während der jeweili­gen Kriege erschienen sind.50 Dabei kommt Hub zu den folgenden, für diese Arbeit relevanten Ergeb- nissen:51 (1) Über das „Innenleben“ Israels werde vergleichsweise wenig berichtet. Diese Berichter­stattung falle relativ wertneutral aus und verändere sich im Laufe der Jahre kaum, mit der Ausnahme, dass in der öffentlichen Meinung der israelischen Gesellschaft vonseiten der deutschen Presse ein zu­nehmender Rechtstrend wahrgenommen werde. (2) Die Berichterstattung über das außenpolitische Verhalten Israels falle hingegen sehr umfangreich aus und sei äußerst wertgeladen bzw. wertend. Sie unterliege im Laufe der Jahre starken Schwankungen und verschiebe sich insgesamt zu Ungunsten Israels. (3) Die Verschlechterung des Images Israels über die Jahre vollziehe sich weitestgehend unab­hängig von den tatsächlichen außenpolitischen Handlungen des israelischen Staates. (4) Das Image Israels in den konservativen Medien Frankfurter Allgemeine Zeitung und Rheinischer Merkur sei posi­tiver als das in den liberalen Presseorganen Süddeutsche Zeitung und Die Zeit. Bei der Wochenzeitung Die Zeit dränge sich in einigen Fällen sogar der Verdacht antisemitischer Untertöne auf. (5) Die Kritik Israels an der Berichterstattung der deutschen Medien über den Nahostkonflikt sei zumindest für die Zeit nach 1973 gerechtfertigt. Diese einseitige und überzogen israelkritische Berichterstattung gefähr­de nach Hubs Ansicht das Verhältnis zwischen Deutschland und Israel; eine Einschätzung, der sich andere Autoren später angeschlossen haben.52

Diese Negativität des Israelbildes in den deutschen Medien wird bestätigt durch eine Studie von Rolf Behrens aus dem Jahr 2003, in der er das Bild Israels in dem Nachrichtenmagazin Der Spie­gel zwischen 1987 und 1992 (Erste Intifada) sowie zwischen 2000 und 2002 (Zweite Intifada oder auch Al-Aqsa-Intifada) analysiert. Auch Behrens greift dabei auf einen Methodenmix aus quantitativer und qualitativer Inhaltsanalyse zurück.53 Durch die Analyse von insgesamt 345 Artikeln gelangt Be­hrens u. a. zu den folgenden Ergebnissen:54 (1) Die im Untersuchungszeitraum erfolgte Darstellung Israels im Spiegel sei konstant negativ: Sein Image sei das eines brutalen Besatzers und die Berichter­stattung reduziere sich weitgehend auf gewalthaltige und negative Aspekte. (2) In der Berichterstat­tung des Spiegels fänden sich zum Teil eindeutig identifizierbare antisemitische Ressentiments. Diese werden von Behrens größtenteils mit dem verstorbenen Herausgeber Rudolf Augstein in Verbindung gebracht. (3) Ariel Scharon werde zu einem Feindbild stilisiert und die Auseinandersetzungen zwi­schen Israelis und Palästinensern auf einen Zweikampf zwischen diesem und Jassir Arafat reduziert. (4) Veränderungen des Israelbildes im Spiegel seien unabhängig von der Entwicklung des deutsch­israelischen Verhältnisses, würden aber von aktuellen innenpolitischen Vorgängen in Israel sowie vom israelischen Verteidigungsverhalten beeinflusst. So werde Israel positiver dargestellt, wenn es von einem sozialdemokratischen Premierminister regiert wird, und es werde negativer bewertet, wenn es auf Bedrohungen militärisch reagiert. Dabei spiele es keine Rolle, ob eine Kampfhandlung des israeli­schen Militärs als objektiv notwendig bzw. gerechtfertigt erscheint oder nicht; bei militärischem Han­deln werde Israel generell negativ dargestellt.

Noch im selben Jahr erschien eine weitere, äußerst umfangreiche Studie zum Israelbild in den deutschen Medien. Aufgrund der merklichen Ausdehnung der Berichterstattung über den Nahostkon­flikt in den deutschen Medien mit Beginn der Zweiten Intifada im Jahre 2000 sah sich das American Jewish Committee dazu veranlasst, eine Untersuchung in Auftrag zu geben, welche die Beschaffenheit des ausgedehnten medialen Diskurses analysieren sollte. Durchgeführt wurde die Studie von den bei­den Sprachwissenschaftlern Siegfried und Margarete Jäger, welche neben der Analyse des Images beider Konfliktparteien auch den Fragen nachgingen, ob sich in der Medienberichterstattung antisemi­tische Stereotype finden und inwieweit diese die Einstellungen der Medienkonsumenten zu Israel und zu Juden negativ beeinflussen kann. Um diese anspruchsvollen Fragen zu klären, untersuchten Jäger und Jäger sämtliche Artikel über den Nahostkonflikt, die im Zeitraum zwischen 28. September 2000 und 8. August 2001 in den Printmedien Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Rundschau, Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung, Der Tagesspiegel, Die Tageszeitung sowie Die Welt erschienen sind. Dadurch ergab sich ein Untersuchungsmaterial von insgesamt 2505 Artikeln, welche Jäger und Jäger mittels des Instrumentariums der kritischen Diskursanalyse durchleuchteten.55 Ihre Studie ergab u. a. folgende Ergebnisse: (1) Die Israelis würden mit „starken Negativcharakterisierungen bedacht [...], insbesondere wenn es um das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen der als martialisch charakterisierten israelischen Armee auf der einen und den als hoffnungslos unterlegen dargestellten Palästinensern auf der anderen Seite geht“.56 (2) „Daneben [fände] sich eine Fülle von negativen Charakterisierungen der Israelis oder des Staates Israel, durch die der Konflikt unzulässig personalisiert und verallgemeinert [werde]. Es [würden] abwertende Zuschreibungen vorgenommen, durch die den Personen ihr Subjekt­status aberkannt [werde], indem sie mit Maschinen [...] oder Tieren verglichen [würden]. Auch Fah­nenbegriffe [... heizten] den Diskurs auf und [dämonisierten] die dargestellten Personen oder Grup- pen.“57 (3) Deutlich seltener fänden sich negative Zuschreibungen an die Palästinenser, doch auch diese kämen in den untersuchten Artikeln nicht allzu gut weg. So würden sie bspw. häufig als ver­meintlich rückständige und hilflose Opfer dargestellt. (4) Die deutschen Medien würden häufig versu­chen, eine einseitige Berichterstattung über den Nahostkonflikt dadurch zu vermeiden, dass man ein­fach die Gräueltaten der einen Seite denen der anderen gegenüberstelle. Eine solche Vorgehensweise habe jedoch den negativen Effekt, dass beide Seiten diskreditiert würden. (5) In der Berichterstattung fänden sich antisemitische Stereotype, die von sekundärem Antisemitismus und Nazi-Vergleichen bis hin zu christlichem Antijudaismus reichten. Vor allem durch derartige Charakterisierungen, aber auch durch andere Aspekte ihrer Berichterstattung über Israel und den Nahostkonflikt würden die Medien dazu beitragen, antiisraelische und sogar antisemitische Tendenzen in der Bevölkerung zu verstärken.

Die wohl aktuellste Studie zu Israelkritik und Antisemitismus in den deutschen Medien stammt von Robert Beyer. Dessen Untersuchung stellt ein Novum innerhalb der bisher vorgestellten Studien dar, da er im Gegensatz zu diesen keine Printmedien untersuchte, sondern ein Medienangebot aus dem Bereich des Rundfunks. Die Rede ist von der Tagesschau, welche damals wie heute das un­angefochtene Meinungsführermedium im Bereich der deutschen Nachrichtensendungen darstellt.58 Beyer führte die Untersuchung im Rahmen seiner Magisterarbeit durch und ging dabei von der Leit­these aus, dass die Berichterstattung in der Tagesschau ebenso wie die in verschiedenen Printmedien einseitig und zu Ungunsten Israels ausfällt. Zur Überprüfung dieser These wurden sämtliche Beiträge zu Israel und dem Nahostkonflikt analysiert, die im Zeitraum zwischen dem 1. August 2005 und dem 30. April 2006 in der Tagesschau ausgestrahlt wurden; dies waren 140 an der Zahl.59 Als Methode wählte Beyer die quantitative Inhaltsanalyse, in deren Rahmen er ein sehr detailliertes Codierbuch mit insgesamt 28 Kategorien entwarf. Ausgehend von fünf konkreten Hypothesen gelangt Beyer u. a. zu folgenden Ergebnissen: (1) „Israel [erscheine] vorwiegend dann in der Tagesschau, wenn negative Entwicklungen eintreten bzw. zu erwarten [seien].“60 (2) Die Journalisten der Tagesschau würden weitgehend auf explizite Wertungen verzichten und israelische Politik stattdessen implizit kritisieren. (3) „[Träten] Wertungen auf, dann zu Ungunsten der israelischen Akteure.“61 (4) „Antisemitische und antiisraelische Tendenzen in der Tagesschau [beschränkten] sich auf die Vermischung der Begriffe jüdisch und israelisch und die einseitige Betonung der Aggressorrolle Israels.“62 Beyer sieht die Er­gebnisse seiner Untersuchung in Übereinstimmung zu anderen, relativ aktuellen Studien der Medien­analyseinstitute Media Tenor International AG (ehemals Medien Tenor) und Institut für empirische Medienforschung GmbH, welche ebenfalls zu dem Ergebnis kommen, dass sich die Berichterstattung über Israel einseitig auf die Darstellung von Gewalt reduziere, dass der Nahostkonflikt stark asymmet­risch und Israel in der Rolle des alleinigen Aggressors abgebildet werde und dass der Nahostkonflikt übermäßig häufig personalisiert bzw. auf bestimmte Personen wie Ariel Scharon reduziert werde.63

Das Problem einseitiger und unfairer Medienberichterstattung ist selbstverständlich nicht auf Deutschland beschränkt. So forderten bspw. im Juni 2002 konservative jüdische Organisationen in den USA ihre Mitglieder dazu auf, die Los Angeles Times und andere Zeitungen aufgrund ihrer antiisraeli­schen Berichterstattung zu boykottieren.64 Daher wurden und werden auch in anderen Ländern wissen­schaftliche Analysen durchgeführt, welche sich der Darstellung Israels und des Nahostkonflikts in den Medien widmen. Solche Studien existieren u. a. für die Vereinigten Staaten65 und Spanien.66 Auf deren Ergebnisse soll an dieser Stelle jedoch nicht eingegangen werden, da sie für die vorliegende Arbeit nur bedingt von Relevanz sind; schließlich liegt der Fokus dieser Untersuchung auf dem Israelbild in den deutschen Medien. Zudem deckt sich die überwiegende Mehrheit der Befunde über das Medienbild Israels in anderen Ländern mit den Ergebnissen der vorgestellten deutschen Studien.67 „Neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung in Studien und Fachpresse findet auch im Internet eine bemerkens­werte Auseinandersetzung mit der Rolle der Medien im Nahostkonflikt statt [...].“68 Es existieren zahl­reiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs), welche die Medienberichterstattung über den Nahost­konflikt „überwachen“ und Verfehlungen online anprangern. Zu den wichtigsten pro-israelischen Or­ganisationen zählen dabei die in den USA tätige Vereinigung Honest Reporting sowie der im deutsch­sprachigen Raum operierende Verein Honestly Concerned e.V. Daneben gibt es aber auch NGOs, wel­che eine einseitige Berichterstattung der Medien zu Gunsten Israels bemängeln. Dazu gehören in den USA bspw. die Organisation Palestine Media Watch, in Deutschland ist hier v. a. Das Palästina Por­tal zu erwähnen. Die Unabhängigkeit solcher Organisationen, egal ob pro-israelisch oder pro­palästinensisch, ist jedoch zweifelhaft, und deren Arbeitsweise genügt i. d. R. nicht wissenschaftlichen Standards. Daher soll auf deren Befunde auch nicht näher eingegangen werden.

Betrachtet man die Ergebnisse der vorgestellten Studien, so ergibt sich ein relativ eindeutiges Gesamtbild: Die Berichterstattung der deutschen Medien ist häufig unausgewogen zu Ungunsten Isra- els; zahlreiche Medieninhalte können eindeutig als israelfeindlich eingestuft werden, manche gar als antisemitisch. Oder mit den Worten des Journalisten und Publizisten Heiner Lichtenstein: „Alles in allem darf man feststellen: das Bild Israels in deutschen Medien ist oft einseitig, negativ und verzerrt zu Lasten Israels.“69 Dabei ist insbesondere auf die folgenden Tendenzen in der Berichterstattung der deutschen Medien zu verweisen: (1) Die Berichterstattung über den Staat Israel beschränkt sich nahe­zu ausschließlich auf gewalthaltige und negative Aspekte; „Israel ist in den Medien nur das Land der Intifada oder der Holocaust-Überlebenden“.70 71 (2) Israel erscheint in den deutschen Medien häufig als ein monolithisches Gebilde, ein martialischer, expansionistischer und kompromissloser Besatzer, wel­cher die vermeintlich hilflosen und unschuldigen Palästinenser brutal unterdrücke. (3) Der Nahostkon­flikt wird oft auf unzulässige Weise simplifiziert und personalisiert, wobei es meist israelische Persön­lichkeiten sind, denen eine kriegstreibende Funktion zugeschrieben wird. (4) In der Berichterstattung der deutschen Medien finden sich zahlreiche antisemitische Stereotype, die größtenteils dem Phäno­men des neuen Antisemitismus zugerechnet werden können. Insbesondere sei hier auf unredliche Ver­gleiche zwischen israelischer und nationalsozialistischer Politik sowie auf unzulässige Gleichsetzun­gen von Israelis und Juden verwiesen. (5) Antizionismus und antisemitische Kritik an Israel finden sich häufiger in liberalen bzw. linksgerichteten Medien als in konservativen bzw. rechtsgerichteten Medien (dies gilt selbstverständlich nicht für rechtsextreme Medien wie bspw. die Deutsche Stimme). Bevor ich mich im empirischen Teil dieser Untersuchung der Frage widme, ob eine Analyse der Be­richterstattung über den Gaza Flotilla Incident zu ähnlichen Befunden führt, soll der Vorfall selbst in aller Kürze dargestellt werden. Schließlich ist es für ein tiefergehendes Verständnis der eigentlichen Analyse unumgänglich, das der untersuchten Berichterstattung zugrundeliegende Ereignis zu kennen.

3. Kontextbedingungen: Der Gaza Flotilla Raid 7

3.1 Hintergrund: Die Blockade des Gazastreifens

Die unmittelbaren Hintergründe des Gaza Flotilla Raids reichen zurück bis in das Jahr 2006. Im Februar dieses Jahres ging die radikal-islamische Hamas als Sieger aus den Parlamentswahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten hervor. Nachdem sie zunächst eine gemeinsame Regierung gebildet hatten, führten die seit langem schwelenden Konflikte zwischen der Hamas und der als eher gemäßigt geltenden Fatah im Juni 2007 zu bürgerkriegsähnlichen Gefechten zwischen den beiden Parteien, in deren Verlauf die Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen übernahm und die Fatah in das Westjordanland zurückdrängte.72 Diese Entwicklung wurde von der damaligen israelischen Regie­rung mit großer Besorgnis verfolgt. Schließlich hat sich die Hamas in ihrer von antisemitischen und islamistischen Elementen durchsetzten Charta der Vernichtung Israels und der Vertreibung des jüdi­schen Volkes aus Palästina verschrieben.73 Zudem hält die Hamas seit 2006 den israelischen Soldaten Gilad Schalit ohne jeden Kontakt zur Außenwelt gefangen und feuerte seit ihrer Machtübernahme mehr als 10000 Raketen auf israelisches Territorium ab.74 All diese Gründe veranlassten die israeli­sche Regierung zu einer Blockade des Gazastreifens: Sowohl Israel als auch Ägypten schlossen im Juni 2007 ihre Grenzübergänge nach Gaza und beschränkten die Ein- und Ausfuhr von Gütern. Auf diese Weise sollte verhindert werden, dass die Hamas Zugang zu Waffen und anderen, für die Sicher­heit Israels bedenklichen Gütern erhält. Darüber hinaus wurde die Versorgung des Gazastreifens mit Kraftstoffen und Elektrizität verringert, um zusätzlichen Druck auf die Hamas-Regierung auszuüben. Nachdem es mehrere Versuche gab, die Schließung der Grenzübergänge auf dem Seeweg zu umgehen, erweiterte die israelische Regierung im Sommer 2008 die Blockade des Gazastreifens um eine See­sperre, um so deren Effektivität zu erhöhen.75

Die Blockade des Gazastreifens war bzw. ist aus mehrerlei Hinsicht umstritten. Zum einen wird deren Auswirkung auf die Zivilbevölkerung, also der humanitäre Aspekt, kontrovers diskutiert. So kritisierten bspw. der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, sowie der UN­Menschenrechtsrat, die Blockade würde zu einer Unterversorgung der Menschen in Gaza führen. Die humanitäre Lage im Gazastreifen sei „unhaltbar“ und die Blockade stelle eine unzulässige „kollektive Bestrafung“ der dortigen Bevölkerung dar.76 Auf der anderen Seite gibt es Stimmen, die derartige Be­denken für übertrieben und die palästinensische Bevölkerung für ausreichend versorgt halten.77 So weist bspw. Johannes Gerloff darauf hin, dass Israel jede Woche mehrere tausend Tonnen an humani­tären Hilfsgütern für die Menschen in Gaza bereitstelle und die dortigen Märkte voll seien mit allem, was man zum täglichen Leben brauche.78 Zum anderen wird von verschiedener Seite die Effektivität bzw. der Nutzen der Blockade infrage gestellt. Während Befürworter der Blockade betonen, dass die Zahl von Angriffen auf Israel seit Beginn der Blockade abgenommen habe, weisen deren Kritiker bspw. darauf hin, dass allein zwischen Februar 2009 und Juni 2010 nahezu 500 Raketen aus dem Ga­zastreifen abgefeuert wurden und dass die Blockade dem Friedensprozess im Nahen Osten sowie dem internationalen Ansehen Israels daher mehr schade als dass sie israelischen Sicherheitsinteressen nüt- ze.79 Und drittens ist auch der rechtliche Aspekt der Blockade umstritten. So sehen der Menschen­rechtsrat der Vereinten Nationen sowie verschiedene Völkerrechtler wie Norman Paech die Blockade als unvereinbar mit dem Völkerrecht an und berufen sich dabei v. a. auf Art. 33 der IV. Genfer Kon­vention, der eine Kollektivbestrafung von Bevölkerungen verbietet.80 Befürworter der Blockade sehen diese jedoch als legitim an, um die Sicherheitsinteressen des souveränen Staates Israel zu wahren und berufen sich dabei in erster Linie auf das San Remo Manual on International Law Applicable to Armed Conflicts aus dem Jahre 1994.81

Der wohl bekannteste und aktivste Gegner der Blockade ist das Free Gaza Movement, eine internationale Organisation, die sich aus verschiedenen Hilfsorganisationen sowie politischen Aktivis­ten und Gruppen mit teils unterschiedlichen Zielen und Motiven zusammensetzt. Ihnen gemeinsam sind nach Eigendarstellung die „Solidarität mit dem palästinensischen Volk“ sowie das Bestreben, die Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Zu den Unterstützern des Free Gaza Movements zählen u. a. die katholische Friedensbewegung Pax Christi und die Deutsch-Palästinensische Medizinische Gesellschaft, aber auch prominente Persönlichkeiten wie Noam Chomsky und Desmond Tutu.82 Seit August 2008 hat die Organisation mehrfach versucht, die Blockade des Gazastreifens auf dem Seeweg zu durchbrechen, um so Hilfsgüter nach Gaza zu bringen und die Aufmerksamkeit der internationalen Staatengemeinschaft auf die Blockade zu lenken. Der Großteil dieser Aktionen blieb jedoch erfolglos, da die meisten Schiffe des Free Gaza Movements vom israelischen Militär an der Erreichung des Ga­zastreifens gehindert wurden. Anfang des Jahres 2010 traf das Free Gaza Movement Vorbereitungen für eine erneute Aktion, mit der die Seeblockade des Gazastreifens durchbrochen werden sollte. Hier­für arbeitete das Free Gaza Movement eng mit der Stiftung für Menschenrechte und Freiheiten und Humanitäre Hilfe (IHH) zusammen, einer in der Türkei ansässigen Organisation.83 Diese Zusammen­arbeit war und ist nach wie vor Ziel von Kritik, da es sich bei der IHH laut Quellen wie dem französi­schen Geheimdienst und dem Danish Institute for International Studies um eine antiisraelische Orga­nisation mit Verbindungen zum internationalen Terrorismus handelt.84

3.2 Chronologie des Zwischenfalls

Gemeinsam mit einigen weiteren Organisationen stellten das Free Gaza Movement und die IHH Mitte Mai 2010 eine Flotte zusammen, die aus insgesamt acht Schiffen bestand. Die Flotte, die sich selbst den Namen Gaza Freedom Flotilla (Gaza-Freiheitsflotte) gab, verfolgte nach eigener Aus- sage drei Ziele: die Blockade des Gazastreifens zu durchbrechen, die internationale Aufmerksamkeit auf die Blockade zu lenken und humanitäre Hilfsgüter nach Gaza zu bringen, welche hauptsächlich mithilfe von Spendengeldern finanziert wurden. Von den ursprünglichen acht Schiffen, die insgesamt 748, größtenteils aus der Türkei stammende Passagiere transportierten, hatten zwei mit technischen Problemen zu kämpfen und konnten sich nicht rechtzeitig am vereinbarten Treffpunkt einfinden. Die verbliebenen sechs Schiffe versammelten sich südlich von Zypern und brachen am 30. Mai 2010 in Richtung Gaza auf.85 Während die Aktivisten von sich behaupten, ausschließlich aus humanitären Gründen gehandelt und keinerlei Gewaltanwendung im Sinn gehabt zu haben, weisen zahlreiche Auto­ren auf Filmaufnahmen hin, die ein anderes Bild vermitteln. Auf diesen ist zu sehen, wie einige Akti­visten im Vorfeld der Aktion verkündeten, als Märtyrer sterben zu wollen und sich beim Ablegen der Schiffe mit islamistischen und antisemitischen Gesängen „in Stimmung brachten“.86 Neben den Moti­ven der Aktivisten war von Anfang an auch die Ladung der Flotte umstritten. Obwohl Vertreter des Free Gaza Movements und der IHH behaupteten, dass es sich bei dieser ausschließlich um humanitäre Güter handelte, wurden an Bord des Schiffes jedoch auch Waffen und andere militärische Ausrüs­tungsgegenstände wie Nachtsichtgeräte, Gasmasken und kugelsichere Westen gefunden.87

Die israelischen Behörden hatten bereits Anfang Februar 2010 von der geplanten Flotte erfah­ren und versuchten daraufhin zunächst auf diplomatischem Wege, die Gaza Freedom Flotilla an der Fahrt zu hindern. So bot bspw. die israelische Regierung an, die Hilfsgüter über israelische Häfen anzuliefern und diese dann unter Aufsicht einer neutralen Organisation nach Gaza weiterzuleiten. Die­ses Angebot wurde vonseiten des Gaza Freedom Movements und der IHH abgelehnt, was darauf hin­deutet, dass es deren Verantwortlichen nicht primär um die Lieferung von Hilfsgütern nach Gaza ging, sondern um eine öffentlichkeitswirksame Konfrontation mit Israel.88 89 Nachdem auch weitere diploma­tische Bemühungen, darunter ein Vermittlungsversuch der irischen Regierung, zu keinem Ergebnis führten, trafen israelische Behörden ab Mitte April erste Vorbereitungen zum Abfangen der Flotte. Bis zum 12. Mai war eine konkrete Vorgehensweise entwickelt worden, welche vorsah, die Flotte von Raketenschnellbooten, Helikoptern und Motorschlauchbooten aus zu entern. Als die Schiffe der Auf­forderung des israelischen Militärs, ihren Kurs zu ändern, nicht nachkamen, begann am Morgen des 31. Mai 2010 die Operation Seebrise (auch Operation Himmelswinde genannt): Soldaten der Marine­Spezialeinheit Shayetet 13 enterten gegen 04:00 Uhr morgens die zu diesem Zeitpunkt noch in interna­tionalen Gewässern befindliche Gaza Freedom Flotilla 8 Auf fünf der sechs Schiffe leisteten die Pas­sagiere lediglich passiven Widerstand, weshalb der Einsatz des israelischen Militärs hier ohne größere Zwischenfälle verlief. Auf dem sechsten Schiff, der Mavi Marmara, kam es jedoch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der Besatzung und den israelischen Streitkräften. Der erste Versuch, die Mavi Marmara von Booten aus zu entern, scheiterte am Widerstand der Besatzung. Es wurde ein zweiter Versuch unternommen, bei dem sich israelische Soldaten von Helikoptern aus auf das Ober­deck des Schiffes abseilten. Dort stießen sie auf die erbitterte Gegenwehr der Passagiere, welche die Marineangehörigen mit Fäusten, Stöcken, Metallstangen und Messern attackierten und zwei von ihnen vom Oberdeck stießen. Die israelischen Streitkräfte gingen ihrerseits mit Blendgranaten, Tränengas, Gummigeschossen und schließlich auch mit scharfer Munition gegen die Besatzung vor. Nach ca. 50 Minuten hatten die Soldaten das Kommando über das Schiff übernommen. Im Verlauf der Kampf­handlungen auf der Mavi Marmara starben neun der Passagiere, 50 von ihnen wurden zum Teil schwer verletzt. Auch sieben israelische Soldaten erlitten teils schwere Verletzungen.90

Die abgefangenen Schiffe wurden in den Hafen der israelischen Stadt Ashdod gebracht, wo zuvor ein Abfertigungszentrum für den Empfang der Passagiere errichtet worden war. Die Verletzten wurden in nahegelegene Krankenhäuser gebracht, während die restlichen Besatzungsmitglieder nach ihrer Abfertigung in das Ella-Gefängnis bei Beersheva überführt wurden. Der Aufenthalt der Passagie­re in dem Gefängnis dauerte zwischen 24 und 72 Stunden; einige von ihnen haben ausgesagt, während dieser Zeit eine schlechte Behandlung oder gar Gewalt durch das Gefängnispersonal erfahren zu ha­ben. Bereits am 1. Juni wurden die ersten Passagiere abgeschoben. Die meisten von ihnen wurden dazu zum Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv gebracht. Auch während des Ausweisungsverfahrens kam es laut Aussage der Aktivisten vereinzelt zu gewaltsamen Übergriffen durch das israelische Per­sonal. Die 31 verwundeten Besatzungsmitglieder, die in den Krankenhäusern in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa behandelt wurden, wurden nach drei bis fünf Tagen entlassen und anschließend ebenfalls abgeschoben. Die sechs Schiffe der Flottille wurden beschlagnahmt und erst nach längerer Zeit ihren ursprünglichen Besitzern zurückgegeben, das letzte am 7. August 2010. Auch einige persönliche Ge­genstände der Aktivisten wurden konfisziert, darunter v. a. Fotos und Videoaufzeichnungen. Andere einbehaltene Gegenstände wie Kreditkarten, Laptops und Mobiltelefone wurden den Besatzungsmit­gliedern größtenteils zu einem späteren Zeitpunkt zurückgegeben.91 Die an Bord gefundenen Waffen wurden von den israelischen Behörden einbehalten, während die Hilfsgüter von Israel in den Gaza­streifen weitergeleitet wurden; die Hamas verweigerte jedoch deren Annahme.

3.3 Internationale Reaktionen und Folgen

Der Gaza Flotilla Incident stellt ein in mehrerlei Hinsicht folgenreiches Ereignis dar. Zum einen hatte der Vorfall immense Auswirkungen auf die Außenbeziehungen Israels. Bereits wenige Stunden nach Bekanntwerden der Ereignisse vor der Küste Gazas meldeten sich zahlreiche Staats- und Regierungschefs sowie andere hochrangige Politiker zu Wort; die überwiegende Zahl von ihnen verur­teilte das Vorgehen der israelischen Streitkräfte. Nur vereinzelt waren Stimmen wie die des US- Vizepräsidenten Joe Biden und der tschechischen Regierung zu vernehmen, welche Verständnis für die Kommandoaktion äußerten. In Europa stieß die Kommandoaktion auf nahezu einhellige Ableh- nung. EU-Offizielle und Vertreter der einzelnen Staaten kritisierten u. a. den „durch nichts zu rechtfer­tigenden Gebrauch von Gewalt“, einige von ihnen forderten zusätzlich die Verhängung von Sanktio­nen gegen Israel.92 Auch das zuletzt angespannte Verhältnis zwischen Israel und den USA wurde durch den Vorfall zusätzlich belastet.93 Reichlich Kritik gab es zudem aus den Reihen der Vereinten Nationen.94 Einzelne Staaten wie Nicaragua gingen sogar so weit, ihre diplomatischen Beziehungen zu Israel abzubrechen.95 Die heftigsten Reaktionen gab es jedoch in der arabischen Welt: So bezeichnete bspw. der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amr Musa, Israel als „Schurkenstaat“. Zahlreiche Staats- und Regierungschefs forderten die Verhängung von Sanktionen gegen Israel und betonten die Gefahr einer erneuten Eskalation des Nahostkonflikts.96 Besonders schlecht steht es seit dem Vorfall um die einstmals guten Beziehungen zwischen Israel und der Türkei, aus der die meisten der Aktivis­ten stammten und die Sitz der IHH ist. So schürte bspw. der türkische Ministerpräsident Erdogan mit reißerischen Reden den Zorn auf Israel und forderte von der dortigen Regierung eine offizielle Ent­schuldigung für den Vorfall, was von dieser jedoch abgelehnt wurde.97

Außerdem forderte Erdogan - neben Vertretern anderer Staaten, der EU und der UN - die Ein­richtung einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung der Ereignisse vor der Küste Gazas. An­fang Juni verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, in deren Folge der UN­Menschenrechtsrat das Abfangen der Gaza Freedom Flotilla am 31. Mai 2010 auf Verstöße gegen das Völkerrecht, das internationale humanitäre Recht sowie die Menschenrechte untersuchte. Die israeli­sche Regierung erkannte diese Kommission nicht an, verweigerte ihr unter Verweis auf die zweifel­haften Ergebnisse früherer UN-Berichte (speziell des Goldstone-Reports) und die Parteilichkeit des Menschenrechtsrats die Zusammenarbeit und berief stattdessen eine eigenständige Untersuchungs­kommission unter Leitung des ehemaligen israelischen Verfassungsrichters Jacob Turkel ein, der auch zwei ausländische Beobachter (der britische Friedensnobelpreisträger David Trimble und der ehemali­ge kanadische Militärrichter Ken Watkin) angehörten. Während der Abschlussbericht des UN­Menschenrechtsrates den israelischen Behörden eine Reihe von Verstößen gegen das Völkerrecht ein­schließlich des internationalen humanitären Rechts und der Menschenrechte bescheinigt,98 kommt die Turkel-Kommission zu dem Ergebnis,99 dass zwar einige kleinere Pannen bzw. Fehler bei der Planung und Durchführung der Aktion erfolgt, die Blockade des Gazastreifens sowie die Aufbringung der Flot- te grundsätzlich aber legal seien. Dennoch führte die anhaltende internationale Kritik dazu, dass die israelische Regierung die Blockade des Gazastreifens zwar nicht aufhob, sie jedoch deutlich lockerte, was von den Unterstützern der Flotte als Erfolg gewertet wird.100

Im Anschluss an den Vorfall kam es in zahlreichen Ländern zu Demonstrationen gegen die Aufbringung der Schiffe sowie die Blockade des Gazastreifens.101 So gingen in der arabischen Welt, in Südasien, in Australien, in Europa, in den USA sowie in Israel selbst tausende Menschen auf die Stra­ße, um ihren Unmut über das israelische Vorgehen und die Situation im Nahen Osten zum Ausdruck zu bringen.102 Dabei kam es vielerorts auch zu Ausschreitungen und gewalttätigen Auseinandersetzun­gen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften, als bspw. die israelischen Botschaften in Athen und Istanbul von einer aufgebrachten Menschenmenge angegriffen wurden.103 Zudem war zu beobach­ten, dass sich auf manchen dieser Protestaktionen Israelkritik und Antisemitismus vermengten bzw. dass sie von einigen Demonstranten als Plattform für antisemitische Aussagen benutzt wurden. Über­haupt kam es im Anschluss an den Ship-to-Gaza-Zwischenfall zu einem rasanten Anstieg antisemiti­scher Äußerungen, die v. a. über online-Dienste wie Facebook und Twitter verbreitet wurden.104 In diesem Zusammenhang sei auch auf den Film Tal der Wölfe: Palästina hingewiesen, einen türkischen Actionfilm, welcher den Gaza Flotilla Raid thematisiert. Der Film, bei dem es sich um die teuerste türkische Produktion aller Zeiten handelt und den allein in der Türkei mehr als vier Millionen Men­schen im Kino sahen, wurde von verschiedener Seite für die in ihm enthaltenen antiamerikanischen und antisemitischen Stereotype sowie seinen volksverhetzenden Charakter kritisiert.105 Und schließlich wurde in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Medien kontrovers diskutiert. Einzelne Medien­angebote wurden wegen ihrer einseitigen, unfairen und/oder unprofessionellen Berichterstattung scharf kritisiert. Besondere Aufmerksamkeit erregte bspw. der Fall der Agentur Reuters, welche Bilder vom Kampf auf der Mavi Marmara zum Vorteil der Aktivisten manipulierte und auf diese Weise anti­israelische Ressentiments schürte.106 Dies verdeutlicht noch einmal die Relevanz einer wissenschaftli­chen Analyse der Medienberichterstattung über den Gaza Flotilla Incident, wie sie in dem nachste­henden empirischen Teil dieser Arbeit erfolgt.

Empirischer Teil

4. Untersuchungsdesign

Die Betrachtung der theoretischen Vorüberlegungen und des Forschungsstandes zeigt, dass es sich durchaus lohnt, die Darstellung Israels in den deutschen Medien in einer eigenen, unabhängigen Studie zu untersuchen. Obwohl das Problem einer einseitigen Berichterstattung zu Lasten Israels seit Längerem durch verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen angeprangert wird, zeigen aktuelle Studien wie die von Beyer, dass sich an diesem Missstand bis heute nur wenig geändert hat. Zudem ist trotz der eindeutigen Befunde der vorgestellten Studien das abwegige Vorurteil, Kritik an Israel sei in Deutschland tabu, im öffentlichen Diskurs nach wie vor weit verbreitet. Dadurch wird es notwendig, weiterhin über das verzerrte Israelbild in den Medien aufzuklären und sich wissenschaftlich mit die­sem Phänomen auseinanderzusetzen. Die vorliegende Arbeit soll ihren Beitrag dazu leisten: Sie orien­tiert sich in erster Linie an den Untersuchungen von Hub und Behrens, welche ebenfalls der Berichter­stattung über konkrete, israelbezogene Ereignisse gewidmet sind und welche ebenfalls mittels des Instrumentariums der quantitativen Inhaltsanalyse durchgeführt wurden. Aufgrund der vorgesehenen Seitenzahl dieser Arbeit und der recht eingeschränkten Bearbeitungszeit war es selbstverständlich nicht möglich, zu ähnlich umfangreichen Untersuchungsergebnissen wie denen der im zweiten Punkt vorgestellten Studien zu gelangen. Dennoch war es mir mittels eines validen Untersuchungsdesigns möglich, einige aussagekräftige Ergebnisse zu generieren, die möglicherweise den Anstoß zu weiteren Forschungen geben können. Die Beschaffenheit dieses Untersuchungsdesigns soll nachfolgend im Detail erläutert werden.

4.1 Hypothesen

Bei der Erstellung des Untersuchungsdesigns für diese Arbeit habe ich mich in erster Linie an den Ausführungen des Professors für Empirische Kommunikationsforschung an der Universität Erfurt, Patrick Rössler, aber auch an anderen einschlägigen Standardwerken zur empirischen Sozialforschung orientiert. Diesen zufolge stehen am Anfang eines jeden Forschungsprozesses die Darlegung des der Arbeit zugrunde liegenden Erkenntnisinteresses, der theoretischen Grundlagen und des Forschungs­standes sowie die Definition zentraler Begriffe. Dies ist bereits in der Einleitung sowie im theoreti­schen Teil dieser Arbeit geschehen. Dem folgt i. d. R. die Bildung der forschungsleitenden Hypothe­sen, welche sich an den theoretischen Vorüberlegungen sowie den Befunden der bisher zu dem Thema erschienenen Studien orientiert.107,108 Aus dem Forschungsinteresse, das Israelbild in den deutschen Medien am Fallbeispiel des Gaza Flotilla Raids zu analysieren, den Theorien zu Antisemitismus, An-107 108 tizionismus und der Rolle der Medien bei deren Verbreitung sowie den Ergebnissen der herangezoge­nen Vorgängerstudien lassen sich fünf überprüfbare Hypothesen ableiten:

1. Die Berichterstattung über den Gaza Flotilla Incident weist deutlich wertende Tendenzen auf. Diese Wertungstendenzen gehen mehrheitlich zu Ungunsten der israelischen Akteure.
2. Die Anführung direkter und indirekter Zitate fällt zum Nachteil Israels aus, d. h. Kritiker der Militäraktion bzw. der israelischen Politik kommen deutlich häufiger zu Wort als jene Stim­men, welche diese befürworten, unterstützen oder gegen Kritik verteidigen.
3. Israel wird als ein monolithisches Staatengebilde dargestellt, d. h. die Handlungen und Äu­ßerungen bestimmter israelischer Akteure werden auf sämtliche Israelis verallgemeinert.
4. Einige Artikel weisen antisemitische Äußerungen auf, die entweder dem Antizionismus oder dem sekundären Antisemitismus zuzurechnen sind. Christlicher Antijudaismus und ras­sistischer Antisemitismus finden sich in der Berichterstattung der Qualitätszeitungen hingegen nicht.
5. Die Berichterstattungen verschiedener Medienangebote über den Gaza Flotilla Raid wei­chen signifikant voneinander ab.
5.1 Durch unterschiedliche Bewertungen des Vorfalls, der involvierten Akteure und deren Motive sowie die Betonung bestimmter Aspekte des Ship-to-Gaza­Zwischenfalls bei gleichzeitiger Vernachlässigung anderer ergeben sich mehrere, von­einander abweichende Deutungsmuster.
5.2 Die in den Hypothesen eins bis drei genannten negativen Wertungstendenzen in Bezug auf Israel, die für die Darstellung Israels und seiner Unterstützer nachteilige Zitierweise sowie die besagten antiisraelischen bzw. antisemitischen Tendenzen sind in liberalen bzw. linksgerichteten Medien deutlich häufiger vorzufinden als in solchen, die dem konservativen Spektrum zugeordnet werden.

4.2 Untersuchungsmethode: die quantitative Inhaltsanalyse

Als Nächstes stellte sich die Frage nach der geeigneten Methode, also nach dem wissenschaft­lichen Verfahren, mit dem sich die oben genannten Hypothesen am besten überprüfen lassen. Die Wahl fiel dabei auf die quantitative Inhaltsanalyse, die gelegentlich auch als Textanalyse, Dokumen­tenanalyse oder Bedeutungsanalyse bezeichnet wird.109 Dabei handelt es sich um „eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen, meist mit dem Ziel einer darauf gestützten interpretativen Inferenz auf mitteilungsexterne Sachverhalte“.110 Die quantitative Inhaltsanalyse ist also dazu geeignet, von den manifesten Merkmalen eines Medienproduktes (Text, Bild, Video, Tonspur) auf die diesem zugrunde liegenden Intentionen sowie die von ihm ausgehenden Wirkungen zu schließen. Daher werden Images und Nationenbilder in der wissenschaftlichen Analyse meist mit dem Instrumentarium der quantitati­ven Inhaltsanalyse ermittelt.111 Darüber hinaus weist die quantitative Inhaltsanalyse eine Reihe von Vorteilen gegenüber anderen Forschungsmethoden auf. So erlaubt sie bspw. Aussagen über Kommu­nikatoren und Rezipienten, die nicht bzw. nicht mehr erreichbar sind. Zudem ist der Forscher nicht auf die Kooperation von Versuchspersonen angewiesen, es tritt keine Veränderung des Untersuchungsob­jekts durch die Untersuchung auf und die Untersuchung ist beliebig reproduzierbar oder mit einem modifizierten Analyseinstrument am selben Gegenstand wiederholbar.112 All diese Gründe sprachen dafür, die quantitative Inhaltsanalyse als Instrumentarium heranzuziehen, um so das Image Israels zu untersuchen, welches durch die Berichterstattung der deutschen Medien über den Gaza Flotilla Raid erzeugt bzw. vermittelt wird. Zwar hätte es sich aus Gründen der Forschungsgüte empfohlen, die quantitative Inhaltsanalyse durch weitere Methoden zu ergänzen, d. h. das Israelbild mittels eines mul­timethodischen Ansatzes zu analysieren, doch war dies aufgrund des vorgesehenen Umfangs der vor­liegenden Arbeit nicht möglich. Jedoch reicht auch die quantitative Inhaltsanalyse für sich genommen dazu aus, „die Häufigkeiten grundsätzlicher Daten zu erheben, die Beziehungen zwischen einzelnen Variablen zu verdeutlichen [sowie] einen Einblick in inhaltliche Merkmale von Aussagen zu geben“ und somit zu umfassenden, aussagekräftigen und validen Forschungsergebnissen zu gelangen.113

4.3 Auswahl des Untersuchungsmaterials

Der Bestimmung der geeigneten Methode schließt sich die Auswahl des zur Beantwortung der Forschungsfragen relevanten Untersuchungsmaterials an. Da die Inhaltsanalyse eine Verallgemeine­rung ihrer Befunde anstrebt, sind die Auswahleinheiten so zu bestimmen, dass sie die Bedingungen der Stichprobenverfahren für statistische Repräsentativität erfüllen. Rössler empfiehlt daher einen fünfstufigen Filterprozess, an dessen Anfang sämtliche existierenden Medieninhalte und an dessen Ende das zu bearbeitende Untersuchungsmaterial stehen.114 Die erste Stufe bildet dabei die Bestim­mung des relevanten Zeitraums, in dem die Medieninhalte zu betrachten sind. Dieser ließ sich ange­sichts der Fragestellung der vorliegenden Arbeit relativ schnell eingrenzen: Der Fokus dieser Untersu­chung liegt auf dem Israelbild, das sich in der Berichterstattung über den Ship-to-Gaza-Zwischenfall, welcher sich am 31. Mai 2010 ereignete, erzeugt bzw. vermittelt wird. In vereinzelten Medien fanden sich erste Vorberichte zu diesem Ereignis bereits am 28. Mai 2010, weshalb dieser Tag den Anfangs­punkt des für die vorliegende Arbeit relevanten Zeitraums darstellt. Die Berichterstattung über den Vorfall erreichte in den ersten Tagen nach dem Ereignis ihren Höhepunkt und ebbte bereits ab Mitte Juni wieder ab. Daher wurde der 17. Juni 2010 als Endpunkt festgelegt; der Untersuchungszeitraum umfasst somit 21 Tage. Den zweiten Schritt innerhalb des fünfstufigen Filterprozesses stellt die Be­stimmung des räumlichen Geltungsbereiches dar. Auch dieser ließ sich mit Blick auf den Titel dieser Arbeit schnell bestimmen, schließlich widmet sie sich dem Image Israels in den deutschen Medien. Der räumliche Geltungsbereich umfasst demnach die Bundesrepublik Deutschland, d. h. für die vor­liegende Untersuchung sind ausschließlich jene Medien von Interesse, deren Erscheinungsort in Deutschland liegt. In einem dritten Schritt werden die Mediengattungen bestimmt, welche in die Ana­lyse eingeschlossen werden sollen. Zweifellos stellen die Printmedien, insbesondere die Tageszeitun­gen, das dankbarste Untersuchungsmaterial für eine Inhaltsanalyse dar. Rössler schreibt hierzu:

„Sie [die Tageszeitungen] bilden einzelne, physische überschaubare Einheiten, die nebenei­nander gelegt, mitgenommen und archiviert werden können. Sie werden von öffentlichen Ein­richtungen und Bibliotheken gesammelt und sind noch lange Zeit einer Untersuchung zugäng­lich [...]. Außerdem verbindet man mit Tageszeitungen eine differenzierte und profunde, aber trotzdem aktuelle Berichterstattung, die Hintergründe mit einschließt. Da die Tageszeitung auch eine hohe Reichweite innerhalb der Bevölkerung hat, stellt sie die Auswahleinheit für die meisten in Deutschland durchgeführten Inhaltsanalysen dar.“115

Aufgrund all dieser Vorteile finden in der vorliegenden Untersuchung ausschließlich Tageszeitungen Beachtung. Andere Mediengattungen, darunter die Funkmedien und das Internet, werden aufgrund des deutlich höheren Aufwandes bei der Codierung und Archivierung nicht berücksichtigt.116 Viertens stellt sich nun die Frage, welche Medienangebote innerhalb der gewählten Mediengattung ausgewählt, d. h. welche konkreten Tageszeitungen in die Analyse einbezogen werden sollen. Zur Beantwortung dieser Frage empfiehlt es sich, auf drei von Rössler genannte Kriterien zurückzugreifen, nämlich die Publikumsresonanz (Höhe der Auflage), den sog. „Leitmedienstatus“ (Beeinflussung der Berichter­stattung anderer Medien) sowie die Abdeckung eines bestimmten inhaltlichen Spektrums (d. h. es müssen sowohl liberale als auch konservative Medien berücksichtigt werden):117 Unter Berücksichti­gung dieser Kriterien sowie der in den vorgestellten Vorgängerstudien ausgewählten Medienangebote und des vorgesehenen Umfangs dieser Arbeit fiel die Wahl auf die folgenden vier Tageszeitungen:

- Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die überregionale Tageszeitung FAZ gehört zur Verlagsgesellschaft der Fazit-Stiftung und hat eine Verkaufsauflage von 362460 Exemplaren.118 Sie gilt als gemäßigt konservativ.119

- Süddeutsche Zeitung

Die SZ ist eine überregionale Tageszeitung der Verlagsgesellschaft Süddeutscher Verlag mit einer Verkaufsauflage von 436997 Exemplaren. Sie gilt als gemäßigt liberal bzw. linksliberal.

[...]


1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf die konsequente Nennung beider Geschlechter verzichtet. Gemeint sind jedoch stets beide Geschlechter.

2 Vgl. Holz, Klaus: Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamistische, demokratische und antizionistische Juden­feindschaft. Hamburg 2005. S. 9.

3 Vgl. Gessler, Philipp: Der neue Antisemitismus. Hinter den Kulissen der Normalität. Freiburg 2004. S. 81ff.

4 Vgl. Özdemir, Cem: Muslimische Migranten und Antisemitismus. In: Faber, Klaus et al. (Hrsg.): Neu-alter Judenhass. Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik. Berlin 2007. S. 231-238.

5 Vgl. Mansel, Jürgen/Spaiser, Viktoria: Antisemitismus bei muslimischen Jugendlichen. Eigene Diskriminie­rungserfahrungen und transnationale Einflüsse. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 9. Frankfurt am Main 2010. S. 178-199. S. 183ff

6 Vgl. Zick, Andreas: Aktueller Antisemitismus im Spiegel von Umfragen - ein Phänomen der Mitte. In: Schwarz-Friesel, Monika et al. (Hrsg.): Aktueller Antisemitismus - Ein Phänomen der Mitte. Berlin/New York 2010. S. 225-245. S. 232f

7 Vgl. Holz 2005, a. a. O., S. 7.

8 Vgl. Stangor, Charles/Schaller, Mark: Stereotypes as Individual and Collective Representations. In: Macrae, C. Neil et al. (Eds.): Stereotypes and Stereotyping. New York & London 1996. Pp. 3-37. P. 12.

9 Vgl. Schmidt, Holger J.: Antizionismus, Israelkritik und „Judenknax“. Antisemitismus in der deutschen Linken nach 1945. Bonn 2010. S. 7ff.

10 Der Terminus Gaza Flotilla Raid wird in dieser Arbeit synonym zu den Begriffen Gaza Flotilla Incident und Ship-to-Gaza-Zwischenfall verwendet und bezeichnet die Militäraktion der israelischen Marine vor der Küste Gazas, mittels derer eine Gruppe von Aktivisten gewaltsam daran gehindert wurde, die seit 2007 bestehende Blockade des Gazastreifens auf dem Seeweg zu durchbrechen. Die sechs Schiffe, mit denen die Aktivisten ver­schiedene Güter nach Gaza bringen wollten und die sich zum Zeitpunkt der Erstürmung noch in internationalen Gewässern befanden, wurden von israelischen Streitkräften am 31. Mai 2010 geentert, die dabei auf bewaffneten Widerstand seitens einiger Aktivisten stießen. Bei den darauffolgenden Auseinandersetzungen zwischen den israelischen Streitkräften und Teilen der Aktivisten wurden neun Aktivisten getötet und ca. 50 von ihnen sowie sieben israelischen Soldaten verletzt.

11 Selbstverständlich war es aufgrund des vorgesehenen Umfangs dieser Bachelorarbeit nicht möglich, sämtliche in Deutschland verfügbaren Medienangebote in die Untersuchung einzubeziehen. Daher beschränkte ich mich auf die Analyse von vier großen Tageszeitungen, die stellvertretend für die Berichterstattung der deutschen Me­dien über den Gaza Flotilla Raid stehen sollen. Welche Tageszeitungen dies sind und nach welchen Kriterien sie ausgewählt wurden, darauf wird in Punkt 4.3 dieser Arbeit noch näher eingegangen.

12 Helen Fein, zitiert nach: Kühner, Thomas: Antisemitismus in Deutschland: Zum Wandel eines Ressentiments im öffentlichen Diskurs. Hamburg 2010. S. 12.

13 Vgl. Beyer, Robert: Hamburg schaut nach Tel Aviv - News Bias und Israelkritik in der Tagesschau? Eine kommunikations- und sprachwissenschaftliche Inhaltsanalyse. Saarbrücken 2008. S. 20ff.

14 Vgl. Benz, Wolfgang: Was ist Antisemitismus? München 2005. S. 234ff.

15 Benz 2005, a. a. O., S. 234.

16 Vgl. Jäger, Siegfried/Jäger, Margarete: Medienbild Israel. Zwischen Solidarität und Antisemitismus. Unter Mitarbeit von Gabriele Cleve, Ina Ruth, Frank Wichert und Jan Zöller. Münster et al. 2003. S. 26ff.

17 Vgl. Benz 2005, a. a. O., S. 19f

18 Jäger & Jäger 2003, a. a. O., S. 28.

19 Vgl. Bergmann, Werner: Geschichte des Antisemitismus. München 2010. S. 16f.

20 Jäger & Jäger 2003, a. a. O., S. 26.

21 Vgl. Schmidt 2010, a. a. O., S. 14.

22 Jäger & Jäger 2003, a. a. O., S. 27.

23 Benz 2005, a. a. O., S. 19f

24 Ebd., S. 203.

25 Ebd., S. 203.

26 Vgl. Zuckermann, Moshe: Editorial. In: Ders. (Hrsg.): Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXIII (2005): Antisemitismus - Antizionismus - Israelkritik. Göttingen 2005. S. 9-13. S. 9.

27 Vgl. Beyer 2008, a. a. O., S. 28.

28 Schmidt 2010, a. a. O., S. 16.

29 Rabinovici, Doron: Altneuhaß. Moderne Varianten des Antisemitismus. In: Faber, Klaus et al. (Hrsg.): Neu­alter Judenhass. Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik. Berlin 2007. S. 251-256. S. 252f.

30 Rabinovici, Doron et al.: Einleitung. In: Dies. (Hrsg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt am Main 2004. S. 7-18. S. 9.

31 Vgl. Judt, Tony: Zur Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Antizionismus. In: Rabinovici, Doron et al. (Hrsg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt am Main 2004. S. 44-51. S. 50f.

32 Vgl. Kreis, Georg: Israelkritik und Antisemitismus - Versuch einer Reflexion jenseits von Religion und Nati­onalität. In: Zuckermann, Moshe (Hrsg.): Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte XXXIII (2005): Antise­mitismus - Antizionismus - Israelkritik. Göttingen 2005. S. 17-32. S. 19f

33 Vgl. Butler, Judith: Der Antisemitismus-Vorwurf. Juden, Israel und die Risiken öffentlicher Kritik. In: Rabi- novici, Doron et al. (Hrsg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt am Main 2004. S. 60-92.

34 In der Antisemitismusforschung ist umstritten, inwieweit es sich beim neuen Antisemitismus wirklich um ein „neues“ Phänomen handelt, d. h. ob und wie es sich von früheren Formen des Antisemitismus unterscheidet bzw. bis zu welchem Grad es mit diesen vergleichbar ist. Autoren, die im aktuellen Antisemitismus eine neue Qualität sehen, stehen Forscher gegenüber, die diese Neuartigkeit bestreiten. Wieder andere Autoren nehmen in dieser Diskussion eine eher vermittelnde Rolle ein, indem sie zwar neue Erscheinungsformen bejahen, diese aber in gleich bleibenden antisemitischen Grundmustern verankert sehen. Vgl. hierzu Beyer 2008, a. a. O., S. 27.

35 Vgl. Gessler 2004, a. a. O., S. 10ff.

36 Vgl. Schmidt 2010, a. a. O., S. 17f

37 Benz 2005, a. a. O., S. 20.

38 Vgl. Bergmann, Werner/Wetzel, Juliane: Manifestations of anti-Semitism in the European Union. Synthesis Report on behalf of the EUMC. Im Internet abrufbar unter: http://www.cohn-bendit.de/depot/standpunkte/ Ma- nifestations%20of%20anti-Semitism%20in%20the%20European%20Union_EN.pdf (Zugriff 08. Mai 2011). März 2003. S. 48.

39 Vgl. Heyder, Aribert et al.: Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Me­dien und Tabus. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 3. Frankfurt am Main 2005. S. 144­165. S. 150ff.

40 Auf die Fragen, warum Anhänger bestimmter ideologischer Strömungen innerhalb der Linken, insbesondere die Antiimperialisten und Globalisierungskritiker, anfällig für antisemitische/antizionistische Einstellungen sind und welcher Zusammenhang zwischen diesen Ideologien und Antisemitismus besteht, kann an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Vgl. hierzu bspw. Hanloser, Gerhard: Bundesrepublikanischer Linksradikalismus und Israel - Zwischen Tragödie und Farce. In: Ders. (Hrsg.): „Sie warn die Antideutschen der deutschen Lin­ken“. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik. Münster 2004. S. 171-210. S. 171 sowie Knothe, Holger: Eine andere Welt ist möglich - ohne Antisemitismus? Antisemitismus und Globalisierungskritik bei Attac. Bielefeld 2009. S. 11.

41 Eine Ausnahmeerscheinung innerhalb der radikalen Linken stellen die sog. „Antideutschen“ dar, welche sich sowohl mit Israel als auch mit den Vereinigten Staaten solidarisieren und der „deutschen Volksgemeinschaft“ sowie der übrigen Linken vorwerfen, offen oder latent antiamerikanisch und vor allem antisemitisch zu sein. Vgl. hierzu Haury, Thomas: Der neue Antisemitismusstreit der deutschen Linken. In: Rabinovici, Doron et al. (Hrsg.): Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte. Frankfurt am Main 2004. S. 143-167.

42 Vgl. Bergmann, Werner/Heitmeyer, Wilhelm: Antisemitismus: Verliert die Vorurteilsrepression ihre Wir­kung? In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 3. Frankfurt am Main 2005. S. 224-238. S. 233.

43 Vgl. Zick, Andreas/Küpper, Beate: „Die sind doch selbst schuld, wenn man was gegen sie hat!“ oder Wie man sich seiner Vorurteile entledigt. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 3. Frankfurt am Main 2005. S. 129-143. S. 133.

44 Vgl. Heyder et al. 2005, a. a. O., S. 156f.

45 Vgl. Lewan, Kenneth M.: Der Nahostkrieg in der westdeutschen Presse. Köln 1970.

46 Hub, Astrid: Das Image Israels in den deutschen Medien: zwischen 1956 und 1982. Frankfurt am Main et al. 1998. S. 4.

47 Vgl. Eussner, Gudrun: Der Staat Israel erklärt feierlich sein Bedauern... Im Internet abrufbar unter: http:// www.henryk-broder.de/html/fr_eussner.html (Zugriff 11. Mai 2011). Kein Datum. Keine Seitenangabe.

48 Vgl. Sonnenberg, Margot: Die Friedenspolitik des Staates Israel und ihre Darstellung in der überregionalen Presse der Bundesrepublik Deutschland. Von der EG-Deklaration in Venedig bis Ende der 1. Amtsperiode Be­gins am 30. Juni 1981. Berlin 1982.

49 Vgl. Hub 1998, a. a. O., S. 4.

50 Vgl. ebd., S. 5ff.

51 Vgl. ebd., S. 183ff.

52 Vgl. Behrens, Rolf: „Sie schießen, um zu töten.“ Die Berichterstattung über Israel bedroht das „besondere Verhältnis“. In: Faber, Klaus et al. (Hrsg.): Neu-alter Judenhass. Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik. S. 25-38. S. 36f.

53 Vgl. Behrens, Rolf: „Raketen gegen Steinewerfer“: Das Bild Israels im „Spiegel“. Eine Inhaltsanalyse der Berichterstattung über Intifada 1987-1992 und „Al-Aqsa-Intifada“ 2000-2002. Münster et al. 2003. S. 59ff.

54 Vgl. ebd., S. 72ff

55 Vgl. Jäger & Jäger 2003, a. a. O., S. 30ff.

56 Jäger & Jäger 2003, a. a. O., S. 356f.

57 Ebd., S. 357.

58 Vgl. Beyer 2008, a. a. O., S. 68f

59 Vgl. ebd., S. 80f.

60 Ebd., S. 111.

61 Ebd., S. 112.

62 Beyer 2008, a. a. O., S. 113.

63 Vgl. ebd., S. 15ff

64 Vgl. Behrens 2003, a. a. O., S. 5f.

65 Vgl. bspw. Dunsky, Marda: Pens and Swords. How the American Mainstream Media Report the Israeli- Palestinian Conflict. New York 2008.

66 Vgl. bspw. Schütz, Stefanie: „Todos somos palestinos“. Antizionismus und antisemitische Kritik an Israel in der Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt in der spanischen linksalternativen Zeitung Diagonal. Eine Diskusanalyse. Unveröffentlichte Bachelorarbeit an der Universität Regensburg, 2011.

67 Vgl. Behrens 2003, a. a. O., S. 4ff.

68 Ebd., S. 23.

69 Lichtenstein, Heiner: Die deutschen Medien und Israel. In: Giordano, Ralph (Hrsg.): Deutschland und Israel: Solidarität in der Bewährung. Bilanz und Perspektive der deutsch-israelischen Beziehungen. Gerlingen 1993. S. 116-126. S. 125.

70 Behrens 2003, a. a. O., S. 6f

71 Ebenso wie die Berichterstattung der untersuchten Tageszeitungen über den Ship-to-Gaza-Zwischenfall sind auch meine Ausführungen zu diesem Ereignis nicht objektiv, d. h. unausgewogen und nicht frei von Wertungen. Dennoch habe ich versucht, möglichst viele verschiedene Sichtweisen auf dieses Ereignis in meine Ausführun­gen einzubeziehen, damit evtl. Abweichungen der untersuchten Tageszeitungen von einer „neutralen“ bzw. aus­gewogenen Darstellung des Vorfalls umso deutlicher werden.

72 Vgl. UN-Menschenrechtsrat: Bericht der Untersuchungskommission der Vereinten Nationen über den israeli­schen Angriff auf die Gaza-Hilfsflotte. Mit Vorworten von Henning Mankell, Norman Paech, Annette Groth und Inge Höger sowie einem völkerrechtlichen Gutachten von Prof. Dr. Norman Peach. Neu Isenburg 2011. S. 56.

73 Vgl. The Avalon Project: Hamas Covenant 1988, zitiert nach: Kein Autor: Hamas-Charta (englische Überset­zung). In: Faber, Klaus et al. (Hrsg.): Neu-alter Judenhass. Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik. Berlin 2007. S. 399-424. S. 401, 405 & 410f.

74 Vgl. Gerloff, Johannes: Rückblick: Blutige Propagandaschlacht auf hoher See. Im Internet abrufbar unter: http://www.israelnetz.com/themen/hintergruende/artikel-hintergrund/datum/2010/06/04/rueckblick-blutige- propagandaschlacht-auf-hoher-see/ (Zugriff 23. Mai 2011). 04. Juni 2010. Keine Seitenangabe.

75 Vgl. UN-Menschenrechtsrat 2011, a. a. O., S. 57f.

76 Vgl. ebd., S. 59ff

77 Vgl. Borgstede, Michael: Leben und Überleben in Gaza trotz Blockade. In: Welt am Sonntag Nr. 23, 6. Juni 2010. S. 8-9.

78 Vgl. Gerloff 2010, a. a. O., keine Seitenangabe.

79 Vgl. Gerloff 2010, a. a. O., keine Seitenangabe.

80 Vgl. UN-Menschenrechtsrat 2011, a. a. O., S. 36.

81 Vgl. Saul, Jonathan: Q&A: Is Israel's naval blockade of Gaza legal? Im Internet abrufbar unter: http://www. reuters.com/article/2010/06/02/us-israel-flotilla-gaza-idUSTRE65133D20100602 (Zugriff 23. Mai 2011). 2. Juni 2010. Keine Seitenangabe.

82 Vgl. Busse, Nikolas: Das „Free Gaza Movement“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 124, 1. Juni 2010. S. 7.

83 Vgl. UN-Menschenrechtsrat 2011, a. a. O., S. 78f.

84 Vgl. Martens, Michael: Das Rätsel der Stiftung für Humanitäre Hilfe. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 124, 1. Juni 2010. S. 7.

85 Vgl. UN-Menschenrechtsrat 2011, a. a. O., S. 79ff.

86 Vgl. Gerloff 2010, a. a. O., keine Seitenangabe.

87 Vgl. Israel Ministry of Foreign Affairs: IDF forces met with pre-planned violence when attempting to board flotilla. Im Internet abrufbar unter: http://www.mfa.gov.il/MFA/Government/Communiques/2010/Israel_Navy warns_flotilla_31-May-2010.htm#weapons (Zugriff 27. Mai 2011). 21. Juni 2010. Keine Seitenangabe.

88 Vgl. UN-Menschenrechtsrat 2011, a. a. O., S. 80.

89 Vgl. ebd., S. 85ff.

90 Vgl. UN-Menschenrechtsrat 2011, a. a. O., S. 91ff.

91 Vgl. ebd. 121ff

92 Vgl. Busse, Nikolas: Empörung in Europa. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 124, 1. Juni 2010. S. 6.

93 Vgl. Rüb, Matthias: Ein weiterer Rückschlag. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 125, 2. Juni 2010. S. 5.

94 Vgl. Busse, Nikolas/Rüb, Matthias: Internationale Kritik hält an. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 125, 2. Juni 2010. S. 5.

95 Vgl. Hausen, E.: Nicaragua beendet Beziehungen mit Israel. Im Internet abrufbar unter: http://www.israelnetz.com/themen/aussenpolitik/artikel-aussenpolitik/datum/20 10/06/02/nicaragua-beendet- beziehungen-mit-israel/ (Zugriff 27. Mai 2011). 2. Juni 2010. Keine Seitenangabe.

96 Vgl. Hermann, Rainer: Wut in der arabischen Welt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 124, 1. Juni 2010. S. 6.

97 Vgl. Martens, Michael: Ankaraner Verschwörungstheorien. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 128, 7. Juni 2010. S. 4.

98 Vgl. UN-Menschenrechtsrat 2011, a. a. O., S. 148ff.

99 Vgl. Donnison, Jon: Gaza aid flotilla raid: Turkey criticises Israel report. Im Internet abrufbar unter: http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-12262617 (Zugriff 27. Mai 2011). 23. Januar 2011. Keine Seiten­angabe.

100 Vgl. Rößler, Hans-Christian/Busse, Nikolas: Gaza-Blockade soll gelockert werden. In: Frankfurter Allgemei­ne Zeitung Nr. 135, 15. Juni 2010. S. 6.

101 Zwar gab es als Reaktion auf die massive internationale Kritik an Israel und den im Zusammenhang mit dem Gaza Flotilla Raid erfolgten Anstieg antisemitischer Vorfälle auch einige pro-israelische Demonstrationen, die jedoch zahlenmäßig hinter den israelkritischen Veranstaltungen zurückblieben.

102 Vgl. kein Autor: Gaza ship deaths: protests erupt around the world after deadly raid. Im Internet abrufbar unter: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/israel/7790916/Gaza-ship-deaths-protests-erupt- around-the-world-after-deadly-raid.html (Zugriff 28. Mai 2011). 31. Mai 2010. Keine Seitenangabe.

103 Vgl. Behrakis, Yannis/Karahalis, Yiorgos: Thousands protest flotilla deaths, clashes in Athens. Im Internet abrufbar unter: http://www.reuters.com/article/2010/05/31/us-palestinians-israel-protests-idUSTRE64U4SN 20100531 (Zugriff 28. Mai 2011). 31. Mai 2010. Keine Seitenangabe.

104 Vgl. Voss, Judith: Öffentliche Judenhetze im Netz. Im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/ netz- welt/netzpolitik/0,1518,698848,00.html (Zugriff 28. Mai 2011). 4. Juni 2010. Keine Seitenangabe.

105 Vgl. Scholz, Nina: Überschätzte Hasspropaganda. Im Internet abrufbar unter: http://www.taz.de/1/archiv/ digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2011%2F02%2F11%2Fa0260&cHash=6437a2d8bd (Zugriff 28. Mai 2011). 11. Februar 2011. Keine Seitenangabe.

106 Vgl. Sievers, Anne-Christin: Messer wurden weggeschnitten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 131, 10. Juni 2010. S. 47.

107 Vgl. Rössler, Patrick: Inhaltsanalyse. Konstanz 2010. S. 38.

108 Vgl. Diekmann, Andreas: Empirische Sozialforschung: Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Reinbek bei Hamburg 2008. S. 595.

109 Vgl. Diekmann 2008, a. a. O., S. 576.

110 Früh, Werner: Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis. Konstanz 2007. S. 27.

111 Vgl. Behrens 2003, a. a. O., S. 59.

112 Vgl. Früh 2007, a. a. O., S. 41f

113 Behrens 2003, a. a. O., S. 60.

114 Vgl. Rössler 2010, a. a. O., S. 54.

115 Rössler 2010, a. a. O., S. 64f

116 Vgl. ebd., S. 56.

117 Vgl. ebd., S. 63.

118 Sämtliche Auflagenzahlen beziehen sich auf das erste Quartal des Jahres 2011 und stammen von der Informa­tionsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V. Im Internet abrufbar unter: http://daten.ivw.eu/index.php?menuid=1&u=&p= (Zugriff 21.05.2011). 1/2011. Keine Seitenangabe.

119 Zur Zuordnung der Tageszeitungen zu den politischen Spektren vgl. bspw. Jäger & Jäger 2003, a. a. O., S. 36.

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Das Israelbild in den deutschen Medien unter besonderer Berücksichtigung der Berichterstattung über den "Gaza Flotilla Raid" im Mai 2010
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
103
Katalognummer
V962201
ISBN (eBook)
9783346362858
ISBN (Buch)
9783346362865
Sprache
Deutsch
Schlagworte
israelbild, medien, berücksichtigung, berichterstattung, gaza, flotilla, raid
Arbeit zitieren
Michael Neureiter (Autor:in), 2011, Das Israelbild in den deutschen Medien unter besonderer Berücksichtigung der Berichterstattung über den "Gaza Flotilla Raid" im Mai 2010, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962201

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Titel: Das Israelbild in den deutschen Medien unter besonderer Berücksichtigung der Berichterstattung über den "Gaza Flotilla Raid" im Mai 2010



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