Diese Arbeit versuch die Frage zu beantworten, ob die notwendige Pflegereform an eine radikale Gesellschaftspolitik geknüpft ist. Radikal bedeutet dabei ganz und gar, gründlich oder auch vollständig und eine Reform beschreibt eine Verbesserung des Bestehenden. Es soll also etwas an der bisherigen Pflegepolitik verändert werden, um eine bessere Pflege ermöglichen zu können.
Grade durch den sozialen Wandel entstehen neue Herausforderungen mit der unsere Gesellschaft und die Politik zu kämpfen haben. Darunter fällt auch der demographische Wandel, welcher auch bei uns in Deutschland schon längst angekommen ist.
Die Geburtenrate geht zurück und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung der Menschen. Dadurch kommt es zu einer Hochaltrigkeit in der Gesellschaft, diese beginnt ab dem 80. Lebensjahr. In dieser Lebensphase sind die Menschen in der Regel vermehrt auf Hilfe angewiesen und es treten häufig Multimorbidität, sowie körperliche Einschränkungen auf.
In Deutschland befindet sich ein großer Anteil der Bevölkerung in dieser Lebensphase, da es auf Grund des demographischen Wandels zu einer längeren Lebenserwartung kommt. Durch den demographischen Wandel geht außerdem ein epidemiologischer Wandel einher, der durch eine Zunahme chronischer Krankheitsbilder und einem Anstieg der Multimorbidität gekennzeichnet ist. Daraus folgen komplexe Bedarfslagen, wie beispielsweise das gleichzeitige Auftreten von Krankheit und Pflegebedürftigkeit.
Ein weiterer Mega-Trend ist zudem der siedlungsstrukturelle Wandel, wobei es zu einer ländlichen Schrumpfung durch soziale Mobilität kommt. Dabei steht vor allem die Abwanderung vom Land in die Stadt im Vordergrund, weswegen es zu Urbanisierungsprozessen kommt. Infolgedessen kommt es zu einem Abbau der sozialen Infrastruktur auf dem Land, die hat wiederum brüchige Versorgungsketten und die Erosion sozialer Netzwerke zur Folge.
Um die Rolle des Gewährleistungsstaates zu erfüllen und den Trendherausforderungen zu begegnen, brauchen wir fundamentale sozialpolitische Veränderungen. Das Zukünftige Leitbild sollte von einer neuen Sorgekultur im trägerpluralistischen Welfaremix unter der Zusammenarbeit aller Akteure, sowie wohnortnah und netzwerkorientiert, orientiert sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Relevanz
1.2 Forschungsfrage
1.3 Vorgehensweise
2. Hauptteil
2.1 Klärung zentraler Begriffe und Konzepte
2.1.1 Gesellschaftspolitik, Sozialpolitik und Pflegepolitik
2.1.2 Pflegepolitik im Lichte von Europa- und Völkerrecht
2.1.3 Daseinsvorsorge
2.1.4 Sozialraumorientierung
2.1.5 Inklusion
2.2 Diskussion
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern eine notwendige Pflegereform zwingend an eine radikale gesellschaftspolitische Neuausrichtung geknüpft ist, um den Herausforderungen des demografischen und sozialen Wandels zu begegnen.
- Analyse des demografischen und epidemiologischen Wandels als Treiber für Pflegereformen.
- Untersuchung der Rolle der Sozialraumorientierung und kommunalen Daseinsvorsorge.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Ökonomisierung und Kapitalisierung der Pflegebranche.
- Bedeutung der De-Institutionalisierung und Förderung von Caring Communities.
- Verknüpfung von Pflegepolitik mit einem neuen Verständnis von sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe.
Auszug aus dem Buch
2.1.5 Inklusion
Inklusion bedeutet eine Überwindung von Exklusion. Der Begriff der Inklusion geht dabei über eine Integration hinaus und meint neben Anerkennung und Akzeptanz der gleichwertigen Vielfalt von Menschen in einer Gesellschaft eine vollständige Durchmischung aller Elemente bislang getrennter sozialer Sphären und deren Elemente (vgl. Schulz-Nieswandt 2020c, S.5). Außerdem ist unter Inklusion die Selbstbestimmte und selbstständige Teilhabe an der Gesellschaft im Sinne der Sozialraumorientierung gemeint (vgl. Schulz-Nieswandt 2020c, S.7). Aktuell herrscht in Deutschland eher eine Exklusion als eine Inklusion (vgl. Schulz-Nieswandt 2020c, S.12). Denn Inklusion kann nicht von „oben“ verordnet werden sondern erfordert bestimmte Rahmenbedingungen. Eine weitere Voraussetzung für Inklusion ist die Entwicklung von hybriden Gebilden und heterotypen Räumen, also eine Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Wohnformen. Dafür müssen nachhaltige Netzwerke sichergestellt werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die durch demografischen und siedlungsstrukturellen Wandel ausgelösten Herausforderungen an die soziale Infrastruktur und leitet die Forschungsfrage nach der Notwendigkeit einer radikalen Gesellschaftspolitik ab.
2. Hauptteil: Erläutert zentrale Fachbegriffe wie Daseinsvorsorge, Sozialraumorientierung und Inklusion und diskutiert kritisch die Abhängigkeit der Pflegelandschaft von ökonomischen Profitinteressen gegenüber einer bedarfsgerechten Versorgung.
3. Schlussbetrachtung: Bejaht die Forschungsfrage und fordert eine Abkehr von reinen Finanzierungsdiskursen hin zu einem personalistischen Menschenbild und der Stärkung kommunal gesteuerter, vernetzter Versorgungsstrukturen.
Schlüsselwörter
Pflegereform, Gesellschaftspolitik, Daseinsvorsorge, Sozialraumorientierung, Inklusion, Caring Communities, Demografischer Wandel, Pflegepolitik, Sozialpolitik, De-Institutionalisierung, Kapitalismuskritik, Versorgungssicherheit, Pflegefachkräftemangel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert, ob die notwendigen Reformen im Pflegesektor ohne einen grundlegenden Wandel in der gesellschaftspolitischen Ausrichtung und eine Abkehr von rein profitorientierten Marktlogiken überhaupt erfolgreich umsetzbar sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die demografische Entwicklung, die Rolle der Kommune bei der Sicherstellung der Daseinsvorsorge, die Förderung von Netzwerken im Sozialraum sowie die kritische Reflexion des aktuellen Pflegemarktes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Pflegepolitik nicht isoliert auf eine Finanzierungsfrage reduziert werden darf, sondern einen Paradigmenwechsel hin zu einer sorgenden Gemeinschaft erfordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine Reflexionshausarbeit, die auf Basis einer Literaturanalyse (insbesondere der Arbeiten von Schulz-Nieswandt) theoretische Konzepte in einen aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs überführt.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsdefinition (z.B. Capability-Ansatz, Sozialraumorientierung) und eine tiefgehende Diskussion über die Spannungsfelder zwischen ökonomischer Gewinnmaximierung und menschlicher Würde in der Pflege.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Caring Communities, Sozialraumorientierung, De-Institutionalisierung sowie die Forderung nach einer radikalen gesellschaftspolitischen Neuorientierung der Pflege.
Welche Bedeutung hat der Begriff "Caring Communities" im Kontext dieser Arbeit?
Caring Communities werden als lokal sorgende Gemeinschaften definiert, die als notwendige Reaktion auf die Netzwerkerosion dienen und helfen sollen, die Hilfe zur Selbsthilfe strukturell zu verankern.
Warum ist laut Autorin die aktuelle Pflegepolitik "realitätsfern"?
Die Autorin argumentiert, dass das Leitbild einer vernetzten Versorgung oft nur auf dem Papier existiert, da die marktwirtschaftliche Dominanz der Gewinnmaximierung die existenziellen Daseinsthemen der zu pflegenden Menschen in den Hintergrund drängt.
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- Jenny Schmitz (Autor), 2020, Die Pflegereform und eine radikale Gesellschaftspolitik. Auswirkungen demographischer Veränderungen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962216