Europas Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten zwischen Austerität und öffentlichen Investitionen. Die Wirkung der Maßnahmen


Bachelorarbeit, 2020

38 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Einleitung:

1. Ursachen und Auswirkungen der Krise in Europa
1.1. Unmittelbare Ursachen und Folgen der Lehman-Brothers- Insolvenz
1.2. Das Problem mit den Staatsschulden
1.3. Die Krise als Strukturkrise
1.3.1. Artificial Spending
1.3.2. Wettbewerbsfähigkeit
1.3.4. Zinsentwicklung und Geldpolitik
1.4. Fazit und Ausblick

2. Maßnahmen gegen die Krise
2.1. Schilderung des Konflikts
2.1.1. Die neoklassische Interpretation der Eurokrise
2.1.2. Die keynesianische Interpretation der Eurokrise
2.2. Der ESM
2.2.1. Der europäische Fiskalpakt
2.2.2. Die TROIKA
2.2.3. Innere Abwertung und Austerität
2.3. Unkonventionelle Geldpolitik der EZB
2.3.1. Die Traditionellen Aufgaben der EZB
2.3.2. Reaktionen auf die Krise
2.3.1. Konflikte um eigenwilliges Handeln der EZB

3. Auswirkungen europäischer Krisenpolitik
3.1. Umsetzung der Sparpolitik
3.1.1. Löhne
3.1.2. Renten
3.1.3. Privatisierungen
3.2. Auswirkungen der Sparpolitik

4. Alternativkonzepte zur Krisenbewältigung und einer zukünftigen europäischen Wirtschaftspolitik
4.1. Eurobonds
4.2. Koordination der europäischen Wirtschaftspolitik
4.2.1. Lohnpolitik
4.2.2. Geld und Fiskalpolitik

5. Ausblick - Corona

Literatur

Abbildungen

Einleitung:

In der Einleitung soll das Erkenntnisinteresse der Arbeit dargelegt werden. Der Titel der Arbeit soll nachvollziehbar erklärt werden. Die Forschungsfragen sollen vorgestellt werden. Es soll ein Überblick über die Kapitelstruktur der Arbeit und die Methoden gegeben werden.

Die Insolvenz der US-amerikanischen Bank Lehman-Brothers im Jahr 2008 führte zu einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Die weltweit schwierigen konjunkturellen Verhältnisse führten dazu, dass die Refinanzierungkosten einiger europäischer Länder am Finanzmarkt drastisch anstiegen. Dadurch bestand die Gefahr von Staatsbankrotten und gefährlichen Kettenreaktionen. In der EU führte die Bekämpfung der Krise zu Wirtschafts- und Geldpolitischen Maßnahmen von erheblicher Tragweite und zu einer breiten politischen und wirtschaftsideologischen Debatte.

In dieser Debatte, im Titel der Arbeit als Spannungsfeld bezeichnet, stehen sich Modelle der (neo-)liberalen und keynesianischen Wirtschaftspolitik diametral gegenüber. Eine liberale Wirtschaftspolitik steht Marktregulierung und staatlichen Eingriffen kritisch gegenüber und befürwortet hartes Sparen (Austerität) als vorrangigen Ausweg aus der Krise. Keynesianische Wirtschaftspolitik setzt wiederum auf die Notwendigkeit staatlicher Steuerung. Sie befürwortet staatliche Konjunkturprogramme zur Steigerung der Nachfrage, auch zum Preis der Aufnahme neuer Schulden.

Blyth (2014) macht die europäische Austeritspolitik in Folge der Krise für fehlendes Wachstum und steigende Arbeitslosigkeit verantwortlich. Die wirtschaftspolitische Reaktion auf die Krise geschehe im Dienste konservativer Politik und einseitiger Interessen (ebd.). Während dem Fortschreiten der Krise sei es den Konservativen gelungen, Staatsausgaben und Staatsverschuldung als Hauptproblem für die Erholung der Wirtschaft zu markieren (ebd.). Die in der Krise mitunter durch staatliche Konjunkturpakete und Bankenrettungen angestiegenen Staatsschulden der Eurozone sollen nun durch eine von der EU verordnete, strikte Sparpolitik verringert werden. Diese Doktrin verschärfe jedoch die Krise und führe vor allem in den am stärksten von der Krise betroffenen, südeuropäischen Ländern zu einer Gefährdung des Wohlstandes und der Demokratie (ebd.).

Ziel dieser Arbeit ist es, die Maßnahmen, die auf EU- Ebene zur Kompensierung der Krise getroffen wurden, auf ihre wirtschaftsideologische Fundierung zu untersuchen und ihre Auswirkung auf betroffene Länder zu prüfen.

In einem ersten Schritt sollen Ursachen und Auswirkungen der Krise angeführt werden. Dabei soll die Komplexität und Multikausalität des Themenfelds ersichtlich werden. Ziel ist es, die Krise in Europa unter Bezugnahme auf Illing und Marterbauer (Illing 2013, Marterbauer 2011) als Produkt struktureller Probleme auf wirtschaftlicher und politischer Ebene zu begreifen. Wegen des schmalen Umfangs dieser Arbeit kann hierbei keine tiefgehende Analyse vorgenommen werden, es soll mehr ein kompakter Überblick über die Erklärungsansätze geboten werden.

Im zweiten Schritt sollen die Maßnahmen der europäischen Wirtschaftspolitik, allen voran der ESM, der EU- Fiskalpakt und die geldpolitische Strategie der EZB ab 2012 vorgestellt werden. Diese Maßnahmen werden auf ihre ideologische Fundierung und ihre tatsächlichen Auswirkungen analysiert. Dazu werden die Maßnahmen im Hinblick auf ihre Ziele, Bedingungen und erwartete Auswirkungen untersucht und mit statistischen Daten zur realen wirtschaftlichen Entwicklung der betroffenen Länder verglichen. Dabei soll vor allem die Entwicklung der (Jugend)-Arbeitslosigkeit, der Löhne und Staatsschulden hervortreten.

Ziel ist es zu erfahren, ob die theoretisch erwarteten Ergebnisse einer Austeritätspolitik, durch die Maßnahmen und Bedingungen, die diese stellt, auch tatsächlich erreicht wurden. Dabei soll vor allem die Rolle der TROIKA kritisch hinterfragt werden. Auch die Geldpolitik der EZB soll mit Bezugnahme auf die unkonventionellen Maßnahmen, allen voran des Draghi-Effekts ab 2012, auf ihre Wirksamkeit untersucht werden.

Als Quellenmaterial werden offizielle Dokumente und Statistiken der EU, EZB, WKO und OENB sowie Positionen von Ökonomen und Journalisten (Heimberger 2014, Hubmann 2013, Schulmeister 2014, Flassbeck 2015, Bofinger 2009) angeführt.

In einem dritten Schritt sollen alternative Maßnahmen zur Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten angeführt werden. Der Fokus liegt dabei auf einer Beendigung der Sparpolitik, einer Koordination der europäischen Wirtschaftspolitik (Hubermann 2013) und der Forderung einer Einführung von Euro Bonds, die zuletzt wegen der Corona- Krise wieder zu vernehmen war.

1. Ursachen und Auswirkungen der Krise in Europa

In diesem Kapitel soll eine Beschreibung der Ursachen und Auswirkungen der Krise erfolgen. Es soll ein Bogen von der Insolvenz der amerikanischen Bank Lehman-Brothers, über die Problematik der Verschuldung und Refinanzierungskosten der europäischen Staaten am Finanzmarkt, hin zu einer multikausalen Betrachtung der Krisen- und Schuldenproblematik auf einer strukturellen Ebene gespannt werden.

1.1. Unmittelbare Ursachen und Folgen der Lehman-Brothers- Insolvenz

Die Insolvenz der Bank Lehman-Brothers bietet sich gut an, um als Ausgangspunkt der globalen Finanzkrise von 2008 gesehen zu werden, weil es sich dabei um ein singuläres, gut fassbares Ereignis handelt. Natürlich drängt sich die Frage auf, wie und warum kam es zu dieser Insolvenz und warum hatte sie globale Auswirkungen?

Viele Ökonomen sehen den Ausgangspunkt der Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt. Hecht/Müller (2009, S.1) beschreiben das Platzen einer Immobilienblase, die sich durch zu lockere Kreditvergabe gebildet hatte. Die riskanten Kredite (Subprime Kredite) wurden mittels neuer Finanzprodukte gebündelt und weltweit weiterverkauft (ebd.). Die Banken, die diese Kredite kauften prüften deren Inhalt schlecht und verließen sich auf die Bewertung von Ratingagenturen. Als sich die Erwartungen am amerikanischen Immobilienmarkt im Jahr 2006 verschlechterten, die Preise für Immobilien sanken und die Zinsen für Kredite stiegen, begannen die Geschäfte mit den gebündelten Krediten (collateralized debt obligations oder kurz: CDOs) in Schieflage zu geraten, da die einkommensschwachen amerikanischen Kreditnehmer nicht mehr zahlen konnten (ebd.). Die Bank Lehman-Brothers war stark von den ausfallenden Krediten betroffen und wurde im Gegensatz zu anderen großen US- Banken (Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac) nicht mit staatlichen Mitteln von der US- Regierung unterstützt (Brinkbäumer et al. 2009).

Zur Insolvenz kam es, weil die US- Regierung diese zuließ, die Bank nicht vom Staat gerettet wurde und somit Marktkräfte frei wirkten (Bofinger 2009). Damit sollten die Aktionäre sowie Kreditgeber der Bank ihr Geld verlieren. Bofinger (2009, S.30) sieht die Insolvenz der Bank als Auslöser einer Angst, die „wie ein Tsunami durch das globale Finanzsystem fegte“. Ab 2008 ergriffen die Regierungen aller Industrieländer und die Notenbanken umfangreiche Maßnahmen, um eine „Kernschmelze“ des globalen Finanzsystems zu verhindern (ebd.). Die Staaten übernahmen Haftungen für Banken, die sich aufgrund einer Vertrauenskrise gegenseitig kein Geld mehr liehen und Notenbanken kamen dem Banksystem großzügig entgegen (ebd. ff.). Es konnte ein Bank-Run verhindert werden, doch es stellte sich ein weltweiter Konjunktureinbruch in Verbindungen mit rasant ansteigender Staatsverschuldung ein.

Der Ausbruch der Krise verdeutlicht die Bedeutung des Faktors Vertrauen für das Funktionieren des weltweiten Finanzsystems. Herrscht Angst im System hat das negative Auswirkungen auf den Geldfluss, die Kreditvergabe und Zinsentwicklung. Im folgenden Kapitel soll eine genauere Betrachtung der Staatsschulden- Thematik vorgenommen und daraus eine differenzierte Problemstellung entworfen werden.

1.2. Das Problem mit den Staatsschulden

Flassbeck (2012, S.18-21) kritisiert, dass von den EU- Behörden sowie den meisten Medien, die Schuld an der Krise in der hohen Staatsverschuldung der Peripherieländer gesehen wird. Die Krise deswegen nur als „Staatsschuldenkrise“ zu bezeichnen sei demnach unzureichend, weil die erhöhte Staatsverschuldung lediglich ein Resultat, jedoch keine Ursache der Krise sei (ebd.). Flassbeck (ebd.) sieht die hohe Staatsverschuldung nicht in einer fehlenden Haushaltsdisziplin der Staaten begründet, sondern als ein Resultat einer Kombination aus sinkenden Einnahmen, Ausgabenerhöhungen zur Konjunkturanregung und Bankenrettungspaketen. Abbildung 1 zeigt, dass die Staatsschulden der Eurozone im Verlauf der Krise stark gestiegen sind

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Staatsschuldenquoten im Vergleich. (Quelle: OENB)

Auffallend ist, dass die Schuldenquote vor dem Ausbruch der Krise 2008 bei allen Staaten leicht rückläufig ist. Mit dem Fortschreiten der Krise entstanden Steuerausfälle, die mit Konjunktur- und Bankenrettungspaketen einen Anstieg der Schulden verursachten (Flassbeck 2012). Die zusätzliche Verschuldung hatte in Kombination mit den schlechten Wirtschaftsdaten besonders in Südeuropa auch Auswirkungen auf die Bonität-Ratings der Staaten und damit auf den Zinssatz zur Refinanzierung des Staatshaushaltes.

Abbildung 2 zeigt die Entwicklung des Zinssatzes langfristiger staatlicher Schuldverschreibungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Renditen langfristiger staatlicher Schuldverschreibungen. (Quelle: OENB)

Vor der Krise lagen die Zinsen, die die einzelnen Euro - Staaten für ihre Schulden zahlen mussten, auf einem im gesamten Euro-Raum vergleichbaren Niveau. Griechenland hatte die gleichen Zinssätze wie Deutschland. Die Grafik zeigt, wie sehr sich die Zinsniveaus im Zuge der Krise auseinander bewegt haben. Die Zinserhöhung, die Spanien und besonders Griechenland zu verzeichnen hatten, machte die Refinanzierung der Staaten schwierig. Die Finanzierung über den Finanzmarkt ist für die Staaten der Eurozone von hoher Bedeutung. Nach Illing (2013, S.17ff.), ist der Finanzmarkt für einen angemessenen Zinssatz, der das Risiko des Zahlungsausfalls widerspiegelt, bereit, dem Staat seine Refinanzierung weiterhin zu gewähren. Solange der Finanzmarkt weiterhin den Staat finanziert, gilt ein Land als solvent. Die Unsicherheit der Märkte führte dazu, dass die stark defizitären Staaten kein Geld mehr vom Finanzmarkt aufnehmen konnten und der Kapitalfluss abrupt endete. Mit der Unfinanzierbarkeit über den Kapitalmarkt wird ein Staat schließlich zahlungsunfähig. Staaten können nicht alleine über ihre Rückzahlungsbedingungen entscheiden, die Finanzhoheit der Staaten wurde auf den Finanzmarkt transferiert (ebd.). Dies hat auch damit zu tun, dass mit der Einführung des Euros den Staaten geldpolitische Instrumente wie Gelddrucken oder das Abwerten der Währung genommen wurde (ebd.). Ebenso wird deutlich, dass Österreich und Deutschland auf Kosten der Krisenländer profitieren. Je stärker dort die Zinsen steigen, umso billiger werden die Kredite für Österreich und Deutschland, da Anleger, verunsichert durch die Turbulenzen der Finanzmärkte, ihr Sicherheitskalkül grundlegend modifizierten (Flassbeck 2012).

Die Entwicklung der Staatsschulden und Refinanzierungskosten sind Teil einer komplexen Problemstellung, die die Finanzierungsmöglichkeiten der Staaten betrifft. Nach Illing (2013, S.18) ist die Fähigkeit, geliehene Geldmittel inklusive Zinsen zu tilgen, der entscheidende Aspekt bei der Staatsfinanzierung über den Finanzmarkt. Wenn diese Finanzierungsmöglichkeit durch schwache Wettbewerbsfähigkeit, Konjunktureinbrüche und fehlendes Vertrauen am Finanzmarkt in Gefahr gerät, geraten Staaten und Demokratien unter Druck. Als Reaktion auf die Krise haben Staaten und Zentralbanken vieles getan, um das Vertrauen wiederherzustellen. Im folgenden Kapitel sollen strukturelle Probleme angeführt werden, die über die Schuldenproblematik hinausgehen, um die Ursachen und Auswirkungen der Krise vertiefend zu beschreiben.

1.3. Die Krise als Strukturkrise

Nach Illing (2013, S.1) ist die Krise, die sich in Europa ab 2008 ausbreitete, ein Produkt struktureller Ungleichheit. Die Eurokrise sei nicht bloß die reine Fortsetzung der globalen Finanzmarktkrise, die mit der Lehman-Brothers Insolvenz begann, da sie ihren Ursprung nicht in den Fehlentscheidungen einzelner Finanzmarktakteure habe (ebd.). Illing (ebd.) macht zwei Stränge aus, aus denen sich im Lichte einer gemeinsamen Währung, erhebliche strukturelle Disparitäten der Eurozone ergeben. Auf der einen Seite stehen Staaten mit hoher öffentlicher Verschuldung und über den Finanzmarkt finanzierten Staatshaushalten. Auf der anderen Seite stehen unterschiedlich stark wettbewerbsfähige Volkswirtschaften. Es sei nicht der Euro, der zu Disparitäten im Währungsraum führe, sondern die derzeitige Formation der gemeinsamen Wirtschafts- und Fiskalpolitik (ebd.).

„Die Eurokrise ist daher eine Strukturkrise, weil die derzeitige institutionelle Architektur und ökonomischen Prozesse den Anforderungen, die aus der Gemeinschaftswährung resultieren nicht gewachsen sind.“ (Illing 2013, S. 1)

Ein weiterer Anhaltspunkt, der auf eine Strukturkrise hindeutet, ist nach Illing (2013, S.2) die Mannigfaltigkeit der Krisen- Bezeichnungen. Die Begriffe „Staatsschuldenkrise“, „Bankenkrise“ und „Handelsbilanzkrise“ sein allesamt unzulässig, um die Krise in ihrer Gesamtheit treffend zu beschreiben, da sie sich nur auf Teilaspekte beziehen.

1.3.1. Artificial Spending

Ein strukturelles Problem, welches sich auf Staatsverschuldung bezieht und welches nach Illing (2013, S.7) eine tiefliegende Ursache der Eurokrise ist, ist das Artificial Spending. Dies ist eine Bezeichnung für eine durch Schulden zu permanenter Spitzenleistung angetriebene Wirtschaft. Permanentes Wachstum sei deswegen nötig, weil nur dadurch die Schulden bezahlt werden können, und um weiter günstige Konditionen am Finanzmarkt zu erhalten. Es bestehe das Risiko, dass durch eine Verminderung der Staatsausgaben eine Verringerung des Wirtschaftswachstums erfolge. Die Situation gestalte sich deswegen als prekär, weil in entwickelten Industriestaaten keine nennenswerten Steigerungen mehr erzielt werden könne (Illing, 2013, S.10). In einer artifiziell gesteigerten Wirtschaft ist es demnach schwer, selbst in Zeiten mit starker Konjunktur die Staatsschulden zu verringern (ebd.).

1.3.2. Wettbewerbsfähigkeit

Ein weiteres strukturelles Problem, dass Illing (2013, S.13) aufgreift ist die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der Staaten innerhalb der Währungsunion. Hier offenbart sich ein Nord-Süd-Gefälle. Der Norden verzeichnet Exportüberschüsse, wohingegen der Süden mehr Importiert und dauerhaft Defizite verzeichnet (ebd.). Die Staatsschulden sind ein Ausdruck der großen Disparitäten der Zahlungsbilanzen der Länder. Abbildung 3 zeigt die Leistungsbilanzsalden der europäischen Länder:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Leistungsbilanzsalden der europäischen Länder. (Quelle: WKO)

Es ist zu sehen, dass Griechenland im Zeitraum von 2005 – 2010 ein durchschnittliches Defizit von 9,5% aufweist und Spaniens Defizit bei 4,3% lag. Gegenteilig ist die Entwicklung der Leitungsbilanz Deutschlands in diesem Zeitraum. Diese resultiert aus einer strikten Sparpolitik, die auch Reformierungen im arbeits- und sozialpolitischen Bereich einschloss (Scharpf 2011). Durch die deutsche Lohnpolitik, bei der die Löhne vergleichsweise wenig anstiegen, konnten die Lohnstückkosten gesenkt werden. Dies führte zu einer steigenden Exportquote, während die Importnachfrage zurückging (Scharpf 2011, S. 327f.). Dabei problematisiert Scharpf (ebd.), dass die deutschen Überschüsse die Importe nicht gesteigert hätten, sondern als Kapitalexport die Schuldenrate der Südstaaten weiter ansteigen ließen. Heimberger (2014a, S.238) bemerkt, dass die stark zurückhaltende Lohnpolitik Deutschlands maßgeblich zur Entstehung makroökonomischer Ungleichgewichte beigetragen habe. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll problematisiert werden, dass die europäischen Maßnahmen zur Bewältigung dieses Ungleichgewichts von einem Konzept der „Inneren Abwertung“ geleitet wurden, die Lohnsenkungen und andere Strukturreformen in den unter den Rettungsschirm (ESM) gekommenen Staaten vorsah (Heimberger 2014a, S.235).

1.3.4. Zinsentwicklung und Geldpolitik

Die Zinsentwicklung auf langfristige, staatliche Schuldverschreibungen offenbart eine gegenteilige Entwicklung wie die Leistungsbilanzdaten. Wie bereits in Abbildung 2 ersichtlich, stellten sich die Zinsen seit der Einführung des Euros, bis zum Ausbruch der Krise auf ein gleiches Niveau ein. Das heißt, dass alle Staaten am Finanzmarkt gleiche Konditionen vorfanden. Illing (2013, S.14) bemerkt, dass damit bisherige Weichwährungsländer wie Griechenland und Spanien plötzlich viel bessere Konditionen vorfanden als früher. Die enorm niedrigen Zinsen im Zeitraum von 2003 – 2007 führte in diesen Ländern zu einer Erhöhung des kreditfinanzierten, privaten Konsums und allgemeinem Wirtschaftswachstum samt steigender Löhne. Dies führte wiederum in der Leistungsbilanz dazu, dass mehr importiert als exportiert wurde und sich Immobilienblasen bildeten (Scharpf 2011, S. 329). Aufgrund der Gemeinschaftswährung war es für die einzelnen Staaten nicht mehr möglich, durch Währungsabwertung die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und eine Steigerung der Exporte und Senkung der Importe zu erzielen (Scharpf 2011, S.326). Es kann als strukturelles Problem der Eurozone angesehen werden, dass die Refinanzierungskosten der Länder in den Jahren nach der Euro- Einführung nicht ihrer tatsächlichen Wettbewerbsfähigkeit entsprachen (ebd.). Ein weiteres Problem liegt darin, dass die Staaten ihre geldpolitische Hoheit an die EZB abtraten, Fragen der Wirtschaftspolitik aber weiterhin auf nationaler Ebene entschieden werden (Illing 2013, S.25).

Den Staaten der Eurozone ist es nicht möglich, mittels eigener Notenpresse Geld zu drucken. Sie sind daher mehr als andere Industriestaaten (USA, GB, Japan) vom Finanzmarkt und externen Investitionen abhängig (Illing 2013, S.17). Dies birgt die Gefahr, dass Staaten insolvent werden, wenn sie kein Geld mehr bekommen (Illing, 2013, S.19). Da der Finanzmarkt aus vielen unterschiedlichen Akteuren besteht, ist darin ein Vertrauensproblem beinhaltet, da niemand weiß, wer dem Staat als nächstes Geld zur Verfügung stellt (ebd.). Illing (ebd.). bemerkt, dass die Refinanzierungsmodalitäten weniger vom Verhältnis Staat – Finanzmarkt abhängen, sondern vielmehr die Vertrauensbeziehung unter den Finanzmarktakteuren entscheidend ist. In dieser Beziehung spiegelt sich das Problem der Eurozone in wirtschaftlichen Krisensituationen. Wie wichtig der Faktor Vertrauen für den Markt ist, wird unter anderem am Draghi-Effekt ab 2012 ersichtlich. Im weiteren Verlauf der Arbeit soll unter anderem daran gezeigt werden, wie das Handeln der EZB bzw. der EU dazu beitragen kann, Krisen entgegen zu steuern und welche wirtschaftspolitische Sichtweisen dabei zum Teil aufeinanderprallen.

1.4. Fazit und Ausblick

In diesem Kapitel sollte gezeigt werden, dass es sich bei der 2008 ausgelösten, wirtschaftlichen Krise um eine vielschichtige Strukturkrise handelte. Strukturelle Schwierigkeiten sind etwa die Ungleichheit der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Nord- und den Süd- Ländern der Eurozone, sowie die unausgeglichenen Leistungsbilanzsalden der Staaten. Die gemeinsame Währung, der Euro, birgt ebenso strukturelle Probleme, weil dadurch die geldpolitischen Instrumente der Nationalstaaten an die EZB abgegeben wurden. Hinzu kommt eine hohe Verschuldung der Länder am Finanzmarkt und das Paradoxon einer artifiziell gesteigerten Wirtschaft, die Wachstum und weitere Verschuldung als Prämissen ausweist. Das Wirtschaftssystem der Eurozone war durch seine strukturelle Schwäche besonders anfällig für die Verunsicherung, die seit 2008 durch den Finanzmarkt und alle seine Akteure ging. Diese Verunsicherung zeigte sich in zu hohen Zinsen und der fehlenden Bereitschaft, in Finanznot geratenen Staaten Geld zur Verfügung zu stellen. Die so entstandene Abwärtsspirale machte wirtschaftspolitische Maßnahmen jener Akteure notwendig, die in der Lage waren, auf die Krise aktiv zu reagieren: Staaten, supranationale Organisationen (EU) und Zentralbanken.

„In der Staatsschulden-, Wirtschafts- und Bankenkrise des Euroraums vermischen sich ökonomisches und politisches Handeln auf einmalige Weise. Die zentralen Akteure – Regierungen, Parlamente, Zentralbanken, die EU-Kommission, der IWF, die Verfassungsgerichte – versuchen dabei, mit teils unerprobten Rezepten den ökonomischen und sozialen Unwuchten der Eurozone entgegenzuwirken“ (Schöneberg 2015).

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden die Maßnahmen der EU, der europäische Stabilitätsmechanismus ESM und der Fiskalpakt, sowie Programme und Ankündigungen der EZB zum Ankauf von Staatsanleihen, auf ihre Absichten und Auswirkungen hin untersucht. Die Leitfrage soll dabei sein, ob in Krisenzeiten eher gespart oder investiert werden soll? Oder normativ gefragt: Welche negativen Auswirkungen hat-(te) die strikte Sparpolitik der EU auf die betroffenen Länder Spanien und Griechenland?

[...]

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Europas Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten zwischen Austerität und öffentlichen Investitionen. Die Wirkung der Maßnahmen
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2020
Seiten
38
Katalognummer
V962222
ISBN (eBook)
9783346312945
ISBN (Buch)
9783346312952
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wirtschaftspolitik, krise, austerität, investitionen, nachfrage, angebot, keynes, neoliberal, ökonomie, finanzkrise, 2008, troika, rettungsschirm, ezb, esm
Arbeit zitieren
Moritz Ebenführer (Autor), 2020, Europas Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten zwischen Austerität und öffentlichen Investitionen. Die Wirkung der Maßnahmen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962222

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