Die Integration türkischer Migranten von 1960 bis in die Gegenwart

Zum Einfluss der sozio-ökonomischen Faktoren Arbeit, Wohnen und Familie


Bachelorarbeit, 2010

63 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Anfänge eines gesellschaftlichen Wandels
1.1 Wirtschaftsstabilisator – „Gastarbeiter“
1.2 Politik der Widersprüche

2 Arbeiten in Deutschland
2.1 Arbeitsbedingungen
2.2 Türkische Arbeitsmigranten und ihr Verhältnis zum Arbeitgeber
2.3 Türkische Arbeitsmigranten und die Gewerkschaften

3 Wohnsituation und Wohnprobleme in Deutschland
3.1 Erste Bleibe: Sammelunterkunft
3.2 Erste Wohnung: sanierungsbedürftiger Altbau
3.3 Konkrete Zustände der Wohnungen
3.4 Gefahr der Gettoisierung
3.5 Das Beispiel Berlin-Kreuzberg

4 Die Familie in Deutschland
4.1 Kulturelle Disparitäten
4.2 Bildungsmodalitäten der zweiten Generation

5 Parallelgesellschaft oder Mischkultur – Gegenwärtige Integrationsbedingungen
5.1 Aktuelle Beispiele einer erfolgreichen Integration
5.1.1 Gegenwärtige Bildungschancen für Jugendliche mit Migrationshintergrund
5.1.2 Cem Özdemir
5.1.3 Kaya Yanar
5.1.4 Feridun Zaimoglu
5.1.5 Fatih Akin
5.1.6 Selbsthilfe
5.1.7 Ümit Bayam – Stadtplanung in Berlin-Kreuzberg

Fazit

Tabellennachweis

Abstract

Germany in the 1950s: after the Second World War there was a major lack of German employees. In order to compensate for the deficiency there were several agreements between Germany and other countries. One of these countries was Turkey. They sent their workers to escape unemployment in their countries and use the jobs available in Germany. With the agreement between Turkey and Germany the first Turkish immigrants came to Germany in 1961. Although the integration of the Turkish workers was formally part of the political work, politicians missed clear aims to pursue a successful integration policy. The Federal Government, hence, struggled to incorporate foreign workers into society.

The aim of this work is to examine the residential, work and family effects of the integration of foreign workers on the German society. Until today there have been difficulties and challenges for the German society to accept and integrate the foreign workers and for the Turkish immigrants not having equal rights to live in Germany. These problems include labor relations, the rights and duties of the foreign workers, their relationship to the trade unions, their access to apartments and its state or the amount of rents. This work is going to prove if these factors affected the integration of the Turkish migrants and their acceptance and possibilities in the German society. The difference in family and living culture, as well as the nearly entirely unknown religion causing a “fear of foreign infiltration” in the German society will also be considered. All these factors and, moreover, the deficient policy measures for the incorporation of the Turkish children and teenagers were mutually dependent and limited the integration chances of the Turkish population into the German society.

Germany is a country attracting a large number of immigrants. Within the last few years, however, the integration was shaped increasingly reasonably. Especially the contribution towards equal rights in political, social, economic and cultural processes for the immigrants promoted a positive coexistence of the foreign residents in Germany. Still the entire equality of conditions for foreign children and teenagers are not given.

Einleitung

Ahmet Akdeniz1 stand zu Beginn der 1960er Jahre vor der Entscheidung: Geld oder Familie. Die Vorstellung von einem europäisch geprägten, reichen Deutschland förderte seine Entscheidung, sich für einen Arbeitsplatz in der Bundesrepublik zu bewerben. Er wollte der Arbeitslosigkeit seines Heimatlandes entfliehen, nach einiger Zeit seine Frau nachholen und zusammen mit ihr so viel Geld sparen, um damit wieder in die Türkei zurückkehren und sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Die Familie Ahmet und Ayla Akdeniz2 sind ein Beispiel für die heute in Deutschland lebenden 3 Millionen „Gastarbeiter“ aus der Türkei. Sie kamen zu Beginn der Anwerbeverfahren nach Deutschland und erlebten das, was im Folgenden theoretisch beschrieben wird, in der Realität. Ahmet Akdeniz, im Jahr 1937 in einem Dorf in der Türkei geboren, kam 1969 in die Bundesrepublik. Sein gesamter Aufenthalt war, ausgenommen von einer viermonatigen Arbeitsunterbrechung, durch die Arbeit in diversen Fabrikjobs bestimmt. Ayla Akdeniz wurde im Jahr 1948 in demselben Dorf in der Türkei geboren, wie ihr Mann Ahmet. Im August 1973 holte er seine Frau aus der Türkei nach Deutschland. Dort fand sie relativ schnell eine Arbeitsstelle und arbeitete als Reinigungskraft. Auch mit der Wohnungssuche hatten beide Glück und konnten schon am zweiten Tag ihres Aufenthalts eine Unterkunft beziehen. Die Eheleute haben sich in Deutschland sehr gut eingelebt und wurden seit ihrer Ankunft kaum mit Schwierigkeiten konfrontiert. Das ursprüngliche Vorhaben wieder in ihre Heimat zurückzukehren, wandelte sich in Urlaubsbesuche in der Türkei. Nachdem sie nahezu ihren gesamten Aufenthalt in Deutschland mit (harter) Arbeit verbracht haben, können sich Ayla und Ahmet nun den Aktivitäten zuwenden, die ihnen Freude bereiten, oder für die bis jetzt keine Zeit war, wie z.B. die Verbesserung ihrer Kenntnisse der deutschen Sprache. Sie sind nach wie vor sehr zufrieden mit ihrer Entscheidung, sich für einen Arbeitsplatz in Deutschland beworben zu haben.

Das Ehepaar Akdeniz war so freundlich im Rahmen des Seminars „Mobilität als Gegenstand europäischer Politik“, für ein Referat über die Anfänge und das Leben eines „Gastarbeiters“3 in Deutschland beispielhaft Auskunft über die damaligen Ereignisse und Verhältnisse zu geben. Zur Illustration werde ich mich in dieser Arbeit immer wieder auf Ayla und Ahmet Akdeniz beziehen und Beispiele einfließen lassen, um die vorliegende Arbeit authentischer darstellen zu können.

Im Jahr 2009 hatten ca. 20%, also 15,3 Millionen, der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Die Ausländer tragen zur Steigerung des Wirtschaftswachstums bei, sie gehören zum Deutschlandbild dazu und prägen die Entwicklung des Landes und der Städte in entscheidendem Maße mit. Der Begriff Ausländer kennzeichnet alle Personen, die nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Sie unterliegen Sonderbestimmungen und haben oftmals nicht die gleichen Rechte, bzw. nicht in demselben Umfang, wie diejenigen, die eine Staatsangehörigkeit besitzen.4 Erst viele Jahre nach Abschluss der Anwerbeverträge und Beginn der Einwanderung erkannte die Bundesregierung, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Doch allein diese Anerkennung erwirkte noch keine aktive Umsetzung von Maßnahmen zur Förderung der Integration der Migranten. Erst in den letzten Jahren wurde die Integration zunehmend erfolgreich gestaltet. Vor allem die gleichberechtigte Beteiligung an politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Prozessen, fördert ein positives Zusammenleben der in Deutschland lebenden Personen.5

Die Wohn- und Arbeitsbedingungen türkischer Migranten sowie die Situation der türkischen Familien, die von der Bundesrepublik Deutschland angeworben wurden und zur kulturellen Vielfalt der heutigen deutschen Gesellschaft beitragen, ist Thema der vorliegenden Arbeit. Die Geschichte der Migration6 ausländischer Arbeiter nach Deutschland begann im Jahr 1950. Der Arbeitskräftemangel brachte eine immense Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer mit sich. Diese resultierte aus dem ersten Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien – weitere sollten folgen. Die türkischen Arbeitsmigranten hatten seit 1961, als der Anwerbevertrag zwischen Deutschland und der Türkei geschlossen wurde, die Möglichkeit, zur Arbeitsaufnahme in die Bundesrepublik Deutschland zu reisen. Zu Beginn sollten und wollten die Arbeiter nur einen begrenzten Zeitraum in Deutschland verbringen, um danach wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Doch mit der Zeit verlängerte sich die Dauer des Aufenthalts der türkischen „Gastarbeiter“ und auch der Familiennachzug stieg stetig an. Damit veränderte sich Deutschland zum Einwanderungsland und musste sich grundlegend umorganisieren. Die Probleme ausländischer Familien und ihrer Kinder in Deutschland nahmen zu. Vor allem die Unterschiede in Herkunft und Volkszugehörigkeit türkischer Einwanderer im Vergleich zur deutschen Gesellschaft, verursachten Schwierigkeiten. In diesem Sinne wurden vor allem die türkischen Arbeitsmigranten Opfer gesellschaftlicher Ausgrenzung. Konträre politische Maßnahmen standen sich gegenüber und äußerten sich in Nichtstun und fehlender Unterstützung für die eingewanderten Familien. Die damaligen Maßnahmen behinderten sich gegenseitig und führten zu keiner Problemlösung.

Noch heute bilden die türkischen Migranten die größte Gruppe der nach Deutschland eingewanderten Personen. Vor allem zu Beginn der Anwerbeverträge trat die deutsche Bevölkerung den türkischen Einwanderern mit Vorurteilen und Ablehnung entgegen, die sich bis heute nicht gänzlich abschaffen ließen. Ziel der Arbeit soll es sein folgende These zu untersuchen:

Die sozio-ökonomischen Faktoren Arbeit, Wohnen und Familie beeinflussen die Integration und das Lebensgefühl der türkischen Migranten seit den 1960er Jahren. Seit ihrer Ankunft wirkte sich das Verhältnis zwischen den türkischen „Gastarbeitern“ und ihren Arbeitgebern, ihre Rechte und Pflichten in ihren Arbeitsstellen sowie ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften, ebenso auf die Integrationsmöglichkeiten in der deutschen Gesellschaft aus, wie der Zugang zu Wohnungen sowie deren Beschaffenheit oder die Höhe der Mieten. Ihr oftmals niedriges Bildungsniveau, die in Deutschland vollkommen unbekannte Religion und abweichende Traditionen lösten eine „Angst vor Überfremdung7 “ in der deutschen Gesellschaft aus. All diese Faktoren sowie die nachlässigen Maßnahmen der Politik, zur Eingliederung der türkischen Kinder und Jugendlichen, bedingten sich gegenseitig und schränkten die Chance zur Integration der türkischen Bevölkerung in die deutsche Gesellschaft ein.

Mit dem Anwerbevertrag im Jahr 1961 kamen die ersten „Gastarbeiter“ aus der Türkei. Ihre Wohn-, Arbeits- und Familiensituation zu beleuchten und herauszustellen, ob ein Zusammenhang zwischen diesen sozioökonomischen Faktoren und der Integration in die deutsche Gesellschaft besteht, bildet die Basis der vorliegenden Arbeit. Die bis in die Gegenwart reichenden Schwierigkeiten und Herausforderungen für die deutsche Gesellschaft und die türkischen Migranten stehen im Mittelpunkt.

Zahlreiche Monographien und Aufsätze befassten sich in den letzten Jahrzehnten mit dem Thema der Gastarbeitermigration. Bei der Darstellung der akademischen Standpunkte und als Grundlage für diese Arbeit, stütze ich mich vor allem auf die Werke, die sich sowohl mit den türkischen Gastarbeitern und ihren Nachfahren, als auch mit der Thematik im Allgemeinen, beschäftigt haben. Folgende Wissenschaftler sind dabei besonders zu nennen: der Historiker Ulrich Herbert, der Politikwissenschaftler Detlef Bischoff sowie der Jurist Werner Teubner, die Germanistin und Historikerin Karin Hunn, die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Eduard Gaugler und Wolfgang Weber, der Soziologe und Volkswirt Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny, die Soziologin Verena McRae und die Soziologen Helga und Horst Reimann. Meine Herangehensweise an diese Arbeit ist soziologisch.

Das erste Kapitel beginnt mit einer geschichtlichen Übersicht, über die damaligen politischen Regelungen sowie gesellschaftlichen Zusammenhänge, vom Beginn der staatlichen Anwerbeverträge 1955 bis zum Rückkehrförderungsgesetz 1983, um die darauf folgenden Probleme und Ereignisse nachvollziehen zu können. Wie bereits beschrieben, beschäftigt sich diese Arbeit mit drei Faktoren – Arbeit, Wohnen und Familie – und der Frage, welchen Einfluss diese auf die Integration der türkischen „Gastarbeiter“ hatten: Der erste Teil der vorliegenden Arbeit stellt die Arbeitsbedingungen und -voraussetzungen der türkischen Migranten sowie ihr Verhältnis zu Arbeitgebern und Gewerkschaften dar. Im zweiten Teil wird die Wohnsituation der türkischen Migranten und die damit verbundenen Ängste der deutschen Gesellschaft und Probleme der türkischen Bewohner betrachtet. Der dritte Teil beschäftigt sich mit den familiären und kulturellen Besonderheiten (soziale und gesellschaftliche Ausmaße) der türkischen Migranten, die in ihrer meist ländlichen Herkunft und den, im Vergleich zur deutschen Kultur, konträren Traditionen und Lebensweisen begründet liegen. Außerdem werden die Schwierigkeiten und Möglichkeiten der ausländischen Kinder und Jugendlichen im Schul- und Ausbildungsbereich näher betrachtet. Der Bereich der Berufsausbildung wird nur am Rande beleuchtet, da sich dieses Kapitel der Arbeit vor allem auf den Komplex Schule konzentrieren soll. Der Mangel an Ausbildungs- und Arbeitsstellen betraf sowohl deutsche als auch ausländische Jugendliche, letztere jedoch durch verschiedenste Faktoren stärker. Da in der Schule der Grundstein für den weiteren Lebensweg gelegt wird, ist für diese Arbeit das Feld „Schule“ von größerer Bedeutung. Die Themen Jugendkriminalität und häusliche Gewalt werden in der vorliegenden Arbeit nicht behandelt, da sie den Rahmen der Arbeit sprengen würden. Die beschriebenen Ereignisse stellen einen allgemeinen Überblick dar und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

1 Anfänge eines gesellschaftlichen Wandels

1.1 Wirtschaftsstabilisator – „Gastarbeiter“

Die Ausländerpolitik der Bundesrepublik Deutschland war in den 1950er und 60er Jahren durch die Anwerbung von ausländischen Arbeitnehmern gekennzeichnet. Der Begriff „Gastarbeiter“8 etablierte sich Anfang der 1960er Jahre in Deutschland und stand für die große Zahl der im Ausland angeworbenen Arbeitsmigranten, deren Aufenthalt zu Beginn nur temporärer Natur sein sollte. Diese Migranten – Personen, die die Aktivität der Migration ausüben oder ausgeübt haben – füllten die Arbeitsstellen aus, die durch fehlende Arbeitskräfte in Deutschland vorhanden waren. Inzwischen ist dieser Begriff allerdings nicht mehr gebräuchlich. Stattdessen wird vielmehr von ausländischen Arbeitnehmern oder ausländischen Mitbürgern gesprochen. Die ausländischen Arbeiter wanderten in die Aufnahmeländer ab, um der Arbeits- und Chancenlosigkeit in ihren Herkunftsländern zu entgehen.9 Anfangs reagierte die Bundesregierung zurückhaltend, da zunächst den deutschen Arbeitslosen aus wirtschaftsschwachen Gebieten ein Arbeitsplatz zukommen sollte. Bei den Anwerbeabkommen mit der Bundesrepublik ging der Anstoß von den Entsendeländern selbst aus. Sie versuchten mit der Entsendung von Arbeitskräften eigene Probleme zu bewältigen. Dazu zählten u.a. die Reduktion der heimischen Arbeitslosigkeit oder außenpolitische Motive, wie es zum Beispiel beim Anwerbeabkommen mit der Türkei der Fall war.10

Die Entwicklung der Ausländerpolitik in der Bundesrepublik Deutschland lässt sich in unterschiedliche Abschnitte gliedern. Eine Vierteilung, die anhand der Zahlen der erwerbstätigen Ausländer zu Stande kommt, gliedert die damalige Entwicklung am besten: Bis 1959/60 war die Zahl der ausländischen Arbeiter relativ niedrig und kaum gewachsen (1), sie erhöhte sich bis 1966 aber deutlich (2), und ging während der Rezession erneut zurück, fiel sogar auf ihren tiefsten Stand von 903.591 Arbeitern (3). In den Jahren 1967/68 bis 1973 stieg die Zahl der Ausländer um das Anderthalbfache von 1 Million auf 2,5 Millionen (4).11

Im Jahr 1955 wurde das erste Anwerbeabkommen Deutschlands mit Italien geschlossen, weil die Bundesrepublik ihren wachsenden Arbeitskräftebedarf nicht mehr decken konnte. Dieser Vertrag war der erste Typ eines solchen Verfahrens und bildete für alle folgenden Abkommen mit anderen Ländern das grundlegende Muster für die Anwerbung und Vermittlung der ausländischen Arbeitnehmer. Die Regierung machte von Beginn an darauf aufmerksam, dass es aufgrund der sich ausdehnenden Wirtschaft und der zunehmenden Nachfrage nach Arbeitskräften in der Industrie zum damaligen Zeitpunkt keine Alternativen zur Ausländerbeschäftigung gab. Allerdings sollte die Beschäftigung von Arbeitern nur kurzfristig und vorübergehend sein. Das Ziel lag vor allem darin, die Arbeitskraft der billigeren ausländischen Arbeiter für die Landwirtschaft zu sichern, um so das Lohnniveau nicht anheben zu müssen.

Zwischen 1959 und 1962 wendete sich die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Ein Rückgang der Zahl der deutschen Erwerbstätigen seit 1962 war unaufhaltsam. Mehrere Gründe waren dafür ausschlaggebend: Die geburtenschwachen Jahrgänge aus den Kriegsjahren standen auf der Schwelle ins Arbeitsleben, eine Optimierung der Altersvorsorge hatte das Herabsetzen des Eintrittsalters in den Ruhestand zur Folge, die durchschnittliche Arbeitszeit reduzierte sich von 44,4 (1960) auf 41,4 (1967) Wochenstunden und gleichzeitig existierte seit 1960 eine verlängerte Ausbildungszeit. Das Wirtschaftswachstum konnte nach dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 nur durch die „Gastarbeiter“ aufrechterhalten werden, da der Flüchtlingsstrom aus der DDR wegfiel.12 Ferner erhöhte sich die Urlaubszeit und auch der Aufbau der Bundeswehr forderte zahlreiche Soldaten und zusätzliche Arbeitnehmer.13 Im Jahr 1961 gab es ca. 500.000 gemeldete offene Arbeitsstellen, demgegenüber aber lediglich ca. 180.000 als arbeitslos gemeldete Deutsche, die zur Verfügung standen. Um diese Lücken zu schließen, wurden ausländische Arbeiter angeworben. Denn im Gegensatz zu einigen westeuropäischen Ländern, die an Arbeitskräfteknappheit litten, hatten andere Staaten das Problem eines Überschusses an Arbeitskräften. Diese Chance wurde genutzt, um einer drohenden Unterbeschäftigung in Deutschland zu entgehen und die zukünftigen Partnerländer zu unterstützen.

Die Migration türkischer Arbeiter ging nicht nur von Seiten Deutschlands aus, auch die türkischen Behörden waren an der Steuerung maßgeblich beteiligt. Die Arbeiter, die in der Türkei im Überschuss vorhanden waren, sollten die Arbeitslosigkeit im Land mit einer Auswanderung vermindern und gleichzeitig die Arbeitskräfteknappheit Deutschlands ausgleichen.14 Das in den 50er Jahren entwickelte Reglement der Anwerbeverträge wurde nach dem Muster der deutsch-italienischen Einigung sowohl für Griechenland als auch für Spanien im Jahr 1960 sowie für die Türkei (1961), Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) übernommen.15 In der Zeit des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens zogen von 1961 bis 1972 ca. 750.000 türkische Arbeitnehmer mit ihren Familien nach Deutschland. Auch Ayla und Ahmet Akdeniz hatten großes Interesse daran, nach Deutschland zu kommen. Ihre Gedanken können auf den Großteil der türkischen „Gastarbeiter“ übertragen werden, da folgendes Bild der Bundesrepublik weit verbreitet war: Vielen der in Dörfern lebenden Einwohner der Türkei schien der reiche, europäisch geprägte Staat Deutschland als großer Anreiz und äußerst ansprechend. Hinzu kamen finanzielle Gründe, ein neues Leben zu beginnen. Sie wollten möglichst viel Geld sparen, um später in die Türkei zurückkehren und sich ein besseres Leben leisten zu können.

Allerdings gab es einen wichtigen Unterschied zwischen dem türkischen Anwerbevertrag und entsprechenden Beschlüssen mit den anderen Ländern. Der türkische Vertrag enthielt nämlich die Einschränkung, dass sich die angeworbenen „Gastarbeiter“ lediglich zwei Jahre in der Bundesrepublik aufhalten durften – das sogenannte „Rotationsprinzip“. Danach sollten sie wieder in ihre Heimat zurückkehren. Sobald ein erneuter Bedarf an Arbeitskräften vorhanden gewesen wäre, hätten neue ausländische Arbeitnehmer angeworben werden sollen. Diese Differenzierung hatte zur Folge, dass ein Familiennachzug der türkischen Arbeitnehmer von der deutschen Regierung zu Beginn nicht beabsichtig war, wohingegen ein Familienzuzug der anderen Bevölkerungsgruppen von den deutschen Behörden zumindest geprüft werden sollte.16 Der geplante kurzfristige Aufenthalt verlor jedoch rasch seine Wirkung. Schon 1964 wurden die Verträge der Arbeitsmigranten verlängert und die vereinbarte Zweijahresgrenze abgeschafft, da das fortlaufende Anlernen neuer Arbeitskräfte nicht im Interesse der Unternehmen lag. Außerdem schätzten sie die Zuverlässigkeit und Loyalität der Türken gegenüber ihrem Betrieb.17 Die Neufassung, nach der auch ein Familiennachzug nicht grundsätzlich ausgeschlossen wurde, war mit den anderen Anwerbeabkommen nahezu identisch und trat 1964 in Kraft.18 Noch heute bilden die Türken mit ca. 3 Millionen Personen die größte Gruppe, der in Deutschland eingewanderten Ausländer.19

Die Anwerbeabkommen sahen zwei verschiedene Möglichkeiten vor, ausländische Arbeiter nach Deutschland zu holen. Die erste Methode war die Anwerbung über „Deutsche Kommissionen“ und „Deutsche Verbindungsstellen“,20 die von der Bundesanstalt für Arbeit in den Anwerbestaaten errichtet worden waren. Die zweite Methode bestand in der namentlichen Nennung von ausländischen Arbeitskräften durch Unternehmen oder schon in Deutschland beschäftigten Mitarbeitern.21 Ahmet und Ayla Akdeniz beschrieben die Anwerbeverfahren folgendermaßen: Sie fuhren aus dem türkischen Dorf, in dem sie wohnten, in die Hauptstadt Ankara und mussten ein Formular ausfüllen, um in das System aufgenommen und als „Gastarbeiter“ ausgewählt zu werden. Im Jahr 1966 trug sich Ahmet ein und bekam 1969 einen positiven Antragsentscheid. Danach fuhr er nach Istanbul, um sich einer vollständigen ärztlichen Untersuchung zu unterziehen, erst dann bekam er die endgültige Zusage. Er besorgte sich einen neuen Pass und ein Flugticket – die gesamten bürokratischen Abläufe mussten selbst organisiert werden. In Istanbul wurde ausgelost, in welche deutsche Stadt der jeweilige „Gastarbeiter“ geschickt werden würde. Alle damaligen Großstädte, wie zum Beispiel Frankfurt am Main, München, Berlin oder auch Wiesbaden kamen in Frage.

Die ersten Arbeitskräfte konnten besonders durch ihren hohen Grad an Mobilität, Spannungen auf dem Arbeitsmarkt ausgleichen. Der Historiker Ulrich Herbert verweist auf einen Zeitungsartikel der Frankfurter Zeitung im Jahr 1959, die es als äußerst vorteilhaft anpries, dass „bei eventueller Arbeitslosigkeit in Deutschland die ausländischen Arbeiter wieder zurückgeschickt werden können.“22 Das Ziel lag nicht nur darin, das deutsche Wirtschaftswachstum weiter voranzubringen sowie mittels der „Gastarbeiter“, die nur wenig Geld ausgaben, die Preise zu stabilisieren; auch den Heimatländern sollten Vorteile mit der Entsendung ihrer Arbeitskräfte entstehen. „Die Arbeitslosenzahlen der Entsendeländer würden gesenkt, die Zahlungsbilanzen durch die Lohntransfers verbessert, die Qualifikationsstruktur der Arbeiterschaft durch ihre Tätigkeit in deutschen Fabriken erhöht“, fasst Herbert diese Vorteile zusammen.23 Darüber hinaus würde sich der Aufenthalt der ausländischen Arbeitnehmer positiv auf die Völkerverständigung und die europäische Integration in der Bundesrepublik Deutschland auswirken, eine „Annäherung von Menschen verschiedenster Herkunft“24 sei nun Teil des täglichen Lebens.

In den Jahren 1965 bis 1970 wurde das ursprünglich rigide Ausländergesetz schrittweise flexibler und ermöglichte es Angehörigen der EWG-Länder, wie z.B. den Italienern, dem deutschen Arbeitnehmer arbeitsrechtlich gleichgestellt zu werden. Ein Großteil der ausländischen Arbeiter hatte es allerdings mit erschwerten Bedingungen und Rechtsvorschriften zu tun, da viele der Konditionen, wie z.B. eine Verlängerung der Arbeitserlaubnis, lediglich nach Ermessen entschieden wurden.25

Der Gedanke, dass ausländische Arbeitskräfte Arbeiten übernahmen, die keiner oder einer geringen Qualifikation bedurften und so der ansonsten unausweichliche Lohnanstieg vermieden wird, wurde nicht zu Ende gedacht. Somit ergab sich das Problem, dass ohne die Beschäftigung von „Gastarbeitern“ die Differenzierung zwischen rentablen und weniger günstig gelagerten Wirtschaftszweigen vorangetrieben worden wäre, da letztere aus finanziellen Gründen nicht mehr tragbar gewesen wären. Durch die Ausländerbeschäftigung wurden genau diese strukturell ungünstigen Arbeitsplätze aufrechterhalten, wodurch ein Modernisierungsdefizit entstand. Mit dem Einsetzen der Rezession in den Jahren 1966/67, begann darüber eine rege politische Diskussion. Nicht wie vorher nur theoretisch, sondern nunmehr in der Arbeitspraxis sah man sich mitten in der Rezession, wegen der Konsequenzen der „Gastarbeiterbeschäftigung“, mit einem wirtschaftlichen und sozialen Problem konfrontiert.26

Bis Ende 1967 kam es zu einem erheblichen Rückgang der ausländischen Arbeitskräfte, denn „Gastarbeiter“, die es eigentlich nicht mehr vorgehabt hatten, kehrten in ihre Heimat zurück. Allerdings erwies sich die Hoffnung auf eine erfolgreiche Existenz in der Türkei, wo sie das in Deutschland zurück gelegte Geld investieren wollten, bald als Trugschluss, da die angesparten Mittel zumeist nicht für eine sorglose Existenz reichten. Daher bemühten sich die türkischen Heimkehrer bald darum, wieder nach Deutschland einwandern zu können. Die Ausländerbeschäftigung war in dieser Periode lediglich an die Bedürfnisse von Wirtschaft und Arbeitsmarkt angepasst. Dass die Rezession nach ihren ersten Schrecken schnell überwunden wurde, zeigt sich besonders auf dem Arbeitsmarkt: Die Zahl der offenen Stellen stieg schnell an und damit intensivierte sich erneut die Nachfrage nach ausländischen Arbeitern. Ohne auf die vorherigen Ereignisse zu achten, standen erneut nur die positiven Einflüsse der Ausländerbeschäftigung auf die deutsche Wirtschaft im Mittelpunkt der öffentlichen Debatten.27

Mit zunehmender Aufenthaltsdauer holten immer mehr „Gastarbeiter“ ihre Familien nach Deutschland. Diese Entwicklung wurde von den Unternehmern und der Regierung zunehmend kritisch betrachtet, da durch diesen Vorgang nicht nur der Frauenanteil der ausländischen Arbeiter stetig wuchs, sondern auch die Zahl der nichterwerbstätigen Ausländer. Zwischen 1967 und 1973 wuchs die Zahl der erwerbslosen Ausländer in der Bundesrepublik von 850.000 auf 1,37 Millionen. Aufgrund der stetig wachsenden Zahl an nichterwerbstätigen Ausländern kam es im Jahr 1970 in der Bundesrepublik zu einer heftigen Debatte über Vor- und Nachteile der Ausländerbeschäftigung. Diese wurde durch die 1971 in Kraft getretene Arbeitserlaubnisverordnung zusätzlich verstärkt. Mit der neuen Arbeitserlaubnisverordnung konnten Ausländer, die länger als 5 Jahre in der Bundesrepublik beschäftigt waren, eine auf weitere 5 Jahre begrenzte Arbeitserlaubnis erhalten. Da dies im Mai 1972 schon auf ca. 400.000 Arbeitskräfte aus Nicht-EG-Ländern und weitere 500.000 Italiener zutraf, konnten diese ungefähr 40 % der insgesamt in der Bundesrepublik beschäftigten „Gastarbeiter“ nicht mehr zur Rückkehr bewegt werden; eine Verweigerung der Arbeitserlaubnis war nicht mehr möglich. Nach Herbert entstanden so zwei Probleme: Zum einen konnten die ausländischen „Gastarbeiter“ kaum noch oder nur stark eingeschränkt, als Konjunkturpuffer zur Rettung der deutschen Wirtschaft genutzt werden, zum anderen beeinträchtigte die rechtliche und sozialpolitische Einbindung der ausländischen Arbeiter zunehmend den Spielraum der westdeutschen Ausländerpolitik.28 Nachdem auch die Bundesregierung die Vorteile der Ausländerbeschäftigung geringer einschätzte als noch ein Jahr zuvor, war aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit mit dem Anwerbestopp von 1973 der tatsächliche Wendepunkt der Ausländerpolitik erreicht: Ausländischen Arbeitern aus Nicht-EG-Ländern wurde die Einreise gänzlich versagt. Der Anwerbestopp wurde zum eigentlichen Beginn des Daueraufenthaltes der „Gastarbeiter“. Viele holten jetzt ihre Familien nach und begannen, sich auf eine längere Zeit in der Fremde einzurichten.29

1.2 Politik der Widersprüche

Mit Verhängung des Anwerbestopps wurde die Phase der „Politik der Widersprüche“ eingeläutet. Das Ziel des Anwerbestopps war es, die Zahl der Ausländer in Deutschland zu reduzieren. Im Kontrast dazu stieg die Zahl der in der Bundesrepublik lebenden Ausländer jedoch von 1972 bis 1980 um eine Million an.30 Durch den Anwerbestopp wurden Neuzuwanderungen zwar verhindert, bereits in Deutschland lebende ausländische Arbeitnehmer wurden jedoch veranlasst, erst recht im Gastland zu bleiben. Dies lässt sich an dem Beispiel zeigen, dass auch Ahmet Akdeniz seine Frau Ala im Jahr 1973 aus der Türkei nach Deutschland holte. Er flog noch einmal in die Türkei, um „Urlaub“ zu machen, hatte aber eigentlich nur das Ziel, seine Frau nachzuholen. In dieser Zeit beantragten sie einen Ausweis für Ayla, kauften Flugtickets und reisten so als Familie mit zwei Kindern gemeinsam nach Deutschland zurück.

Der Lohn stieg in diesen Jahren stärker an, wodurch sich die Lohnspanne zwischen Heimatland und Deutschland zusätzlich vergrößerte und die Migranten zum Bleiben animierte. Dies betraf vor allem die Türken, für sie waren die sozialen und wirtschaftlichen Differenzen am größten, weswegen sie sich auch zur am stärksten vertretenen Nationalität in Deutschland entwickelt haben. Wären sie erst einmal in ihre Heimat zurückgekehrt, hätten sie nicht mehr in die Bundesrepublik zurückkommen können. Als ihnen dies bewusst wurde, rückte eine mögliche Rückkehr in weite Ferne.31 Wie schon in der Zeit von 1967-1973 vermehrten sich die Hinweise darauf, dass sich die „Gastarbeiter“ auf einen längerfristigen Aufenthalt in der Bundesrepublik einrichteten. Sie organisierten nicht nur den Familiennachzug und zogen in Mietwohnungen um, auch ihr Konsumanteil stieg. Besonders bei den „Gastarbeiterkindern“ lockerten sich die Bande zur Heimat zusehends. Diese Entwicklung konterkarierte das eigentliche Anliegen des Anwerbestopps und führte in keinem Fall zu einer Senkung der Kosten der Ausländerbeschäftigung.32 Vielmehr stand die Bundesregierung nun vor dem Problem, ein Überangebot an Arbeitskräften zu haben und gleichzeitig zu wissen, dass die ausländischen Arbeitnehmer nicht zur Rückkehr bewegt werden könnten.

Vor dem Anwerbestopp war das Interesse an Arbeitskräften aus dem Ausland sehr hoch. Danach entstanden die hohen Zahlen, der in Deutschland lebenden Ausländer vielmehr durch den Nachzug der Familien; auch die freiwillige Rückkehrbereitschaft ging drastisch zurück. Bei Ahmet und Ayla Akdeniz gab es jedoch keinen bestimmten Punkt, an dem sie sich entschieden hätten zu bleiben. Es lief vielmehr fließend: Die Kinder wurden eingeschult, fanden Freunde, wurden sesshaft. Die älteste Tochter heiratete und irgendwann stellten sie fest, dass sie sich an die Berliner Umgebung gewöhnt hatten und der passende Zeitpunkt in das Heimatland zurückzukehren, überschritten war. Die damalige Situation fasste der Schweizer Schriftsteller Max Frisch in einer sehr inhaltsstarken Aussage zusammen: „Wir haben Arbeitskräfte gerufen, aber es kamen Menschen.“33 Doch nicht nur die Bundesrepublik, auch die Entsendeländer waren von der Entwicklung betroffen, denn sie hatten mit überwiegend negativen langfristigen Auswirkungen zu kämpfen: Durch die regionalen Entwicklungsunterschiede, die durch die Migration noch verstärkt wurden, festigten sich die Modernisierungsdefizite. Auch die hohe Arbeitslosigkeit der Entsendeländer konnte nicht bekämpft werden. Zusätzlich waren sie von der konjunkturellen Entwicklung der Anwerbeländer abhängig und mussten in Phasen negativen Wirtschaftswachstums die Rückwandererwellen dulden.34

Auch die deutsche Regierung musste sich von ihren arbeitsmarktpolitischen Konzepten lösen und eine umfangreichere Gesellschaftspolitik hervorbringen. Die Bundesregierung verfolgte dabei zwei Wege: Auf der einen Seite wandte sie Maßnahmen zur Absenkung der Ausländerzahlen und zur Förderung des Rückkehrwunsches an, auf der anderen Seite verstärkte sie integrative Maßnahmen, um bereits hier lebende ausländische Arbeiter und ihre Familien besser einzugliedern. Letzteres allerdings nur marginal.35 Das Rückkehrförderungsgesetz, welches 1983 vom Bundestag verabschiedet wurde, sollte die Bereitschaft der Ausländer, wieder in ihr Heimatland zurückzukehren, anregen. Tatsächlich wurde das Gesetz nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen verabschiedet, sondern vor allem deshalb, weil den türkischen Arbeitsmigranten aufgrund ihrer Religion nicht zugetraut wurde, sich in das von einem christlichen Glauben geprägte, westeuropäische Deutschland einzugliedern.36 Widersprüchlich erwies sich u.a. die Maßnahme der Kindergeldkürzung für Kinder in den Herkunftsländern im Jahr 1975. Damit setzte lediglich eine Beschleunigung des Familiennachzugs ein. Die Stichtagsregelung – zunächst auf den 30. November 1974 gelegt, dann auf den 1. Januar 1977 verschoben – trug dazu bei, dass die Regelungen immer undurchsichtiger wurden, mit denen die ausländischen Arbeiter zu kämpfen hatten. Die besagte Stichtagsregelung beinhaltete, dass diejenigen Ausländer, die am Stichtag einreisten, keine Arbeitsgenehmigung mehr in Deutschland erhielten. Auch das diente dem Zweck, einen weiteren Zuzug nach Deutschland zu verhindern. 1981 wurde die Bestimmung noch einmal so verändert, dass die einreisenden Familienangehörigen mit einer Wartezeit zu rechnen hatten, bevor ihnen eine Arbeitserlaubnis gewährt wurde. Im Jahr 1975 wurden Zuzugssperren verhängt, um eine Ghettoisierung, insbesondere von türkischen Arbeiterfamilien, zu verhindern. Diese Sperre wirkte den bis dato positiv herausgestellten flexiblen Einsatzmöglichkeiten der Ausländer allerdings entgegen und wurde schon im Jahr 1977 wieder aufgehoben.37

Die deutliche „Diffusion und Konzeptionslosigkeit der Ausländerpolitik“38 führte zur Einführung einer Kommission, die ein klares und umsetzbares Konzept bezüglich der Ausländerpolitik entwickeln sollte. Die „Vorschläge der Bund-Länder-Kommission zur Fortentwicklung einer umfassenden Konzeption der Ausländerbeschäftigungspolitik“39 lagen ein Jahr später (1977) bereit. Allerdings gingen auch hier die Interessen, der mit der neuen Konzeption befassten Gruppen, auseinander. Auch die einzelnen Probleme seien schon zu verzwickt gewesen, als dass man eindeutige und klare Lösungen hätte finden können.40 Die entwickelten Vorschläge lassen sich grob in vier Bereiche teilen: Begrenzung, Rückkehr, Integration41 und Belange der zweiten Generation.42 Sie stellten die Grundlage der Ausländerpolitik der nachfolgenden Jahre dar. Doch alle Maßnahmen, die darauf abzielten, die Zahl der Ausländer in Deutschland einzudämmen, verfehlten ihre Wirkung, sie stieg tendenziell sogar an.

Die „Politik der Widersprüche“ hätte im Jahr 1979 mit der Vorlage von Kühns Memorandum ihr Ende nehmen können. Der Politiker Heinz Kühn forderte eine konsequente Integrationspolitik sowie die Gleichberechtigung vor allem der Zweiten Generation, eine Weiterentwicklung der aktuellen Konzepte und außerdem eine Neuorientierung. Zudem wiesen seine Prognosen darauf hin, dass die seither erfolgte negative Entwicklung schon bald zu ernsten gesellschaftlichen Schäden führen würde. Diese dann wieder auszugleichen, wäre vor allem finanziell kaum möglich, meinte Kühn. Sein Memorandum erhielt große Zustimmung. Im Jahr 1980 wurde ein von der Bundesregierung überarbeitetes Papier über die staatliche Integrationspolitik veröffentlicht und wies in eine neue Richtung. Obwohl sowohl dem Kühn-Memorandum als auch anderen Vorschlägen kaum Folge geleistet wurde, provozierte das Memorandum größeren Protest und entwickelte eine neue Qualität der Ausländerdiskussion basierend auf der Frage: Muss für Integration auf die eigene kulturelle Tradition verzichtet werden oder ist ein Nebeneinander unterschiedlicher Traditionen ebenso denkbar?43

2 Arbeiten in Deutschland

Nachdem im vorherigen Kapitel die Voraussetzungen beschrieben wurden, um Elemente des politischen Geschehens in Deutschland in der Zeit von ca. 1960 bis 1980 verstehen zu können, soll nun näher auf den wichtigen Bereich der Arbeit in Deutschland, im Zusammenhang mit den Arbeitsmigranten, eingegangen werden.

Seit Mitte der 50er Jahre beschäftigten deutsche Unternehmen ausländische Arbeiter aus verschiedenen Ländern. Aufgrund der damals vorherrschenden Arbeitskräfteknappheit schloss die Bundesrepublik Anwerbeverträge mit der Türkei, Spanien, Griechenland, Jugoslawien, Italien, Marokko, Tunesien und Portugal. Die damalige Konzept- und Planlosigkeit der Bundesregierung, wie am besten mit den ausländischen Arbeitnehmern umzugehen sei, ist bis heute in der schwierigen Situation der meisten Ausländer in Deutschland sichtbar.44 Den Unternehmen boten die „Gastarbeiter“, die als un- oder angelernte Arbeitskräfte vorwiegend in der Industrie beschäftigt wurden, einen finanziellen Vorteil, da sie die schwere Arbeit ohne Lohnzugeständnisse annahmen, wie es bei den deutschen Arbeitern kaum der Fall gewesen wäre. Weil 10% der ausländischen Arbeitnehmer nie die Schule besuchten, 25% der Arbeiter keinen Schulabschluss und sogar 73% von ihnen keinen Berufsausbildungsabschluss vorweisen konnten, wurden sie vorwiegend in Bereichen angestellt, in denen schwere und schmutzige Arbeit mit routinierten Abläufen verrichtet werden mussten – Arbeit, die ihre deutschen Kollegen wegen der Arbeitsbedingungen sowie des niedrigen sozialen Status´ vermieden.45 Dazu zählten beispielsweise der Bergbau, die Müllabfuhr, aber auch Tätigkeiten in Gaststätten oder Hotels.46 Betrachtet man die Zahlen des Bildungsstandes türkischer Arbeiter, zeigt sich, dass lediglich 15,4% der türkischen Arbeitnehmer einen Berufsschul- und 12,8% einen Mittelschulabschluss besaßen. Lediglich 4,3% hatten das Abitur bestanden und nur 0,8% besaßen einen (Fach-)Hochschulabschluss. Trotzdem war der Anteil an qualifizierten türkischen Arbeitern (30,9%) weit höher als bei ausländischen Arbeitnehmern aus Spanien (7,7%), Griechenland (8,9%), Portugal (22,3%) oder Italien (23,3%).47

Die türkischen Arbeiter bildeten 1973 die größte Gruppe der ausländischen Arbeitnehmer. Im Bergbau waren 22,5% der gesamten ausländischen Arbeiter Türken, in der Eisen- und Metallindustrie machten sie sogar eine Anzahl von 26,2% sowie im verarbeitenden Gewerbe von 24,1% aus und waren damit „überrepräsentiert“.48 In diesen Bereichen herrschten Schichtsysteme, Akkordlöhne und Fließbandarbeit – Beschäftigungen mit geringen geistigen Anforderungen. Ahmet Akdeniz war in den typischen Bereichen für „Gastarbeiter“ beschäftigt: Er durchlief den wasserwirtschaftlichen Anlagenbau, war Angestellter einer Stahl- und Metallfabrik, einer Schokoladen-, Papier- und Plastikfabrik. Auch er arbeitete im Schichtdienst. Während seiner Arbeit im wasserwirtschaftlichen Anlagebau hatte er samstags und sonntags frei, arbeitete dafür aber in der Woche zwölf Stunden am Tag, inklusive einer Stunde Pause. Er beschrieb die grobe und schmutzige Arbeit als äußerst anstrengend und meinte, sie hätten tatsächlich die „Drecksarbeit“ gemacht – zumal für die deutschen Arbeiter, die meistens nach den ausländischen Arbeitern an den Arbeitsplatz kamen, alles sauber hinterlassen werden musste.49

Zu Beginn des Aufenthalts von Ahmet und Ayla Akdeniz gab es in Deutschland viel Arbeit. Wenn man wollte, konnte man überall, wo man hinging, auch arbeiten. Man fand nicht nur dann eine Anstellung, wenn man selbst danach suchte, es gab auch jemanden, der Arbeitsplätze vermittelt hatte. Lediglich vier Monate während seines gesamten Aufenthalts in Deutschland war Ahmet Akdeniz arbeitslos und erhielt in der Zeit auch Hilfe vom deutschen Staat. Seiner Frau erging es noch besser, sie war durchgängig angestellt.50 Doch so viel Glück hatten nicht alle „Gastarbeiter“: Die türkischen Ausländer verzeichneten die höchste Arbeitslosigkeit. Im Jahr 1967 erregte die Arbeitslosigkeit zum ersten Mal Aufsehen, da sie sich im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht hatte. Auch nach 1970 war eine stetige Erhöhung der Arbeitslosenzahlen festzustellen.51 Damit ergab sich im September 1984 eine Arbeitslosenquote von 14,4 %.52 Im Juni 1987 war die Arbeitslosenquote, strukturellen Veränderungen und dem technischen Fortschritt geschuldet, bei den Türken mit 15,1% höher als bei jeder anderen ausländischen Gruppe.53

Der Abschluss eines Beschäftigungsverhältnisses wurde den ausländischen Arbeitnehmern aufgrund des Inländerprimats zusätzlich erschwert. Dieses Instrumentarium besagte, dass eine freie Stelle nur dann an einen ausländischen Arbeiter vergeben werden darf, wenn kein Deutscher für diese Stelle vorhanden war oder sich dafür interessierte.54 Wegen der steigenden Arbeitslosigkeit – auch bei den deutschen Arbeitnehmern – erschienen die Migranten der deutschen Bevölkerung als zunehmende Konkurrenz, da sie den Deutschen nach Meinung vieler Arbeiter die Anstellung wegnahmen. Sobald die Einwanderer jedoch selbst arbeitslos waren, galten sie als Nutznießer am und Taugenichtse im Sozialstaat und sollten erst recht wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, obwohl sie den Deutschen beim Kampf um Arbeitsplätze nicht mehr gefährlich werden konnten. Die zunehmende Rivalität um Arbeitsplätze verstärkte zudem auch die Gereiztheit innerhalb der Gesellschaft.55

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Immigranten häufig schlecht ausgebildet waren und für entsprechend anspruchslose Arbeiten, vorrangig in der Produktion, angestellt wurden. Der Mangel an schulischer Qualifikation und die herrschenden sprachlichen Barrieren schränkten die Beschäftigungsmöglichkeiten und -varianten deutlich ein. Durch die fehlenden Anstellungsmöglichkeiten traten sie in direktere Konkurrenz mit den deutschen Arbeitnehmern. Es ist selbstredend, dass die besser ausgebildeten deutschen Arbeiter bevorzugt eingestellt wurden und die Zahl der arbeitslosen Ausländer anstieg.

2.1 Arbeitsbedingungen

Die ausländischen Arbeiter bewarben sich für eine Arbeitsstelle in Deutschland, um in der Bundesrepublik das Leben realisieren zu können, welches ihnen in ihrem Heimatland versagt war. Kennzeichnend waren drei Motive, um ein Leben in Deutschland zu beginnen:

„1. materielle Sicherheit und Wohlstand, 2. die Möglichkeit, Grundlagen für eine bessere berufliche Zukunft zu legen sowie 3. persönliche Unabhängigkeit und Freiheit.“56 Diese Einschätzung lässt sich durch eine Studie von 1963 bestätigen. 20% der befragten Personen beabsichtigten, vor allem Ersparnisse anzusammeln und 18,6% wollten ihre eigene Zukunft sowie die ihrer Familien in der Heimat sichern. Insgesamt wurden hauptsächlich wirtschaftliche Gründe angeführt.57 Deswegen akzeptierten die „Gastarbeiter“ die körperlich oft sehr schwere Arbeit. Nach dem ursprünglich geplanten zeitlich begrenzten Aufenthalt wollten die „Gastarbeiter“ in ihre Heimat zurückkehren und sich mit dem ersparten Geld eine neue und bessere Existenz aufbauen. Aus diesem Grund wurde Arbeiten und Sparen zum Zentrum des täglichen Lebens der Migranten. Auch Ayla und Ahmet Akdeniz verfolgten zu Beginn das typische Ziel: Sie hatten vor in Deutschland zu arbeiten, um so viel Geld zu sparen, damit sie mit ihren Kindern wieder in die Türkei zurückgehen und mit dem gesparten Geld angenehm leben können.

Die Arbeitsbedingungen in Deutschland erweckten in den Migranten das Gefühl, am unteren Ende der Gesellschaft angekommen zu sein. Trotz der körperlich schweren Arbeit, verdienten sie wesentlich weniger als der Durchschnitt der deutschen Arbeiter.58 Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Gaugler und Weber stellten fest, dass das Nettoeinkommen der ausländischen Arbeiter 7% unterhalb des Einkommens eines deutschen Arbeitnehmers lag. Allerdings, betrachtet man einzelne Arbeitergruppen, unterschieden sich die Nettolöhne deutscher und ausländischer Fach- sowie Hilfsarbeiter nicht. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn man bedenkt, dass die Lohngerechtigkeit die Einstellung der ausländischen Arbeiter zum Betrieb sowie die betriebliche Integration beeinflusst. Außerdem glichen sich die Lohndifferenzen mit zunehmender Kenntnis der deutschen Sprache immer mehr an.59 Die Meinungen der Autoren, die sich mit dem Thema „Gehalt“ beschäftigen gehen weit auseinander. Es scheint, als würde eine große Uneinigkeit herrschen, zumal kaum Nachweise über die tatsächliche Lohnhöhe der damaligen ausländischen Arbeitnehmer vorliegen.

Zu Beginn des Lebens der „Gastarbeiter“ in Deutschland, dominierte die Vorfreude auf die neuen Chancen sowie eine Verbesserung ihrer persönlichen Situation. Sie fanden sich in einem vollkommen fremden Land wieder, mit neuen kulturellen und gesellschaftlichen Eindrücken. All diese Eindrücke und Neuerungen äußerten sich in einer anfänglichen Zufriedenheit der Arbeiter, führten aber auch zu einer latenten Unsicherheit, wie sie mit den neuen Empfindungen umgehen sollten. Diese versuchten die ausländischen Arbeiter mittels Anpassung und erwartungsgemäßem Verhalten gegenüber ihrem Arbeitgeber sowie der neuen gesellschaftlichen Umgebung zu überwinden. Kurz gesagt: „Ausländer sind am Beginn ihres Aufenthaltes […] in der Regel mit ihrer neuen Situation zufrieden und gleichzeitig sozial unauffällig“.60 Je länger sich die „Gastarbeiter“ aber in Deutschland aufhielten, desto deutlicher wurden die Unterschiede zu den deutschen Arbeitern, d.h. die Migranten entwickelten höhere Ansprüche und wurden im Zuge dessen bei Nichterfüllung zunehmend unzufrieden. Diese Situation könnte auf verschiedene Weise verändert werden: a) Sie kehren in ihr Heimatland zurück, b) die ausländischen Arbeiter engagieren sich zunehmend in den Arbeitnehmervertretungen und Gewerkschaften, c) sie bilden sich weiter und streben einen Aufstieg und weitere Qualifikationen an, d) sie wechseln den Betrieb oder e) sie holen ihre Familien nach Deutschland.61 Ahmet Akdeniz teilte das Gefühl einer steigenden Unzufriedenheit nicht. Er äußerte, dass er einen „Tunnelblick“ entwickelte: Er kam, um zu arbeiten und ging wenn er fertig war nach Hause, duschte, kaufte Essen und legte sich zu Bett. Dieser regelmäßige Ablauf und das Ziel, lediglich sein Geld abzuholen, halfen ihm, sich nicht mit anderen vergleichen zu müssen. Das tägliche Arbeiten und Sparen verwehrte es den Arbeitern oft sogar, Freizeitaktivitäten nachzugehen. Unter diesen Voraussetzungen war es ihnen kaum möglich, das Leben zu führen, welches sie aus ihrer Heimat gewohnt waren. Vor allem der Schichtdienst wirkte sich negativ auf das Verhältnis zu Freunden oder das Zusammenleben in der Familie aus.62

Der Einsatz von „Gastarbeitern“, vorwiegend an gefährlichen Arbeitsplätzen und nach kurzer Einarbeitungszeit, barg eine hohe Unfallgefahr für die Arbeiter, da sie aufgrund fehlender Sprachkenntnisse häufig nicht mit den betriebsinternen Produktionsweisen und Sicherheitsvorkehrungen vertraut waren. Ende der 1970er Jahre lagen die meldepflichtigen Unfälle ausländischer Arbeitnehmer bei 19,5%, wohingegen die Zahl bei den Deutschen nur 11,4% betrug.63

Eine Integration der ausländischen Arbeitsmigranten wurde am ehesten in den Betrieben erreicht, in denen deutsche und ausländische Arbeiter rechtlich gesehen gleichberechtigt waren. Dies beinhaltete sowohl die sozial- als auch die arbeitsrechtlichen Befugnisse innerhalb der Anstellung.64 Um näher auf integrative Indikatoren der ausländischen Arbeitnehmer einzugehen, lohnt sich ein Blick auf die Studie von Gaugler und Weber in Tabelle 1. Sie bündelt „die Zufriedenheitsäußerungen zu einzelnen Dimensionen des Arbeitslebens von Ausländern und Deutschen“.65

Tabelle 1: Zufriedenheitsäußerungen ausländischer und deutscher Arbeitnehmer zu einzelnen Dimensionen des Arbeitslebens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus: Reimann/Reimann (1987): „Gastarbeiter. Analyse und Perspektiven eines sozialen Problems“. Opladen, S. 125.

Hierbei stellten die Wissenschaftler fest, dass zum Zeitpunkt der Erhebung Gedanken um die Höhe des Gehalts (32%), die körperliche Belastung während der Arbeit (14%) und die Angst um einen sicheren Arbeitsplatz (23%), den Ausländern am meisten zusetzten.66 Dies zeigte sich darin, dass die Befragten in diesen Bereichen die geringste Zufriedenheit empfanden. Im Ergebnis wünschten 58% der deutschen und sogar 90% der ausländischen Arbeiter eine Verbesserung des Verhältnisses der Arbeiter untereinander. Hinzu kommt, dass Kontakte innerhalb der jeweiligen Nationalität wesentlich häufiger auftraten, als interethnische Kontakte, also z.B. zwischen deutschen und türkischen Arbeitnehmern. Eine Erklärung für dieses Verhältnis könnten die in den Betrieben kursierenden Vorurteile sein: So denken z.B. 60% der deutschen und ca. 70% der ausländischen Arbeiter, dass die Angehörigen der jeweils anderen Nationalität nur Kontakte zu ihren Landsleuten knüpfen und aufrechterhalten wollen. Zusätzlich erscheint 70% der Ausländer das Verhalten der Deutschen als „rechthaberisch“. Jedoch konnten diese gegenseitigen Einschätzungen nicht durch Fakten nachgewiesen werden.67

Nur wenige ausländische Arbeiter hatten die Möglichkeit, in ihrem Betrieb aufzusteigen. Dies mag daran gelegen haben, dass die Arbeitgeber deutsche Angestellte vorzogen, auch wenn die Qualifikationen der „Gastarbeiter“ die der deutschen Arbeiter überstiegen. Nur 39% der ausländischen Arbeitsmigranten konnten bis 1972 eine bessere berufliche Position erreichen. Zu ihnen gehörte Ayla Akdeniz. Ihr gelang es, sich von der „einfachen“ Putzfrau zur Vorarbeiterin hochzuarbeiten. Allerdings schafften 90% der ausländischen Arbeiter den Aufstieg nur vom ungelernten zum gelernten Arbeiter. Demgegenüber erreichten lediglich 3% den Aufstieg zum Facharbeiter, Vorarbeiter oder Meister.68

Dieses Kapitel und die erläuterten Beispiele sollten verdeutlichen, dass die ausländischen Arbeiter aufgrund ihres starken Willens, in Deutschland sehr viel Geld zu sparen, die schlechten Arbeitsbedingungen größtenteils ohne Auflehnungen oder Widerwillen hinnahmen. Besonders zu Beginn störten sie sich nicht daran, die schweren und schmutzigen Arbeiten auszuführen. Die fehlenden Sprachkompetenzen sind ein Grund für mangelhafte Integration der „Gastarbeiter“ in den Betrieben.

2.2 Türkische Arbeitsmigranten und ihr Verhältnis zum Arbeitgeber

Mit Beginn der Arbeitsaufnahme in Deutschland entstanden zwei Verhältnisse zwischen den „Gastarbeitern“ und ihren Arbeitgebern: 1. ausländische und einheimische Arbeiter unter inländischen Vorgesetzten und 2. einheimische und ausländische Arbeiter unter ausländischen Vorgesetzten, so Gaugler und Weber. Der erste Fall trat jedoch wesentlich öfter auf als Fall zwei. Ausländische Arbeiter fühlten sich unter einem deutschen Arbeitgeber häufig ungerecht behandelt: Sie machten ihren Vorgesetzten oft für betriebliche Situationen, mit denen sie unzufrieden waren, wie zum Beispiel die Höhe des Gehalts, verantwortlich. Es kam jedoch eher selten vor, dass der Arbeitgeber tatsächlich ungerecht war.69 Das Gefühl, vom Arbeitgeber betrogen zu werden, könnte auch mit falschen Vorstellungen bezüglich des Verdienstes türkischer Arbeiter und des Lebens in Deutschland zu tun haben. Denn die unverständlichen Informationen in den Arbeitsverträgen oder Broschüren unterstützten das unrealistische Bild, welches die Türken von Deutschland70 sowie ihrer Rolle als „Gastarbeiter“ entwickelt hatten.71

Von den 1696 der im Jahr 1976 befragten Betriebe gab ungefähr ein Fünftel an, schon einmal Ausländer als Vorgesetzte eingesetzt zu haben. Dies geschah vor allem in Betrieben mit einem hohen Anteil an ausländischen Arbeitern und ungelernten Kräften. Gaugler und Weber entdeckten nicht einen Fall, in dem die deutschen Arbeiter ihren ausländischen Vorgesetzten nicht akzeptiert hätten.72 Die Möglichkeit für Ausländer, in eine Vorgesetztenposition aufzusteigen, wurde in einigen Betrieben mit der Voraussetzung gewährt, dass sie eine Ausbildung in Deutschland erfahren hatten und eine mehrjährige Berufserfahrung vorweisen konnten. Dies traf zwar kaum auf die erste „Gastarbeitergeneration“ zu, die Möglichkeiten der zweiten Generation stiegen jedoch stark an.73 Eine gängige Praxis war es, die Migranten unter ihrer Qualifikation einzusetzen. Dies lag teilweise daran, dass sie zwar laut Vertrag als Facharbeiter angeworben worden waren, ihre Berufskenntnis aber nicht den deutschen Qualifikationen entsprach und ihre Verträge annulliert oder in Hilfsarbeiterverträge umgeändert werden mussten.74

[...]


1 anonymisiert

2 anonymisiert

3 Die vorliegende Arbeit verzichtet auf eine Unterteilung der türkischen Einwanderer in kurdische und weitere Gruppierungen aus der Türkei, um eine leichtere Lesbarkeit zu ermöglichen. Für die türkischen „Gastarbeiter“ werden in dieser Arbeit folgende Bezeichnungen verwendet: Migrant, Immigrant, Minderheit, Einwanderer, Arbeitnehmer, Arbeiter, Arbeitsmigrant. Die Kinder der türkischen „Gastarbeiter“ werden folgendermaßen bezeichnet: türkische Kinder und Jugendliche, zweite (und dritte) Generation, Migrantenkinder, „Gastarbeiterkinder“.

4 Bischoff, Detlef; Teubner, Werner (1991): „Zwischen Einbürgerung und Rückkehr. Ausländerpolitik und Ausländerrecht der Bundesrepublik Deutschland.“ Berlin: Hitit-Verlag. S. 11 ff.

5 Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (2009): „Integration in Deutschland. Erster Integrationsindikatorenbericht: Erprobung des Indikatorensets und Bericht zum bundesweiten Integrationsmonitoring.“ Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH, Berlin. URL: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Publikation/IB/Anlagen/2009-07- 07-indikatorenbericht,property=publicationFile.pdf S. 3

6 Bevölkerungsbewegungen, die mit einer Verlegung der Unterkunft einhergehen, werden Migration genannt. Die in dieser Arbeit betrachtete Migration fand über Staatsgrenzen hinweg statt. Es handelte sich nicht um Wanderungen innerhalb eines Staates (Binnenwanderung), sondern um Einwanderungen (Immigration) oder Auswanderungen (Emigration) von einem Staat in einen anderen. Wissen.de (a): „Migration“. URL: http://www.wissen.de/wde/generator/wissen/ressorts/natur/index,page=3536166.html

7 „Überfremdung“ bezeichnet die Angst vor einem partiellen Verlust kultureller Identität innerhalb der Aufnahmegesellschaft. Diese Angst entsteht durch die wachsende Zuwanderung und den fortdauernden Aufenthalt von Ausländern einer Nationalität. Sie haben oft einen sehr niedrigen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsstand, außerdem besteht zwischen der Kultur der Migranten und der Kultur der Aufnahmegesellschaft eine große Distanz. Vgl. Reimann, Helga; Reimann, Horst (1987): „Gastarbeiter. Analyse und Perspektiven eines sozialen Problems“. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH. S. 282

8 Man beachte, dass der Begriff Gastarbeiter den Eindruck erweckt, die Einwanderer würden als Gegenleistung für ihren Aufenthalt im Land Arbeit verrichten. Als Geschenk zu arbeiten ist allerdings nicht die gewöhnliche Definition eines Gastes. Heutzutage wird der Begriff des Gastarbeiters kaum noch verwendet.

9 Schmidt, Fabian: „Gastarbeiter“. Handbuch der Globalisierung. URL: http://www.handbuchderglobalisierung.de/artikel/gasta.htm und Reimann/Reimann (1987), S. 279

10 Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: „Wirtschaftliche Entwicklungen in Ost und West: Gastarbeiter“.URL: http://www.hdg.de/lemo/html/DasGeteilteDeutschland/KontinuitaetUndWandel/WirtschaftlicheEntwicklungenInOstUndWest/gastarbeiter.html

11 Germotsis, Wassilios (1977): „ Die ausländischen Arbeitnehmer in der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland “. Bochum: Studienverlag Dr. N. Brockmeyer. S. 17

12 Herbert, Ulrich (2001): „Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland “. München: C.H. Beck Verlag., S. 208

13 Vgl. Bischoff/Teubner (1991), S. 34

14 Hunn, Karin (2005): „ Nächstes Jahr kehren wir zurück… “. Göttingen: Wallstein Verlag. S. 33, 35 und Leggewie, Claus; Groffebert, Hans(1991): „Ali im Wunderland. Die Geschichte der Deutsch-Türken: wirtschaftlich im Aufstieg, im Kulturleben unübersehbar, politisch machtlos“. Die Zeit online. URL: http://www.zeit.de/1991/45/Ali-im-Wunderland.

15 Gün, Ilhan; Damm, Rüdiger (1994): „ Außenseiter. Die Geschichte des Zusammenlebens und kommunale Ausländerpolitik/Ausländerarbeit “. Berlin: VWB, Verlag für Wissenschaft und Bildung. S. 33

16 Vgl. Hunn (2005), S. 30 f.

17 Pagenstecher, Cord (1993): „‘ ... da sind wir keine Ausländer mehr‘. Eingewanderte ArbeiterInnen in Berlin 1961-1993 “. Begleitbuch zur gleichnamigen Wanderausstellung. 20 Jahre Berliner Geschichtswerkstatt, Berlin: Hrsg. v. Berliner Geschichtswerkstatt e.V., S. 13 und Leggewie/Groffebert (1991)

18 Vgl. Hunn, S. 59 f., 67

19 Auswärtiges Amt (2010): „Türkei. Beziehungen zu Deutschland“. URL: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Tuerkei/Bilateral.html.

20 McRae, Verena (1980): „Die Gastarbeiter. Daten, Fakten, Probleme“. München: C.H. Beck Verlag., S. 11

21 Vgl. Bischoff/Teubner (1991), S. 35

22 Frankfurter Zeitung zit. nach Herbert (2001), S. 209

23 Vgl. Herbert (2001), S. 210

24 Blank zit. nach Herbert (2001), S. 210

25 Vgl. Herbert (2001), S. 211 f.

26 Vgl. ebd., S. 217 f.

27 Vgl. Herbert (2001), S. 220, 224 und Leggewie/Groffebert (1991)

28 Vgl. Herbert (2001), S. 225 f.

29 Vgl. Bischoff/Teubner (1991), S. 47

30 Vgl. Herbert (2001), S. 232

31 Korte, Hermann; Schmidt, Alfred (1983): „ Migration und ihre sozialen Folgen “. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 16, 19

32 Vgl. Herbert (2001), S. 232 f.

33 Frisch, Max (1965): „Vorwort“. In: Alexander J. Seiler (Hrsg.): „ Siamo italiano. Gespräche mit italienischen Arbeitern in der Schweiz “. Zürich: EVZ-Verlag. S. 7.

34 Vgl. Delhaes-Günther/Haberl/Schölch zit. nach Herbert (2001), S. 234

35 Vgl. Herbert (2001), S. 244

36 Vgl. Leggewie/Groffebert (1991)

37 Vgl. Herbert (2001), S. 244 und Pagenstecher (1993), S. 15

38 Vgl. Herbert (2001), S. 244

39 Huber/Unger zit. nach Herbert (2001), S. 244

40 Vgl. Herbert (2001), S. 245

41 Integration bezeichnet die „soziale Eingliederung einzelner oder Gruppen in ein gesellschaftliches Ganzes.“ Folglich kennzeichnet dieser Begriff die Verbindung einzelner Personen oder Personengruppen zu einer kollektiven Gemeinschaft. Vgl. Reimann/Reimann (1987), S. 279

42 Vgl. Gün/Damm (1994), S. 43

43 Vgl. Herbert (2001), S. 245 f. und Bischoff/Teubner (1991), S. 51

44 Vgl. Germotsis (1977), S. 12 ff.

45 Vgl. Gaugler/Weber in Reimann/Reimann (1987), S. 117

46 Vgl. Germotsis (1977), S. 30

47 Vgl. Hunn (2005), S. 72

48 Vgl. ebd., S. 213 f.

49 Vgl. ebd., S. 63, 65 f.

50 Vgl. ebd., S. 65, 67

51 Vgl. Korte/Schmidt (1983), S. 31

52 Vgl. Kühl in Reimann/Reimann (1987), S. 36

53 Vgl. Bischoff/Teubner (1991), S. 103 f.

54 Karakayali, Juliane (2002), „Migration und Globalisierung“. Handbuch der Globalisierung. URL: http://www.handbuchderglobalisierung.de/artikel/migration2.htm.

55 Ronneberger, Franz; Vogel, Rudolf (1982): „ Gastarbeiterpolitik oder Immigrationspolitik “. München: Günter Olzog Verlag GmbH. S.130

56 Vgl. Hunn (2005), S. 73

57 Vgl. ebd., S. 73

58 Vgl. Herbert (2001), S. 237

59 Vgl. Gaugler/Weber in Reimann/Reimann (1987), S. 137

60 Vgl. Gaugler/Weber in Reimann/Reimann (1987), S. 121

61 Vgl. ebd., S. 121 f

62 Vgl. Pagenstecher (1993), S. 33 f.

63 Vgl. Gaugler/Weber in Reimann/Reimann (1987), S.132 f.

64 Vgl. Ahrendt in Ronneberger/Vogel (1982), S. 131 f.

65 Vgl. Gaugler/Weber in Reimann/Reimann (1987), S. 124

66 Vgl. ebd., S. 134

67 Vgl. ebd., S. 125 ff.

68 Vgl. Hunn (2005), S. 215, 217

69 Vgl. Gaugler/Weber in Reimann/Reimann (1987), S. 128f.

70 „In der Schule haben sie gelernt, dass der Deutsche ein Bruder der Türken sei, der sie liebt und ihnen fürsorglich zur Seite steht. Mit dieser Liebe zu allem, was mit Deutschland zusammenhängt, in großer Verehrung und grenzenloser Bewunderung für [Deutschland und die Deutschen selbst] kommen die meisten Türken hierher […]“ Richard Haar zit. nach Hunn (2005), S. 112

71 Vgl. Hunn (2005), S. 112

72 Vgl. Gaugler/Weber in Reimann/Reimann (1987), S. 128 f.

73 Vgl. ebd., S. 133

74 Vgl. Hunn (2005), S. 117

Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Die Integration türkischer Migranten von 1960 bis in die Gegenwart
Untertitel
Zum Einfluss der sozio-ökonomischen Faktoren Arbeit, Wohnen und Familie
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
63
Katalognummer
V962489
ISBN (eBook)
9783346311757
ISBN (Buch)
9783346311764
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Kulturwissenschaft, Mobilität, Europäische Politik, Migranten
Arbeit zitieren
Susann Hajek (Autor), 2010, Die Integration türkischer Migranten von 1960 bis in die Gegenwart, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962489

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