Die "Global-Care-Chain" und ihre Auswirkungen auf die einzelnen Glieder und deren Verhältnis untereinander


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Care
2.2 Transnationale Migration

3. Migration und Gender

4. Global-Care-Chain
4.1 Gründe zur Entstehung
4.2 Auswirkungen

5. Fallbeispiele

6. Handlungsbedarf

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im feministischen Diskurs ist die Thematik reproduktive Care -Arbeit schon lange Zeit Teil der Diskussion. Immer wieder geht es um die anhaltende Gegenüberstellung von Erwerbs-/ Lohnarbeit als produktiv und Care -Arbeit als unproduktiv, damit verbunden unter anderem Fragen nach gerechter Bezahlung und gesellschaftlicher Anerkennung.

Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung haben sich auch Familienstrukturen verändert. Immer mehr Frauen verrichten nicht mehr überwiegend reproduktive Arbeit, sondern werden Teil des globalen Arbeitsmarktes. In diesem Zuge kommt es neben einem Wandel der Familienstrukturen auch zu einem Wandel der Care -Arbeit. Die zu verrichtende Care -Arbeit wird weltweit neu verteilt, überwiegend unter Frauen. Es entstehen sogenannte Globale Betreuungsketten (Global-Care-Chains). Die Care- Arbeit in Ländern des globalen Nordens wird von Frauen des globalen Südens übernommen. Die dort entstehende Lücke muss wiederum geschlossen werden. Diese wissenschaftliche Arbeit will sich dem Phänomen der Global-Care-Chain widmen. Inwiefern hängt die Entstehung solcher globaler Betreuungsketten mit dem Kapitalismus und der damit einhergehenden ungleichen Ressourcenverteilung weltweit, zusammen? Welche Auswirkungen haben diese Globale Betreuungsketten auf die einzelnen Glieder und deren Verhältnis untereinander?

Zu Beginn der Arbeit werden die zentralen Begriffe Care und Transnationale Migration definiert. Im Anschluss geht es um den Zusammenhang von Migration und Gender. Inwiefern stellt Gender ein zentrales Analyseinstrument bei der Betrachtung von Migration dar? Warum wurden Frauen lange Zeit in der Migrationsforschung nicht beachtet und warum ist es in Hinblick auf aktuelle Entwicklungen unerlässlich die beiden Thematiken zusammen zu denken? Im nächsten Abschnitt soll es explizit um die Global-Care-Chains gehen. Was genau wird darunter verstanden und welche Gründe tragen zur Entstehung derer bei? Zudem werden die Auswirkungen der Global-Care-Chains in den Fokus genommen. Wie werden ungleiche Verhältnisse zwischen globalem Norden und globalem Süden unterstützt und reproduziert? Welche positiven und/oder negativen Auswirkungen sind zu verzeichnen?

In einem nächsten Schritt sollen, anhand konkreter Fallbeispiele, die Auswirkungen und die Art und Weise wie sich Care -Arbeiten weltweit neu organisieren und verteilen beleuchtet werden. Abschließend sollen die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst und mögliche Lösungsansätze beziehungsweise Handlungs- und Forschungsbedarf für die Zukunft formuliert werden.

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Care

Der Begriff Care ist eng verbunden mit Studien der feministischen Theorie aus den 1960er und 1970er Jahren. Zu Beginn des Aufkommens dieser Thematik waren die Tätigkeiten, die unter diesem Begriff gefasst werden, stark mit Gendervorstellungen der damaligen Zeit verbunden. Care -Arbeiten wurden als natürliche, von Frauen verrichtete Tätigkeiten betrachtet und gingen daher oft mit einer geringen Bezahlung einher (Cancian und Oliker 2000: 11). Dies ist lässt sich auch heute noch beobachten.

Der Begriff lässt sich nicht auf eine Definition beschränken, seine Vielfältigkeit ist groß und kann nur anhand verschiedener Auffassungen beleuchtet werden. Auf einer rein sprachlichen Ebene wäre „Sorge“ die korrekte deutsche Übersetzung, da dieser Begriff gleichermaßen wie das Verb Care sowohl auf Werte und Gefühlszustände (caring about someone/ sich um jemanden sorgen), als auch auf konkrete Praktiken (caring for someone/ sorgen für jemanden) verweist (Thelen 2014: 23). Allerdings ist die wörtliche und sinngemäße Übersetzung ins Deutsche problematisch, da der deutsche Begriff „Sorge“, im sprachlichen Sinne, negative Konnotationen besitzen kann (ibid.).

Joan Tronto versucht eine expansive Definition zu verfassen, indem sie den Begriff Care nicht nur auf die Sorgebeziehung zwischen Individuen bezieht, sondern wie folgt ausweitet:

“On the most general level, we suggest that caring be viewed as a species activity that includes everything that we do to maintain, continue, and repair our 'world' so that we can live in it as well as possible. That world includes our bodies, our selves, and our environment, all of which we seek to interweave in a complex, life-sustaining web” (Tronto 1993: 103).

Tronto gelingt es damit ein Verständnis von Care zu greifen, das über eine institutionalisierte Pflegepraktik hinausgeht, hin zu einer Definition von Care als eine Tätigkeit, die notwendig für ein kontinuierliches, sich weiterentwickelndes, sich ausbesserndes, bestmögliches Leben in der Gemeinschaft, darstellt. Tatjana Thelen ordnet den Begriff, nach intensiver Auseinandersetzung mit Trontos Überlegungen, in einen größeren Rahmen der „sozialen Sicherung“ (Thelen 2014: 39 f.) ein, und definiert Care als:

„Einen Prozess, der als Dimension sozialer Sicherung eine gebende und eine nehmende Seite in solchen Praktiken verbindet, die sich auf die Befriedigung sozial anerkannter Bedürfnisse richten“ (Thelen 2014: 41).

Immer wird kommt die Frage auf, worauf die geringe gesellschaftliche Anerkennung und Aufmerksamkeit und die schlechten Arbeitsbedingungen/ Bezahlungen innerhalb der Care -Arbeit zurückzuführen sind. Die Unterscheidung von produktiven und reproduktiven Tätigkeiten und die damit einhergehende fehlende gesellschaftliche Wertschätzung und keine bis geringe Bezahlung von Care -Arbeit hängt stark mit der Industrialisierung, dem Kapitalismus und dem Vorhandensein von Privateigentum zusammen. Karen Sacks (1983) reflektiert Friedrich Engels Ausführungen dazu, worauf die Entstehung von Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zurückzuführen ist. Dieser plädiert dafür, dass die gesellschaftliche Position der Frau immer mit der vorherrschenden Wirtschaft und Politik zusammenhängt. Das Vorhandensein von Privateigentum geht mit einer Dominanz des Mannes gegenüber der Frau einher. Sacks stimmt Engels insoweit zu, dass die dichotome Unterscheidung in privat und öffentlich und somit produktiver und reproduktiver Arbeit zu der ungleichen Wertschätzung führen. Zudem erläutert Sacks, dass „domestic power is not translatable into social power” (ibid.: 398). In Klassengesellschaften wird Frauen demnach “adult social status” (ibid.) vorenthalten. Sacks Lösung liegt in ihrer Überzeugung, dass private, familiäre Arbeit in den öffentlichen Sektor getragen werden muss, um sicherzustellen, dass ihr die gleiche Wertigkeit zugeschrieben wird und Frauen den oben genannten Status erlangen. Eine gleiche Bewertung der Arbeit würde laut ihrer Analyse zu einer gleichen/ gleichwertigen Stellung von Mann und Frau führen. Diese Forderung hängt mit einem Wandel des wirtschaftlichen und politischen Systems zusammen (vgl. ibid.: 401).

Im nächsten Abschnitt soll der Begriff der transnationalen Migration definiert werden, um die Grundlage dafür zu schaffen, das Phänomen Care -Arbeit im weiteren Verlauf im Kontext der transnationalen Migration zu beleuchten.

2.2 Transnationale Migration

Der Begriff der Migration stellt einen „Sammelbegriff für jede Art von dauerhafter, grenzüberschreitender Verlagerung des Wohnortes, egal, wodurch sie motiviert ist“ (Schmid Noerr und Meints-Stender 2017: 29), dar. Im Laufe der 1990er Jahre kam vermehrt der Begriff der transnationalen Migration auf und wurde Teil der Betrachtung (Hausbacher et al. 2012: 11). Gerade im Zusammenhang von Care und Migration taucht der Begriff immer wieder auf:

„Der transnationale Ansatz konzeptualisiert Migration als einen nicht abschließend vollzogenen bi- oder multidirektionalen Prozess und schließt grenzüberschreitende Kontakte, Verbindungen und Verpflichtungen in die Analyse von Migration und der Niederlassung- bzw. Inkorporierungspraktiken von Migrant*innen ein“ (Amelina 2017: 56).

Im Gegensatz zum klassischen Migrationsbegriff geht der Begriff der transnationalen Migration demnach nicht von einem abgeschlossenen, einseitigen Phänomen aus, sondern von einer bleibenden Verbindung und zirkulären Bewegung (Lüthi 2005). Es werden somit einerseits „die Dezentriertheit von Lebensläufen“ (Hausbacher et al. 2012: 11) thematisiert und andererseits „die Erklärungskraft statischer Modelle von Gesellschaft, Nation und Kultur“ (ibid.) hinterfragt. Auch die sich stetig weiterentwickelnde Reise- und Kommunikationstechnologie wirkt sich auf das Phänomen der transnationalen Migration aus. Migrant*innen haben neue Möglichkeiten Kontakte und Beziehungen über Grenzen hinweg zu führen (Lüthi 2005).

Um transnationale Migration im Kontext der Care -Arbeit zu untersuchen, ist es unerlässlich zuerst einen kurzen Blick auf den Zusammenhang der Thematiken Migration und Gender zu werfen, um anschließend das Phänomen der transnationalen Care -Arbeit zu betrachten.

3. Migration und Gender

Migration war schon immer Teil der Geschichte der Menschheit. Lange Zeit wurden Frauen innerhalb der Thematisierung von und Forschung zu Migration jedoch nicht beachtet, beziehungsweise als passiv wahrgenommen. Helma Lutz nennt vier mögliche Erklärungen für die fehlende Beachtung von Frauen: 1. Innerhalb der Forschung wurde der generelle Fokus auf Männer lange Zeit als natürlich angesehen, 2. Zusätzlich fehlten weibliche Wissenschaftler*innen, 3. Frauen wurden als passiv betrachtet und als lediglich den Männern folgend, 4. Gründe des sozialen Wandels (Lutz 2010b: 1648f.).

In diesem Zusammenhang spricht sie, die bereits im Abschnitt zu Care thematisierte Problematik an, dass die von Frauen verrichtete Arbeit im privaten, reproduktiven Feld nicht gesehen/ anerkannt wurde und Frauen in Hinblick auf Migration lange nicht wahrgenommen wurden. Mit zunehmender Sichtbarwerdung von Frauen innerhalb der Thematik Migration wurden Gender und Migration vermehrt gemeinsam betrachtet.

Hausbacher, Klaus, Poole, Brandl und Schmutzhart kritisieren die Zugänge und Betrachtungsweisen von transkultureller Migration innerhalb wissenschaftlicher Diskurse und beziehen sich darauf, dass „konkrete Lebensrealitäten von Migrant*innen“ (Hausbacher et al. 2012: 11) zu wenig Beachtung bekommen. Sie plädieren für eine „intersektional-transkulturelle Perspektive“ von Gender und Migration (ibid.: 12). Mit Hilfe dieser Perspektive soll es möglich sein, Machtstrukturen offenzulegen und diese zu hinterfragen. Der Einbezug einer intersektionalen Perspektive meint den Fokus auf die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen zu legen. In Bezug auf Migration heißt das konkret: „[...] gender, race, ethnicity, nationality, class, sexuality and so on shape and discipline people's ability to move and how they think about and act toward migration” (Pessar und Mahler 2003: 823).

Helma Lutz (2010) plädiert dafür, die Phänomene Migration und Geschlecht in Zukunft gemeinsam zu betrachten. In Anlehnung an Ewa Palenga-Möllenbeck benennt sie drei Ebenen der Analyse von Gender und Migration. Die erste Ebene (macro-level) umfasst die verschiedenen Segmente von Arbeitsmärkten. Es gibt demnach verschieden Arbeitsmärkte und Tätigkeiten, die speziell auf Frauen oder Männer als Arbeitskräfte ausgelegt sind. Damit einher geht die Organisation der Arbeit, welche die zweite Ebene (meso-level) darstellt. Auf dieser Ebene ist es von Bedeutung, den Blick darauf zu lenken, wie verschiedene Arbeitsmärkte aufgrund der Organisation, feminisiert sind. Auf der dritten und letzten Ebene (micro-level) geht es um individuelle Praktiken, Identitäten und Positionen (vgl. Lutz 2010: 1658-1658).

Zuhal Yesilyurt Gündüz bezeichnet die immer steigende Anzahl von Frauen im Migrationsprozess als „new global trend“ (2013: 33). Vermehrt wird zudem deutlich, dass die Kategorie Geschlecht eng mit dem Phänomen Migration verbunden ist und eine gemeinsame Betrachtung unerlässlich ist: „[. ] treating gender less as a variable and more as a central concept for studying migration“ (Pessar und Mahler 2003: 814). Sigrid Kannengießer spricht sogar von einer „Vergeschlechtlichung“ von Migrationsbewegungen (2012: 24).

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll an Kannengießers Vergeschlechtlichung von Migrationsbewegungen angeknüpft und Machtstrukturen innerhalb dieses Phänomens sichtbar gemacht werden.

4. Global-Care-Chain

Arlie Hochschild, Soziologin, hat den Begriff der Global-Care-Chain geprägt und definiert diesen wie folgt: „[...] eine Reihe von persönlichen Verbindungen zwischen Menschen auf der ganzen Welt, die auf bezahlter oder unbezahlter Betreuungstätigkeiten beruhen“ (Hochschild 2001: 158). Die Anzahl der Glieder, welche an der Betreuungskette beteiligt sind, können von zwei bis zu mehreren schwanken. Hochschild skizziert eine typische Global-Care-Chain wie folgt:

„Üblicherweise sieht eine solche Kette wie folgendermaßen aus: (1) eine ältere Tochter aus einer armen Familie, die sich um ihre Geschwister kümmert, während (2) ihre Mutter als Kindermädchen für eine Mutter arbeitet, die ihrerseits ausgewandert ist und sich um das Kind einer Familie in einem reichen Land kümmert.“ (Hochschild 2001: 158)

Zu erkennen ist eine Abhängigkeit der einzelnen Glieder voneinander. Bemerkenswert und für den weiteren Verlauf dieser wissenschaftlichen Arbeit relevant ist die Tatsache, dass in den meisten Fällen alle Glieder der Global-Care-Chain weibliche Personen sind.

Den Kapitalismus sehen viele Wissenschaftlerinnen, die sich mit dem Phänomen der Global-Care-Chain beschäftigen, als zentralen Einflussmechanismus. Lutz und Palenga-Möllenbeck fassen dies folgendermaßen zusammen:

„The ,global care chain‘ concept captures a process in which several phenomena, such as capitalism, globalization, and the feminization of migration interact with gender relations, care, and emotional work.” (2012: 17)

Auf den Zusammenhang des kapitalistischen und neoliberalen Wirtschaftssystems und der Entstehung und Auswirkung von Global-Care-Chains wird im Laufe dieses Abschnittes genauer eingegangen.

Zunächst sollen die Bedingungen zur Entstehung von Global-Care-Chains nachgezeichnet werden und die Logik hinter diesen erläutert werden. In einem nächsten Schritt soll es um die Auswirkungen dieser auf verschiedene Akteure und die Beziehungen unter diesen gehen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die "Global-Care-Chain" und ihre Auswirkungen auf die einzelnen Glieder und deren Verhältnis untereinander
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V962597
ISBN (eBook)
9783346312464
ISBN (Buch)
9783346312471
Sprache
Deutsch
Schlagworte
global-care-chain, auswirkungen, glieder, verhältnis
Arbeit zitieren
Lilly Lehmann (Autor), 2019, Die "Global-Care-Chain" und ihre Auswirkungen auf die einzelnen Glieder und deren Verhältnis untereinander, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962597

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