Die Eurozone als Währungsraum vor dem Hintergrund des Ziels einer ökonomischen Konvergenz


Masterarbeit, 2020

69 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Theorie optimaler Währungsräume
2.1 Grundlagen
2.1.1 Definitionen
2.1.2 Fixierte und flexible Wechselkurssysteme
2.2 Kriterien
2.2.1 Faktormobilität
2.2.2 Der volkswirtschaftliche Offenheitsgrad
2.2.3 Fiskalische Integration
2.2.4 Diversifikation der Produktion
2.2.5 Glaubwürdigkeit der Geldpolitik
2.2.6 Inflationspräferenzen der Mitgliedsländer
2.3 Zusammenfassung

3 Ökonomische Konvergenz im Euroraum
3.1 Grundlagen
3.1.1 Endogenitäts-Hypothese und ökonomische Konvergenz
3.1.2 Der Euroraum als Währungsraum
3.2 Vertragliche Vereinbarungen zur fiskalischen Integration
3.2.1 Der Vertrag von Maastricht und der AEU-Vertrag
3.2.2 Der Stabilitäts- und Wachstumspakt
3.2.3 Der Euro-Rettungsschirm
3.2.4 Das Europäische Semester
3.3 Konjunktur
3.4 Inflationsrate
3.5 Wettbewerbsfähigkeit

4 Die EZB
4.1 Organisationsstruktur
4.2 Preisniveaustabilität und Determinanten des Geldwerts
4.3 Unabhängigkeitsgebot
4.4 Rechenschaftspflicht und Transparenz
4.5 Instrumentarium
4.6 Zentrale Aspekte der expansiven Geldpolitik
4.6.1 Niedrigzinspolitik
4.6.2 Monetäre Staatsfinanzierung

5 Konklusion

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Kaufkraftbereinigtes BIP pro Kopf (€)

Abbildung 2: Inflationsraten (%)

Abbildung 3: Varianz der Inflationsraten der Euro-12

Abbildung 4: Inflationsraten (%) der PIIGS-Staaten

Abbildung 5: Offenheitsgrad (%) im Euroraum

Abbildung 6: Arbeitslosenquoten (%)

Abbildung 7: Geldwert im Angebot- und Nachfragemodell

Abbildung 8: Leitzinsen (%) im Euroraum

Abkürzungsverzeichnis

AEUV: Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union

EG: Europäische Gemeinschaft

ESM: Europäischer Stabilitätsmechanismus

ESZB: Europäisches System der Zentralbanken

EZB: Europäische Zentralbank

HVPI: Harmonisierter Verbraucherpreisindex

IWF: Internationaler Währungsfonds

PIIGS: Portugal, Italien, Irland, Griechenland, Spanien

1 Einleitung

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise stellen den Euroraum aktuell vor enorme ökonomische und politische Herausforderungen, die die Stabilität des Euroraums als Währungsraum auf die Probe stellen. Als Reaktion auf die Krise wurden Hilfsmaßnah­men auf europäischer Ebene in einer Höhe von über 1000 Mrd. Euro getätigt, wobei in dieser Summe die massiven, nationalen Hilfsprogramme noch nicht berücksichtigt sind (vgl. Bundesfinanzministerium 2020a). Die gespaltene Reaktion der Öffentlichkeit auf diese Hilfspakete spiegelt wider, dass es an Erfahrungswerten mit einer Pandemie dieses Ausmaßes in einer globalisierten Welt mangelt, um einen, unter ethischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, angemessen politischen Umgang mit der Situation zu finden. Die bereits vor der Krise existierenden Probleme lassen sich dagegen an­hand bestehender wissenschaftlicher Theorien und empirischer Daten untersuchen, um Empfehlungen an die Politik formulieren zu können. Einige der zentralen, aktuellen Probleme des Euroraums, wie die konjunkturelle Schwäche oder die ausufernde Staatsverschuldung einiger Mitgliedsstaaten, wurden schließlich durch die Corona- Krise lediglich verschärft, existierten aber bereits vor dem Ausbruch der Pandemie. Um adäquate, langfristig tragbare geldpolitische und fiskalpolitische Strategien im Um­gang mit diesen Problemen zu finden, die der Zufriedenheit der Bürger und der Stabi­lität des Euroraums dienen, scheint daher eine fundierte Analyse der bereits vor der Krise existierenden ökonomischen Ungleichgewichte sinnvoll.

Einen geeigneten theoretischen Ausgangspunkt für diese Analyse bildet die Theorie optimaler Währungsräume, welche auch für die Einführung des Euros als wissen­schaftliches Fundament diente. In Kapitel 2 wird diese Theorie vorgestellt und auf de­ren Kriterien für die Einschätzung der Optimalität eines Währungsraumes eingegan­gen. Insbesondere dadurch, dass diese Kriterien vor dem Hintergrund eines ökonomi­schen Schocks betrachtet werden, besitzt die Theorie eine hohe Relevanz für die ak­tuelle wirtschaftliche Krise im Euroraum. Unter Ökonomen, die die Optimalität des Eu­roraums untersuchten, herrscht eine relativ hohe Einigkeit darüber, dass dieser zum Zeitpunkt seiner Gründung nicht als optimaler Währungsraum einzustufen war (vgl. Mongelli 2008, S. 1). Ob sich der Euroraum im Zeitverlauf und insbesondere nach der Finanzkrise 2008 zu einem optimalen Währungsraum entwickelt hat, bleibt dagegen unklar und ist deshalb ein wesentlicher Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit. Be­deutsam für die Beantwortung dieser Frage ist dabei, ob eine ökonomische Konver­genz zwischen den Mitgliedsländern stattgefunden hat. Dies soll anhand der Parame­ter fiskalische Integration, Konjunktur, Inflationsrate und Wettbewerbsfähigkeit litera­risch deskriptiv analysiert werden und ergänzt werden mit eigenen quantitativen Un­tersuchungen, die auf Daten von Eurostat basieren (vgl. Kap. 3). Die Kriterien der The­orie optimaler Währungsräume sind dabei wesentlich für die Kontextualisierung und die Interpretation dieser Parameter. Die Konvergenzparameter von Kapitel 3 werden stets auf zwischenstaatlicher Ebene verglichen. Da zwischen den PIIGS-Staaten und Deutschland im Euroraum die stärksten volkswirtschaftlichen Unterschiede zu erwar­ten sind, bildet ein Vergleich der wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder einen zent­ralen Bestandteil der Untersuchung. Im Kontext der Analyse der Konvergenz der Mit­gliedsländer sollen schwerwiegende, wirtschaftliche Probleme des Euroraums aufge­zeigt werden. Ausgehend von den aufgezeigten Symptomen von Ungleichgewichten soll nach deren tieferliegenden Ursachen geforscht werden, um den Kern der beleuch­teten Probleme des Euroraums möglichst genau zu identifizieren. Hierbei soll der Um­gang der Fiskalpolitik (vgl. Kap. 3.2) und Geldpolitik (vgl. Kap. 4.6) mit der Problematik dargestellt und kritisch diskutiert werden. Kapitel 4.1 bis 4.5 beleuchten zunächst die institutionellen Rahmenbedingungen der EZB, um anschließend logische, geldpoliti­sche Zusammenhänge zu identifizieren. Auf Basis dieser Ergebnisse sollen Empfeh­lungen an Geldpolitik und Fiskalpolitik gegeben werden, die nicht nur als Reaktionen auf die aktuellen wirtschaftspolitischen Herausforderungen im Zuge der Corona-Krise zu verstehen sind. Stattdessen wird durch die Empfehlungen dieser Arbeit versucht, grundsätzliche Leitlinien zur Vermeidung zukünftiger und Handhabung aktueller wirt­schaftlicher Probleme des Euroraums aufzustellen. Darauf aufbauend soll schließlich ein eigenes Lösungskonzept erarbeitet werden, das alternative fiskalpolitische und geldpolitische Strategien enthält. Dieser utopische Ansatz soll letztendlich dem Ziel dienen, politische Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein nachhaltiges Wirtschafts­wachstum im Euroraum sowie eine Resilienz gegen ökonomische Schocks begünsti­gen und zu einem Abbau der wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen Mitglieds­ländern beitragen.

2 Die Theorie optimaler Währungsräume

2.1 Grundlagen

2.1.1 Definitionen

Ziel von Kapitel 2 ist die möglichst umfassende Nennung und Beschreibung jener Fak­toren, die über die ökonomische Sinnhaftigkeit eines gemeinsamen Währungsraumes entscheiden. Die in der einschlägigen Literatur allgegenwärtige Theorie optimaler Währungsräume bietet für diesen Zweck einen geeigneten wissenschaftlichen Rah­men und nimmt eine dementsprechend zentrale Rolle in dieser Arbeit ein. Die Unter­suchungen in Kapitel 2 bieten dabei ein Überblick über allgemeingültige ökonomische Eigenschaften von Währungsräumen sowie von deren Vor- und Nachteile.

Mongelli (2008, S.2) definiert einen optimalen Währungsraum als optimales geogra­phisches Gebiet für eine Währung oder mehrere Währungen, deren Wechselkurse un­widerrufbar aneinander fixiert sind und einheitlich gegenüber anderen Währungen schwanken. Auch Mundell (1961, S. 657) unterscheidet im Rahmen der Definition ei­nes Währungsraumes nicht zwischen Währungsräumen mit einer Währung und Wäh­rungsräumen mit mehreren, aneinander fixierten Währungen.

Optimalität ist in diesem Zusammenhang als das makroökonomische Ziel zu verste­hen, ein internes und externes Gleichgewicht herzustellen, bzw. aufrechtzuerhalten. Ein internes Gleichgewicht herrscht dort, wo die ökonomischen Kosten im Spannungs­feld von Inflation und Arbeitslosigkeit am geringsten sind. Dagegen bezeichnet exter­nes Gleichgewicht eine Situation, in der die Zahlungsbilanz innerhalb eines Währungs­raumes und in Verbindung mit anderen Währungsräumen ausgeglichen ist (vgl. Kawai 1991, S. 526).

McKinnon (1963, S. 717) definiert einen Währungsraum dann als optimal, wenn er die drei, teilweise konkurrierenden, Ziele einer ausgeglichenen Handelsbilanz, Vollbe­schäftigung und Preisniveaustabilität innerhalb des Währungsraums bestmöglich er­füllt.

2.1.2 Fixierte und flexible Wechselkurssysteme

Ziel von Kapitel 2.1.2 ist, die Theorie optimaler Währungsräume thematisch einzuord­nen und dabei grundsätzliche Vor- und Nachteile von fixierten Wechselkurssystemen gegenüber flexiblen Wechselkurssystemen zu skizzieren.

Die Theorie optimaler Währungsräume entstand im Kontext einer Debatte darüber, ob Systeme fixierter Wechselkurse gegenüber flexiblen Wechselkurssystemen zu bevor­zugen wären (vgl. Kawai 1991, S. 526).

Grundsätzlich wird als Hauptargument für flexible Wechselkurse der Aspekt genannt, dass wirtschaftlich schwache Länder in Systemen flexibler Wechselkurse durch eine Abwertung ihrer Währung die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Exportwirtschaft erhöhen können. Ein System fester Wechselkurse wäre dabei nur dann sinnvoll, wenn exogene Schocks über Anpassungen der Preise und Löhne ausgeglichen werden könnten. Da Preise und Löhne in der Realität jedoch relativ fixiert seien, können exogene Schocks zu Ungleichgewichten führen, die das Wechselkurssystem gefährden können (vgl. Friedman 1953, S. 165 ff.).

Mundell (1973, S. 115) kritisiert die Annahme, dass Löhne (auf Grund von festgeschrie­benen Tarifverträgen) und Preise (wegen einer Ablehnung von Preiserhöhungen in von Schocks getroffenen Regionen) unflexibel seien als unrealistisch. Stattdessen fasst er den Ausgleich asymmetrischer Schocks über Wechselkursanpassungen als Argument gegen flexible Wechselkurse zwischen den beteiligten Ländern auf. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass er der Wirkung von Wechselkursanpassungen hinsichtlich einer Verschlechterung der Handelsbedingungen gegenüber dem Effekt der Förde­rung der Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft des jeweiligen Landes eine höhere Bedeutung beimisst.

Trotz Mundells Kritik spielt Friedmans Abhandlung über die Nach- und vor allem Vor­teile flexibler Wechselkurse, zusammen mit Arbeiten von Meade (1957) und Scitovsky (1958), eine entscheidende Rolle für die Entwicklung der Theorie optimaler Währungs­räume. Seine Grundidee, dass es universell anwendbare ökonomische Richtlinien gibt, die darüber entscheiden, ob eine gemeinsame Währung für eine volkswirtschaftliche Einheit von Vorteil ist, bildet den Ausgangspunkt für die, von Mundell (1961), McKinnon (1963) und Kenen (1969) formulierte, „klassische“ Theorie optimaler Währungsräume. Für seinen, 1961 veröffentlichten, wegbereitenden Beitrag zur Theorie optimaler Wäh­rungsräume gewann Mundell 1999 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Auch mit späteren Veröffentlichungen lieferte er eine wissenschaftliche Grundlage für die Einführung des Euro (vgl. McKinnon 2000, S. 1).

2.2 Kriterien

2.2.1 Faktormobilität

Das Kriterium der Faktormobilität beschreibt die geographische und industrieübergrei­fende Mobilität von Arbeitskräften und Kapital als Reaktion auf einen asymmetrischen Schock.

Um eine optimale Region für einen Währungsraum festzulegen, argumentiert Mundell mit dem Ricardianischen Prinzip der Faktormobilität: Wenn innerhalb eines Währungs­raums hohe Faktormobilität vorherrscht, könne ein System flexibler Wechselkurse zwi­schen Regionen funktionieren. Grundgedanke hierbei ist, dass Arbeitskräfte aus einer Region A, in der in Folge des asymmetrischen Schocks eine hohe Arbeitslosigkeit vor­liegt, in jene Region B auswandern, in der Inflationstendenzen herrschen. Dadurch profitiert Region A in Form einer Abwanderung überschüssiger Arbeitskräfte. Die neu dazugekommenen Arbeitskräfte steigern nun in Region B die volkswirtschaftliche Pro­duktionskapazität, was einerseits zu einer Neutralisierung des Inflationsdrucks führt und andererseits das Ungleichgewicht in der Handelsbilanz wieder ausgleicht. Weiter­hin folgert Mundell aus seinen Untersuchungen, dass Währungsräume umso eher Re­gionen mit hoher interner Faktormobilität entsprechen, je kleinteiliger die Einteilung der Welt in Währungsräume erfolgt. Demgegenüber steht das Argument, dass der Nutzen von Geld mit der Größe des Raumes, in dem es als Zahlungsmittel verwendet werden kann, zunimmt (vgl. Mundell 1961, S. 661 f.).

Kenen (1969, S. 48) fügt an, dass sich die Faktormobilität auf den jeweiligen Wäh­rungsraum beschränken soll, während eine hohe externe Faktormobilität eher ein Ar­gument gegen den jeweiligen Währungsraum darstellt.

Kawai betont, dass die Mobilität von Arbeitskräften üblicherweise auf kurze Sicht nied­rig ist. Deshalb sei diese effektiver, um anhaltende Ungleichgewichte auszugleichen, während die Mobilität von Finanzkapital als Vehikel zum Ausgleich kurzfristiger Un­gleichgewichte effektiver sei (vgl. Kawai 1991, S. 528).

Zudem ergänzt McKinnon, dass Faktormobilität nicht nur geographisch verstanden werden kann, sondern auch industrieübergreifend. Ist der Industriezweig, dessen Er­zeugnisse einen Nachfrageschock erleiden, mit relativ wenig Aufwand in der Region, die diese Erzeugnisse importiert, entwickelbar, wäre eine Auswanderung von Arbeits­kräften nicht nötig, um ein neues Gleichgewicht herzustellen (vgl. McKinnon 1963, S. 724).

2.2.2 Der volkswirtschaftliche Offenheitsgrad

McKinnon entwickelt Mundells Konzept der Optimalität eines Währungsraums weiter, indem er das Kriterium der Offenheit einer Volkswirtschaft mit in Erwägung zieht. Dafür teilt er die Güter einer Volkswirtschaft in die Kategorien handelbare Güter und nicht handelbare Güter ein und nimmt eine weitere Unterscheidung zwischen importierba­ren, handelbaren Gütern und exportierbaren, handelbaren Gütern vor (vgl. McKinnon 1963, S. 717).1

Der Autor erforscht den Einfluss von fixierten und flexiblen Wechselkurssystemen auf eine große, relativ geschlossene Volkswirtschaft. Diesen vergleicht er mit dem Einfluss des Wechselkurssystems auf eine kleine, relativ offene Volkswirtschaft. Seine theore­tischen Untersuchungen ergeben, dass es tendenziell für kleine, relative offene Volks­wirtschaften sinnvoller ist, einen Währungsraum zu bilden, während es für große, re­lativ geschlossene Volkswirtschaften von Vorteil ist, die eigene, frei fluktuierende Wäh­rung beizubehalten. Dies begründet er damit, dass sich offene, kleine Volkswirtschaf­ten tendenziell durch einen hohen Anteil an handelbaren Gütern (im Verhältnis zu nicht handelbaren Gütern) auszeichnen. Seiner Argumentation zufolge würde in einer sol­chen Volkswirtschaft eine Abwertung der eigenen Währung zu einer relativen Preis­steigerung der handelbaren Güter führen. Durch die Offenheit der Volkswirtschaft hätte dies eine signifikante Minderung der Kaufkraft der Bevölkerung zur Folge. Damit wäre das Ziel der Preisniveaustabilität innerhalb eines Währungsraums klar verfehlt. Durch dieselbe Argumentationskette lässt sich umgekehrt begründen, dass eine Abwertung für eine große, relativ geschlossene Volkswirtschaft weniger gravierende Folgen auf die Kaufkraft der Bevölkerung hätte (vgl. ebda., S.719 ff.).

2.2.3 Fiskalische Integration

Wie McKinnon (1963, S. 719 f.) folgt auch Kenen (1969, S.42) Mundells Ausgangssi­tuation eines Nachfrageschocks als Bedrohung für die Wirtschaftskraft und Stabilität einer Region. Als drittes und viertes Kriterium der Theorie optimaler Währungsräume bezieht er die fiskalische Integration und Diversifikation mit ein.

Grundidee des Kriteriums der fiskalischen Integration ist, dass ein Steuersystem, das den gesamten Währungsraum umfasst, makroökonomische Ungleichgewichte teil­weise kompensieren soll. Regionen innerhalb eines Währungsraums, die auf Grund ihrer industriellen Struktur von einem asymmetrischen Schock profitieren, sollen dem­nach Ausgleichszahlungen tätigen. Diese wären also jene Regionen, deren vorwie­gend hergestellte Produkte in Folge des Nachfrageschocks verstärkt nachgefragt wer­den. Mit Hilfe dieser Ausgleichszahlungen soll in den Regionen, deren Erzeugnisse durch den Schock weniger nachgefragt werden, eine starke Herabsetzung des verfüg­baren Einkommens, bzw. ein Anstieg der Arbeitslosigkeit vermieden werden. Anderer­seits wären jene Regionen, in denen die Steuern erhöht werden, dazu in der Lage, die steuerliche Benachteiligung zu kompensieren, da diese Regionen wirtschaftlich vom asymmetrischen Schock profitieren. Die Koordination der steuerlichen Redistribution sieht der Autor als eine der Hauptaufgaben der Fiskalpolitik. Jedoch soll dieses Kon­zept der Solidarität lediglich temporär angewandt werden, bis sich die Auswirkungen des asymmetrischen Nachfrageschocks wieder normalisiert haben (vgl. Kenen 1969, S. 47).

An dieser Stelle unterscheiden sich seine Ansichten von der Auffassung von Fleming, der auch dauerhafte Ausgleichszahlungen im Rahmen einer fiskalischen Integration für sinnvoll erachtet. Sind die in diesem Zusammenhang beschriebenen Regionen mit Ländern eines Währungsraums gleichzusetzen, können wirtschaftlich verhältnismäßig schwache Länder mit Hilfe der Ausgleichszahlungen Defizite im Staatshaushalt und in der Handelsbilanz ausgleichen (vgl. Fleming 1971, S. 483).

Kenen betont hingegen, dass es auf Grund ökonomischer und politischer Gründe un­wahrscheinlich wäre, dass wirtschaftliche stärkere Länder dauerhaft Ausgleichszah­lungen an Defizitländer zustimmen würden. Um ein solches Szenario zu vermeiden sollen Länder, deren Staatsdefizite2 sehr unterschiedlich hoch sind, keinen gemeinsa­men Währungsraum bilden. Genügend Ähnlichkeit, hinsichtlich der Staatshaushalts­lage, solle deshalb entweder bereits vor der Bildung eines gemeinsamen Währungs­raumes oder innerhalb eines kurzen Zeitraums nach der Bildung bestehen (vgl. Kenen 1969, S. 48).

2.2.4 Diversifikation der Produktion

Kenen rückt zudem die industrielle Struktur von Volkswirtschaften in den Vordergrund und führt zusätzlich zum Kriterium der fiskalischen Integration das Kriterium der Diver­sifikation ein. Die entsprechende Theorie besagt, dass Länder, die einem Währungs­raum beitreten möchten, über möglichst diversifizierte Volkswirtschaften verfügen sol­len. Die Begründung ist, dass mit einer höheren Bandbreite an Erzeugnissen einer Volkswirtschaft die Auswirkungen eines asymmetrischen Schocks weniger gravierend ausfallen würden. Wenn ein Schock lediglich einen Industriezweig betrifft, sind die Aus­wirkungen des Schocks umso drastischer, je stärker ein Land von der Produktion die­ses Guts abhängt. Wenig diversifizierte Volkswirtschaften sind deshalb wesentlich stärker abhängig von der Möglichkeit, Nachfrageschocks über flexible Wechselkurse auszugleichen (vgl. Kenen 1969, S. 59).

Größere Wirtschaftsräume können zu einer stärkeren Diversifikation der Produkte in der Betrachtung des gesamten Wirtschaftsraums führen, weil größere Märkte in meh­rere, kleine Teilmärkte unterteilt werden können, um unterschiedlichen Präferenzen der Konsumenten gerecht zu werden (vgl. Krugman, 1979, S. 470 ff.).

Auf regionaler Ebene unterstützen dagegen empirische Daten aus der US-Ökonomie der 1970er Jahre die Annahme, dass die Förderung der wirtschaftlichen Integration (welche Folge der Bildung eines Währungsraumes sein kann) zu einer Abnahme der Diversifikation der Produktion führt. Dadurch würden regionale Exporte anfälliger für asymmetrische Schocks. Da in großflächigen Währungsräumen die Möglichkeit zu fle­xibler Wechselkurspolitik oder Geldpolitik auf regionaler Ebene fehlt, müsste auf die Migration von Arbeitskräften oder fiskalpolitische Maßnahmen zurückgegriffen werden, um die Arbeitslosigkeit zu senken (vgl. Krugman 1993, S. 247 ff.). Die ökonomischen Kosten solcher Schocks wären ohne einen fiskalischen Ausgleichsmechanismus hö­her (vgl. ebda., S. 258).

2.2.5 Glaubwürdigkeit der Geldpolitik

Frankel (1999, S. 11) ergänzt die Theorie optimaler Währungsräume durch das Krite­rium der Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Wenn eine (nationale) Zentralbank ihre Geld­politik unbeachtet von internationalen Akteuren gestalten kann, kann diese Geldpolitik dazu tendieren, Inflation zu verursachen. Um möglichst gleichbleibende wirtschaftliche Rahmenbedingungen und in der Folge mehr Transaktionen und internationalen Han­del zu erhalten, sind aber konstant niedrige Inflationsraten nötig (vgl. Fleming 1971, S. 473). Die Bedeutung dieses Kriteriums zeigt sich insbesondere vor dem geschichtli­chen Hintergrund, dass Zentralbanken verschiedener Länder ihr Monopol für die Geld­schaffung oftmals missbrauchten und zu Gunsten elitärer Partikularinteressen Inflatio­nen mit verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen auslösten. Gerade wenn die Zentralbank einer Nation in der Vergangenheit vergleichbare Szenarien verursacht hat, kann diese Nation durch einen Beitritt in eine Währungsunion von der Glaubwürdigkeit der Geldpolitik der Zentralbank der Währungsunion profitieren und damit die Basis für einen wirtschaftlichen Aufschwung in Folge nachhaltig niedriger Inflationserwartungen schaffen. Hong Kong, Argentinien und einige Länder Osteuropas haben beispielsweise von solch einer Strategie Gebrauch gemacht (vgl. Frankel 1999, S. 3). Auch Länder wie Italien, Spanien und Portugal, die in der 1970er Jahren hohe Inflationsraten auf­wiesen, versuchten, jeweils durch eine Bindung an die Deutsche Mark, die geldpoliti­sche Glaubwürdigkeit der Bundesbank auf ihre eigene Währung zu übertragen (vgl. ebda., S. 11). Eine in der Vergangenheit unglaubwürdige Geldpolitik der Zentralbanken der Mitgliedsländer ist hierbei nicht als Anhaltspunkt für die Qualität, bzw. Optimalität des Währungsraumes zu verstehen. Vielmehr zeigt dies die Notwendigkeit einer Zent­ralbank, deren Geldpolitik eine hohe Glaubwürdigkeit genießt und kann in diesem Sinne den Beitritt oder Zusammenschluss zu einem Währungsraum rechtfertigen.

2.2.6 Inflationspräferenzen der Mitgliedsländer

Fleming betont die Problematik von gemeinsamen Inflationspräferenzen, bzw. einer gemeinsamen Zielgröße für die Arbeitslosenquote in Abhängigkeit von der Inflations­rate. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die Annahme, dass mehrere, autonome Währungsbehörden innerhalb eines Währungsraums in erster Linie die Partikularinte­ressen ihrer eigenen Region vertreten würden. Um eine effiziente Geldpolitik zur Wah­rung einer ausgeglichenen Zahlungsbilanz zwischen der Währungsunion und dem Rest der Welt herstellen zu können, sei daher eine gemeinsamen Währungsbehörde für den gesamten Währungsraum nötig. Die gemeinsame Geldpolitik habe eine im ge­samten Währungsraum relativ gleich hohe Inflationsrate zur Folge. Sie liege dabei hö­her als die von Überschussländern bevorzugte und niedriger als die von Defizitländern bevorzugte Inflationsrate (vgl. Fleming 1971, S. 469).

Fleming (1971, S. 470 f.) argumentiert mit der gekrümmten Form der Phillips-Kurve, bzw. dem relativ schwachen Wirkungsgrad einer Erhöhung der Inflationsquote bei An­näherung der Arbeitslosenquote an null, um darzustellen, dass unterschiedliche Infla­tionspräferenzen zu einer insgesamten Verschlechterung der Kombination von Inflati­onsquote und Arbeitslosenquote führen.3 Ursprünglich determinieren aber die Han­delsbilanzen zwischen den Mitgliedsstaaten einer Währungsunion deren Inflationsprä­ferenzen (vgl. Fleming 1971, S. 469). Möglicherweise wäre daher die Auffassung des Kriteriums der Inflationspräferenzen als ein Kriterium unausgeglichener Handelsbilan­zen treffender. Ishiyama (1975, S. 357) unterstützt Flemings Auffassung unterschied­licher Inflationspräferenzen und fügt an, dass das Kriterium umso bedeutsamer ist, je stärker die einzelnen beobachteten Inflationsraten und Wachstumsraten der volkswirt­schaftlichen Produktion der Mitgliedsländer divergieren. Diese Ergänzung deutet da­raufhin, dass sich das Kriterium der Inflationspräferenzen nicht universell bezüglich seiner Bedeutsamkeit im Vergleich mit anderen Kriterien einstufen lässt.

2.3 Zusammenfassung

In Analogie zum Kriterium der Inflationspräferenzen scheint es, dass auch die Bedeu­tung der zuvor beschriebenen Kriterien in Abhängigkeit vom betrachteten Währungs­raum variiert und deshalb keine entsprechende, universell gültige Abstufung der Krite­rien möglich ist. Zudem deuten die im Rahmen dieser Arbeit bisher unternommenen Untersuchungen darauf hin, dass bei jeder ausschließlichen Betrachtung eines einzel­nen Kriteriums andere, relevante Einflussfaktoren auf die ökonomische Sinnhaftigkeit eines Währungsraumes unterschlagen werden. Zu diesem Schluss kommt auch Ishiyama (1975, S. 361), der deshalb einen multidimensionalen Ansatz vorschlägt. Gleichzeitig räumen aber sowohl Ishiyama (ebda.) als auch Fleming (1971, S. 486) ein, dass es bei einem solchen Ansatz schwierig ist, die Bedeutung der einzelnen Kri­terien im Verhältnis zueinander zu gewichten, bzw. allgemein zu quantifizieren. Inter­dependenzen zwischen Vor- und Nachteilen einer Währungsunion erschweren eine Analyse zusätzlich (vgl. Ishiyama 1975, S. 369). In der einschlägigen Literatur wird häufig versucht, diese Herausforderung zu bewältigen, indem, im Rahmen eines Kos­ten-Nutzen-Ansatzes, negative und positive Aspekte von fixen Wechselkurssystemen gegenübergestellt werden (vgl. Kawai 1991, S. 530; Frankel 1999, S. 9 ff.; Ishiyama 1975, S. 361 ff.).

Grundsätzlich sind die oftmals konkurrierenden Ziele einer ausgeglichenen Handels­bilanz, Vollbeschäftigung und Preisniveaustabilität maßgeblich verantwortlich für die Optimalität eines Währungsraums (vgl. Kap. 2.1). Folgende Kriterien kommen als Vo­raussetzungen für einen optimalen Währungsraum ergänzend hinzu:

1. Faktormobilität: In Bezug auf die Produktionsfaktoren Arbeitskraft und Kapital ist die geographische und interindustrielle Mobilität innerhalb eines Währungsraums hoch und in Verbindung mit Regionen außerhalb des Währungsraumes niedrig.
2. Offenheitsgrad: Der Währungsraum setzt sich zusammen aus kleinen, offenen Volkswirtschaften.
3. Fiskalische Integration: Für den Fall eines asymmetrischen Schocks besteht ein strukturell verankerter Rahmen, der Ausgleichszahlungen von den vom Schock be­günstigten Ländern an Defizitländer vorsieht. Die Mitgliedsländer der Währungsunion weisen relativ gleich hohe Staatsdefizite auf.
4. Diversifikation: Die Volkswirtschaft der Währungsunion zeichnet sich, sowohl insge­samt als auch innerhalb der Mitgliedsländer, durch eine stark diversifizierte Produkti­onsstruktur, im Sinne unterschiedlicher Industriezweige, aus.
5. Glaubwürdigkeit: Die Geldpolitik der Zentralbank der Währungsunion genießt eine hohe Glaubwürdigkeit - dies gilt vor allem im Sinne der tatsächlichen Einhaltung des vorgegebenen Inflationsziels.
6. Inflationspräferenzen: Mitgliedsländer haben ausgeglichene Handelsbilanzen. Zu­dem herrscht zwischen diesen Ländern Einigkeit in Bezug auf eine gemeinsame Ziel­größe für die Arbeitslosenquote in Abhängigkeit der präferierten Inflationsrate.

3 Ökonomische Konvergenz im Euroraum

3.1 Grundlagen

3.1.1 Endogenitäts-Hypothese und ökonomische Konvergenz

In den Jahren nach der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht wurde auf einige der Schwächen und Beschränkungen der Theorie optimaler Währungsräume näher eingegangen. Bedeutende Fortschritte auf dem Gebiet der Ökonometrie ermöglichten es, mehrere Kriterien der Theorie optimaler Währungsräume messbar zu machen und die Übertragung von Schocks sowie andere wirtschaftliche Merkmale zu analysieren. In der wissenschaftlichen Literatur verschob sich im Zuge dieser Neubewertung das Sentiment in Bezug auf die Bildung gemeinsamer Währungsräume von einer zuvor eher ablehnenden Haltung hin zu einer Befürwortung (vgl. Mongelli 2008, S. 8). Wesentlich für diese Neubewertung der Thematik war die Endogenitäts-Hypothese, welche die Bildung eines Währungsgebietes als dynamischen Prozess auffasst. Der mit einem Beitritt in eine Währungsunion verbundene Verlust der Autonomie der nati­onalen Wirtschafts- und Währungspolitik wurde als weniger kostspielig eingestuft, während den Vorteilen von gemeinsamen Währungsgebieten mehr Gewicht verliehen wurde (vgl. Kawai 1991, S. 531).

So steigt etwa im Zeitverlauf der Mitgliedschaft in der Währungsunion mit hoher Wahr­scheinlichkeit der Offenheitsgrad unter Mitgliedsländern (vgl. Frankel 1999, S. 28 f.). Dieser Zusammenhang wird in der einschlägigen Literatur weitestgehend anerkannt, wenn auch unterschiedliche Auffassungen bezüglich dessen Stärke vorherrschen (vgl. Grauwe und Mongelli 2005, S. 7).

Ein höherer Offenheitsgrad kann wiederum eine Synchronisierung der Konjunkturzyk­len begünstigen. Der Beitritt eines Landes in eine Währungsunion könnte also ökono­misch sinnvoll sein, selbst wenn dieses Land, im Hinblick auf seine ökonomisch rele­vanten Variablen, zum Zeitpunkt des Beitritts ungeeignet scheint (vgl. Frankel und Rose 1998, S. 1024). Es wird deutlich, dass die klassische Theorie optimaler Wäh­rungsräume in ihrer vorwiegend statischen ex ante Betrachtung mit der wirtschaftli­chen Entwicklung im Zeitverlauf einen wesentlichen Aspekt unterschlägt. Zur Einschät­zung der Optimalität des Euroraums erhält die ökonomische Konvergenz der Mitglieds­staaten dementsprechend eine prominente Rolle in dieser Arbeit.

Ökonomische Konvergenz ist ein bedeutsames Ziel der EU und wird sowohl zwischen den Mitgliedsstaaten als auch innerhalb dieser angestrebt (vgl. Andersen et al. 2018, S. 75).

Bei der Bewertung der ökonomischen Konvergenz lässt sich zwischen Input- und Out­put-Konvergenz unterscheiden. Input-Konvergenz bezieht sich auf politische Parame­ter, wie Regulierungen oder institutionelle Qualität, während sich Output-Konvergenz auf wirtschaftliche Variablen, wie etwa Arbeitslosenquote oder das BIP, bezieht (vgl. Dolls et al. 2018, S. 9). Auf die Input-Konvergenz wird in Kapitel 3.2 näher eingegan­gen, während die drei darauffolgenden Kapitel die Output-Konvergenz, anhand der Parameter Konjunktur, Inflationsrate und Wettbewerbsfähigkeit, untersuchen.

Weitere Arten von Output-Konvergenz, die in dieser Arbeit nicht explizit untersucht werden, sind beispielsweise Einkommen, Mobilität von Arbeitskräften und Kapital, Zin­sen auf Staatsanleihen und Produktivität. Für eine Erläuterung der Konvergenz dieser Kriterien wird stattdessen auf entsprechende Ausführungen von Franks et al. (2018, S. 7 ff.) verwiesen.

Unter Ökonomen herrscht eine relativ hohe Einigkeit darüber, dass bis zum Jahr 2008 eine ökonomische Konvergenz im Euroraum stattgefunden hat (vgl. Andersen et al. 2018, S. 64). So kamen Grauwe und Mongelli (2005, S. 28 f.) im Rahmen einer Unter­suchung der Aspekte Preise und Handel, Integration der Kapitalmärkte, Symmetrie von Schocks, und Flexibilität von Güter- und Arbeitsmärkten des Euroraums zu dem Er­gebnis, dass die Aussagen der Endogenitäts-Hypothese auf den Euroraum in den ers­ten Jahren seiner Existenz zutreffen und sich die Mitgliedsländer in den genannten Bereichen relativ positiv entwickelten. Mongelli (2008, S. 21) fand zudem Belege für eine starke Diversifizierung der Volkswirtschaften in Produktion und Konsum sowie ei­nen hohen Offenheitsgrad und gleichartige Inflationsraten.

Der Ausbruch der Finanzkrise und der europäischen Schuldenkrise unterbrach jedoch diese Entwicklungen und löste Kräfte einer ökonomischen Divergenz aus (vgl. Ander­sen et al. 2018, S. 64). Diese Annahme und insbesondere, ob diese Divergenz bis heute anhält, soll in Kapitel 3 anhand der Kriterien fiskalische Integration, Konjunktur, Inflationsrate und Wettbewerbsfähigkeit untersucht werden. Hierbei sollen zentrale Ur­sachen einer möglichen Divergenz im Euroraum identifiziert und Lösungsansätze de­finiert werden.

3.1.2 Der Euroraum als Währungsraum

Der Euro ist die weltweit am zweithäufigsten verwendete Währung und wird von rund 341 Millionen Menschen täglich benutzt. Als Euroraum, amtlich auch Euro-Währungs­gebiet oder Eurozone, wird die Gruppe jener Länder bezeichnet, die den Euro als offi­zielle Währung besitzen (vgl. EU 2020).

Mitgliedsländer zum Zeitpunkt der Einführung des Euros waren Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Portugal und Spanien (vgl. EZB 2004, S. 109).4 Seit der Gründung traten sukzessiv Griechen­land, Slowenien, Zypern, Malta, die Slowakei, Estland, Lettland und Litauen dem Eu­roraum bei (vgl. EU 2020, Mitgliedsländer des Euro-Währungsgebiets). Alle 19 Euro­länder sind gleichzeitig EU-Mitgliedsländer und haben ihre nationale geldpolitische Souveränität aufgegeben (vgl. Scheller 2006, S. 45). Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Polen, Rumänien, Schweden sind EU-Mitgliedsländer, die den Euro noch nicht eingeführt haben, dies aber tun werden, sobald sie die notwendigen Vorausset­zungen hierfür erfüllen (vgl. EU 2020, EU-Mitgliedsländer außerhalb des Euro-Wäh­rungsgebiets). Der Euro wurde, zunächst mit einer Beschränkung auf elektronische Buchungen, am 1. Januar 1999 eingeführt, bevor am 1. Januar 2002 die Einführung des Euros als Bargeld folgte (vgl. Bundesfinanzministerium 2019).

Mit der Einführung des Euros im Jahr 1999 ging die alleinige Verantwortung für Geld­politik im Euroraum über auf das Eurosystem - ein supranationales Zentralbankensys­tem (vgl. Mongelli 2008, S. 20). Die Zuständigkeit für die Fiskal- und Wirtschaftspolitik bleibt dagegen weiterhin vorwiegend auf nationaler Ebene, bei den Regierungen der Mitgliedsstaaten (vgl. Dolls et al. 2018, S. 7).

Die Bürger der Eurozone profitieren neben der höheren Vergleichbarkeit der Preise innerhalb des Euro-Währungsgebietes von einer Verstärkung des intereuropäischen Wettbewerbs, welcher günstigere Preise und eine größere Bandbreite an Produkten begünstigt. Zudem werden Auslandsaufenthalte innerhalb der Eurozone, im Zuge des Wegfalls von Tauschgebühren, unkomplizierter und günstiger (vgl. Bundesfinanzminis­terium 2019). Im politischen Kontext der Input-Konvergenz sei darauf verwiesen, dass vor dem Hintergrund der (oftmals kriegerischen) Auseinandersetzungen der letzten Jahrhunderte zwischen den Nationen Europas die Einführung des Euros sicherlich eine starke politische Motivation, als Symbol für Einheit, hatte und die gemeinsame Währung „Ausdruck europäischer Identität“ (ebda.) ist. Diese politische Motivation für einen gemeinsamen Währungsraum könnte die ökonomische überwiegen (vgl. Mon- gelli 2008, S. 1). Gerade vor dem Hintergrund globaler geopolitischer und handelspo­litischer Machtkämpfe könnte das einheitliche Auftreten Europas auf der Weltbühne und die dafür notwendige Konvergenz seiner Mitgliedsländer eine fundamentale Rolle spielen, um eine wirtschaftspolitische Abhängigkeit (insbesondere von den Super­mächten USA und China) zu vermeiden.

3.2 Vertragliche Vereinbarungen zur fiskalischen Integration

3.2.1 Der Vertrag von Maastricht und der AEU-Vertrag

Für die Schaffung einer europäischen Währungsunion konnte die Theorie optimaler Währungsräume zu Beginn der neunziger Jahre nur in einem sehr beschränkten Maß konkrete Handlungsempfehlungen geben. Stattdessen wurde die Vereinigung der Län­der Europas maßgeblich geprägt von den Anforderungen des Vertrags von Maastricht an Beitrittsländer der EU. Im Rahmen des Vertrags von Maastricht, der auch als Ver­trag über die Europäische Union bezeichnet wird, einigten sich die Länder der Euro­päischen Gemeinschaft5 auf einen Plan, der die schrittweise ökonomische und mone­täre Integration der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion vorsah und die Einführung des Euro beinhaltete (vgl. Mongelli 2008, S. 8 ff.).

[...]


1 McKinnon räumt ein, dass es in der realen Welt eine Bandbreite an Gütern gibt, die sich nicht eindeutig als handelbar oder nicht handelbar klassifizieren lassen. Die Lockerung einer strikten Unterscheidung zwischen diesen Gütern bleibe jedoch ohne Einfluss auf den logischen Zusammenhang in der Argu­mentation (vgl. McKinnon 1963, S. 721).

2 Kenen gibt keine Auskunft darüber, ob es sich bei diesen Defiziten im Staatshaushalt um die jährliche Neuverschuldung oder die akkumulierte Staatsverschuldung handelt.

3 Aus Gründen des Umfangs wird für eine detailliertere Erläuterung auf die Ausführungen von Fleming (1971, S. 470 ff.) verwiesen.

4 Die in den folgenden Kapiteln verwendete Bezeichnung „Euro-12“ bezieht sich auf diese Gründungs­länder und Griechenland.

5 Die Europäische Gemeinschaft (EG) ging aus der 1957 gegründeten Europäischen Wirtschaftsge­meinschaft hervor.

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Die Eurozone als Währungsraum vor dem Hintergrund des Ziels einer ökonomischen Konvergenz
Hochschule
Universität Bayreuth
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
69
Katalognummer
V962902
ISBN (eBook)
9783346311771
ISBN (Buch)
9783346311788
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein brilliantes Werk, dessen Höhepunkt ein utopischer Ansatz für eine alternative Art monetärer Staatsfinanzierung darstellt. Dieser Ansatz schafft hervorragende Rahmenbedingungen, um aktuell vorherrschende Probleme im Euroraum zu lösen und gleichzeitig Preisniveaustabilität, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und wirtschaftliche und politische Stabilität im Euroraum zu erreichen.
Schlagworte
Geldtheorie, Target-2, Konvergenz, theorie optimaler währungsräume, optimale währungsräuem, vertrag von maastricht, inflation, target2 salden, target2, ezb, geldpolitik, inflationsrate, geld, geldwert, preisniveaustabilität, niedrigzinsen, niedrigzinspolitik, monetäre staatsfinanzierung, staatsfinanzierung, monetary theory, expansive geldpolitik, europäische zentralbank, zentralbank, europa, eu, währungsraum, währungsräume, optimum currency area, mundell, export, import, angebot, nachfrage, wirtschaft, ökonomie, economy, unabhängigkeit, wechselkurs, wechselkurse, flexible wechselkurse, kaufkraftparität, OCA, Konjunktur
Arbeit zitieren
Paul Scheuber (Autor), 2020, Die Eurozone als Währungsraum vor dem Hintergrund des Ziels einer ökonomischen Konvergenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962902

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