NS-Architektur am Beispiel Münchens. Die Spuren der Nationalsozialisten in der Münchner Stadtarchitektur


Facharbeit (Schule), 2017

28 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Ausbreitung der NSDAP in München
2.1 Diktatorenarchitektur - Merkmale der architektonischen Machtpropaganda
2.2 Aktuelle Diskussionen über das Haus der Kunst: Können architektonische Umgestaltungen die Spuren der Geschichte bedecken?

3 Rundgang in Maxvorstadt im Jahr 1933
3.1 Neunutzung des Palais Barlow ab 1930
3.2 Weitere Abrisse bedeutender Gebäude für die Expansionszwecke der NSDAP nach 1933
3.3 „Die Ehrentempel“ - Das Grab nationalsozialistischer Putschisten

4 Zerstörung, Neugestaltung und Neubeginn Münchens nach 1945
4.1 Wiederaufbau der Stadt kurz nach dem Ende des 2.Weltkrieges
4.2 Das NS-Dokumentationszentrum München (Das „Braune Haus“)
4.3 Der langwierige Abrissprozess der Ehrentempel

5 Abbildungsverzeichnis

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Warum immer das Größte? Ich tue es, um dem einzelnen Deutschen wieder das Selbstbewusstsein zurückzugeben. Um auf hundert Gebieten dem einzelnen zu sa­gen: Wir sind gar nicht unterlegen, sondern im Gegenteil, wir sind jedem anderen Volk absolut ebenbürtig.“1 2, dass sechs Jahre nach diesem Ausspruch weder die „größte“ Anlage, noch das „größte“ Bauwerk und auch die „größte“ architektonische Konstellation das Ende des dritten Reichs nicht verhindern wird, war Hitler zum Zeit­punkt seiner „Herrscherposition“ als Reichskanzler im Jahr 1939 nicht bewusst. „Wa­rum das ewige Streben nach Maßlosigkeit in der nationalsozialistischen Architek­tur?“, „Warum die Umgestaltung einer Kunststadt, so wie München eins war, in ein granitbedecktes, monotones Forum der Hassparolen?“, und zu guter Letzt, „Warum die Expansion der traditionsgebundenen Partei auf Kosten historischer, gesellschaft­lich bedeutender Stand- und Versammlungsorte?“. Fragen, die in ihrer Beantwor­tung durchaus komplex, aber zugleich aufklärend sind und den Hauptkern der Semi­nararbeit bilden. Unter anderem beschäftigt sich die Arbeit mit dem Eingliederungs­prozess der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) in die Stadt München, architektonisch sowie politisch, und die damit verbundenen Veränderun­gen in der Stadtarchitektur. Insbesondere wird auf die Rolle der Maxvorstadt als Par­teizentrum der nationalsozialistischen Anhänger und auf wichtige Aspekte des Wie­deraufbaus in den Nachkriegszeiten eingegangen, mit dem Ziel der Geschichte der Stadt München ein bisschen näher zu kommen und Verdrängtes, vielleicht auch Ver­gessens wieder aufzugreifen. 2 Ausbreitung der NSDAP in München

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Abbildung 1 NSDAP-Standorte um den Karolinen- und Königsplatz

Die NSDAP, eine Partei die im Jahr 1925 ein unscheinbares Rückgebäude in der Schellingstraße als ihre Parteizentrale nutzte, brei­tete sich ziemlich bald netzartig im ganzen Münchner Innenraum aus, zentralisierte sich aber vor allem im Bereich der Maxvorstadt und nutzte dessen angesehenes Stadtbild für eigene Presti­gezwecke aus. Verteilt in den verschiedensten Stadt- teilen Münchens, befanden sich zahlreiche Gebäude und Standorte die mit dem Nationalsozialismus eng in Ver­bindungen standen und Beispiele der maßlosen Diktatorenarchitektur darstellten.3

2.1 Diktatorenarchitektur - Merkmale der architektonischen Machtpropaganda

„Sinnfremdes Streben nach Größe um der Größe willen“4 - eine Maxime, nach der sich die deutsche Architektur zwischen 1933 und 1945 richtete, ist gleichzeitig die Begriffsdefinition des Wortes Gigantismus. „Gigantisch“ waren auch die Vorhaben der Nationalsozialisten in der Städtegestaltung des „Dritten Reichs“, die oftmals ih­rem eigenen Gewicht unterlagen und nicht realisiert werden konnten. Die Fehlinter­pretation, der Neoklassizismus sei einzig und allein dem Stil der NS-Architektur ein­zuordnen, ist das Resultat pseudowissenschaftlicher, nationalistischer Machtpropa­ganda der NS-Regierung. Um auch international Eindruck zu hinterlassen, nutzten die Nationalsozialisten die Wirkung des Neoklassizismus aus und erweiterten bei der Umsetzung einzelne Komponenten ins Gigantische, fügten jedoch nichts Neues hinzu. In Fakt trug die Architektur 1933-1945 keiner Entwicklung, geschweige einer Innovation im Bereich Architektur und Städtebau bei, sondern verwendete spezielle Stilrichtung für eigene propagierende Zwecke und erweiterte sie bloß größenmäßig, nicht inhaltlich. Die Repräsentationsarchitektur verdeutlichte den Wunsch des NS- Regimes nach Monumentalität, diente deshalb auch nur als Mittel der Inszenierung zweier nationalsozialistischer Normen: „Macht“ und „Volksgemeinschaft“.5 Adolf Hit­ler plante insgesamt 27 deutsche Städte nach seinen Vorstellungen und seinem Ver­ständnis einer „Herrenrasse“ würdigen Bauweise umzugestalten.6 Obwohl die Art des Bauens und Gestaltens der Nationalsozialisten schon lange vor der Machtergreifung der NSDAP national sowie international nicht als außergewöhnlich galt, im Gegenteil sogar durchaus gängig war, vermeidet die heutige Architekturhistoriographie weiter­hin eine nähere Auseinandersetzung mit dem „dunklem Kapitel“ der deutschen Archi­tekturgeschichte. Bereits die französische und russische Revolutions- als auch die Sowjetarchitektur 1920er Jahre wiesen utopische, teils monströse Züge in ihren Bau­ten auf.

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Abbildung 2 Beispiel sowjetischer Gigantenarchitektur: Lenin-Mausoleum auf dem Roten Platz, Architekt: Alexej Schtschusew, 1924-30

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Abbildung 3 Entwurf für den Moskauer "Palast der Sowjets"

Somit ist die Annahme, dass gigantische aber auch klassizistische Monumentalarchi­tektur stets mit nationalsozialistischen oder faschistischen Intentionen gleichzusetzen ist, grundlegend falsch, da auch verwandte klassizistische „Gigantenarchitektur“ ein Teil der europäischen, amerikanischen und auch asiatischen Bauweise waren. Der Alleinanspruch der Nationalsozialisten auf bestimmte „Architekturstile“ ist somit unbe­gründet ist.7 Beispiele für weltweite „Gigantenarchitektur“ sind das Parlamentsge­bäude in Genf und das Palais Chaillot in Paris, zwei Bauten die sich ebenfalls durch ihren Umfang und ihrem monumentalen Auftreten auszeichnen.8

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Abbildung 4 Palais de Chaillot in Paris

Dass auch das Einfließen des Klassizismus in die deutsche Architektur nicht ein schöpferischer Einfall des NS-Regimes war, zeigt die von Heinrich Tessenows ent­worfene Festhalle in Dresden-Helleraus im Jahr 1910, also lange vor dem Amtsantritt Hitlers im Jahr 1933. Der Klassizismus als Baustil ist keine wiederaufgenommene Idee aus der Gegenwart, sondern eine Gegenreaktion zum damals vorherrschenden Historismus und Jugendstil.9 Die Mischform aus Klassizismus und Moderne das man hauptsächlich für Funktionsbauten in Berlin in den 1920er und 1930er Jahren ein­setzte, wurde zunächst als „klassischer Funktionalismus“, später dann durch Joachim Petsch unter dem Begriff „Neoklassizismus“ zusammengefasst.10 Hitlers In­teresse am Klassizismus wuchs erst durch die enge Zusammenarbeit mit dem Archi­tekten Paul Ludwig Troost,11 sein Drang nach Megalonomie hingegen ist das Resul­tat des nahen Kontakts zum Baumeister Albert Speer. Neben dem Einschüchte­rungseffekt auf die Besucher12, sah Hitler in der kolossalen Architektur die Identitäts­stiftung für die Gegenwart und die Setzung von dauerhaften Zeichen für die Nach­welt. Sein Bestreben nach internationalem Respekt und globaler Anerkennung wurde zum Verhängnis der deutschen Städtearchitektur.13 Im Baustil Hitlers trafen Kulis- senhaftigkeit, Funktionslosigkeit und Weltmachtsanspruch zusammen, dass als über­dimensionales Bauprojekt bereits Ende November 1940 zu Kosten in Höhe von circa 22-25 Milliarden Mark führte.14 Hitlers Prophezeiung „[...] Ich baue für die Ewigkeit [,..]“15 verlor mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren Realitätsbezug und somit auch jegliche Aussagekraft.

2.2 Aktuelle Diskussionen über das Haus der Kunst: Können architektonische Umgestaltungen die Spuren der Geschichte bedecken?

Als ein Beispiel der „Diktatorenarchitektur“ gilt das gegenwärtige „Haus der Kunst“, dessen architektonische Gestaltung auch heute, 80 Jahre nach der Eröffnung am 18.Juli 1937, für fortlaufende Diskussionen sorgt. Mit der Grundsteinlegung Adolf Hit­lers am 15.Oktober 1933, visierten die Nationalsozialisten ein Ort zum Zweck der in­ternationalen Selbstdarstellung Deutschlands als eine friedliche Kulturnation an.16 Die staatlich gelenkte Kunst des NS-Regimes wurde somit im „Haus der Deutschen Kunst“ Schauplatz für unzählige Kunstinteressierte. Zu der von Adolf Hitler persönlich getroffenen Auswahl an Kunstwerken gehörten hauptsächlich Arbeiten der Land­schafts- und Genremalerei an.17 Entsprechend den Plänen und Entwürfen des Archi­tekten Paul Ludwig Troosts erhielt das 175 Meter lange, neoklassische Gebäude ne­ben einer modernen Stahlskelett-Konstruktion, einer Natursteinfassade ebenfalls eine fortschrittliche Haustechnik und entwickelte sich zu einem unübersehbaren Mo- numentalbau.18

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Abbildung 5 Das ehemalige "Haus der Deutschen Kunst" in den 1930er Jahren

Auch heute dient das Gebäude der Ausstellung und Sammlung von zahlreichen Kunstwerken, jedoch mit dem entscheidenden Unterschied, dass das Museum nicht mehr ein Instrument der ideologischen Propaganda ist, sondern im Gegenteil ihr Blick auf weltweite Wissensvermittlung und zeitgenössische Kunst richtet und dies mit seinen Besuchern teilt.19 Der moralischen Entwicklung soll nun auch eine äußerli­che Umgestaltung des sanierungsbedürftigen Museums folgen. Aktuelle Zeitungsarti­kel berichten über bereits entstandene Entwürfe aus dem Architektenbüro des David Chipperfields, die die Verwandlung des Hauses in ein „Kulturzentrum“ vorsehen. Je­doch ist mit der soeben genannten Verwandlung die Abholzung der gepflanzten Bäume der Nachkriegszeit, die vor und hinter dem Haus die Monumentalität Außen­fassade „abdecken“, gemeint.

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Abbildung 6 Baum fassade des heutigen Kunstmuseums

Zudem plane man die einstige „Ehrenhalle“, ein Saal für Ausstellungseröffnungen und Pressekonferenzen in der NS-Zeit, als einen künftigen Versammlungsort zu nut­zen. Trotz kleinen Veränderungen ist fraglich ob die Rückführung des Gebäudes in den Ursprung dem eigentlichen Sinn eines modernen Kulturzentrums entspricht. Den genau durch die oben erwähnte Umgestaltung erhält das Haus sein ursprüngliches, wuchtiges und schon fast monströses Ambiente zurück, welches man durch das Hin­zufügen von etwas Neuem, Modernem und Außergewöhnlichem verhindern könnte.20 Mit dem Beginn der Sanierung wird im Jahr 2017/2018 gerechnet.21

3 Rundgang in Maxvorstadt im Jahr 1933

Nicht allein die „Machtübernahme“ der NSDAP im Jahr 1933 führte zu tiefgreifenden Änderungen im Leben der Münchner Einwohner, bereits im Jahr 1918, kurz nach dem Ende des ersten Weltkriegs, verschlechterte sich die Lage des Immobiliensektors und somit auch die Wohnsituation in der Maxvorstadt drastisch. Die finanzielle Unterhaltung der zahlreichen Palais, die damals kennzeichnend für den Charakter der Maxvorstadt waren, konnte nicht mehr von den Eigentümern getragen werden und infolgedessen wurden die vornehmen Bauten neuen Nutzungsbereichen gewidmet. Somit erfolgte die Umgestaltung der Häuser teils in Mietwohnungen für diverse Parteien, teils als Einzugsort für große Firmen. Zudem führten leerstehende Häuser zu einem schleichenden, jedoch immer weiter voranschreitenden Verfall der größtenteils von Adelsfamilien und Wohlstandsbürgertum bewohnten Stadt, sowie zu einem Identitätsverlust der Brienner Straße. 21 Die staatliche Erwerbung der ungenutzten Bauten war eines der wenigen Möglichkeiten den Verfallsprozess zu stoppen, dies wurde allerdings von der staatlichen Bauverwaltung Bayerns nicht in die Praxis umgesetzt.22

[...]


1 Ellenbogen, Michael (Hrsg): Gigantische Visionen: Architektur und Hochtechnologie im Nationalsozi­

2 alismus, Österreich, Ares Verlag, 32012, S.25

3 Applikation des NS-Dokumentationszentrums „Orte Erinnern“: Selbstdarstellung des Nationalsozia­lismus in München

4 http://www.duden.de/rechtschreibung/Gigantismus (aufgerufen am 06.11.2016)

5 Ellenbogen, a.a.O., S.7

6 Ellenbogen, a.a.O., S.8

7 Ellenbogen, a.a.O., S.14

8 Ellenbogen, a.a.O., S.17

9 Ellenbogen, a.a.O., S.18

10 Ellenbogen, a.a.O., S.19

11 Ellenbogen, a.a.O., S.21

12 Ellenbogen, a.a.O., S.28

13 Ellenbogen, a.a.O., S.24

14 Ellenbogen, a.a.O., S.30

15 Ellenbogen, a.a.O S.26

16 Vahland, Kia, „Spur der Steine: Das Münchner Haus der Kunst soll wieder so sichtbar werden wie es sich die Nazis erdachten. Darf das sein?“ In: Süddeutsche Zeitung, Nr.228, 1./2./3.Oktober 2016, S.17

17 http://www.hausderkunst.de/forschen/geschichte/historische-dokumentation/kunst-und-propaganda/ (aufgerufen am: 31.10.2016)

18 http://www.muenchenarchitektur.com/news/24-architektur-stadtentwicklung/15502-75-jahre-haus- der-kunst (aufgerufen am: 31.10.2016)

19 http://www.hausderkunst.de/ueber-uns/ (aufgerufen am: 31.10.2016)

20 Vahland, a.a.O., S.18

21 http://www.hausderkunst.de/agenda/detail/das-haus-der-kunst-erhaelt-20-millionen-vom-bund/ (auf­gerufen am: 31.10.2016)

22 Grammbitter, Lauterbach, a.a.O., S.10

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
NS-Architektur am Beispiel Münchens. Die Spuren der Nationalsozialisten in der Münchner Stadtarchitektur
Veranstaltung
Wissenschaftliches Projektseminar
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V963242
ISBN (eBook)
9783346338396
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Kunst, NS-Reich, Architektur, München, Stadtarchitektur, Kunstgeschichte, Drittes Reich, Gigantismus, Neo-Klassizismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, NS-Architektur am Beispiel Münchens. Die Spuren der Nationalsozialisten in der Münchner Stadtarchitektur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/963242

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