Theoriebildung und Theorieansätze in der Sozialen Arbeit. Lebensbewältigungsansatz und Ansatz zur Lebensweltorientierung


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Essay: Was ist eine Theorie? Welche Bedeutungen haben Theorien für die Soziale Arbeit?

2. Darstellung des Lebensbewältungsansatzer (Lothar Böhnisch) anhand eines Fallbeispiels

3. Vergleich zweier Theorieansätze: Lebensbewältigung (Böhnisch) und Lebensweltorientierung (Thiersch)

4. Eigene Reflexion des Moduls

Literaturverzeichnis

1. Essay: Was ist eine Theorie? Welche Bedeutung haben Theorien für die Soziale Arbeit?

Wer sich mit dem Verständnis von Theorien auseinandersetzt, merkt schnell, dass keine allgemeingültige Definition des Theoriebegriffs vorhanden ist und das Thema viel komplexer ist als es zuerst einmal scheint. Doch was ist eine Theorie? Alleine schon im alltäglichen Leben begegnen uns immer wieder Theorien, die wir manchmal gar nicht als solche wahrnehmen oder als Theorien bezeichnen würden. Aussagen wie, dass Aliens unter uns leben, der Anschlag auf 9/11 von der USA inszeniert worden sei oder Migranten und Migrantinnen uns die Arbeitsplätze wegnehmen würden, müsste wahrscheinlich ein Jeder schon einmal gehört haben. Doch ist dieses intuitive Verständnis von solchen Verschwörungstheorien und Alltagstheorien schon alles, was man unter dem Theoriebegriff verstehen sollte? Natürlich ist das Verständnis von Theorien viel umfangreicher und deshalb lohnt sich ein schärferer Einblick in diese Thematik.

Zuerst einmal liegt es in der Natur des Menschen, dass sie Erklärungen für Ereignisse oder Situationen der Realität finden wollen. Allein das zeigt schon, dass es keinen theoriefreien Raum geben kann und die Frage nach der Theorie essentiell ist (vgl. Joas/Knöbl 2004: 16). Betrachtet man jedoch Debatten zum Theorieverständnis, fällt auf, dass alleine über das Verhältnis von Theorie zu verschiedenen Thematiken heftig gestritten wird. In den Debatten geht es zum Beispiel um das Verhältnis zwischen Theorie und empirischer Forschung, Theorie und Weltbildern, Theorie und normativen bzw. moralischen Fragen oder Theorie und Alltagswissen. Es wird beispielsweise diskutiert, ob Theorien immer vom Weltbild ihres Begründers abhängig sind oder Sozialtheorien wertfrei bzw. objektiv aufgestellt werden könnten (vgl. ebd.: 14). Auch hier gibt es unterschiedliche Perspektiven und keine genaue Entscheidung darüber, welches Verhältnis Theorien zum jeweiligen Gegenstand haben.

Es wird deutlich, dass es kein „richtiges“ Verständnis von Theorie (vgl. Joas/ Knöbl 2004: 14), jedoch Aussagen zum Theoriebegriff existieren, über die allgemeine Gültigkeit herrscht. Zum einen werden Theorien als generalisierende Aussagen zusammengefasst (vgl. ebd.: 17). In dieser Hinsicht sind Theorien wesentlicher Bestandteil von Alltagsleben und Wissenschaft, mit dem Versuch, sich der Wirklichkeit anzunähern (vgl. ebd.: 19). Zum anderen werden Theorien ständig im Alltag angewendet und es wird erst dann von einer Theorie gesprochen, wenn eine Aussage im Plural benutzt wird und keine Überprüfung dieser Aussage vorliegt (vgl. ebd.: 17). Somit gelten Vorurteile, auch wenn sie nicht zutreffen, als Theorien (vgl. ebd.: 19).

Wissenschaftliche Theorien dagegen gelten erst als solche, wenn sie sich einer Überprüfung an der Wirklichkeit unterziehen lassen können und dieser auch standhalten (vgl.ebd.). Die Wissenschaft versucht gezielt Theorien zu bilden und sie zu verwenden und dabei aus Einzelfällen zutreffende Generalisierungen zu formulieren (vgl. Joas/Knöbl 2004: 18f.).

Dabei gibt es unterschiedliche Vorstellung, wie eine solche Theorie an der Wirklichkeit überprüft und somit als wissenschaftliche Theorie anerkannt werden kann. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts war das Modell der Verifikation das vorherrschend Ideal. Dieses Modell zeigt, dass genaue Beobachtungen zu verallgemeinernden Aussagen führen, die dann durch weitere Beobachtungen und Experimente immer wieder überprüft und sicherer werden würden, sodass zu einer absoluten Gewissheit, dem verifizierten Wissen, gelangt würde. Durch diesen erbrachten Beweis würde eine Theorie anerkannt werden.

Karl Raimund Popper kritisierte 1934 erstmals diese Methode zum Erlangen wissenschaftlicher Erkenntnisse: es sei rein technisch unmöglich, alle denkbaren Einzelfälle zu überprüfen (vgl. Joas/Knöbl 2004: 19f.). Als Gegenvorschlag entwickelte er das Modell der Falsifikation, da ein empirisch-wissenschaftliches System an der Erfahrung scheitern können müsse (vgl. ebd.: 21). Popper verdeutlicht, dass die Wissenschaft und ein Jeder selbst den Auftrag hat theoretische Annahmen immer wieder zu überprüfen und in Frage zu stellen. Dabei werden nur jene Theorien überleben, die am optimalsten sind (vgl. ebd.: 22). In Bezug auf Poppers Theorieverständnis lassen sich die Vertreter des „Rational-Choice-Ansatzes“ einbinden. Sie verstehen Theorie als Erklärungssystem, weil Allaussagen zur Erklärung benötigt werden (vgl. ebd.: 23).

Eine wichtige Erkenntnis erlangte Thomas S. Kuhns. Er entdeckte, dass Theorien nicht einfach ausgetauscht oder ausgelöscht werden, wenn sie an den Erfahrungen scheitern (vgl. ebd.: 27). Die neuen Entdeckungen werden häufig in die alten Theorien integriert, da sie sich in der Vergangenheit bewährt haben, überzeugend sind und sie oftmals auch unhinterfragt verwendet wurden. Diesbezüglich gibt es viele Verteidigungslinien, die sich gegen eine empirische Falsifikation einer Theorie schützen (vgl. ebd.: 28ff.). Nach Kuhns werden diese widersprüchlichen Phänomene als Anomalien betrachtet, die in Hoffnung mit den bestehenden Theorien behoben werden können. Neue Theorien werden nur im seltensten Fall, zum Beispiel durch eine jüngere Generation von WissenschaftlerInnen, anerkannt (vgl. ebd.: 30f.). Dabei sind Theorien also nicht mehr nur Generalisierungen, sondern umfassen auch Deutungssysteme (vgl. ebd.: 36).

Mit diesen Erkenntnissen zeigt sich, dass Menschen unterschiedliche Auffassungen davon haben, was eine Theorie ist. Jeder hat ein intuitives Verständnis von Theorien. Für mich sind Theorien ebenfalls generalisierte Aussagen mit denen versucht wird sich einem Aspekt anzunähern. In Bezug auf wissenschaftlichen Theorien schließe ich mich Kuhns an, der das Prinzip der Falsifikation kritisiert und neue Aspekte einbringt. Es bleibt nun Ihnen überlassen wie sie Theorien verstehen und unter welchen Kriterien Sie eine Theorie als wissenschaftliche Theorie anerkennen und ob Sie sich zum Beispiel dem Popperschen Theorieverständnis anschließen oder nicht. Ein richtiges Verständnis nämlich gibt es nicht.

Für mich als angehende Sozialarbeiterin ist ebenso der Bezug zu Theorien der Soziale Arbeit relevant. Welche Bedeutung haben Theorien für die Soziale Arbeit? Theorien haben einen hohen Stellenwert in der Sozialen Arbeit. Dabei herrscht auch hier Uneinigkeit darüber, was eine Theorie der Sozialen Arbeit ist (vgl. Rauschenbach/Züchner 2012: 151). Das liegt zum Teil auch an der begrifflichen Offenheit der Sozialen Arbeit (vgl. Engelke, Borrmann und Spatscheck 2018: 14). Theorien Sozialer Arbeit jedoch dienen als wesentliche Grundlage professionellen Handelns. Mit ihnen wird jenes Handeln begründet. (vgl. ebd.: 13). Die Soziale Arbeit bezieht sich dabei auf Theorien über menschliche Entwicklung und Verhalten, sowie soziale Systeme und versucht die komplexen Situationen zu analysieren (vgl. ebd.: 14). Jedoch wann eine Theorie in der Sozialen Arbeit als wissenschaftliche Theorie gilt kann nicht bestimmt werden. Es gibt keine allgemeine Definition aus der sich Kriterien ableiten lassen, sondern nur unterschiedliche Herangehensweisen. So beschreiben Engelke, Borrmann und Spatscheck (2018) Theorien als Erklärung für Ist-Situationen, die Soll-Vorstellungen ermöglichen sollen, sowie Verständnis für historische Prozesse und Zusammenhänge schaffen soll. Es gibt eine Vielzahl an Theorieansätzen. Dabei hängt das jeweilige Wissenschafts- und Theorieverständnis von persönlichen wissenschaftstheoretischen Prämissen ab (vgl. Engelke et. al. 2018: 19). Es ist jedoch wichtig, sich nicht nur eine Theorie der Sozialen Arbeit auszusuchen und daran ihr Handeln zu erklären und zu reflektieren, sondern man sollte mehrere Theorien berücksichtigen, da Theorien unterschiedliche Reichweiten haben (vgl. ebd.: 20).

Welche Theorien der Sozialen Arbeit sinnvoll sind, liegt auch hier wieder im eigenen Ermessen. Sie können frei entscheiden auf welcher theoretischen Grundlage Sie arbeiten wollen. Zumal ist es schier unmöglich, ausreichend Kenntnis über alle Theorien der Sozialen Arbeit zu verfügen. Das Theorieverständnis konnte mit diesem Beitrag zwar nicht gelüftet werden, aber vielleicht regt es Sie an darüber nachzudenken, was eine Theorie für Sie alleine ausmacht.

2. Darstellung des Lebensbewältungsansatzes (Lothar Böhnisch) anhand eines Fallbeispiels

Die Soziale Arbeit als Profession orientiert sich wie jede andere Profession an wissenschaftlichen Theorien. Theorien der Sozialen Arbeit gehören zum Selbstverständnis und bilden die Grundlage professionellen Handelns. Für SozialarbeiterInnen und SozialpädagogInnen ist es essentiell, Theorien der Sozialen Arbeit zu kennen, um mit diesen das eigene sozialpädagogische Handeln auf Basis von wissenschaftlichen Theorien begründen zu können (vgl. Engelke, Borrmann und Spatscheck 2018: 13). Im Folgenden wird das Konzept der „Lebensbewältigung“ von Lothar Böhnisch anhand eines Fallbeispiels näher dargestellt.

Der Lebensbewältigungsansatz begreift sich als Theorie-Praxis-Modell, in dem Menschen in kritischen Lebenssituationen im Vordergrund stehen. In der Sozialen Arbeit umfasst dies den Großteil des Adressatenkreises (vgl. Böhnisch 2016a: 11). Im Kern des Ansatzes stehen die verfügbaren sozialen und personalen Ressourcen eines jeden Menschen, die zur Bewältigung von Lebensaufgaben benötigt werden (vgl. Böhnisch 2012: 1). Dabei versteht Böhnisch unter Lebensbewältigung das „Streben nach psychosozialer Handlungsfähigkeit“ (Böhnisch 2016a: 20) in kritischen Lebenssituationen. Als kritisch werden Lebenssituationen dann erlebt, wenn die eigenen gegenwärtigen personalen und sozialen Ressourcen für die Bewältigung einer Situation nicht mehr ausreichen und somit die Handlungsfähigkeit eingeschränkt wird (vgl. ebd.). Im weiteren Verlauf wird der Lebensbewältigungsansatz nun anhand einer fiktiven Fallgeschichte erläutert.

Der dargestellte Fall stammt aus einer Beratungsstelle für häusliche Gewalt. Dabei gelten Beratungsstellen als niedrigschwellige und zugleich effektive Hilfsangebote für Menschen in unterschiedlichsten Problemlagen (vgl. Borg-Laufs/ Schmidtchen 2008: 13).

Frau F, 38 Jahre, lebt mit ihrem Ehemann und ihrem Kind Noah, 6 Jahre, auf dem Land. Die Situation der Familie ist durch das perfekte Image eines gut bürgerlichen Haushaltes gekennzeichnet. Sie besitzen ein großes Haus und Herr F. verdient als Anwalt so gut, dass Frau F. vor der Geburt ihres Kindes entschieden hat, ihren Arbeitsplatz aufzugeben, um als Hausfrau und Mutter da zu sein. Ihr Sohn Noah ist gut erzogen, zu Verwandten hat sie keinen Kontakt. Dieses nach Außen getragene Familienbild lässt außer Acht, dass Herr F. in Konfliktsituationen immer wieder handgreiflich wird.

Nach einer erneuten Konfliktsituation mit ihrem Ehemann, wendet sich die unsichere Frau F. telefonisch an eine Beratungsstelle. Da sie keinen Mut hat ihren Namen zu nennen, verläuft das Gespräch anonym. Frau F. verhält sich während des Gesprächs mit der Sozialarbeiterin ziemlich introvertiert, es fällt ihr sichtlich schwer, die Geschehnisse auszusprechen.

Die Sozialarbeiterin nimmt Frau F. in ihrer kritischen Lebenssituation ernst und versucht ihr die Angst zu nehmen, ihre Situation zu thematisieren und anzusprechen. Sie bestärkt Frau F. darin, dass Gewalttaten keine legitimen Handlungen und nicht tolerierbar sind. Frau F. könne sich ihr anvertrauen. Zögernd überwindet sich Frau F. und berichtet davon, dass sie einen Sohn habe und schon sehr lange mit ihrem Ehemann zusammenlebe. Die Gewalttaten bestünden schon seit einigen Jahren fort, trotzdem erlebe sie immer wieder schöne Zeiten mit ihrem Mann. Sie betont während des Gespräches immer wieder, dass ihr Mann normalerweise ein perfekter Ehemann sei und begründet seine Handgreiflichkeiten mit dem momentanen beruflichen Stress. Jedoch schäme sie sich für ihre Situation. Frau F. schildert des Weiteren, dass das kleine Dorf sehr konservativ und intolerant sei und ihre Familie dort ein hohes Ansehen habe. Dadurch habe sie Angst den Ruf ihres Ehemannes als Anwalt zu schädigen. Sie wirkt ratlos und wisse nicht, was sie gegen die Situation tun solle. Die Sozialarbeiterin zeigt Frau F. auf, welche Möglichkeiten sie hat, um sich aus dieser Situation zu befreien. Da Frau F. ein Verlassen ihres Mannes nicht in Betracht zieht, um die Familie nicht zu zerstören, bietet ihr die Sozialarbeiterin die Option, sich erneut eine Arbeitsstelle zu suchen. Auch dieses lehnt sie ab, da sie sich einen erneuten Einstieg nicht mehr zutraue. Schließlich bietet die Sozialarbeiterin ihr ein erneutes Gespräch in der Beratungsstelle an. Frau F. bedankt sich für das Gespräch und beendet vorerst das Telefonat.

Böhnischs Konzept verdeutlicht, dass sich die Möglichkeiten der Lebensbewältigung maßgeblich aus den sozialen Lebenslagen eines einzelnen Menschen ergeben. Das Lebenslagenkonzept thematisiert die verfügbaren materiellen, sozialen und kulturellen Bewältigungsressourcen in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung. Dabei kann der Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Entwicklung und den sozialen Handlungsspielräumen des Einzelnen analysiert werden (vgl. Böhnisch 2012: 13). „Lebenslagen sind Ausgangsbedingung menschlichen Handelns, ebenso wie sie Produkt dieses Handelns sind“ (Amman 1994: 324; zitiert aus Böhnisch 2012: 13). Da Soziale Arbeit hauptsächlich personenbezogen agiert und nur im geringen Maß rechtlich und ökonomisch intervenieren kann, ist es in einem weiteren Schritt wichtig, nach dem entsprechenden sozialpädagogischen Zugang zur Lebenslage zu fragen. Trotzdem ermöglicht dieses Konzept, konstruktives Wissen über die Lebenslagen der AdressatInnen zu gewinnen, welches als Hintergrund- und Bezugswissen dient und für professionelles Handeln unabdingbar ist (vgl. Böhnisch 2012: 14f.).

Die Bewältigungslage fungiert als sozialpädagogischer Zugang zu diesen Lebenslagen. Im Vordergrund stehen das Subjekt und die vorhandenen individuellen Bewältigungsfähigkeiten des Einzelnen. Soziale und kulturelle Handlungsräume können durch diesen Zugang gelenkt werden. Dafür stehen der Sozialen Arbeit die Mittel Sprache, Beziehung, Zeit und Raum zur Verfügung (Böhnisch/ Schröer 2013: 45f.). Das Konstrukt der Bewältigungslage lässt sich in vier Dimensionen strukturieren, die einem Brückenkonzept aus Lebenslage und Lebensbewältigung entspringen. Die Dimensionen beziehen sich eng aufeinander und bestehen aus der Dimension „Ausdruck“, „Anerkennung“, „Abhängigkeit“ und „Aneignung“ (vgl. Böhnisch 2016a: 95).

Die Dimension des Ausdrucks beinhaltet die Problematik des Individuums, Probleme thematisieren zu können. Im Vordergrund steht die Sprache als soziales Medium. Das Bewältigungsmodell verdeutlicht, dass ein Zwang zur Abspaltung entstehen kann, wenn AdressatInnen ihre Hilflosigkeit nicht thematisieren können (vgl. Böhnisch 2016a: 95f.). Der Abspaltungsdruck beinhaltet meist geschlechterdifferenzierte Ausprägungen. Hierbei ist die Abspaltung von Frauen tendenziell nach innen gerichtet, bei Männern eher nach außen (vgl. Böhnisch 2012: 10). Frauen sehen es in der Regel als selbstverständlich an, ihre Probleme für sich zu behalten und ihre Gefühle und Belange zu unterdrücken. Dies lässt sich als Symptomatik der Verschwiegenheit definieren (vgl. Böhnisch 2016a: 42).

Im Fallbeispiel wird deutlich, dass Frau F. ihre Hilflosigkeit nur sehr schwer thematisieren kann. Sie konnte ihre Probleme ihren Freunden nicht mitteilen und auch im telefonischen Beratungsgespräch fällt es ihr sichtlich schwer, sich zu artikulieren. Dieses kann als Grund für ihre Abspaltung gegenüber ihren Freunden erkannt werden.

In Bezug auf den Kontext soll bei diesem Beratungsprozess der Abspaltungsdruck abgebaut werden. Die Beratung dient Frau F. zur Thematisierung ihrer kritischen Lebenssituation. Durch die Sprache soll die Beratung ihr zur Wiedergewinnung innerer Autonomie verhelfen. Ebenfalls muss Frau F. anders lernen über ihr Problem zu sprechen, da sie sich selbst die Schuld zuschreibt und das Problem auf sich überträgt (vgl. Böhnisch 2016a: 96).

In direktem Bezug zur Dimension Ausdruck lässt sich die Dimension der Anerkennung aufzeigen. Inwieweit Probleme thematisiert werden, beruht häufig auf der Anerkennung der Situation als soziales Problem (vgl. Böhnisch 2012: 15). Die soziale Anerkennung wird auch als „transitorische Identität“ bezeichnet, da sie sich auch in den anderen Dimensionen durchzieht (vgl. Böhnisch 2016a: 98).

Das Thema häusliche Gewalt im Fallbeispiel verweist hier auf die Problematik der Anerkennung der Situation als soziales Problem. Häusliche Gewalt wird heutzutage zwar thematisiert und aufgeklärt, aber in diesem Zusammenhang in der Öffentlichkeit immer noch als Tabuthema deklariert (vgl. Böhnisch 2016a: 60).

Jeder Mensch strebt nach sozialer Anerkennung. Dabei muss zwischen funktionaler und personaler Anerkennung unterschieden werden. Funktionale Anerkennung meint den Kern akzeptierender Sozialarbeit. SozialarbeiterInnen sollen bestimmte Verhaltensweisen zwar nicht gutheißen, aber sie erkennen und akzeptieren. Personale Anerkennung stellt dabei die wechselseitige, tatsächliche Anerkennung von zwei Personen dar. Hierbei kann es sich auch um die wechselseitige Anerkennung von SozialarbeiterIn und AdressatIn handeln. Um Anerkennung zu erlangen, greifen Betroffene oft als Letztes auf Verhaltensänderungen zurück (vgl. Böhnisch 2016a: 97ff.). In diesem Fall ist Frau F. nicht in der Lage ihre Situation zu thematisieren, da das Thema Gewalt in ihrem kleinen Dorf tabuisiert wird und sie die Anerkennung der Gemeinschaft nicht verlieren will. Daraufhin spaltet sie sich von der Gemeinschaft ab, mit dem Ziel, auf sich aufmerksam zu machen. Umgekehrt erfährt sie von der Sozialarbeiterin Anerkennung. Das kann ihr Kraft geben und ihr helfen, sich zu äußern und aus ihrem Muster herauszukommen. Die funktionale Anerkennung seitens der Sozialarbeiterin, Frau F.´s Situation ernst zu nehmen und als soziales Problem anzuerkennen und zu akzeptieren, ist wichtig, um die soziale Abspaltung zu verringern.

Menschen als soziale Wesen sind grundsätzlich aufeinander angewiesen. Dieser Umstand steht immer im Zusammenhang mit der Dimension „Abhängigkeit“. Jenes Aufeinander-angewiesen-Sein ist wesentliche Voraussetzung für Stabilität im Kontext der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und sozialen Interaktion (vgl. Böhnisch 2016a: 100). Die Dimension der Abhängigkeit thematisiert die Chance und Verwehrung selbstbestimmt handeln zu können (vgl. ebd.: 95). Frau F. befindet sich in einer solchen Abhängigkeitssituation. Da sie kein eigenes Einkommen hat, steht sie in einer finanziellen Abhängigkeit zu ihrem Ehemann, aus der sie sich nicht lösen kann, da sie sich einen Wiedereinstieg aufgrund der langen Pause nicht mehr zutraut.

Dieses Zwangs- und damit Gewaltverhältnis, dass sich durch Entwertung, Stigmatisierung, faktische Entmündigung, Verwehrung von Teilhabe und Optionsverlust zeigen kann, engt Frau F. massiv ein. Dabei gehen Abhängigkeit und Ausgesetztsein ineinander über (vgl. Böhnisch 2016a: 101).

Ebenfalls befinden sich Frauen auch häufig in einer familialen Abhängigkeitsstruktur. Es ist nicht unüblich, dass sie sich selbst die Schuld für das Verhalten ihres Mannes geben und die Beziehung und Familie aufrechterhalten und nicht durch eine Trennung zerstören möchten. Hierbei muss erkannt werden, dass nicht ihre Loslösung, sondern die Gewalt, zur Zerstörung der Familie beiträgt (vgl. Böhnisch 2018: 210).

Um aus dieser Abhängigkeit hinauszugelangen nutzt der Bewältigungsansatz die sozialpädagogische Strategie des Empowerments (vgl. Böhnisch 2016a: 100). Dabei soll Selbstständigkeit zur tendenziellen Aufhebung von Abhängigkeiten beitragen. Mit Blick auf die berufliche Situation von Frau F. soll ihr geholfen werden, sich erneut in das Berufsleben zu integrieren, um ihre Autonomie wiederzuerlangen, um somit eigenständig die Partnerbeziehung verlassen zu können (vgl. Böhnisch 2018: 210). Es ist schlussendlich wichtig, dass SozialarbeiterInnen sich nicht als Interventionsinstanz verstehen, sondern als Außenbezug zur Familie (vgl. Böhnisch 2018: 211). Ebenfalls müssen AdressatInnen als unterstützende Subjekte anerkannt werden, um ihnen Chance und Raum zu geben, ihr Bewältigungsbemühen als eigene biografische Leistung anzusehen (vgl. Böhnisch 2016: 100).

Zuletzt soll mit der Dimension der Aneignung auf die Möglichkeiten eingegangen werden, sich den Sozialraum zu eigen zu machen. Während sich die Aneignung in der Phase der Adoleszenz vor allem durch die „peer group“ ausdrückt, geschieht dies im Erwachsenenalter überwiegend im Kontext der Erwerbstätigkeit. Diese Lebensphase ist geprägt durch ausgeführte Funktionen und Rollen (vgl. Böhnisch/Schröer 2013: 51f.). Der sozialräumliche Aneignungsprozess gilt auch als identitätsstiftender Prozess (vgl. Böhnisch 2016a: 102).

In Bezug auf Frau F. drückt sich die fehlende Aneignung beispielsweise durch ihre jahrelange Abstinenz vom Beruf aus, da sie sich nicht zutraut, ihren Wiedereinstieg zu planen, um ebendiese zurückzuerlangen. Weiterhin lebt Frau F. sehr zurückgezogen, pflegt selten soziale Kontakte und grenzt sich von ihrer Umwelt ab.

Um ihre Selbstständigkeit wiederzuerlangen, braucht sie unter anderem auch eigene Aneignungsräume als eigene soziale Bezüge. Hierbei ist es die Aufgabe der Sozialen Arbeit, kulturelle und soziale Netzwerke zu schaffen und zu fordern. Eine wesentliche Beratungsaufgabe ist es, das vermeintliche Idealbild der momentanen familiären Situation aufzubrechen und in Form von Netzwerkarbeit durch konkrete Handlungsalternativen zu ersetzen (vgl. Böhnisch 2018: 210). In der daraus entstandenen Hilfebeziehung zwischen Frau F. und der Sozialarbeiterin ist es wichtig, die Abhängigkeit von Frau F. nicht zu verstärken oder zu verfestigen. Diesem kann über Milieubildung und Anschluss an Netzwerke vorgebeugt werden (vgl. Böhnisch 2016a: 102f.).

Wenn Frau F. es schafft, sich wieder Fähigkeiten ihres Berufsfeldes anzueignen und neuen Mut schöpfen kann, ihren Beruf erneut auszuüben, würde sich im gleichen Zuge auch die Abhängigkeitssituation zu ihrem Ehemann verringern. Dies hätte ebenfalls positive Auswirkungen auf die Dimension „Anerkennung“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Theoriebildung und Theorieansätze in der Sozialen Arbeit. Lebensbewältigungsansatz und Ansatz zur Lebensweltorientierung
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Veranstaltung
Theoriebildung und -ansätze in der Sozialen Arbeit
Note
1,7
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V964900
ISBN (eBook)
9783346317797
ISBN (Buch)
9783346317803
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Theorie, Theorieansätze, Theoriebildung, Soziale Arbeit, Lebensbewältigung, Böhnisch, Lebensweltorientierung, Thiersch, Was ist eine Theorie, Theorie und Soziale Arbeit, Fallbeispiel, Lebensbewältigung mit Fallbeispiel
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Theoriebildung und Theorieansätze in der Sozialen Arbeit. Lebensbewältigungsansatz und Ansatz zur Lebensweltorientierung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/964900

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