"Etablierte und Außenseiter" von Norbert Elias und John L. Scotson. Die Position der Dazugekommenen


Hausarbeit, 2005

12 Seiten, Note: 2, 0


Leseprobe

Gliederung

1. Theoretischer Ausgangspunkt von Elias

2. Die Studie in Winston Parva und daraus gewonnene Erkenntnisse

3. Fazit

4. Kritik

5. Literatur

1. Theoretischer Ausgangspunkt von Elias

Elias konstruierte das Menschenbild des „homo non-clausus“. Diese Sicht auf den Menschen zeichnet sich durch den Glauben an dessen fundamentale Gesellschaftlichkeit und Wandelbarkeit aus. Unter der fundamentalen Gesellschaftlichkeit des Menschen lässt sich sein ausschließliches Vorkommen in Figurationen verstehen.

„Da Menschen erst von Natur, dann durch gesellschaftliches Lernen, durch Erziehung, durch Sozialisierung, durch sozial erweckte Bedürfnisse gegenseitig voneinander mehr oder weniger abhängig sind, kommen Menschen (…) nur als Pluralitäten, nur in Figurationen vor."1

Figurationen sind interdependente, also von einander abhängige, Handlungsgefüge zwischen Menschen.

Die Wandelbarkeit des Menschen drückt sich in dessen Prozesshaftigkeit aus.

„Der Mensch ist ständig in Bewegung; er durchläuft nicht nur einen Prozess, er ist ein Prozess. Er entwickelt sich.“ 2

Beobachtbare Wandlungstendenzen sind gewiss nicht unabhängig von den gezielten Wandlungen der Individuen, die diese Figuration bilden, aber so, wie sie tatsächlich in Erscheinung treten, sind sie weder von irgendeinem einzelnen Menschen noch von Teilgruppen oder von allen diesen Menschen zusammen geplant, beabsichtigt und zielbewusst herbeigeführt worden.“ 3

Die Akteure des Prozesses gestalten ihre Verflechtungen, in Form von Handlungsketten, selber. Somit ist die Gesellschaft ein bewegliches Beziehungsgeflecht von Menschen, die in gegenseitiger Abhängigkeit zueinander stehen. Soziales ist folglich ein unaufhörlicher Prozess der Veränderung menschlicher Beziehungsformen.

Der diskontinuierliche Charakter sowie die prozessuale Offenheit sozialer Prozesse äußern sich in deren Abhängigkeit von unbestimmten Entscheidungen und ungeplanten Konstellationen.

Gesellschaftliche Entwicklungsprozesse haben keinen übergeordneten Sinn und folgen keinem vorgegebenen Ziel. Sie verlaufen ungesteuert.

Dennoch vollzieht sich ein gesellschaftlicher Wandel nicht ungerichtet oder ordnungslos. Trotz der Offenheit und scheinbaren Ungerichtetheit sozialer Prozesse, lassen sich rückblickend gewisse Entwicklungstendenzen bzw. Trends aufdecken. Dies bedeutet, dass soziale Gefüge oder Formationen aus vorhergehenden erklärt werden können. Aufgrund dessen lassen sich Modelle der Struktur sozialer Prozesse bilden.

Die Studie von Elias und John L. Scotson ist ein solches Modell von Akteurskonstellationen und Handlungsmustern, die den Verlauf sozialer Prozesse strukturieren.

2. Die Studie in Winston Parva und daraus gewonnene Erkenntnisse

Norbert Elias führte 1959, während seiner Lehrtätigkeit an der Universität in Leicester, mit einem seiner Studenten, John L. Scotson, eine empirisch-theoretische Studie in Winston Parva durch. In der wissenschaftlichen Sekundärliteratur finden sich unterschiedliche Bezeichnungen für die Art der Studie. In diesem Rahmen scheint der Begriff „Gemeindeforschung“ erwähnenswert zu sein. Das Wort der Gemeinde legt die Assoziation der Gemeinschaft nahe. Eben diese Gemeinschaft spielt eine übergeordnete Rolle in den, im Verlauf der Studie untersuchten, Prozessen.

Winston Parva ist ein fiktiver Name für eine kleine englische Vorortgemeinde, die zu der in wirtschaftlicher Blüte stehenden Industriestadt Leicester gehört.

Ursprünglich wollten Elias und Scotson die Ursachen der vermeintlich höheren Delinquenzrate in einer der drei Nachbarschaften untersuchen. Nach relativ kurzer Zeit verschob sich jedoch der Forschungsfokus hin zur Betrachtung nachbarschaftlicher Beziehungen. Diese verdienten besondere Beachtung, da einige Probleme paradigmatischen Charakters gewesen waren. Diese Probleme seien in größerem Maßstab auf vielen gesellschaftlichen Ebenen anzutreffen und somit bei der Analyse sozialer Prozesse allgemein anwendbar. Auf Grundlage dessen konzipierten Elias und Scotson ein Figurationsmodell als prozesssoziologisches Modell.

An die fünftausend Einwohner lebten in Winston Parva und bildeten eine eigenständige Gemeinde. Die Bewohner verfügten über eigene Fabriken, Schulen, Kirchen, Läden und Clubs.

Der Ort selbst war in drei Wohnbezirke unterteilt. Die räumliche und soziale Teilung spaltete den Ort in drei unterschiedliche Sektoren bzw. Zonen.

Die erste Zone zeichnete sich durch den Charakter einer typischen Mittelklassegegend aus. Hier lebten die Bürgerlichen, welche die Elite von Winston Parva darstellten. Die erste Zone spielte eine eher untergeordnete Rolle im Konflikt.

Die zweite Zone hatte den Charakter eines Arbeiterviertels. Die Arbeiterfamilien als „kleiner, recht kompakter Personenkreis“4 unterhielten enge Verbindungen zum Dorf. Verwandtschaftsnetze und diverse örtliche Vereinigungen bildeten mehrere informell ineinander verschränkte Kreise. In den ersten beiden Zonen lebten die Alteingesessenen und somit Etablierten.

In der dritten Zone, abfällig als „Rattengasse“ tituliert, lebten ebenfalls Arbeiterfamilien. Da sie später zuzogen, als die Einwohner der anderen Zonen, galten sie als Neuankömmlinge. Die dritte Zone stand in keiner direkten Verbindung zu der ersten und zweiten Zone. Die Neuankömmlinge waren bei den Einwohnern der ersten beiden Zonen verachtet. Als sozial Verachtete hatten sie die Außenseiterposition in Winston Parva inne.

Die Besonderheit des Ortes Winston Parva lag in der Art seiner Spaltung. Diese Spaltung verlief nicht vertikal entlang von Klassenunterschieden. Die Mittelklasse wandte sich nicht gegen die Arbeiterviertel. Vielmehr bildeten die ersten beiden Zonen eine Koalition gegen die dritte Zone. Etablierte wandten sich gegen Außenseiter. Alteingesessene grenzten die Neuankömmlinge aus.

Die neu dazugekommenen Familien der dritten Zone wurden von der alteingesessenen Arbeiterschaft als Außenseiter stigmatisiert, woraus Konflikte resultierten. Dieser Prozess vollzog sich, obwohl kein großer Unterschied zwischen den Arbeiterfamilien der dritten und den einheimischen Arbeiterfamilien der zweiten Zone bestand.

Der Gruppenunterschied bestanden weniger in ethnischer oder sozialstruktureller Hinsicht und im Lohniveau, als vielmehr in der Verschiedenheit der Gewohnheiten, Traditionen, Lebensweisen, Normen und Werte.

Die Einwohner der ersten beiden Zonen waren sich ihrer Statusüberlegenheit bewusst, was in ihrem Verhalten Ausdruck fand. Es hatte sich eine Koalition unter den Etablierten gebildet, da sie schon lange, bevor die Neuen kamen, zusammengelebt hatten. Die Wohndauer am Ort bildete den prägnantesten Zonenunterschied. Somit gilt das soziologische Alter, als zeitliche Bestandsdauer der beteiligten Gruppen, als ausschlaggebend für die Platzierung in der Figuration.

Je länger eine Gruppe an einem Ort existiert, desto höher ist deren soziale Kohäsion. Dieser Zusammenhalt der Etablierte äußert sich in einem starken Wir-Gefühl. Sie bilden eine Gemeinschaft mit verbindenden Traditionen, geteilten Normen und Werten. Unter den Außenseitern fehlt diese Art Gemeinschaft. Dies wird durch das geringere soziologische Alter und den unterschiedlichen Herkunftsregionen bedingt. Weniger gemeinsam verbrachte Zeit hat eine schwache soziale Kohäsion zur Folge.

Der Grad und die Ausprägung des entsprechenden Selbstzwanges der Etablierten unterscheiden sich deshalb von dem Zivilisationsmuster der zugewanderten Gruppen. Diese verfügen in der Regel nicht über identische Selbstzwänge und sind deshalb in der neuen Umgebung für die Zuweisung der Außenseiterposition prädestiniert.

Selbstzwänge sind internalisierte Fremdzwänge, die zu gemeinsamen und somit verbindenden Normen, Werten und Traditionen geworden sind. Auf diesem Prozess beruht eine von Elias’ zentraler These. Die These über den Prozess der Zivilisation. Bewusst gewählte Verhaltensanweisungen werden als Fremdzwänge weitergegeben und wandeln sich im Verlauf von Generationen zu internalisierten Selbstzwängen. Der Charakter des Zwangs zeigt sich lediglich in Momenten des nicht-adäquaten, den Zwängen zu widerlaufenden, Verhaltens. Zuwiderhandlung wird gesellschaftlich sanktioniert.

Außenseiter können die gesellschaftlichen Codes der Etablierten nicht deuten. Die daraus resultierenden Tabubrüche und Regelverletzungen erfolgen unbewusst und somit unabsichtlich. Dennoch werden Verhaltensabweichungen, seitens der Neuankömmlinge, dieser Art durch die Alteingesessenen sanktioniert. Tabubrüche verletzen deren:

„Sinn (…) für guten Geschmack, Schicklichkeit, Moral - kurzum, ihren Sinn für emotional verankerte Werte. Sie erregen bei den überlegenen Gruppen, je nach den Umständen, Zorn, Feindseligkeit, Abscheu oder Verachtung, und während die Befolgung des gleichen Kanons den sozialen Verkehr erleichtert, schaffen Verstöße gegen ihn Barrieren.“5

Die fehlende traditionelle Eingebundenheit ist kennzeichnend für den „Fremden“ (nach Simmel und Schütz) und den „marginal man“ (nach Robert S. Park).

Aufgrund dessen wird die Gruppe der Neuen gemieden und ausgeschlossen. Somit ist die Fremdheit das primäre Problem, welches die resultierenden Konflikte unvermeidlich macht.

Der Umgang mit den Zugezogenen als Fremde in Winston Parva zeigt sich exemplarisch am Beispiel des Umgangs mit ihnen in den beiden Kneipen der „The Hare and Hounds“ und „The Eagle“.

Sobald die Neuen in die Kneipen der Einheimischen kamen, zogen sich diese zurück. Viele von ihnen mieden ab da die betreffende Lokalität konsequent.

Ein Londoner berichtete, dass er sich nach der Bestellung eines Bieres, freundlich verhalten und zu einer Tischrunde Einheimischer gesellen wollte. Dies wurde ihm, mit der Begründung, dass der Platz für einen Freund reserviert sei, verwährt. Die Neuen wurden ignoriert, übergangen, nicht beachtet und gemieden. Sie mühten sich vergeblich, Kontakt zu den an einzelnen Tischen vereinten Grüppchen, herzustellen. Die Gruppen der Einheimischen blieben eine in sich geschlossene Einheit.

Die genannten Beispiele ließen sich auf die gesamte Gemeinschaftsorganisation übertragen.

Die Gründe der Ausgrenzung lagen weniger in individuellen Antipathien, sondern waren Resultate der Angst und Überraschung vor der Andersartigkeit der Fremden, sowie den befürchteten Probleme im Umgang mit ihnen. Hierbei wog die drohende Statusminderung durch Sanktionen der eigenen Gruppe am stärksten.

Das bereits erwähnte soziologische Alter sozialer Gruppen legt deren Platzierung in der Machtfiguration fest. Autochthone Bindungen bedingen die Etablierung im Machtzentrum.

Alteingesessene distanzieren sich von den Neuankömmlingen, um ihre Normen, Traditionen, vor allem jedoch ihre lokalen Machtpositionen und den damit verbundenen Status zu wahren. Diesen Status sahen die Alteingesessenen von Winston Parva durch die Neuen bedroht. Vor allem die Arbeiter der zweiten Zone sahen ihren relativ frisch erlangten Status durch die neu hinzukommenden Arbeiterfamilien bedroht.

Am Beispiel des Umgangs der Etablierten mit den Außenseitern demonstrierten diese Techniken der sozialen Schließung. Die Rangüberlegenheit der Einheimischen wurde durch eine Selbstzuschreibung überlegener Eigenschaften stabilisiert. Gleichzeitig klassifizierten sie die habituellen Merkmale der Zuwanderer als minderwertig.

Hierbei lässt sich eine Art „Ableitungsprozess“ bestimmter Eigenschaften erkennen. Das Gruppenbild der Etablierten wurde stets von den besten Eigenschaften ihrer besten Mitglieder und das der Außenseiter, von den schlechtesten Eigenschaften der schlechtesten Mitglieder abgeleitet.

Die Einheimischen entwickelten bezüglich der Andersartigkeit der Neudazu-gekommenen eine regelrechte Ideologie. Diese Statusideologie beinhaltete Einstellungen und Glaubensaxiome, welche ihre Überlegenheit gegenüber den Neuen betonten und somit hervorhoben. Die zugewiesene Stellung entschied über das Ansehen in der Gemeinde. Die Statusideologie verfolgte das Ziel, sich von den Neuen abzugrenzen, sie als minderwertig zu klassifizieren und dementsprechend zu behandeln.

Die Statusideologie beinhaltete folgende Aspekte:

1. Die Dauer der Anwesenheit der Familien. Das soziologische Alter musste mindestens zwei oder drei Generationen umfassen.

[...]


1 Elias, N. (1976): Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen. Band 1. LXVII

2 Elias, N. (1970): Grundfragen der Soziologie. Bd. 1. Was ist Soziologie? S. 127

3 Elias, N. (1970): Grundfragen der Soziologie. Bd. 1. Was ist Soziologie? S. 182

4 Elias, N. & Scotson, J. L. (1993): Etablierte und Außenseiter. S. 93

5 Elias, N. & Scotson, J. L. (1993): Etablierte und Außenseiter. S. 243

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
"Etablierte und Außenseiter" von Norbert Elias und John L. Scotson. Die Position der Dazugekommenen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Fachbereich Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Die Risikogesellschaft und Strukturen sozialer Ausgrenzung und Inklusion in Europa: Neuere Entwicklungen in der europäischen Sozialpolitik am Beispiel Jugend, Gender und Migranten
Note
2, 0
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V965234
ISBN (eBook)
9783346317476
ISBN (Buch)
9783346317483
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norbert Elias, Migration, Ausgrenzung und Inklusion
Arbeit zitieren
Andrea Ehrhardt (Autor), 2005, "Etablierte und Außenseiter" von Norbert Elias und John L. Scotson. Die Position der Dazugekommenen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/965234

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