Kognitive Verhaltenstherapie einer Patientin mit rezidivierender depressiver Störung vor dem Hintergrund traumatischer Ereignisse

Ein Prüfungsfall für die Staatliche Prüfung zur Psychologischen Psychotherapeutin


Examensarbeit, 2020

24 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1. Inhaltsverzeichnis

2. Überweisungskontext

3. Diagnostik und Indikationsstellung
Aktuelle Anamnese
Sozialanamnese, Familienanamnese, Berufliche Anamnese
Psychischer Befund
Störungsanamnese und Behandlungsversuche
Testpsychologische Befunde
Diagnosestellung nach ICD-
Therapieindikation

4. Problemanalyse
Makroanalyse
Mikroanalyse

5. Therapieplanung

6. Therapieverlauf

7. Evaluation
Therapieergebnisse
Wirkfaktoren und limitierende Faktoren
Prognose

8. Kritische Reflexion des Falles

9. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis

2. Überweisungskontext

Die Überweisung der damals 53-jährigen Servicekraft in einem Nachtclub in die ambulante psychotherapeutische Behandlung erfolgte durch ihren behandelnden Psychiater auf Wunsch der Patientin, da sie belastende Ereignisse aus ihrer Vergangenheit aufarbeiten wolle.

3. Diagnostik und Indikationsstellung

Aktuelle Anamnese

Im Aufnahmegespräch berichtete die Patientin, dass sie bereits seit Jahren an „rezidivierenden Depressionen“ sowie an einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“ leide. Sie sei mit 19 Jahren Opfer einer Gruppenvergewaltigung gewesen und habe sich erst nach Stunden durch einen Sprung aus einem Fenster retten können, wodurch sie diverse Knochenbrüche erlitten habe. Das Ereignis belaste sie seitdem und sie sehe darin die Ursache ihrer Beschwerden. Sie habe bis 2010 starke Alpträume und auch wiederholtes Erinnern des belastenden Ereignisses gehabt, dies hätte sich seit einem stationären akutpsychiatrischen Aufenthalt jedoch etwas gebessert. Aktuell leide die Patientin vor allem an „Schwierigkeiten im Kontakt mit Männern“: Sie werde oftmals sehr wütend und versuche den Kontakt mit Männern völlig zu vermeiden. Sie fühle sich als „Sexobjekt“ für alle Männer und sehe Männer als „Lügner und Angreifer“. Jeglicher Kontakt mit Männern erinnere sie an die damalige Situation und löse starke Emotionen aus (Hilflosigkeit, Unsicherheit, Angst, aber auch Wut und Hass). Sie habe zuvor nie über das Ereignis gesprochen und habe ein starkes Vermeidungsverhalten aufgebaut: Sie versuche, den Kontakt mit Männern sowie das Thema Hilflosigkeit in Filmen, Gesprächen etc. weitestgehend zu vermeiden. Sie bemühe sich, die Erinnerungen an die Übergriffe ebenfalls zu vermeiden, was ihr jedoch v.a. bei Konfrontation mit assoziierten Triggern nicht gelinge. Sie ziehe sich vermehrt zurück und vermeide es, die Wohnung zu verlassen oder andere Menschen zu treffen. Sie mache sich selbst große Vorwürfe und leide an starken Gefühlen von Angst, Schuld und Scham. Die Patientin habe Schwierigkeiten, sich an Einzelheiten des Ereignisses zu erinnern.

Die Depression habe die Patientin aktuell „gut im Griff“, dennoch berichtete sie von depressiven Symptomen in Form von Antriebslosigkeit, starker Erschöpfung, gedrückter Stimmung und Konzentrationsproblemen. Sie fühle sich minderwertig, erlebe sich als wenig belastbar und könne Stresssituationen nicht bewältigen. Sie habe Schwierigkeiten, den Haushalt zu bewältigen und sei sehr streng mit sich und mit anderen. Sie habe Suizidgedanken, sei jedoch aufgrund ihrer Tochter davon klar distanziert. Sie behalte eigene Emotionen und Gedanken für sich und „funktioniere“ für die Tochter. Sie leide an einem geringen Selbstwertgefühl und erlebe sich als „gescheitert“. Sie habe kaum Freude sowie Interesse an bisherigen Ressourcen und positiven Aktivitäten. Fehler anderer Personen oder eigene Fehler könne sie nicht verzeihen.

Körperlich leide die Patientin an Nackenverspannungen, Migräne, Schwindel, Tinnitus sowie einer chronischen Bindehautentzündung. Auch habe sie immer wieder Schmerzen im Knie, im linken Sprunggelenk und phasenweise in der Wirbelsäule, welche sie durch den Sprung aus dem Fenster damals verletzt habe.

Sozialanamnese, Familienanamnese, Berufliche Anamnese

Zu Beginn der Therapie konnte aufgrund fassadären Verhaltens der Patientin lediglich ein grober Überblick über den Verlauf der Biografie erhoben werden. Erst im Verlauf der Behandlung konnte sich die Patientin mehr öffnen und berichtete ausführlicher, auch über schambesetzte und verletzende Ereignisse.

Die Patientin sei mit zwei älteren Brüdern (+10 Jahre, +13 Jahre) in armen Verhältnissen bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, den die Patientin für ihren leiblichen Vater hielt, in Sibirien aufgewachsen. Als die Patientin etwa drei Jahre alt gewesen sei, habe sich die Mutter zwar getrennt, jedoch habe weiterhin lockerer Kontakt zum Stiefvater bestanden. Die Mutter habe in Vollzeit gearbeitet und die Patientin sei nach der Schule in einem Hort gewesen. Die Mutter sei teilweise ungeduldig und aggressiv gewesen und habe die Patientin manchmal geschlagen, jedoch habe sie sie auch unterstützt. Es habe gemacht werden müssen, was die Mutter gesagt habe.

Mit etwa 11 Jahren habe die Patientin erlebt, wie der Stiefvater versucht habe, ihre Mutter mit einem Messer zu erstechen. Die Patientin habe laut geschrien und der Stiefvater sei gegangen und sie habe ihn seitdem nie wiedergesehen. Sie habe ihn sehr geliebt und es habe sie sehr belastet, dass er sie „einfach verlassen“ habe.

In den Sommerferien sei die Patientin stets für bis zu 3 Monate bei der Großmutter mütterlicherseits gewesen. Die Großmutter sei sehr perfektionistisch und kritisch gewesen und habe der Patientin immer wieder das Gefühl vermittelt, etwas „Abscheuliches“ zu sein, da sie ein uneheliches Kind sei. Die Patientin habe sich sehr angestrengt, die Erwartungen zu erfüllen, aber habe dennoch nichts richtig machen können.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr habe die Patientin nachts eingenässt. Sie habe aufgrund dessen viel verpasst, habe beispielsweise nie bei Freunden übernachten können oder an Ferienlagern teilnehmen können. Es sei ein großes Geheimnis gewesen und sie habe mit niemandem außer ihrer Mutter darüber gesprochen und habe sich sehr geschämt. Aufgrund der Beharrlichkeit der Mutter und vieler Arztbesuche sei nach Jahren eine körperliche Ursache (Bindegewebsschwäche des Beckenbodens) gefunden worden, die entsprechend behandelt werden konnte und das Einnässen stoppte.

In der Schule sei die Patientin immer wieder wegen ihres Übergewichts gehänselt worden. Mit etwa 14 Jahren sei sie infolge eines Konflikts mit zwei Freundinnen von der gesamten Klassenstufe als „Aids“ bezeichnet worden und ausgeschlossen worden („Vorsicht, da kommt Aids. Die ist ansteckend. Lass uns abhauen!“). Sie habe sehr darunter gelitten, habe sich nicht gewehrt und habe auch mit niemand darüber gesprochen. Nach etwa einem Jahr habe sie in suizidaler Absicht versucht, sich an der Lampe in ihrem Kinderzimmer zu erhängen. Sie sei rechtzeitig von ihrer Mutter gefunden worden und diese habe infolge einen Elternabend organisiert, sodass die Hänseleien aufgehört hätten. In der Folge habe die Mutter ihren „guten Job“ aufgegeben und sei mit ihrer Tochter weggezogen. Die Patientin habe sich aufgrund dessen stets schuldig gefühlt („Meine Mutter hat die Zukunft für mich geopfert“). In der neuen Schule habe sich die Patientin gut eingewöhnt.

Einige Jahre später habe die Mutter einen neuen Partner gehabt und sei schwanger gewesen. Sie habe aufgrund von Komplikationen lange Zeit im Krankenhaus verbracht und habe beinahe ihr Leben verloren. Während dieser belastenden Zeit habe sich die Patientin ohne weitere Unterstützung zuhause um den Haushalt und die Tiere (Kühe, Schweine, Ziegen und Hühner) kümmern müssen.

Zu ihrem Schulabschluss habe sie ihrem Stiefvater einen Brief geschrieben, dieser habe jedoch geantwortet, dass ihn das nicht interessiere und er nicht ihr Vater sei. Die Mutter habe auf ihre Fragen diesbezüglich nicht geantwortet und habe weiterhin gesagt, dass er ihr leiblicher Vater gewesen sei, was die Patientin auch glaubte. Erst viel später, mit 28 Jahren, habe sie durch Zufall von ihrer Großmutter erfahren, dass dieser Mann nicht ihr Vater gewesen sei und ihr leiblicher Vater unbekannt sei.

Die Patientin habe erfolgreich den Realschulabschluss absolviert. Ihre Traumausbildungen (Köchin oder eine Ausbildung in der Textilbranche) habe sie aufgrund ihrer Sehschwäche nicht verwirklichen können. So habe sie eine Ausbildung zur Verkäuferin gemacht und habe in einem Lebensmittelladen gearbeitet. Sie habe sich bis zur Geschäftsführerin hochgearbeitet. Es habe sich der Wunsch gebildet, eine Ausbildung zur Krankenschwester zu machen, dies habe sie jedoch aufgrund der langen Krankheitsphase bzw. den Folgeverletzungen nach dem sexuellen Übergriff nicht verwirklichen können.

Mit 19 Jahren sei sie Opfer einer Gruppenvergewaltigung geworden: Sie sei spätabends auf offener Straße entführt worden und über Nacht festgehalten worden. Sie habe sexuelle Übergriffe durch mehrere Männer erlebt und habe sich am nächsten Morgen unter Todesangst völlig unbekleidet durch einen Sprung aus dem Fenster retten können. Sie habe aus Scham mit niemandem über die Übergriffe gesprochen und habe bezüglich der zugezogenen Verletzungen erzählt, sie sei eine Treppe heruntergefallen. Sie habe sich sehr schuldig gefühlt und habe an Alpträumen, Flashbacks, Schlafstörungen sowie an affektiven Symptomen gelitten. Sie sei für mehrere Monate im Krankenhaus gewesen und sei längere Zeit körperlich eingeschränkt gewesen (1/2 Jahr eingegipster Fuß, 1 Jahr ein Metallkorsett).

Auf Wunsch der Mutter sei die Patientin im November 1997 hochschwanger mit ihrer Familie (Mutter, Großeltern, Cousinen) nach Österreich ausgewandert. Der damalige Partner, von dem sie schwanger gewesen sei, sei jedoch trotz mehrfacher Versprechen nie zu Besuch gekommen und sei auch nie endgültig nachgereist. Nach einigen Monaten habe er sich nicht mehr gemeldet und aktuell bestehe kein Kontakt mehr. Die ersten Monate in Österreich habe die Patientin mit ihrer Tochter und der Mutter in einem Übergangswohnheim gewohnt und es sei eine schwierige Zeit gewesen. Schließlich habe sie eine Wohnung für sich und ihre Tochter gefunden. Derweil sei die Mutter längere Zeit krank gewesen und 2001 unerwartet verstorben. Nach dem Tod der Mutter habe die Patientin an ausgeprägten affektiven Beschwerden gelitten. 2002 sei die Patientin mit einem neuen Partner ungeplant erneut schwanger geworden. Im Rahmen von starken Schuldgefühlen habe sie sich selbst verletzt und habe das Kind verloren. Bis 2004 habe mit diesem Mann eine Partnerschaft bestanden, dann habe er jedoch eine Affäre mit einer Cousine der Patientin begonnen und Die Patientin habe sich von ihm getrennt. Aktuell bestehe kein Kontakt mehr zu dem damaligen Partner. 2006 habe die Patientin im Rahmen einer Mutter-Kind-Kur einen neuen Partner kennengelernt und wenige Wochen später geheiratet. Nach der Hochzeit habe er sich „komplett verändert“ und sie habe von seiner Vorliebe für Prostituierte erfahren. Auch sei er reizbar und verbal aggressiv gewesen, habe viele Schulden gehabt. Es habe viel Streit gegeben und die Patientin habe große Angst vor ihm gehabt, sodass sie sich schließlich nach einigen Wochen von ihm habe scheiden lassen und mit ihrer Tochter in ein Mutter-Kind-Haus gegangen sei.

Aufgrund multipler Stressoren (berufliche Schwierigkeiten, Sorgen um Magen-Darm-Probleme der Tochter sowie Konflikte mit dem Vater der Tochter) entwickelte die Patientin 2013 erneut ausgeprägte affektive Beschwerden. Wie im Affekt begab sich die Patientin in suizidaler Absicht auf den Balkon, um hinunterzuspringen. Als sie bereits mit einem Bein über der Brüstung gewesen sei, habe sie ihre Tochter in der Wohnung gehört, habe sich besonnen und sei zurück in die Wohnung getreten, um ärztliche Hilfe zu holen. Infolge dessen habe sie erstmals einen stationären psychiatrischen Aufenthalt absolviert.

In Österreich habe die Patientin beruflich mehrere Tätigkeiten innegehabt (Reinigungskraft, Verkäuferin, Tätigkeit in einem Restaurant und in einem Lebensmittelgeschäft, Küchenhilfe in einer Schule). Aufgrund wiederkehrender depressiver Einbrüche sei sie auch immer wieder längere Zeit arbeitsunfähig gewesen. Seit Januar 2018 sei sie bei ihrem aktuellen Arbeitgeber als Servicekraft in einem Nachtclub beschäftigt. Bezüglich der aktuellen Tätigkeit äußerte sich die Patientin sehr ambivalent. Einerseits fühle sie sich sehr wohl und die Arbeit mache ihr Freude, andererseits erlebe sie den Kontakt mit den Männern als sehr belastend und durch viele Überstunden sowie spontanes Einspringen erlebe sie Stress.

Die Patientin habe in ihrem Leben mehrere Partnerschaften gehabt, die jedoch alle „gescheitert“ seien. Hierfür gebe sie sich die Schuld. Sie habe einen engen Freund und wenige Bekannte, da sie sich sehr zurückziehe. Es falle ihr schwer, Vertrauen zu anderen Personen zu fassen und über eigene Wünsche und Bedürfnisse spreche sie nicht. Im Verlauf der Therapie habe sich die Patientin in eine Partnerschaft mit einem verheirateten Mann begeben, der mit seiner Frau und seinen Kindern wohne. Die Situation belaste die Patientin, dennoch fühle sie sich von ihm unterstützt und beschreibe die Partnerschaft als gut.

Aktuell wohne sie mit ihrer Tochter in einer kleinen Wohnung. Sie habe Schulden aufgrund ihres Exmannes. Die Beziehung zu der Tochter beschreibt die Patientin als gut. Eigene Bedürfnisse und Emotionen bespreche sie mit ihrer Tochter jedoch nicht.

Psychischer Befund

Die Patientin erscheint pünktlich zum Erstgespräch, ist gepflegt und unauffällig gekleidet, bewusstseinsklar und allseits orientiert. Auffassung, Aufmerksamkeit, Konzentration und Gedächtnis sind im Gespräch unauffällig, bei anamnestisch berichteten Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen. Die Patientin berichtet sarkastisch in selbstabwertender Art und Weise von ihren Beschwerden. Sie tritt freundlich und Hilfe suchend, jedoch auch fassadär und überspitzt in Kontakt. Im formalen Gedankengang geordnet, jedoch mit Neigung zu sorgenvollen Gedankenkreisen, inhaltlich eingeengt auf die Erschöpfung, Insuffizienzerleben und die starken, wiederkehrenden Gefühle (Angst, Wut, Hass), denen sie sich hilflos ausgeliefert fühlt. Kein Anhalt für wahnhaftes Erleben oder Ich-Störungen, keine Zwänge. Die Stimmung ist überwiegend fassadär gehoben, aber auch niedergedrückt und gereizt. Die emotionale Schwingungsfähigkeit ist vermindert, der Antrieb reduziert. Psychomotorik und Mimik sind lebhaft, teils übertrieben darstellend. Die Patientin berichtet von suizidalen Gedanken und zwei stattgehabten Suizidversuchen, aktuell ist sie jedoch aufgrund ihrer Tochter hiervon klar distanziert und glaubhaft absprachefähig. Aktuell keine Eigen- oder Fremdgefährdung.

Störungsanamnese und Behandlungsversuche

Bereits in der Kindheit sei die Patientin unsicher und zurückhaltend gewesen und habe kaum Selbstbewusstsein gehabt. Die Mutter sei oft arbeiten gewesen und sei müde und erschöpft nach Hause gekommen. Die Patientin habe sich den Bedürfnissen ihrer Mutter angepasst und habe gehorcht.

Durch die strenge, leistungsorientierte Großmutter habe sie immer wieder vermittelt bekommen, dass sie nicht gut genug und „Etwas Abscheuliches“ sei. Dieses Erleben habe sich durch das jahrelange Einnässen sowie die schweren Mobbingerfahrungen und das Aufwachsen ohne Vater wiederholt. Die Patientin zog sich bereits als Kind vermehrt zurück und sprach mit niemand über eigene Gefühle. Im Rahmen der Mobbingerfahrungen litt die Patientin an affektiven Beschwerden in Form von Traurigkeit und Antriebslosigkeit und unternahm einen Suizidversuch.

Bei der zweiten Schwangerschaft der Mutter habe die Patientin sich alleine um den Hof kümmern müssen, eigene Ängste um die Mutter zurückstellen und „funktionieren“ müssen.

Die Patientin sei in der Kindheit sehr emotional und impulsiv gewesen. Sie sei schnell ärgerlich geworden und habe ihre Gefühle nicht regulieren können. Durch die Mutter und die Großmutter habe sie negative Reaktionen und Sanktionen erhalten, aufgrund dessen habe sich die Patientin sehr geschämt, sodass sie sich bemüht habe, ihre Emotionen vermehrt zu unterdrücken.

In Folge des sexuellen Übergriffs habe die Patientin an Alpträumen und Flashbacks gelitten. Sie sei stets angespannt und unruhig gewesen und habe große Angst davor gehabt, einzuschlafen. Auch habe sie begleitend an affektiven Beschwerden wie Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und ausgeprägten Scham-und Schuldgefühlen gelitten. Über den Übergriff sei in der Familie nie gesprochen worden. Sie habe erzählt, dass sie eine Treppe hinuntergefallen sei und aufgrund der posttraumatischen und affektiven Beschwerden sei sie nicht in Behandlung gewesen.

Nach dem Umzug nach Österreich, der Enttäuschung durch den damaligen Partner, der nicht wie versprochen nach Österreich gezogen sei und die Erkrankung sowie Tod der Mutter habe die Patientin erneut an affektiven Beschwerden gelitten und habe versucht, alleine damit umzugehen.

Im Rahmen der zweiten Schwangerschaft habe sie aufgrund von ausgeprägten Schuldgefühlen und Selbsthass den Kopf gegen das Waschbecken geschlagen und hierbei das Kind verloren. Im Rahmen der Betreuung ihrer Tochter habe sie immer wieder Phasen gehabt, in denen sie sich selbst stark abgewertet habe, da sie es nicht gut genug organisieren könne. Auch leide sie immer wieder an ausgeprägter Anspannung aufgrund zwischenmenschlicher Konflikte oder Unstimmigkeiten, die sie impulsiv ausagiere (z.B. gegen eine Wand schlagen). Nachdem die Patientin von der Affäre ihres damaligen Partners mit der Cousine erfahren habe, habe sie erneut an affektiven Beschwerden gelitten und habe sich 2008 erstmals um ambulante Psychotherapie bemüht. Es sei jedoch keine ambulante Therapie zustande gekommen, da die Therapeutin sie aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse abgelehnt habe.

Infolge der kurzen Ehe habe die Patientin an starken Ängsten sowie affektiven Beschwerden gelitten und habe aufgrund dessen eine ambulante Kurzzeittherapie gemacht. Der Fokus der Therapie seien aktuelle Ereignisse gewesen und sie habe von der Therapie profitiert, indem sie die Erfahrungen mit ihrem Exmann habe besser verarbeiten können. Aufgrund schwerer depressiver Beschwerden sowie eines Suizidversuchs habe die Patientin erstmals für 8 Wochen einen akutstationären psychosomatischen Aufenthalt absolviert. Hierbei habe sie auch erstmals eine antidepressive Medikation erhalten (morgens Venlafaxin 150mg, zur Nacht Quetiapin 25mg, nach Bedarf Lorazepam 1mg). Infolge des stationären Aufenthalts habe die Patientin erneut eine ambulante psychotherapeutische Behandlung absolviert. Sie habe sehr profitiert, da sie die Sitzungen „über Wasser gehalten“ hätten. Nach einem Absetzversuch der Medikation habe sie erneut einen schweren depressiven Einbruch erlebt und habe sich selbstständig in eine stationäre psychosomatische Behandlung begeben (7 Wochen). Hier habe sie erstmals erwähnt, dass sie in der Vergangenheit sexuelle Übergriffe erlebt habe und habe nach der Behandlung eine Verringerung der Alpträume erlebt. Im Anschluss habe sich die Patientin erneut um eine ambulante psychotherapeutische Behandlung bemüht, jedoch habe der behandelnde Psychotherapeut „nichts getan“ und so habe die Patientin die Behandlung abgebrochen.

Seit 2018 leide die Patientin wieder verstärkt unter dem Kontakt mit Männern, welcher Gefühle von Hass, Angst und Hilflosigkeit auslöse. In der Folge habe sie sich vermehrt zurückgezogen und fühle sich traurig, antriebs- und interessenlos. Um die aktuelle ambulante psychotherapeutische Behandlung habe die Patientin sich bemüht, da sie „endlich ein normaler Mensch“ sein wolle. Sie wolle die Vergangenheit und die sexuellen Übergriffe bewältigen, um so im Alltag nicht mehr belastet zu sein. Sie wolle sich wieder als Frau und nicht mehr als „Sexopfer“ fühlen und sie wolle das Leben wieder genießen.

Testpsychologische Befunde

Im Klinisch Psychologischen Diagnosesystem 38 (KPD-38 von der Forschungsstelle für Psychotherapie, Universitätsklinikum Heidelberg) konnten deutlich erhöhte Belastungswerte (PR: Prozentrang) auf den Skalen Körperbezogene (PR = 99) sowie Psychische Beeinträchtigung (PR = 97), Handlungskompetenz (PR = 99), Allgemeine Lebenszufriedenheit (PR = 93) und hinsichtlich des Gesamtwertes (PR = 99) abgebildet werden, was die hohe Symptombelastung sowie den hohen Leidensdruck der Patientin verdeutlichte.

- Das Beck-Depressions-Inventar (BDI-II; Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung des Schweregrads einer depressiven Symptomatik von A.T. Beck) ergab bei Aufnahme einen Summenscore von 21, was auf eine „mittelgradige“ Ausprägung depressiver Symptome (20-28) hinweist.
- Die Impact of Event Skala-revidierte Version (IES-R von Maercker und Schützwohl) ergab in Bezug auf die sexuellen Übergriffe der Patientin einen Indexwert von 0,59, was bei einem Cut-Off von 0 auf das Vorliegen von Symptomen hinweist, die auch im Rahmen einer posttraumatischen Belastungsstörung auftreten und verdeutlichte die Notwendigkeit einer weiteren diagnostischen Abklärung.
- Beim Persönlichkeits-Stil und Störungsinventar handelt es sich um ein Persönlichkeitsinventar, mit dem die relative Ausprägung von Persönlichkeitsstilen erfasst wird (PSSI von J. Kuhl und M. Kazén). Dieses ergab überdurchschnittliche Ausprägungen hinsichtlich der Skalen zurückhaltend-schizoid (PR = 100), spontan-borderline (PR = 92), selbstkritisch-selbstunsicher (PR = 96), sorgfältig-zwanghaft (PR = 99), kritisch-negativistisch (PR = 88) und still-depressiv (PR = 90). Hinsichtlich der Skala ehrgeizig-narzisstisch (PR = 7) ergab sich eine unterdurchschnittliche Ausprägung. Die restlichen Skalen wiesen unter Berücksichtigung des Geschlechts und des Alters durchschnittliche Ausprägungen auf.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kognitive Verhaltenstherapie einer Patientin mit rezidivierender depressiver Störung vor dem Hintergrund traumatischer Ereignisse
Untertitel
Ein Prüfungsfall für die Staatliche Prüfung zur Psychologischen Psychotherapeutin
Veranstaltung
Psychologische Psychotherapie
Note
1
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V967591
ISBN (eBook)
9783346318626
ISBN (Buch)
9783346318633
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kognitive Verhaltenstherapie einer Patientin mit rezidivierender depressiver Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode (ICD-10: F33.10) vor dem Hintergrund traumatischer Ereignisse (Differentialdiagnostisch Posttraumatische Belastungsstörung, ängstlich-vermeidende und emotional-instabilen (Borderline Typus) Persönlichkeitsstörung). Ein Prüfungsfall für die Staatliche Prüfung zur Psychologischen Psychotherapeutin
Schlagworte
Psychologische Psychotherapie, psychologischer Psychotherapeut, psychologische Psychotherapeut, Staatexamen, Approbation, Approbationsprüfung, Fallvorstellung, Prüfungsfall, Behandlungsfall, Psychologie, Psychotherapie, Verhaltenstherapie, kognitive Verhaltenstherapie, Depression, Depressive Störung, Prüfung, KVT, VT, mittelgradige Episode, Therapie, ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsakzentuierung, selbstunsichere Persönlichkeitsakzentuierung, ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung, selbstunsichere Persönlichkeitsstörung, Emotional-instabile Persönlichkeitsakzentuierung, emotional-instabile Persönlichkeitsstörung, Borderline Persönlichkeitsstörung, Posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, traumatische Ereignisse, Trauma, Traumata
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Kognitive Verhaltenstherapie einer Patientin mit rezidivierender depressiver Störung vor dem Hintergrund traumatischer Ereignisse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/967591

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