Sprache als Mittel zur Integration von Migrantenkindern


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Einleitung

1. Migrationsbegriff in Deutschland
1.1. Diskriminierung von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem
1.2. Soziale Integration durch Sprache und Bildung

2. Zweitspracherwerb bei Migrantenkindern
2.1. Erwerb der Zweitsprache Deutsch und damit zusammenhängende Altersunterschiede
2.2. Probleme des zweisprachigen Aufwachsens im Bildungskontext

3. Sprachförderung als Integrationsmaßnahme
3.1. Didaktische Schwierigkeiten
3.2. Schulische und soziale Förderungsmaßnahmen

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abb. 0.1.: Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland bis 2018 Quelle: Statistisches Bundesamt, Statista

Abb. 0.2.: Verteilung der Bevölkerung in Deutschland nach Migrationshintergrund im Jahr 2018 Quelle Statistisches Bundesamt, Statista

Abb. 1.1.: Anzahl der Ausländer in Deutschland nach Herkunftsland von 2016 bis 2018 Quelle: Statistisches Bundesamt, Statista

Abb. 1.2.: Einschätzung von Türkeistämmigen zu Bedingungen für eine gute Integration 2016, 1.201 befragte Personen ab 16 Jahren Quelle: Uni Münster, Exzellenzscluster „Religion und Politik“, Statista

Abb. 3.1.: Bildungsstand – Bevölkerung nach Migrationshintergrund und Schulabschluss 2017,Befragte Personen in Deutschland ab 15 Jahren Quelle: Statistisches Bundesamt, Statista

Einleitung

In den vergangenen Jahren veränderte sich die deutsche Bevölkerungsstruktur drastisch. Überwiegend ökologisch und sozial bedingte Auswanderungen prägten das Land und ließen den Anteil der ausländischen Bevölkerung in Deutschland ansteigen. Während 2011 der Ausländeranteil noch 7,9% betragen hat, stieg dieser im Jahr 2018 auf 12,2% an, jährlich ist der Anteil im Schnitt um ungefähr 0,6% gestiegen (vgl. Abb. 0.1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 0.1.: Anteil der ausländischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung in Deutschland bis 2018

Mit dem Anstieg der ausländischen Bevölkerung stellt sich gleichzeitig auch die Frage nach sozialen und bildungsorientierten Maßnahmen zur erfolgreichen Integration der zugewanderten Menschen.

In dieser Arbeit soll dieser Frage nachgegangen werden, der Fokus wird dabei auf Kinder mit Migrationshintergrund gelegt. Im Jahr 2018 setzte dich die Verteilung der Bevölkerung in Deutschland aus über einem Viertel an Menschen mit Migrationshintergrund zusammen, weshalb die Relevanz des Themas aufgrund der beträchtlichen Anteile sehr hoch gestuft werden kann (vgl. Abb. 0.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 0.2.: Verteilung der Bevölkerung in Deutschland nach Migrationshintergrund im Jahr 2018

In den folgenden Ausführungen wird überwiegend auf sprachgestützte Integrationsmaßnahmen verwiesen. Der hohe Stellenwert der Sprache für die zwischenmenschliche Kommunikation soll in den Vordergrund gebracht und anhand von theoretischen Ansätzen und beispielhaften Erfahrungsberichten zu bereits bewährten Maßnahmen belegt werden. Diese Deutung erfolgt nicht tiefergehend auf linguistischer Ebene, sondern in Bezug auf soziale Strukturen und Verhältnisse, in denen Migrantenkinder aufwachsen. Dabei soll mit dieser Arbeit die Frage beantwortet werden, welche Rolle die Sprache für die Integration von Migrantenkindern in die Gesellschaft spielt.

Dafür wird zuerst ein Überblick über die Migrationssituation in Deutschland präsentiert und der Migrationsbegriff definiert. Es wird zudem auf die Diskriminierung von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem eingegangen und anschließend auf Möglichkeiten sozialer Integration durch Sprache und Bildung verwiesen. Im nächsten Kapitel folgen Ausführungen zum Zweitspracherwerb bei Migrantenkindern, es wird auf pädagogischer und sozialer Ebene auf den Erwerb der Zweitsprache Deutsch und auf mögliche Probleme des zweisprachigen Aufwachsens eingegangen. Im letzten Kapitel wird die Bedeutung der Sprachförderung als Integrationsmaßnahme in den Vordergrund gebracht, auf damit verbundene Schwierigkeiten kritisch eingegangen und Möglichkeiten schulischer und sozialer Förderung aufgezeigt.

1. Migrationsbegriff in Deutschland

Durch den wachsenden Anstieg an Einwanderung ausländischer Bevölkerung in Deutschland, steigen auch die generationenübergreifenden Zahlen der Menschen mit Migrationshintergrund an. Der Begriff „Migrationshintergrund“ wird dabei durch das Geburts- bzw. Herkunftsland differenziert. Das statistische Bundesamt zählt dazu sowohl alle Personen, welche nach 1949 in das heutige Gebiet Deutschlands zugewandert sind, als auch alle in Deutschland geborenen Ausländer. Zusätzlich gehören auch Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit dazu, welche zumindest ein zugewandertes oder als Ausländer in Deutschland geborenes Elternteil besitzen. Durch diese Definition haben ungefähr 20% der Gesamtbevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund, davon sind 9% nicht in Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit (vgl. Ilić, 2016).

Betrachtet man die Anzahl der ausländischen Bevölkerung nach Herkunftsland, so fällt auf, dass über 1.4 Millionen Menschen aus der Türkei stammend an erster Stelle stehen. Es folgen ungefähr 800.000 Einwanderer polnischer Herkunft an zweiter Stelle und die dritte Position stammt aus Syrien. Während sich 2016 noch ungefähr 600.000 Menschen aus Syrien in Deutschland aufhielten, waren es 2018 über 100.000 mehr. In den anderen beiden Ländern sank die Anzahl von 2017 bis 2018 um ungefähr 6.500 (vgl. Abb. 1.1.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1.1. Anzahl der Ausländer in Deutschland nach Herkunftsland von 2016 bis 2018

Die Motivation hinter dem Migrationswunsch unterscheidet sich je nach Land und persönlicher Lage. So haben Arbeitsmigration, Fluchtbewegungen und Bürgerkriege „seit vielen Jahrzehnten die Bevölkerungsstruktur in Deutschland nachhaltig verändert“ (Steinmüller, 2012, S. 322). Der Definitionsansatz des statistischen Bundesamtes über den Migrantenstatus wird allerdings nicht in jeder Situation vollständig akzeptiert und befindet sich häufig im subjektiven Wandel. Zum ersten Mal wagte sich die PISA Studie im Jahr 2000 an eine Definition, welche den Migrationsstatus aus dem Geburtsort der Eltern ableitet und ein stufenartiges Kategoriensystem einführte. Dies geschah in Abhängigkeit davon, ob nur eines der Elternteile oder beide ausländischer Herkunft waren (vgl. Stošić, 2017). Insgesamt lässt sich aber sagen, dass keine eindeutige Definition des Migrationshintergrundes vorliegt, da in unterschiedlichen Kontexten auch verschiedene Merkmale, wie die Staatsangehörigkeit, das Geburtsland, oder die familiäre Abstammung als Indikatoren gelten können.

Noch häufiger als die Diskussion über den Migrationsbegriff ist die Auseinandersetzung mit der Frage „Wann hört ein Migrant auf, ein Migrant zu sein?“ (Stošić, 2017, S. 133). Durch die Politik wird Migrant*innen die Anerkennung als „Deutsche*r“ immer schwieriger gemacht. Viele bürokratische Hürden und Sprachtests erweisen sich als eine große Anstrengung für diese Menschen. Häufig verlangen die zuständigen Behörden sogar Nachweise über Diskriminierungssituationen im Herkunftsland, mit denen sich die Betroffenen „aufgrund der deutschen Herkunft“ (Dietz, 1999, S. 12 f., zitiert in Stošić, 2017, S. 138) auseinander setzen müssten. Abgesehen von Sprachtests wird auch das Wissen zu diversen Ereignissen der deutschen Geschichte und zum Verständnis der deutschen Kultur vorausgesetzt. Problematisch ist dabei vor allem das gesellschaftliche Verständnis der „deutschen Leitkultur“ (Stošić, 2017, S. 134), welches sich jederzeit nach Belieben ändern kann.

Trotz dieser erschwerten Bedingungen fällt die steigende Tendenz der wachsenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund auf. Ilić betont, dass das „Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft an einem geographischen Ort [ ] ein fester Bestandteil der menschlichen Geschichte“ (Ilić, 2016, S. 21) sei, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass das Thema häufig im gesellschaftlichen Diskurs aufgegriffen wird. Durch Globalisierungsstrukturen unserer Zeit und dem immer höheren Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund, steigt die Relevanz der Auseinandersetzung mit dieser Thematik von Jahr zu Jahr weiter an. Denn trotz Kategorisierungsversuchen oder objektiven Herangehensweisen der Politik, besteht immer noch ein sehr hoher Bedarf nach Maßnahmen in Betracht auf Diskriminierung, Bildung und Integration von Migrant*innen.

1.1. Diskriminierung von Migrantenkindern im deutschen Schulsystem

Wie bereits in den vergangenen Ausführungen verdeutlicht wurde, machen Migrant*innen einen großen Teil der deutschen Bevölkerung aus. Umso erschreckender ist es, dass in unserer Gesellschaft viele Migrant*innen immer noch häufig Opfer von Diskriminierung werden. Nicht nur in sozialen Situationen, sondern auch auf institutioneller Ebene betrifft dieses Problem einen Großteil dieser Menschen. Ein aktuelles Beispiel eines Beitrages der Tagesschau vom 17. März 2020 verdeutlicht, dass Deutschland nach Ansicht des Anti-Diskriminierungs-Ausschusses des Europarates nicht genügend Aufklärungsarbeit zur Bekämpfung von institutionellem Rassismus leistet und dies künftig in Form von Kursen an Schulen und anderen Institutionen Pflichtmaßnahme werden sollte (vgl. Tagesschau, 2020). Aufklärung ist besonders wichtig, da Stereotypen und Vorurteile die Sichtweise der Bevölkerung prägen und ihre Ansichten und Verhaltensweisen steuern können. Oft werden solche Stereotypen sogar als „reduktionistische Ordnungsraster“ (Lüsebrink, 2012, S. 110 f., zitiert in Nothnagel, 2019, S. 210) verwendet, um eine Klassifizierung und Unterteilung von Menschen hervorzurufen. Das ist ein typischer Vorgang, welcher das Gefühl vermittelt, dem Fremden mit Verständnis näher gekommen zu sein, da man es benannt und eingeordnet hat. Dabei verstärkt eine solche Abgrenzung nur die Distanz zwischen den Bevölkerungen indem zwischen „uns“ und „den anderen“ unterschieden wird (vgl. Stošić, 2017).

Der Ausdruck „Kind mit Migrationshintergrund“ tauchte zum ersten Mal 1998 zurückführend auf Ursula Boss-Büning auf, welche diesen als Möglichkeit sah, um verschiedene kindliche Lebenslagen in Deutschland differenzierbar zu machen (vgl. Stošić, 2017). Doch der Migrantenstatus bot nicht nur eine Differenzierungsgrundlage, sondern fand im negativen Kontext auch zur Exklusion und Abwertung Verwendung. Der Migrationshintergrund wurde als Teil der Identität gesehen und war von der Persönlichkeit eines Menschen nicht mehr wegzudenken.

Bereits im jungen Alter erleben Migrantenkinder die Differenzen, welche sich ihnen in sozialen Situationen und im Bildungskontext zeigen. Als eines der andauernden Probleme spricht Gomolla davon, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland trotz scheinbarer Bemühungen unterdurchschnittlich im Bereich der schulischen Bildung partizipieren. Es gäbe „institutionelle Barrieren“, die die Kinder und Jugendliche daran hindert, ihr ganzes Potenzial auszuschöpfen (Gomolla, 2013, S. 87). Die Schwierigkeit liegt dabei nicht an der allgemeinen Herangehensweise zur Ausbildung von Kindern mit Migrationshintergrund, sondern wie internationale Studien nahe legen, ist die Problematik wahrscheinlich an das deutsche Schulsystem geknüpft. So gelingt es anderen Nationen mit vergleichbaren Zuwandererpopulationen besser „den Zusammenhang zwischen Herkunft und Schulerfolg zu lockern“ (Gogolin, 2013, S. 38). In den deutschen Medien wurde beispielsweise davon berichtet, dass man zur Verbesserung der Sprachkompetenzen an Schulen das Sprechen anderer Sprachen als Deutsch verbot (vgl. Steinmüller, 2012), was sich allerdings weniger als effektive Förderungsmaßnahme, sondern vielmehr als eine Form von Diskriminierung herausstellte. Feagin und Feagin (1986) unterscheiden dabei zwischen direkter und indirekter Diskriminierung. Mit der direkten Diskriminierung sind „regelmäßige, intentionale Handlungen in Organisationen“ (Gomolla, 2013, S. 90) gemeint, es werden also Regelungen oder routineartige Praktiken dazu gezählt. Bei der indirekten Diskriminierung ist zunächst allerdings unklar, ob diese absichtlich oder unbeabsichtigt erfolgt. Hierbei gelten gleiche Regelungen für verschiedene Gruppen von Menschen, allerdings erschließen sich durch diese Vorkehrungen ungleiche Chancen bei den unterschiedlichen Gruppen. Anhand dieser Erklärung wird also deutlich, dass es sich in dem Fall der Deutschpflicht um eine indirekte Form der Diskriminierung handelte, welche daher mediale Empörung mit sich brachte. Doch nicht immer ist Diskriminierung auf den ersten Blick erkennbar. In den meisten Fällen werden erst die Konsequenzen ersichtlich, die diese mit sich bringt. So werden beispielsweise deutlich mehr Migrantenkinder als lernbehindert klassifiziert (vgl. Gomolla, 2013) und öfter auf Sonder- oder Förderschulen überwiesen (vgl. Stošić, 2017). Diese Form der institutionellen Diskriminierung, welche sich vor allem durch die mangelnde Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund äußert, bewirkt daher auch, dass sich schon während der Grundschulzeit ein Rückstand in der Kompetenzentwicklung im Vergleich zu deutschen Kindern zeigt (vgl. Anger & Geis-Thöne, 2018). Gomolla fand in einer Studie, welche an einer Bielefelder Grundschule durchgeführt wurde, heraus, dass Migrantenkinder auch in der Übergangsphase zur weiterführenden Schule vielfach heruntergestuft werden. Dabei geschieht dies oft unabhängig von Noten, daher auch, wenn diese im guten Bereich sind, mit der Begründung, dass zu einer erfolgreichen Schullaufbahn auf einem Gymnasium perfekte Deutschkenntnisse erforderlich seien (vgl. Gomolla, 2013). Eine interviewte Schulleiterin berichtete in diesem Kontext, dass mangelnde Sprachkenntnisse oft „Hand in Hand mit anderen Schwierigkeiten“ (Gomolla, 2013, S. 92) gingen, welche das Kind zusätzlich haben könnte. Hier taucht wieder die diskriminierende Haltung der Generalisierung durch vorurteilende Ansichtsweisen auf, welche es den Migrantenkindern erschwert, die angebotenen Bildungsmöglichkeiten ausschöpfend erfahren zu können. Darüber hinaus zeigen Untersuchungen, dass in die Bewertung der schulischen Kompetenzen nicht nur die Sprache einfließt, sondern auch die Hautfarbe, die ethnische Zugehörigkeit oder der Bildungsstand der Familie als Indikator dafür dienen können, nicht nur welche weiterführende Schule ein Kind besucht, sondern auch, ob es der Familie überhaupt ermöglicht wird, die Wahl zu treffen (vgl. Gogolin, 2013).

Da die Schule einen erheblichen Teil zu der Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung jedes Kindes beiträgt, sollte die Möglichkeit für jedes Kind chancengleich bestehen, ihr volles Potenzial auszuschöpfen und Bildung gerecht erleben zu dürfen. Durch die verschiedenen Formen von Diskriminierung wird dieser Prozess drastisch geschädigt und legt den Grundbaustein für eine in Zukunft erschwerte soziale und berufliche Laufbahn.

[...]

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Sprache als Mittel zur Integration von Migrantenkindern
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V968100
ISBN (eBook)
9783346316387
ISBN (Buch)
9783346316394
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Sprache, Kommunikation, Spracherwerb, Integration, Kinder, Pädagogik, Bildung, Migrantenkinder, Rassismus, Deutsch, Zweitsprache, Diskriminierung, Didaktik
Arbeit zitieren
Michelle Posmyk (Autor), 2020, Sprache als Mittel zur Integration von Migrantenkindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/968100

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