Kontrastive Paralleltextanalyse. Textsorte: Reiseprospekt


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Text, Textsorte, Texttyp
2.2 Charakteristika der Textsorte Reiseprospekt
2.3 Rechtlicher Hintergrund
2.4 Analysemethoden

3 Analyse
3.1 Textexterne Faktoren
3.2 Textinterne Faktoren
3.2.1 Makrostruktur
3.2.2 Mikrostruktur

4 Zusammenfassung und Ausblick

5 Anhang
5.1 Abbildungsverzeichnis
5.2 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Übersetzer1 kennen und nutzen viele verschiedene Hilfsmittel. Laien denken dabei oft nur an Wörterbücher, automatische Übersetzungstools und andere elektronische Hilfsmittel. Doch es gibt auch einige nicht-elektronische Informationsquellen für Übersetzer. Dazu zählen auch sogenannte Paralleltexte. Es handelt sich dabei um Originaltexte derselben Textsorte in verschiedenen Sprachen, also keine Über­setzungen. Sie geben beim Übersetzen eine gute Orientierung hinsichtlich Terminologie oder Makro- und Mikrostrukturen von Fachtexten, welche innerhalb der kulturellen Kontexte eines Sprachenpaares sehr unterschiedlich sein können. Mithilfe von Paralleltexten kann sich ein Übersetzer beispielsweise über Unterschiede im Aufbau von Rechtstexten informieren oder die korrekte Terminologie für einen technischen Text wählen.

In dieser Hausarbeit soll eine kontrastive Analyse eines deutschen und eines französischen Reiseprospektes durchgeführt werden. Zunächst soll ein Überblick über den theoretischen Hintergrund gegeben und die Begriffe Text, Textsorte und Texttyp erläutert werden, dann folgen spezielle Charakteristika der Textsorte Reise­prospekt, rechtliche Hintergründe und Grundlegendes zur gewählten Analyseme­thode. Im dritten Abschnitt erfolgt die Analyse der textexternen und textinternen Faktoren nach Christiane Nord (2009), wobei für letztere auf ausgewählte Aspekte der Makro- und Mikrostruktur eingegangen werden soll. Abschließend sollen wesentliche Unterschiede zusammengefasst und ein Ausblick auf die Relevanz der Textsorte auf dem übersetzerischen Markt gegeben werden.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Text, Textsorte, Texttyp

Ein Text ist nach der Definition von de Beaugrande/Dressler „eine kommunikative Okkurenz [...], die sieben Kriterien der Textualität erfüllt. Wenn irgendeines dieser Kriterien nicht erfüllt ist, so gilt der Text nicht als kommunikativ“ (de Beaugrande/Dressler 1981). Die Textualitätskriterien sind textzentriert (Kohä­sion, Kohärenz) oder verwenderzentriert (Intentionalität, Akzeptabilität, Informa­tivität, Situationalität und Intertextualität) (ebd: 8).

Andere Autoren distanzieren sich von dieser rein textlinguistischen Auffassung und beziehen kommunikative Aspekte ein. Für Christiane Nord (2009: 13ff) ist ein Text, der nicht alle dieser Kriterien erfüllt, trotzdem ein Text, solange er eine klar erkenn­bare kommunikative Funktion hat. Diese sei das „grundlegende konstitutive Merkmal von Texten [und] bestimmt die Strategien der Textproduktion“ (ebd: 19).2

Texte mit ähnlichen Merkmalen lassen sich zu Textsorten zusammenfassen. Beck (1973: 73) definiert Textsorten als eine Klasse von Texten mit „situationstypische[n] Verwendungsweisen mündlicher und schriftlicher Sprachäußerung, welche zu mehr oder minder festen und gesellschaftlich sanktionierten Sprech-/Schreibhandlungs­mustern geworden sind“. Diese Muster haben sich innerhalb einer Sprachgemein­schaft im Laufe der Jahre unterschiedlich entwickelt (Brinker et al. 2005: 133). Einige dieser Muster sind textsortenkonstitutiv, also bei jeder Textsorte zu finden, andere sind textsortenspezifisch, sie sind typisch für die Textsorte, müssen aber nicht zwangsläufig vorhanden sein (Fandrych/Thurmair 2011: 16). Es ist also auch zu be­denken, dass der Rezipient eines Textes aufgrund seiner kulturellen Geprägtheit vor der Lektüre eine gewisse Erwartung an die Makro- und Mikrostruktur hat, die es bei der Produktion eines Textes bzw. einer Übersetzung zu erfüllen gilt. Eine Textsorten­analyse darf daher nicht nur nach sprachlichen Gesichtspunkten durchgeführt werden, sondern es müssen vor allem auch textexterne Faktoren wie die kommunika­tive Funktion einer Textsorte in einem kulturellen Kontext untersucht werden.

Textsorten lassen sich schließlich Texttypen zuordnen. Vorschläge zu einer solchen Texttypologie gibt es von zahlreichen Autoren der Übersetzungswissen­schaft. Eine der bedeutendsten unter ihnen ist Katharina Reiß. In ihrem Modell (Reiß/Vermeer 1991) teilt sie in Anlehnung an das Organon-Modell von Karl Bühler alle Textsorten einem der drei Typen expressive, operative und informative Texte zu und schlägt in Abhängigkeit davon verschiedene Übersetzungsmethoden und Inva­rianzen (= bei der Übersetzung zu wahrende Elemente) vor. De Beaugrande/Dressler unterscheiden wiederum nach der dominanten Textfunktion zwischen deskriptiven, narrativen und argumentativen Texten (1981: 190f) .

Es ist darüber hinaus nicht sinnvoll, nur zwischen Fachtexten und gemeinsprachlichen Texten zu unterscheiden, denn es gibt ein breites Kontinuum an Sprachvarietäten, das sich zwischen den beiden Extremen auffächert. Man spricht besser von Texten mit einem geringeren oder höheren Fachlichkeitsgrad, denn selbst sogenannte Fachtexte bedienen sich zum Großteil des Sprachmaterials aus der Gemeinsprache und sind durch eine kleinere, spezifische Auswahl an Grammatik und Lexik charakterisiert.

2.2 Charakteristika der Textsorte Reiseprospekt

Die Textsorte Reiseprospekt kann primär dem operativen Texttyp zugeordnet werden, denn es handelt sich hier klar um einen Werbetext: Die dominante kommunikative Funktion dieser Textsorte ist es, potenzielle Kunden anzusprechen und sie dazu zu bewegen, die angebotene Reise zu buchen. Solche Texte enthalten aber auch informative Elemente, die für Reisende mehr von Bedeutung sind. Reiseprospekte dienen ihnen als Informationsquelle, die bei der Entscheidung für ein Angebot hilft. Ein Reiseprospekt steht nicht im luftleeren Raum, sondern ist normalerweise Teil eines Textverbundes3 und auch Teil einer „Abfolge von sprachlichen oder nicht-sprachlichen Handlungen“ (Fandrych/Thurmair 2011: 27f). Ein solcher Textverbund kann beispielsweise Werbeplakate, Anmeldeformulare, rechtliche Bedingungen des Reiseveranstalters etc. enthalten.

Die Textsorte hat in Deutschland und in Frankreich einen ähnlichen Stellenwert. In beiden Ländern gibt es große Reiseagenturen, die für die Bevölkerung eine Vielzahl an unterschiedlichen Angeboten bereithalten, welche auch gern ange­nommen werden. Tatsächlich bevorzugen aber mehr Franzosen als Deutsche einen Urlaub im eigenen Land. Etwa 25 % der Reisenden in Deutschland planten 2018 ihren Urlaub von im Schnitt 12,5 Tagen im eigenen Land (Statista 2019). Fast die Hälfte der gebuchten Reisen über fünf Tage waren Pauschalreisen, Tendenz steigend (Statista 2020). In Frankreich sind es laut einer Befragung mit 54 % mehr als doppelt so viele Menschen, die Urlaub im Inland bevorzugen, die Reisen der Franzosen dauern im Schnitt nur ca. 6 Tage (Webseite Globe-Trotting). Auch hier stieg die Zahl der Pauschalreisen im Jahr 2016 um 1,5 % im Vergleich zum Vorjahr (Ministère de l'économie et des finances 2017), neuere Quellen waren nicht auszumachen. Das unterschiedliche Reiseverhalten spielt bei der Textsorte jedoch keine dominante Rolle, denn beide Reiseagenturen bieten Reisen im In- und Ausland an.

Die rechtliche Grundlage für Pauschalreisen ist für beide Länder durch EU-Recht geregelt. Deshalb ist davon auszugehen, dass sich die Texte in der Makrostruktur grundlegend ähneln und die Unterschiede eher im Bereich der Mikrostruktur liegen.

2.3 Rechtlicher Hintergrund

Im Angebot eines Reiseprospekt selbst wird der rechtliche Hintergrund meist nicht explizit erwähnt und maximal in einer Fußnote darauf verwiesen. Entsprechende Regelungen sind normalerweise im hinteren Teil eines Kataloges zu finden. Jeder Kunde geht jedoch mit der Buchung einen Vertrag mit dem Reiseveranstalter ein und bestätigt, dass er die Allgemeinen Geschäftsbedingungen und alle rechtlichen Rah­menbedingungen akzeptiert.

Neben den Bedingungen des Reiseveranstalters gilt die Pauschalreiserichtlinie (EU) 2015/2302 des Europäischen Parlaments und des Rates, die seit dem 1. Juli 2018 in Kraft ist. Diese regelt Verbraucherrechte, schafft Transparenz für Verbraucher und Reiseveranstalter, definiert den Ausdruck „Pauschalreise“ und legt fest, wer Reiseveranstalter ist (BMJV). Es handelt sich um eine aktualisierte Version der Richtlinien 90/314/EWG, 2011/83/EU und der Verordnung (EG) Nr. 2006/2004. Letztere war notwendig, weil im Laufe der Zeit individuelle Pauschalreisen im Internet immer beliebter geworden sind und „viele Kombinationen von Reiseleistungen sich rechtlich gesehen in einer ,Grauzone‘ [befanden]“ bzw. von der vorhergehenden Richtlinie rechtlich nicht erfasst wurden ((EU) 2015/2302: Abs. 2). Reisende müssen nun europaweit durch einheitliche Formulare informiert werden und haben dieselben Rechte, denn in allen EU-Mitgliedsstaaten wurde die Pau­schalreiserichtlinie in das nationale Reiserecht übernommen (BMJV). In Deutschland sind die Verordnungen für Pauschalreisen in BGB Art. 651 und EGBGB Art. 250 festgelegt, in Frankreich durch Artikel L. 211-1 bis L. 232-1 und Artikel R. 211-1ff des Code du Tourisme (economie.gouv.fr).

In der EU-Richtlinie wird in Kapitel 1 Artikel 5 Absatz 1 Unterabsatz 1 Buch­stabe a genau vorgeschrieben, welche Informationen der Reiseveranstalter an seine Kunden geben muss (Text 1 im Anhang), diese sind für die im Rahmen dieser Hausarbeit zu untersuchende Textsorte durchaus relevant.

2.4 Analysemethoden

Um eine homogene Gruppe von Textemittenten zu gewährleisten, wurden aus­schließlich Angebote von geführten Rundreisen durch Reiseveranstalter ausgewählt. Das französische Angebot für eine Rundreise durch Island stammt aus einem Katalog des Reisedienstleisters TUI France4, das deutsche Angebot für eine Rundreise in Südnorwegen aus einem Katalog von Polster & Pohl Reisen5 .

Die Analyse der ausgewählten Texte richtet sich in ihren Grundzügen nach der Vorgehensweise von Christiane Nord (2009). Sie schlägt eine übersichtliche Schritt­folge vor, weshalb sich ihr Modell gut eignet. Die Textanalyse in dieser Hausarbeit wird nach der sogenannten Top-Down -Strategie durchgeführt, dabei erfolgt zuerst die Analyse der textexternen, dann die der textinternen Faktoren. Diese werden aber nicht vollständig isoliert voneinander betrachtet, da sie sich gegenseitig beeinflussen.

Bei den textexternen Faktoren geht es um Aspekte zur Erfüllung der kommunika­tiven Funktion (Nord 2009: 39). Betrachtet werden die Funktion der Texte, Informa­tionen über Textemittenten und -rezipienten und deren (soziale) Beziehung, die Intention der Emittenten, Wissensvoraussetzungen und Erwartungen der Rezipienten und situative Voraussetzungen. Die Analyse für beide Angebote wird parallel durchgeführt, da viele Aspekte vermutlich gleich sind.

Textinterne Faktoren betreffen das „Kommunikationsinstrument Text“ (Nord 2009: 39). In diesem Abschnitt werden Aspekte der Makrostruktur (Aufbau, Meta­sprache, Typographie und nonverbale Elemente) und der Mikrostruktur (Syntax, Lexik, Tempus und Wiederholungen) untersucht6. Dieser Teil der Analyse erfolgt kontrastiv, da hier größere Differenzen zu erwarten sind.

3 Analyse

3.1 Textexterne Faktoren

Die Textemittenten der vorliegenden Reiseprospekte sind der französische Reiseveranstalter TUI France und die deutsche Agentur Polster & Pohl Reisen. Beide sind Reiseveranstalter, die ihr Geld mit Reisedienstleistungen verdienen, ein großer Teil davon sind Pauschalreisen. Die Hauptfunktion von Reiseprospekten ist also Werbung, mit der potenzielle Kunden über das Angebot informiert und zur Buchung einer Reise über ihr Unternehmen bewegt werden sollen.

Der Rezipient konsultiert ein Reiseprospekt, wenn er in den Urlaub fahren und die Reise nicht selbst organisieren will. Gründe dafür können Bequemlichkeit sein oder Angst davor, Verantwortung zu übernehmen, möglicherweise auch mangelnde Informa­tionsquellen. Manchmal sind vorgefertigte Angebote aber auch billiger, als die Komponenten einer Reise einzeln zusammenzustellen. Ein Leser, der auf der Suche nach einer Rundreise ist, möchte vermutlich mehrere Facetten eines Landes kennen lernen und u. U. auf Wanderungen oder Ausflügen sogar körperlich aktiv werden. Es kann vorausgesetzt werden, dass er sich über die geografische Lage und klimatische Bedingungen der beschriebenen Destination informiert hat, denn das sind vermutlich die häufigsten Entscheidungskriterien. Der Rezipient erwartet ein gut strukturiertes Angebot, das ihm alle Informationen bietet, die für seine Entscheidungsfindung relevant sind.

Die Beziehung von Emittent und Rezipient ist durch eine Hierarchie charakterisiert. Betrachtet man nur das Reiseprospekt, erkennt man, dass sich der Rezipient auf einer höheren Ebene befindet, da der Reiseveranstalter auf das Geld seiner Kunden angewiesen ist und diese sich frei für oder gegen ein Angebot entscheiden können. Es muss jedoch angemerkt werden, dass sich die Hierarchie umkehrt, wenn der gesamte Textverbund betrachtet wird, denn es gibt feste Parameter wie Reisedaten, Ablauf und Preise, rechtliche Bedingungen etc., über die nicht mit der Agentur verhandelt werden kann und denen sich der Rezipient unter­zuordnen hat, sobald er sich für ein Angebot entschieden hat.

Die ausgewählten Reiseprospekte werden entweder als PDF über die Internetseite von TUI France unter der Rubrik „Retrouvez nos brochures en ligne“ bzw. über die Internetseite von Polster & Pohl Reisen unter der Rubrik „Unsere Kataloge“ rezipiert, sie können aber auch vor Ort in einer der Filialen in Frankreich bzw. Deutschland in einem Katalog eingesehen werden. Durch die beiden verschiedenen Publikationsformen kann eine größere Gruppe von potenziellen Kunden angesprochen werden. Eine Rezeption des Textes in der Filiale geht außerdem oftmals mit einer Beratung durch das angestellte Fachpersonal einher, sodass die Kommunikation sowohl auf mündlicher als auch auf schriftlicher Ebene stattfindet. Die Reiseprospekte selbst liegen in diesem Fall in schriftlicher Form vor, jedoch

[...]


1 In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

2 Vgl. auch Roelke 2020: 131

3 In einem Textverbund „treten verschiedene Textsorten(exemplare) in strukturierter Anordnung räumlich zusammen auf (und [sind] häufig auf spezifische Weise aufeinander bezogen)“ (Fandrych/Thurmair 2011: 27)

4 „TUI Circuits été 2020: ROUTES D’EUROPE - Voyages sur la Planète Bleue !“

5 „Polster & Pohl Leipzig, Januar 2020 – November 2020“

6 Vgl. Roelke 2020: Kap. 5

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kontrastive Paralleltextanalyse. Textsorte: Reiseprospekt
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Angewandte Linguistik und Translatologiee)
Veranstaltung
Seminar Fachtextlinguistik
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V974154
ISBN (eBook)
9783346327826
ISBN (Buch)
9783346327833
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Reiseprospekte sind nicht im Lieferumfang enthalten
Schlagworte
kontrastive, paralleltextanalyse, textsorte, reiseprospekt
Arbeit zitieren
Alena Zwiener (Autor:in), 2020, Kontrastive Paralleltextanalyse. Textsorte: Reiseprospekt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/974154

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