Die Darstellung der bürgerlichen Frau in Theodor Fontanes "Effi Briest" im Vergleich mit "Madame Bovary" und "Anna Karenina"

Eine vergleichende Analyse der Ehebruchromane


Forschungsarbeit, 2020

96 Seiten, Note: 100

Paloma Vuk (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Patriarchalisches Gesellschaftssystem im 19. Jahrhundert
2.1 Gesellschaftsveränderung
2.2 Frauen- und Männerrollen
2.3 Frauenemanzipation

3 Frauenfiguren
3.1 Effi Briest
3.2 Emma Bovary
3.3 Anna Karenina

4 Frau als Gesellschaftsopfer
4.1 Frauenschuld
4.2 Männerschuld
4.3 Gesellschaftsschuld
4.4 Schicksal oder Schuld

5 Moral und Religion

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

Diese Forschungsarbeit beschäftigt sich mit der Darstellung der bürgerlichen Frau in Theodor Fontanes „Effi Briestˮ im Vergleich mit „Madame Bovaryˮ und „Anna Kareninaˮ. Die vergleichende Analyse der drei bedeutenden realistischen Ehebruchromane versucht, die folgenden Fragen zu beantworten: Wie sahen die gesellschaftliche Situation und die weibliche Position im 19. Jahrhundert aus? Was war charakteristisch für das patriarchalische Gesellschaftssystem dieser Zeit? Wurde die Frau von einem solchen System unterdrückt? War sie sich ihrer Schuld bewusst oder wurde sie als Gesellschaftsopfer betrachtet? Welche moralische und religiöse Deutung der Begriffe Ehe und Ehebruch konnte man bemerken?

Das 19. Jahrhundert wurde von vielen politischen, wirtschaftlich-industriellen, gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozessen bezeichnet: Es kam zur Industrialisierung und Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik, aber auch zur geistigen, wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung des Bürgertums mithilfe des Materiellen, des wachsenden Kapitalismus und der zunehmenden Urbanisierung aufgrund mangelnder Arbeitsplätze auf dem Land. Das Großbürgertum kam dabei zu seiner vollen Pracht. Das Junge Deutschland wollte die radikalen Veränderungen durchführen, aber die Realisten versuchten mit Anpassung, „die Unterdrückung der politischen Emanzipation zu bewältigenˮ (Baumann 1985: 155).

Da die Literatur ebenso vom bürgerlichen Selbstbewusstsein gekennzeichnet wurde, nennt man diese Epoche, die sich zwischen der gescheiterten bürgerlichen Revolution und bis zum Ende der Bismarck-Ära (1848-1980) hinzog, sowohl poetischer als auch bürgerlicher Realismus (vgl. ebd.). Sein Ausgangspunkt war Frankreich als Antwort auf die entstandene Situation nach den Napoleonischen Kriegen und der Juli-Revolution von 1830: Die alten gesellschaftlichen Strukturen hatten sich aufgelöst. Sein Ziel war, die Wirklichkeit möglichst realistisch und objektiv „im Elemente der Kunstˮ widerzuspiegeln und dabei mehr Aufmerksamkeit dem „inneren Kern des Stoffesˮ zu schenken (vgl. ebd.: 156). Dabei sollte der Autor nicht die empirische Wirklichkeit kopieren, sondern die Natur bloß nachahmen und die „reine, von aller Idealität gleichsam entkleidete Natürlichkeitˮ darstellen (Allkemper 2006: 231). Die Kunst sollte „das wesenhaft Schöne der realen Welt von allem Nichtdazugehörendemˮ befreien; d. h. es verklären oder läutern (vgl. ebd.). Die Wahrheit war das einzige ästhetische Kriterium, aber der Autor stellte die Wirklichkeit dar, nicht wie sie war, sondern wie er sie präsentieren wollte: „Das bedeutet, diese Wahrnehmung und ihre literarischen Ausdrucksformen sind stets einer individuellen symbolsprachlichen Prägung durch ihre Autoren unterworfen.ˮ (Luserke-Jaqui 2017: 174) Der Autor gab seinen literarischen Figuren die ihnen im wirklichen Leben entsprechenden Eigenschaften (vgl. Wessels 1972: 164). Die Realisten versuchten, zuerst ein gesellschaftliches Problem darzustellen und dann die Leser zu seiner Lösung anzuregen. Während die deutsche realistische Literatur wenig beachtet worden war, zog die russische in kurzer Zeit eine große Aufmerksamkeit auf sich (vgl. Van Rinsum 1994: 39).

Einige der bedeutendsten Autoren dieser Epoche waren der deutsche Theodor Fontane (1819-1898), der französische Gustave Flaubert (1821-1880) und der russische Leo F. Tolstoi (1828-1910), die mit ihren Ehebruchromanen die Weltliteratur bedeutend beeinflussten.

Theodor Fontanes Roman „Effi Briestˮ (1895), der „wie mit dem Psychographen geschriebenˮ wurde, kann man als Höhe- und Wendepunkt des poetischen Realismus der deutschen Literatur bezeichnen; d. h. der Autor verband kritische Distanz mit der großen schriftstellerischen Eleganz und wurde damit zum bedeutendsten Geburtshelfer des deutschen Gesellschaftsromans (Jolles 1993: 78). Diese Mischung von Respekt und Distanz war für sein Verhältnis zum Adel charakteristisch (vgl. Mommsen 1972: 91). „Dem komischen Roman [Frau Jenny Treibel – Anm. PV] über die Berliner Bourgeoisie folgte der tragische über den preußischen Landadel.ˮ (Van Rinsum 1994: 136) In Fontanes Vergangenheitsroman konnte man bei einigen Figuren die noch heutzutage anwesenden Eigenschaften wie Karrieredenken („so stehst du mit zwanzig da, wo andere mit vierzig stehenˮ), Nationalismus („Ich bin ein Preuße [...] will ein Preuße seinˮ), Intoleranz („Ich bin ,nicht’ für diese drei Ringeˮ), Bedrohung und Bespitzelung („man ist links und rechts umlauert, hinten und vornˮ), Kunst der „Wahlmacheˮ („sich populär machendˮ), Diskrimination („daß einem die Welt so zu istˮ) und Rituale („Opfersteineˮ) bemerken (Aust 1998: 159). Deshalb kann man sagen, dass es sich um einen Zeitroman handelt. Seinem Zeitplan nach erzählte Fontane „das Schicksal zweier faszinierender, nervöser Kunstfiguren, die in ihre Zeit verstrickt sind und dennoch als hochkomplexe Menschen auch heute noch Verstehensrätsel aufgebenˮ (vgl. ebd.). Wahrscheinlich wollte er keine direkte Parallele zwischen Effis Tod und Bismarcks Abgang ziehen (vgl. ebd.: 160). Hinter diesem Werk standen nicht nur eine ergreifende Geschichte und eine intensive Forschung, sondern auch eine in der Literatur selten vollendete Verschmelzung von menschlicher Rührung, kritischer Zeitanalyse und dichterischer Gestaltung (vgl. Grawe 1991: 218). Fontane radikalisierte die bourgeoise Typisierung und veränderte ihre Bedeutung (vgl. Mende 1980: 189). In seinen Romanen konnte man die wahre Natur des Dichters sehen - sein freies, undogmatisches Denken und eine gewisse Souveränität. Er schätzte besonders die Fähigkeit einiger Menschen, über den Dingen zu stehen (vgl. Mommsen 1972: 89). Für ihn bezeichnete Darüberstehen Folgendes: Humor und Lachenkönnen; Spiel mit den Erscheinungen des Lebens; Selbstironie; Souveränität; das Weltmännische; Courtoisie; Freizügigkeit und Vorurteilslosigkeit in politischen, nationalen, weltanschaulichen, religiösen und gesellschaftlichen Fragen. Dabei unterschied er die skeptische Beweglichkeit der Dichter von jener weltläufigen Charakterlosigkeit, „die den Mantel nach jedem Winde drehtˮ (vgl. ebd.: 91-92). Fontane nahm sich die Freiheit, alles von zwei Seiten zu betrachten (vgl. ebd.: 93).

Gustave Flauberts berühmtester Roman „Madame Bovaryˮ (1857) gilt als Musterwerk des Realismus. Flaubert versuchte auf die weniger radikale Weise, die eitle Emotionalität als Produkt der seichten Umgebung darzustellen (vgl. Luserke-Jaqui 2017: 173). Seiner Hauptfigur nach entstand ein bekannter Begriff bovarysme (lat. bovarismus „Rinderˮ), der sich auf die hilflose Sehnsucht der mittelmäßigen Geister zu ihren Höhen bezog - die melancholische Sehnsucht nach Heldentum und Poesie in einem geschlossenen Turm von unerfüllten Wünschen und Ambitionen, Neid und alltäglicher Langeweile. Noch heute bezeichnet er das Gefühl der Nichtzugehörigkeit und die Neigung einer Person, sich ein anderes Leben und Schicksal vorzustellen, um ihrer Realität zu entfliehen (vgl. Šafranek 1972: 106). Flauberts Ziel war, die Form- und Ausdrucksperfektion zu erreichen. Er war ein Fatalist, der „das komplizierte Seelenleben von Durchschnittsmenschenˮ kühl sezierte, ohne innere Anteilnahme zu verraten (Van Rinsum 1994: 37). Er versuchte, „die Banalität des Alltags und die Vergeblichkeit allen Strebens bloßˮ zu stellen (vgl. ebd.).

Leo F. Tolstoi wurde von den deutschen Naturalisten erkannt (vgl. ebd.: 40). In seinem Roman „Anna Kareninaˮ (1877) versuchte er, einen Konflikt zwischen Emotionen und Verstand; d. h. dem Romantischen und dem Realistischen, im ehelichen Leben darzustellen. Seine zahlreichen Werke konnte man als pastoral bezeichnen, d. h. idiosynkratisch. Es handelte sich um art tout court, eine reflektierende und sich ihrer eigenen Funktionen selbstbewusste Literatur (vgl. Bayley 1967: 278). Sie akzeptierte die Konventionen, Figuren und Situationen, ohne überhaupt zu sehen, wie sie uncharakteristisch, ungerahmt und unprofessionell waren. Tolstoi nach bezeichnete das Leben einen Eindruck der ungerahmten Qualität in der alltäglichen Erfahrung (vgl. ebd.). Seine Figuren identifizierten sich vollständig mit ihrer Sichtweise und wurden von ihrem eigenen samodovolnost bezeichnet; d. h. Gefühl von Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit, das ihren Reaktionen eine instinktive Unerwartetheit und Spontaneität verlieh (vgl. ebd.). In seinen Werken nahm der harte Tolstoi die allgemeinen Lebensansichten als kritischen Standard (vgl. Stenbock-Fermor 1975: 11). „Anna Kareninaˮ reflektierte Tolstois Polemik über die realistische Kunst und seine Tendenz nach Mythopoesie. Diese waren zwei Schlüsselelemente seiner ästhetischen Philosophie. In diesem Roman wurde die Thematik der visuellen Darstellung problematisiert, um die ästhetischen Kategorien des Schönen, Gerahmten, Verkörperten und Weiblichen zu kritisieren (vgl. Mandelker 1993: 3-4). Man konnte einen Unterschied zwischen den artifiziellen, selbstbewussten Europäern und den wunderbar unselbstbewussten Russen bemerken. Tolstoi sollte nicht ein selbstreflexiver Künstler sein. In seinen verbotenen, rohen und nicht überzeugenden Episoden, Szenen und Figuren konnte man am besten seinen kontrollierenden künstlerischen Willen bemerken (vgl. Bayley 1967: 279). Er brach seine eigenen Regeln. „Das Erlösungsstück ist voll blutrünstiger Grausamkeit und Rohheit, mündet aber in religiöse Bußfertigkeit.ˮ (Van Rinsum 1994: 40) Tolstoi nahm das Alte als Vorbild. Seiner Meinung nach seien die einfachen Menschen „weise, sie haben Beziehung zum Glauben und zum Unendlichen, sie erkennen Gott im Mitmenschen und wissen, daß auch im Sünder ein göttlicher Geist wirktˮ (vgl. ebd.). „Anna Kareninaˮ ist ein kategorisches Buch. Die alte Literatur nahm an der neuen teil, ohne sich bekannt zu machen: Sie trat ein und blieb auf verschiedene Weisen darin wie Änderung des Magnetfeldes auf der Erde nach einem oberirdischen Ereignis. Aber hier sprach man über ein Erdereignis, das für diese Welt neu war. Die Zeiger, die die Richtung menschlicher Handlungen angaben, änderten auf diese Weise ihre Richtung (vgl. Šklovski 1981: 190).

Die Quelle der Inspiration der drei Romane war ihre damalige Umgebung. Fontane fand seine in einer wahren Ehe-Tragödie, die damals als Skandal- bzw. Klatschgeschichte bezeichnet wurde - im Ehebruch zwischen Armand und Elisabeth von Ardenne (geb. Freiin von Plotho), deren Liebhaber, ein Düsseldorfer Amtsrichter Emil Hartwich, in einem Duell getötet wurde, nachdem ihr Ehemann die Briefe gefunden hatte. Hier kam es auch zur Scheidung und zu Vaters Fürsorgerecht für die Kinder, aber im Gegensatz zu Effi überlebte Elisabeth die gesellschaftlichen Sanktionen und arbeitete als ausgezeichnete Pflegerin in einer großen Heilanstalt (sie starb als fast Hundertjährige), während Armand General wurde. Mit diesen Unterschieden wollte der Autor die wirklichen Personen „nicht zu deutlich hervortreten lassenˮ (Pelster 1997: 68). Er übernahm nur die Haupthandlung und den zeitlichen, politischen und gesellschaftlichen Hintergrund. Neben der Ardenne-Affäre wurde Fontane auch von seiner schwer seelischen Krise und Flauberts „Madame Bovaryˮ inspiriert. Das Schreiben des Romans wirkte auf ihn wie Therapie.

Flaubert fand seine Inspiration in einer Ehe-Tragödie des Arztehepaars aus Ry bei Rouen, Delphine und Eugène Delamare. Delphine, die im Kloster erzogene Tochter eines Landwirts, heiratete auch im Alter von 18 Jahren „einen verwitweten officier de santéˮ, der zuvor mit einer älteren Frau verheiratet war (Degering 2007a, 105). Sie hatte auch eine Tochter, die am Ende waise wurde. Delphine überlebte nicht die Folgen ihres Ehebruchs: Sie verschuldete sich und beging Selbstmord, bevor sie 30 war. Ihr Ehemann, genau wie Charles Bovary, starb ein Jahr danach verarmt. Flauberts Ziel war nicht, die Delamare-Affäre zu kopieren, sondern „seine fiktive Roman-Realität aus verschiedenen Lebens-Realitätenˮ zusammenzusetzen (vgl. ebd.: 106). Die väterliche medizinische Erfahrung war ihm besonders hilfreich. Emmas finanzieller Ruin wurde vom ausschweifenden Lebensstil von Louise Ludovica Pradier inspiriert, der Frau des Bildhauers James Pradier. Die Idee der Vergiftung übernahm Flaubert von der Lafarge-Affäre, während Louise Colet und Elisa Schlésinger als Inspiration für das Weibliche in Emma und ihrer wilden Natur dienten (vgl. ebd.: 107). Flaubert übernahm den Namen Bovary von einem Hotelier in Kairo (vgl. ebd.: 6).

Wie Fontane wurde auch Tolstoi von den französischen Romanen inspiriert, d. h. den klassischen Vorreitern der Liebesromane. Die französische Sprache war damals ein Privileg weniger Menschen, die alphabetisiert waren. In Russland konnte man die französischen Romane schon übersetzt finden, aber für Tolstoi war die Originalsprache von großer Bedeutung (vgl. Šklovski 1981: 191). In Tolstois „Anna Kareninaˮ konnte man eine autobiographische Note bei Ljewin bemerken, der Tolstois Lebensansichten verkörperte. Auf dieselbe Weise reflektierte die Beziehung zwischen Kitty und Ljewin Tolstois Beziehung mit seiner Frau Sofja Andrejewna Tolstaja - Details wie das vergessene Hemd, das ihre Hochzeit verzögerte (vgl. SparkNotes 2002: 1-2). Kittys Charakter ähnelte Sofjas aus mehreren Ansichten: Sofja kochte das Süße, betrieb ein riesiges Anwesen, führte die Herausgabe, verkaufte sowohl Butter und Äpfel aus Jasnaja Poljana als auch Bücher in einer Scheune (Alphabet pro Kilo), vermietete Zimmer an Studenten usw. ohne Rücksicht auf ihre gute finanzielle Situation (vgl. Šklovski 1981: 209). Tolstoi fand seine Inspiration in mehreren familiären Entwicklungen der russischen Oberschicht seiner Zeit und schenkte dabei die Aufmerksamkeit der Darstellung von Moral und gesellschaftlichen Normen. Der soziopolitische Hintergrund entsprach dem 19. Jahrhundert, d. h. der Epoche zwischen den Kriegen, die die sozialen Veränderungen und den westlichen Einfluss auf die konservative Moral bezeichnete (der heftige Kampf zwischen den Liberalen und Konservativen). Eine von solchen Veränderungen waren die Reformen vom russischen Kaiser Alexander II (vgl. Bright Summaries 2016: 14).

Fontane, Flaubert und Tolstoi behandelten ein großes Problem des 19. Jahrhunderts - die unterdrückte Position der Frau im patriarchalischen Gesellschaftssystem, d. h. in der Männerwelt. Sie erzählten nicht von Liebesgeschichten, die mit der Ehe am Ende des Romans ein Happy End versicherten, sondern sie stellten die Ehe als Konflikt und Problem dar. Sie rückten sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Man spricht von den Eheromanen, genauer Ehebruchromanen. Die drei Autoren begannen ihre Erzählung dort, wo sie die meisten Schriftsteller beendeten (vgl. Müller-Seidel 1980: 341-342). Vormals sprach man über Liebe, ohne sich ihrer Bedeutung wirklich bewusst zu sein, die erst in diesen Werken entdeckt wurde - nicht nur die bloße Befriedigung der gesellschaftlichen Normen und Geschlechterrollen, d. h. Zusammenleben vom gegenseitigen Nutzen, sondern auch die Befriedigung der geistigen Sehnsucht. Aber war die Vereinigung der beiden überhaupt möglich? Die Autoren versuchten, Sinn und Geist miteinander zu verbinden, aber ihre Erzählungen hatten kein glückliches Ende. Sie entschieden sich besser, ihre unmoralischen Handlungsträgerinnen für ihre Ehebrüche zu bestrafen und damit nicht nur auf die Moral hinzuweisen, sondern auch die Gerichtsklage zu vermeiden. Ein gutes Beispiel dafür war Flaubert, dessen Werk zuerst wegen seiner Unmoral verboten war. Er wurde verurteilt, „die Religion und die öffentliche Ordnung angegriffen, zur Revolte aufgehetzt zu haben und so weiterˮ (Degering 2007a, 5). Er verteidigte sich, dass er nur auf die wirklichen gesellschaftlichen Probleme hinweisen wollte und dass er alles objektiv beschrieben und zitiert hatte, ohne seine persönliche Ansicht zu äußern. Die Eheromane können auch als Gesellschaftsromane bezeichnet werden. Fontanes Meinung nach hätten die Liebesgeschichten etwas Langweiliges. Er interessierte sich für den „Gesellschaftszustand, das Sittenbildliche, das versteckt und gefährlich Politische, das diese Dinge habenˮ (Pelster 1997: 69). Genau den Gesellschaftszustand konnte man sehen, wenn er die Ehe als Lebensgemeinschaft betrachtete - die Verbindung des Privaten mit dem Gesellschaftlichen. Wenn die persönlichen Bedürfnisse und gesellschaftlichen Erwartungen nicht zugleich befriedigt sein könnten, käme es zu einem offenen Konflikt und zum potenziellen Ehebruch. Friedrich Nietzsches Meinung nach wäre es besser „noch Ehe brechen als Ehe biegen, Ehe lügenˮ (Mende 1980: 183). Zum Ehebruch käme, wenn eine der beiden Personen unzufrieden und unglücklich wäre.

2 Patriarchalisches Gesellschaftssystem im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert kam es zu den bedeutenden klassen- und schichtenspezifischen, aber auch geschlechtsspezifischen Veränderungen als Folgen der Industrialisierung, des zunehmenden Warenaustauschs und Kapitalismus in allen Bereichen. Welche gesellschaftlichen Veränderungen entstanden? Wie funktionierte diese Gesellschaft? Welche Bedeutung implizierte die Ehe? Wie unterschieden sich die Frauen- und Männerrollen darin?

Das Patriarchat konnte man aus zwei verschiedenen, aber miteinander verbundenen Perspektiven betrachten. Aus einer gesellschaftlichen, formalen Perspektive handelte sich um die folgende Hierarchie: Gott - Kaiser oder Staat - Adel oder Junker - Bürgertum - Bauern - Gesellen, Mägde und Landarbeiter; während aus einer familiären, privaten Perspektive: Gott - Mann oder Vater - Frau - Kinder (vgl. Van Rinsum 1994: 23). Gott bezeichnete an der Spitzenstellung den Vater der Menschheit; Kaiser den Vater des Staates oder Volkes; und Adel oder Junker den Vater der Gemeinde.

2.1 Gesellschaftsveränderung

Die wirtschaftlichen Veränderungen beeinflussten auch die gesellschaftlichen: Aus den „königlichenˮ Kaufleuten und Industriemagnaten entstand eine neue Gesellschaftsschicht - Großbürgertum, die keinen eigenen Lebensstil herausbildete, sondern versuchte, mit dem „Kulturverhalten und Repräsentationsgehabe des Adels gleichzuziehenˮ (vgl. ebd.). Die 1848 verpufften bürgerlichen Energien stellten sich in einer neuen, verwandelten Form als Arbeits- und Organisationslust dar. Es kam zur Kapitalisierung des Adels und Feudalisierung der Bourgeoisie. Einerseits brauchte der noch immer mächtige und einflussreiche Adel Geld, um seine Tradition, seinen Titel und Rang „wie dem kostspieligen Kodex der Etiketteˮ beizubehalten (Mende 1980: 187). Anderseits hatte die Bourgeoisie Geld, aber kein soziales Prestige. Die Lösung der beiden Situationen lag einfach in der Verbindung der zwei Gesellschaftsklassen, d. h. in Ehe. Auf diese Weise konnten sowohl die ökonomischen als auch die sozialen Interessen beider Klassen befriedigt werden. Aber diese Kreuzung aus dem nackten Interesse („ Warenfetischismusˮ nach Karl Marx) hinterließ einen negativen Einfluss auf die menschlichen Beziehungen: Es gab kein anderes (besonders kein emotionelles) Band zwischen ihnen und die persönliche Würde wurde dabei aufgelöst (vgl. ebd.). Diese Interessen konnten einerseits Schönheit und Jugendlichkeit, anderseits Adelstitel und verquickte Erhöhung der gesellschaftlichen Position sein. Infolgedessen wunderten die unglücklichen Ehen überhaupt nicht, weil es keine Liebe darin gab. Es gab nur eine falsche Vorstellung von Liebe, weil ihr wahrer Charakter nicht so deutlich war. Die Konventionsehen wurden als bloße Geldgeschäfte geschlossen, was charakteristisch für die Zeit Bismarcks war. Dann war ein „mit parlamentarischen Formen verbrämter, mit feudalem Beisatz vermischter, schon von der Bourgeoisie beeinflußter, bürokratisch gezimmerter, polizeilich gehüteter Militärdespotismusˮ (Marx) aktuell (vgl. ebd.: 184). Die Gesetze repräsentierten die verrechtlichten Interessen der jeweils Herrschenden, aber damit wurden nicht die möglichen Kompromisse mit den Beherrschten ausgeschlossen (vgl. ebd.). Die Frau wurde dabei doppelt bestraft: Neben den schädlichen Folgen des Kapitalismus wurde sie auch von den übermacht patriarchalischen Bedingungen und Zwängen unterdrückt. Die Ehe wurde als Versorgungsanstalt betrachtet: Sobald die Frau in ein bestimmtes Alter kam, versuchte sie, einen Mann zu finden, um die „Etikette der alten Jungferˮ zu vermeiden (vgl. ebd.: 188). So heirateten manche von ihnen, nur weil sie sich nicht auf eine andere Weise verwirklichen konnten und weil das von ihnen erwartet wurde. Die arrangierten Ehen gingen langsam aus der Mode, aber immer noch beeinflussten die Eltern diese wichtige Entscheidung. Das ließ sich am besten in diesen drei Romanen sehen.

Effi heiratete den 20 Jahren älteren Mann, nur weil er die Kriterien ihrer Eltern befriedigte: [...] wenn du nicht ,nein’ sagst [...] , so stehst du mit zwanzig Jahren da, wo andere mit vierzig stehen. Du wirst deine Mama weit überholen.ˮ (Fontane 2005: 17) Sie wusste nichts über Leben, Liebe und Ehe, weil sie noch ein Kind war. Sie wurde mit einer falschen Perzeption vom Richtigen erzogen: „Gewiss ist er der Richtige. [...] Jeder ist der Richtige. Natürlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben und gut aussehen.ˮ (vgl. ebd.: 19) Effi behauptete, dass Liebe die Bedeutendste dabei sein sollte: „Liebe kommt zuerst, aber gleich hinterher kommt Glanz und Ehre, und dann kommt Zerstreuung [...] . Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.ˮ (vgl. ebd.: 30) Aber sie konnte nicht jemanden wirklich lieben, den sie überhaupt nicht kannte. Auf diese Weise übernahm das Materielle bei der Verlobung die Hauptrolle.

Emma erfüllte sowohl Vaters Wunsch, seine einzige Tochter zu verheiraten, als auch ihr eigenes Ziel, aus Les Bertaux wegzugehen. Sie träumte über Paris, Prestige, Glanz und Geld; so sah sie im Arzt eine gute Möglichkeit, ihre Wünsche und Träume zu realisieren. Sie verliebte sich in ihn nicht, weil er nicht ihren romantischen und leidenschaftlichen Romanhelden entsprach: „Doch Emma, die lieber einen Roman-Helden zum Mann hätte (150 Jahre später würde sie einen Pop- oder Filmstar haben wollen) und in der Trostlosigkeit des Dorflebens und ihres passiven Daseins halb krank wird [...] (Degering 2007b, 35) Ihre Faszination mit den Büchern konnte sich heute mit der Faszination der Jugend mit Filmen und Fernsehen vergleichen (vgl. Čačinovič 2000: 171). Nachdem sie erfunden hatte, dass Charles zu passiv und primitiv für einen solchen Lebensstil war, begann sie ihn zu hassen, weil er alle ihre unerfüllten Phantasien darstellte. Ihr fehlten nicht die Zärtlichkeiten und Liebe, nach welchen sich Effi sehnte, sondern das, was eigentlich Effi hatte - Prestige, Pracht und Ehre. Es stellt sich die Frage, ob diese Frauen wirklich wussten, was sie vom Leben wollten.

Am Anfang des Romans war Anna schon mit dem wesentlich älteren Karenin verheiratet, bei welcher Entscheidung sie als eine junge Frau manipuliert wurde. Sie dachte, dass sie in einer solchen Konventionsehe glücklich wäre, weil sie sich ihrer eigenen Möglichkeiten unbewusst war. Karenin war ein 20 Jahren älterer Mann mit seltsamen Gewohnheiten und komischem Aussehen: Schon im Konzept hatte er die Falten und rote Flecken im Gesicht, er schlürfte beim Trinken und war von der Welt ausgeschlossen; d.h. Tolstoi erhob ihn über die Welt. Sein Auftreten erforderte eine bevormundende Aufmerksamkeit (vgl. Šklovski 1981: 204). Die ganze Zeit hatte Anna die falsche Vorstellung von Liebe. Erst nachdem sie Wronski kennengelernt hatte, lernte sie ihre wahre Bedeutung.

Eine andere Figur in „Anna Kareninaˮ, Kitty Schtscherbazkaja, stellte eine wahre Reflexion der aristokratischen Ehetradition: Die Schtscherbazkijs waren eine wohlhabende Familie gewesen, bis der alte Fürst ihr Eigentum ausgab und damit seine Familie verarmte. Ihr verschwenderisches Leben in Moskau ging über ihre materiellen Möglichkeiten hinaus. Anstatt eine Stadt zu finden, die ihren finanziellen Möglichkeiten angepasst war, entschieden sie sich, in Moskau zu bleiben, weil da die besonderen Ereignisse für die zukünftigen Junggesellinnen organisiert wurden (vgl. ebd.: 198). Die Mutter dieser Familie war Familienoberhaupt: Sie sorgte dafür, dass ihre Kinder sowohl Französisch als auch Englisch lernten und dass sich ihre Töchter der Gesellschaft vorstellten (vgl. ebd.). Sie als eine ältere Frau wusste nicht, auf welche Weise ihre Töchter zu verheiraten. Sie war sich der Bräuche anderer Länder und Kulturen bewusst: In Frankreich bestimmte die Frau selbst sein eigenes Schicksal, in England waren die Eltern dafür verantwortlich, während in Moskau wegen vieler Veränderungen die Situation undefiniert war (vgl. ebd.: 206). Sie zog ihren Töchter lange Kleider an, um die intakte Schönheit ihrer kleinen Beine zu bewahren, obwohl Kittys Rock ihre Beine nicht ganz verdeckte. Kittys Weggehen verursachte die gleichen Ängste, umgestürzte Gedanken und ausgegebenes Geld wie das der älteren Töchter, aber auch noch größere Konflikte zwischen dem Fürst und der Fürstin Schtscherbazkijs (vgl. ebd.: 198). Zuerst verliebte sich Kitty in Wronski, so entschied sie sich, die mütterlichen Wünsche zu erfüllen und Ljewins Heiratsantrag abzulehnen (vgl. ebd.: 196). Wenn sie ihn erst mal abgelehnt hatte, gab sie ihm eine seltsame Ausrede dafür, dass das unmöglich wäre; d. h. dass ihr Schicksal bereits entschieden und zu einem anderen geneigt würde (vgl. ebd.: 203). Ljewin hatte kein Titel und Beruf, die ihrem Hintergrund entsprachen (vgl. ebd.: 196). Obwohl er ein großes Landgut hatte, war er kein Kammerjunker und Oberst; während Wronski ein typischer Romanheld war - ziemlich reich, mit einem guten Stammbaum und Titel, süß und charmant (vgl. ebd.: 196-197). Mit anderen Worten bevorzugte die Fürstin Schtscherbazkaja für ihre Tochter den schneidigen Wronski anstatt des soliden Ljewin; während der Fürst nicht fähig war, einen Schuft überhaupt zu erkennen, obwohl er die zwanglose, hablassende Haltung zu den Frauen in einer Diskussion über die delikate Frauenproblematik bei Stiwa Oblonskis Abendessen äußerte (vgl. Greene 1977: 110). Die Fürstin Schtscherbazkaja missinterpretierte die Ankunft von Wronskis Mutter: Sie dachte, dass sie käme, um die neue Braut (Kitty) zu sehen. Nachdem sie herausgefunden hatte, dass Wronski in Anna verliebt war und überhaupt keine Absicht hatte, sie zu heiraten, war Kitty enttäuscht, zweifelte an der moralischen Reinheit und erkrankte (vgl. Šklovski 1981: 199). Später ließ sich bemerken, dass diese Erkenntnis die beste Lösung für sie war: Auf diese Weise vermied sie eine unglückliche Ehe, aber auch den potenziellen Ehebruch. Damit bekam sie eine neue Möglichkeit, ihre wahre Liebe zu finden und ihr Glück zu erreichen. Dolly Oblonskaja, ihre Schwester und Annas Schwägerin, hatte kein solches Glück. Das Unglück ihrer Ehe basierte sich (im Gegensatz zu der der Ehebrecherinnen) auf der Untreue ihres Ehemannes. Zuerst war Oblonski eine gute Gelegenheit, aber mit der Zeit gab er sein Eigentum aus (vgl. ebd.: 198). Über die andere Schwester, Natalia Alexandrowna Schtscherbazkaja (verh. Ljwowa), gab es im Roman überhaupt nicht viel, so konnten die Leser nicht viel über ihr Leben entdecken (vgl. ebd.: 199).

Aus den gegebenen Beispielen kann man das Folgende schließen: „Die Ehe ist die Wette, das ganze Glück durch einen Kompromiss zu bekommen.ˮ (Matz 2015: 12) Tolstoi äußerte seine Meinung darüber: „Zusammenfinden ist nicht schwer, das Zusammenbleiben jedoch das eigentliche Problem.ˮ (vgl. ebd.: 10) Genau dabei spielt der Kompromiss eine Hauptrolle. In seiner Antwort zu Turgenjew verglich Tolstoi die Ehe mit dem Essen eines Menschen, der zwei oder mehrere Mittagessen auf einmal essen möchte: Derjenige, der zwei oder drei Partner heiraten möchte, würde am Ende ohne irgendeinen bleiben (vgl. Šklovski 1981: 191). Damit kam man zum Begriff Polygamie, der ein ganz neues Bewusstsein, aber auch eine ausarbeitete hierarchische Struktur mitbrachte. Trotz enger Blutsverwandtschaft führten solche Beziehungen zu kälteren familiären Beziehungen (vgl. ebd.: 192). Die gegenseitige Unterstützung und Zustimmung der Eltern waren für Kinder notwendig. Tolstoi glaubte, dass das Konzept der Familie und ihrer Tätigkeit unverändert bleiben werde (vgl. ebd.: 191). Kinder und Familien existierten immer noch, aber ihre Bedeutung veränderte sich durch die Zeit (vgl.: 191-192).

2.2 Frauen- und Männerrollen

Es ließe sich sagen, dass in der menschlichen Natur nichts Natürliches war, weil der Mensch das Produkt der gesellschaftlichen Konventionen war. Auf diese Weise kam es zur Geschlechterungleichheit. George Eliots Meinung nach gäbe es keinen fiktiven (besonders bürgerlichen) Menschen, der so stark wäre, sodass er von seiner Umgebung überhaupt nicht beeinflusst werden würde. Das galt häufiger für Männer als Frauen, aber die beiden Geschlechter versuchten, die traditionellen Vorstellungen von der weiblichen Natur zu erhalten (vgl. Greene 1977: 107). Simone de Beauvoirs Meinung nach wäre es für irgendwelches Wesen qualvoll, die Verantwortung für sein eigenes Schicksal zu übernehmen. Da die Frau eine untergeordnete Stellung nahm, wurde sie gezwungen, solche Verantwortung aufzugeben. In ihrem Werk „Das andere Geschlechtˮ (1949) vertrat sie die weibliche Stellung in der Gesellschaft, weil die Frau ihr Geschlecht bei der Geburt nicht wählen konnte. Sie wurde nicht von den biologischen, psychologischen oder ökonomischen Faktoren, sondern von der Zivilisation als Ganzes determiniert (vgl. ebd.). Sie entstand im Laufe der Zeit, d. h. die Weiblichkeit wurde als soziale Konstruktion betrachtet. Das Stigma, das mit diesem Begriff kam, war sowohl unbestreitbar als auch selbstverständlich (vgl. Čačinovič 2000: 7). Ernst Albert Cassirers Philosophie der symbolischen Formen nach würde der Mensch als symbolisches Tier betrachtet, das nicht von den erblich bedingten Informationen, sondern von der symbolischen Vermittlung unserer Existenz abhinge (vgl. ebd.). Man konnte die bestimmten Merkmale als weiblich bezeichnen, die eine Frau repräsentierten und dem Mann als autonomes Wesen untergeordnet machten, die aber nicht mehr so inhärent waren. Die Frau sollte als Produkt eines langen Prozesses des Lernens und der Tradition, d. h. eines ganzen Komplexes von Annahmen und Erwartungen, die sie in diese passive, instinktive, emotionale, intellektuell unterentwickelte und als selbstbestimmend funktionelles Individuum verkrüppelte Frau verwandelten, betrachtet werden (vgl. Greene 1977: 107-108). Anderseits zeigte Stendhal eine andere Ansicht der Frauen durch eine Analogie mit Bäumen: Ein Mann, der durch Versailles’ Garten ging, beschloss, dass die Bäume schon getrimmt und fertig wuchsen (vgl. ebd.: 108).

Immanuel Kant teilte eine interessante Ansicht über die Geschlechtsunterschiede mit: „Wenn den Männern die ,Herrschaft’ im Hause zusteht, so kommt der Frau die ,Regierung’ zu; ist der Ehemann Präsident von der Haus-Justiz, so ist sie Polizei-Präsident.ˮ (Müller-Seidel 1980: 336) In der Ehe ist es wichtig, dass es zur Gleichheit der beiden Partner kommt. Aber war im 19. Jahrhundert die Geschlechtergleichheit überhaupt möglich? Nicht völlig. Und wenn es zur Ungleichheit zwischen Partnern kam, konnte einer leicht über den anderen seine Dominanz zeigen. Meistens fand sich die Frau in dieser untergeordneten Stellung. Bevor sich ihre gesellschaftliche Stellung verbesserte, war die Frau für die Führung des Hauswesens verantwortlich. Sie teilte Wohnsitz sowie Namen und Stand ihres Mannes. Es war ihr nicht erlaubt, die größeren Entscheidungen ohne ihn zu treffen - ein selbstständiges Gewerbe zu betreiben, sich zu außerhäuslichen Diensten zu verpflichten, Prozesse zu führen und Rechtsgeschäfte abzuschließen (vgl. Mende 1980: 185). Die Taten ihres Mannes konnten leicht unbestraft bleiben, weil er ihr Rechtspfleger war. Noch eine ihre Verantwortung war die Kindererziehung. „Eine gesunde Mutter ist ihr Kind selbst zu säugen verpflichtetˮ, aber nur solange das der Vater erlaubte (vgl. ebd.). Alle diese Einzelheiten konnten vom Mann verändert werden. Er hatte das letzte Wort. Sein Tätigkeitsbereich war nicht so beschränkt wie weiblicher. Es war ihm erlaubt, auch ihre Briefschaften zu öffnen und lesen. Als ein wirkliches Hausoberhaupt brachte er alle wichtigen Entscheidungen über seine Familie: Er bestimmte die religiöse Erziehung der Kinder und entschied über ihre Zukunft. Er konnte sein Kind ab vier Jahren ohne mütterliche Zustimmung in eine Erziehungsanstalt bringen, aber auch über seine Berufswahl entscheiden. „Töchter werden von der familiären Autorität des Vaters erst ,frei’, wenn sie heiraten, die Unverheirateten erst durch seinen Tod.ˮ (vgl. ebd.) Solche weibliche Position konnte man mit der der spartanischen Frau vergleichen, die im Gegensatz dazu aufgrund der Abwesenheit ihres Ehemannes ziemlich unabhängig war. Aber der Mann nahm die Entscheidung, ob ihr neugeborenes Kind ein Familienmitglied werden wird oder nicht. Vor Sparta gab es die Geschichten, die Ödipus' Geburt ähnelten, wenn die Eltern auf ihr Kind verzichten konnten und wenn es dann den Verwandten gehörte (vgl. Šklovski 1981: 192).

Einige Autoren versuchten, Ehe und Liebe zu vereinen und damit die gesellschaftliche Stellung der Frau zu verbessern: „Liebe des Mannes sollte die Grundlage der Ehe seyn, und diese Liebe sollte die des Weibes erwecken [...] Eine Ehe ohne Liebe kann also nicht glücklich seyn.ˮ (Müller-Seidel 1980: 336) Für eine Frau waren Liebe und Arbeit notwendig, auch wenn diese Verbindung trivial klang. Damit könnte man eine ideale Konzeption von Identität erreichen, die aufgehoben war. Die Beziehung zwischen Liebe und Arbeit sollte ausbalanciert sein, während die Reihenfolge dabei feststehen sollte. Die Kombination von Sexualbejahung und entfremdeter Arbeit verhinderte sowohl die Identitätsausbildung als auch Sexualverdrängung bei nicht entfremdeter Arbeit (vgl. Mende 1980: 184).

Tolstois Meinung nach sollte die Frau eine Unterstützung ihrem Mann sein. Ihre Arbeit und Ausbildung sollten nicht ihre häuslichen und familiären Pflichten behindern. Tolstoi wurde als Frauenfeind (Sexist, Misogyn) bezeichnet, weil er häufig die männlichen von weiblichen Pflichten trennte (vgl. Mandelker 1993: 15-34). Das konnte man auch in seinen Werken bemerken, obwohl er hervorhob, dass es notwendig wäre, ein Gleichgewicht im Leben zu erhalten und dass die allgemeinen gesellschaftlichen Regeln den Individuellen angepasst werden müssten. Er hob die Schönheit des mütterlichen Lebens hervor: Für ihn war die Mutterschaft schwieriger als irgendwelche männliche Berufstätigkeit. Tolstois verwirrende Haltung über die veränderten Ehebräuche konnte man in der Ansicht von Kittys Mutter sehen. Das Ideal von Zuhause und Familie setzte sich gegen gesellschaftliche Verwirrungen als Bollwerk. Seiner idealen Vorstellung der Frau nach könnte sie ihr Glück nur mit Kindererziehung, Hausführung, männlicher Zufriedenheit und diskreter Anwesenheit erreichen; d. h. sie sollte erscheinen, nur wenn das von ihr erwartet würde, und dem Mann nicht auf dem Weg stehen. Tolstoi war nicht fähig, die Frau auf dieselbe Weise wie den Mann zu verstehen und als unabhängiges Wesen anzuerkennen (vgl. Greene 1977: 113). Seine Perzeption der Frauennatur wurde vom männlichen Bedürfnis definiert und als solche verurteilt, weil ihr menschlicher Status und ihre Existenz als individuelles Lebewesen verneint wurden (vgl. ebd.: 113-114). Tolstoi sah im Tod ihre endliche Befreiung von einer schrecklichen Atmosphäre, worin sie sich fand. Infolgedessen bot er einen gutartigen Ratschlag als Lösung für die Frauenproblematik an, denselben wie für die Gesellschaftsproblematik: Die Ehemänner sollten zu ihren Frauen freundlicher sein. Im Roman wurde die Dysfunktionalität dieses Ideals schon erwiesen (vgl. ebd.: 117).

Die gesellschaftliche Stellung eines Mannes wurde von den verschiedenen Faktoren bezeichnet - Beruf, Leben, Verstand und Liebe. In „Anna Kareninaˮ ließ sich bemerken, dass die gleichen Prinzipien, die den männlichen Charakter bildeten, auch auf den weiblichen angewandt wurden. Infolgedessen konnte man sagen, dass die Frau auch von ihrer Tätigkeit definiert wurde: Sie lebte nach den bestimmten, ihr zugeteilten Funktionen, die von der Gesellschaft erwartet und impliziert wurden. Deshalb fiel ihr dieses Gewicht schwerer als dem Mann, das des sozialen Drucks (vgl. ebd.: 109). Auf diese Weise verhinderte Dollys Tätigkeit ihre persönliche Entwicklung, aber Tolstoi tolerierte es, weil er Empathie für ihre Notlage zeigte. Bei Oblonskis Abendessen, wenn es zur Diskussion über Frauenproblematik kam, konnte der Leser die Verbindung zwischen Peszows Ansichten und Dollys Elend sehen. Dolly war eine wahre Tochter ihrer Eltern: Sie selbst sprach über die Beschränktheit, mit der sie erzogen wurde und aufgrund welcher sie wirklich glaubte, dass sie die einzige Frau in Oblonskis Leben wäre. Mit dem Alter veränderte sich ihre Qualität, nachdem sie nicht mehr als sexuelles Wesen betrachtet worden war: Sie wuchs in eine ausgezeichnete, aber müde Mutter; d. h. in eine nicht so junge und bemerkenswerte, sondern gewöhnliche Frau. Obwohl Oblonski nur ein Jahr älter als sie war, wandte er sich den jüngeren Frauen zu. Simone de Beauvoir bezeichnete Dolly als Opfer des Reproduktionszyklus (vgl. ebd.: 110-111). Peszows Meinung nach würden die Frau und ihre Stellung in der Gesellschaft von ihrer Ausbildung und Erziehung definiert; d. h. wäre sie unter anderen Beziehungen erzogen, wäre sie für eine andere gesellschaftliche Funktion fähig. Ihn ärgerte die unfaire Doppelmoral (vgl. ebd.).

Die Ehebrecherinnen wurden für ihre Taten schwer verurteilt und von der Gesellschaft verachtet, während die gleichen bei den Ehebrechern ignoriert wurden (bei Stiwa Oblonski) (vgl. ebd.). „Ein untreuer Ehemann bleibt trotzdem ein Ehemann, eine untreue Ehefrau aber bleibt gar nichts.ˮ (Matz 2015: 46) Mit dem Ehebruch riskierte ein Ehemann nur Zank und Streit, während für eine Ehefrau er ein Spiel ums Ganze, um Leben und Tod, bezeichnete. Sie riskierte damit, ihre ganze Existenz zu verlieren (vgl. ebd.: 47). Die eheliche Treue bei Männern nahm einen künstlichen Charakter, während sie bei Frauen natürlich war. Deshalb wurde der Ehebruch, sowohl objektiv als auch subjektiv, den Frauen schwerer zu vergeben als Männern. Schopenhauer, Tolstois großes Vorbild, hielt die Meinung über die Notwendigkeit der männlichen Treue für unnatürlich. Tolstois Worten nach wäre die menschliche Hauptrolle in der Familie die Vermehrung, während die Notwendigkeit von Magdalenas Erscheinung mit den Komplikationen von Lebensformen verbunden würde, und nicht mit den Prinzipien der Monogamie (vgl. Šklovski 1981: 193). Diese Doppelmoral ließ sich sowohl bei Wronski als auch bei der Gesellschaft bemerken: Bevor Wronski seine Affäre mit Anna begann, rechtfertigte und tolerierte er die Lügen zu den Frauen und kritisierte und beurteilte die zu den Männern. Die weibliche Unterdrückung ließ sich in unterschiedlichen Fällen sehen: Ein Beispiel davon waren Wronskis räuberischer Flirt mit Kitty und die zwanglose und gefühllose Missachtung vom gütigen Fürsten (vgl. Greene 1977: 111). Tolstoi wollte nicht ins Detail über die Frauenproblematik gehen, sondern nur oberflächlich. Auf diese Weise entschied er sich, nicht seine Empathie zu zeigen, wo sie am nötigsten wäre: Anna wurde tragisch verurteilt, während Ljewin eine Möglichkeit hatte, den Lebenssinn zu finden und vor allem zu leben. Er zeigte ein besseres Verständnis des Mannes, so milderte er für ihn die Folgen der gesellschaftlichen Konventionen. Die Frau war Ehefrau und Mutter und als solche hatte sie nur eine Funktion in ihrem Leben - die Sorge für ihre oder eine andere Familie zu übernehmen (Warjenkas Ehelosigkeit). Kitty verstand sehr gut die Erniedrigung einer solchen Position und sprach mit Ljewin darüber (vgl. ebd.). Tolstoi erfand Empathie für Warjenkas schweres Leben und akzeptierte ihre gesellschaftliche und moralische Determination. Er bezeichnete die Frau als eine besondere Art von Lebewesen, die einerseits vergöttert und anderseits als instinktiv und näher am Tier, aber nie als ganz Mensch dargestellt wurde. Sie war schwer zu verstehen, weil ihre Innenwelt kaum sichtbar war und weil ihre Gedanken sich nur auf ihre Familie bezogen. Nur einmal im Roman wurde die philosophische Ansicht einer Frau über etwas Allgemeineres dargestellt - Annas vernichtende Äußerungen am Ende. Tolstoi dachte, dass solche Äußerungen missverstanden werden könnten. Ljewins Unterstützung von Kosnyschews Haltung über Frauenproblematik war nicht ironisch, sondern im Gegensatz zu der Tolstois: Auch seiner Meinung nach sollte die Frau nicht als Frau, sondern als Lebewesen betrachten werden (vgl. ebd.).

2.3 Frauenemanzipation

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kennzeichneten die Frauenkämpfe für ihre Rechte. Den Begriff Emanzipation verband man mit den revolutionären und liberalen Ideologien. Die bürgerliche Moral blieb intakt. Als die daraus entstandene Folge verstummten der Ruf der Jungdeutschen nach freier Liebe und die familienfeindlichen Tendenzen des Frühsozialismus und Marxismus (vgl. Van Rinsum 1994: 25). Die unverheirateten Frauen der Mittelschicht fanden sich in einer problematischen Position: Da es für sie in den städtischen Haushaltungen auf die Dauer keinen Platz gab, mussten sie in kümmerlichen Abhängigkeitsverhältnissen leben (vgl. ebd.: 25-26). Frauenarbeit auf dem Land und in der Fabrik war für sie von großer, existenzieller Bedeutung, um ihre Selbstständigkeit zu erreichen. Die unverheirateten Frauen, die berufstätig waren, waren „zumeist kulturell aufnahmefähigˮ und lasen viel (vgl. ebd.: 26). Wegen „ihrer mangelnden Lesefähigkeit und ihrer Arbeitslastˮ waren die proletarischen Mädchen und Frauen aus dem Land und der Stadt „in der Dichtung nicht festgehaltenˮ (vgl. ebd.). Die Begriffe Liebe und Arbeit bezeichneten sowohl die bürgerliche als auch proletarische Frauenbewegung. 1865 entstand der „Allgemeine deutsche Frauenvereinˮ (vgl. ebd.). Mit der bürgerlichen Frauenbewegung verlangten die Frauen das Folgende:

„gleiches Recht der Schließung, Gestaltung und Scheidung der Ehe; Verfügungsrecht über die Kinder für Mann und Frau; eine einheitliche sexuelle Moral für beide Geschlechter; freies Verfügungsrecht der Frau über ihr Vermögen, ihr Einkommen, ihr Verdienst; gesicherte Freiheit der Berufsbildung und Berufstätigkeit; gleiches Recht der Bewegungs- und Betätigungsfreiheit der Frauen mit den Männern auf allen Gebieten des sozialen Lebens; volle politische Gleichberechtigung im Staat und in seinen Organen und anderes mehr.ˮ (Mende 1980: 185)

Sie wollten ihre Bildungs- und Berufsmöglichkeiten und das Familienrecht verbessern, die Mädchenerziehung aufbauen und den Frauen die Möglichkeit des Erwerbslebens ermöglichen. Die typisch weiblichen Berufe waren Lehrerin und später Krankenschwester. Sie unterstützten die Gleichberechtigung innerhalb der Klassen und verurteilten die „Klassensklavereiˮ (vgl. ebd.). Nur eine revolutionäre Arbeiterbewegung konnte den Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital lösen. Auf diese Weise kam es zu den Forderungen der bürgerlichen Frauenbewegung. In „Die Frau und der Sozialismusˮ (1879) sprach August Bebel über „die Frau als Geschlechtswesen, die moderne Ehe, Zerrüttung der Familie, die Ehe als Versorgungsanstalt, die Erwerbsstellung der Frau, der Kampf um die Bildungˮ (vgl. ebd.: 185-186).

Arbeit hatte hier auch eine identitätsstiftende Funktion und war ein wichtiges Komplement zur sexuellen Identität. „Voraussetzung eigener Erwerbstätigkeit wird Bildung in Form von Ausbildung.ˮ (vgl. ebd.: 203) Frauen erlernten meistens keinen Beruf, weil sie erst mit 19 Jahren zur Prüfung für Volks-, Höhere und Mittlere Mädchenschulen zugelassen wurden, als einige von ihnen schon verheiratet waren: Effi heiratete mit 17, während Emma und Anna im Alter von 18 Jahren. Die Frauen, die keine Berufsausbildung hatten, engagierten sich im Bereich von Musik und Fremdsprachen, so war Berlin von Sprach- und Klavierlehrerinnen überschwemmt. Alle drei Ehebrecherinnen konnten Klavier spielen. Emma nahm auch die Klavierstunden bei einer Klavierlehrerin, was nur als Paravent für ihre außereheliche Affäre diente (wie Effis vom Arzt verschriebene Spaziergänge). Trotz der beschränkten Arbeitsmöglichkeiten der Frauen bezeichnete ihre berufliche Tätigkeit für sie ein neues Leben. Wenn sie zufrieden waren, war auch die Ehe glücklich. Viele von ihnen konnten sich nicht innerhalb dieser beschränkten Möglichkeiten finden und verwirklichen. Die wachsende Anzahl von Industriearbeiterinnen verursachte unterschiedliche Ansichten. Einerseits erreichte die Frau ihre funktionale und ökonomische als auch gesellschaftliche Selbstständigkeit; aber anderseits wurde ihre Teilnahme am Erwerbsleben als Lohnsenkung der Männer, Zerfall der Familie, Verlust mütterlicher Fürsorge für Kinder und Doppelbelastung der Frau durch Betrug und Haushalt betrachtet. „Nicht Arbeitˮ sollte nicht als „Freiheit und Glückˮ verstanden sein, während Arbeit im Gegensatz dazu nicht als „äußere Zwangsarbeitˮ bezeichnet werden sollte (vgl. ebd.: 203-205). Arbeit diente zur Selbstverwirklichung und Vergegenständlichung des Subjekts und stellte als solche die reale Freiheit dar. Genau die persönliche Identität basierte sich auf ihrer Aktivität. Der Leidensprung bei Frauen schärfte ihr Bewusstsein.

Der Begriff soziale Konstruktion implizierte sowohl den Prozess als auch das Produkt dieses Prozesses. Auch in den neutralsten Situationen schloss er die Möglichkeit eines anderen Ergebnisses nicht aus. Im Laufe der Zeit wurde dieses Stigma in einem äußerst kritischen Kontext verwendet: Sozial konstruiert waren jene Phänomene, die dekonstruiert, d. h. entdeckt, werden mussten (vgl. Čačinovič 2000: 8). Eine solche Radikalität führte zu den äußerst naiven Erwartungen, dass die entdeckten, dekonstruierten Dinge aussterben würden. Bei den Erwartungen feministischer Aktivisten implizierte das, dass mit der Widerlegung der Geschlechterstereotype (wie ewige Natur der Weiblichkeit) ihre Macht aufgehoben sein werde. In diesem Fall wäre eine geschlechtsspezifische Perspektive in der Wissenschaft überhaupt nicht erforderlich, sondern es wäre eine allgemeine wissenschaftliche Überwindung von entstandenen Vorurteilen und Stereotypen genug (vgl. ebd.). Aber die Situation sah jedoch anders aus: Die wissenschaftlichen Untersuchungen bewiesen sowohl die Komplexität dieser Problematik, der Frage nach der dispersiv reproduzierten Macht und der Bedeutungsproduktion (der schon bekannten symbolischen Struktur menschlicher Existenz), als auch die menschliche Abhängigkeit von Rede und Symbolen (vgl. ebd.). Anthropologen wiesen auf die Unterschiedlichkeit der Geschlechterkonstruktionen in verschiedenen Kulturen hin, aber auch auf die binäre Opposition des weiblichen und männlichen Kernmodells von Gemeinschaftsorganisation. Die offensichtliche Asymmetrie des männlichen und weiblichen Anteils in öffentlichen Angelegenheiten und in der Kultur stellte nicht nur ein weibliches Problem dar, sondern ein Problem der ganzen Genderperspektive in der Wissenschaft sowohl früher als auch heute (vgl. ebd.). Ohne sie wurden immer noch die illusorische Reproduktion universeller Bedeutung und die Unvermeidlichkeit der Beziehungen, Institutionen und konzeptueller Konstruktionen ermöglicht, die zu diesen Asymmetrien führten (vgl. ebd.). Wie in anderen wissenschaftlichen Bereichen war viel davon bestreitbar. Das Wichtigste war, einen Fortstritt in der Erkenntnis zu machen.

Judith Butler verneinte die Unterscheidung zwischen Geschlechtsidentität und sexueller Identität, wo die letztere auf der unbestreitbaren ersten aufgebaut wurde. Sie bezeichnete auch das Geschlecht als sozial konstruiert, sie verneinte einen vor-diskursiven, reinen Zustand vor der Ernennung, d. h. einen Zustand der Teilnahme an Machtverhältnissen. Für sie war eine subversive Geste bedeutender als Gesetzesänderung oder ein anderes Verfahren innerhalb des Systems, die ein wesentlicher Bestandteil der Versklavungsproduktion waren (vgl. ebd.: 9). Nadežda Čačinovič nach sollte diese Theorie als radikale Selbstreflexion bezeichnet werden, die mit dem Nichtidentischen im Sinne von Adorno permanent konfrontiert war. Aber nicht alle stimmten ihren materialistischen und aufklärerischen Überzeugungen zu, dass es bei der Untersuchung von sozialen Konstruktionen (vor allem Geschlechterkonstruktion) und ihren Funktionen die Überprüfbarkeit, bessere Argumentation bzw. Wahrheit gab (vgl. ebd.). Soziale Konstruktion implizierte eine Weise, auf welche die Wahrheit produziert wurde, und nicht verneint. Die Genderperspektive war deshalb eine Methode, um die wichtigen Probleme zeitgenössischer, sozialer und humanistischer Disziplinen zu lösen (vgl. ebd.).

Janet Radcliffe Richards nach wären einige Männer ebenso wie Frauen fähig, sinnvoll und logisch nachzudenken und wissenschaftlich zu forschen (vgl. ebd.). Da die heutigen Kriterien komplexer als die aufklärerischen sind, entfernte sich auch das Verständnis der Emanzipation von den aufklärerisch-rationalistischen Modellen (vgl. ebd.: 13). Trotzdem war das Phänomen der Weiblichkeit ein Beispiel, wie die zentrale Definition der weiblichen Spezifität durch die reduzierten kognitiven Methoden (Unterdrückung, Ablehnung und Vermutung) der Mystifizierung überlassen wurde. Bis zur Entstehung des zeitgenössischen Feminismus (der zweiten Welle der Frauenbewegung) war die Frage der Emanzipation nicht vollständig geklärt: Der lange und mühsame Kampf versicherte die formal gleichen Rechte, aber er brachte keine Veränderungen bei Machtverhältnissen mit (vgl. ebd.: 14). In den klassenspezifischen Gesellschaften hing die Macht von der Klassenposition ab. Sozialistischer Haltung nach vergliche sich dieser Kampf mit dem, um eine solche Struktur abzuschaffen (vgl. ebd.).

Ernst Blochs „Das Prinzip Hoffnungˮ nach könnte man schließen, dass die Frauenbewegung veraltet, ersetzt bzw. verzögert wäre. Genau diese Verzögerung führte ein neues Element in die klassische Doktrin der Arbeiterbewegung ein (vgl. ebd.). Bloch glaubte, dass die Frauenbewegung nach der Revolution als eine Selbsternsthaftigkeit der Weiblichkeit käme, die inhaltlich ganz offen wäre, und dass der Reichtum an weiblichen Typen und Prädikaten bisher falsch dargestellt würde. Das Weibliche stellte für ihn eine Möglichkeit, was in der Leichtigkeit sichtbar war, mit welcher heute die weiblichen Wesen von Rolle zu Rolle wechseln (vgl. ebd.). In den nachrevolutionären Gesellschaften ging die Verzögerung weiter, weil immer noch keine vollständige Gleichheit zwischen männlicher und weiblicher Position erreicht wurde und weil ihre Unterschiede immer noch nicht auf dasselbe Niveau gebracht wurden (vgl. ebd.: 14-15). Es kam zur Trennung von biologischen und sozialen Fakten und damit auch zu einer Blockade der kritischen Reflexion. Die historische Darstellung von Frauen, die von Hexen bis zu Heiligen variierte, wurde auf die anerkannte Weiblichkeit von Hälfte der Gesellschaftsmitglieder reduziert. Deshalb verwunderten das immer noch anwesende Familienleben und Kindererziehung nicht (vgl. ebd.: 15). Sowohl den Versuch, seinen eigenen Platz im Arbeitsprozess zu finden, als auch die Aufteilung der Führungsverantwortung, die damit kam, hielt man für eine fortschreitende und positive Veränderung (vgl. ebd.). Die neue Frau besaß keine atemlosen Eigenschaften, sondern vor allem wurden ihr ihre Menschlichkeit und Arbeitsmöglichkeit anerkannt, nach welcher sie selbst unter günstigen Bedingungen ausgezeichnete Ergebnisse verwirklichen konnte, aber damit verlor sie nicht ihre Rolle als Trösterin, Pflegemutter und Heilerin. Die Unfähigkeit, diese Rolle zu erhalten, bedeutete ihre völlige Überlastung und Erschöpfung und keine Veränderungen in den Männerrollen (vgl. ebd.).

Der marxistische Theoretiker Herbert Marcuse betrachtete die Veränderungen im Weiblichkeit-Männlichkeit-Paar und wandte das Verhältnis zwischen Verzögerung und Revolution an. Im Gegensatz zu Bloch hatte er den Einblick in eine neue Welle des Feminismus. Da einige Eigenschaften der zivilisierten Welt in der Gesellschaftsgeschichte als männlich oder weiblich markiert wurden, konnte man schließen, dass das revolutionäre Potenzial auf eine Weise mit den weiblichen Eigenschaften und Qualitäten wie Empfänglichkeit, Sensibilität, Gewaltfreiheit und Zärtlichkeit bereichert wurde. Genau sie stellen eine Antithese den männlichen Eigenschaften dar, die sich auf Gewalt, Macht, Aggression, Unterdrückung u. Ä. basierten (vgl. ebd.). Der Kontext der Entwicklung von männlichen und weiblichen Eigenschaften in Arbeitsteilung und die zeitgenössische Analyse des Erwerbs einer individuell-psychologischen Identität konnten den Lesern das Verständnis der Weiblichkeit näher bringen (vgl. ebd.: 15-16).

[...]

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung der bürgerlichen Frau in Theodor Fontanes "Effi Briest" im Vergleich mit "Madame Bovary" und "Anna Karenina"
Untertitel
Eine vergleichende Analyse der Ehebruchromane
Hochschule
Universität Rijeka
Note
100
Autoren
Jahr
2020
Seiten
96
Katalognummer
V974712
ISBN (eBook)
9783346325716
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, frau, theodor, fontanes, effi, briest, vergleich, madame, bovary, anna, karenina, eine, analyse, ehebruchromane
Arbeit zitieren
Paloma Vuk (Autor)Boris Dudaš (Autor), 2020, Die Darstellung der bürgerlichen Frau in Theodor Fontanes "Effi Briest" im Vergleich mit "Madame Bovary" und "Anna Karenina", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/974712

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