Die Kritik Eckart Liebaus in "Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen". Ist diese Kritik an den Erkenntnissen Pierre Bourdieus gerechtfertigt?


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundinformationen zum Text „Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen“ von Eckart Liebau
2.1 Informationen über Eckart Liebau
2.2 Zusatzinformationen zum Text „Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen“ von Eckart Liebau

3. Grundlegende Erkenntnisse von Pierre Bourdieu
3.1 Die Theorie des Habitus
3.2 Die Kapitalsorten

4. Liebaus Ansicht der Kritik der Pädagogen an Bourdieu
4.1 Hauptkritikpunkte der Pädagogen
4.2 Liebaus Meinung zur Kritik der Pädagogen an Bourdieu

5. Fazit und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie es Markus Schwingel in seinem Werk „Bourdieu. Zur Einführung“ anmerkt, ist die Ausdrucksweise in den Schriften des Soziologen Pierre Bourdieus sehr komplex. Dennoch sind seine Werke auch über die Menge des Fachpublikums hinaus sehr bekannt geworden. Neben der Soziologie erlangte er auch in anderen Fachdisziplinen, wie beispielsweise der Geschichte, Beachtung (vgl. Schwingel 1995, S. 10-11).

Auch Eckart Liebau merkt an, dass Bourdieu breit in den Sozial- und Kulturwissenschaften rezipiert wurde. Er stellt jedoch fest, dass die Pädagogik nur wenig auf Pierre Bourdieu eingeht und seine Konzepte von pädagogischer Seite wiederholt zurückgewiesen und kritisiert wurden (vgl. Liebau 2009, S. 41, S. 44). Liebau hat schon in mehreren seiner Werke zu dieser Kritik Stellung genommen. Deshalb geht diese Hausarbeit folgender Fragestellung nach: Ist laut Eckart Liebau eine Kritik der Pädagogen an den Erkenntnissen Pierre Bourdieus gerechtfertigt?

Liebau verfasste einen Beitrag mit dem Titel „Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen“ im Sammelband „Reflexive Erziehungswissenschaft. Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu.“, der erstmals im Jahr 2006 erschien. Der Text soll zur Beantwortung der Fragestellung hermeneutisch nach den Kriterien der qualitativen Forschung erschlossen werden. Im genannten Beitrag werden die Kommentare Liebaus zu den Kritikpunkten der Pädagogen an Bourdieu analysiert und somit sein Standpunkt zu dieser Kritik herausgearbeitet. Um den Text besser verstehen zu können, ist es nötig weitere Grundinformationen dazu zu kennen. Deshalb wendet sich das zweite Kapitel dieser Hausarbeit den Informationen zum Autor Eckart Liebau, seiner persönliche Entdeckung Bourdieus und weiterführenden Angaben des zu analysierenden Textes zu. Dies ist hilfreich, um den Text unter anderem in seinem zeitlichen und kulturellen Entstehungskontext zu verstehen. Diese Erkenntnisse werden dann zu späteren Analysen herangezogen. Daraufhin werden einige, für die Fragestellung relevante, Theorien Bourdieus vorgestellt. Hierfür wurden das Konzept des Habitus und die Kapitalsorten ausgewählt, da der begrenzte Umfang dieser Arbeit nicht sämtliche Theorien Bourdieus umfassen kann. Das anschließende vierte Kapitel stellt den Hauptteil dieser Arbeit dar. Hier werden auf Basis von Liebaus Beitrag im oben genannten Sammelband die Hauptkritikpunkte der Pädagogen an Bourdieu beschrieben und anschließend Eckart Liebaus Meinung zu dieser Kritik mit dem vorliegenden Text und weiterführender Literatur herausgearbeitet. In einem Fazit und Ausblick soll schließlich die Fragestellung beantwortet und das methodische Vorgehen der Arbeit reflektiert werden. Darüber hinaus wird eine methodische Alternative der Analyse des Beitrags von Liebau vorgeschlagen.

2. Grundinformationen zum Text „Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen“ von Eckart Liebau

Nun sollen, als Hilfestellung der hermeneutischen Analyse des Textes, relevante Angaben zum Autor Eckart Liebau sowie Zusatzinformationen zum Text gegeben werden.

2.1 Informationen über Eckart Liebau

Eckart Liebau wurde 1949 am Walchensee geboren und wuchs in Hannover auf. 1967 bis 1973 studierte er Soziologie, Pädagogik und Politik in Göttingen und München. Bereits 1972 begann er in schulpädagogischen Bereichen an verschiedenen Universitäten mitzuarbeiten und promovierte 1979 im Fach Pädagogik. In den Jahren 1992 bis 2014 war er Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik sowie Leiter des Institutes für Pädagogik der philosophischen Fakultät an der Universität Erlangen-Nürnberg. Neben weiteren Lehrstühlen und Leitungspositionen ist er seit 2013 Mitglied und Vorstand des Rats für Kulturelle Bildung. Aktuell ist Liebau pensioniert und forschend tätig. Weitere Publikationen des Autors sind beispielsweise die Werke „Erforschung kultureller und ästhetischer Bildung. Metatheorien und Methodologien.“ aus dem Jahr 2014 und „Die Bildung des Geschmacks. Über die Kunst der sinnlichen Unterscheidung.“ von 2011 (vgl. Klepacki, vgl. de Gruyter 2016, S. 2210).

In den 1980er Jahren begann Eckart Liebau sich intensiver mit Bourdieu, im Rahmen der Hochschulforschung, zu beschäftigen. Damals wurde er Projektmitarbeiter im Wissenschaftlichen Zentrum für Berufs- und Hochschulforschung der Gesamthochschule in Kassel. Er entdeckte den Soziologen erstmals durch die Arbeit mit dem Habitus Konzept von Gerhart Portele und Ludwig Huber. Daraufhin beschäftigte er sich ein Jahrzehnt lang sehr genau mit den Konzepten und Ansichten der Praxeologie Bourdieus Liebau betrachtete die Erkenntnisse Bourdieus von Beginn an aus einer pädagogischen Perspektive, da beispielsweise Pierre Bourdieus Soziologie, Ethnologie und Anthropologie laut Eckart Liebau sehr relevant für die Pädagogik sind (vgl. Liebau 2009, S. 41-42).

2.2 Zusatzinformationen zum Text „Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen“ von Eckart Liebau

Eckart Liebau ist der alleinige Autor des Textes „Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen“, der 2006 in der ersten Auflage des Sammelbandes „Reflexive Erziehungswissenschaft. Forschungsperspektiven im Anschluss an Pierre Bourdieu“ von Barbara Friebertshäuser, Markus Rieger-Ladich und Lothar Wigger herausgegeben wurde. Die Lektorinnen dieses Sammelbandes sind Stefanie Laux und Monika Mülhausen. Die Beiträge des vorliegenden Sammelwerkes entstammen einer Tagung über Bourdieu, die im Jahr 2005 stattfand und sehr gut besucht war. Diese Hausarbeit widmet sich dem Text in seiner zweiten Auflage aus dem Jahr 2009, die im VS Verlag für Sozialwissenschaften in Wiesbaden erschien. Die zweite Ausgabe enthält ein Vorwort der Herausgeber, in dem sie Entwicklungen im Vergleich zur ersten Ausgabe darstellen. Zum Beispiel erklären die Herausgeber dort, dass der Begriff der Reflexiven Erziehungswissenschaft nun keine Neuheit mehr ist, sondern der reflexive Forschungsstil in der Erziehungswissenschaft angehend genutzt wird. Zudem wurden die Beiträge auf Fehler durchgesehen, eine ausgewählte Bibliografie zur erziehungswissenschaftlichen Bourdieu-Rezeption und eine passende Linksammlung ergänzt. Informationen zu den Autoren des Sammelwerkes wurden aktualisiert (vgl. Friebertshäuser, Rieger-Ladich, Wigger 2009, S. 1).

Die Textsorte ist eine kritische Stellungnahme, da Liebau seinen Standpunkt zu den Kritikpunkten der Pädagogen an Bourdieu deutlich macht. Aufgrund der Wortwahl des Titels dieses Beitrags kann angenommen werden, dass es sich um eine Provokation von Liebau an die pädagogischen Fachkräfte handelt. Der Text soll auf die Kenntnisse und Theorien Bourdieus aufmerksam machen, die für Pädagogen unangenehm sind.

Eine Gegebenheit zum Publikations- und Diskussionszusammenhang des Textes ist die Armutsforschung zur Zeit seiner Veröffentlichung. Wie dem Artikel der Website der Tagesschau „Unterschicht: Alter Begriff - neues Phänomen“ aus dem Jahr 2010 über das Jahr 2006 zu entnehmen ist, war Armut zu dieser Zeit in Deutschland ein immer weiter verbreitetes Problem und auch vererbbar (vgl. Halász 2010).

Im Beitrag nimmt Liebau auch immer wieder auf seine früheren Texte Bezug, wie beispielsweise sein Werk „Gesellschaftliches Subjekt und Erziehung. Zur pädagogischen Bedeutung der Sozialisationstheorien von Pierre Bourdieu und Ulrich Oevermann“ aus dem Jahr 1987 oder den Essay „Klasse, Haut, Kultur oder: Bourdieu für Pädagogen“, der ebenfalls aus dem Jahr 1987 stammt (vgl. Liebau 2009, S. 44, S. 47).

Es lässt sich konstatieren, dass der Sammelband sehr erfolgreich ist, da er in vielen Lehrveranstaltungen eingesetzt und häufig rezipiert wird (vgl. Friebertshäuser, Rieger-Ladich, Wigger 2009, S. 1).

3. Grundlegende Erkenntnisse von Pierre Bourdieu

Nun sollen grundlegende Kenntnisse des Soziologen Pierre Bourdieu dargestellt werden. Um später Liebaus Ansichten zur negativen Kritik der Pädagogen an Bourdieu beurteilen zu können, ist es wichtig diese Erkenntnisse Bourdieus zu kennen. Grundsätzlich ist für Bourdieu die Theorie der Praxis, auch Praxeologie genannt, von Bedeutung. Dies bedeutet für ihn, dass das Praktische nur mit Hilfe der Praxis selbst verstanden werden kann. Eine Theorie muss laut Bourdieu immer auf der Praxis basieren. Diese Praxeologie liegt allen weiteren Annahmen seinerseits zugrunde (vgl. Bourdieu 1976, S. 139-140). Selbstverständlich kann im Umfang dieser Hausarbeit nicht das gesamte Spektrum der Erkenntnisse Bourdieus wiedergegeben werden, weshalb sich auf eine Auswahl wichtiger Aspekte beschränkt wird. Insbesondere soll auf die Theorie des Habitus und die Kapitalsorten eingegangen werden, da dies wichtige Erklärungsansätze für weitere Theorien und empirische Befunde Bourdieus sind.

3.1 Die Theorie des Habitus

Bourdieus Interesse galt vor allem jenen Handlungen der Menschen, die unterbewusst und routinemäßig geschehen. Er wollte das Muster entschlüsseln, nach dem solches Handeln unbewusst im Menschen angeleitet wird (vgl. Liebau 1987a, S. 59-60). Zunächst soll eine Definition des Habitus von Bourdieu selbst gegeben werden:

„Der Habitus stellt das Produkt der Einprägungs- und Aneignungsarbeit dar, die erforderlich ist, damit die Hervorbringungen der kollektiven Geschichte (Sprache, Wirtschaftsform usw.) sich in Form dauerhafter Dispositionen in allen, den gleichen Bedingungen auf Dauer unterworfenen, folglich den gleichen materiellen Existenzbedingungen ausgesetzten Organismen – die man, so man will, Individuen nennen kann – erfolgreich reproduzieren können“ (Bourdieu 1976, S. 186-187).

Der Habitus entsteht also aus der Aneignung der Geschichte der Individuen einer bestimmten Gruppe, die denselben Umweltbedingungen ausgesetzt sind. Sie entwickeln ein gemeinsames Handlungsschema, welches es dann über Generationen hinweg ermöglicht, kulturelle Gemeinsamkeiten aufrecht zu erhalten und somit die Gesellschaft zu reproduzieren.

Der Habitus lässt also verschiedene Gruppen, bzw. Klassen von Menschen entstehen, welche die gleichen Handlungsdispositionen haben (vgl. Schwingel 1995, S.59-60). Bourdieu verdeutlichte dies am Beispiel der Rauminneneinrichtung, die bei Menschen mit ähnlichem Habitus fast gleich gestaltet ist (vgl. Bourdieu 1982, S. 137). An anderer Stelle erklärte er, dass der Habitus verschiedene Formen der Praxis erzeugt und klassifiziert. Er wird auch als inkorporierte Notwendigkeit verstanden, welche die Menschen indirekt in ihrem Handeln bestimmt. Somit entstehen die verschiedenen sozialen Lebensformen, die in der Praxis beobachtbar sind. Ausschlaggebend ist das System der Existenzbedingungen eines Menschen, woraus sein Habitus resultiert. Beispiele für den Habitus prägende Bedingungen sind Reichtum oder Armut (vgl. Bourdieu 1982, S. 277-279).

Auch Markus Schwingel stellt fest, dass der Habitus eine Theorie der Erzeugung von Praxisformen ist. Das impliziert auch das Denken der Personen über diese Formen der Praxis. Schwingel spricht auch von einer Vorbegrenztheit des Menschen, die seine Handlungen prägt. Diese ist jedoch nicht angeboren, sondern resultiert aus verschiedenen Erfahrungen. Durch den Habitus werden drei Schemata beeinflusst: das Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschema. Diese sind gegenseitig voneinander abhängig (vgl. Schwingel 1995, S. 54-56). Die Prägungen durch den Habitus gehen sehr weit, sodass auch die körperliche Haltung und Sprechweise der Individuen davon betroffen sind (vgl. ebd., S. 58).

3.2 Die Kapitalsorten

Auch hier soll zunächst geklärt werden, was Bourdieu selbst unter dem Kapitalbegriff versteht: „Kapital ist akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter, ‚inkorporierter‘ Form“ (Bourdieu 1992, S. 49).

Genauer beschreiben lässt sich das Kapital, wenn die drei Kapitalsorten des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals betrachtet werden: Das ökonomische Kapital bezeichnet den materiellen Besitz eines Menschen und kann meist direkt in Geld umgewandelt werden. Es ist durch das Eigentumsrecht gekennzeichnet. Die nächste Sorte ist das kulturelle Kapital, das in drei Arten vorliegen kann. In objektiviertem Zustand kann es beispielsweise in Büchern, Gemälden oder anderen kulturellen Gegenständen, die ein Mensch besitzt, vorhanden sein. In inkorporiertem Zustand liegt das kulturelle Kapital in Form von Wissen und verschiedenen Fertigkeiten, die durch Bildung erworben wurden, vor. In diesem Zustand ist es für jeden Menschen spezifisch und ist Teil des Habitus der Person. Die dritte Art des kulturellen Kapitals ist institutionalisiert in Form von Bildungstiteln, wie beispielsweise einem Schulabschluss. Hier hat das Kapital eine legitimierende Funktion, da Abschlusstitel sehr oft zu weiteren Bildungen bzw. Berufen berechtigen können. Schließlich gibt es das soziale Kapital, das in Form sozialer Beziehungen auftritt. Auf dieses Beziehungsnetz kann eine Person zum Beispiel in einer Notlage zurückgreifen und daraus Unterstützung erhalten (vgl. Schwingel 1995, S. 83-87).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Kritik Eckart Liebaus in "Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen". Ist diese Kritik an den Erkenntnissen Pierre Bourdieus gerechtfertigt?
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V974763
ISBN (eBook)
9783346324108
ISBN (Buch)
9783346324115
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Texthermeneutik, Bourdieu, Liebau
Arbeit zitieren
Sarah Junginger (Autor), 2020, Die Kritik Eckart Liebaus in "Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen". Ist diese Kritik an den Erkenntnissen Pierre Bourdieus gerechtfertigt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/974763

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kritik Eckart Liebaus in "Der Störenfried. Warum Pädagogen Bourdieu nicht mögen". Ist diese Kritik an den Erkenntnissen Pierre Bourdieus gerechtfertigt?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden