Epistemisches Schreiben in der Didaktik des Essayschreibens. Heinrich von Kleists Essay "Über die Verfertigung der Gedanken beim Reden"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Problemstellung

1. Der Essay als Textgattung
1.1. Kurze Geschichte des Essays - von Montaigne bis Kleist
1.2. Charakteristika und Merkmale
1.3. Kleists Essay als Modelltext

2. Epistemisches Schreiben - Die Verfertigung der Gedanken beim Schreiben? 10-

3. Unterrichtskonzeption

4. Resümee

Quellen- und Literaturangaben

Problemstellung

„l' idee vient enparlant“ So parodiert Heinrich von Kleist in seinem berühmten Essay Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden ein französisches SprichwortWas Kleist in der Folge beschreibt, ist die Möglichkeit des Erkenntnisgewinns durch die mündliche Formulierung eines Problems. Indem der Sprecher seinen eigenen Gedankengang, quasi im Monolog, rezipiert, erhält er neue Denkanstöße und Impulse, die ihm die Lösung seines Problems erleichtern.1 2 Durch den Sprechakt werden demnach Erkenntnisse und Wissen nicht nur übermittelt, sondern gleichfalls erzeugt.3 Dieses Verhältnis von Kognition und Sprache lässt sich auch auf das Schreiben übertragen. Auch hier gilt es die nicht-linearen und unsystematischen Gedanken im Kopf des Schreibers regelgerecht in das lineare und systematische Zeichensystem der Schrift zu überführen, was die Entwicklung umfangreicher Schreibkompetenzen erfordert4 Das fünfstufige Modell der Schreibentwicklung von Carl BEREITER skizziert die kontinuierliche Entwicklung von Textproduktionskompetenzen vom assoziativen Schreiben, einer Kompetenzstufe ohne Anspruch auf konzeptionelle Kohärenz, über das kommunikative Schreiben, das in seiner Konzeption stark auf die Wirkung auf einen Adressaten ausgerichtet ist, bis hin zum epistemischen Schreiben, das als höchste Stufe der Schreibkompetenz nicht nur Wissen vermitteln, sondern prozesshaft generieren soll.5 Gegenstand dieser Arbeit soll es nun sein, Kleists Text im Hinblick auf das Konzept des epistemischen Schreibens für die Didaktik des Essay-Schreibens in der Oberstufe nutzbar zu machen. Zwar ist dieses Konzept für das Schreiben aller Textgattungen und Aufsatzformen anwendbar, es scheint mirjedoch für die kategorisch schwer fassbare Textsorte des Essays, die als „Gedankenspaziergang“6 konzeptionell ohnehin auf die ,, allmähliche Verfertigung“ kognitiver Prozesse während des Schreibprozesses abhebt, besonders griffig zu sein. Zudem vollzieht der Text, wie zu zeigen sein wird, die Charakteristika essayistischen Schreibens in geradezu mustergültiger Art und Weise thematisch nach. Er kann daher auch als Modelltext für die Textsorte Essay im Unterricht gelten. In der Folge soll der Essay zunächst hinsichtlich seiner Geschichte und seiner Merkmale als Textsorte näher bestimmt werden, um ihn in ein Verhältnis zu anderen Gattungen rücken zu können. Die Charakteristika sollen anschließend exemplarisch an Kleists Text vorgeführt werden, um seine Qualität als Modelltext herauszuarbeiten. Anschließend gilt es BEREITERS Konzept des epistemischen Schreibens kritisch zu beleuchten, um in einem dritten Schritt eine konkrete Unterrichtsidee auf der Basis des kleistschen Essays und seines didaktischen Potentials für das epistemische Schreiben zu entwickeln.

1. Der Essay als Textgattung

1.1. Kurze Geschichte des Essays - Von Montaigne bis Kleist

Als Begründer des essayistischen Schreibens und Namensgeber der neuen literarischen Gattung gilt der französische Adelige Michel Eyguem de Montaigne, der im 16. Jahrhundert mit seinen Essais7 ein literarisches Werk schuf, das sich auffallend von den Schreibkonventionen seiner Zeit abhob.8 Es kann durch seine radikale Individualität mit zeitgenössischen Werken verglichen werden.9 Die Originalität seiner Schriften reflektierend bemerkt Montaigne: „ Es ist das einzige Buch in der Welt von seiner Art, und von einem wüsten und ausschweifenden Vorhaben eingegeben.10 Dieses Vorhaben verfolgt keinen geringeren Anspruch als Selbstreflexion und Selbsterkenntnis. Der Autor macht sein eigenes Denken und Fühlen zum Gegenstand seines Schreibens. Dabei intendiert er nicht als Resultat einen formal und inhaltlich einheitlichen Text. Das strukturell dominante Prinzip der Essais zielt darauf ab, den Prozess des Denkens und Schreibens im Textverlauf zu veranschaulichen.11 Formale Unabgeschlossenheit ist hier kein Mangel sondern Paradigma des Schreibens. Dem kontemplativ sich selbst erforschenden Montaigne folgte nur wenig später als weiterer Wegbereiter essayistischen Schreibens der englische Philosoph, Jurist und höfische Emporkömmling Francis Bacon.12 Bei ihm ist das Schreiben im krassen Gegensatz zu Montaigne nicht durch Selbstbezogenheit charakterisiert. Seine Essays sind eher

„gegenstandsbezogen(e) Traktat(e)“13, die zweckorientiert einer politischen Strategie folgen.14 Seine Gegenstände, die häufig wissenschaftlicher oder politischer Natur sind, behandelt Bacon mit intellektueller Schärfe, im Unterschied zu Montaigne jedoch mit einer klaren Distanz, insofern er sie nicht in gleicher Weise aus der Perspektive subjektiver Betroffenheit darstellt.15 Während sich Montaigne also subjektiv und emotional involviert mit Konzepten wie Freundschaft oder Liebe befasst, erweckt Bacon den Eindruck über den Dingen zu stehen, sie in nüchtern-intellektueller Abgeklärtheit von objektiver Warte aus zu reflektieren.16 Obwohl also die vorgestellten Konzepte des Schreibens der beiden Autoren unterschiedlicher nicht sein könnten, repräsentieren sie doch Elemente, die für die weitere geschichtliche Entwicklung essayistischer Schreibformen konstitutiv sein werden.17 Die „Ästhetisierung der Subjektivität“, wie wir sie bei Montaigne finden, verbindet sich im modernen Essay in der Folge mit der pragmatischen „Politisierung“ des baconschen Essays.18

Richtig in Mode kam der Essay im England des 18. Jahrhunderts.19 Hier ging die Blüte essayistischen Schreibens mit „der Umwandlung einer höfischen Kultur in eine literarisch­publizistische Öffentlichkeit“20 einher. Der Essay wurde zum Sprachrohr und geistigen Experimentierfeld eines aufstrebenden und zunehmend selbstbewussten Bürgertums, „zur primären Ausdrucksform journalistischen Schreibens“21 im Prozess der Aufklärung. Im deutschen Sprachraum begegnet man essayistischen Schreibformen dagegen zurückhaltender. Auch in Bezug auf den Essay kann man daher wohl von einem deutschen Sonderweg sprechen.22 Erst Mitte des 19. Jahrhunderts erfuhr die Gattung, die in England und Frankreich auf eine kontinuierliche Tradition zurückblicken konnte, auch hierzulande größere Beachtung.23 Essayistisches Schreiben aus der skeptizistischen Perspektive wie bei Montaigne begegnet im frühen 19. Jahrhundert am ehesten bei Heinrich von Kleist, ohne dass dieser freilich eine spezifische Systematik des Essayistischen entwickelt oder sich gar als Essayist verstanden hätte.24 Jedoch weisen Kleists wenige essayistische Schriften25 jene markante

Verknüpfung von subjektiv-existentieller Perspektive mit den jeweils behandelten Gegenständen in ähnlicher Weise auf wie die Texte des französischen Urhebers.26 Was in der Folge über die Charakteristika des kleistschen Essays gesagt wird, kann daher im weitesten Sinne auch auf das essayistische Schreiben im Sinne Montaignes übertragen werden.

1.2. Charakteristika und Merkmale

Der zuvor skizzierte grobe historische Überblick lässt erahnen, dass es schwierig sein dürfte, den Essay als Textsorte in ein starres Korsett aus Gattungsregeln und Textmerkmalen zu zwängen.27 Guten Gewissens kann man zumindest festhalten, dass wir es mit einer Art kunstvoll gestalteten Prosa zu tun haben, die wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn mit dichterischer Ästhetik verknüpft und eine „logische Argumentationskette“ ebenso einfordert wie den „intuitiven Zugriff“.28 Somit vermengt sich in der Essayistik Dichterisches mit Wissenschaftlichem. Gerade seine „theoretisch schwer fixierbare Form“29 zeichnet die Textsorte aus und erschwert den didaktischen Zugang. Essayisten von Montaigne bis Musil haben versucht, die dem Essay eigene gedankliche „Prozessualität“ in metaphorischen Umschreibungen als „Gedankenspaziergang“ oder „Experiment“, als ein gedankliches „Wandern“ oder auch „Spiel“ fassbar zu machen.30 Essayistisches Schreiben ist aber keine Textproduktion für die Schublade, die ausschließlich der Selbstreflexion dient wie etwa das Schreiben von Tagebüchern ohne Publikationsabsicht. Der Verfasser äußert sich in meist kritischer Haltung kontextualisiert in einem Akt der „Kommunikation mit dem bestimmten Gesellschaftsverband, dem der Essayist angehört“31 zu einem kulturell relevanten Themenbereich. Dabei nutzt er die seiner kulturellen Gemeinschaft zu Verfügung stehenden Wissensbestände, indem er sie in origineller Weise neu kombiniert und durchexerziert.32 Die Texte sind also durchaus adressatenbezogen und zur Veröffentlichung bestimmt, sie erfüllen eine pragmatisch-kommunikative Funktion, was sich auch im „Gesprächscharakter“ vieler Essays formal niederschlägt.33 Als stärkstes Charakteristikum erscheint die Subjektivität der

Darstellung, die persönliche Note, diejeden Essay zum einzigartigen Produkt der „freiheitlich- kritische(n) Denkhaltung“ seines Verfassers macht.34 Die „assoziative Denkbewegung“35, die dem Schreibprozess zugrunde liegt, darf sich daher trotz offener Form nicht gänzlich frei ausgestalten.36 Die Gedankengänge müssen zumindest so weit strukturiert sein, dass ein Rezipient sie logisch nachvollziehen kann. Anders als das Feuilleton will der Essay allerdings nicht überzeugen, er bleibt trotz seines kommunikativen Charakters Selbstzweck.37 Es wird an späterer Stelle zu zeigen sein, was diese Feststellungen in der Konsequenz für die Behandlung essayistischer Schreibformen und die Produktion essayistischer Texte im Kontext von Unterricht bedeuten. Zunächst gilt es, die abstrakt formulierten Charakteristika des Essays an Kleists Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden zu veranschaulichen, um in damit einhergehend seine didaktische Relevanz als Modelltext für den Essay-Unterricht der Oberstufe zu prüfen und zu begründen.

1.3. Kleists Essay als Modelltext

Eine ausführliche Textanalyse ist in im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten. Es sollen lediglich prägnantesten Charakteristika des Essayistischen aufgezeigt und mit ihrer didaktischen Relevanz in Beziehung gesetzt werden.

Schon beim Lesen der ersten Textzeilen fällt dem Rezipienten dessen „Gesprächscharakter“ auf. Der Originaltext ist an Kleists Freund Rühle von Lilienstein adressiert, der im Textverlauf als imaginärer Leser der Gedankenentwicklung des Verfassers folgt. Man könnte den Text somit auch fälschlicherweise schlicht für einen Brief halten, doch schon der abrupte Einstieg wäre für die Briefform eher untypisch, denn Kleist kommt ohne Umschweife auf sein Thema zu sprechen: ,, Wenn du etwas wissen willst und es allein durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen,“38

Sowohl der sprunghafte Einstieg als auch der Adressatenbezug sind typische Merkmale des Essayistischen, die im Unterricht an dieser Stelle eine erste Abgrenzung des Essays von den schulischen Schreibformen „Interpretation“ und „Erörterung“ ermöglichen.39

[...]


1 Ich zitiere den Text nach einer online verfügbaren pdf-Datei bei https://pure.mpg.de/rest/items/item 2352284/component/file 2352283/content (letzter Zugriff 30.01. 2019)

2 Vgl. RAIBLE, Wolfgang. Über das Entstehen der Gedanken beim Schreiben. In: Performativität und Medialität. Hrsg. SybilleKrämer. München 2004. S. 191-214.

3 Vgl. Ebd. S. 194.

4 Vgl. THIES, Matthias. Schreibwerkstatt - Schreiben im Unterricht. In: Der Essay in der Schule. Theorie, Unterricht, Aufgabenstellung, Bewertung. Von Matthias Thier, Judith S. Ulmer, Gerhard Thom, Peter Merkel, Elke Anastassoff. Stuttgart 2013. S. 57ff.

5 Bei der Darstellung des Schreibentwicklungsmodells Bereiters stütze ich mich auf FIX, Martin. Texte schreiben. Schreibprozesse imDeutschuntemcht. Paderbom2006. S. 51-54.

6 Zitat nach THIES, Matthias. Ebd. S. 4.

7 MONTAIGNE, Michel Eyguem. Essais. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ralph-Rainer Wuthenow. Revidierte Fassung der von Johann Joachim Bode übertragenen Auswahl.Frankfurt am Main/ Leipzig 2001.

8 Vgl. SCHÄRF, Christian. Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno. Springe 2016. S. 38ff.

9 Vgl. THORN, Gerhard. Geschichtliche Aspekte des Essays - Frühe Formen des Essays im englischen Sprachraum. In: DerEssay inder Schule. Theorie, Unterricht, Aufgabenstellung, Bewertung. Ebd. S. 25.

10 Zitat nach SCHÄRF, Christian. Ebd. S. 44.

11 Vgl. WUTHENOW, Ralph-Rainer. Nachwort. Selbsterfahrung und Skepsis. Die Essais von Michel de Montaigne. In: Essais. Ebd. 2001. S. 292-307. S. 294.

12 Vgl. SCHÄRF, Christian. Ebd. S. 63-79.

13 Ebd. S. 69.

14 Vgl. Ebd. S. 69.

15 Vgl. Ebd. S. 71.

16 Vgl. Ebd. S. 72.

17 Ebd.S.70

18 Vgl. Ebd. S. 70.

19 Vgl. Ebd. S. 80ff.

20 SCHÄRF, Christian. Ebd. S. 80.

21 Ebd. S. 80.

22 Vgl. Ebd. S. 137

23 Vgl. Ebd. S. 137ff.

24 Vgl. Ebd. S. 138.

25 Zu nennen sind, den hier behandelten Text ausgenommen, die Schriften ¿Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden und ungestört-auch unter den größten Drangsalen des Lebens - ihn zu genießen! und Über das Marionettentheater. Vgl. SCHARF, Christian. Ebd. S. 138-39.

26 Vgl. Ebd. S. 139.

27 Vgl. ULMER, Judith S. Ein Versuch macht Schule?! - Der Essay als Aufsatzform und Bildungsideal. In: Der Essay in der Schule. Theorie, Unterricht, Aufgabenstellung, Bewertung. Von Matthias Thier, Judith S. Ulmer, Gerhard Thom, Peter Merkel, Elke Anastassoff. Stuttgart 2013. S. 5-20. Hier S. 8-9.

28 Vgl. Ebd. S. 9. Vgl. HAAS, Gerhard. Studien zur Form des Essays und seiner Vorformen im Roman. Tübingen 1966.

29 Vgl. ULMER, JudithEbd. S. 7-8.

30 Vgl. HAAS, Gerhard. Ebd. S. 47ff.

31 Vgl. Ebd. S. 44.

32 Vgl. Ebd. S. 44ff.

33 Vgl. ULMER, Judith S. Ebd. S. 9.

34 Vgl. Ebd. S. 9.

35 Vgl. Ebd. S. 9.

36 Vgl. HAAS, Gerhard. Ebd. S. 44ff.

37 Vgl. Ebd. S. 10.

38 https://pure.mpg.de/rest/items/item_2352284/component/file_2352283/content. S. 1.

39 Vgl. THIES, Matthias. Schreibwerkstatt - Schreiben im Unterricht. In: Der Essay in der Schule. Ebd. S. 57-128. Hier S. 65.

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Details

Titel
Epistemisches Schreiben in der Didaktik des Essayschreibens. Heinrich von Kleists Essay "Über die Verfertigung der Gedanken beim Reden"
Hochschule
Universität Stuttgart  (Germanistik)
Veranstaltung
Schreibdidaktik
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V975135
ISBN (eBook)
9783346328205
ISBN (Buch)
9783346328212
Sprache
Deutsch
Schlagworte
epistemisches, schreiben, didaktik, essayschreibens, heinrich, kleists, essay, über, verfertigung, gedanken, reden
Arbeit zitieren
Sascha Dankudis (Autor:in), 2019, Epistemisches Schreiben in der Didaktik des Essayschreibens. Heinrich von Kleists Essay "Über die Verfertigung der Gedanken beim Reden", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/975135

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