Eine linguistische Untersuchung zur Agonalität in Sprache anhand zweier Agrégations. Wettstreit der Wirklichkeiten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

34 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Agonalität und agonale Zentren
2.1. Vorgehensweise und Untersuchungsgegenstand

3. Analyse
3.1. Agonale Thematisierung von Heteronomie: >Notwendigkeit< vs. >Überwindung
3.2. Agonale Thematisierung von Politik und Religion: >Unterdrückung< vs. >Freiheit
3.3. Agonale Thematisierung von Moral: >Moral ist unverzichtbar< vs. >Moral ist entbehrlich
3.4. Agonale Thematisierung von Egoismus: >positive Wirkung< vs. >negative Wirkung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Das zentrale Motiv dieser Arbeit stellt den Terminus der Agonalität dar, welcher auf die Agone im alten Griechenland zurückgeht. Diese bezeichnen die sportlichen aber auch musischen Wettkämpfe in der griechischen Antike, welche bis heute als Olympische Spiele fest in der Gesellschaft verankert sind und im Rahmen eines allgemein festlichen Programms abgehalten werden. Während heutzutage Wettkämpfe solcher Art eher als mediales Ereignis angesehen werden, machten sie in der Antike einen essentiellen Bestandteil der griechischen Identität aus. Die Bedeutung der Agone liegt in der Ansicht, dass durch einen friedlichen Wettstreit, gleich ob sportlicher, musischer oder dichterischer Art, jede Form von Despotismus verhindert werde, da im stetigen Wettstreit um Recht und Anspruch Absolutheit kein Gehör findet. Da die Welt die Verkörperung eines kompetitiven Schauplatzes darstellt, ist es nicht verwunderlich, dass die Philosophie später das Prinzip der Agone aufgreift und als Regelordnung versteht, welche im Konflikt und der in der Aushandlung von Sachverhalten auftritt. Da die Welt und die Sprache unweigerlich miteinander verknüpft sind, worauf im weiteren Verlauf der Arbeit genauer eingegangen wird, lässt sich diese Form von Wettstreit ebenfalls in der Welt der Sprache eruieren, wo sie sich an der sprachlichen Oberfläche als „agonale Zentren“ manifestiert. Um Agonalität in der Sprache nachgehen zu können, sollen in dieser Arbeit zwei Agrégations1 2 als Untersuchungsgegenstand herangezogen werden, um hierbei exemplarisch die zentralen Thematiken der Textgrundlage zu eruieren, sowie anschließend die antagonistischen Perspektiven herauszuarbeiten. Für dieses Vorgehen ist die Arbeit in drei Teile gegliedert, in welcher der erste die theoretischen Überlegungen zu Agonalität und Wissen darstellen, sowie das Vorgehen der Analysearbeit explizieren soll. Im zweiten Kapitel wird die Analyse mit vier Unterpunkten ausgeführt, um sie in einem abschließenden Schritt zu bewerten.

2. Theoretische Grundlagen

2.1. Agonalität und agonale Zentren

In Zeitungsartikeln, Büchern, Aufsätzen oder Gesprächen, im Fernsehen und im Radio – überall und tagtäglich findet hier eine Auseinandersetzung mit Wissen statt. Hinsichtlich der „Fakten“, „Informationen“ und „Daten“ entwickelt sich im Laufe des Lebens eine Gewissheit, welche als wahr empfunden werden, welche als gefälscht. So lässt sich unlängst erst die weltweite Klimawandeldebatte anführen, zu der ein jeder, trotz scheinbar unstrittiger wissenschaftlicher Analysen, seine Meinung und Ansicht kundtun. Wissen – was also ist das eigent­lich? Und warum kann trotz vermeintlicher Objektivität, über Wissensinhalte diskutiert und gestrit­ten­ werden?

Die lebenslange Aneignung individuellen Wissens basiert auf sprachlichen Äußerungen schriftlicher­ und mündlicher Art, da über Sprache auf Phänomene und Ereignisse der Welt zugegriffen wird. Und während einerseits die Welt durch Schriftzeichen zugänglich gemacht wird, prägt vice versa Sprache auch die eigenen Erfahrungen, Auseinandersetzungen und Erkenntnisse und somit und die eigene­ Wirklich­kei­t (vgl. Mattfeldt 2018, 7). Auf den Terminus Wissen projiziert bedeutet dies, dass der eigene Wissensprozess unumgänglich von der alltäglichen Wechselbeziehung zwischen Individuum und Gesellschaft abhängig ist. Das gewonnene Bewusstsein wird in weiteren Kommunikationsräumen durch seine Reproduktion ausgebaut und kann anschließend in „kollektiven Wissensbeständen“ (Felder 2009, 13) zusammengeführt werden, welche die Grundlage allgemein akzeptierten Wissensgutes bildet, um sich in der anschließenden Reproduktion wiederzufinden. Der sich so angeeignete Wissensbestand inkludiert sowohl die Komponente des empirischen Wissens, als auch die individuell erfahrbaren Wissenseindrücke, als Folge derer keine klare Grenze mehr zwischen diesen beiden Elementen gezogen werden kann (vgl. Felder 2009, 13). Da die gesellschaftliche Interaktion weitgehend durch sprachliche Mittel abgewickelt wird, sind die Grenzen der individuellen Erfahrung, der Vorstellung von Wirklichkeit, aber auch die Erkenntnis über die Welt und der Zugang zu ihr durch das Konstitutionspotential der Sprache prädisponiert (vgl. Felder 2009, 15). So tritt die Vorstellung einer Realität, die unabhängig von sprachlichen Äußerungen existiert, in den Hintergrund, während Sprache als zentrales Gestaltungsmedium von „Erfahrungsbasis“ und „Wissenskonstitution“ (Felder 2009, 13) ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt. Um den Prozess von Wirklichkeitskonstitution durch sprachliche Mittel genauer zu betrachten, wird im Folgenden eine Modifikation des Semiotischen Dreiecks (nach Odgen und Richards) durch Felder herangezogen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie bereits dargestellt, wird auf Objekte und Sachverhalte der Lebenswelt mithilfe von sprachlichen Ausdrücken, wie beispielsweise Lexemen, Syntagmen etc., zugegriffen (vgl. Mattfeldt 2018, 8). Da diese Beziehung aber nicht ab initio gegeben ist, muss die Verknüpfung immer erst über die Komponente des Begriffs bzw. des Konzepts erfolgen. So existiert zu jedem Gegenstand dieser Welt, sei es materieller oder psychischer Natur, ein zugehöriges Konzept, welches die Schriftzeichenanordnung mit dem weltlichen Objekt in Verbindung setzt (vgl. Mattfeldt 2018, 8). Wird Wirklichkeit nun durch das Gestaltungsmedium der Sprache konstituiert und geprägt, resultiert aus diesem Vorgang unvermeidlich eine Deutung durch das Verwenden des gewählten Begriffs (vgl. Felder 2009, 20). Eine solche Konzeptprägung durch sprachliche Verwendung wird hier als „Bedeutungsfixierung (Felder 2009, 20) behandelt. Unter Konzept wird weiter eine „kognitive Einheit“ verstanden, „an der Attribute identifiziert werden können, wenn sie sich in Texten manifestieren“, hierbei wird dann von „Teilbedeutungen (Felder 2009, 19) gesprochen. So lässt sich eine wechselseitige Abhängigkeit konstatieren: Durch die Evokation von Konzepten als mentale Korrelate referieren einerseits sprachliche Ausdrücke auf Objekte und Sachverhalte der Lebenswelt, während andererseits die Gegenständlichkeit der Welt durch Sprache mit sprachlichen Zeichen beschrieben werden kann, die mit Attributen auf der Konzept- und Begriffsebene eine Kongruenz aufweisen (vgl. Felder 2009, 19). Dabei sind sowohl die sprachlichen Zeichen, als auch die mentalen Korrelate und Referenzobjekte einer Transformation durch den kontinuierlichen Wandel von Gesellschaft und Sprache unterworfen (vgl. Mattfeldt 2018, 8). Die Erschaffung von Sachverhalten durch die Verwendung von Sprache lässt weiterführen, dass auch die Relevanz des daran gebundenen Konzepts in der Macht des Referenten liegt (vgl. Felder 2009, 20). Das in der Sprache beinhaltete Perspektivierungspotential stellt somit je nach sprachlicher Formulierung oder Auslegung einige Konzepte als wichtiger heraus, während andere in den Hintergrund treten. Ein solches als relevant markiertes Konzept wird im Folgenden als handlungsleitendes Konzept (Felder 2006, 18) betitelt, unter welchem „auf der sprachlichen Inhaltsseite Konzepte bzw. Begriffe“ verstanden werden, „welche die Textproduzenten bei der Vermittlung von gesellschaftlich relevanten Sachverhalten unbewusst verwenden oder bewusst versuchen durchzusetzen“ (Felder 2009, 19). So lassen sich als Kriterien für handlungsleitende Konzepte zum einen das verhältnismäßig häufige Vorkommen einschlägiger Termini auf der Textoberflächenstruktur aufzählen, oder aber eine Fokusverlagerung auf Textbelege, die besonders relevanter Bedeutung genießen. Beide Formen von handlungsleitenden Konzepten Als Ziel hat die Herausarbeitung von handlungsleitenden Konzepten demzufolge die Ermittlung von Perspektivität in sprachlichen Produkten (vgl. Felder 2009, 22).

Um eine solch angeführte Perspektivität in sprachlichen Handlungen zu eruieren, schlägt Felder die folgenden Analysekategorien der Sachverhaltskonstituierung bzw. Sachverhaltsklassifizierung als Sachverhaltsfestlegung der Sachverhaltsverknüpfung und der Sachverhaltsbewertung vor. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet diese Klassifizierung, dass ein jeder Sprecher einen Sachverhalt durch die sprachliche Handlung zunächst konstituiert (Frage nach der Perspektivierung) ihn weiterhin mit Wissensdispositionen sprich dem Wissen, welches über die Konzepte schon vorhanden ist, verknüpft (Frage nach der Verbindung von Wissensinhalten), um es anschließend implizit oder explizit zu bewerten. Die Bewertung impliziert in der Regel Konsequenzen für Individuen oder gesellschaftliche Gruppierungen, die auf Grundlage dieses Sprechaktes in ihrem Interagieren beeinflusst werden (vgl. Felder 2015, 25). Bei der Entscheidung, welches Konzept in der sprachlichen Interaktion als relevant markiert wird, durchläuft der Rezipient beinahe unwillkürlich den Prozess dieser Sprechakte. Aufgrund dessen könnte im Kontext der handlungsleitenden Konzepte von einer „Linguistik des Entscheidens“ (Felder 2013, 15) gesprochen werden. Wenn jede Aussage durch die spezifische Auswahl eines sprachlichen Ausdrucks eine Bewertung vornimmt, wohnt weiter gedacht einer jeden sprachlichen Äußerung eine Perspektivität inne (vgl. Felder 2009, 16f.). So ist das Resultat einer Sprache, welche als Gestaltungsform von Sachverhalten fungiert, das Aufzeigen der Abwegigkeit von Objektivität. Um den Anspruchsverlust einer „richtigen“ Versprachlichung zu umgehen, tritt anstelle der Neutralität der Sprache das Konzept der Multiperspektivität, unter dem eine Vielzahl von Perspektiven verstanden wird, welche auf identische oder ähnlich konstituierte Sachverhalte referieren (vgl. Felder 2009, 17). Wenn nun durch sprachliche Mittel Bewertungen über Inhalte vorgenommen und Perspektiven offengelegt werden, so muss folglich die Intention des Referenten durch die Verwendung seiner Sprache aufzuweisen sein, was sich durch die handlungsleitenden Konzepte in Texten manifestiert (vgl. Felder 2009, 50).

Da jede Wirklichkeitskonzipierung durch die Verwendung sprachlicher Ausdrücke die Bedingung für die Gültigkeit der entsprechenden Aussage voraussetzt, wird ein Ringen um Geltungsansprüche vordergründig. Eine solche „Interessenslenkung“ wird im Folgenden mit dem Begriff der „Agonalität“ betitelt und bestreitet den Inhalt dieser Arbeit. Unter Agonalität wird ein pragma-grammatisches Phänomen in Anlehnung an Jean-François Lyotard („Der Widerstreit“, 1987) verstanden, bei dem der Sprecher versucht die Gültigkeit seiner Äußerung der Sprachgesellschaft zu unterbreiten. Agonalen Zentren stellen somit die konkreten divergierenden Konzepte in sprachlichen Produkten dar und werden von Felder als den ein „sich in Sprachspielen manifestierende[r] Wettkampf um strittige Akzeptanz von Ereignisdeutungen, Handlungsoptionen, Geltungsansprüche, Orientierungswissen und Werten in Gesellschaften“ (Felder 2012, 136) bezeichnet. Die Voraussetzung für die Bezeichnung der agonalen Zentren ist demnach die mehrfache Modellierung und Prägung bestimmter handlungsleitender Konzepte, da sie ihre Existenz der überzufälligen Wiederholung der intendierten Aussage zu verdanken haben (Felder 2015, 114). Durch den ständigen „Wettbewerb um Geltungsansprüche von Wirklichkeitsentwürfen“ (Felder 2009, 15) unterliegen im Diskurs agonale Zentren einem stetigen Wandel. So markieren die „konfligierende[n] Geltungsansprüche[n]“ (Felder 2012, 118), welche in Konzepten erkennbar werden, den Unterschied zwischen agonalen Zentren und handlungsleitenden Konzepten, die ausschließlich darauf abzielen einen evozierten Sachverhalt in dominanter Manier in Sprache umzusetzen (vgl. Felder 2015, 98). Als Ziel der Eruierung von agonalen Zentren lässt sich folglich die Offenlegung von Perspektiven hinsichtlich Wissensbeständen benennen.

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit soll im Folgenden das Herausarbeiten agonaler Zentren in zwei französischen Agrégations sein, mit der Frage auf welche Art und Weise sie sich in den untersuchten Texten manifestiert haben.

2.2. Vorgehensweise und Untersuchungsgegenstand

Um sich den Spuren des Denkens, welche die Grundlage für die Konstitution von Wissen sind, zu nähern, muss die Analyse des Diskursgegenstandes zum Handwerk der Linguistik werden. Zur Darstellung Verflochtenheit von Sprachgebrauch und Wirklichkeitskonstitution, sind die materiell sichtbaren Komponenten einer Sprache Grundlage der Diskursanalyse, da dadurch offengelegt werden kann auf welche Art und Weise in der kommunikativen Auseinandersetzung welche Wissensbestände als gültig erklärt werden oder dementiert werden (vgl. Felder 2015, 23). Dabei stellt der Diskurs die Auseinandersetzung zu einem Thema dar, in dem Wissen und die Bewertung des behandelnden Sachverhalts reflektiert wird, um es handlungsleitend für die „zukünftige Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ (Gardt 2007, 30) hinsichtlich dieses Themas zu prägen. So stellt die Diskursanalyse als „erkenntnis- und sprachtheoretischer Ansatz“ (Gardt 2997, 36) den Ausgangspunkt der mentalen Erschließung der Wirklichkeit durch Sprache dar. Nach Foucault spielt der Diskurs hinsichtlich der Frage welches Wissen in einer Gesellschaft als legitim oder umstritten evaluiert wird eine determinative Rolle, da, wie im vorhergehenden Abschnitt behandelt, ihm zufolge die gesellschaftlichen Akteure den Diskurs mit sprachlichen Mitteln formen (vgl. Foucault 1972, 49). Um Agonalität in den zu behandelnden Texten aufzeigen zu können, sollen im Analyseteil zunächst die thematisch verstandenen handlungsleitenden Konzepte als Diskursauschnitt herausgearbeitet werden, um anschließend die agonalen Zentren als Diskursphänomen in den Fokus zu rücken. Den zu analysierende Gegenstand der Arbeit stellen zwei Agrégations dar, die Prof. Dr. Una Dirks von der Universität Marburg und Prof. Dr. Michel Lefèvre von der Université Paul Valery 3 durch ihr Forschungsprojekt PRELFA („Points de Résistance Réciproques de la Langue en Français et en Allemand“) zur Verfügung gestellt haben. Agrégation ist die Bezeichnung für die deutschsprachige Zulassungsprüfung des Germanistikstudiums der Lehramtsstudierenden der französischen Universitäten. Die Prüfung wird nicht mehr als Part des Studiums behandelt, sondern bezeichnet genauer eine Zugangsprüfung für die begrenzte Anzahl der Posten für die Sekundarstufenlehrer. Nach bestandener Agrégation darf sich der/die Absolvent/in als „professeur agrégé“ bezeichnen, welche/r als „fonctionnaire de l´Etat“ (http://www.devenirenseignant.gouv.fr/pid33987/enseigner-dans-les-classes-preparatoires-au-college-ou-au-lycee-et-dans-les-etablissements-de-formation-l-agregation.html) fortan seinen Dienst im Staatswesen ausüben darf.

Den Inhalt der „Session 2017“ (der Concours im Jahre 2017) beschäftigt sich mit Stirners Roman Der Einzige und sein Eigentum (1844). Hierbei müssen die Prüflinge zu der Aussage Stellung nehmen, dass das Werk nicht ausschließlich die Befreiung des Individuums von äußeren Zwängen behandelt, sondern auch die Überwindung jeglicher Form von Heteronomie. Der Untersuchungsgegenstand der Analyse setzt sich aus zwei Agrégations zusammen, wovon eine von eine/r/m deutschsprachigen Verfasser/in erstellt wurde, während die andere die Ausarbeitung eine/n französischsprachige/n Verfasser/in erkennen lässt. Um die Anonymität des/r Verfasser/in zu gewahren, werden sie im Folgenden mit der verzeichneten Nummer A000075330 (Französisch L1) und A000075226 (Deutsch L1) zitiert.

Als Werkzeug der Analyse und zur Strukturierung der Arbeit dient im Folgenden die Klassifizierung der Analysekriterien nach Dr. Anna Mattfeldt (Wettstreit in der Sprache: ein empirischer Diskursvergleich zur Agonalität im Deutschen und im Englischen am Beispiel des Mensch-Natur-Verhältnis, 2018).

Um in den einzelnen Diskursausprägungen die unterschiedlichen Konzepte, welche sich in zuweilen agonal gegenüberstehen, herauszuarbeiten, braucht es an spezifischen Indikatoren für die Analysearbeit. Da Agonalität als semantisches Muster verstanden wird, welches sich mit unterschiedlichen sprachlichen Indikatoren auf der Sprachoberfläche zeigt, müssen die sogenannten agonalen Marker herausgearbeitet werden, wozu Mattfeldt die Aufteilung der elf Dimensionen von Agonalität vorschlägt (Mattfeldt 2018, 69). Im Folgenden werden für die Untersuchungsarbeit der Agrégations die drei Dimensionen „Agonalität der expliziten Gegenüberstellung“ (Mattfeldt 2018, 70-73), „Agonalität der lexikalischen Gegenüberstellung“ (Mattfeldt 2918, 92-96), und „Agonalität der Negation“ (Mattfeldt 2018, 125-129) herangezogen. Bei der Untersuchung von Agonalität der expliziten Gegenüberstellung von Sachverhalten, wird sowohl die Lexik als auch die Grammatik Gegenstand der Analyse. So kann die Gegenüberstellung mithilfe synsemantischer Indikatoren auf direkte Art und Weise realisiert werden, besonders durch adversative oder konzessive Konnektoren (obwohl, obgleich, trotzdem, dennoch, wohingegen etc.), während die lexikalische Komponente Kontrastierungen, Konzessionen oder Konditionen durch eine spezifische Wortwahl auf der Metaebene eruiert werden. Mithilfe adversativer und konzessiver Konnektoren können „onomasiologische Vernetzungen“ (Felder 2015,111) herausgearbeitet werden, welche wiederrum zur Ermittlung handlungsleitende Konzepte hilfreich sind. Die Agonalität der expliziten Gegenüberstellung stellt somit eine prototypische Dimension von Agonalität dar (vgl. Mattfeldt, 70f.). Des Weiteren wird die Agonalität der lexikalischen Gegenüberstellung heranzogen, bei deren Untersuchung die Voraussetzung einer gewissen Wissensdisposition vonnöten ist. Hierbei wird durch die Gegenüberstellung zweier oder mehrerer Ausdrücke ein Konfliktpotential ersichtlich, welches Indiz für Agonalität sein kann. Die Untersuchung vollzieht sich auf der lexikalischen Ebene und benötigt die Einordnung des Rezipienten, der sich durch sein weiterführendes Wissen über den Diskurs die Kontrastierung erschließen muss (vgl. Mattfeldt 2018, 90-93). So evozieren Gegenüberstellungen von Begriffen wie arm/reich, gut/böse einen Antagonismus, der wiederrum als Indikator für Agonalität bewertetet werden kann. Und nicht zuletzt ist die Negation und Agonalität ein Untersuchungskriterium der Analyse, da durch Negation ein geltender Sachverhalt zunächst genannt wird, seinen Wahrheitsgehalt aber gleichzeitig außer Kraft gesetzt wird. Dadurch werden sowohl die gültige, als auch die nicht ungültige Position konträr gegenübergestellt, was dem Prinzip der Agonalität entspricht (vgl. Mattfeldt 2018, 125). Durch die Anführung einer Proposition mit der gleichzeitigen Absage an ihre Verbindlichkeit, erfährt die Aussage eine gewisse „Umorientierung“ (Mattfeldt 2018, 127), in der die Möglichkeit einer völlig neuen Konstituierung von Sachverhalten liegt. Die Negation hinsichtlich Agonalität wird als Sonderfall behandelt, da die Komponente in mehreren Dimensionen von Agonalität einzuordnen ist. So lassen sich hier Parallelen zu der Dimension der Agonalität der expliziten Gegenüberstellung finden, oder aber auch der Dimension der negativen Wertung (vgl. Mattfeldt 2018, 129). Im Gegensatz zu anderen Sprachen existieren in der deutschen Sprache keine Negationswörter (vgl. Duden-Grammatik 92016, 917), da beispielsweise das Negationswort nicht auch als Fokuspartikel benutzt werden kann. Weiter lässt sich Negation auf der Morphemebene durch die Präfixe wie Un-, Miss-, oder durch Adverbien wie mitnichten, keineswegs oder Pronomen (niemand) ausdrücken (vgl. Mattfeldt 2018, 128). So kann die Negation als Prototyp für Agonalität gewertet werden, welcher durch die Negierung einer Aussage einen direkten Kontrast zwischen zwei Sachverhalten evoziert (vgl. Mattfeldt 2018, 129). Für die Strukturierung und Analyse der folgenden Untersuchungsarbeit der Agrégations, werden diese drei Dimension von Agonalität als linguistisches Handwerkszeug herangezogen.

Bei der Analysearbeit durch die spezifischen sprachlichen Indikatoren hinsichtlich Agonalität wurden mehrere Kontrastierungen eruiert, welche den vier Rubriken der Heteronomie, Politik, Egoismus und Moral zugeteilt wurden. Diese stellen die Teilbedeutungen der herausgearbeiteten handlungsleitenden Konzepte Freiheit, Zwang, Individuum und Gesellschaft dar, welche durch das Aufsuchen der am häufigsten explizierten Termini konstituiert wurden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aufgrund dessen, dass Teilbedeutungen der handlungsleitenden Konzepte mehrere Elemente der dargestellten handlungsleitenden Konzepte implizieren, wurde keine explizite Zuordnung zu den Konzepten vorgenommen. Demzufolge werden die Dimensionen Heteronomie, Politik, Egoismus und Moral die Struktur des Analyseteils darstellen.

Anzumerken wäre hierbei, dass die Arbeit nicht als repräsentative Untersuchung gewertet werden kann, da zum einen die Textgrundlage einen viel zu geringen Umfang aufweist, und zum anderen alle Dimensionen von Agonalität für eine passable Analyse berücksichtigt werden sollten, welches den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. So dient die folgende Abhandlung eher einer Testversion einer solchen Vorgehensweise und könnte beispielsweise in einer Bachelorarbeit mit einem größeren Textumfang ausführlicher behandelt werden.

3. Analyse

3.1. Agonale Thematisierung von Heteronomie: >Notwendigkeit< vs. >Überwindung<

Das vielfach kritisierte und diskutierte Werk „der Einzige und sein Eigentum“ (1884), welches unter dem Pseudonym Max Stirner herausgebracht wurde, thematisiert die politischen Verhältnisse des 19. Jahrhunderts und plädiert im Rahmen dessen für eine atheistische Aufklärung sowie für eine Philosophie der Tat. Schon in der Aufgabenstellung3 der Agrégations zu dem Werk wird der Begriff der Heteronomie benannt, welcher als zentrales Motiv des Werkes angesehen werden kann. Der Autor des Werkes präsentiert sich als Verfechter für das Streben nach der absoluten Freiheit – moralischer sowie gesellschaftlicher Art und Weise. So ist für ihn die Überwindung äußerer und innerer Pflichten essentiell, um als freier und selbstbestimmter Mensch zu leben. Die Frage nach der Heteronomie wird somit auf unterschiedlichen Ebenen im Text behandelt und jongliert dabei mit allen der im vorigen Kapitel vorgestellten handlungsleitenden Konzepten Freiheit, Zwänge, Individuum und Gesellschaft. Als erstes Beispiel der agonalen Verhandlung von Heteronomie in den Textauszügen ist dieses hier aufzuführen: [...]nicht ausschließlich um die Befreiung des Individuums von äußeren Zwängen, sondern um die Überwindung jeglicher Form von Heteronomie “. Durch die Verwendung des Adverbs nicht und des Konjunktors sondern wird hier Heteronomie nicht ausschließlich als Fremdbestimmung von außen verstanden, d.h. durch politische oder gesellschaftliche Instanzen, sondern ebenfalls um die Verneinung jeder Art von Fremdbestimmung, wie solche des moralischen Werteverständnisses oder des Glaubens. So werden hier die Konzepte >Heteronomie als äußerer Zwang< vs. >jegliche Form von Heteronomie< agonal behandelt. Auch die Textstelle: „Dieser nach Innen gewendete Individualanarchismus Stirners unterscheidet sich somit von einem kommunistisch orientierten Anarchismus [...]“ setzt einen Fokus auf die unterschiedlich aufgegriffene Bedeutung von Heteronomie, da hier durch das Verb unterscheidet zwei konträre Auffassungen von Heteronomie gegenübergestellt werden. Während der kommunistisch orientierte Anarchismus die Ungerechtigkeit der Politik des 19. Jahrhunderts angreift und für eine Loslösung der politischen Instanzen plädiert, die hier als äußere Zwänge dargestellt werden, steht Stirner mit seinem Individualanarchismus für absolute Befreiung einer jeden einschränkenden oder fremdbestimmenden Instanz. So werden hier wiederum die Konzepte >Überwindung der äußeren Zwänge< vs. >Überwindung innerer und äußerer Zwänge< antithetisch diskutiert. Durch den verwendeten Indikator wird in beiden Textstellen eine explizite Gegenüberstellung zwei konfligierender Ansichten dargestellt, die auch wie folgt weiter beobachtet werden kann: „Es ist demnach fraglich, welche Form von Fremdbestimmung, für Stirner trotz der Befreiung des Individuums fortbesteht, und mit welchen Mitteln diese überwunden werden kann“ (Französisch). Auch hier wird durch die Präposition trotz als konzessiver Konnektor eine Gegenüberstellung evoziert, welche die Konzepte >Freiheit durch Befreiung des Individuums< vs. >keine Freiheit durch Befreiung des Individuums< agonal gegenüberstellt. Weiter wird auch hier Zuerst werden wir Stiners „Befreiung des Individuums von äußeren Zwängen“ behandeln und uns dabei fragen, ob diese angesichts von Stirners Protestantismus- und Liberalismus-Kritik nicht viel eher als eine Befreiung von inneren Zwängen präzisiert werden müsste. das Konzept >Befreiung von äußeren Zwängen< dem Konzept >Befreiung von inneren Zwängen< entgegengesetzt, dargestellt durch das verneinende Partikel nicht. Bei dieser Diskrepanz zwischen Befreiung von bestehenden repressiven staatlichen und politischen Instanzen und Befreiung jeder Form von „Zwang“, kristallisiert sich die Frage nach der völligen Überwindung und der vielleicht doch notwendigen Fortbestehung einiger Formen von Heteronomie heraus.

Anfang des 19. Jahrhunderts war Gott philosophisch tot und der Geist des Menschen war über alles gestellt. Diese Art von humanen Liberalismus sah aber duraus [sic] nicht vor, dass der Mensch völlig frei ist, denn er soll ja immerhin ein Ideal anstreben (A000075426).

[...]


1 Französische Zulassungsarbeit, entspricht der Zulassungsarbeit im deutschen Universitätssystem.

2 Im Folgenden wird „Agrégations“ mit s geschrieben werden, welches die Pluralform im Französischen markiert, aber mit einem Kapital a, um sich der deutschen Orthographie anzupassen.

3 In Stirner Der Einzige und sein Eigentum geht es nicht ausschließlich um die Befreiung des Individuums von äußeren Zwängen, sondern um die Überweindung jeglicher Form von Heteronomie. Nehmen Sie zu dieser Aussage Stellung!

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Eine linguistische Untersuchung zur Agonalität in Sprache anhand zweier Agrégations. Wettstreit der Wirklichkeiten
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
34
Katalognummer
V975829
ISBN (eBook)
9783346326515
ISBN (Buch)
9783346326522
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eine, untersuchung, agonalität, sprache, agrégations, wettstreit, wirklichkeiten
Arbeit zitieren
Antonia Tremel (Autor:in), 2019, Eine linguistische Untersuchung zur Agonalität in Sprache anhand zweier Agrégations. Wettstreit der Wirklichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/975829

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