Der gesunde Übergewichtige. Ein metabolisches Phänomen?

Ein narrativer Review


Bachelorarbeit, 2018

50 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

2 Zielsetzung

3 Methodik
3.1 Forschungsfrage
3.2 Untersuchungsobjekte
3.3 Datenerhebung
3.4 Auswertung der Literaturquellen

4 Gegenwärtiger Kenntnisstand
4.1 Physiologische Bedeutung des Fettgewebes
4.2 Definition und Diagnose von Übergewicht/Adipositas
4.3 Prävalenz von Übergewicht/Adipositas
4.4 Ursachen von Übergewicht/Adipositas
4.5 Definition „Metabolically Healthy Obesity“ und dessen physiologischen Gegebenheiten

5 Ergebnisse
5.1 Querschnittsstudien zum Zusammenhang zwischen Adipositas und metabolischen Risikofaktoren
5.2 Längsschnittstudien zur Prognose von anfänglich gesundem Übergewicht auf das Risiko für kardiometabolische Erkrankungen und Typ-2 Diabetes mellitus

6 Diskussion
6.1 Kritische Betrachtung der eigenen Vorgehensweise
6.2 Kritische Betrachtung der Ergebnisse
6.3 Interpretation der Ergebnisse
6.4 Weitere Forschungsfragen

7 Zusammenfassung

8 Literaturverzeichnis

9 Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis
9.1 Tabellenverzeichnis
9.2 Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt von Bewegungsmangel und zu hoher Energiezufuhr über die Nahrung. Dies führt langfristig von Übergewicht bis hin zu Adipositas, was zahlreiche gesundheitliche Komplikationen mit sich bringt. So nimmt nach der Deutschen Diabetes Gesellschaft ab einem BMI von 27 bis 30 die Mortalität an Herz-Kreislauferkrankungen und Karzinomen zu (Hauner et al., 2012, S. 130). Dem geht einher, dass immer mehr Menschen übergewichtig und adipös sind. Dabei ist Adipositas nicht nur ein nationales, sondern ein globales Problem. 1980 waren 857 Millionen Menschen weltweit übergewichtig oder adipös, 2013 waren es schon ca. 2,1 Millionen Menschen (Assmann-Stiftung für Prävention, Zugriff am 09.06.2018). Neue Studien zeigen nun, dass starkes Übergewicht bzw. Adipositas nicht zwingend mit metabolischen Anomalien einhergehen muss. Dieses neue Konzept wird als metabolisch gesunde Adipositas (“Metabolically Healthy Obesity“) bezeichnet und ist bislang in der Wissenschaft noch umstritten. So weisen nach Brinkmann (2013) 20 % der adipösen Menschen kein erhöhtes Risiko für metabolische Krankheiten auf. Im Rahmen der Bachelorarbeit soll nun untersucht werden, welche Merkmale gesundes Übergewicht ausmachen und was einen gesunden Übergewichtigen von einem krankhaften Übergewichtigen unterscheidet.

2 Zielsetzung

Ziel der Arbeit ist es mittels geeigneter wissenschaftlicher Literatur den Begriff „Metabolically Healthy Obesity“ zu definieren und aufzuzeigen, welche physiologischen Gegebenheiten dazu führen könnten, dass Übergewicht nicht notwendigerweise mit metabolischen Auffälligkeiten einhergehen muss. Es sollen die Unterschiede zwischen metabolisch gesunden und kranken Übergewichtigen herausgearbeitet werden. Abschließend ist eine Aussage über die gesundheitliche Langzeitprognose bei „gesundem Übergewicht“ zu treffen.

3 Methodik

3.1 Forschungsfrage

Lässt sich das Phänomen des „gesunden“ Übergewichtigen wissenschaftlich beweisen und wenn ja, wie lässt es sich vom „krankhaften“ Übergewicht abgrenzen, sowohl kurz- als auch langfristig betrachtet?

3.2 Untersuchungsobjekte

Die Literaturrecherche wird durch folgende Ein- und Ausschlusskriterien eingegrenzt:

Einschlusskriterien:

- Aktualität: Die Quelle sollte nicht älter als 5 Jahre sein.
- Der Begriff des gesunden Übergewichts (metabolically healthy obesity) bzw. des gesunden Übergewichtigen kommt vor.
- Der Zusammenhang zwischen BMI und metabolischen/vaskulären Auffälligkeiten wird untersucht.
- Die Unterschiede zwischen metabolisch krank und metabolisch gesund werden herausgearbeitet.

Ausschlusskriterien:

- Die Quelle ist älter als 5 Jahre.
- Der Begriff des gesunden Übergewichts (metabolically healthy obesity) bzw. des gesunden Übergewichtigen kommt nicht vor.
- Der metabolische/vaskuläre Zustand der Versuchspersonen wird nicht untersucht.
- Die Unterschiede zwischen metabolisch krank und metabolisch gesund werden nicht herausgearbeitet.

3.3 Datenerhebung

Für den bisherigen Kenntnisstand wurde sich auf den narrativen Review „Gesundes Übergewicht?! Warum das Übergewichts-Paradox nur scheinbar paradox ist“ (Ströhle & Worm, S. 54-64) und auf die Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipoitas“ von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft gestützt. Für die Prävalenz von Adipositas wurden das Statistische Bundesamt, die Daten des Kind- und Gesundheitssurveys Welle 2 (Schienkiewitz, Brettschneider, Damerow & Schaffrath Rosario, 2018) und die Assmann-Stiftung für Prävention zur Informationsbeschaffung herangezogen.

Für den folgenden narrativen Review wurde die Datenbank US National Library of Medicine National Institutes of Health (PubMed) und der SpringerLink verwendet.

Tab. 1: Studiensuche über PubMed (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Über die in PubMed veröffentlichten Reviews „Metabolically healthy obesity: a friend or foe?” (Jung, Lee & Song, 2017) und „The prevalence, metabolic risk and effects of lifestyle intervention for metabolically healthy obesity: a systematic review and meta-analysis“ (Lin, Zhang, Zheng & Zheng, 2017) waren zahlreiche Literaturverweise zu finden, von denen einige wenige Studien die Einschlusskriterien erfüllten. Ebenso wurden über PubMed Vorschläge zu Quellen dieses Themas angezeigt.

Tab. 2: Studiensuche über SpringerLink (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.4 Auswertung der Literaturquellen

Bei der Suche über PubMed sind insgesamt 17 Studien verwertet worden, da die restlichen Studien nicht die oben beschriebenen Einschlusskriterien erfüllte.

Bei der Suche über den SpringerLink sind von besagten 111 Ergebnissen nur 3 verwertet worden, da nur diese die Einschlusskriterien erfüllten.

4 Gegenwärtiger Kenntnisstand

4.1 Physiologische Bedeutung des Fettgewebes

„Fettgewebe ist eine spezialisierte Form des Bindegewebes, das primär der Speicherung von Triacylglyceriden dient“ (Ströhle & Worm, 2014, S. 57). Das Fettgewebe wird unterschieden in braunes und weißes Fettgewebe. Das weiße Fettgewebe fungiert als Isolierfett, Speicherfett oder auch als Baufett und macht damit „den größten Anteil am Gesamtkörperfett“ (Ströhle & Worm, 2014, S. 57) aus. Das Fettgewebe speichert und mobilisiert Energie. Die Speicherung wird als Lipogenese bezeichnet. Diese findet statt, wenn dem Körper zu viel Energie zugeführt wird. Die Energiefreisetzung wird als Lipolyse bezeichnet. Das Hormon Insulin ist Kontrolleur dieser beiden Vorgänge, in dem es eine hemmende Wirkung auf die Lipase-Aktivität im Fettgewebe hat. Die Lipase ist für die Hydrolyse der Triglyceride zu freien Fettsäuren zuständig. Noradrenalin und Adrenalin haben dabei eine fördernde Wirkung auf die Lipase-Aktivität (Ganong, 2013, S. 290). Zusätzlich fungiert das weiße Fettgewebe als endokrines Organ und bildet damit über 100 Hormone und Mediatoren (Ströhle & Worm, 2014, S. 57). Das braune Fettgewebe ist für die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur zuständig, weshalb es „bei allen Säugern während der Neugeborenenphase“ (Ströhle & Worm, 2014, S. 57) vorkommt. Neue Studien haben nun gezeigt, dass auch Erwachsene das braune Fettgewebe noch besitzen, wie z. B. zwischen der Lunge und der Wirbelsäule (Ströhle & Worm, 2014, S. 57). Durch Kältereize werden die Lipolyse und ein Entkopplungsprotein namens Thermogenin, welches in der inneren Mitochondrienmembran liegt, aktiviert. Mithilfe des Thermogenins wird die oxidative Energie nicht in ATP, sondern in Wärme umgewandelt (Lexikon der Biologie – Spektrum der Wissenschaft, Zugriff am 12.06.18).

4.2 Definition und Diagnose von Übergewicht/Adipositas

Laut der Deutschen Adipositas-Gesellschaft ist Adipositas „eine über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts“ (Deutsche Adipositas-Gesellschaft [DAG] e. V., Zugriff am 08.06.2018). Erwachsene mit einem BMI von 25 kg/m² bis 29,9 kg/m² werden von der Worlds Health Organization als übergewichtig eingestuft, Erwachsene mit einem BMI≥ 30 kg/ m² als adipös.

Tab. 3: Klassifikation der Adipositas bei Erwachsenen gemäß dem BMI (modifiziert nach WHO, 2000; zitiert nach der DAG e. V., 2014, S. 15)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.3 Prävalenz von Übergewicht/Adipositas

Die Anzahl übergewichtiger und adipöser Menschen nimmt auf der ganzen Welt stetig zu. So sind nach der Assmann-Stiftung für Prävention (Zugriff am 09.06.2018) im Jahre 2013 fast 30 Prozent der Weltbevölkerung übergewichtig oder adipös, was ca. 2,1 Milliarden Menschen darstellt. 1980 waren es im Vergleich dazu nur 857 Millionen Menschen. Vor allem die Entwicklungsländer sind stark betroffen: Dort sind 62 % der Bevölkerung übergewichtig oder adipös. In den Industrieländern hat sich die Zunahme seit 2006 etwas verlangsamt. Die Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen hat jedoch auffallend zugenommen. So ist der Anteil übergewichtiger und adipöser Minderjähriger von 1980 bis 2013 weltweit fast um das doppelte angestiegen (Assmann-Stiftung für Prävention, Zugriff am 09.06.2018). Das Statistische Bundesamt (Zugriff am 09.06.2018) belegt, dass im Jahre 2013 insgesamt 52% der erwachsenen Bevölkerung, genauer gesagt 62% der Männer und 43% der Frauen in Deutschland übergewichtig waren, während 16 % bzw. 17 % der Männer und 16 % der Frauen als stark übergewichtig eingestuft wurden. Insgesamt ist der Anteil an Übergewichtigen damit seit 1999 gestiegen. 1999 waren insgesamt „48 %, 56 % der Männer, 40 % der Frauen“ (Statistisches Bundesamt, Zugriff am 09.06.2108) übergewichtig. Ein Zusammenhang besteht dabei auch zwischen dem Ausmaß des Übergewichts und des Alters. So steigt die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas „mit zunehmendem Alter deutlich an“ (DAG e. V., 2014, S. 17). Bei Kindern und Jugendlichen (3 bis 17 Jahre alt) in Deutschland liegt der übergewichtige Anteil laut den Daten des Kind- und Gesundheitssurveys Welle 2 (Schienkiewitz, Brettschneider, Damerow & Schaffrath Rosario, 2018, S. 18) bei 15,4 %. „Die Adipositasrelevanz liegt bei 5,9 %“ (Schienkiewitz et al., 2018, S. 18). Gegenüber den 1990er Jahren, in denen 10 % der Kinder und Jugendliche als übergewichtig eingestuft wurden, hat sich damit in Deutschland die Prävalenz von Übergewicht ebenfalls deutlich erhöht.

4.4 Ursachen von Übergewicht/Adipositas

Übergewicht ist die Folge einer positiven Energiebilanz, das heißt, dem Körper wird mehr Energie in Form von Nahrung zugeführt, als er benötigt. Die überschüssige Energie wird dann als Fettgewebe eingelagert. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft benennt folgende „biologische, psychosoziale sowie umweltbedingte Risikofaktoren“ (DAG e. V., 2014, S. 17) als mögliche Ursachen von Übergewicht und Adipositas:

Tab. 4: Ursachen der Adipositas (modifiziert nach DAG e. V., 2014, S.17)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.5 Definition „Metabolically Healthy Obesity“ und dessen physiologischen Gegebenheiten

Adipositas war bisher immer mit einem höheren kardiovaskulären Risiko verbunden. Kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD) umfassen dabei vom Herzen oder dem Gefäßsystem ausgehende Krankheiten wie die Koronare Herzkrankheit (KHK), Atherosklerose, Herzinsuffizienz und den Herzinfarkt. Untersuchungen zeigen jedoch, dass eine Vielzahl an Adipösen dieses Risikoprofil nicht aufweist und demnach als metabolisch gesund bezeichnet wird. Übersetzt bedeutet „Metabolically Healthy Obesity“ so viel wie metabolisch gesunde Fettleibigkeit. Damit einhergehend ist ein geringeres Risiko der Gesamtmortalität und kardiovaskulärer Erkrankungen. Die in der Wissenschaft am häufigsten verwendete Definition ist die der International Diabetes Federation. Diese besagt, dass ein Individuum am metabolischen Syndrom erkrankt ist, wenn zentrale Adipositas, gemessen am für jede Ethnie spezifischem Taillenumfang, und 2 der folgenden 4 Kriterien vorliegen:

Tab. 5: Kriterien für die Diagnose des metabolischen Syndroms (modifiziert nach der International Diabetes Federation, 2006, S. 10)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Spätestens beim Vorliegen des metabolischen Syndroms wird nicht mehr von metabolischer Gesundheit gesprochen. Doch wo genau der Übergang von metabolischer Gesundheit zu einem metabolischen Risikoprofil beginnt, unterscheidet sich von Studie zu Studie. Weitere Kriterien neben den Komponenten des metabolischen Syndroms sind der Taillenumfang bzw. die Fettverteilung. Ist der Bauchumfang bei Frauen größer als 80 cm und bei Männern größer als 94 cm, ist liegt bei Europäern eine abdominale Fettverteilung vor (International Diabetes Federation, 2006, S. 11). Diese Grenzwerte gelten jedoch nicht für Asiaten, da diese einen zarteren Knochenbau haben. Anhand des Bauchumfangs lässt sich also auf die Fettverteilung zurückschließen. Nach Ströhle und Worm (2014) „lassen sich zwei grundsätzliche Verteilungsmuster unterscheiden“ (S. 57). Bei der abdominalen Fettverteilung finden Fetteinlagerungen primär am Oberkörper, bei der gluteofemoralen Fettverteilung primär an Oberschenkeln und Gesäß statt. „Die Entscheidung, welcher Fettverteilungstyp vorliegt, kann anhand des Taillen- und Hüftumfangs getroffen werden“ (Ströhle & Worm, 2014, S. 57). Bei Personen mit abdominalem Fettansatz bzw. mit einem erhöhten Taillenumfang ist das Risiko für Typ-2 Diabetes mellitus (T2DM) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich erhöht (Ströhle & Worm, 2014, S. 57). Demnach gilt die gluteofemorale Fettverteilung als Anzeichen metabolischer Gesundheit. Zusätzlich muss bei der Fettverteilung beachtet werden, ob es sich um subkutanes oder viszerales Fett handelt, da das viszerale Bauchfett besonders eng mit kardiovaskulären Risikofaktoren und Komplikationen korreliert (DAG e. V., 2014, S. 15). So lassen neuere Befunde vermuten, dass das viszerale Fett „ein Indikator für die parallel ablaufende Fettakkumulation der Organe im Bauchinnenraum ist“ (Ströhle & Worm, 2014, S. 61). Dabei handelt es sich um die Verfettung von nicht primär für die Fettspeicherung vorgesehen Geweben wie Leber, Pankreas und Skelettmuskulatur, was als ektopisches Fett bezeichnet wird und unter anderem die Entstehung von T2DM begünstigt (Ströhle & Worm, 2014, S. 63).

Schließlich lässt sich festhalten: „There is no universally accepted diagnosis for metabolic health” (Stefan, Häring & Schulze, 2017, S. 8), was dazu führt, dass die Prävalenz von MHO umstritten ist und von Studie zu Studie abweichende Zahlen geliefert werden (Jung et al., 2017).

5 Ergebnisse

Die durch die nach obig beschriebener Literaturrecherche hervorgegangenen 20 Studien werden in zwei Fragestellungen unterschieden, die im Folgenden bearbeitet werden. Abschließend werden die Ergebnisse von einer Metaanalyse zusammengefasst.

5.1 Querschnittsstudien zum Zusammenhang zwischen Adipositas und metabolischen Risikofaktoren

Das metabolische Phänomen des gesunden Übergewichtigen wird als ein fehlendes metabolisches Risikoprofil im Zusammenhang mit Adipositas beschrieben. Im Folgenden werden nun Querschnittsstudien herangezogen, um den Zusammenhang zwischen Adipositas und metabolischen Risikofaktoren näher zu beleuchten.

Tab. 6: Querschnittsstudien zum Zusammenhang zwischen Adipositas und metabolischen Risikofaktoren (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Studie von Farello et al. (2018) vergleicht die Dicke der Karotis-Intima-Media bei metabolisch gesunden und metabolisch kranken übergewichtigen Kindern mit normalgewichtigen Kindern, um das Risiko kardiovaskulärer Ereignisse bei Adipositas zu untersuchen. So gilt die Dicke der Karotis-Intima-Media (CIMT) nach Farello et al. (2018) als nicht invasives Maß für Atherosklerose und als Indikator für das kardiovaskuläre Risiko. Die insgesamt 204 normalgewichtigen und adipösen Kinder im Alter zwischen 6 und 16 Jahren wurden in zwei Gruppen eingeteilt: in metabolisch gesunde Übergewichtige (MHO) und in metabolisch ungesunde Übergewichtige (MUO). Die dritte Gruppe fungierte als Kontrollgruppe und bestand aus normalgewichtigen Kindern. Dabei galten die übergewichtigen Kinder, die mindestens einen nicht im Normbereich liegenden Parameter des metabolischen Syndroms aufwiesen, als metabolisch ungesund. Bewertet dabei wurden der Taillenumfang, der Blutdruck, das HDL-Cholesterin, die Insulinresistenz und der Triglyceridwert. Die Dicke der CIMT wurde über eine diagnostische Ultraschallmaschine gemessen. Dabei wurde ein signifikanter Unterschied zwischen der Gruppe adipöser Kinder und der Kontrollgruppe festgestellt. So wiesen die adipösen Kinder höhere CIMT-Werte als die normalgewichtigen Kinder auf. Es konnte jedoch kein Unterscheid zwischen der MHO- und der MUO-Gruppe festgestellt werden. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Fettleibigkeit mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko einhergeht, auch wenn keine metabolischen Veränderungen vorliegen, so wie es in der MHO-Gruppe der Fall ist.

Die Studie von Truthmann, Mensink, Bosy-Westphal, Hapke, Scheidt-Nave und Schienkiewitz (2017) beschäftigt sich mit der körperlichen gesundheitsbezogenen Lebensqualität (Physical health-related quality of life = HRQoL) und inwieweit Adipositas unabhängig vom metabolischen Gesundheitszustand damit in Verbindung gebracht werden kann und ob es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Nach Truthmann et al. (2017) ist der HRQoL ein klinisch relevanter Verkünder für gesundheitliche Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel für Krebs und die koronare Herzkrankheit. Insgesamt umfasste die Studie 6.860 Teilnehmer aus Deutschland, die alle einen Fragebogen zur physischen gesundheitsbezogenen Lebensqualität erhielten. Nach anthropometrischen Untersuchungen und klinischen Tests wurden die Probanden dann nach BMI und metabolischer Gesundheit in vier Gruppen eingeteilt: metabolisch gesund nicht-fettleibig (MHNO), metabolisch ungesund nicht-fettleibig (MUNO), metabolisch gesund fettleibig (MHO) und metabolisch ungesund fettleibig (MUO). Als adipös wurden alle mit einem BMI ≥ 30 kg/m2 eingestuft. Als metabolisch gesund galt der, der drei oder mehr der folgenden Kriterien erfüllte: Taillenumfang < 88 cm bei Frauen und < 102 cm bei Männern, Glykohämoglobin < 5,7 % (kein diagnostiziertes Diabetes), Blutdruck < 130/85 (keine diagnostizierte Hypertonie), Triglyceride < 1,7 mmol/l (keine diagnostizierte Dyslipidämie) und HDL-Cholesterin ≥ 1,0 mmol/l bei Männern und ≥ 1,3 mmol/l bei Frauen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass Adipositas und metabolische Abweichungen alleine und in Kombination mit einer beeinträchtigten HRQoL verbunden waren, was für beide Geschlechter galt. Dabei war die Wirkung beider Faktoren zusammen genauso groß wie für jeden Faktor alleine. Bei Frauen wurden in allen Gruppen metabolischer Gesundheit und Adipositas niedrigere Werte der physischen Gesundheit festgestellt als bei Männern, womit der Zusammenhang zwischen HRQoL, metabolischer Gesundheit und Adipositas bei Frauen stärker ausgeprägt war. Bei beiden Geschlechtern hatte die MHNO-Gruppe die höchste HRQoL, gefolgt von MHO, MUNO und als Schlusslicht der MUO-Gruppe. Aus der Studie lässt sich schlussfolgern, dass der MHO-Phänotyp in Bezug auf die HRQoL, sowie die Morbidität von kardiovaskulären Erkrankungen und die Gesamtmortalität nicht immer ein gesunder Zustand ist.

Die Studie von Hulten et al. (2017) untersucht die Beziehung zwischen BMI und kardiometabolischem Risiko, insbesondere der koronaren Herzkrankheit (KHK). Insgesamt wurden 1.118 Erwachsene in die Studie eingeschlossen. Die Koronararterien wurden mittels einer kontrastverstärkten kardialen Computertomographie-Angiographie (CTA) untersucht. Die Teilnehmer wurden dazu in verschiedene BMI-Kategorien eingeteilt und für jeden Teilnehmer wurde die Gesamtzahl der vorhandenen kardiometabolischen Risikofaktoren ermittelt, die wie folgt lauteten: Fettleibigkeit, niedriges HDL-Cholesterin, Hypertriglyceridämie, Hypertonie und Dysglykämie. Anhand dieser wurden die Teilnehmer dann in metabolisch gesund (ohne metabolischem Syndrom) und in metabolisch ungesund (mit metabolischem Syndrom) unterschieden. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass die kardiovaskulären Risikofaktoren zwar mit zunehmendem BMI ebenfalls ansteigen, jedoch diejenigen, die metabolisch ungesund waren, ein größeres Ausmaß an KHK hatten als diejenigen ohne metabolischem Syndrom, was in jeder BMI-Kategorie festgestellt wurde. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der BMI als Kennzeichen für das KHK-Risiko angesehen werden kann, jedoch die Prävalenz, das Ausmaß und der Schweregrad der KHK stärker mit dem metabolischen Gesundheitszustand einhergehen.

Die Studie von Yoon et al. (2017) untersucht adipöse koreanische Kinder und Jugendliche zur Bewertung der Merkmale von MHO und zur Unterscheidung zwischen MHO und MUO in Bezug auf Labor- und Lebensstilfaktoren. Die Daten stammen aus KNHANES IV, einer Querschnittsstudie der koreanischen Bevölkerung. Es wurden 530 adipöse Kinder im Alter zwischen 10 und 19 Jahren untersucht. Anthropometrische Messungen und Blutprobenentnahmen dienten zur Unterscheidung der Teilnehmer in MUO und MHO. Über die Bestimmung von Nüchterninsulin und Nüchternglukose wurde die Insulinresistenz (IR) ermittelt. Als adipös galten die Kinder und Jugendlichen, die einen BMI ≥ 25 kg/m2 aufwiesen. Als kardiometabolische Risikofaktoren (CMRF) definierten Yoon et al. (2017) die folgenden Komponenten: Bluthochdruck, erhöhter Nüchternblutzucker und niedriges HDL-Cholesterin (< 40 mg/dL bei Jungen im Alter von 10-19 Jahren und Mädchen im Alter von 10-15 Jahren und < 50 mg/dL bei Mädchen im Alter zwischen 16-19 Jahren). Die MHO- und MUO-Phänotypen wurden nun unterschieden nach der Anwesenheit bzw. Abwesenheit von kardiometabolischen Risikofaktoren in MUOCMRF (mit CMRF) und MHOCMRF (ohne CMRF) und nach dem Insulinresistenz-Grad in MHOIR (ohne IR) und MUOIR (mit IR). Yoon et al. (2017) stellten eine Prävalenz von 36,8 % bei MHOCRMF und von 68,8 % bei MHOIR fest. Ebenfalls kamen sie zu dem Ergebnis, dass der MHOCMRF-Phänotyp mit längeren, intensiveren körperlichen Belastungen und einer geringeren Proteinzufuhr einherging. Den Taillenumfang erfassten Yoon et al. (2017) als Prädikator für MUOCMRF und den BMI als Prädikator für MUOIR. Aufgrund der unterschiedlichen klinischen Merkmale zwischen MHO und MUO empfahlen Yoon et al. (2017) daher, dass adipöse Kinder und Jugendliche individuell behandelt werden sollten.

Die Studie von Schinzari et al. (2015) vergleicht die vaskuläre Reaktion bzw. die endotheliale Funktion von metabolisch gesunden Fettleibigen mit der von Patienten des metabolischen Syndroms, unter Berücksichtigung einer schlanken Kontrollgruppe. Das Gefäßendothel trägt maßgeblich zur Vermeidung kardiovaskulärer Ereignisse bei, indem es den Gefäßtonus, den Blutdruck und die Blutgerinnung reguliert. Um vaskuläre Funktionsstörungen zu diagnostizieren, wurde bei 119 adipösen Erwachsenen (BMI ≥ 30 kg/m2) die Reaktion des Unterarmblutflusses bei Infusion von Acetylcholin (ACh), Natriumnitroprussid (SNP) und dem selektiven Endothelin-Typ A (ETA) –Rezeptorblocker BQ-123 gemessen und untereinander sowie mit einer gesunden, schlanken Kontrollgruppe (BMI < 27 kg/m2) verglichen. Von den 119 Teilnehmern waren 34 metabolisch gesund 56 am metabolischen Syndrom erkrankt. Als am metabolischen Syndrom erkrankt galten diejenigen, die von den folgenden 5 Komponenten mindestens 3 erfüllten: erhöhter Taillenumfang, Bluthochdruck, erhöhte Plasmatriglyceride, erniedrigte HDL-Cholesterinwerte und erhöhter Plasmaglukosespiegel. Bei den Adipösen wurde bei der Infusion von ACh und SNP eine signifikant höhere vaskuläre Reaktivität im Gegensatz zur schlanken Kontrollgruppe gemessen, wobei die MHO-Gruppe eine stärkere Reaktion auf ACh zeigte als die MetS-Gruppe. Bei SNP unterschieden sich die MHO-Gruppe und die MetS-Gruppe nicht. BQ-123 rief bei den Adipösen eine signifikante Dilatation, bei der schlanken Kontrollgruppe jedoch keine signifikante Dilatation hervor. Hierbei reagierte die MetS-Gruppe stärker als die MHO-Gruppe. Zusammenfassend zeigt die Studie, dass MHO kein gesunder Zustand ist. Metabolisch gesunde Übergewichtige weisen eine endotheliale Dysfunktion auf, die zwar schwächer als beim metabolischen Syndrom ist, aber dennoch maßgeblich zur Entstehung von Atherosklerose und kardiovaskulären Ereignissen beiträgt.

[...]

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Der gesunde Übergewichtige. Ein metabolisches Phänomen?
Untertitel
Ein narrativer Review
Hochschule
Deutsche Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement GmbH
Note
1,4
Autor
Jahr
2018
Seiten
50
Katalognummer
V975874
ISBN (eBook)
9783346320681
ISBN (Buch)
9783346320698
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fitness, Gesundheit, Ernährung, Fitnessökonomie
Arbeit zitieren
Isabella Jülch (Autor:in), 2018, Der gesunde Übergewichtige. Ein metabolisches Phänomen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/975874

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