Gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen mit Migrationshintergrund aus sozialräumlicher Perspektive


Bachelorarbeit, 2020

73 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Terminologische Definitionen und Differenzierungen
2.1 Perspektiven des Alter(n)s
2.2 Betrachtungsmöglichkeiten von Migration und Integrationsprozessen
2.3 Sozialraumorientierung als zielgruppensensible, aktivierende Option
2.4 Gesellschaftliche Teilhabe zur Sicherung eines zufriedenen Lebens

3 Vorstellung und Einordnung der Forschungsprojekte
3.1 Öffnung des Wohnquartiers für das Alter
3.2 Lebensqualität im Wohnquartier
3.3 Ältere Migrant(inn)en im Quartier
3.4 QuartiersNETZ
3.5 Saglik
3.6 Seniorenorientierte Navigation
3.7 MitgestALTER
3.8 Soziale Ressourcen für altersgerechte Quartiere
3.9 Empowerment für Lebensqualität im Alter
3.10 Vicino

4 Analyse und Bewertung der Forschungsprojekte
4.1 Bewertungsleitfaden
4.2 Präventiver Forschungsansatz
4.2.1 Motivation: Demografischer Wandel
4.2.2 Motivation: Akute Verläufe verhindern
4.3 Niedrigschwellige Zugänge
4.3.1 Niedrigschwelligkeit durch Setting-Ansatz
4.3.2 Niedrigschwelligkeit durch Multiplikator*innen
4.3.3 Niedrigschwelligkeit durch Angebotsbreite
4.4 Kultursensible Grundhaltung
4.4.1 Komplette Ausrichtung auf Menschen mit Migrationshintergrund
4.4.2 Teilausrichtung auf Menschen mit Migrationshintergrund
4.4.3 Keine Ausrichtung auf Menschen mit Migrationshintergrund
4.5 Einbindung von Partizipationsstufen
4.5.1 Stufe 1: Informieren
4.5.2 Stufe 2 und 3: Mitwirken und Mitentscheiden
4.5.3 Stufe 4: Selbstverwalten
4.6 Interpretation und Umsetzung von Empowerment
4.6.1 Empowerment durch Vermittler*innen
4.6.2 Empowerment durch Quartierskonferenzen
4.6.3 Empowerment als übergeordnetes Projektziel
4.7 Sicherung der Nachhaltigkeit
4.8 Transfermöglichkeiten
4.8.1 Entwicklung von Handlungsleitfäden und -empfehlungen
4.8.2 Entwicklung von Handbüchern
4.8.3 Weitere Transferansätze

5 Schlussbetrachtung mit Handlungsempfehlungen

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

„Der demografische Wandel ist eine der drängendsten Herausforderungen der Gegen­wart.“ (Dreyer 2012: 37) Die Veränderungen werden in Bezug auf die steigenden Zahlen älterer Menschen, der Erhöhung des Durchschnittsalters und gleichzeitigem Geburten­rückgang häufig als besorgniserregend bewertet (vgl. Gentinetta 2014: 31ff). Hieraus re­sultieren unterschiedliche Ansätze zum Umgang mit diesen, häufig durch die Medien skizzierten, „Schreckensbildern“. So dominiert auf fachlicher Ebene beispielsweise der Wunsch, die Aktivierung älterer Menschen zu fördern, damit diese auch ohne Erwerbs­arbeit einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten können (vgl. Vukoman 2013: 66). Häufig wird jedoch eine weitere Entwicklung gänzlich missachtet: Unsere Bevölkerung ist zusätzlich „auch ,bunter‘ als Folge von Zuwanderungen geworden“ (May/ Alisch 2013: 7). Steigende Zahlen älterer Menschen mit Migrationshintergrund sollten dement­sprechend nicht ignoriert werden. Als Konsequenz wird, im Sinne der kulturellen Diver­sität, der Fokus der Bachelorarbeit auf migrantische Alterung gesetzt.

Hierbei werden einige Herausforderungen deutlich, da es nicht „ die“ Menschen mit Mig­rationshintergrund zu geben scheint, die gleiche Bedürfnisse vorweisen und dementspre­chend kollektiv als gemeinsame Zielgruppe angesprochen werden können (vgl. Schröer/ Schweppe 2010: 373). Diese These gilt es in den folgenden Kapiteln zu bestätigen oder zu falsifizieren.

Ältere Migrant*innen lassen sich in ihrer Vielfalt zum einen in „Gastarbeiter“ unterteilen, die ab den 1950er Jahren unter anderem aus Spanien, der Türkei oder Tunesien zum Ar­beiten nach Deutschland kamen (Schimany et al. 2012: 34f). Genauso gibt es viele „Hei­matvertriebene“ und (Spät-)„Aussiedler“ als Folge des Zweiten Weltkrieges (ebd.: 37f). Eine weitere Gruppierung stellen die Geflüchteten mit Unterteilungen in „Asylbewerber“ oder auch „Bürgerkriegsflüchtlinge“ dar (ebd.: 40f). Allein diese gekürzt vorgestellten Zuwanderungsgründe verdeutlichen, dass Menschen mit Migrationshintergrund hetero­gene Bevölkerungsgruppen darstellen müssen (vgl. hierzu ausführlicher Kapitel 2.2). Aufgrund dessen sollte auf Bundes- und Kommunalebene eine gemeinsame Betrachtung aller Indikatoren des demografischen Wandels mit Fokussierung auf Handlungsmöglich­keiten angestrebt werden. Da dies jedoch bisher weniger stattgefunden hat, wird die Re­levanz der Schwerpunktsetzung auf ältere Menschen mit Migrationshintergrund deutlich.

Ältere Menschen im Generellen, ob mit oder ohne Zuwanderungsgeschichte, verbindet häufig, dass ihr direktes Wohnumfeld mit steigendem Alter und Beendigung der Erwerbs­tätigkeit von höher werdender Bedeutung ist (vgl. nähere Ausführungen zu diesem Absatz in Kapitel 2.3). An dieser Stelle könnte eine passende Ansprache deshalb besonders gute Ergebnisse erzielen. Die Menschen sollen mit dem sozialraumorientierten Ansatz dort erreicht werden, wo sie am häufigsten vorzufinden sind: im Einzelhandelsgeschäft, Park, Freizeitverein oder Hausflur. Hierbei wird häufig von niedrigschwelligen und lebenswelt­orientierten Zugängen gesprochen.

„Für alle Mitglieder der Gesellschaft, also auch für ältere Menschen [mit Migrationshin­tergrund, d. Verf.], besteht das Recht auf soziale Teilhabe und gesellschaftliche Partizi­pation.“ (Vogel et al. 2017: 70) Demzufolge zielt die sozialarbeiterische Altenhilfe häufig darauf ab, die gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten der älteren Sozialraumbewoh- ner*innen zu verbessern. Dieser Ansatz kann prinzipiell als vielversprechend und sinn­voll bewertet werden, jedoch müssen auch hier die älteren Menschen mit Migrationshin­tergrund mit ihren differenziellen Voraussetzungen und Bedürfnissen häufig alternativer angesprochen werden. Als passende Begrifflichkeit kann hierbei die „kultursensible Al­tenhilfe“ gesehen werden (vgl. Schröer/ Schweppe 2010: 373).

Die vorliegende Bachelorarbeit widmet sich dem Thema „Gesellschaftliche Teilhabe äl­terer Menschen mit Migrationshintergrund aus sozialräumlicher Perspektive“. Hand­lungsleitend ist die Frage, wie den genannten Zielgruppen in ihrem Wohnquartier eine adäquate gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden kann. Es wird explizit nach kul­tursensiblen Zugangswegen und integrativen Gestaltungsmöglichkeiten gesucht. Metho­disch werden themenbezogene Sozialforschungsprojekte analysiert. Hierbei werden unter anderem auch auf ihre Erkenntnisse zu fördernden und hemmenden Faktoren in Bezug auf funktionierende Beteiligungsangebote hervorgehoben.

Letztendlich wird die Bachelorarbeit einerseits einen Eindruck über den „Ist-Zustand“ anhand exemplarischer Ausführungen geben können und dies andererseits kritisch auf den gewünschten „Soll-Zustand“ beziehen. Die vergleichenden Analysen der Projekte zielen auf die Formulierung von kultursensiblen, wirkungsvollen Maßnahmen und Me­thoden ab, durch die sich ältere Menschen mit Migrationshintergrund aktiv in unter­schiedlichen Dimensionen beteiligen können und möchten.

Eine Basis bilden zunächst terminologische Klärungen (vgl. Kapitel 2). Insgesamt wer­den die Begrifflichkeiten in vier Unterkapiteln gekürzt definiert und eingeordnet, die für das Verständnis der Arbeit von besonderer Bedeutung sind. Unter anderem findet sich ein Einblick in die Theorien zur Integration und Assimilation des Migrationswissen­schaftlers Hartmut Esser. Dadurch werden bereits Herausforderungen in der Arbeit mit Menschen, die unterschiedlich stark integriert sind, deutlich (vgl. Kapitel 2.2). Hervorge­hoben werden zudem die Schwierigkeiten der Abgrenzungen grundlegender Termini wie beispielsweise „Alter“ oder auch „Sozialraum“ (vgl. Kapitel 2.1 und 2.3). Es werden sta­tistische Einordnungen genauso wie dessen Grenzen genannt, Chancen der Sozialraum­orientierung wie auch die Rahmenbedingungen partizipativer Arbeitseinstellungen skiz­ziert (vgl. u.a. Kapitel 2.4). Insgesamt werden in diesem Abschnitt, trotz der theoretischen Ebene, bereits die möglichen Herausforderungen bei der Förderung der gesellschaftlichen Teilhabe älterer Migrant*innen deutlich.

Im nächsten Kapitel folgt die Vorstellung von zehn Forschungsprojekten, die sich, mit unterschiedlichen Schwerpunkten oder aus verschiedenen Blickwinkeln, mit der Partizi­pation älterer Sozialraumbewohner*innen befasst haben (vgl. Kapitel 3). Häufig sind dies Projekte, die im Rahmen einer Förderlinie des Bundesministeriums für Bildung und For­schung von Fachhochschulen durchgeführt wurden. Dementsprechend fungiert das dritte Kapitel als Hilfe zur groben Einordnung der Ziele und des Ablaufs dieser Forschungs­projekte, um vergleichbare Informationen generieren zu können. Wissentlich werden auch Projekte gewählt, die keinen Schwerpunkt auf die Zielgruppen der Menschen mit Migrationshintergrund gesetzt haben, wie beispielsweise die Konzepte „Lebensqualität im Wohnquartier“ oder „Soziale Ressourcen für altersgerechte Quartiere“ (vgl. Kapitel 3.2 und 3.8). Begründet wird dies damit, dass ein viel größeres Spektrum an Forschungs­projekten in Bezug auf Ältere ohne Migrationshintergrund erkennbar ist. Von Interesse wäre, ob dort trotzdem in gewisser Weise kultursensibel gehandelt wird und die Relevanz des Themenbereichs anerkannt oder sogar adressiert wird. Wie auch Alisch und May be­tonen, sind

„[...] die Bedingungen und Ressourcen einer angemessenen Lebensführung älte­rer Menschen mit Migrationshintergrund[...] weder in den entsprechenden wis­senschaftlichen Diskursen der Migrationsforschung, der Alter(ns)soziologie oder der Sozialwissenschaft, noch in der Praxis der Gemeinwesen-, Integrations- oder Seniorenarbeit hinreichend untersucht oder berücksichtigt worden.“ (Alisch/ May 2014: 57)

Aufgrund dieser Tatsache sollen die Defizite nicht durch die Fokussierung auf migran- tisch-orientierte Forschungsprojekte beschönigt, sondern viel mehr kritisch betont wer­den. Ebenso könnten dabei hilfreiche Informationen zur Angebotsformulierung heraus­gearbeitet werden, da auch in der Wissenschaft nicht immer Konsens herrscht. Diskutiert wird beispielsweise, ob die Errichtung kulturspezifischer Einrichtungen oder die Integra­tion der Menschen mit Migrationshintergrund in bestehende, kulturunabhängige Ange­bote sinnvoller sein würde (vgl. Schröer/ Schweppe 2010: 373). Auch diese Grundsatz­entscheidungen wirken sich fundamental auf migrantische Teilhabemöglichkeiten aus. Im Anschluss an die übersichtliche Einordnung wird einer ausführlichen Analyse Raum gegeben (vgl. Kapitel 4). Zu diesem Zweck wird zu Beginn ein Bewertungsleitfaden vor­gestellt, der selbstständig auf der Grundlage des zweiten Kapitels und weiteren thema­tisch passenden Ergänzungen erstellt wurde (vgl. Kapitel 4.1). Anhand von sieben Di­mensionen, wie beispielsweise der Beachtung präventiver Forschungsansätze oder der Einbindung partizipativer Formate, werden die zuvor vorgestellten Forschungsprojekte in den folgenden Seiten genauestens analysiert (vgl. Kapitel 4.2 und 4.5). Besonderes Augenmerk wird hierbei in Kapitel 4.4 auf die kultursensible Grundhaltung gelegt, was in Anbetracht der Suche nach adäquaten Teilhabemöglichkeiten älterer Migrant*innen plausibel ist. Um eine Übersichtlichkeit zu garantieren, werden die einzelnen Qualitäts­dimensionen meist in thematische Unterkapitel zusammengefasst. Schlussendlich folgt eine Bewertung in „gelungen“, „teilweise gelungen“ oder „nicht gelungen“, die am Ende jedes Unterkapitels in tabellarischer Form veranschaulicht wird. Die Bewertungen beziehen sich überwiegend auf die Angemessenheit und Legitimierungen der Ausführun­gen und Interventionen, dessen Umsetzungsqualität und zuletzt auch auf die Annahme durch die Zielpersonen. Aufgezeigt wird im vierten Kapitel, wie gut die einzelnen For­schungsprojekte die Dimensionen umgesetzt haben. Zusätzlich wird ein Überblick gege­ben, inwiefern diese die Förderung gesellschaftlicher Teilhabe älterer Menschen mit Mig­rationshintergrund aus sozialräumlicher Perspektive beinhalten, unabhängig von einer dementsprechenden Zielformulierung.

Zum Schluss wird die Arbeit durch die Hervorhebung besonders gut bewerteter Bestand­teile der Forschungsprojekte abgerundet, damit ein Mehrwert aus der Analyse gezogen werden kann (vgl. Kapitel 5). Zusätzlich findet eine handlungsorientierte Erwiderung des Erkenntnisinteresses Platz. Hierfür wird eine Art „Idealprojekt“ formuliert, welches gut bewertete Dimensionen der verschiedenen Forschungsprojekte zusammenführt. Im fünf­ten Kapitel wird die Frage beantwortet, wie die gesellschaftliche Teilhabe älterer Men- schen mit Migrationshintergrund aus sozialräumlicher Perspektive ermöglicht werden könnte und was es hierfür zu beachten gäbe. Beispielhaft folgen zusätzlich Praxisemp­fehlungen und Hinweise zu weiterhin bestehenden Forschungs- und Handlungsbedarfen, die präzise an lokale Akteur*innen der (kultursensiblen) Altenhilfe, wie auch Kommunen und die Bundesregierung gerichtet werden.

Im Sinne einer inklusiven Grundhaltung wird in dieser Bachelorarbeit auf eine gender­sensible Sprache geachtet. Einerseits sollen, in Bezug auf die Gleichstellung, Frauen und Männer sprachlich gleichermaßen angesprochen werden. Andererseits werden durch die Anwendung des Gender-Stars auch Menschen inkludiert, die sich nicht in eindeutig weib­liche oder männliche Kategorien einordnen können oder möchten. Direkte Zitate werden, um eine bessere Lesbarkeit zu garantieren, nicht gegendert.

2 Terminologische Definitionen und Differenzierungen

Als Verständnisgrundlage werden im zweiten Kapitel wichtige Begrifflichkeiten erläutert und eingeordnet. Bereits aus dieser theoretischen Annäherung werden Herausforderun­gen in der sozialraum- und teilhabeorientierten Arbeit mit älteren Migrant*innen deutlich.

2.1 Perspektiven des Alter(n)s

Die alternde Gesellschaft ist differenziell zu betrachten (vgl. Rüßler 2007: 32). Viele ver­schiedene Theorien beschäftigen sich mit dem Alter und mit dem Altern als Prozess. Tews (2012: 27) sagt hierzu aus, dass „Altersgrenzen [...] weniger aufgehoben, eher ver­schoben [werden, d. Verf.]“. Um einen Einblick zu gewähren und eine Grundlage für die folgende Bachelorarbeit zu ermöglichen, folgen einzelne Perspektiven.

Das Alter und der Prozess des Alterns können aus soziologischer Perspektive als Kon­strukt wahrgenommen werden (vgl. Schroeter/ Künemund 2010: 393). Häufig findet eine Differenzierung in „junge Alte“ und „alte Alte“ statt (vgl. Pichler 2010: 415). Diese bei­den Gruppen unterscheiden sich in der Lebensgestaltung, in ihren Bedürfnissen und in den Möglichkeiten des Engagements fundamental (vgl. Steffen et al. 2007: 11). In Bezug auf das Prinzip der gesellschaftlichen Teilhabe (vgl. Kapitel 2.4), sind hier dementspre­chend individuelle Teilhabebedingungen nötig, um „junge“ wie „alte Alte“ gleicherma­ßen zu inkludieren. Perspektivisch kann das Altern aus biologischer, psychologischer und sozialer Sicht betrachtet werden (vgl. Köster et al. 2008: 161). Biologische Alterung tritt automatisch ein, hier wird beispielsweise von altersbedingten körperlichen Beschwerden, wie Hüftbeschwerden oder Gehörverlust, gesprochen (vgl. ebd.). Die psychologische Per­spektive betrachtet unter anderem eine stärkere Resilienz durch überwundene Lebenskri­sen (vgl. ebd.). Aus dem sozialen Blickwinkel heraus gelten vor allem wegfallende Kon­takte durch das Versterben von Angehörigen oder das Beenden der eigenen Erwerbsarbeit als prägend (vgl. ebd.). In diesem Fall brechen Netze, die jahrelang für Halt und Stabili­sierung gesorgt haben, weg (vgl. Tesch-Römer/ Wurm 2009: 9). Hierbei wird die Rele­vanz einer niedrigschwelligen gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeit und professionel­ler Quartiersarbeit besonders deutlich, denn passende, gut vernetzte Angebote können ältere Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen auffangen und unterstützen (vgl. Ka­pitel 2.3 und 2.4).

Dominierend in öffentlichen Diskursen ist die Aktivitätstheorie. Dieser Ansatz wird auf der Ebene der Europäischen Union verfolgt (vgl. Vukoman 2013: 71f). Hierbei wird da- von ausgegangen, dass alternde Menschen physisch, sozial, wirtschaftlich und geistig ak­tiv sein möchten und an sozialer Teilhabe interessiert seien (vgl. ebd.: 66). Das Alter(n) wird dementsprechend nicht (mehr) als Verlust gesehen, sondern es werden die Gewinne und Möglichkeiten des Alter(n)s klar in den Fokus gestellt (vgl. Rüßler et al. 2015: 15). Laut dieser Theorie sind Menschen zufrieden, wenn sie aktiv sind (vgl. Vogel 2014: 125f). Dadurch erbringen sie auch im Alter Leistung und unterstützen den Staat beispiels­weise durch soziales Engagement (vgl. ebd.). Der Aspekt der gesellschaftlichen Teilhabe steht hier dementsprechend sehr stark im Vordergrund (vgl. Kapitel 2.4). Die Aktivitäts­theorie wird jedoch auch häufig kritisiert, da laut der Kritiker*innen alten Menschen das Recht abgesprochen werden würde, sich zurückzuziehen und von einem Leben mit Er­werbsarbeit zu erholen (vgl. Rüßler et al. 2015: 15). Hildebrandt und Kleiner (vgl. 2012: 20) sprechen ebenfalls davon, dass vor allem Akteur*innen der Altenhilfe das Konstrukt hinterfragen sollten, in dem aktive ältere Menschen gesund sind und inaktive ältere Men­schen automatisch ungesund.

Der häufig thematisierte demografische Wandel ist im Bereich des Alter(n)s zweifelsfrei von Bedeutung. Die Menschen altern, wie in Kapitel 1 angesprochen, laut Heite (2012: 17, Hervorheb. i. O.) dreifach: „die absolute Zahl der alten Menschen steigt, der prozen­tuale Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung nimmt zu und mehr Menschen als je zuvor erreichen die Hochaltrigkeit.“ Auch das Statistische Bundesamt (vgl. Pötzsch/ Rößger 2015: 18) erkennt in der Bevölkerungsvorausberechnung diesen Trend, indem sie beispielsweise darauf hinweisen, dass die absolute Zahl der Menschen, die 65 Jahre alt oder älter sind, von 2013 mit 17 Millionen auf geschätzte 23 Millionen im Jahr 2037 steigen wird. Gleichzeitig werden weniger Menschen geboren, wodurch sich auch der prozentuale Anteil der älteren Bevölkerung (ab 65 Jahren) von 21% im Jahr 2013 auf 33% im Jahr 2060 verändern wird (vgl. ebd.: 17). Die absolute Anzahl an hochbetagten Men­schen ab 80 Jahren soll sich laut dieser Vorausberechnung von 4,4 Millionen im Jahr 2013 auf 9 Millionen bis 2060 ungefähr verdoppeln (vgl. ebd.: 19).

Auch empirisch werden das Alter und der Prozess des Alterns betrachtet. Erwähnenswert ist hierbei die Förderlinie „SILQUA - Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter“, mit der das Bundesministerium für Bildung und Forschung ab 2009 zukunftsfähige Mo­delle für ein altersgerechtes Leben unterstützen wollte (Bührer et al. 2016: 1). Es wurden insgesamt 84 Forschungsprojekte von Fachhochschulen finanziert, die zur „,Erhaltung der Teilhabe von älteren Menschen im Arbeits- und gesellschaftlichen Leben und damit zur Verbesserung ihrer Lebensqualität‘“ beitragen sollten (ebd.). Einige Projekte, die im Rahmen dieser Förderlinie entstanden sind, werden im Kapitel 3 vorgestellt.

Parallel zu den angesprochenen Entwicklungen steigt die Zahl der älteren Menschen mit Migrationshintergrund stetig. Dieser Punkt wird gemeinsam mit weiteren thematischen Grundlagen im nachfolgenden Unterkapitel näher beleuchtet.

2.2 Betrachtungsmöglichkeiten von Migration und Integrationsprozessen

Laut der Definition des statistischen Bundesamtes verfügt eine Person über „einen Mig­rationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsan­gehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.“ (Statistisches Bundesamt 2019: 4) Diese Betrach­tungsweise wird in der Bachelorarbeit verfolgt. Teilweise werden auch „Menschen mit Zuwanderungshintergrund“ oder „Migrant*innen“ synonym verwendet.

Menschen mit Migrationshintergrund stellen keine „soziokulturell homogene Gruppe“ dar, da sie, ähnlich wie die Gruppen der älteren Menschen, sehr unterschiedliche Bedürf­nisse haben (Schubert et al. 2014a: 19). Exemplarisch wurden hier bereits unterschiedli­che Zuwanderungsgründe in Kapitel 1 aufgezeigt. Auch in der Forschung können Men­schen mit Migrationshintergrund nur schwer differenziert repräsentiert werden (BMFSFJ 2017: 88). Begründet wird dies unter anderem durch die Begriffsdefinitionen, da Unter­schiede zwischen den Bezeichnungen „Migrationshintergrund“, „Staatsangehörigkeit“ o­der auch „Ausländer“ existieren (vgl. Schröer/ Schweppe 2010: 369).

Wie bei alternden Menschen ist auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund der demografische Wandel zwingend zu betrachten. Deutschland gilt offiziell als Zuwande­rungsland (vgl. Schimany et al. 2012: 69). Des Weiteren steigen die Zahlen älterer Men­schen mit Migrationshintergrund, was für die Bundesregierung eine neue Situation dar­stellt (vgl. ebd.: 19). Im Jahr 2010 waren Menschen mit Migrationshintergrund mit einem Altersdurchschnitt von 35 Jahren noch jünger als der Teil der Bevölkerung ohne Migra­tionshintergrund mit 44 Jahren (vgl. Baykara-Krumme 2012: 9). In Zukunft werden die Gruppen der Menschen mit Migrationshintergrund jedoch nur etwas später als die restli­che Bevölkerung die Alterung der Gesellschaft durchleben (vgl. Schimany et al. 2012: 19). Deshalb müssen sich die Bundesregierung und die Kommunen stärker mit den Her­ausforderungen befassen, Forschungen betreiben und Konzepte erarbeiten, um ältere Menschen mit Migrationshintergrund aktiv zu integrieren (vgl. ebd.: 20).

Um die Chancen und Hürden bei der integrativen und teilhabeorientierten Arbeit mit äl­teren Menschen mit Migrationshintergrund verstehen zu können, muss zunächst defini- torisch eine Grundlage geschaffen werden. Integration und Assimilation sind wichtige Begriffe in Bezug auf die Migration. Hierbei ist die „handlungstheoretische“ Sichtweise von Hartmut Esser von hoher Bedeutung (Schnur et al. 2013: 11).

Esser teilt Integration in System- und Sozialintegration auf (ebd.). Während in der Sys­temintegration die Gesellschaft als Gesamtheit betrachtet wird, beschäftigt sich die So­zialintegration mit den individuellen Akteur*innen eines Systems (vgl. Esser 2001: 3f). Generell handelt es sich bei diesem Modell um Bereiche, die zwar gegenseitig auf sich wirken, jedoch vor allem auf der theoretischen Ebene zum Verstehen von Assimilations­prozessen getrennt voneinander betrachtet werden können (vgl. Kalter 2008: 21). Für die Bachelorarbeit ist die Sozialintegration von vordergründiger Bedeutung. Bei dieser wird der Begriff der Assimilation, also die Aufgabe der alten Bezüge und Annahme Neuer, wie beispielsweise das Erlernen der neuen Sprache, häufig verwendet (vgl. Esser 2001: 69f). Zur besseren Einordnung werden folgend die einzelnen Dimensionen der Assimila­tion vorgestellt. Während die kulturelle oder auch „kognitive Assimilation [Hervorheb. d. Verf.]“ unter anderem darauf achtet, inwiefern die Menschen die deutsche Sprache und die Wertevorstellungen übernommen haben, fokussiert sich die „strukturelle Assimila­tion [Hervorheb. d. Verf.]“ beispielsweise auf die Einkommensverhältnisse und berufli­che Positionen (Esser 1980: 221f). Die „ soziale Assimilation [Hervorheb. d. Verf.]“ um­fasst unter anderem die Themen Vereinsmitgliedschaften, Heiratsverhalten und Freund­schaften über unterschiedliche Nationalitäten hinweg (ebd.). Die „ identifikatorische Di­mension [Hervorheb. d. Verf.]“ beschreibt das subjektive Gefühl der Zugehörigkeit und ob zum Beispiel ein Wunsch nach einer Wiederkehr in die Ursprungsheimat besteht (ebd.). Hier wird bewertet, ob die Menschen sich eher ihrem Heimatland oder ihrem Zu­wanderungsland zugehörig fühlen (ebd.).

Im Nationalen Integrationsplan von 2007 wird die Integration auf quartiersbezogener Ebene besonders hervorgehoben. Mit der Einstellung „Integration entscheidet sich vor Ort“ unterstützt die Bundesregierung Programmpunkte der Sozialen Stadt zur sozial­räumlichen Integration (Bundesregierung 2007: 24). Die Bundesregierung beschäftigt sich in ihrem Integrationsplan mit unterschiedlichen Themenbereichen, wobei quartiers­bezogene Integrationsgedanken einen eigenen, relevanten Bereich darstellen (vgl. ebd.: 109ff). So lassen ländliche Räume oft andere Möglichkeiten und Voraussetzungen als Großstädte verzeichnen (vgl. ebd.: 109). Mit der Thematisierung reagiert die Regierung auf den Trend, soziale Auffälligkeiten direkt individuell im Quartier anzugehen, wodurch kommunale Integration je nach Ausgangslage differenziell angegangen werden kann (vgl. ebd.: 110ff).

Im folgenden Unterkapitel wird deshalb zunächst erläutert, was unter einem quartierbe­zogenen Blickwinkel verstanden wird und inwiefern er für die Zielgruppen der älteren Menschen mit Migrationshintergrund von besonderer Bedeutung sein kann. Wie Schröer und Schweppe (2010: 374) passend aussagen, hängt „Alter(n) von Menschen mit Migra­tionshintergrund [...] von den Lebenslagen und damit von den Handlungsspielräumen [...], die sich eröffnen [...] ab“.

2.3 Sozialraumorientierung als zielgruppensensible, aktivierende Option

Räume im Generellen „ sind keine absoluten Einheiten, sondern ständig (re)produzierte Gewebe sozialer Praktiken “ und können somit nicht klar abgegrenzt werden (Kessl/ Reut- linger 2010: 21, Hervorheb. i. O.). Generell kann von einem relativen und einem absolu­ten Raumverständnis ausgegangen werden (vgl. ebd.: 22f). Für den Ansatz der Sozial­raumorientierung ist eine Mischung aus beiden Ansätzen hilfreich, um die Komplexität des Sozialraums zu begreifen (vgl. Deinet 2009: 46f). Ausschließlich von absoluten, fi­xierten Räumen auszugehen, gilt als unzureichend (vgl. Reutlinger 2009: 19). Räume können nicht komplett administrativ festgelegt werden, wenn von sozialen Blickwinkeln ausgegangen wird (vgl. ebd.). Der Begriff des Sozial raums kann nicht eindeutig definiert werden, da hier stetige Weiterentwicklungen von Definitionen und Perspektiven ver­schiedene Ansichten provozieren (vgl. Schnur et al. 2013: 10). Um trotzdem eine Ver­ständnisgrundlage vorzugeben, wird in dieser Bachelorarbeit von Sozialräumen „als Handlungs- oder Entwicklungsräume[n, d. Verf.]“ gesprochen (Kessl/ Reutlinger 2010: 30). Durch diese Sichtweise wird den Bürger*innen die Möglichkeit zugesprochen, ihren Raum aktiv selbst gestalten zu können (vgl. ebd.: 30f). In erster Linie wird der Sozialraum als Resultat von Interaktionen definiert, wobei auch hier vorgegebene quartiersbezogene Voraussetzungen nicht außer Acht zu lassen sind (vgl. ebd.: 25).

Für ältere Menschen ist der Sozialraum, das Quartier oder der Stadtteil meist von beson­ders hoher Bedeutung. Dies liegt zum einen am Wegfall der Erwerbsarbeit, durch den ein großer Bestandteil des Lebensalltags neu strukturiert werden muss (vgl. Steffen et al. 2007: 16). Der Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand kann vor allem für Men­schen mit Migrationshintergrund schwerwiegende Folgen haben, wenn diese beispiels­weise durch den fehlenden Kontakt zu ehemaligen Kolleg*innen die deutsche Sprache nicht mehr nutzen müssen und somit die zuvor beschriebene kulturelle Assimilation Rückschritte aufweisen könnte (vgl. Schröer/ Schweppe 2010: 371). Zum anderen ist das Quartier für ältere Menschen aufgrund körperlicher Beschwerden häufig der Lebensmit- telpunkt: Der Gang zum Einkaufen, ein Besuch im Park nebenan oder ein Treffen mit Nachbar*innen in unmittelbarer Nähe bekommt plötzlich eine hohe Bedeutung (vgl. Stef­fen et al. 2007: 15f). Die Aktivierung älterer Menschen in ihrem Sozialraum kann eine Pflegebedürftigkeit verzögern oder verhindern, was vor allem in Anbetracht der immer weiter steigenden Anzahl hochbetagter Menschen interessant sein kann (vgl. Knopp 2009: 155). Aufgrund dieser Punkte kann der Sozialraum für ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichzeitig Hilfe oder Hindernis darstellen, abhängig da­von, wie stark die Kommunen und lokalen Akteur*innen auf die differenziellen Zielgrup­pen eingehen und Möglichkeiten schaffen (vgl. Schnur et al. 2013: 9). Möchten Fach­kräfte mit älteren Menschen sozialraumorientiert arbeiten, steht oftmals die „Erweiterung von Handlungsfähigkeit Älterer“ im Raum (Knopp 2009: 163f). Da vor allem die Zahl der älteren Menschen mit Migrationshintergrund steigt und die sozialraumorientierte Al­tenhilfe zunehmend wichtigere Bereiche einnehmen wird, ist eine spezielle Auseinander­setzung mit der Erreichbarkeit dieser Zielgruppen zu erwarten (vgl. Kapitel 2.2). Die im Kapitel 3 vorgestellten Forschungsprojekte verfolgen häufig unterschiedliche Ansätze, um ältere Menschen mit und ohne Migrationshintergrund kreativ anzusprechen und ihnen Gestaltungs- und Handlungsoptionen aufzuzeigen. Grundlage sollte hierfür eine Ausei­nandersetzung der Akteur*innen mit partizipativen Arbeitsweisen sein. Diese wird im folgenden Kapitel vorgenommen.

2.4 Gesellschaftliche Teilhabe zur Sicherung eines zufriedenen Lebens

Partizipation, oder auch gesellschaftliche Teilhabe, gilt als Menschenrecht (vgl. BMFSJ 2017: 22). Im Zuge dessen spricht Beate Rudolf (2017: 14) davon, dass die Menschen­rechte „die Selbstbestimmung eines jeden Menschen in allen Lebensbereichen sichern [sollen, d. Verf.], wobei Teilhabe als ein untrennbarer Bestandteil dieser Selbstbestim­mung gesehen wird.“ In der Bachelorarbeit wird spezifisch von gesellschaftlicher Teil­habe gesprochen, was die Einbindung und Mitwirkung an der Gestaltung gesellschaftli­chen Lebens in sozialer, kultureller und politischer Weise betrifft (vgl. Vogel et al. 2017: 45f). Köster et al. (2008: 24) sprechen davon, dass „der Ausbau von Partizipation ermög­licht [...], dass ältere Menschen in die Mitte der Gesellschaft rücken.“ Damit die Partizi­pation jedoch bedarfsgerecht stattfindet, definieren die Autor*innen vier Stufen der Par­tizipation (vgl. ebd.: 25f). Bei Stufe 1 können sich die Senior*innen über die Themen lediglich berichten lassen, während sie bei Stufe 2 aktiv mitarbeiten und bei Stufe 3 sogar mitbestimmen können (vgl. ebd.). Innerhalb der vierten Stufe wird komplett unabhängig und eigenständig gearbeitet und entschieden, wodurch dies ist die höchste Stufe des Par­tizipationsmodells darstellt (vgl. ebd.). Akteur*innen der Altenhilfe, die funktionierende Angebote initiieren möchten, müssen dementsprechend entscheiden, wie partizipativ sie wirklich arbeiten wollen und können, denn oftmals sind hohe Partizipationsstufen mit vielen finanziellen, personellen und organisatorischen Hürden verbunden.

Neben weiteren persönlichen und gesamtgesellschaftlichen Faktoren gilt die gesellschaft­liche Partizipation für ältere Menschen häufig als ein Indikator für ein zufriedenes Leben, wodurch der hohe Stellenwert des Themenbereichs deutlich wird (vgl. Motel-Klingebiel et al. 2010: 19f). Die Teilhabe kann durch physische und/oder geistige, altersbedingte Einschränkungen erschwert werden (vgl. BMFSFJ 2017: 22). Ebenso werden Menschen, die ihr Leben lang benachteiligt wurden oder keine Verbindung zu partizipativen Ange­boten hatten, seltener angesprochen als bereits gut vernetzte Menschen (vgl. ebd.). Es kann deshalb die Frage aufgeworfen werden, ob die Menschen, die die Angebote drin­gend benötigen würden, schlussendlich nicht erreicht werden (vgl. Rüßler et al. 2013: 306f).

Der Siebte Altenbericht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Ju­gend (BMFSFJ) beschäftigt sich ebenfalls mit der Verbindung von kommunaler Alten­hilfe und gesellschaftlicher Teilhabe (vgl. BMFSFJ 2017: 20). Hier wird angesprochen, dass Kommunen die Partizipation Älterer in ihr Leitbild einpflegen sollten, um auf prak­tischer Ebene richtungsweisend handeln zu können (vgl. ebd.: 23). Nur so können Grund­lagen für Partizipationsstrukturen gesetzt werden. Außerdem merken sie an, dass ältere Menschen mit Migrationshintergrund „unterschiedliche Teilhabechancen“ haben, jedoch trotzdem häufig ähnliche Bedürfnisse wie Menschen ohne Migrationshintergrund vor­weisen (ebd.: 87f). Umso mehr zeigt dies die Notwendigkeit, Teilhabemöglichkeiten äl­terer Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern, wie Özgelik, Leiterin der Ko­ordinierungsstelle „Leben im Alter“ in Oberhausen, treffend zusammenfasst:

„Um die gesellschaftliche Teilhabe von älteren MigrantInnen zu fördern und sie in die Gestaltung ihrer Umwelt einzubeziehen, sind niedrigschwellige, kultursensible Beteiligungsangebote und Strategien nötig, wie zum Beispiel die Einrichtung von Kommunikations- und Begegnungsorten, die Unterstützung ethnischer Selbstorga­nisationen oder die Förderung von Nachbarschaften.“ (Özqelik 2012: 59)

Inwiefern dies utopische oder realistische Ansprüche sind, kann gegebenenfalls bereits durch die nun folgenden Forschungsprojektvorstellungen eingeschätzt werden.

3 Vorstellung und Einordnung der Forschungsprojekte

In Kapitel 3 werden die einzelnen Forschungsprojekte verkürzt vorgestellt. Es folgen Dar­stellungen zu ihren Rahmenbedingungen und Zielsetzungen, genau wie ein grober Ablauf zur verbesserten Einordnung. Hierbei wurden, wie in Kapitel 1 erläutert, bewusst Projekte ausgewählt, die sich unterschiedlich intensiv auf Quartierbewohner*innen mit Migrati­onshintergrund beziehen. Dies soll ein realistischeres Bild der aktuellen Sozialraumfor­schung skizzieren.

3.1 Öffnung des Wohnquartiers für das Alter

Das Projekt der Fachhochschule Köln, „Öffnung des Wohnquartiers für das Alter“1, war ein Teil der Förderlinie SILQUA und lief von 2010 bis 2013 (vgl. Schubert et al. 2014a: 7). Stattgefunden hat das Forschungsprojekt in den Stadtteilen Köln Ehrenfeld und Neuehrenfeld (vgl. ebd.: 79). Der Fokus lag auf die dazugehörigen Quartiere Veedel, Vo­gelsanger Straße und Neuehrenfeld (vgl. ebd.). Hierbei wurde

„[...] das zentrale Ziel [verfolgt, d. Verf.], im Sozialraum des [...] Stadtteils eine kommunikative Infrastruktur zur Stärkung derjenigen älteren Menschen zu entwi­ckeln, die sich zurückgezogen haben, nicht eigenständig in lokale Beziehungsnetz­werke involviert sind und von daher kaum für Informationen und Angebote von Trägern der Altenhilfe erreichbar sind.“ (Schubert et al. 2011: 1)

Um dieses Ziel zu erreichen und eine Infrastruktur zu entwickeln, wurde eine gewisse Verfahrensweise eingehalten. Zunächst fand im Arbeitspaket „ Aufklärung der Lebens­situation älterer Menschen [Hervorheb. d. Verf.] “ eine quantitative Haushaltsbefragung von Bewohner*innen ab 60 Jahren statt (Schubert et al. 2014a: 75f). Hierbei galt es her­auszufinden, wie die aktuelle Lebenssituation aussieht und ob die älteren Menschen be­stehende Angebote kennen und nutzen (vgl. Schubert et al. 2011: 4). Außerdem war für das weitere Vorgehen von Interesse, welche Lebensräume die Quartierbewohner*innen alltäglich nutzen würden (vgl. ebd.).

Anschließend wurde im Rahmen des Arbeitspaketes „ Untersuchung der Lebenssitua­tion älterer Menschen [Hervorheb. d. Verf.]“ eine „Aktionsraumanalyse“ initiiert. Hier- bei wurden 22 „Gelegenheiten“ hervorgehoben, die laut der Befragung oft von älteren Menschen besucht werden (Schubert et al. 2014a: 75 und 77). Als Beispiele wurden „[...] Geschäftsinhaber/innen, Verkäufer/innen, Ärztinnen und Ärzte und Apotheker/innen so­wie weitere lokale Dienstleister“ genannt (Schubert et al. 2014b: 3). Diese würden als Vermittlungspunkte und als Multiplikator*innen agieren, um ihre Kund*innen auf beste­hende Angebote aufmerksam machen zu können und neue Menschen anzusprechen (vgl. ebd.: 3f; vgl. Knopp 2015a: 112f). Es sollte „[.] eine ,Kommunikationsinfrastruk- tur‘[.] entwickelt werden, die im Wohnquartier die ,natürlichen Kontaktpunkte‘ von zu­rückgezogen lebenden älteren Menschen als ,Brücke‘ für den Austausch von Informatio­nen und Leistungen [.]“ fungiert (Schubert et al. 2011: 1).

Für das weitere Vorgehen wurden im Rahmen des Arbeitspaketes „ Sammlung guter Beispiele in Deutschland und Europa [Hervorheb. d. Verf.] “ zunächst bestehende Pro­jekte analysiert, um funktionierende Bestandteile übernehmen zu können und somit samt der eigenen Ergebnisse ein Infrastrukturmodell zu erstellen (vgl. Schubert et al. 2014a: 75 und 77). Dies wurde „Gute-Praxis-Analyse“ genannt (ebd.: 77).

Mit Blick auf diese Daten und Informationen wurden im folgenden Arbeitspaket „ Ent­wicklung eines Infrastrukturkonzepts und Überprüfung seiner Akzeptanz [Hervor­heb. d. Verf.]“ unter den Instanzen der älteren Bewohner*innen, der lokalen Akteur*in- nen und der Vermittler*innen Gespräche geführt (vgl. ebd.: 75 und 77f). Um herauszu­finden, welche der vermittelnden „Gelegenheiten“ das meiste Potential und die höchste Bereitschaft zur Wissensvermittlung haben, wurden hier Befragungen durchgeführt (vgl. ebd.: 78). Neun der ursprünglich 22 „Gelegenheiten“ nahmen an der Erprobung des Inf­rastrukturmodells teil (vgl. ebd.). Beteiligt waren zwei Arztpraxen, zwei Apotheken, ein Friseur, ein Laden des Einzelhandels, eine Bäckerei, eine Gaststätte und ein Kiosk (vgl. Schubert et al. 2014b: 4).

Abgeschlossen wurden die Arbeitspakete mit der „ Ermittlung der Kosten und des so­zialen Nutzens [Hervorheb. d. Verf.] “, bei dem auch das Infrastrukturmodell evaluiert wurde (Schubert et al. 2014a: 75 und 78).

3.2 Lebensqualität im Wohnquartier

Die Fachhochschule Dortmund initiierte das Forschungsprojekt „Lebensqualität im Wohnquartier“2, welches im Rahmen der Förderlinie SILQUA von 2010 bis 2013 in Gel­senkirchen durchgeführt wurde (vgl. Rüßler/ Stiel 2015: 157).

Das Ziel war hierbei, ältere Menschen dazu zu bewegen, selbst Maßnahmen zur Besse­rung der Lebensqualität im Wohnquartier zu entwickeln (vgl. Rüßler et al. 2015: 43). Es galt die Annahme, dass die Lebensqualität der Älteren abhängig von selbstbestimmter Teilhabe und Mitwirkung zur Gestaltung des Wohnumfelds ist (vgl. Köster et al. 2012: 409).

Das LiW-Projekt lässt sich in vier Phasen aufteilen. Bereits während der ersten Phase, „ Felderschließung [Hervorheb. d. Verf.]“, zeigten sich hier bereits Besonderheiten (Rüßler et al. 2015: 48). Anders als bei anderen Projekten, wurde hier der Planung des Untersuchungsraumes viel Aufmerksamkeit gewidmet (vgl. Knopp 2015a: 109f). Es wurde ein Werkzeug entwickelt, das statistische Daten und Erkenntnisse von Gesprächen mit Expert*innen in eine Rangliste einfügt (vgl. ebd.: 110). Nach diesem Prozess wurde der Gelsenkirchener Stadtteil Schalke als Untersuchungsraum festgelegt und eine Steue­rungsgruppe gegründet (vgl. Rüßler et al. 2015: 48). Es folgten eine Dokumentenanalyse, eine schriftliche Befragung älterer Quartierbewohner*innen, Recherchen um Akteur*in- nen im Stadtteil und Expert*inneninterviews (vgl. Köster et al. 2012: 415f).

Die „Entwicklung von Pilotmaßnahmen [Hervorheb. d. Verf.]“ wurde in der zweiten3 Phase fokussiert (Rüßler et al. 2015: 50). Die Steuerungsgruppe organisierte hier zunächst zwei Quartierskonferenzen für ältere Menschen in Schalke, die oftmals durch die voran­gegangene Befragung interessiert an der Thematik waren (vgl. Heite 2013: 5). Hier fand die Methode des World-Cafés Anwendung und die älteren Bewohner*innen konnten The­menfelder formulieren, die zur Verbesserung der Lebensqualität im Quartier führen könn­ten (vgl. Rüßler/ Stiel 2015: 161). Die Themenfelder lauteten „Sicherheit und Sauberkeit, Gemeinschaftliches Zusammenleben, Wohnen und Wohnumfeld, Mobilität und Ver­kehrssicherheit und Öffentlichkeitsarbeit.“ (ebd.) Es wurden hierfür Arbeitsgruppen ge­bildet und „Pilotmaßnahmen“ geplant (Köster et al. 2012: 416). Mit Beginn der dritten Quartierskonferenz wurde die dritte Projektphase und somit die „ Umsetzung der Pilot­maßnahmen [Hervorheb. d. Verf.]“ angegangen (Rüßler et al. 2015: 51). Hierzu sollte zunächst der Sozialraum erkundet werden. Angewandt wurden die Nadelmethode und darauf aufbauend die Stadtteilbegehung (vgl. ebd.). Die Ergebnisse der Methoden wurden in Form von Postern in der sechsten Quartierskonferenz vorgestellt (vgl. Rüßler/ Stiel 2015: 162). Gleichzeitig wurden Lösungsvorschläge und Handlungsreihenfolgen erarbei­tet (vgl. ebd.). Es folgte Phase vier, die „ Ergebnisaufbereitung und Entwicklung eines Handlungsrahmens [Hervorheb. d. Verf.]“ (Rüßler et al. 2015: 53). Hier wurden zu­nächst „ biografisch-narrative Interviews mit sieben Personen durchgeführt, die über ei­nen längeren Zeitraum an den Quartierskonferenzen teilnahmen.“ (ebd., Hervorheb. i. O.) Wichtig war hier vornehmlich, dass die Befragten einen möglichst unterschiedlichen Bil- dungs- und Einkommensstatus aufweisen würden (vgl. ebd.).

Gleichzeitig planten die einzelnen Arbeitsgruppen ab der siebten Quartierskonferenz in­tern Möglichkeiten und Maßnahmen, um ihren Themenbereich zu verbessern (vgl. Rüß- ler/ Stiel 2015: 162). Beispielsweise setzte sich somit die Gruppe „Wohnen und Woh­numfeld“ für „seniorengerechte, bezahlbare Wohnungen“ ein, indem sie passende Häuser dokumentierte und Eigentümer zu Diskussionsrunden motivierte (Rüßler et al. 2015: 122). Abschließend wurden die Erkenntnisse mittels unterschiedlicher Verfahren ausge­wertet und zu einem Handlungsrahmen für Akteur*innen, Kommunen und Fachkräfte formuliert (vgl. Köster et al. 2012: 416).

[...]


1 Nachfolgend wird das Projekt „Öffnung des Wohnquartiers für das Alter“ aus Gründen des besseren Le­seflusses mit „ÖFFNA“ abgekürzt.

2 Nachfolgend wird das Projekt „Lebensqualität im Wohnquartier“ aus Gründen des besseren Leseflusses mit „LiW“ abgekürzt.

3 Nachfolgend wird das Projekt „Ältere Migrant(inn)en im Quartier: Stützungund Initiierung von Netzwer­ken der Selbstorganisation und Selbsthilfe“ aus Gründen des besseren Leseflusses mit „AMIQUS“ abge­kürzt

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen mit Migrationshintergrund aus sozialräumlicher Perspektive
Hochschule
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Note
1,3
Jahr
2020
Seiten
73
Katalognummer
V976751
ISBN (eBook)
9783346326539
ISBN (Buch)
9783346326546
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialraumorientierung, Teilhabe, Gesellschaftliche Teilhabe, Partizipation, Migrationshintergrund, Senioren, Migrantische Senioren, Ältere Menschen mit Migrationshintergrund, Forschungsprojekte, SONA, SORAQ, ÖFFNA, Saglik, QuartiersNETZ, Vicino, ELA, MitgestALTER, Demographischer Wandel, Niedrigschwelligkeit, Kultursensibilität, Empowerment, Quartierskonferenzen, Empirische Sozialforschung
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen mit Migrationshintergrund aus sozialräumlicher Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/976751

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