Die Figurensprache in "Fegefeuer in Ingolstadt" von Marieluise Fleißer

Was sagt die Sprache über das Verhältnis der Figuren untereinander und zu sich selbst aus?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung ins Fegefeuer Seite

Inhalt des Stücks Seite

Authentizität der Figurensprache Seite

Kommunikation in der ersten Szene Seite

Einfluss der Religion auf die Sprache Seite

Deutung und Fazit Seite

Literaturverzeichnis

Einführung ins Fegefeuer

Marieluise Fleißers 1924 veröffentlichtes Erstlingswerk „Fegefeuer in Ingolstadt“ ist ein expressionistisches Drama über das räumlich und geistig beengte Leben eines Rudels Gymnasiasten im Ingolstadt der 1920er Jahre. Es ist ein Stück der Entfremdung - der Figuren von sich selbst, einander und von der Autorität der Kirche mit ihren sittlichen Ansprüchen. Überlieferte Moralvorstellungen, die Enge der Kleinstadt, die Angst vor Ausstoßung und die pubertäre Sexualität wirken dabei wie „Säuren, die Freundlichkeit, Menschlichkeit und Verstand zerfressen“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Moray Mc Gowan 1979 gegen Ende des Jahrzehnts der Fleißer-Renaissance. „Die Retorte, in denen alles zusammenläuft, qualmt und spritzt, ist die Sprache.“1

Einerseits von den Werken Brechts und den Äußerungen Feuchtwangers2, andererseits von ihrer eigenen katholischen Klostererziehung geprägt, stellt Fleißers Sprachstil in „Fegefeuer in Ingolstadt“ eine ungewöhnliche Mischung aus bayrischer Mundart und Katechismusdiktion dar. Ferner ziehen sich syntaktische Fehler durch die Figurensprache, Konjunktionen werden fehlverwendet und sinnentfremdet. Jene Beispiele für die stilistischen Eigenheiten werfen die Frage nach der Intention der Autorin auf. Strebt Marieluise Fleißer nach einer authentischen Momentaufnahme der Umgangssprache zum Zweck einer naturalistischen Milieustudie oder lassen sich die auffälligen Elemente ihrer Kunstsprache zu Deutungshypothesen über die Verhältnisse innerhalb der Gruppe Jugendlicher abstrahieren, die den Mittelpunkt des Dramas bildet?

In meiner Arbeit werde ich erst kurz den Inhalt von „Fegefeuer in Ingolstadt“ wiedergeben, um mich dann der Sprache zu widmen. Zunächst werde die Vermutung widerlegen, dass Fleißer auf ein repräsentatives Abbild der Umgangssprache abzielt. Im Anschluss werde ich herausarbeiten, worin die stilistischen Auffälligkeiten in der Figurensprache bestehen und welche Aussagen sich daraus über die Figurenkonstellation in „Fegefeuer in Ingolstadt“ ableiten lassen. Danach werde ich die Rolle der Religion hinsichtlich Sprache und Identität der Jugendlichen darstellen und zum Schluss eine zusammenfassende Deutung formulieren. In meinen Untersuchungen werde ich mich überwiegend auf das Gespräch zwischen Olga, Clementine und Berotter konzentrieren, welches hinsichtlich der Kommunikation als Essenz des ganzen Dramas zu lesen ist.

Inhalt des Stücks

Im Mittelpunkt der Handlung von „Fegefeuer in Ingolstadt“ steht die Gymnasiastin Olga, die ein Kind von ihrem Schulkameraden Peps erwartet. Während dieser sich von ihr abwendet, bringt der Außenseiter Roelle ihr Zuneigung entgegen. Ihre Schwester Clementine ist eifersüchtig, obwohl Rolle aufgrund seines Geruchs und seiner Schilddrüsenvergrößerung von seinen Mitschülern und den Ministranten diffamiert wird. Auch vonseiten seiner Mutter, die er bestiehlt, erfährt er Druck, als er sich zu essen weigert, um Halluzinationen von Engeln zu bekommen. Auf dem Marktplatz gibt er sich als Heiliger aus, scheitert aber bei seinem Versuch, einen Engel zu beschwören, und wird mit Steinen beworfen. Olga unterstützt ihn, doch probiert danach sich zu ertränken, nachdem sie ihrem fallsüchtigen Vater die Schwangerschaft gebeichtet hat. Roelle rettet sie und gibt sich als der Vater ihres Kindes aus, allerdings erfolglos. Daraufhin überfällt ihn die Angst vor der Hölle und er beschließt, erneut zu beichten. Am Ende jedoch isst er den Beichtzettel.

Authentizität der Figurensprache

Auf den ersten Blick wirkt der Text sehr mündlich geschrieben. So entfällt das teils nicht gesprochene „e“ der Infinitivendung und aus „schreien“ wird „schrein“3 ; „war es“ wird ohne Apostroph zu „wars“ abgekürzt4, die Figuren sprechen häufig in Ellipsen und es fallen umgangssprachliche Ausdrücke wie „Alles Sprüch“5. In der ersten Szene wird die Figur der Olga von ihrem Vater Berotter als frech bezeichnet, indem er fragt: „Hängst du mir das Maul an?“6. Da diese Redewendung dem bairischen Dialekt entstammt, dürfte sie unverständlich gewesen sein für das hochdeutsche Publikum des Deutschen Theaters in Berlin, dem „Fegefeuer in Ingolstadt“ 1926 uraufgeführt wurde.

Man könnte vermuten, dass die damals 25-jährige Fleißer als gebürtige Ingolstädterin Schwierigkeiten hatte, auf Hochdeutsch zu schreiben, da sie anlässlich der Wiederentdeckung ihrer Stücke zu Beginn im Jahre 1971 im Interview äußerte: „Sprache kommt bei mir aus dem Unbewu[ss]ten heraus, ich kann sie mir nicht aussuchen, sie ist untrennbar mit mir verbunden.“7

Gegen ihre Selbstaussage spricht allerdings, dass beispielsweise der 2. Ministrant seine Rede auf dem Marktplatz grammatikalisch fehlerlos und frei von bairischem Dialekt hält. Demzufolge handelt es sich bei Fleißers Figurensprache nicht um eine instinktive, alternativlose, sondern um eine bewusst gewählte Kunstsprache.

Während darin einige Elemente der bairischen Mundart verschriftlicht werden, fehlen andere ganz: Einerseits begrüßen sich die Figuren in einigen Fällen mit „Servus“, vereinzelt treten bairische Redewendungen auf, das Personalpronomen „du“ fällt weg und die Diphtongveränderung in der Konjugation von Verben wie „laufen“ findet nicht statt. So sagt der Agent Protasius zu seinem Schützling: „Und dann brauchst Handschellen zum selbsttägigen Einschnappen, weil der auch nicht von selber mitlauft.“8

Andererseits gehören zum Bairischen noch eine Vielzahl weiterer Elemente, die Marieluise Fleißer nicht in die Sprache ihrer Figuren einfließen lässt. Im ganzen Stück kommen kaum für die Region typische phatische Partikel oder Interjektionen vor, kein einziges „gell“ fällt. Alternativ ließe sich der bairische Dialekt beispielsweise folgendermaßen schriftlich darstellen: „An guatn Rutsch allerseits. Erna, des war was, ha?“9

An einer möglichst naturalistischen Reproduktion des Dialekts und Soziolekts scheint es Fleißer also nicht gelegen zu sein. Im Gegenteil äußerte sie schon 1929 in einer Zeitungsumfrage von Bertolt Brecht zum Thema „Neue Stoffe für das Drama?“: „Sitten und Bräuche dürfen nicht natürlich, das heißt verkleinernd, gespielt werden, sondern in einer höheren Art aufzeigend.“

Im nächsten Schritt werde ich mich damit auseinandersetzen, was Fleißers Stil genau abstrakt aufzeigt. Fest steht inzwischen, dass ihr Anliegen nicht primär in Authentizität besteht.

Das bestätigt auch der bairische Journalist Michael Skasa 1971 im Donaukurier: „So, wie ihre Figuren sprechen, redet niemand.“

Kommunikationsverhalten in der ersten Szene

Schon der erste Wortwechsel des Dramas zwischen Olga, ihrer Schwester Clementine und dem Vater Berotter repräsentiert ihren alltäglichen Umgang miteinander und damit abstrakt ihr Verhältnis.

Der Dialog wird dadurch eröffnet, dass Clementine fragt: „Wo ist der Schlüssel in den Wäscheschrank? Alles wird bei uns verlegt.“10 Der erste Eindruck, den die Zuschauerin oder Leserin dadurch bekommt, ist Chaos. Zum einen scheint die Wohnsituation chaotisch, zum anderen zeugt die Struktur des Satzes von gedanklicher Unordnung im Kopf der Clementine, welche ihre Frage mit dem lokalen Fragewort „wo“ einleitet und im Widerspruch dazu mit der Ortsangabe „in den Wäscheschrank“ abschließt. Diese steht im Akkusativ, obwohl ihr Satz kein Verb enthält, das den Akkusativ erfordert.

Aus Clementines Worten geht nicht hervor, an wen sie sich richtet, trotzdem reagiert Berotter, allerdings ohne sich direkt auf ihre Rede zu beziehen, mit der rhetorischen Frage: „Kannst du nicht antworten?“11 Obwohl es den Anschein erweckt, als fordere er eine Antwort auf Clementines Frage nach dem Schlüssel, fühlt Clementine selbst sich angesprochen und entgegnet: „Wenn ich die Betten überziehen mu[ss].“12 Diese Ellipse steht in keinem eindeutigen Zusammenhang mit dem vorher Gesagten und erfüllt zudem als Kondizional keine inhaltliche Funktion, da dem Antezedens kein Konsequens folgt.

An Clementines zweite fehlgeplante Äußerung schließt Berotters Kommentar an: „Die Seitz Hermine soll sich wohl in ein unüberzogenes Bett legen?“13 Da es sowohl in der ersten Szene wie auch im Rest des Dramas kaum Regieanweisungen gibt, kann die Leserin nicht wissen, ob Clementine bereits damit beschäftigt ist, das Bett zu beziehen, doch unabhängig davon kommt in Berotters Reaktion eine negative Erwartungshaltung gegenüber seiner Tochter zum Ausdruck.

Sein dritter Redebeitrag bestätigt die Interpretation: Allein die Erwähnung der Kommode durch seine andere Tochter Olga ist für ihn Anlass, um zu fragen: „Hast du wieder was eigenmächtig herausgenommen?“14

Olgas Reaktion: „Wenn du mir ewig nichts gibst“15 ist strukturell bedingt ähnlich widersinnig wie das elliptische Kondizional vonseiten ihrer Schwester, welche sich in ihrer Folgeäußerung nicht auf Olga, sondern auf Berotter bezieht und mit ähnlich negativer Erwartungshaltung fragt: „Was soll die Hermine denken?“16

[...]


1 Mc Gowan, Moray: Kette und Schuß. Zur Dramatik der Marieluise Fleißer, S.13 in: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur, Heftnummer 64, München 1979, S.11-34.

2 Fleißer, Marieluise: Anmerkungen zu Gesammelte Werke, Band 1, Frankfurt am Main 1972.

3 Fleißer, Marieluise: Fegefeuer in Ingolstadt, S.9, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972.

4 Ebd, S.12.

5 Ebd, S.11.

6 Ebd, S.10.

7 Fleißer, Marieluise im Interview mit A. Forster im Generalanzeiger Wuppertal, 29.4.1971

8 Fleißer, Marieluise: Fegefeuer in Ingolstadt, S.43, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972.

9 Müller, Hanns Christian: Erna, da Baum nadelt!, S. 81 in: Robert Gernhardt, Bernd Eilert, Peter Knorr (Hrsg): Erna, der Baum nadelt. Ein botanisches Drama am Heiligen Abend, Frankfurt am Main 1998, S. 77-81.

10 Fleißer, Marieluise: Fegefeuer in Ingolstadt, S.9, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1972.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Figurensprache in "Fegefeuer in Ingolstadt" von Marieluise Fleißer
Untertitel
Was sagt die Sprache über das Verhältnis der Figuren untereinander und zu sich selbst aus?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V976999
ISBN (eBook)
9783346335302
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fleißer, Fegefeuer in Ingolstadt, Expressionistisches Drama, Dramenanalyse
Arbeit zitieren
Milena Reinecke (Autor), 2020, Die Figurensprache in "Fegefeuer in Ingolstadt" von Marieluise Fleißer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/976999

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