In meiner Arbeit werde ich zunächst den Inhalt von „Fegefeuer in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer wiedergeben, um mich dann der Sprache zu widmen. Zunächst werde die Vermutung widerlegen, dass Fleißer auf ein repräsentatives Abbild der Umgangssprache abzielt. Im Anschluss werde ich herausarbeiten, worin die stilistischen Auffälligkeiten in der Figurensprache bestehen und welche Aussagen sich daraus über die Figurenkonstellation in „Fegefeuer in Ingolstadt“ ableiten lassen. Danach werde ich die Rolle der Religion hinsichtlich Sprache und Identität der Jugendlichen darstellen und zum Schluss eine zusammenfassende Deutung formulieren. In meinen Untersuchungen werde ich mich überwiegend auf das Gespräch zwischen Olga, Clementine und Berotter konzentrieren, welches hinsichtlich der Kommunikation als Essenz des ganzen Dramas zu lesen ist.
Marieluise Fleißers 1924 veröffentlichtes Erstlingswerk „Fegefeuer in Ingolstadt“ ist ein expressionistisches Drama über das räumlich und geistig beengte Leben eines Rudels Gymnasiasten im Ingolstadt der 1920er Jahre. Einerseits von den Werken Brechts und den Äußerungen Feuchtwangers, andererseits von ihrer eigenen katholischen Klostererziehung geprägt, stellt Fleißers Sprachstil in „Fegefeuer in Ingolstadt“ eine ungewöhnliche Mischung aus bayrischer Mundart und Katechismusdiktion dar. Ferner ziehen sich syntaktische Fehler durch die Figurensprache, Konjunktionen werden fehlverwendet und sinnentfremdet. Jene Beispiele für die stilistischen Eigenheiten werfen die Frage nach der Intention der Autorin auf. Strebt Marieluise Fleißer nach einer authentischen Momentaufnahme der Umgangssprache zum Zweck einer naturalistischen Milieustudie oder lassen sich die auffälligen Elemente ihrer Kunstsprache zu Deutungshypothesen über die Verhältnisse innerhalb der Gruppe Jugendlicher abstrahieren, die den Mittelpunkt des Dramas bildet?
Inhaltsverzeichnis
Einführung ins Fegefeuer
Inhalt des Stücks
Authentizität der Figurensprache
Kommunikation in der ersten Szene
Einfluss der Religion auf die Sprache
Deutung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie die spezifische Figurensprache in Marieluise Fleißers Drama „Fegefeuer in Ingolstadt“ die Entfremdung der Jugendlichen untereinander sowie ihre gestörte Selbstwahrnehmung und soziale Isolation innerhalb der kleinstädtischen Gesellschaft widerspiegelt.
- Analyse der sprachlichen Merkmale und Kunstsprache
- Untersuchung von Kommunikationsstrukturen in Dialogen
- Einfluss kirchlicher und gesellschaftlicher Normen auf die Ausdrucksweise
- Die Rolle der Gruppe (Rudel) für die Identitätsbildung
- Zusammenhang zwischen sprachlicher Dysfunktionalität und psychischer Entfremdung
Auszug aus dem Buch
Einfluss der Religion auf die Sprache
Roelle ist eine Figur, die sowohl charakterlich als auch sprachlich Widersprüche in sich vereint, und ihre Identität zwischen Bibeltreue und Teufelsnähe, seiner bemutternden Mutter und den stets spottenden Gleichaltrigen zu suchen scheint. Dabei schwankt er zwischen Selbsterhöhung und Selbsterniedrigung, wobei sich beide Extreme seines Selbstverhältnisses in seiner Sprache manifestieren. So lassen sich die Bibelzitate, die in seine Rede einfließen, als Versuch lesen, Überlegenheit zu demonstrieren. Nach dem Abgang der Ministranten im vierten Bild sagt er beispielsweise zu Olga: „Die wissen nicht, was sie tun.“ Damit spielt er auf Jesus‘ Worte in Lukas 23 an: „Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun!“ - und stellt sich zwar nicht explizit auf eine Stufe mit Jesus, nimmt aber in jedem Fall eine überlegene Position ein, von der aus er stellvertretend für die Ministranten um Vergebung bitten kann.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung ins Fegefeuer: Das Kapitel stellt das Drama im expressionistischen Kontext vor und beleuchtet die thematische Entfremdung sowie die Intention der Autorin hinsichtlich ihres Sprachstils.
Inhalt des Stücks: Es erfolgt eine knappe Zusammenfassung der Handlung, die den Fokus auf die problematischen zwischenmenschlichen Beziehungen der Hauptfiguren legt.
Authentizität der Figurensprache: Dieses Kapitel prüft, ob Fleißers Sprache eine naturalistische Milieustudie darstellt, und kommt zu dem Schluss, dass es sich um eine bewusst gewählte Kunstsprache handelt.
Kommunikation in der ersten Szene: Hier wird anhand des Dialogs zwischen Olga, Clementine und Berotter die alltägliche Kommunikationsstörung und die gedankliche Unordnung der Figuren detailliert analysiert.
Einfluss der Religion auf die Sprache: Das Kapitel untersucht, wie sich religiöse Identität und Bibelsprache mit den persönlichen Unsicherheiten der Figur Roelle verknüpfen.
Deutung und Fazit: Die abschließenden Ausführungen fassen zusammen, dass die gestörte Kommunikation und das „Rudelgesetz“ die soziale Isolation und die gehemmte Selbstfindung der Jugendlichen in Ingolstadt bedingen.
Schlüsselwörter
Marieluise Fleißer, Fegefeuer in Ingolstadt, Figurensprache, Kommunikation, Entfremdung, Dialekt, Kunstsprache, Religion, Identität, Kleinstadt, Rudelgesetz, Sprachanalyse, Jugenddrama, Selbsterhöhung, Isolation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das expressionistische Drama „Fegefeuer in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer im Hinblick auf die sprachlichen Besonderheiten der Figuren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Entfremdung der Jugendlichen, die Rolle der Religion für die sprachliche Identität und die Auswirkungen gesellschaftlicher Normen auf die zwischenmenschliche Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, was die spezifische Figurensprache über das Verhältnis der Charaktere zueinander und zu ihrem eigenen Selbst aussagt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Untersuchung durchgeführt, die sprachliche Merkmale wie Dialekteinflüsse, syntaktische Fehler und religiöse Bezüge auf ihre Deutungsfunktion hin befragt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Prüfung der Sprachauthentizität, eine detaillierte Analyse der Kommunikation in der ersten Szene und eine Untersuchung der religiösen Ausdrucksweise am Beispiel des Roelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Entfremdung, Kunstsprache, Rudelgesetz, soziale Kontrolle, Identitätskonflikt und sprachliche Dysfunktionalität.
Warum nutzt Fleißer eine spezielle Kunstsprache statt echtem Dialekt?
Die Autorin möchte keine naturalistische Abbildung der Realität erzielen, sondern durch die bewusste Gestaltung der Sprache die „höhere Art“ der Darstellung von Sitten und Bräuchen erreichen.
Wie beeinflusst die Kirche als Instanz das Verhalten der Figuren?
Die Kirche fungiert als omnipräsente Norminstanz, deren sittliche Anforderungen die Jugendlichen unter ständigen Beobachtungsdruck setzen und dadurch ihre Identitätsbildung hemmen.
Welche Funktion hat das „Rudel“ innerhalb der Dramenstruktur?
Das Rudel dient zwar oberflächlich als Identitätsanker und Sicherheitsgefühl, engt das Individuum jedoch durch ständige Kontrolle und das Risiko des Ausschlusses massiv ein.
Welche Rolle spielt die „erste Szene“ für die Deutung des gesamten Werks?
Die erste Szene wird als Essenz des Dramas verstanden, da hier bereits das chaotische Kommunikationsverhalten und die tiefgreifende Entfremdung der Figuren zueinander exemplarisch sichtbar werden.
- Arbeit zitieren
- Milena Reinecke (Autor:in), 2020, Die Figurensprache in "Fegefeuer in Ingolstadt" von Marieluise Fleißer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/976999