Das philosophische und phantasievolle Verfahren des Gedankenexperiments


Essay, 2020

5 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

„Gedankenexperimente sind Ausflüge der Phantasie und des Verstandes in mögliche Welten.“

Hans-Ludwig Freese1

Anhand bestimmter Methoden überprüft und dekonstruiert die Philosophie Theorien hinsichtlich derer argumentativer Qualität, indem Fragestellungen oder mögliche Probleme systematisch durchdacht werden. „Wie in anderen Wissenschaften werden auch in der Philosophie Gedankenexperimente entwickelt, um bestimmte Theorien zu widerlegen oder (...) zu entwickeln.“2 Dahingehend wird im Rahmen von Gedankenexperimenten oftmals die Frage „Was wäre wenn...?“ gestellt, um das situative Durchdenken eines philosophischen Sachverhalts, welcher so nicht existiert, anzuregen. Doch nicht nur erkenntnistheoretische Prämissen werden innerhalb der gedanklichen Experimente verfolgt, viel mehr gilt es zu untersuchen, inwieweit sie einen pädagogisch-didaktischen Wert verfolgen. Indem die Denk- und Phantasietätigkeit sowie das Beleben der inneren Freiheit des Geistes angeregt wird, stellen sich Gedankenexperimente als unverzichtbare Methode des Philosophie- und Ethikunterrichts heraus.

Gedankenexperimente, als philosophisches Werkzeug, bringen Annahmen und Situationen hervor, die so nicht bestehen und demnach als kontrafaktische Szenarien begriffen werden können.3 In der Unterscheidung zu solchen Szenarien in der Wissenschaft oder in Filmen, postulieren sich philosophische Gedankenexperimente innerhalb von Überlegungen zu philosophischen Fragen und gewissen Grundbegriffen sowie deren charakteristischen Gegenständen. Dabei ist es bedeutend anzumerken, dass ein philosophisches Gedankenexperiment stetig die Elemente der Einleitung durch philosophische Fragestellung(en), das kontrafaktische Szenario und die Auswertung des Szenarios in Bezug auf die Fragestellung(en) inkludiert.4 Die Einleitung „ordnet das Gedankenexperiment einer oder mehreren philosophischen Disziplinen zu und motiviert es aus diesen Disziplinen und ihren Fragestellungen heraus.“5 Das daraus resultierende kontrafaktische Szenario beschreibt dann alle für die philosophische Fragestellung relevanten Aspekte und fordert den/die Leser*in auf eine bestimmte Situation zu imaginieren.

Das kontrafaktische Szenario eines philosophischen Gedankenexperiments [ist, F.H.] selbst schon als ein Resultat gedankenexperimentellen Vorgehens zu begreifen. Wer ein solches Szenario entwickelt, spielt in Gedanken unterschiedliche Konturen durch. Das Ziel (...) ist es, prägnante Konturen auszuformen.6

Indem das Gedankenexperiment dann einer Auswertung unterzogen wird, werden mehrere zielführende Thesen bzw. Argumente aufgeworfen, die als Schlussfolgerungen der behandelten Fragestellung erblickt werden können. Innerhalb der Praxis des Gedankenexperimentierens, werden „Gegenstände nicht in ihren selbstverständlichen Zusammenhängen, sondern losgelöst von denselben betrachtet.“7 Viele Gedankenexperimente, lassen sich jedoch nicht auf einzelne hervorgebrachte Argumente reduzieren, viel mehr führen einige Szenarien immer wieder zu neuen komplexen Verständnissen der philosophischen Fragestellung. Der experimentelle Charakter der Gedankenexperimente birgt sich also innerhalb des gedanklichen Durchspielens des Sachverhalts bzw. des mentalen Modellierens. „Das mentale Modellieren eines (...) Szenarios ist damit verbunden, dass Zusammenhänge und Konsequenzen des Szenarios erkundet werden.“8 Fraglich bleibt natürlich in welcher Weise das bloße Imaginieren von faktisch nicht bestehenden Experimenten in Gedanken dazu beitragen soll, etwas zu lernen und fruchtbare Erkenntnisse für die Philosophie zu erzielen. Ernst Mach, als der Philosoph, auf den der Terminus Gedankenexperiment zurückgeht, spricht bezugnehmend darauf von Gedankenexperimenten, die wir durch Gedankenerfahrung im Sinne lebhafter Vorstellungen machen, indem sie den untersuchten Gegenständen Leben einhauchen.9 Dass das systematische Funktionieren von Gedankenexperimenten aber nicht ganz einfach zu begreifen ist, stellt sich nicht als Geheimnis heraus. Viel mehr herrscht innerhalb der Philosophie bis heute eine gewisse Uneinigkeit vor, was die eigentliche Bedeutung, Zielsetzung und das Problemspektrum dieser sind.

Gedankenexperimente lassen sich schon auf die vorsokratische Philosophie zurückführen, indem bereits damals kontrafaktische Szenarien ersinnt und für die philosophische Arbeit genutzt wurden. Der eigentliche Nutzen philosophischer Gedankenexperimente wird seitdem als eine bloße philosophische Begriffsarbeit aufgefasst. Da diese Aussage natürlich einen eher pauschalisierenden Charakter einnimmt, stützt sich Bertram in seinem Lese- und Studienbuch zu philosophischen Gedankenexperimenten auf die Ausführungen von Daniel Cohnitz, welcher dreierlei Funktionen von Gedankenexperimenten beschreibt:

(1) Gedankenexperimente können Thesen bzw. begriffliche Zusammenhänge erklären; (2) sie können auf die Änderung bestimmter Überzeugungen zielen; (3) und sie können begriffliche Schärfungen bzw. begriffliche Innovationen provozieren.10

Im Zuge dessen nimmt Cohnitz eine Klassifizierung vor und entwickelt die Gedankenexperimente erklärender Natur, die zur Änderung bestimmter Überzeugungen sowie jene zur Schärfung und Innovation von Begriffen. Diese leisten zum Einen eine erklärende Begriffsarbeit, umfassen aber auch besondere Formen der Argumentation und legen kreativ dar, was Gedankenexperimente so besonders macht.11 Letztlich sollte dahingehend festgehalten werden, dass die gedanklichen Experimente die philosophische Begriffsarbeit zu den Grundbegriffen der menschlichen Existenz kreativ zu unterstützen scheinen.

Um auch das Philosophieren mit Kindern als weitreichende Reflexionserfahrung darzustellen, verweist Hans-Ludwig Freese explizit auf die Erkenntnismethode der Gedankenexperimente im Sinne der produktiven Leistung der Phantasie.

Die Akzentuierung von Gedankenexperimenten für das Philosophieren mit Kindern hat einen sehr allgemeinen Aspekt: Man möchte – mit einem spekulativen Instrument, zur Entwicklung des Vorstellungslebens – die Phantasie der Kinder stärken. In diesem sehr allgemeinen Verständnis sind Ausflüge der Phantasie und des Verstandes in mögliche Welten gemeint.12

Gedankenexperimente sind dahingehend für die erste Organisation der Vorstellungen und Gefühle angedacht, die später mit einer fiktiven und wirklichkeitskonstituierenden Funktion einhergeht. Diese Erkenntnismethode folgt dabei dem klassischen „Wenn-Dann-Folge“ - Schema, um hypothetische Situationen durchdenken, analysieren, überprüfen und variieren zu können. Die Phantasiereise, die mit Gedankenexperimenten einhergeht, soll dann eine imaginative Reflexion des Szenarios herbeiführen.

Die Leichtigkeit, mit der man bei Phantasiereisen seine eigenen Vorstellungen und Auffassungen erkunden kann, liegt darüber hinaus an der Situierung: Wir brauchen uns nur eine konkrete, fiktive Situation vorzustellen. Deshalb sind Phantasiereisen für Freese ‚Intuitionspumpen’. Indem man eine Phantasiereise durchführt, wird man schöpferisch und explorativ tätig, die Gedanken gehen zunächst in die Breite: Man entdeckt ein Land.13

Gerade das Philosophieren mit Kindern im Rahmen von Gedankenexperimenten, stellt sich als besonders gewinnbringend heraus, da die machtvolle kindliche Phantasie keine Grenzen kennt und starre, einschränkende Mauern philosophischen Denkens gar nicht wahrgenommen werden. „Kinder lieben es, sprachliche Ausdrücke wortwörtlich zu nehmen, lebenspraktisch und realistisch zu denken und sich alles ganz bildhaft und konkret auszumalen (...).“14 Das gedankliche Experimentieren kann hierbei mit dem Erfinden einer eigenen Geschichte gleichgesetzt werden, indem die Kinder spielerisch und produktiv in sinnierte Welten eintauchen und ihrem phantasievollen und kritischen Denken freien Lauf lassen. „Ermöglicht man Kindern (...) zu spielen [und, F.H.] mit Möglichkeiten zu experimentieren, so hat man sie auf seiner Seite.“15 Zentral gilt es dabei die produktiven Fragestellungen der Kinder zu fördern, um deren Neugier, Lust und den Möglichkeitssinn voranzutreiben. Zudem lässt sich sagen, dass Gedankenexperimente eine tragende Rolle innerhalb des Aufbaus von Identität spielen und die Zuversicht sowie das Vertrauen in die eigenen Kräfte zu unterstützen versuchen. Beim Erlangen eines Verständnisses des bewussten sowie unbewussten Erleben der Gedankenexperimente, formen die Kinder bestimmte Phantasien, die eine Auseinandersetzung damit ermöglichen. Hinsichtlich dessen, haben sie einen unschätzbar großen Wert, weil sie dazu beitragen, die schwer erschließbaren Dimensionen der Phantasie zu eröffnen. „Phantasien stammen aus den innersten Schichten der Seele, dort, wo unsere tiefsten und geheimsten Sehnsüchte und Ängste leben.“16 Sie stellen sich als eine charakteristische Form der Geistesfähigkeit eines Menschen heraus, indem sie psychische Realitäten herausbilden. Dabei bewegt sich das Phantasieren ständig zwischen Träumen und hellwachem Bewusstsein. Diese Zustände ermöglichen den Prozess der Selbstbeobachtung anhand seitheriger Erfahrungen inkludierenden, nicht zwingend der Realität entsprechenden Vorstellungen. Dabei schaffen wir mit der Phantasie immer wieder neue Wirklichkeiten, die sowohl gefühlvoll, intuitiv als auch empfindend sind.17

[...]


1 Freese, Hans-Ludwig: Abenteuer im Kopf. Philosophische Gedankenexperimente. Berlin: Quadriga Verlag 1995, S. 23.

2 Bertram, Georg W. (Hrsg.): Philosophische Gedankenexperimente. Ein Lese- und Studienbuch. Stuttgart: Reclam 2016, S. 22.

3 vgl., ebd., S. 15.

4 vgl., ebd., S. 18.

5 ebd., S. 18-19.

6 ebd., S. 21-22.

7 ebd., S. 33.

8 ebd., S. 69-70.

9 vgl., ebd., S. 27.

10 ebd., S. 36.

11 vgl., ebd., S. 45.

12 Fröhlich, Michael: Philosophieren mit Kindern. Ein Konzept. Münster: Lit Verlag 2004, S. 169.

13 ebd., S. 171.

14 Freese 1995, S. 37.

15 ebd., S. 38.

16 Heger, Prof. Dietmar: Überlegungen zu: Phantasie in der Entwicklung. In: Märchen in Erziehung und Unterricht heute. Band 2. Didaktische Perspektiven. Hohengehren: Schneider Verlag Hohengehren 1997, S. 59.

17 vgl. ebd., S. 66-68.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Das philosophische und phantasievolle Verfahren des Gedankenexperiments
Note
1,5
Autor
Jahr
2020
Seiten
5
Katalognummer
V978217
ISBN (eBook)
9783346333421
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gedankenexperimente, Philosophie, philosophische Gedankenexperimente
Arbeit zitieren
Helene Fraas (Autor), 2020, Das philosophische und phantasievolle Verfahren des Gedankenexperiments, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978217

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das philosophische und phantasievolle Verfahren des Gedankenexperiments



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden