Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom. Wenn Mutterliebe krank macht


Hausarbeit, 2020

20 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom - Begriffserklärung
Definition, Epidemiologie & Ätiologie
Merkmale und Warnhinweise der Erkrankung
Diagnostik

Die Initiatoren
Die Triebkräfte der Mütter
Vorgehensweisen und Manipulationstechniken
Warnsignale im mütterlichen Verhalten

Die Opfer
Warnsignale der betroffenen Kinder
Folgen für die kindliche Entwicklung

Strategien für eine erleichterte Diagnosestellung in stationären Einrichtungen

Möglichkeiten eines adäquaten pflegerischen Umgangs mit dem MbPS

Fazit:

Literaturverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit soll es um das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom gehen, welches auch als Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom bezeichnet wird. Zum ersten Mal stieß ich auf den Begriff, als ich einen Einsatz in einer Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und-psychotherapie hatte und ein Buch sah, welches die Thematik behandelte. Ich fing an, mich immer mehr mit psychiatrischen Krankheitsbildern auseinanderzusetzen und fand es dabei sehr interessant tiefer in die Thematik einzusteigen, da sich die Literaturrecherche auch nach ausgiebiger Suche als recht schwierig erwies und die meisten vorliegenden empirischen Daten nicht mehr ganz aktuell waren. Meiner Meinung nach ist eine Auseinandersetzung mit der Thematik gut, wenn man eine Ausbildung als Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin macht. Deswegen ist das Ziel der vorliegenden Hausarbeit einen tiefen Einblick in das Krankheitsbild zu gewinnen und sich somit im pflegerischen Alltag für Patientinnen, Patienten und mögliche Situationen zu sensibilisieren, in denen einem das Krankheitsbild im realen Leben begegnen kann. Rückblickend fiel mir tatsächlich auch die Behandlung einer Patientin ein, bei der einige, der im Folgenden genannten, Kriterien und Symptome zutrafen.

Um einen Einstieg in die Thematik zu ermöglichen, werde ich zunächst eine Begriffserklärung vornehmen, welche eine Definition, das Vorkommen des Krankheitsbildes und auch die möglichen Ursachen für die Entstehung dieses beinhaltet. Anschließend werden vier Merkmale des Krankheitsbildes nach Donna Rosenberg und weitere allgemeine Warnsignale, die Hinweise auf ein Münchhausen- by-Proxy-Syndrom liefern können, beschrieben. Darauf folgt ein Abschnitt, in dem diagnostische Möglichkeiten und deren Probleme erläutert werden. Dann werde ich zunächst einen Blick auf die Mütter und ihre konkreten Vorgehensweisen werfen, um darauffolgend die Kinder als Opfer der Misshandlungen in den Blick zu nehmen. Um die vorher erworbenen theoretischen Kenntnisse über das Münchhausen-by-Proxy- Syndrom für die pflegerische Praxis nutzen und umsetzen zu können, werden in einem letzten Schritt zunächst Anregungen für eine bessere Diagnosestellung in stationären Einrichtungen gegeben, um darauffolgend einen adäquaten Umgang mit betroffenen Kindern und den Initiatoren in der Pflege zu beschreiben. In einem abschließenden Fazit werde ich meinen Lernzuwachs, aufgetretene Probleme während der Beschäftigung mit dem Münchhausen-by-Proxy-Syndrom und neu gewonnene Erkenntnisse darstellen, um die Zielerreichung der Hausarbeit zu evaluieren.

Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom - Begriffserklärung

Julie Gregory (2004, S. 7) beschreibt das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom (MbPS) in ihrem wahrheitsgemäßen Erfahrungsbericht als „die komplexeste - und bisweilen sogar tödliche - Form von Kindesmisshandlung, die man heute kennt.". Dabei kommt es immer wieder vor, dass Kinder bei Ärzten vorstellig werden, sich aber keine organische Ursache für ihre Beschwerden zeigt und diese Beschwerden im Laufe des Krankenhausaufenthaltes rasch verbessert werden können (Nowara, 2005, 5.128) . Die Auswirkungen und Erscheinungen dieses Krankheitsbildes sind sehr gravierend.

Definition, Epidemiologie & Ätiologie

Unter dem Münchhausen-by-Proxy-Syndrom versteht man eine Sonderform des Münchhausen Syndroms, welches unter artifizielle Störungen fällt (Nowara, 2005, 5.128) . Artifizielle Störungen bezeichnen selbsterzeugte Krankheitsbilder körperlicher- und psychischer Herkunft (Filchner, 2017, S.19).

Das Münchhausen Syndrom ist gekennzeichnet durch die Produktion objektiv falscher Aussagen oder Erzählungen bezüglich des Auftretens von Krankheitssymptomen (Majda, Dudzik, Jarzabkowska, & Lakomska, 2019, S.394), um beabsichtigt eine Patientenrolle einzunehmen (Zarankiewicz et al., 2019, S. 767) und Aufnahmen in Krankenhäuser oder ärztliche Behandlungen zu erwirken. Diese Manipulationen finden im Gegensatz zum Münchhausen-by-Proxy-Syndrom bei der Person selbst statt. Beim Münchhausen-by-Proxy-Syndrom, welches auch als Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom bezeichnet wird, handelt es sich um eine Form der Kindesmisshandlung, bei der die Mutter als Bevollmächtigte („proxy"= der Stellvertreter/Bevollmächtigte (leo.org)), anstelle einer Selbstschädigung, bei ihrem Kind Symptome auslöst beziehungsweise vortäuscht, um ärztliche Behandlung zu erzielen (Noeker & Keller, 2002, S.1357). In sehr seltenen Fällen handelt es sich bei diesen Bevollmächtigten auch um die Väter oder andere Bezugspersonen der Kinder. Die Bezeichnung des MbPS kommt vom „Lügenbaron von Münchhausen" aus dem 18. Jahrhundert. Dieser versuchte, den Menschen damals, seine vermeintlichen Erlebnisse der vielen Reisen, die er unternahm, zu erläutern und glaubhaft zu machen (Diße, 2014, S.3). Asher nutzte diese Geschichte erstmals 1951, um der Erkrankung mit den zuvor beschriebenen Ausprägungen einen Namen in der psychiatrischen Literatur zu geben (Murray, 1997, S.344).

Zur Prävalenz des MbPS zeigt sich nur eine dürftige Quellenlage, welche deutlich voneinander abweichende Ergebnisse liefert. Eine Studie der Harvard Universität in Boston im Jahre 2002 bestätigt, dass die Zahlen höher sind als zunächst vermutet. Es zeigte sich, dass ein Drittel von 155 Kleinkindern, die bereits mehrfach wegen lebensbedrohlicher gesundheitlicher Ereignisse im Krankenhaus vorstellig wurden, Opfer des Münchhausen-by-Proxy-Syndroms wurden (Truman & Ayoub, 2002, S. 140). Noeker und Keller (2002, S.358) schätzen das Auftreten auf 2,5 Fälle pro 100.000 Kinder im 1.Lebensjahr und auf 0,5 Fälle pro 100.000 Kinder vom 2. bis zum 16. Lebensjahr. Allerdings muss bei diesen Angaben von einer bedeutend höheren Dunkelziffer ausgegangen werden. Es fällt auf, dass die Opfer meist Kleinkinder darstellen, welche zu jung sind, sich verbal zu äußern und von ihrer Misshandlung zu erzählen (Anderson, Feldmann & Bryce, 2018, S. 3). Das durchschnittliche Alter betrug hierbei 4,1 Jahre. Geschlechter sind annähernd gleichermaßen betroffen (Filchner, 2017, S.34). Es fällt auf, dass die verursachenden Personen oft einen Beruf im medizinischen Bereich erlernt haben oder sich sehr für medizinische Themen interessieren (Nowara, 2005, S.129). Dadurch können sie die Symptome und Krankheitsbilder täuschend echt manipulieren.

Über die Ursachen für die Entstehung eines MbPS sind sich Experten relativ einig. Sie gehen davon aus, dass die Mütter in ihrer Kindheit viele Krankenhausaufenthalte und -behandlungen hinter sich haben und diese Erfahrungen nun auf ihre Kinder übertragen wollen. Plassmann (2004, S.3) erläutert, dass es Traumata im Kindheitsalter gibt, die auf drei Ebenen stattfinden und die Entstehung eines MbPS begünstigen können. Zum einen wäre da die konstitutionell-neurobiologische Ebene, auf der es durch angeborene Persönlichkeitseigenschaften zur Entstehung von Hass, Aggression und Gewalt kommt, was zusätzlich durch ein bestimmtes Milieu, in dem die Kinder aufwachsen, begünstigt werden kann. Eine weitere Ebene sind frühere Bindungserfahrungen, die die Kinder traumatisiert haben können. Zur weiteren Ausführung wird dazu das High-Tension-State genannt, welches eine hohe Wahrnehmungsschwelle für kindliche Signale seitens der Mutter bezeichnet. Dadurch sind Mütter unfähig das Verhalten ihrer Kinder durch Zuschreiben mentaler Zustände zu interpretieren. Die letzte Ebene sind Trauma Erfahrungen, welche durch emotionale Vernachlässigung und physischen oder sexuellen Missbrauch zustande kommen. Wenn die Mütter selbst Opfer ihrer eigenen Mütter waren, spricht man vom Second-Hand-Münchhausen-by-Proxy-Syndrom.

Merkmale und Warnhinweise der Erkrankung

Die Kinderärztin Donna Rosenberg stellte 1987 zu 117 Fällen des Münchhausen-by- Proxy-Syndroms eine Literaturübersicht auf und nannte daraus resultierende vier charakteristische Merkmale für das Syndrom (Rosenberg, 1987, S.548-549). Zunächst sei da eine simulierte beziehungsweise produzierte Erkrankung des Kindes von den Eltern oder jemandem an deren Stelle. Das Beschwerdebild beruht nicht auf einer natürlichen Erkrankung; das Kind erscheint objektiv krank, hat aber Symptome, die artifiziellen Ursprungs sind. Das zweite Merkmal ist das mehrfache Vorstellen des Kindes bei Ärzten und das beharrliche Bestehen auf viele medizinische Untersuchungen und Behandlungen, welche physisch und psychisch sehr belastend für die Kinder sind. Als drittes nennt Rosenberg (1987, S.549) das Verneinen der Mütter beziehungsweise der Initiatoren für die Erkrankung des Kindes verantwortlich zu sein, weswegen die Ärzte dann von einem natürlichen Krankheitsursprung ausgehen. Die Mütter beziehungsweise Initiatoren erscheinen in ihren Schilderungen zudem sehr glaubwürdig. Zuletzt wird die oft rasche Verbesserung und das Verschwinden der Symptome bei Trennung des Kindes von seiner Mutter genannt. Diese genannten Merkmale müssen alle gemeinsam auftreten. Tritt eines dieser Merkmale nicht auf, handelt es sich eher nicht um ein Münchhausen-by-Proxy- Syndrom. Außerdem ist zu erwähnen, dass sie lediglich auf Grundlage zahlreicher Berichte zur Erkrankung erstellt wurden und nicht empirisch gesichert sind (Filchner, 2017, S.37). Weitere generelle Warnhinweise, bei denen Ärzte und Pflegekräfte ein MbPS in Betracht ziehen sollten, sind laut Krupinski (2013, S.288, zit. nach Filchner, 2017, S.38) anhaltende oder immer wieder auftretende Symptome des Kindes, bei denen trotz ausreichender Diagnostik keine organische Ursache festgestellt werden kann, gehäufte Klinikaufenthalte ohne Verbesserung der Symptomatiken, trotz Anwendung bewährter Therapiemethoden, Erkrankungsverläufe, die von der „Norm" abweichen und nicht der klinischen Erfahrung entsprechen, ein häufiger Wechsel von Ärzten oder Therapeuten aufgrund mangelnden Einverständnisses der Mutter mit den Behandlungsmethoden und das gehäufte Auftreten solcher Symptomatiken in der Familie beziehungsweise bei Geschwisterkindern. Zudem wurde beobachtet, dass die handelnden Mütter oft pausenlos bei ihren Kindern sind, jedoch nicht so besorgt scheinen wie beispielsweise Krankenschwestern oder Ärzte (Nowara, 2005, S.132)

Diagnostik

Die endgültige Diagnostik bei einem vermuteten Münchhausen-by-Proxy-Syndrom gestaltet sich als äußerst schwierig, da eine eindeutige Entscheidung beziehungsweise Abgrenzung dieser einen Diagnose von allen anderen möglichen Differentialdiagnosen erfolgen muss (Rosenberg, 2003, S. 422). Eine Diagnosestellung nach Rosenberg kann nur im pädiatrischen Kontext erfolgen, da sie davon ausgeht, dass es sich nicht um ein psychiatrisches, sondern pädiatrisches Krankheitsbild handelt. Die Diagnosen werden je nach Grad der Gewissheit gestellt und unterteilen sich in definitive Diagnose, mögliche Diagnose und ausgeschlossene Diagnose (Rosenberg, 2003, S.423). Aufgrund der Komplexität der Thematik wird im Rahmen dieser Hausarbeit nur auf die definitive Diagnose eingegangen, da sie den Grundstein für einen weiteren Umgang mit dem Krankheitsbild legt. Die definitive Diagnose kann nach zwei Prinzipien gestellt werden, dem Einschluss- und dem Ausschlussprinzip. Das Einschlussprinzip für eine definitive Diagnose beinhaltet laut Rosenberg (2003, S.424) folgende Kriterien:

1) Das Kind wurde bereits wiederholt für medizinische Behandlungen vorstellig.
2) Die Vorkommnisse zeigen, dass am gesundheitlichen Zustand des Kindes herumgedoktert wurde.
3) Die Annahme, dass der gesundheitliche Zustand verändert wurde, lässt sich nicht durch fehlerhafte Tests, Missinterpretationen oder Misskommunikation erklären.
4) Medizinisch gesehen gibt es keine andere Erklärung für das Auftreten der Symptome als das Fälschen der Erkrankung
5) Keine Funde schließen ein Fälschen der Erkrankung glaubhaft aus.

Bei der Diagnose mit Hilfe von Ausschlusskriterien geht es darum, dass am Ende der Diagnosestellung nur noch die Möglichkeit des Münchhausen-by-Proxy-Syndroms besteht. Nach Rosenberg (2003, S.424) sind diese Kriterien:

1) Das Kind wurde wiederholt für medizinische Behandlungen vorstellig.
2) Alle Diagnosen, die neben einem MbPS in Frage kämen, wurden beseitigt, indem die wichtigsten medizinischen Befunde und die Gesamterscheinung des Kindes berücksichtigt wurden oder es konnte durch eine Trennung von der Mutter eine bedeutende Verbesserung des gesundheitlichen Zustands erwirkt werden. Falls das Kind tot ist, wurde bei einer Autopsie festgestellt, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod handeln konnte.
3) Es gibt keine Untersuchungsergebnisse, die eine Verfälschung des Gesundheitszustandes glaubwürdig ausschließen können.

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Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom. Wenn Mutterliebe krank macht
Note
1.5
Autor
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V978249
ISBN (eBook)
9783346334855
ISBN (Buch)
9783346334862
Sprache
Deutsch
Schlagworte
münchhausen-by-proxy-syndrom, wenn, mutterliebe
Arbeit zitieren
Klara Dittmar (Autor), 2020, Das Münchhausen-by-Proxy-Syndrom. Wenn Mutterliebe krank macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978249

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