Die Briefe des Cicero. Politik und Freundschaft in Cic. Att. 1,18


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

21 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Briefe des Cicero

2 Die Themen Politik und Freundschaft in Cic. Att. 1,18
2.1 Datierung und Aufbau des Briefes
2.2 Politik: Ciceros Kommentar zu den aktuellen Ereignissen
2.2.1 Die res publica in der Krise (§§2-4)
2.2.2 Die eponymen Konsuln Metellus und Afranius (§5)
2.2.3 Ciceros Beziehung zu Pompeius (§6)
2.2.4 Crassus, ceteri und Cato (§§6-7)
2.3 Freundschaft: Atticus‘ Unersetzlichkeit
2.3.1 Sehnsucht nach Atticus und die Vorzüge seiner Freundschaft (§§1-2)
2.3.2 Aufforderung zur baldigen Rückkehr nach Rom (§8)

3 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Die Briefe des Cicero

Cicero war ein aktiver Briefschreiber und stand mit den unterschiedlichsten Personen in regelmäßiger, teilweise täglicher Korrespondenz. Dies ist insofern erstaunlich, als es zu seiner Zeit noch kein institutionelles Postwesen gab.1 Seine Briefe wurden post mortem zu vier Sammlungen editiert, die insgesamt an die 900 Schreiben, darunter etwa 100 an ihn selbst adressierte, enthalten: Epistulae ad Familiares, Epistulae ad Quintum Fratrem, Epistulae ad Atticum und Epistulae ad Marcum Brutum. Nach opinio communis gelten sie als Privatbriefe, die anders als beispielsweise die stilisierten Kunstbriefe des Plinius d.J. nicht primär zur Veröffentlichung gedacht waren. Als die zeitlich umfangreichste (68-44 v. Chr.) und intimste Sammlung kann man die Briefe an T. Pomponius Atticus sehen, die dem heutigen Leser als wichtige Zeugnisse der damaligen politischen Situation dienen, aber auch einen umfassenden Einblick in die persönliche Gedankenwelt des Cicero gewähren.2

Diese beiden Aspekte – Öffentliches und Privates – soll die vorliegende Arbeit am Beispiel von Att. 1,18 näher durchleuchten. Daher wird zum einen erläutert, wie Cicero in seinem Selbstverständnis als idealer Staatsmann die Ereignisse der im Untergang begriffenen res publica kommentiert sowie analysiert. Dabei begegnet man typisch ciceronischen Motiven wie der concordia ordinum und einigen großen Persönlichkeiten der römischen Republik wie Pompeius oder Cato. Zum anderen steht Ciceros persönlicher Gemütszustand im Mittelpunkt der Betrachtung, der durch die starke Sehnsucht nach seinem nach Athen ausgewanderten Vertrauten Atticus gekennzeichnet ist und Aussagen über die Freundschaft beider Männer ermöglicht. Bevor aber die zwei Themen Politik und Freundschaft im Hauptteil der Arbeit getrennt voneinander behandelt werden, erfolgt im Einführungskapitel sowohl eine Datierung des Briefes als auch ein Überblick über dessen Aufbau. Die anschließende thematische Interpretation konzentriert sich in erster Linie auf Att. 1,18. Allerdings ist für ein eingehendes Verständnis der untersuchten Teilaspekte ein Blick auf den Inhalt anderer, vor allem unmittelbar vorangehender sowie nachfolgender Briefe unerlässlich. Die Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse bildet den Abschluss der Arbeit, wobei ebenfalls die hier in der Einleitung angedeutete Frage nach der Authentizität, d.h. dem Gebrauchscharakter, der Cicero-Briefe aufgegriffen werden soll.

2 Die Themen Politik und Freundschaft in Cic. Att. 1,18

2.1 Datierung und Aufbau des Briefes

Am Ende des Briefes ist die Datierung XI Kal. Febr. Q. Metello L. Afranio coss. vorzufinden, die auf den 20. Januar 60 v. Chr. schließen lässt.3 Mit Blick auf die restlichen Schreiben des Cicero stellt die eponymische Jahresangabe aber eher eine Ausnahme dar. Denn eine solche Datierung weisen in allen Briefsammlungen nur noch Att. 1,12 sowie Att. 1,13 auf.4 Deswegen zweifelt Ludwig Gurlitt an der Authentizität dieser Textstelle und behauptet, die Konsulnamen seien im Rahmen einer Interpolation zur chronologischen Ordnung der ersten Atticus-Sammlung ergänzt worden. Dieser nicht ganz schlüssigen These widerspricht Malcolm MacLaren, der die Angaben wiederum auf einen psychologischen Prozess zurückführt: Am Anfang eines neuen Jahres erfordere die Datierung besonders viel Konzentration, um das noch automatisierte Notieren des Vorjahres zu vermeiden. Dieses auch heute beobachtbare Phänomen habe sich womöglich so auf Cicero ausgewirkt, dass er die bei offiziellen Dokumenten notwendige vollständige Datumsangabe unbewusst auf seine ersten Januar-Briefe übertragen habe. MacLarens Argumentation überzeugt nicht ganz, jedoch scheint es keine alternativen Erklärungsversuche zu geben, da diese drei Sonderfälle in der Forschung bisher weniger Aufmerksamkeit erhielten.5

Inhaltlich lässt sich 1,18 grob in einen Rahmen- (§1, §8) und Binnentext (§§2-7) einteilen. Zwar geht Cicero auch im Laufe des Schreibens immer wieder auf Atticus ein, doch ist der Adressatenbezug gattungsspezifisch am Briefanfang sowie -ende besonders stark.6 Außerdem stehen in diesen Passagen Ciceros private Sorgen im Vordergrund, wohingegen im überwiegenden Teil des Briefes Staatsprobleme thematisiert werden. Cicero möchte die politischen Geschehnisse nach der Abreise seines Freundes Atticus zusammenfassen (ut ea breviter quae post tuum discessum acta sunt colligam, §2) weshalb er auf aktuelle, teilweise aus früheren Briefen bekannte Ereignisse wie auf den Clodius-Prozess (§2) oder auf die Gesetzesbeschlüsse des Senats (§3) zu sprechen kommt, aber auch neue Vorfälle wie den Memmius-Skandal (§3) oder das Ackergesetz des Flavius (§6) erwähnt. Darüber hinaus findet eine Bewertung einflussreicher Persönlichkeiten statt – namentlich die des Herennius (§4), Metellus (§5), Afranius (§5), Flavius (§6), Pompeius (§6), Crassus (§6) sowie des Cato (§7), allgemein die der Optimaten (ceteri, §6) und Steuerpächter (publicani, §7). Insgesamt liest sich Ciceros Zusammenfassung nicht wie eine objektive Berichterstattung, sondern wie ein Kommentar, was u.a. durch stereotype subjektive Formulierungen (z.B. puto, §7) oder Parenthesen (z.B. ut opinor, §2; ut mihi videtur, §7) deutlich wird. Im Folgenden soll zunächst Ciceros Meinung zur aktuellen politischen Lage analysiert werden, bevor dessen Aussagen über seine Freundschaft zu Atticus in den Fokus der Betrachtung rücken.

2.2 Politik: Ciceros Kommentar zu den aktuellen Ereignissen

2.2.1 Die res publica in der Krise (§§2-4)

Als Cicero auf die Politik zu sprechen kommt (vgl. in re publica vero, §2), wird seine Einschätzung der aktuellen Lage relativ schnell ersichtlich: Der Untergang der Republik stehe bevor, was Atticus nach Ciceros Berichterstattung der letzten Geschehnisse zwangsläufig bestätigen werde (vgl. iam exclames necesse est res Romanas diutius stare non posse)7. Besonders auffällig sind die vielen Begriffe aus der medizinischen Terminologie (vulnus, medicina, resecare, sanare), wodurch implizit der krisenhafte Zustand des Staates mit einem kranken Körper gleichgesetzt wird. Neben dieser Metaphorik finden sich außerdem dramatische Formulierungen (primus introitus, fabula Clodianae, locus, flare), die den gleichnishaften Charakter der Briefstelle verstärken.8 Wie schon in vielen vorherigen Briefen stellt das „Clodius-Drama“ (fabula Clodianae)9 auch in diesem Schreiben ein wichtiges Gesprächsthema dar, woran Cicero zum einen seine politische Wirksamkeit festmacht. In seiner ihm zugewiesenen Rolle als Sittenwächter (locus resecandae libidinis et coercendae iuventutis) habe er sich als „alleinige[r] Retter des Staates“10 erwiesen, indem er sich energisch mit voller Verstandeskraft sowie seinem ganzen Talent für dessen Heilung (sanandae civitatis) eingesetzt habe.11 Zum anderen nutzt Cicero die Gelegenheit, seine Motive klar zu stellen. Er werde nicht von persönlichen Hassgefühlen angeleitet (non odio adductus alicuius), sondern handle uneigennützig aus Hoffnung (sed spe) auf Fortbestand der Republik. Allerdings bleibt seine Zielsetzung realistisch. Er strebe keine Reformen (non corrigendae […] civitatis) an, da sich der Staat zunächst von seinen durch Clodius zugefügten vulnera erholen müsse.12

Denn Cicero sieht die grundlegende Ursache für die aktuelle Krise im Gerichtsprozess gegen Clodius, genauer in dessen erkauftem Freispruch (§3).13 Um die Schwere der Staatsverwundung darzulegen – man bemerke die verzweifelte Exclamatio quantum hoc vulnus! („Welch eine große Wunde!“) –, gibt er Atticus einen Überblick über die weiteren Probleme des Staates (vgl. vide quae sint postea consecuta): Neben der Neuwahl eines sorgenbereitenden consul 14 führt er den Reformstau an, da es trotz Senatsbeschluss zu keinem Gesetzesabschied komme (facto senatus consulto […] nulla lex perlata). Eine solche Erfolglosigkeit bedinge eine abnehmende auctoritas der Senatoren. Doch nicht nur die Senatspartei sei aufgebracht, ihre Gesetzesvorschläge de ambitu sowie de iudiciis15 sorgten auf Seiten der Ritter ebenfalls für Empörung.16 Cicero, der die immer größer werdenden Spannungen und Entfremdungsprozesse (vgl. alienati) zwischen den Ständen erkannte, sah daher sein Programm der concordia ordinum als gefährdet. Die Senatoren und Ritter bildeten für ihn die „zwei Grundpfeiler des Staates“ (duo firmamenta rei publicae), die durch die politischen Entwicklungen der letzten Jahre zerstört worden wären.17 Für den Fortbestand der Republik müsse die Wiederherstellung der Solidarität beider Ständen, die man nur Cicero allein (per me unum) zu verdanken habe, oberste Priorität einnehmen. Deswegen sprach er sich trotz des skandalösen Clodius-Prozesses gegen das von Cato initiierte Repetundengesetz aus.18 Ferner stünde dieses „ausgezeichnete Jahr“ (annus egregius) – das Adjektiv egregius ist hier eindeutig ironisch aufzufassen – von Beginn an unter einem schlechten Omen, herbeigeführt durch die beiden Affären des für das Ceresfest zuständigen (vgl. suis sacris) Ädilen C. Memmius. Eine Liebhaberin war die unbekannte uxor des M. Lucullus, die andere stammte aus derselben Familie und war die Ehefrau seines Bruders L. Lucullus. Die Ehebrüche hatten nicht nur die Scheidung (divortium) des Erstgenannten zur Folge, sondern auch dass die immer am Jahresanfang von den Luculli veranstalteten Opferfeiern für die Göttin Iuventas nicht stattfanden (anniversaria sacra Iuventatis non committerentur).19 Die Absurdität dieser Situation steigert Cicero zusätzlich durch einen Vergleich mit Figuren aus der Mythenwelt: Während ille pastor Idaeus – gemeint ist der homerische Paris – lediglich die Frau des Menelaus (= M. Lucullus) verführt habe, habe hic noster Paris, sprich Memmius, mit seiner zweiten Liebelei auch noch dessen Bruder Agamemnon (= L. Lucullus) verspottet.20 Dabei veranschaulichen, wie bereits im Falle des Clodius, auch die Affären des Memmius die in Rom übliche Verbindung politischer Skandale mit Verletzungen von Kulthandlungen.

Im Zusammenhang mit Clodius hat Cicero überdies von einem weiteren Vorfall zu berichten (§4): Der Volkstribun C. Herennius „überführt P. Clodius zur Plebs und beantragt zugleich, dass das gesamte Volk auf dem Marsfeld über die Clodius-Angelegenheit abstimmen soll“21. Denn Clodius strebte als Patrizier das nur für Plebejer zugängliche Volkstribunat an (vgl. 2,1,5), weshalb ein Standeswechsel nötig war. Cicero setzte sich im Senat erwartungsgemäß dagegen ein, doch Herennius beharrte auf seinem Anliegen.22 Letztlich aber scheiterten seine Bemühungen, wie Cicero Atticus im März erzählt (vgl. huic frequenter interceditur, 1,19,5), sodass Clodius sich vorerst nicht zum Volkstribun wählen lassen konnte.23 Dass Cicero ferner nichts von Herennius hält, spiegelt sich in seiner Ausdrucksweise wider. Zum einen scheint er dessen Beharrlichkeit nicht wie eine Charaktereigenschaft, sondern eher wie die Konsistenz eines Materials darzustellen (vgl. nihil est lentius statt nemo est lentior). Zum anderen impliziert er dessen Unbedeutsamkeit, indem er schreibt, Atticus kenne ihn womöglich nicht einmal, obwohl sie laut Cicero Tribusgenossen waren und dessen Vater Sextus vor den Wahlen die Verteilung der Bestechungsgelder durchführte.24

2.2.2 Die eponymen Konsuln Metellus und Afranius (§5)

Nach Herennius kommen die beiden amtierenden Konsuln in Ciceros Visier. Der erstgenannte, Q. Caecilius Metellus Celer, war mit Clodius‘ Schwester Clodia verheiratet und wahrscheinlich ein Halbbruder der Mucia, der dritten Ehefrau des Pompeius.25 Ihm gegenüber äußert Cicero durchaus eine gewisse Wertschätzung, indem er ihn als einen consul egregius („hervorragenden Konsul“) lobt und dessen ihm gewogene Einstellung erwähnt (vgl. nos amat). Anders als das weiter oben noch ironisch gemeinte annus egregius (§3) ist hier das Adjektiv als rühmend zu verstehen.26 Doch unmittelbar an diese positive Darstellung schließt sich ein Kritikpunkt an: Metellus habe nämlich den bereits erläuterten tribunizischen Antrag auf Clodius‘ Wechsel in die Plebs (illud idem de Clodio) veröffentlicht. Die promulgatio läge zwar auf ihrer Verschwägerung begründet, sei also nur „der Form wegen“ (dicis causa) und nicht aus Überzeugung geschehen. Dennoch bewirke diese Aktion eine Schwächung seiner auctoritas.27

Trotz alledem fällt die Bewertung des Metellus bei weitem nicht so negativ aus wie die seines Amtskollegen L. Afranius, dessen politische Inkompetenz Cicero unmissverständlich zum Ausdruck bringt. Inhaltlich lässt sich das in erster Linie an der Bezeichnung Auli filius festmachen. Afranius wird während seiner Kandidatur sowie seines Konsulats von Cicero nie beim Namen genannt, sondern nur als „Aulus-Sohn“ (vgl. auch 1,16,12; 1,20,5) oder auch alter (vgl. 1,19,4).28 Dass er dem Cicero einer namentlichen Erwähnung nicht würdig erscheint, zeigt sich schon im dritten Paragraphen. Dort ist er mit consul gemeint, „den niemand bis auf uns Philosophen ohne ein Seufzer anblicken kann“29. Als Begründung dieser Herabsetzung charakterisiert Cicero Afranius jetzt als untätig (ignavus) und mutlos (sine animo), womit er ihm jegliche Eignung als Konsul abspricht. Er habe folglich seinen schlechten Ruf im Senat (vgl. male audire) seiner Unfähigkeit zu verdanken, wobei seine Eigenverantwortlichkeit durch die Verwendung aktiver Verbformen (vgl. facit; praebeat) besonders hervorgehoben wird. Deshalb stellt Cicero die täglichen Verschmähungen des Senators M. Lollius Palicanus als gerechtfertigt dar (vgl. dignus).30 Im Gegensatz zu ihm selbst sei Afranius eben kein philosophus (§3), worin das platonische Ideal des Philosophenkönigs anklingt,31 sondern könne nur eine militärische Karriere vorweisen (vgl. miles). Dabei erwies er sich im Dienste des Pompeius als so loyal, dass jener die Kandidatur des Afranius mit allen Mitteln förderte, um an die politische Spitze einen Unterstützer seiner eigenen Ziele zu positionieren. Demnach erreichte Afranius seinen Aufstieg zum homo novus durch fremde Hilfe, während Cicero sich auf seine vollbrachte Leistung berufen konnte. Möglicherweise trug dieser Umstand zu seiner persönlichen Abneigung bei.32 Eine derartige ad-personam -Argumentation spiegelt sich ebenso stilistisch wider. Die Afranius-Passage besteht nur aus Ausrufen: Dem interjektionellen Ausruf o di immortales („oh ihr unsterblichen Götter“) folgen zwei elliptische Anaphern (vgl. quam - quam), die in den Hauptsätzen keine Prädikate enthalten. So entsteht ein emotionales Gesamtbild, das sich von der sprachlichen Gestaltung der übrigen Berichterstattung abhebt.33

[...]


1 Vgl. Nicholson 1994, 43.

2 Vgl. DNP, Sp. 1197 f., s.v. Cicero und Oksala 1953, 99.

3 Vgl. Degrassi 1954, 76 für eine Übersicht der amtierenden Konsuln. Cicero wird zitiert nach der Ausgabe von Shackleton Bailey 1987. Falls nicht anders vermerkt, stammen alle Belege aus Cic. Att.

4 Vgl. 1,12: Kal. Ian. M. Messalla M. Pisone coss. und 1,13: VI Kal. Febr. M. Messalla M. Pisone coss. Vgl. MacLaren 1970, 168. Für das zusätzliche Zuordnungsproblem der Datierung L. Iulio Caesare C. Marcio Figulo consulibus zu 1,1 oder 1,2 siehe ebd., 168 f. / 171 f.

5 Vgl. Gurlitt 1900, Sp. 1180 und MacLaren 1970, 169-171. Ohnehin kann eine zufriedenstellende Begründung aufgrund fehlender Anhaltspunkte schwerlich geliefert werden.

6 Der Dialogcharakter zeigt sich u.a. in der Verwendung des Imperativs (vide, §3) oder der vielen Personal- und Possessivpronomen der 2. Person Singular (z.B. quem tu fortasse ne nosti quidem, §4).

7 „Du sollst zwangsläufig ausrufen, dass der römische Staat nicht länger bestehen kann“.

8 Die Körper-Staat-Metapher hat einen motivgeschichtlichen Hintergrund und stellt einen antiken Topos dar. Als weitere Beispiele können Platons Gleichnis von der Seele und dem Staat (vgl. Plat. rep. IV 433a-435d, zitiert nach der Ausgabe von Rufener 2000) oder Agrippas Fabel vom Magen und den Gliedern im Kontext der Ständekämpfe zwischen den Patriziern und Plebejern (vgl. Liv. 2,32,8-12, zitiert nach der Ausgabe von Ogilvie 1974) genannt werden. Für resecare als chirurgischer Eingriff vgl. Shackleton Bailey 1965, 330.

9 P. Clodius Pulcher sorgte für einen Staatseklat, als er sich 62 v. Chr. als Frau gekleidet in das für Männer verbotene Fest der Göttin Bona Dea einschlich, um sich mit seiner Geliebten – vielleicht Caesars Ehefrau Pompeia – zu treffen. Für den Bona-Dea-Skandal und den Clodius-Prozess siehe v.a. die Briefe 1,12-1,16.

10 Graff 1963, 30 im Kontext der catilinarischen Verschwörung. Vgl. auch Gelzer 22014, 106 f.

11 Vgl. vehemens flavi et omnis profudi viris animi atque ingeni mei („Da habe ich kräftig ins Horn geblasen und alle Kräfte meines Verstandes und Talentes hervorströmen lassen“).

12 Vgl. Shackleton Bailey 1965, 330. Vgl. für das Motiv der amor patriae Graff 1963, 30.

13 Vgl. adflicta res publica est empto constupratoque iudicio („Der Staat ist durch ein erkauftes und misshandeltes Gerichtsurteil niedergeschlagen worden“). Auf die Bestechung der Richter wird später genauer eingegangen (siehe Gliederungspunkt 2.2.4).

14 L. Afranius, siehe ausführlicher Gliederungspunkt 2.2.2.

15 Der Senatsbeschluss „über die Gerichte“ nimmt Bezug auf 1,17,8 ut de eis qui ob iudicandum accepissent quaereretur (vgl. Kasten 31980, 1109 und Shackleton Bailey 1965, 331) und hätte die Konsequenz, „dass diejenigen von ihnen [sc. von den Rittern], die bei ihrer Richtertätigkeit [Geld] angenommen hätten, gerichtlich belangt werden sollten“. Davor waren die Ritter von einer derartigen rechtlichen Haftung ausgeschlossen, vgl. Gruen 1974, 241. Zur Geschichte der Repetundengesetze siehe weiterführend ebd., 239-243. Dagegen herrscht beim Beschluss „über die Amtserschleichung“ unter den modernen Kommentatoren Uneinigkeit. Während sich z.B. Kasten 31980, 1109 auf die zwei Anträge der Senatoren Cato und Cn. Domitius Calvinus über Hausdurchsuchungen bei Beamten (ut apud magistratus inquiri liceret) sowie Wahlgelder (cuius domi divisores habitarent) bezieht (siehe 1,16,12), hält Shackleton Bailey 1965, 331 den Vorschlag des Volkstribunen Lucro (lex de ambitu, 1,16,13) bezüglich nicht bezahlter Wahlgelder für wahrscheinlicher.

16 Vgl. exagitatus senatus, alienati equites Romani quod erat ‘qui ob rem iudicandam‘ („Der Senat wurde sehr aufgeregt, die römischen Ritter entfremdet aufgrund des Gesetzesvorschlages ,die bei ihrer Tätigkeit als Richter‘“). Der komprimierte quod -Satz ist textkritisch unsicher, weshalb er bei manchen Ausgaben weggelassen (z.B. bei der zweisprachigen Textedition von Kasten 31980, 66) oder als Ergänzung des Herausgebers gekennzeichnet wird (wie bei Moricca-Caputo 1953). Shackleton Bailey 1987 setzt den Relativsatz unter Anführungszeichen und fasst ihn nicht als Glosse, sondern als Abkürzung von 1,17,8 auf (vgl. ders. 1965, 331).

17 Vgl. sic ille annus duo firmamenta rei publicae per me unum constitua evertit; nam et senatus auctoritatem abiecit et ordinum concordiam disiunxit („So hat jenes Jahr die zwei Grundpfeiler des Staates, die allein durch mich errichtet worden waren, zerstört; es hat nämlich sowohl das Ansehen des Senats weggeworfen als auch die Eintracht der Stände aufgelöst“).

18 Vgl. Bringmann 2002, 115, Gelzer 22014, 104, und Johannemann 1935, 32. Cicero hebt auch andernorts hervor, dass es sich bei der concordia ordinum um sein eigenes Programm handle, z.B. 1,17,10: illa a me conglutinatam concordia („jene von mir eng verbundene Eintracht“) oder 2,1,6: optima illa mea ratio („mein bester Grundsatz“). Vgl. auch Geweke 1934, 270 f.

19 Vgl. s.v. egregius (d), OLD. Näheres zum Iuventas-Kult und zu den kultischen Aufgaben der Luculli findet sich bei Kasten 1959, 1108 f., Shackleton Bailey 1965, 331 f. sowie Schmitz 2003, 234.

20 Vgl. für die Analogien Kasten 31980, 1109 sowie Schmitz 2003, 234. Zur komischen Wirkung dieser Briefstelle trägt ebenfalls Ciceros Zweideutigkeit bei: nam M. Luculli uxorem Memmius suis sacris initiavit („Memmius nämlich weihte die Ehefrau des M. Lucullus in seine heiligen Bräuche ein“).

21 ad plebem P. Clodium traducit idemque fert ut universus populus in campo Martio suffragium de re Clodi ferat. Nach Shackleton Bailey 1965, 332 sei fert ad populum zu lesen, da es sich bei Herennius‘ Antrag um ein plebiscitum handelte. D.h. es musste erst in den Zenturiatkomitien (vgl. in campo Martio) darüber abgestimmt werden, bevor es zu einem Beschluss einer lex centuriata kommen konnte. Siehe auch Kasten 1959, 1109.

22 Vgl. hunc ego accepi in senatu ut soleo, sed nihil est illo homine lentius („Auf gewohnte Weise habe ich diesen im Senat empfangen, aber nichts ist zäher als jener Mensch“). Herennius‘ Unablässigkeit ist ebenso in 1,19,5 erkennbar: […] saepe iam de P. Clodio ad plebem traducendo agere coepisse („[…], dass er schon oft über P. Clodius‘ Überführung in die Plebs zu verhandeln begann“).

23 1,19,5: „Gegen diesen [sc. Herennius] findet fortgesetzt Einspruch statt“. Erst 59 v. Chr. erreichte Clodius sein Ziel, indem er per lex curiata seine Adoption durch den jüngeren Plebejer P. Fonteius (eine sog. adrogatio) bewilligen ließ, vgl. Harders 2008, 226, Shackleton Bailey 1965, 332 und Willcock 1986, 39.

24 Vgl. dafür est autem C. Herennius quidam, tribunus pl., quem tu fortasse ne nosti quidem; tametsi potes nosse, tribulis enim tuus est et Sextus, pater eius, nummos vobis dividere solebat („Es gibt aber einen gewissen C. Herennius, einen Volkstribun, den du womöglich nicht einmal kennst; obgleich du ihn kennen könntest, denn er ist dein Tribusgenosse und Sextus, dessen Vater, teilte euch für gewöhnlich die Gelder aus“). Zur Person des Herennius ist nicht viel mehr bekannt als von Cicero berichtet, siehe RE, Sp. 664, s.v. Herennius (8). Vgl. für die entsprechenden Bedeutungen des Adjektivs lentus OLD (v.a. 3 und 7).

25 Die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Claudii Pulchri, Metelli und der Mucia sind in der Forschung umstritten, vgl. Harders 2008, 215-219. Zur Person des Metellus siehe DNP, Sp. 888, s.v. Caecilius (I 22).

26 Vgl. s.v. egregius (a), OLD. Gegen die mögliche Argumentation, Cicero beabsichtige an dieser Stelle durch das Aufgreifen des Adjektivs anstatt des Gebrauchs eines rein positiven Synonyms wie etwa praeclarus einen negativen Beiklang, spricht die identische Bezeichnung in 1,20,5: Metellus tuus est egregius consul [eigene Hervorhebung]. Zur Interpretation der verderbten Stelle †Metellus† (§1) siehe Gliederungspunkt 2.3.1.

27 Vgl. Harders 2008, 226, Kasten 31980, 1109 und Shackleton Bailey 1965, 332. Für Metellus‘ Opposition gegen Clodius siehe z.B. 2,1,5: praeclare Metellus impedit et impediet („Metellus hält [Clodius] ehrenhaft auf und wird das auch in Zukunft tun“).

28 Vgl. Hiltbrunner 1987, 245-247, der obendrein den „Spottname[n]“Auli filius (ebd., 246) auf eine Anekdote über Scipio Aemilianus und Q. Pompeius zurückführt.

29 §3: quem nemo praeter nos philosophos aspicere sine suspiritu posset.

30 Der ganze Satz lautet: „Wie sehr verdient er es, dass er täglich, wie er es macht, dem Palicanus sein Gesicht zum Verschmähen hinhält!“ (quam dignus qui Palicano, sicut facit, os ad male audiendum cottidie praebeat!).

31 Vgl. Plat. rep. V 473c: „Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden in den Städten, sagte ich, oder die, die man heute Könige und Machthaber nennt, echte und gründliche Philosophen werden, und wenn dies nicht in eines zusammenfällt […]“ (ἐὰν μή, ἦν δ᾽ ἐγώ, ἢ οἱ φιλόσοφοι βασιλεύσωσιν ἐν ταῖς πόλεσιν ἢ οἱ βασιλῆς τε νῦν λεγόμενοι καὶ δυνάσται φιλοσοφήσωσι γνησίως τε καὶ ἱκανῶς, καὶ τοῦτο εἰς ταὐτὸν συμπέσῃ […]). Für die Übersetzung siehe Rufener 2000, 453. Siehe zur politischen Philosophie in den Werken des Platon einführend Horn / Müller / Söder (Hrsg.) 2009, 168-178.

32 Vgl. Hiltbrunner 1987, 245, Shackleton Bailey 1965, 332 und Spielvogel 2002, 106 f. Für Ciceros Selbstverständnis als homo novus siehe weiterführend Graff 1963, 24-26. Zur militärischen Tätigkeit des Afranius siehe RE, Sp. 710-712, s.v. Afranius (6). Afranius‘ konnte – ähnlich wie der ebenso von Pompeius unterstütze Konsuls M. Pupius Piso 61 v. Chr. – dessen Absichten nicht durchsetzen. Vgl. dazu genauer Gruen 1974, 85-87. Siehe auch Gliederungspunkt 2.2.3 für Pompeius‘ Ziele.

33 Allerdings lässt sich in der Gesamtbetrachtung des Briefes ein weiterer emotionaler Abschnitt finden (vgl. §1). Siehe dazu genauer Gliederungspunkt 2.3.1.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Briefe des Cicero. Politik und Freundschaft in Cic. Att. 1,18
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Jahr
2018
Seiten
21
Katalognummer
V978276
ISBN (eBook)
9783346334657
ISBN (Buch)
9783346334664
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Cicero, Briefe, Atticus, Ad Atticum, Freundschaft, Politik, Cic. Att. 1.18, 1, 18, Pompeius, Metellus, Afranius, Crassus, Cato, res republica, Rom, Krise, Republik, Briefkorpus, Interpretation, Datierung, antikes Postwesen, Senator, Ritter, homo novus, Konsul, concordia ordinum, Popularen, Optimaten, halber Dialog, Lex agraria, amicitia, Politiker, Philosoph
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Briefe des Cicero. Politik und Freundschaft in Cic. Att. 1,18, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978276

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