In der vorliegenden Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, welchen Einfluss Homer auf Vergil im Hinblick auf die Charakterbildung des Aeneas ausgeübt haben könnte. Dabei konzentriert sich die Arbeit auf die Ilias und auf zwei Helden aus diesem Epos: Aineias und Achill. Die Figurenwahl begründet sich darin, dass auf der einen Seite Aeneas und Aineias "historisch" betrachtet identische Personen darstellen. Daher könnte man gewisse Bezüge zur homerischen Vorlage annehmen. Auf der anderen Seite haben bereits die Überschneidungen zwischen den Epen eine zumindest strukturelle Entsprechung zu Achill angekündigt. Ziel der Arbeit ist es allerdings nicht, eine vollständige Charakterisierung des Aeneas zu erarbeiten, sondern anhand von exemplarischen Textstellen wesentliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den genannten Helden der Ilias aufzuzeigen. Aeneas wird also stets im Kontext zu Aineias oder Achill charakterisiert. Dabei steht auch nicht im Vordergrund, wieso Vergil intertextuelle Bezüge zu Homer hergestellt hat. Es geht demzufolge vielmehr um die Frage: Welche Eigenschaften sind gleich und welche wurden von Vergil verändert?
Die Auseinandersetzung römischer Autoren mit der griechischen Literatur lässt sich durch die Begriffe imitatio (Nachahmung) und aemulatio (Wetteifer) näher bestimmen. Während zunächst griechische Texte ins Lateinische (frei) übersetzt und Gattungen dementsprechend übertragen wurden (interpretatio und translatio), entwickelte sich dieses Vorgehen mit der Zeit zu einer Nachahmung literarischer Vorgänger, die gleichzeitig durch Veränderungen der Vorlage ein Übertreffen eben dieses Prätextes anstrebte. Dies wird seit den 60er Jahren ebenfalls als "Intertextualität" bezeichnet, worunter man nicht nur die vom Autor intendierten, sondern auch die impliziten Bezüge versteht.
Inhaltsverzeichnis
1 Homer als literarische Vorlage für Vergils Aeneis
2 Vergleich der Aeneas-Figur mit den homerischen Helden Aineias und Achill
2.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Aeneas – Aineias
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Aeneas – Achill
3 Fazit: Aeneas, ein römischer Held
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den literarischen Einfluss Homers auf die Charakterbildung von Vergils Protagonisten Aeneas. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, welche spezifischen Eigenschaften der homerischen Vorbilder Aineias und Achill Vergil übernommen, abgewandelt oder durch Kontrastimitation gezielt in ein römisches Heldenideal transformiert hat.
- Intertextuelle Bezüge zwischen Ilias und Aeneis
- Vergleich der Aeneas-Figur mit dem homerischen Aineias
- Kontrastive Analyse von Aeneas und Achill
- Untersuchung zentraler Motive wie Fata, Pietas und Zorn
- Transformation des homerischen Helden zum römischen Ideal
Auszug aus dem Buch
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Aeneas – Achill
Mit diesen Worten vergleicht Turnus seinen Gegner Aeneas mit dem „großen“ Achill. Aber nicht nur diese Textstelle stellt Parallelen zwischen den beiden Helden her. Aufgrund der intertextuellen Bezüge der Aeneis zur Ilias lassen sich auch einige inhaltlich-strukturelle Gemeinsamkeiten finden: So – um nur ein paar Beispiele zu nennen – richtet Aeneas für seinen verstorbenen Vater Anchises Spiele aus genauso wie Achill zu Ehren Patroklos´, beide erhalten auf Wunsch ihrer Mutter von Volcanus bzw. Hephaistos hergestellte Waffen und der Zweikampf zwischen Aeneas und Turnus ist dem zwischen Achill und Hektor nachempfunden. Solche strukturellen Entsprechungen erzeugen bei den Rezipienten Reminiszenzen an die Ilias, sodass Eigenschaften des Achill auf Aeneas übertragen werden.
Die nähere Betrachtung weiterer Parallelen wie etwa der Abwesenheit vom Kampf oder des Zornmotivs zeigt, dass zwischen den beiden Figuren in der Tat ebenso charakterliche Gemeinsamkeiten bestehen, wobei Vergil jedoch an entscheidenden Punkten wieder Kontraste zu seiner homerischen Vorlage setzt. Tilman Schmit-Neuerburg umschreibt dieses Vorgehen daher treffend mit dem Begriff „Kontrastimitation“. Im Folgenden soll am Beispiel der oben genannten Parallelstellen kurz erläutert werden, inwiefern Vergil eine solche Kontrastimitation zwischen den beiden Helden gelingt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Homer als literarische Vorlage für Vergils Aeneis: Das Kapitel führt in das römische Grundprinzip der literarischen Auseinandersetzung ein und beleuchtet die bewusste Nutzung homerischer Epen als intertextuelle Basis für die Aeneis.
2 Vergleich der Aeneas-Figur mit den homerischen Helden Aineias und Achill: Dieser Abschnitt analysiert konkret die parallelen Merkmale und die gezielten Abweichungen zwischen Aeneas und seinen homerischen Vorbildern.
2.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Aeneas – Aineias: Hier wird untersucht, wie Vergil die Figur des Aineias rehabilitiert und für seine Zwecke als römischen Stammvater adaptiert.
2.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede Aeneas – Achill: Das Kapitel vergleicht Aeneas mit dem Helden Achill, insbesondere im Hinblick auf Zorn, Abwesenheit vom Kampf und moralische Motivation.
3 Fazit: Aeneas, ein römischer Held: Abschließend wird resümiert, wie Vergil traditionelle homerische Konzepte in ein spezifisch römisches Verständnis von Heldentum, geprägt durch Pietas und Fides, überführt.
Schlüsselwörter
Aeneis, Vergil, Homer, Ilias, Aeneas, Aineias, Achill, Intertextualität, Kontrastimitation, Pietas, Fata, Heldenideal, römische Literatur, Epos, Transformation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Charakterisierung des Aeneas in Vergils Aeneis im direkten Vergleich zu den homerischen Helden Aineias und Achill.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Nachahmung (Imitatio) und Wetteifer (Aemulatio), der Einfluss des homerischen Epos auf Vergil sowie die Transformation griechischer Heldenkonzepte in ein römisches Ideal.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Vergil durch bewusste intertextuelle Bezüge und Kontrastimitation eine neue Art von epischem Helden schafft, der römische Werte verkörpert.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse verwendet, die exemplarische Textstellen der Aeneis und der Ilias vergleicht, um strukturelle und charakterliche Korrespondenzen sowie Divergenzen herauszuarbeiten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den Vergleich von Aeneas mit Aineias sowie in die Untersuchung der Aeneas-Achill-Parallele unter Berücksichtigung von Motiven wie Zorn und Abwesenheit vom Kampf.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Pietas, Fata, Kontrastimitation, Intertextualität und das soziale Heldentum.
Warum unterscheidet Vergil bei der Tötung von Turnus vom homerischen Vorbild des Achill?
Während Achill aus persönlichem Zorn und Rache handelt, ist Aeneas' Tötung von Turnus ein Akt der Pflichterfüllung (Pietas) gegenüber Pallas und Euander, der die Fata erfüllt.
Inwiefern unterscheidet sich die Rolle des Aineias bei Homer von der des Aeneas bei Vergil?
Homer zeichnet Aineias als einen untergeordneten Helden mit begrenztem Erfolg, während Vergil ihn als den zentralen Stammvater der Römer mit einer göttlich legitimierten Führerrolle (Auctoritas) neu erschafft.
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- Anonym (Autor), 2016, Vergils Aeneas. Ein Vergleich mit Homers Helden Aineias und Achill, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978286