Genitalverstümmelung. Leiden als gesellschaftliche Norm

Änderung der Normen als mögliche Lösung für die Abschaffung der Praxis


Hausarbeit, 2020

16 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. „Der Wille zum Glauben“ von William James

III. Genitalverstümmelung - Motiven und Folgen

IV. Genitalverstümmelung und uraltes Glaubenssystem nach William James „Der Wille zum Glauben“

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

“Have you ever seen women tearing [while giving birth]?” “Yes, but that is normal.” Because they see all the women circumcised and tearing is quite normal for women. They say it is normal (TIAC8)” (Anelzik, 2016:238). Sprüche so wie diese drücken aus, dass das Leiden der Frau in Afrika als Norm gilt und als Teil ihrer Existenz angenommen wird. Aufgrund dessen, dass Frauen unerträgliche Schmerzen als selbstverständlich annehmen, wird Genitalverstümmelung weiterhin praktiziert (vgl. Schnüll, 2015:29).

Unicef und Unfpa beschreiben weibliche Genitalverstümmelung als eine schädliche Tradition, welche den Frauen ihr Recht auf den eigenen Körper und das eigene Leben nimmt (vgl. UNFPA-UNICEF, 2018:S IV Vorwort). Bei der Genitalverstümmelung (auf Englisch: female genital mutilation [FGM]) handelt es sich um eine uralte Tradition (vgl. Schnüll, 2015:25), welche die teilweise oder vollständige Entfernung oder Verletzung der weiblichen äußeren Genitalien bedeutet. Dies geschieht jedoch nicht aus therapeutischen Gründen (WHO, 2019:1). Stattdessen ist die Praxis Ursache für gesundheitliche, psychische und sexuelle Probleme, welche sogar tödlich sein können (vgl. Schnüll, 2015:32). Betroffen von der Genitalverstümmelung sind weltweit schätzungsweise 200 Frauen in 30 afrikanischen Ländern (vgl. UNFPA-UNICEF, 2018:9). Die Genitalverstümmelung geschieht aus verschiedenen Gründen, welche die Praxis innerhalb der Gemeinden normalisieren (vgl. Schnüll, 2015:38). Daran, die Normen und individuellen Einstellungen zu verändern, was den Frauen Freiheit und Autonomie über ihr eigenes Leben ermöglichen soll, arbeiten verschiedene Menschenrechts- sowie Hilfsorganisationen: unter anderem Terre des Femmes, Unicef und 28 too many. Da die Genitalverstümmelung aus einem uralten Glaubenssystem resultiert, die Praxis stammt aus vorislamischer bzw. vorchristlicher Zeit (vgl. Schnüll, 2015:25), erweisen sich ausgewählte Kategorien James Werkes, „Der Wille zum Glauben“ als hilfreich, um die Forschungsfrage zu beantworten. Die Forschungsfrage, mit der sich diese Hausarbeit befasst, ist: Inwiefern entspricht die Theorie von William James der Realität in afrikanischen Ländern, in denen Genitalverstümmelung praktiziert wird und inwieweit kann eine Änderung der Normen die Abschaffung der Genitalverstümmelung bewirken? Wie lässt sich der Glauben an das Ritual erklären?

James Ansatz wird in Kapitel zwei dargestellt und mit Hilfe dessen werden die Motive für die Genitalverstümmelung in einigen Gesellschaften analysiert. Diese werden schließlich in Kapitel 3 erläutert. Zum Schluss wird in Kapitel 4. ein Fazit daraus abgeleitet.

II. „Der Wille zum Glauben“ von William James

William James plädiert in seinem Essay „Der Wille zum Glauben“ für eine unabgeschlossene Wahrheitssuche in der Wissenschaft und für den Vorrang des Willens und menschlicher Handlungsmotive vor dem Intellekt. Um zu überprüfen, inwiefern William James die Verbindung zwischen gesellschaftlichen Normen und Handlungen erklären kann, muss also zunächst „Der Wille zum Glauben“ von William James beleuchtet werden.

James stellt fest, dass Glaube eine Handlungsoption, also eine „lebendige Hypothese“ sein kann (James, 1975:129). Unter Hypothesen versteht James alles, was geglaubt oder abgelehnt wird: „Als Hypothese wollen wir alles bezeichnen, was mit dem Anspruch, geglaubt zu werden, an uns herantritt“ (ebd.).

Eine Voraussetzung dafür, ob eine Hypothese vom Individuum als glaubwürdig akzeptiert wird, ist, dass die Hypothese nützlich für die individuellen Handlungen sein muss. Dazu muss erwähnt werden, dass jede Gesellschaft bestimmte Hypothesen als glaubwürdig empfindet, die von anderen Gesellschaften nicht akzeptiert werden. Glaubwürdige Hypothesen beschreibt er als lebendig. Solche Hypothesen machen Handlungen möglich. Dennoch entstehen nicht aus allen Hypothesen, welche als glaubhaft empfunden werden, Handlungen. Es wird zwischen zwei lebendigen Hypothesen unterschieden, welche James „Optionen“ nennt (vgl. ebd.). Eine Option kann eine Handlung erzeugen, wenn echte Handlungsmotive dahinterstehen. „Für unsere Zwecke wollen wir eine Option dann als eine echte bezeichnen, wenn sie unumgänglich, lebendig und bedeutungsvoll ist“ (ebd.). Unvermeidliche Optionen schränken den Entscheidungsspielraum ein, da sie keine andere Möglichkeit, als die, der Option gemäß zu handeln, darbietet. Bedeutungsvolle Optionen bieten eine einmalige Gelegenheit, eine Entscheidung zu treffen. Die echte Option erzeugt die Handlung (vgl. James, 1975:129f).

Eine Verbindung zwischen Optionen und Handlungen darzustellen, kann als Ausgangspunkt seiner Konzeption von wahren und falschen Vorstellungen gelten. „Wahre Vorstellungen sind solche, die wir uns aneignen, die wir geltend machen, in Kraft setzen und verifizieren können. Falsche Vorstellungen sind solche, bei denen dies alles nicht möglich ist“ (James, 1975:163). Die wahren Vorstellungen sind nicht nur das, wovon ein Individuum glaubt, dass es wahr ist, sondern eine Vorstellung muss immer durch die Erfahrung beglaubigt werden (vgl. ebd.). Die Zusammensetzung von Vorstellungen schafft ein System der Wahrheiten. Aus diesem System der Wahrheiten werden individuelle Handlungen erzeugt (vgl. James, 1975:132). Das heißt, dass in diesem System die Vorstellungen davon existieren, was wahr oder falsch ist, was Furcht oder Hoffnung erregt, usw. (vgl. James, 1975:135). James beschreibt sie als die vom „geistigen Klima stammenden Einflüsse“ welche die Gültigkeit der Hypothesen bestimmen (1975:136). “Unser Glaube ist Glaube an den Glauben eines anderen, und gerade, wo es sich um das Größte handelt, gilt dies am meisten. Unser Glaube an die Wahrheit selbst, z.B. dass es eine Wahrheit gibt und dass wir und unser Geist füreinander gemacht sind - was ist er anders als die leidenschaftliche Bejahung eines Verlangens, in welchem uns die Gesellschaft, in der wir leben, unterstützt?“ (ebd.).Hypothesen, welche als wahr betrachtet werden, müssen beglaubigt werden, entweder von uns oder von anderen (vgl. ebd.). Das bedeutet, dass die Wahrheit empirisch überprüfbar sein soll. Denn nur Erfahrungen und wahrnehmbare Objekte sind laut James die Wirklichkeit (vgl. Diaz-Bone, 1996:63). James unterscheidet zwischen erfahrungsorientiertem oder - wie er sie nennt- absolutistischen Positionen, die ihre " Wahrheit" für festen Besitz halten. Seine Beispiele nimmt er etwa aus den christlichen Traditionen des Mittelalters, also einem starren Glauben an die "objektive Evidenz" von Glaubensaussagen, den man als Fundamentalismus oder Dogmatismus bezeichnen kann (vgl. James, 1975:139). Gemeinsame moralische Werte schaffen eine Verbindung zwischen unabhängigen Individuen. Die Moral ist eine Vorstellung von Gut und Böse und unterscheidet zwischen wahren und falschen Tatsachen (vgl. James, 1975:135). Durch gemeinsame moralische Werte wird zwischen unabhängigen Individuen in einer Gruppe Vertrauen aufgebaut. Die Erwartungen, welche auf einzelne Gruppenmitglieder zukommen, müssen erfüllt werden und somit werden die individuellen Handlungen berechenbar (vgl. James, 1975:151). Diese Verbindung ist für James Wirklichkeit. Genau diese Erfahrungen verbindet unabhängige Individuen miteinander (vgl. Diaz-Bone: 63).

Als nächstes werden die Motive für die Genitalverstümmelung dargestellt und der Prozess der Verstümmelung erläutert, um anschließend die Motive mit den Kategorien und Begriffen aus „Der Wille zum Glauben“ in Verbindung zu bringen.

III. Genitalverstümmelung - Motiven und Folgen

Genitalverstümmelung ist eine Jahrtausende alte Praxis. Es wird vermutet, dass dieses Ritual, welches sich aus „Blutopfer- und Läuterungsritualen“ entwickelt hat, seinen Anfang in Alt-Ägypten genommen hat (vgl. Schnüll, 2015:25). In Alt-Ägypten wurde geglaubt, dass in den weiblichen Genitalien der männliche Anteil der Seele lokalisiert war, weshalb auch die Klitoris entfernt werden musste. Die Entfernung der Genitalien sollte zur Reinigung der Seele und des Körpers dienen. So wurde der Frau ihre Stellung innerhalb der Sozietät zugewiesen (vgl. ebd.). Wie in Alt-Ägypten wird heute noch in manchen Gesellschaften an der Doppelgeschlechtlichkeit der Frau als Grund für das Praktizieren der FGM festgehalten (vgl. Schnüll, 2015:40). Ein weiterer Faktor, warum FGM heutzutage noch praktiziert wird, ist die islamische Religion. Viele Muslime glauben, dass der Islam FGM fordert. In der Hauptquelle des islamischen Gesetzbuches, also im Koran, wird dies nicht angegeben, aber in der zweiten Quelle wird FGM erwähnt: „Nehme ein wenig weg, aber zerstöre es nicht. Das ist besser für die Frau und wird vom Mann bevorzugt“ (Schnüll, 2015:43). Es gibt Meinungsverschiedenheiten darüber, was unter diesem Satz zu verstehen ist. Manche verstehen ihn als alternative Tradition von Genitalverstümmelung, andere glauben, dass, der Islam die Verstümmelung empfiehlt. Es besteht also kein klares religiöses Gesetz, welches FGM vorschreibt (vgl. ebd.).

Neben den spirituellen Begründungen wird die Verstümmelung durch verschiedene andere Motive gerechtfertigt. Die FGM entscheidet über den gesellschaftlichen Status der Frau. Die Nichtberücksichtigung der gesellschaftlichen Regeln bedeutet den Ausstoß einer Person aus dieser. In armen afrikanischen Gesellschaften, wo die FGM Norm ist, stellt Verstümmelung eine Vorrausetzung für die Heirat dar. In solchen Gesellschaften ist ökonomische Sicherheit oft nur durch Heirat möglich. Aus diesem Grund lassen viele Familien, selbst wenn sie eigentlich gegen diese gewaltsame Praxis sind, die Genitalien ihrer Töchter verstümmeln (vgl. Schnüll, 2015:40).

Die Operation wird in der Kindheit zwischen 0 und 14 Jahren durchgeführt, manchmal auch vor Heirat oder nach der ersten Entbindung (vgl. Schnüll, 2015:29). Die Operationsbedingungen haben sich seit Jahrtausenden wohl nicht groß verändert. Genitalien werden mit scharfen Instrumenten geschnitten, unter anderem auch mit Glasscherben oder Fingernägel. Um die Wunde zu vernähen werden zum Beispiel Akaziendornen oder Pferdehaare benutzt (vgl. Schnüll, 2015:31). Die Frauen beschreiben ihre Erfahrung damit als unerträglich schmerzhaft. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die weibliche Genitalverstümmelung sogar mit Wiederherstellungschirurgie nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Außerdem gibt es bei der FGM keine Überlebensgarantie. Die Konsequenzen sind unberechenbar und dadurch können körperliche, sexuelle und seelische Schäden entstehen oder die Praxis sogar zum Tode führen (vgl. Schnüll, 2015:32; UNFPA- UNICEF, 2018:47). Aufgrund der Umstände des Eingriffs kann diese Praxis als Ursache für die schlechte Lebensqualität von Betroffenen bezeichnet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Genitalverstümmelung. Leiden als gesellschaftliche Norm
Untertitel
Änderung der Normen als mögliche Lösung für die Abschaffung der Praxis
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Veranstaltung
Einführung in das Wissenschaftliche Arbeiten
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V978548
ISBN (eBook)
9783346334893
ISBN (Buch)
9783346334909
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genitalverstümmelung, leiden, norm, änderung, normen, lösung, abschaffung, praxis
Arbeit zitieren
Salome Kasradze (Autor), 2020, Genitalverstümmelung. Leiden als gesellschaftliche Norm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978548

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Genitalverstümmelung. Leiden als gesellschaftliche Norm



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden