Der Text befasst sich mit interdisziplinären Untersuchungen zum Diskriminierungsbegriff und der Anwendung von Diskriminierung in der literarischen Praxis im deutschsprachigen Raum des Mittelalters. Exkurse in andere Sprachräume sind ebenfalls enthalten.
„sweigt ain weil und horchet her, so will ich euch sagen ain neus mer“.
Mit diesen an sein Publikum adressierten Worten beginnt HANS ROSENPLÜT seine Erzählung „Die Tinte“. Er berichtet über einen zölibatbrechenden Mönch, dessen gekaufte Gespielin durch ein Missgeschick sämtliche Klosterbrüder als vermeintlicher Teufel in Angst und Schrecken versetzt. Das komödiantische Potential des Stückes ist für jedermann ersichtlich. Hinzu mischt der Autor eine Prise Zeitkritik, sowie eine ausdrückliche Moralisatio.
Damit sind einige Zutaten eines Märe aufgezählt. Natürlich existieren auch Mären, die gänzlich ohne Komik auskommen, oder aber welche, die keine Ansätze der Zeitkritik erkennen lassen: „Es sind Typen und typische Geschehnisse, menschliche Irrungen und Wirrungen, die hier gezeigt werden.“ . Allen Mären ist eines gemein: Sie sind immer in Versen paargereimt.
Über den ästhetischen Stellenwert des Märe im Gesamtkontext der mittelalterlichen Literaturlandschaft ist die Forschung lange Zeit zu keinem Ergebnis gelangt. Dies hängt zusammen mit der Tatsache, dass dieser Literaturtyp vielerorts noch nicht als vollwertige Gattung anerkannt ist. Über die Problematik der Gattungskonzeption sowie die literarische Umwelt des Märe berichtet vorliegende Untersuchung.
Soziologische Milieustudien und kulturhistorische Rückschlüsse sind auf Grund der schwankhaft humoristisch-unterhaltenden Ausrichtung der Texte schwerlich möglich.
Es sind Grundtendenzen in einigen Mären aufspürbar, die das Gesellschaftsbild – oder besser: die Teilnehmer der Gesellschaft – dennoch in diskriminierender Art und Weise darzustellen versuchen. Jene Texte sind das Ziel dieser Untersuchung. An sie werden wir ein basissoziologisches Gerüst anlegen, bevor die eigentlichen textkritischen Analysen einer Auswahl von Märentexten vollzogen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Zur Einführung
2 Gattungsspezifische Voruntersuchungen
2.1 Märendefinitionen
2.1.1 Die Definition eines Märe nach HANNS FISCHER
2.1.2 HEINZLEs Universalkritik
2.1.3 ZIEGELERs partiell-definitorischer Neuansatz
2.1.4 Versnovelle, Novelle oder doch Schwank?
2.2 Die literarischen Vorläufer des Märe
2.2.1 Das lateinische ridiculum
2.2.2 Das altfranzösische Fabliau
3 Soziologische Bemerkungen
3.1 Positivismus und symbolischer (Inter)Aktionismus
3.2 Bestimmung der Diskriminierung
3.2.1 Zielgerichtete Diskriminierung
4 Textkritische Einzeluntersuchungen
4.1 Antisemitische Mären – Der Juden Schand‘
4.1.1 HANS FOLZ: Der falsche Messias
4.1.2 HANS FOLZ: Die Wahrsagebeeren
4.1.3 HANS ROSENPLÜT: Die Disputation
4.2 Schlag auf Schlag – Frauen in der Gewalt der Männer
4.2.1 Die gezähmte Widerspenstige
4.2.2 HANS FOLZ: Der Köhler als gedungener Liebhaber
4.2.3 DER STRICKER: Die eingemauerte Frau
4.2.4 HEINRICH KAUFRINGER: Der feige Ehemann
4.2.5 HEINRICH DER TEICHNER: Die Rosshaut
4.3 Kastration als ultima ratio – Das Leid der Pfaffen
4.3.1 HANS ROSENPLÜT: Der Bildschnitzer von Würzburg
4.3.2 HANS ROSENPLÜT: Die Wolfsgrube und HEINRICH KAUFRINGER: Die Rache des Ehemannes
4.4 Rustikales vom Lande – Bauernbilder
4.4.1 Der Bauernhochzeitsschwank
4.4.2 SCHWEIZER ANONYMUS: Zweierlei Bettzeug
4.4.3 DER STRICKER: Die Martinsnacht
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Diskriminierungstendenzen in ausgewählten Mären des späten Mittelalters. Ziel ist es, durch die Anwendung eines basissoziologischen Gerüsts literarisch umgesetzte Vorurteilsstrukturen aufzudecken, um damit Stände-, Gesellschafts- und Personenkritik innerhalb der untersuchten Texte zu hinterfragen und zu analysieren.
- Grundlagen der Gattung Märe und literarische Definitionsproblematiken
- Soziologische Konzepte zur Diskriminierung im mittelalterlichen Kontext
- Religiöse Diskriminierung, insbesondere gegenüber jüdischem Personeninventar
- Geschlechterdiskriminierung und das mittelalterliche Frauenbild
- Soziale Diskriminierung gegen Pfaffen und Bauern als Rand- oder Ständegruppen
Auszug aus dem Buch
4.1.3 HANS ROSENPLÜT: Die Disputation
Nach den beiden diffamierenden Judenversionen des HANS FOLZ begegnet uns bei ROSENPLÜT ein gedämpfter Typus der Judendiskriminierung. Es ist überhöhte religiöse Sensibilität eines Einzelnen, die der gesamten jüdischen Stadtgemeinschaft zum Verhängnis wird. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sich christliche Naivität als hochwertiger gegenüber dem Judentum erweist. Jene Naivität entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ambivalent. Der Landstreicher ist ursprünglich nur von der Vorstellung einige Tage währender Unbeschwertheit angetrieben: wann er gedacht: „wie möchte ich paß zu einem guten leben kummen, dann würd ich also aufgenumen. nu han ich oft und dick gehert, ein gut mal sei henke‹n›s wert. so wert doch das etlich tag.“ (V. 74 – 79).
Zu Beginn der Disputation offenbart er während seiner Erstansprache jedoch passable rhetorische Kompetenz, gepaart mit einem basisfundierten Theologieverständnis („da sie das gulden kalb anpetten“, V. 150; „und auch die res von den propheten, die sie von Cristo ie geteten“, V. 153f.). Zumindest ist dies ausreichend, um auf den Rabbi den entsprechenden Eindruck zu schinden: „zun juden sprach er: ‚meine wort sein nit als deutiklich als des kristen, des möcht er mich villeicht überlisten‘“ (V. 172 – 174). Diese Schilderung mildert die Diskriminierung an den Juden etwas ab.
Voll zum Tragen kommt die christliche Naivität dann wieder während der Auslegung der Gebärden des Rabbiners. Alle drei Gesten, wiewohl vom Juden mit tiefgreifendem theologischen Sinn versehen, werden vom Landstreicher mit banaler Profanität in Verbindung gebracht. Den ausgestreckten Finger des Rabbis deutet er als Gefahr für sein Augenlicht, in der ausgestreckten flachen Hand meint er einen Ansatz einer Ohrfeige zu erkennen. Die Geste schließlich, die das Schicksal der Juden besiegelt, assoziiert der Christ mit der Nahrungsaufnahme. Die Tatsache, dass er vor der Disputation ein opulentes Mahl zu sich genommen hat, welches „sterkt sein hirn“ (V. 123), ist ihm dabei behilflich. Nicht hilfreich ist ihm konsequenterweise sein gestärktes Hirn, er behält durch bloße intuitive Reaktionsfähigkeit die Oberhand. Das Hirn des Rabbis (i.e. sein eigentlich überlegener Intellekt) verhilft dem Christen letztendlich auf komische Art und Weise zum Sieg.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Zur Einführung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Diskriminierung in der spätmittelalterlichen Märendichtung ein und erläutert die methodische Herangehensweise.
2 Gattungsspezifische Voruntersuchungen: Dieses Kapitel diskutiert die Definitionsproblematik des Märe und betrachtet literarische Vorläufer wie das lateinische Ridiculum und das altfranzösische Fabliau.
3 Soziologische Bemerkungen: Hier werden soziologische Grundlagen wie Positivismus und symbolischer Interaktionismus dargelegt, um das Verständnis von Diskriminierung im mittelalterlichen Kontext zu schärfen.
4 Textkritische Einzeluntersuchungen: Dieser Hauptteil analysiert spezifische Märentexte hinsichtlich religiöser Diskriminierung, Frauendiskriminierung, sowie der Diskriminierung von Pfaffen und Bauern.
5. Fazit: Das Schlusswort resümiert die Ergebnisse der Arbeit und bewertet das Ausmaß und die Qualität der Diskriminierung in den untersuchten Mären.
Schlüsselwörter
Märe, Spätmittelalter, Diskriminierung, Frauendiskriminierung, Antisemitismus, Ständegesellschaft, Soziologie, Literaturwissenschaft, Hans Folz, Hans Rosenplüt, Heinrich Kaufringer, Der Stricker, Bauern, Klerus, Gewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit befasst sich mit der Untersuchung von diskriminierenden Tendenzen, die in ausgewählten Mären des späten Mittelalters literarisch verarbeitet wurden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die religiöse Diskriminierung von Juden, die frauenfeindliche Darstellung in den Texten (Misogynie) sowie die soziale Diskriminierung von Klerikern und Bauern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, durch die Anwendung soziologischer Ansätze auf literarische Texte ein besseres Verständnis für die diskriminierenden Vorurteilsstrukturen und das Gesellschaftsbild der damaligen Zeit zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen empiriegeleiteten Ansatz der Literaturwissenschaft, kombiniert mit soziologischen Theorien (Positivismus, symbolischer Interaktionismus), um die Texte textkritisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in textkritische Einzeluntersuchungen, die nach den vier Diskriminierungstypen (Juden, Frauen, Pfaffen, Bauern) sortiert sind und Werke bekannter Autoren wie Hans Folz oder Der Stricker analysieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Märe, Diskriminierung, Misogynie, Antisemitismus, Ständekritik sowie die literarische Analyse des spätmittelalterlichen Gesellschaftsbildes.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Juden bei Hans Folz von jener bei Rosenplüt?
Während Hans Folz eine agitatorische Schärfe und einen deutlichen Antisemitismus zeigt, ist die Darstellung bei Hans Rosenplüt in der "Disputation" gemäßigter und basiert eher auf der Lächerlichkeit christlicher Naivität im Kontext der Judenvertreibung.
Welche Bedeutung hat das Reitmotiv in den untersuchten Texten?
Das Reitmotiv dient als rituelles Züchtigungsszenario zur Unterwerfung der Frau, bei dem die Frau buchstäblich oder symbolisch zum Tier (Pferd) gemacht wird, um ihre vermeintliche Widerspenstigkeit zu brechen.
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- Marcel Prillwitz (Author), 2010, Diskriminierungstendenzen in ausgewählten Mären des späten Mittelalters, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978842