Ausdrucksmittel der Temporalität im Deutschen

Tempus und Temporalität, Vermittlung der Temporalität im Fremdsprachenunterricht DaF


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

46 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I Tempus und Temporalität
I.1 Darstellung der Tempora in den deutschen Grammatiken
I.2 Abgrenzung von Tempus, Aspekt und Aktionsarten
I.3 Das Verhältnis zwischen der objektiven Zeit und dem Tempus
I.4 Unterscheidung vom absoluten und relativen Gebrauch der Tempora
I.4.1 Der absolute Gebrauch von Tempora
I.4.2 Relativer Gebrauch der Tempora
I.5 Semantische Beschreibungen der Tempora
I.5.1 Tempora nach Engel
I.5.2 Tempussystem nach Weinrich
I.5.2.1 Die einzelnen Tempora nach Weinrich
I.6 Temporale Deixis

II Ausdrucksmittel der Temporalität im Deutschen
II.1 Pragmatische Mittel
II.2 Lexikalische Mittel
II.2.1 Allgemeines
II.2.2 Tempus- Adverbien nach Weinrich
II.2.2.1 Tempus-Adverbien
II.2.2.2 Sequenz-Adverbien
II.2.2.3 Frequenz-Adverbien
II.3 Grammatische Mittel
II.3.1 Konjugationssystem nach Weinrich
II. 3.1.1 Einfache Tempus- Konjugation
II.3.1.2 Klammerbildende Tempus-Konjugation

III Vermittlung der Temporalität im Fremdsprachenunterricht DaF

Fazit

Literatur

Einleitung

„ Die Zeit als eine der Grunddimensionen menschlichen Welterlebens ist Gegenstand der Betrachtung, seitdem Menschen denken. Dabei kann dieser Gegenstand aus recht unterschiedlichen Blickwinkeln wahrgenommen werden: aus dem der Religion, der Philosophie, der Physik, der Psychologie, der Geschichte und eben der Sprachwissenschaft:“1

Die Zeit also lässt sich nach verschieden Dimensionen definieren. Relevant für diese Arbeit ist die Betrachtung der Zeit in der Sprachwissenschaft. Nach (Kurt, 141) ist die Temporalität die semantische und funktionale Kategorie der versprachlichten Zeit und Zeitlichkeit.

Da die Zeit im allgemein eine besondere Rolle im menschlichen Leben spielt und ein wichtiges Element in der Sprachwissenschaft bildet, sollte es hier in diesem Zusammenhang mit dem Thema Temporalität bzw. die sprachlichen Mittel der Zeitreferenz im Deutschen beschäftigt.

So gliedert sich der vorliegende Aufsatz in drei Hauptteile. Im ersten Teil wird auf Tempus und Temporalität im allgemein eingegangen. Zunächst soll die Darstellung von Tempora in den deutschen Grammatiken kurz behandelt werden, dann werden die Begriffe Tempus, Aspekt und Aktionsarten voneinander abgegrenzt. Dann wird das Verhältnis zwischen der objektiven Zeit und dem Tempus erklärt. Im nächsten Punkt soll eine Unterscheidung vom absoluten und relativen Gebrauch der Tempora dargestellt werden. Danach werden Bedeutungsvarianten von Tempora diskutiert und anhand von zwei Beispielen verdeutlicht (Tempora nach Engel und Weinrich). Dieser Teil schließt mit der temporalen Deixis.

Der zweite Teil präsentiert die unterschiedlichen sprachlichen Mittel der Zeitreferenz im Deutschen; pragmatische, lexikalische und grammatische Mittel. Da die Adverbien eine große Rolle für die Temporalität spielen, werden sie ausführlich behandelt; in einem isolierten Abschnitt werden die verschiedenen Tempus- Adverbien nach Weinrich präsentiert.

Bei der grammatischen Mittel wird das Konjugationssystem auch nach Weinrich dargestellt.

Der dritte Teil soll anhand mancher Lehrwerke die folgende Fragen beantworten: Wie wird Zeit bzw. Temporalität im Laufe der Grundstufe vorgestellt? Und welche Vorschläge gibt es dafür? Die zitierten Beispiele aus der angegebenen Literatur werden hier kursiv und unterstrichen dargestellt.

Anschließend soll einen allgemeinen Ausblick über das behandelte Thema gegeben und bestimmte relevante Schwerpunkte genannt werden, die man hier behandeln können hätte .

I Tempus und Temporalität

I.1 Darstellung der Tempora in den deutschen Grammatiken

Es2 soll hier einen Überblick darauf gegeben werden, wie Tempora in den Grammatiken der 80er und 90er Jahre behandelt wurden. Ausgehend vom Tempus sind hier zwei große Gruppen von Grammatiken zu unterscheiden: Grammatiken, die das traditionelle System beibehalten und Grammatiken, die diesem System widersprechen. Um das genauer zu verstehen, müssen weitere Unterteilungen vorgenommen werden, jedoch können hier nicht alle Tempusdarstellungen in allen Grammatiken der 80er und 90er Jahre beschrieben werden, sondern es wird nur auf einige eingegangen.

a) Grammatiken, die von sechs Tempora ausgehen und diesen eine bestimmte Grundbedeutung zuordnen

Diese Gruppe ist klein (Flämig 1991 und Grundzüge 1980) und spricht dem Tempus eindeutig eine Zeitbedeutung zu. “Durch die Tempuskategorien wird dem Verb ein Moment des Zeitbezugs zugeordnet“(Hennig, 9). Obwohl diese Gruppe eine Grundbedeutung für die Tempora spricht, stellt sie noch ein strukturiertes System vollzogener/ nicht vollzogener Tempora mit den zusätzlichen Merkmalen (allgemein, zeitindifferent, vergangen, erwartet). “(...)Des weiteren werden die einzelnen Tempora mit spezifischen Merkmalen unterschieden: Präsens: ,allgemein’, zeitindifferent’; Präteritum: ,vergangen’; Perfekt: ,allgemein’, ,zeitindifferent’, ,vollzogen’; Plusquamperfekt: ,vergangen’, ,vollzogen’; Futur I: ,erwartet’; Futur II: ,erwartet’, ,vollzogen’.“ (ebd., 9)

b) Grammatiken, die den sechs Tempora verschiedene Gebrauchsvarianten zuordnen

Zu dieser Gruppe gehört eine große Anzahl der Grammatiken (Duden-Grammatik 1995; Eisenberg1994; Genzmer 1995, Götze/Hess- lüttisch 1989; Giesbach 1986, Helbig/Buscha, 1994; Hentschel/ Wyedt 1994, Hoiberg 1997, Jung/Stark 1980, Latour 1988, Nieder 1987, Reimann 1996). Vom Aufbau des Tempuskapitels sind diese Grammatiken ähnlich:

„Allgemeinen Bemerkungen zu Tempus und Zeit folgen die Beschreibungen der sechs Tempora inklusive Bedeutungs- bzw. Gebrauchsvarianten“ (ebd. , 9). Problematisch sind aber die unterschiedlichen Benennungen von den Bedeutungsvarianten, die sich in den unterschiedlichen Termini widerspiegeln. Nach dem Duden heißt es zum Beispiel Verwendungsweisen, laut Jung/Stark Varianten beim Gebrauch. Eisenberg dagegen verwendet den Terminus Bedeutungsvarianten und kritisiert einige Grammatiken, die zwischen den beiden Termini (Bedeutungsvarianten und Gebrauchsvarianten) vermischen. Götze/Hess- lüttisch nennt es Funktionen der Tempora, und Griesbach spricht vom Gebrauch der Zeitformen, usw.

Ein typisches Beispiel für diese Gruppe ist die Grammatik von Helbig &Buscha3.

c) Grammatiken, die die sechs Tempora annehmen und nach ihrer Zusammensetzung erklären

In der IDS- Grammatik unterscheidet Ballweg grundsätzlich zwischen einfachen und zusammengesetzten Tempora (d.h., mit und ohne Partizip II). Diese Unterteilung der Tempusformen ist nicht neu, aber es ist bemerkenswert hier, dass das Futur nicht zu den zusammengesetzten Tempora zählt, sondern zu den einfachen, da es kein Partizip II enthält.

“Die Bedeutung der zusammengesetzten Tempusformen ergibt sich aus der Interpretation der einfachen Tempusformen der Hilfsverben kombiniert mit der Bedeutung des Infinitivs Perfekt“ (Hennig, 11).

Vergleichbar mit dieser Einteilung ist die Darstellung von Schanen (1995). Er verwendet kein Tempuskapitel im klassischen Sinne, sondern beschreibt die einzelnen Tempora integriert in dem Kapitel „Verbgruppe“. Die Verbformen sind wie bei Engel nach ihrem morphologischen Charakter geordnet, ohne dabei die Tempuskategorie abzulehnen.

Anderes als bei Ballweg werden die Tempusformen nicht nach dem Partizip, sondern in Zukunftsformen (Nachzeitigkeit) und Zusammengesetzen Vergangenheitsformen (Bilanzperspektive) unterteilt, wobei die zusammengesetzten Konjunktivformen integriert werden.

d) Grammatiken, die von anderer Anzahl als sechs Tempora ausgehen

Diese Gruppe spricht dem Tempus grundsätzlich keine zeitliche Bedeutung ab. Sie beschränkt sich auf zwei Grammatiken (Erben 1980, Häussermann/Kars 1988).

“Erben (1980, 86) beschreibt acht Tempora, wobei zu den „üblichen“ sechs „Futurum praeteriti I+II“ hinzukommen; diesen Vorschlag greift auch Thieroff (1992) auf.

Ich stimme Vater (1994) zu, der diese Formen nicht als Gebrausweisen des Konjunktivs einordnet. Man könnte folgendermaßen argumentieren: betrachtet man die Konstruktionen mit dem auxiliaren werden als Futur I+II und ordnet ihnen eine modale Gebrauchsweise neben der temporalen zu, so könnte man ebenso dabei bleiben, die bei Erben als „Futurum praeteriti I+II“ bezeichneten Formen dem Konjunktiv zuzuordnen und ihnen neben der modalen eine temporale Lesart zusprechen“ (Hennig, 12).

Dagegen werden die umstrittenen Futurformen bei Häussermann/Kars (1988) vom Sechs-Tempora-System abgezogen, d.h., es bleiben nur vier Tempora. Außerdem sind die Termini in dieser Grammatik (als Lernergrammatik) im Tempuskapitel verwirrend und nicht genau ausgewählt.

e) Grammatiken, die die temporale Kategorie Tempus ablehnen

Dazu gehören die folgenden Grammatiken: Engel (1988), Engel/Tertel (1993), Heringer (1988), Weinrich (1993).

Diese Gruppe lehnt das Tempussystem als System der Zeitstufen ab und schlägt eine andere Beschreibung für das Tempussystem vor. Dadurch unterscheiden sich diese Grammatiken vom traditionellen System.

Engel begründet seinen Vorstoß gegen das klassische System damit, dass es weder von der Ausdruck- noch von der Inhaltsseite klar sei, ein einheitliches Tempus anzunehmen.

Für ihn gilt das Präteritum als das einzige Tempus überhaupt. In seiner Grammatik sind die Tempora in verschiedenen Kapiteln verteilt (siehe Tempora nach Engel und Weinrich).

I.2 Abgrenzung von Tempus, Aspekt und Aktionsarten

Die Kategorie Tempus wird in der deutschen Sprache morphologisch als Merkmal des finiten Verbs realisiert (Vgl. Bäurele, 11).

„Tempora, so meinte man, beziehen „Zeit“ auf den Gegenwartstandpunkt des Sprechers, Aspekte seien am „Zeitstellenwert des jeweiligen Tatbestandes “(Koschmieder, 1929), an der in die Verballbedeutung implizierten Zeit(Guillaume) orientiert“ (Manfred, 113).

Nach Weinrich und einiger Literaturwissenschaftler haben Tempus und Aspekt mit Zeit hauptsächlich nichts zu tun (ebd. ,127).

Comrie definiert Aspekte als verschiedene Arten, die innere Zeitkonstitution einer Situation zu sehen, dabei geht es um die subjektive Sicht des Sprechers und nicht um die objektiven Tatsachen (Vgl. Kurt, 189f).

”As the general definition of aspect, we may take the fomulation that aspects are different ways of viewing the internal constituenty of a situation. (Comrie (1979), S. 3)“4.

Weinrich (1964, 152) nennt den Begriff Aspekt als einen „unglücklichen Begriff“ und fasst Aspekte – geschützt von Imbs und Cassierers Definition5 – als Gestaltqualitäten des Vorgangs auf.

Nach Vater (1991, 64) sind Aspekte eine zweite Art der Grammatikalisierung zeitlicher Relationen. Während es beim Tempus um die Relation zwischen der Ereigniszeit und einer Evaluationszeit geht, handelt es sich beim Aspekt um die interne zeitliche Gliederung des beschriebenen Ereignisses.

Zu unterscheiden davon sind die Aktionsarten: Während Aspekt auf einer grammatischen Veränderung des Stamms beruht, bezieht sich die Aktionsart auf eine lexikalische Eigenschaft des Verbstamms, zum Beispiel die Präfixbildung wie erblühen, verblühen, aufblühen usw (Vgl. Ehrich 1992, 73).

Der Unterschied liegt auch darin, dass Aktionsart sich auf kategoriale Eigenschaften von Sachverhalten bezieht, die von der Sicht des Sprechers unabhängig sind (objektiv), Aspekt hingegen gibt der subjektiven Perspektive Ausdruck, unter der ein Sachverhalt vom Sprecher als offen oder geschlossen gesehen wird (ebd., 74).

Aufgrund zeitlicher Faktoren gliedern Aktionsarten die Verben im Deutschen aus semantischer Hinsicht (perfektiv/ imperfektiv; inchoativ (erblühen), resultativ (aufessen), punktuell (erschlagen), durativ (blühen), iterativ (streicheln))6.

I.3 Das Verhältnis zwischen der objektiven Zeit und dem Tempus

Mit der7 objektiven Zeit ist die physikalische Zeit gemeint, die durch einen als streng periodisch angenommenen Prozess gemessen werden kann, und die in unserem Bewusstsein mit der subjektiven Zeit verknüpft ist (Vgl. Dorfmüller-Karpusa, 33).

„Die subjektive Zeit wird von uns als eindimensionales Kontinuum angesehen, in dem unsere Wahrnehmungen und Bewusstseinszustände geordnet werden kann“ (ebd. ,33).

Den sechs grammatischen Tempora (Tempusformen, Zeitform) im Deutschen entsprechen in linearer Zuordnung nicht sechs Bedeutungen dieser Tempora bzw. sie lassen sich nicht in direkter Weise auf bestimmte objektiv-reale Zeiten (Zeitinhalt, Temporalität) beziehen. Die Beziehung zwischen objektiver Zeit und den grammatischen Tempora ist nicht immer identisch und weit komplexer, vor allem aus zwei wichtigen Gründen:

a) Der Zeitinhalt wird nicht nur durch die grammatischen Tempusformen, sondern auch durch lexikalische Mittel ausgedrückt:

Jetzt schreibt sie einen Brief.

Morgen schreibt sie einen Brief.

Neulich schreibt sie einen Brief.

Die grammatische Tempusform ist in diesen Sätzen gleich (alle 3 Sätze stehen im Präsens), die objektive Zeit ist jedoch verschieden: Im ersten Satz wird Gegenwart, im zweiten Satz Zukunft und im dritten Satz Vergangenheit ausgedrückt. Dieser unterschiedliche Zeitinhalt wird nicht durch das grammatische Tempus des Verbs, sondern durch die lexikalischen Mittel (jetzt, morgen, neulich) bezeichnet.

b) Die grammatischen Tempusformen drücken nicht nur die Zeitinhalte, sondern auch andere modale Inhalte aus;

Der Messegast wird noch nicht angekommen sein.

Die temporale Interpretation in diesem Satz wird von einem Modalfaktor begleitet, der eine Vermutung ausdrückt, die auf Vergangenes, und nicht auf Zukünftiges bezogen ist. Aus diesem Beispiel ergibt sich, dass der Modalfaktor bereit in der grammatischen Tempusform angelegt ist, sodass kein zusätzliches lexikalisches Mittel zum Ausdruck der Vermutung gebraucht wird. Das ist aber nicht immer der Fall: Der Modalfaktor (wie in den folgenden Beispielen) erscheint bei anderen Tempusformen erst durch eines zusätzliches lexikalisches Mittel: Sie wird morgen kommen.

Sie wird wohl morgen kommen.

Sie wird wohl schlafen.

Im ersten Satz wird Zukunft ohne Vermutung, im zweiten wird Zukunft mit Vermutung, im dritten wird Gegenwart oder Zukunft mit Vermutung ausgedrückt.

I.4 Unterscheidung vom absoluten und relativen Gebrauch der Tempora

Das deutsche Tempussystem wird von zwei Grundprinzipien (vom absoluten und relativen Gebrauch) 8.

I.4.1 Der absolute Gebrauch von Tempora

Der absolute Gebrauch liegt vor, wenn die Wahl des Tempus nur von der objektiven Zeit, vom Sprechakt und der Perspektive des Sprechers, nicht aber vom Kontext und anderem zeitlichen Geschehen abhängt. Sie kam in München an. Sie besuchte uns.

Dagegen ist die Wahl des Tempus beim relativen Gebrauch nicht nur von der objektiven Zeit, vom Sprechakt und der Perspektive des Sprechers, sondern auch vom Kontext und anderem zeitlichen Geschehen (etwa in einem zusammengesetzten Satz) bestimmt9: Nachdem sie in München angekommen war, besuchte sie uns.

Die temporalen Bedeutungen der Tempusformen beim absoluten Gebrauch können mit Hilfe der folgenden Merkmale beschrieben werden:

- 1.: „Die Aktzeit [Aktz], d. h. die objektiv-reale Zeit, die als referenzieller Akt dem entsprechenden Verb in der Wirklichkeit zugeordnet werden muss.“ (Helbig& Buscha, 128)
- 2.: „Die Sprechzeit [Sprz], d. h. die Zeit, in der der gegebene Satz tatsächlich vom Sprecher oder Schreiber geäußert wird; diese Sprechzeit fällt (mit Ausnahme der (in) direkten Rede) mit der Sprechergegenwart zusammen.“ (ebd., 128),
- 3.: „Die Betrachtzeit [Betrz], d. h. die Zeit der Betrachtung (der Perspektive) des verbalen Aktes durch den Sprecher, die freilich nicht so objektiv wie (1) und (2) messbar ist, aber zur Erklärung einiger Tempusformen erforderlich ist.“ (ebd. ,128).

Durch die Annahme dieser Merkmale lässt sich eine falsche Identifizierung von objektiv-realer Zeit und grammatischem Tempus ausschließen.

Aus dem folgenden Beispiel wird deutlich, dass das zeitliche Verhältnis, das zwischen Aktzeit, Sprechzeit und Betrachtzeit besteht, eine Beschreibung von Bedeutungen der einzelnen Tempora ermöglicht. Dieses Verhältnis kann ein Verhältnis der Gleichzeitigkeit, der Vorzeitigkeit oder der Nachzeitigkeit sein. Bis Morgen habe ich das Buch gelesen.

Die Sprechzeit in diesem Satz ist heute, die Betrachtzeit ist Morgen, die Aktzeit liegt zwischen heute und Morgen.

Mit Hilfe der temporalen Merkmale der Aktzeit, der Sprechzeit und der Betrachtzeit bzw. dem Verhältnis zueinander werden die semantischen Bedeutungen von den einzelnen Tempora beschrieben.

I.4.2 Relativer Gebrauch der Tempora

Im Gegensatz10 zum absoluten Gebrauch von Tempora ist die Wahl des Tempus beim relativen Gebrauch nicht nur von der objektiven Zeit, vom Sprechakt und der Perspektive des Sprechers, sondern auch vom Kontext und anderem zeitlichen Geschehen (etwa in einem zusammengesetzten Satz) bestimmt: Nachdem sie in München angekommen war, besuchte sie uns.

Es handelt sich dabei um die temporale Abhängigkeit mehrerer Sachverhalte, die in einem zusammengesetzten Satz (Hauptsatz und Nebensatz) zueinander in Beziehung gesetzt werden. Diese Abhängigkeit kann auf drei verschiedenen Beziehungen zurückgeführt werden (Gleichzeitigkeit, Vorzeitigkeit, Nachzeitigkeit).

a- Gleichzeitigkeit: Wenn das Geschehen im in Haupt- und Nebensatz gleichzeitig verläuft, wird in der Regel in den beiden Sätzen das gleiche Tempus verwendet. Wenn du kommst, gehen wir zusammen ins Kino.

Während sie bei ihrer Freundin war, ging er spazieren.

Die Gleichzeitigkeit kann auch durch verschiedene Tempora ausgedrückt werden.

Wenn du kommst, werden wir ins Kino gehen.

Er hat nicht gedacht, dass seine Frau ihn verließ.

b- Vorzeitigkeit: Wenn das Geschehen im Nebensatz vor dem Geschehen im Hauptsatz abläuft, werden die Tempora folgendermaßen gebraucht: Im Nebensatz steht in der Regel das Perfekt, wenn im Hauptsatz das Präsens steht. Im Nebensatz tritt in der Regel das Plusquamperfekt, wenn im Hauptsatz das Präteritum verwendet wird.

Ich denke, dass sie schon die Prüfung geschrieben hat.

Nachdem sie geheiratet hatten, flogen sie nach Paris.

c- Nachzeitigkeit: Wenn das Geschehen im Nebensatz nach dem Geschehen im Hauptsatz abläuft, so werden die Tempora entweder wie (a) oder (b) gebraucht.

Er blieb im Krankenhaus, bis er wieder gesund war.

Sie hatte das Essen vorbereitet, bevor er nach Hause kam.

I.5 Semantische Beschreibungen der Tempora

Präsens11:

Das Präsens tritt in 4 Bedeutungen auf:

a- aktuelles Präsens; mit dem aktuellen Präsens werden gegenwärtige Sachverhalte ausgedrückt. Die drei temporalen Merkmale (Aktzeit, Sprechzeit, Betrachtzeit) fallen in der Gegenwart zusammen.

Das aktuelle Präsens enthält keinen Modalfaktor, es kann aber mit einer fakultativen Temporalangabe (jetzt, in diesem Augenblick, gerade) verbunden werden.

Das Kind spielt im Kinderzimmer.

Ich studiere(jetzt) in München.

Der bezeichnete gegenwärtige Sachverhalt kann bereits in der Vergangenheit begonnen haben (1) und braucht im Sprechmoment noch nicht abgeschlossen zu sein (2).

1- Sie studiert seit drei Jahre.
2- Sie wartet auf den nächsten Bus.

Soll eine Vermutung mit dem aktuellen Präsens ausgedrückt werden, dann muss ein zusätzliches lexikalisches Element stehen (wohl, vielleicht, sicher …).

Sie ist sicher noch an der Uni.

Sie kommt wohl nach Hause.

b- Präsens zur Bezeichnung eines zukünftigen Geschehens: Die Aktzeit und die Betrachtzeit liegen nach der Sprechzeit. Bei dieser Bedeutungsvariante ist kein Modalfaktor der

Vermutung vorhanden, eine zusätzliche lexikalische Angabe und eine fakultative Temporalangabe können aber dabei stehen.

In eine Woche kriegt sie ein Kind.

Sie kommt bald zurück.

Sie schließt ihre Arbeit (morgen) ab.

c- Historisches Präsens: Das Präsens drückt hier vergangene Sachverhalte aus. Die Aktzeit und die Betrachtzeit liegen vor der Sprechzeit. Ein Modalfaktor ist in dieser Bedeutungsvariante ausgeschlossen, jedoch muss die Vergangenheitsbedeutung durch eine obligatorische Temporalangabe oder durch den Kontext deutlich werden. 1914 beginnt der erste Weltkrieg.

Neulich treffe ich einen alten Schulkameraden.

Diese Variante ist auf die Erzählung, auf die Beschreibung historischer Tatsachen und auf die Dichtersprache beschränkt und dient der Vergegenwärtigung vom Vergangenen.

d- Generelles Präsens: In dieser Bedeutungsvariante werden allgemeine gültige Sachverhalte ausgedrückt und das Präsens ist an keine objektive Zeit gebunden. Da keine Vermutung bei dieser Bedeutungsvariante des Präsens liegt, und es sich aber um allgemeingültige Wahrheiten handelt, enthält sie auch keinen Modalfaktor und eine zusätzlich temporale Angabe ist dabei auch nicht zugelassen, sonst würde die Allgemeingültigkeit eingeschränkt.

Marokko liegt in Nordafrika.

Die Erde bewegt sich um die Sonne.

Im Vergleich zum Französischen wird das Präsens in den beiden Sprachen fast gleich verwendet, sodass in der Regel das deutsche Präsens für das französische présent eintritt und umgekehrt. In den beiden Sprachen zeigt das Präsens das Geschehnis allein in seinem Eigenwert, der der Bedeutung des Verbs entspricht und damit keine eigentliche Perspektive bezeichnet (Null-Perspektive). Es wird ohne weiteres zur Bezeichnung zeitloser Geschehnisse und allgemeiner Wahrheiten (Vgl. Weber, 29ff.).

Zu a) Gegenwart

Mais, Nancy tu bois encor l’alcool! = Aber, Nancy du trinkst noch Alkohol!

Zu b) Bezug auf die Zukunft

Ma petite fille, je t’achète un cadeau demain = Meine kleine Tochter, morgen kaufe ich dir ein Geschenk.

Zu c) Historisches Präsens

Der Sprechende versetzt sich in die Vergangenheit und sieht nur noch die Geschehnisse an sich. Häufig wird dieses Präsens in der Erzählung verwendet.

Rue Montmartre, bien qu’il soit près de neuf heures, et que les amendes pour retard menacent, plusieurs passants sont arrêtés devant une boutique. La rue grouille derrière eux, les frôle de son mouvement, les sollicite, comme le courant d’une rivière les herbes du bord. Mais ils sont provisoirement enracinés.

Zu d) Allgemeingültiges

La terre tourne autour du soleil = Die Erde dreht sich um die Sonne.

Tous les poissons nagent = Alle Fische schwimmen.

Beim Vergleich von der Übertragung zeigen sich solche Abweichungen im Gebrauch dieser Tempora (ebd., , 31):

Das Präsens im Französischen kann zum Beispiel allein die Potentialität leichter ausdrücken als im Deutschen (a). Dieser Unterschied ist deutlicher insbesondere bei den sinnlichen und geistigen Wahrnehmungen zu erkennen(b) (ebd. , 31).

La politique rèalise de ces miracles = Die Politik kann solche Wunder bewirken.

On ne vois plus le feu = Man kann unser Feuer nicht mehr sehen.

Das Präsens im Französischen sowie im Deutschen ist an sich unidentifiziert und somit ist das Geschehnis in seinem Eigenwert bezeichnet, deshalb stehen sich die beiden Tempora Präsens und présent so nah trotz der verschiedenen Struktur der beiden Tempussysteme (ebd., 262).

[...]


1 Vgl. Jachnow &Wingender 1995, Vorbemerkung

2 Vgl. Hennig,8ff

3 Siehe Tempora nach Helbig& Buscha

4 http://kgg.german.or.kr/kr/kzg/kzgtxt/72-03.doc vom.01.11.06

5 Paul Imbs Definition „l’aspéct est une des qualites inhréntes au procès ’’. Ernst Cassierer erläutert Aspekt als “zeitliche Gestaltqualitäten“.(siehe Weinrich, 1964, 152)

6 Siehe Aktionsarten nach dem Duden 1998, 91

7 Vgl. Helbig& Buscha, 127ff.

8 Vgl. Helbig& Buscha,128ff.

9 Siehe 1.4.2

10 Vgl. Helbig& Buscha, 141

11 Vgl. Helbig& Buscha,130ff.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Ausdrucksmittel der Temporalität im Deutschen
Untertitel
Tempus und Temporalität, Vermittlung der Temporalität im Fremdsprachenunterricht DaF
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Deutsch als Fremdsprache)
Veranstaltung
Deutsche Grammatik für Lerner und Lehrer
Note
2,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
46
Katalognummer
V978848
ISBN (eBook)
9783346331328
ISBN (Buch)
9783346331335
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Grammatik, DaF Unterricht, Temporalität, Sprachvermittlung, Grammatikvermillung, Fremdsprachunterricht DaF, Ausdrucksmittel der Temporalität, Tempora im Deutschen
Arbeit zitieren
Fatiha El Yamouni (Autor), 2006, Ausdrucksmittel der Temporalität im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978848

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