Eine Filmanalyse der narrativen Elemente in David Finchers "Zodiac" (2007)


Hausarbeit, 2019

12 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Analyse der narratologischen Elemente
2.1 Das audiovisuelle Erzählen im Film
2.2 Das sprachliche Erzählen im Film

3 Schlusswort

4 Bibliographie

1 Einleitung

„Dass im Film […] erzählt werden kann, steht heute sowohl aus erzähltheoretischer als auch aus medienwissenschaftlicher Sicht außer Frage […]“.1 Die Arten und Weisen, wie das filmische Medium erzählen kann, unterscheiden sich dabei in vielerlei Aspekten von traditioneller Literatur. Schriftliche Erzählungen erzählen in erster Linie durch ihre Schriftlichkeit selbst. Das heißt einerseits primär die vermittelte Geschichte durch geschriebene Sprache2 als auch sekundär visuelle bzw. strukturelle Faktoren wie die Schriftart oder Nutzung des Raums (der Seiten). Der Film hingegen bedient sich weiterer Ebenen, deren Zusammenspiel die Narration komplex und einzigartig machen können. Gegeben ist dies durch die audio-visuellen und sprachlichen Dimensionen des Films, die sowohl den Seh- als auch den Hörkanal des Rezipienten ansprechen.3 Die visuellen Komponenten der Kamerapositionierung und -führung, Montage, Mise en Scène sowie Bildeffekte werden mit auditiven kombiniert, wodurch die Filmemacher die Handlung bzw. Thematik des Films erzählerisch intensivieren, erweitern, abstrahieren oder gar kontrastieren können. Angesichts der auditiven Dimension reicht das Spektrum von einfachen eingesetzten Klängen/Tönen bis hin zur begleitenden Musik. Sprachlich kann der Film zum Beispiel durch Einfügen schriftlicher Elemente oder Voice-over ergänzt werden. Kuhn fasst zusammen, dass die wichtigste Ebene eines Films die der visuellen ist, „um überhaupt vom Film zu sprechen“4 und erklärt ferner: „Fasst man das Vorhandensein einer Zustandsveränderung, die durch ein beliebiges Zeichensystem vermittelt wird, als grundlegende notwendige Bedingung des Erzählens auf, kann eine Bewegung ausreichend sein, um vom Erzählen zu sprechen.“5 Für den Film bedeutet dies, dass „[s]tehende Bilder […] Zustände repräsentieren [und] bewegte Bilder […] Zustandsveränderungen (mit Ereigniswert) repräsentieren, also Bewegungen und Veränderungen (und Ereignisse) unmittelbar abbilden“.6

Im Folgenden wird eine narratologische Analyse des Filmes Zodiac von David Fincher (2007) vorgenommen.7 Zodiac ist der selbstgewählte Name eines Mannes, der ab Ende der 60-er Jahre in Kalifornien mehrere Menschen ermordet hat und, im Film wie auch im echten Leben, nie gefasst wurde. Über Jahrzehnte hinweg täuscht er Ermittler und Reporter und zerstört dadurch, auch ohne zu Morden, ihre Leben. Der Film bietet, wie viele von Finchers Werken, eine Reihe audio-visueller Aspekte, die künstlerische Tiefe besitzen und zur Komplexität der Erzählung beitragen. Dazu wird sich mit folgender Kernfrage beschäftigt: Wie wird der Fall des Serienmörders Zodiac narratologisch in Szene gesetzt? Um der Vielschichtigkeit der Frage auf den Grund zu gehen, muss weiter differenziert werden: Wie ist die erzählerische Grundstruktur des Filmes? Welche visuellen und auditiven Techniken macht sich der Film wann und warum zu Nutze? Sind bildliche Motive über den Verlauf der Handlung vorhanden? Welche Rolle spielt die Multimodalität? Welche Auswirkungen haben die Erzählelemente auf den Zuschauer? Es wird gezeigt, wie narrative Elemente die Komplexität des (historischen) Falls untermauern und sich der Zuschauer selbst, ähnlich der Protagonisten, gefangen sieht in der über Jahrzehnte andauernden Jagd nach dem Serienmörder.

Zur Beantwortung der Fragen werden vorwiegend die Analyseparameter verwendet, die Markus Kuhn (2016) definiert, um Filme narratologisch zu analysieren. Dabei werden sowohl filmische Mittel8 als auch narrative Konzepte der Perspektivierung und Fokalisierung eingebunden. Aufgrund der Kürze dieser Arbeit wird darauf verzichtet, die Parameter und filmischen wie narrativen Begrifflichkeiten vorab genauer zu erläutern.

Im ersten Teil der Analyse wird auf die audiovisuellen Aspekte Bezug genommen. Hierbei stellen Kamera- und Montagetechniken sowie die Mise en Scène das Visuelle, Musik und Geräusche das Auditive dar. Die Relationen zwischen den beiden Instanzen zum Wissen der Zuschauer – die Okularisierung und Aurikularisierung – werden erörtert, die Besonderheiten des filmischen Erzählens somit konkretisiert. Auf das sprachliche Erzählen im Film wird im zweiten Teil der Analyse eingegangen, da diese einen besonderen Stellenwert trägt. Hierzu zählen unter anderem off-voice Erzähler, Dialoge oder ‚Textinserts‘. Des Weiteren werden weiterführende Merkmale wie die (Closing) Credits in Augenschein genommen, um vorangehende Annahmen zu stützen. Da die Kategorien des audiovisuellen und sprachlichen Erzählens nicht immer strikt voneinander zu trennen sind, können Überschneidungen vorkommen.

2 Analyse der narratologischen Elemente

Wie eingangs bereits angerissen, stellt die visuelle Ebene die notwendige Bedingung dar, um vom Film sprechen zu können. Damit einhergehend betont Manfred Pfister die Wichtigkeit der Kamera:

“Die […] Kamera im Film […] erfüllt eine Erzählfunktion, die der Position […] des fiktiven Erzählers in narrativen Texten entspricht. Der Betrachter eines Films wie der Leser eines narrativen Textes wird nicht […] mit dem Dargestellten unmittelbar konfrontiert, sondern über eine perspektivierende, selektierende, akzentuierende und gliedernde Vermittlungsinstanz – die Kamera, bzw. den Erzähler“.9

Um der Erzählfunktion der Kamera wirklich Rechnung tragen zu können, werden meist weitere technische Elemente benötigt, damit ein stimmiges Gesamtbild entstehen und ein komplexes narratives Muster entfaltet werden kann. In der folgenden Analyse werden die in Zodiac genutzten filmischen Mittel analysiert, um so die Wichtigkeit und Möglichkeiten der filmischen Narration zu exemplifizieren.

2.1 Das audiovisuelle Erzählen im Film

Gleich zu Beginn des Films wird eine besondere Kameraeinstellung verwendet und somit zeitgleich ein bildliches Motiv eingeführt. Zunächst sieht der Zuschauer die Stadt, San Francisco, aus der Totalen in Schrägsicht einer sich horizontal schwenkenden Kamera. Bilder von San Francisco bei Nacht und mit Feuerwerk werden hierbei mit harmonischer Musik in Einklang gesetzt. Wenige Sekunden darauf wechselt die Kameraansicht zur Sicht aus einem Auto, welches eine Straße mit Einfamilienhäusern entlangfährt. Das Auto fungiert als eines der Motive über weite Strecken des Films und geht häufig mit Mordszenen einher. Die Kamera, vorher drehend, zeigt nun Bewegungen innerhalb eines sich bewegenden Objekts, ohne sich selbst zu bewegen. Zur selben Musik werden Menschen abgebildet, die den Unabhängigkeitstag zelebrieren. Die Handlungen und Bewegungen finden zunächst in den hinteren Ebenen des Bildes statt und sind ohne Schnitt. Durch die Kamerapositionierung, die Darstellung der Ebenen, den Verzicht eines Schnittes sowie der Untermalung durch ruhige Musik wird die Idylle eines 69-er San Franciscos hervorgehoben, was später den Effekt des Umbruchs intensiviert10. Daraufhin bleibt das Auto stehen und ein junger Mann läuft der Kamera entgegen, was die Mise en Scène ‚durchbricht‘. Es kommt zu einem Dialog zwischen ihm und der jungen Fahrerin mit Over-the-Shoulder-Shots und Schnitt/Gegenschnitt-Montage, was klassisch für die Präsentation eines Dialogs im Film ist. Musik läuft nun aus dem Radio. Die Handlung wird somit eingeleitet.

Für die Szene des ersten Mordes werden Kameraperspektiven aus oder vor dem Auto der jungen Liebenden genutzt. Gezeigt wird dabei überwiegend das Paar und, während des Mordes, die Pistole. Der Täter ist nicht zu erkennen. Es ist schwierig zu sagen, ob das Paar den Täter richtig sieht, da ihnen ins Gesicht geleuchtet wird. Dem Zuschauer wird der erste Schuss aus Sicht der Opfer wiedergegeben, was dann mit weiteren Schüssen im Schuss/Gegenschuss-Verfahren und lauter werdender Musik sowie in Zeitlupe an Dramatik zunimmt. Man kann hier also von einer internen Fokalisierung sprechen, da der Zuschauer so viel erfährt wie die Charaktere und die Szene zum Großteil aus ihrer Sicht wahrnimmt. Diese Art der Inszenierung intensiviert den dramatischen Effekt des ersten Mordes und leitet zugleich den Faktor der ‚Unwissenheit‘ über den Mörder ein. Die Szene endet in einer halbtotalen Schrägsicht, die den Ort des Geschehens und weitere Schüsse auf die Opfer zeigt und mit einer Abblende abschließt, was die Kaltblütigkeit umso mehr verstärkt und nachhaltiger wirken lässt.

Nach dem Mord wird die Hektik des Großstadtlebens durch diverse Elemente verdeutlicht.11 Es tritt schnelle Musik in den Vordergrund und das Leben des ersten Protagonisten, Robert Graysmith, wird mit vielen rasch aufeinanderfolgenden Schnitten angerissen. Außerdem werden Stadtgeräusche wie Straßenlärm (Autohupen, Fahrgeräusche) und Radiosendungen eingespielt und viele fahrende Autos gezeigt. Des Weiteren zeigt die Kamera in Untersicht die Arbeitsstelle von Robert, die San Francisco Chronicle, was auf das hektische Arbeitsleben im Journalismus deutet. Mit Parallelmontage wird daraufhin das Ankommen Roberts auf Arbeit mit dem Erreichen des Briefs im Büro abgebildet. Herausstechend hierbei ist die Kameraführung, die den Weg vom Brief zum Empfänger verfolgend abbildet. Die Kamera ist erneut auf einem mobilen Objekt befestigt, dem Briefwagen, wodurch eine Parallele zum ersten Mord hergestellt und darüber hinaus die Wichtigkeit des Briefes hervorgehoben wird. Auch wird dadurch gleichzeitig Multimodalität hergestellt, da der Brief als schriftliches Medium filmisch abgebildet wird und Relevanz erhält. Man kann darüber hinaus interpretieren, dass erst durch das Erreichen des Briefes auch Robert Wichtigkeit bei seiner Arbeitsstelle erhält, da er während der Szene nur ein Mitarbeiter von Vielen ist und keine besondere Aufmerksamkeit von Kollegen erfährt. Dies bestätigt der weitere Verlauf des Films. Dem Hektischen wird ferner durch das ständige Klingeln von Telefonen im Büro Ausdruck verliehen und zudem ein Faktor der Brisanz zugeschrieben. Das Telefonklingeln ist im Verlaufe des Filmes immer wieder in den Gebäuden der Zeitung als auch der Polizei zu entnehmen, begleitet also ständig die Jagd nach dem Täter und gibt auch dem Zuschauer keine Ruhe. Indes wird ein weiteres Kernmotiv aufgeworfen: die Farbe ‚gelb‘, die immer wieder bis zum Ende in den Vordergrund rückt. Im Verlagsgebäude sieht der Zuschauer Stühle, Säulen, Akten und weitere kleinere Objekte in Gelb. Es erscheint Paul Avery, der zweite Protagonist, der als Journalist für die Zeitung arbeitet und dessen Weste zu einer Hälfte gelb ist. Finchers Farbsymbolik kann natürlich viele Bedeutungen besitzen. Die wohl für Zodiac naheliegendsten Assoziationen gehen hier in zwei Richtungen: Erstens wird gelb als Farbe der Erkenntnis und des Lichts erachtet. Beim Schauen des Filmes ist festzustellen, dass gelb vor allem dann vorkommt, wenn neue Hinweise oder Spuren auftreten und der Fall um Zodiac präsenter wird. Zweitens steht gelb gleichzeitig für Flüchtigkeit, Weite und sogar Falschheit oder Wahnsinn.12 Symbolisch-narrativ wird hier also schon angedeutet, was sich später bewahrheitet. Gemeint sind das ‚Greifen ins Leere‘ bei der Jagd um den Killer sowie das Chaos von Fakten und Ereignissen, die eine Auflösung des Falls unmöglich machen. Zusätzlich erzielt der Film so den Effekt auf den Zuschauer, dass auch dieser sich in der Jagd um den Täter gefangen fühlt, indem man nach gelben Objekten sucht und letztlich vergebens diese mit einer eindeutigen Beweislage kombiniert. Man wird als Betrachter selbst wie auch einige der Charaktere ‚wahnsinnig‘ in der Auflösung des Falls, indem in vielen Szenen der Zuschauer als Ermittler ‚aktiviert‘ wird: Robert trägt später im Film oftmals gelbe Oberbekleidung13 ; ein gelber Stuhl in einem Polizeibüro einer anderen Behörde14 ; es befinden sich gelbe Stühle im Raum der Befragung des Hauptverdächtigen Arthur Leigh Allen15 ; die Androhung vom Mord an Kindern in einem Schulbus (gelbes Fahrzeug) sowie die häufige Präsens von (gelben) Taxen, wobei in einem sogar ein Mord geschieht; das Hausmädchen mit gelber Bluse gibt Hinweise16 ; die Wohnung von Robert und seiner Frau beinhaltet sehr viele gelbe Objekte17 ; der zwielichtige Verdächtige trägt ein gelbes Oberteil und seine Kellertreppe hat gelbe Wände18 ; sogar das Cover der Zodiac-Bücher ist gelb19, was den Kreis um die Symbolik dieser Farbe schließt. Die Prägnanz und Wichtigkeit der Farbe ‚gelb‘ ist also einerseits nicht zu leugnen, andererseits führt sie den Zuschauer von vornherein in die Irre und parallelisiert somit das Tappen im Dunkeln der Ermittler und Journalisten.

[...]


1 Markus Kuhn: Film. In: Martínez, Matías (Hg.): Erzählen. Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar 2016, S. 46.

2 Hierbei sind Faktoren wie Syntax, Grammatik, Terminologie, Erzählerinstanz, etc. eingeschlossen.

3 Vgl. ebd.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 ZODIAC (R: David Fincher, USA 2007).

8 Grundbegriffe der Filmgestaltung. http://st-franziskus-schule.lraum.de/lms/claroline/backends/download.php?url=L0ZpbG1pc2NoZV9NaXR0ZWwucGRm&cidReset=true&cidReq=DS1213 (Stand: 29.09.2019).

9 Manfred Pfister (1997): „Das Drama. Theorie und Analyse 1977.“ München. In: Martínez (2016), S. 48.

10 Vgl. Brendan Hodges: “Zodiac Movie Review and Analysis”. Themetaplex.com, 29.09.2014. http://themetaplex.com/reviews/2014/zodiac-movie-review-and-analysis (Stand: 29.09.2019).

11 ZODIAC, TC: 0:06:18-0:09:34.

12 Gelb – Teil 1. https://www.ateliermanuelaengelhardt.de/news-info/farbe-co/gelb-1/ (Stand: 29.09.2019).

13 ZODIAC, z.B. TC: 0:37:10.

14 Ebd., TC: 0:37:40.

15 Ebd., TC: 1:20:35.

16 Ebd., TC: 1:54:20.

17 Ebd., TC: 1:57:32.

18 Ebd., TC: 2:14:44.

19 Ebd., TC: 2:31:10.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Eine Filmanalyse der narrativen Elemente in David Finchers "Zodiac" (2007)
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
12
Katalognummer
V978873
ISBN (eBook)
9783346331243
ISBN (Buch)
9783346331250
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Narratologie, Erzähler, Filmische Mittel, Authentizität, audiovisuelle Mittel, Sprachliche Mittel
Arbeit zitieren
Alexander Bärtl (Autor), 2019, Eine Filmanalyse der narrativen Elemente in David Finchers "Zodiac" (2007), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978873

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