Die Potenziale des reflexiven Coachings durch Marte Meo und dem Video-Einsatz im Rahmen der Frühförderung


Bachelorarbeit, 2018

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung
1.1 StrukturierungS

2 MarteMeo als historisches Beispiel einer videobasierten Fördermethode
2.1 Theoretische Grundsätze und Überzeugungen
2.2 Filmen als elementarer Bestandteil der Frühförderung
2.3 Ablauf des Video-Einsatzes im Förderungsprozess
2.3.1 Kontraktgespräch
2.3.2 Videoaufzeichnung
2.3.3 Videointeraktionsanalyse
2.3.4 Review

3 Reflexives Coaching
3.1 Entstehungsgeschichte
3.2 Das Lernmodell nach Bandura

4 Elterliche Erziehungs-Kompetenzen
4.1 Intuitive KompetenzenS
4.2 Entwicklungsfördernde pädagogische KompetenzenS
4.2.1 KommunikationskompetenzS
4.2.2 FeinfühligkeitS
4.2.3 Emotionsübertragung
4.2.4 DialogtechnikS

5 Das Video als Reflexionsmedium
5.1 Technische Komponenten
5.1.1 Dichte
5.1.2 Permanenz
5.2 Beeinflussung der Aufmerksamkeitsfokussierung
5.2.1 Aktivierung
5.2.2 De-Automatisierung
5.2.3 Perspektiv-Wechsel
5.2.4 Spiegelung des Selbst(-Konzeptes)

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In meiner Bachelorarbeit setze ich mich mit der Methode der Videoaufnahme in der Erziehungsberatung im Rahmen der Frühförderung auseinander.

Der Einsatz des Videos als Medium mit dem Ziel der Reflexion einer gefilmten alltäglichen Situation zwischen Elternteil und Kind leitet sich von dem MarteMeo-Modell ab.

Dieses Modell basiert auf der Annahme, dass jeder Mensch über innere Ressourcen verfügt, um eigene Entwicklungsprozesse zu initiieren und weiterzuführen. Mithilfe von Videointeraktionsanalysen soll die pädagogische Fachkraft helfen, reale Begegnungen zu einer konstruktiven Interaktion weiterzuentwickeln.1

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit dem Einsatz dieser Theorie im Rahmen der pädagogischen Praxis in der Frühförderung. Eltern, die eine Frühförderungsstelle aufsuchen, fühlen sich mit der Erziehungsaufgabe und der Alltagsbewältigung mit einem beeinträchtigten Kind überfordert. Insbesondere wenn das Kind durch eine den Eltern nicht bekannte Behinderung eingeschränkt ist, besteht die Herausforderung in der Etablierung eines persönlichen und vertrauensvollen Zugangs zum Kind.

Ich gehe in diesem Zusammengang von der These aus, dass die Video-Aufnahme einer gewohnten Tätigkeit, zum Beispiel die einer Spiel-Situation, als Anschauungsmaterial für ein anschließendes Reflektion-Gespräch verwendet werden kann.

Dieses Beratungs-Gespräch, das sich weiterhin nach der historischen MarteMeo-Methode orientiert, findet zwischen der pädagogischen Fachkraft und dem Elternpaar bzw. einem Elternteil2 statt. Das gefilmte Material ist deshalb für die Erziehungsberatung gut geeignet, weil es objektiv eine Situation zeigt, ohne sie zu werten. Dabei ist es nicht notwendig, möglichst über eine längere Zeit Situationen festzuhalten, sondern es genügt, wenige kurze Momente einzufangen. Diese können dann je nach Bedarf oder Unklarheiten angehalten oder zurückgespult werden.

Obwohl das Beispiel der Spielsituation vordergründig nicht komplex wirkt, kann es auf mehreren Ebenen Aufschluss über die Beziehung und Interaktion zwischen Eltern und Kindern geben. Vor allem die Art der Kommunikation, verbal durch kurze Äußerungen oder nonverbal durch Gesten und Blickkontakt, repräsentiert in der realen Spielsituation die Bindung zwischen Eltern und Kind.

Im Laufe des pädagogischen Betreuungs- und Beratungsprozesses wird im nächsten Schritt durch die Reflexion der einzelnen Filmsequenzen das Verhalten der Eltern reflektiert und die vorhandenen Ressourcen werden genutzt, um ihnen Anknüpfungspunkte für die Verbesserung der Erziehungssituationen im Alltag zu geben. Das Kind mit seinen Fähigkeiten und seinem Förderungsbedarf steht selbstverständlich immer im Vordergrund.

Diese Intention kann jedoch nur mit den Eltern als wichtigen Teil der frühkindlichen Lebenswelt gelingen. Ihnen wird mithilfe einer professionellen Reflexion eine Hilfestellung gegeben, um das Kind in seiner Lebenswelt zu unterstützen. Diese unterstützende Akzeptanz umfasst auch ganz individuelle Auffälligkeiten, physische und psychische Erkrankungen sowie Behinderungen.

In meiner eigenen Praxis-Erfahrungen im Bereich der Frühförderung hat mich die Ein-beziehung der Eltern durch das Video überzeugt. Die Potenziale des Videos modifizieren und bereichern den Prozess der pädagogischen Arbeit. Mein Fokus auf die zentrale Rolle der Eltern im frühkindlichen Kontext fragt nach den Bedingungen, unter denen nach MarteMeo verschiedene pädagogische Kompetenzen nachhaltig wirksam werden können. In diesem Kontext sind zusätzlich die pädagogischen Hauptziele her-auszuarbeiten.

Um dieses Ziel zu erreichen, erschließt sich die Frage:

Was sind die Potenziale des reflexiven Coachings durch MarteMeo und dem Videoeinsatz (in Bezug auf die Entwicklung und Stärkung pädagogischer Kompetenzen der Eltern) im Rahmen der Frühförderung?

1.1 Strukturierung

Die Antwort auf diese Fragestellung ergibt sich aus der Verbindung des Konzepts und des Menschenbildes von MarteMeo mit den technischen Möglichkeiten des Video-Einsatzes.

Das Video als Medium wird in verschiedenen Berufsfeldern eingesetzt, mit vielfältigen Einsatzmöglichkeiten in sozialen Interaktions- und Beziehungsgefügen.

Allen gemeinsam ist die Idee, eine Situation zu filmen und anschließend auszuwerten, um eine Verbesserung der gegebenen Umstände bzw. Qualifikationen zu erreichen. Im Folgenden untersuche ich die allgemeine Bedeutung des Videos im Coaching-Kontext, und der Darstellung der Methodik: Wie die Wirkung des Mediums auf den Reflexions-Prozess funktioniert und zu erklären ist.

Den Schwerpunkt meiner Arbeit möchte ich auf die Elternarbeit legen. Dabei zeige ich den Ablauf eines Frühförderungsprozesses auf, der den Einsatz von Videoaufnahmen beinhaltet. Zusätzlich erarbeite ich die wesentlichen relevanten Persönlichkeits- und Erziehungs-Kompetenzen heraus, die durch die beraterische Reflektion erarbeitet und unterstützt werden in der Auswertung mehrerer, vergleichbarer Situationen.

Die Haltung der pädagogischen Fachkraft gegenüber den Eltern ist nicht nur fachlich aufklärend, sondern kann außerdem empathisch unterstützen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die Akzeptanz einer Diagnose über eine Behinderung oder kognitive Schwierigkeiten schwer fällt oder sogar abgelehnt wird. Aus diesem Grund ist es außerdem wichtig, die Komplexität und die notwendige Sensibilität der Arbeit mit den Kindern und ihren Eltern im Blick zu behalten.

Um den Blick der Video-Arbeit auf die Beziehungs-Aufgabe zwischen Eltern und Kind sowie die Wirkungsweise des Mediums in den Begründungen differenziert ausarbeiten zu können, ziehe ich neben pädagogischer Fachliteratur ebenfalls für diesen Kontext relevante unterstützende Grundlagen der Sozial-, Wahrnehmungs- und Persönlichkeitspsychologie heran.

2 MarteMeo als historisches Beispiel einer videobasierten Fördermethode

MarteMeo ist eine Methode, die ihren praktischen Fokus auf die Video-Arbeit und die darauf aufbauende Erreichung von kindlichen Entwicklungsstufen legt, indem sie das Spektrum elterlicher Kompetenzen erweitert.

Es handelt sich hierbei um keine primär pädagogische Methode, die „richtiges“ oder „falsches“ Elternverhalten vermittelt, sondern einen Weg, nach geeigneten alltagstauglichen und praktischen Passungen zu suchen.“3 Das Passung-Konzept von MarteMeo wird darin begründet, dass „[…] eine ganze Reihe von Verhaltensstörungen weder auf die Pathologie der Eltern (oder andere Umweltnoxen) zurückgeführt werden noch auf eine […] Störung des Kindes, sondern […] auf eine Unvereinbarkeit der normalen Variationen der beiden.“4

Gerade aufgrund des zentralen Einsatz-Elementes des Videos im Rahmen der Beratung kann sie als moderne Methode angesehen werden, die es ermöglicht, komplexe Erkenntnisse der pädagogischen und psychologischen Forschung anschaulich, konkret und handlungsbezogen umzusetzen. Die Videoarbeit basiert daher auf der „[…] Information des einzelnen Bildes, […] wird […] greifbarer und ermöglicht, sich auf eine konkreten Inhalt zu beziehen.“5

Aufgrund der Beratungsgrundlage des visuellen und auditiven Datenmaterial wird MarteMeo als auch eine „bildgebende Methode“6 beschrieben. Konkret ist damit die Konservierung eines Stücks der Wirklichkeit gemeint, die eine Reflexion und Modifikation des eigenen Kommunikations- und Interaktions-Musters ermöglicht.7

2.1 Theoretische Grundsätze und Überzeugungen

Der Begriff „MarteMeo“ bezieht sich in seiner Wortherkunft „[…] auf das lateinische „mars martis“ und bedeutet sinngemäß etwas aus eigener Kraft erreichen.“8

Die pädagogische Aufgabe besteht zentral darin, bei Eltern und Kindern diejenigen Fähigkeiten zu identifizieren und zu aktivieren, die seelisches Wachstum, konstruktive Interkation und persönliche Entwicklung fördern.9

Das Modell „[…] basiert auf der Annahme, dass eine Familie (ein System) im Nor-malfall die Fähigkeit hat, sich für eigene Interessen und die eigene Entwicklung zu engagieren und dabei entsprechende Ressourcen zu mobilisieren und einzusetzen.“10 Ein zentrales Ziel besteht also darin, Menschen zu motivieren und zu ermutigen, die eigene Kraft zu nutzen, um Entwicklungsprozesse anzuregen.11

Jeder Mensch besitzt nach der Grundannahme eine aus ihm heraus entstandene Kraft, er braucht lediglich den „Schlüssel“, einen Zugang zu dieser inneren Potenti-alquelle. Nach MarteMeo wird jedes Kind mit „[…] einer „Goldmine“ geboren, die vielfältige Wachstums- und Entwicklungschancen enthält.“12 Durch optimale Förderung kann das Kind auf jene inneren Kräfte zugreifen.

Daher werden nicht die Defizite und Probleme eines Systems in den Vordergrund gestellt, sondern die Möglichkeiten, die zu einer Verbesserung der Erziehungs-Situation führen können und auf einer positiven, konstruktiven Grundhaltung basieren.

Das MarteMeo-Modell vertritt somit ein auf Ressourcen und Wachstum gerichtetes Menschenbild, das den Kindern die Fähigkeit zuspricht, Entwicklungsstufen zu erreichen, sofern sie die für sie jeweils angemessene fördernde Unterstützung bekommen. Eltern als Beteiligte in dem Prozess wird in dieser Vorstellung die nötige „[…] Verantwortung und Kompetenz“13 zugesprochen, ihren Kindern dabei zu helfen.

Ein Problem wird aufgrund der „inneren Kraftquelle“ nicht als etwas Negatives gesehen, sondern als die Chance, die dahinter stehende Entwicklungsbotschaft zu erkennen, die bisher nicht gesehen worden ist. Die gemeinsame Bewältigung von Problemen verwandelt diese in Möglichkeiten, die zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt.14

Theoretische Bezüge lassen sich in der Untersuchung der Bindung finden. MarteMeo bezieht seine Annahmen aus der generellen entwicklungsfördernden Bedingung einer positiven Eltern-Kind-Beziehung, die dem Kind als eine der wichtigsten Ressourcen dient15 und damit eine Schlüsselposition im Entwicklungs-Prozess darstellt.

Das Erreichen dieser funktionierenden Beziehung resultiert aus einer alltäglichen Kommunikation, die soziale, emotionale, motorische und kognitive Entwicklung gleichwertig fördert16 und die Teilhabe am alltäglichen Leben im Umgang mit anderen Menschen sichert. Diese entwicklungsfördernde Kommunikation ist ein zentraler theoretischer Bezug, der in Form der Video-Arbeit praktisch vermittelt wird.

Nach MarteMeo besteht diese Kommunikation aus fünf Basiselementen: Wahrnehmen, Bestätigen, Benennen, Sich abwechseln und Leiten (s. 4.2.1 „Kommunikationskompetenz“).

2.2 Filmen als elementarer Bestandteil der Frühförderung

In pädagogischen Institutionen der Frühförderung bietet sich die Methode der Video-Arbeit und -Beratung gerade wegen seines ganzheitlichen Ansatzes an.

Mit dem Konzept der Ganzheitlichkeit ist die die Absicht von MarteMeo, Menschen in komplementären Beziehungen zu unterstützen.17 Eine Komplementarität liegt dann vor, wenn „[…] in einer Zweierbeziehung (Dyade) eine Person verantwortlich und bestimmend ist für eine andere, die die schutz- und unterstützungsbedürftig ist.“18

Die Adressaten, Eltern wie Kinder, werden in den Prozess aktiv miteingebunden und in ihrem individuellen Lebenskontext wahrgenommen. MarteMeo geht also auf die komplementäre Personen ein, die umsorgt wird (Säuglinge, Kinder, Jugendliche, behinderte Kinder und Jugendliche, erwachsene Behinderte oder hilfebedürftige alte Menschen), als auch auf diejenigen, von der die Fürsorge und Unterstützung ausgeht (Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen, BetreuerInnen, TherapeutInnen usw.).19

Da die Frühförderung sich gewöhnlich mit kleinen Kinder im Vorschulalter auseinandersetzt, ist es absolut sinnvoll und sogar notwendig, zusätzlich die Eltern als wichtigster Einfluss der kindlichen Lebenswelt einzubeziehen. Die Eltern erhalten somit einerseits Einsicht in die pädagogische Vorgehensweise und erhalten auf der anderen Seite wertvolle Informationen, wie sie selber mit ihrem Kind im Alltag entwicklungsunterstützend umgehen können.

Für diese Ganzheitlichkeit ist die Methode des Filmens eine einzigartige neue Methode, um Eltern, Kinder und die pädagogische Fachkraft als eine Einheit im Förderungsprozess anzusehen, in dem jeder seinen Anteil im Sinne des vereinbarten Zieles beiträgt.

2.3 Ablauf des Video-Einsatzes im Förderungsprozess

Der Prozess der Beratungsentwicklung auf Basis des Video-Feedbacks setzt eine Bereitschaft zur Teilnahme an mehreren Sitzungen voraus.

Daher werden im Laufe eines zeitlichen Rahmens mehrere Video-Sequenzen aufgenommen und besprochen. Die im Folgenden dargestellte chronologische Abfolge des Video-Einsatzes beschreibt nicht jede einzelne Sitzung20, sondern gibt einen Überblick über die grundsätzlichen Richtlinien und Handlungsvorgaben, die die pädagogische Fachkraft in Bezug auf das MarteMeo-Modell durchführt.

Der Ablauf des Video-Feedbacks gliedert sich in vier Schritte.

2.3.1 Kontraktgespräch

Der erste Termin dient dem Kennenlernen und dem Erstgespräch zwischen den Eltern und der pädagogischen Fachkraft sowie der Aufklärung über den rechtlichen Rahmen.

Durch das sehr persönliche Anliegen seitens der Eltern, aufgrund erzieherischer Schwierigkeiten eine Beratung in Anspruch zu nehmen, ist es von großer Bedeutung und fast Voraussetzung, dass sich ein angemessenes Vertrauensverhältnis entwickelt. Um diesen Umgang miteinander herstellen zu können, ist es wichtig, das Problem der Eltern anzuerkennen und ernst zu nehmen.

Außerdem sind eine umfassende Informationsvermittlung über den Förderungs- und Beratungsprozess erforderlich sowie Transparenz insbesondere in Bezug auf die geplanten Videoaufnahmen. Dazu gehört vor Beginn eine klare Absicherung darüber, dass die Aufnahmen vertraulich behandelt werden und nicht in die Hände Dritter geraten. Um dies verbindlich festzuhalten, wird eine schriftliche Zusicherung unterschrieben, dass die Bilder und Videos keinesfalls Eigentum der pädagogischen Einrichtung sind, sondern die der Klienten/Eltern und ausschließlich zu Beratungszwecken genutzt werden.21

Als juristische Grundlage dienen hier „[…] die rechtlichen Rahmenbedingungen des Schutzes von Privatgeheimnissen (§ 203 StGb) und des Rechts am eigenen Bild.“22

Da das Medium Video bei Eltern häufig eine ängstliche Spannung als erste unmittelbare Reaktion darauf hervorruft23, wird ihnen zugesichert, dass sie sich in einem geschützten Raum befinden. Außerdem erfolgt eine ausführliche Aufklärung über zukünftige Abläufe der Beratungs- und Feedback-Sitzungen sowie Informationen über die Vorteile und Chancen der Video-Methode.

Die schriftliche Vereinbarung wird durch einen mündlichen Kontrakt ergänzt, der die Themen und Schwerpunkte der Beratung festlegt, und im Laufe der Sitzungen je nach erreichtem Entwicklungsstand immer wieder ergänzt werden kann.24 Die Eltern erhalten in diesem Gespräch die Möglichkeit, die maßgeblichen Schwerpunkte der Probleme mit ihrem Kind aus ihrer Sicht zu formulieren. Anschließend werden gemeinsam mit der pädagogischen Fachkraft Ziele in einem Förderplan festgehalten, an denen sich die Sitzungsinhalte der Beratungssequenz orientieren.

Erst am Ende dieses Informations- und Kennenlern-Treffens wird ein Termin für die erste Videoaufzeichnung vereinbart.

2.3.2 Videoaufzeichnung

Hinsichtlich des Settings der Videoaufnahme sind sowohl die gewohnte, heimische Umgebung möglich, wie auch die Diensträumlichkeiten der pädagogischen Institution. Grundsätzlich sind aber auch andere Orte möglich, wie zum Beispiel der Kindergarten25, die Teil der kindlichen und familiären Alltags- und Familienwelt sind.

Die Videoaufnahmen begrenzen sich damit nicht auf einen einzigen Ort, sondern variieren, um einen möglichst umfassenden Informationsspektrum über das familiäre Zusammenleben und dem kindlichen Erleben seines Alltags zu gewinnen.

Der Ortswechsel, der die Eltern aus der gewohnten heimischen Umgebung holt, „[…] erleichtert den Perspektivwechsel von der Innenperspektive eines Teilnehmers eines „Problemkontextes“ zur Außenperspektive eines (Selbst-)Beobachters. Dieser Perspektivwechsel wird durch das Setting der Videoberatung unterstützt.“26

Da die Beobachtungssituation die Beratungsgrundlage darstellt, ist es für das Arbeitsbündnis bedeutsam, dass jene Situation mit den Beratungsanliegen der Eltern kooperiert. Diese Beobachtungsformate oder auch „explorative Fenster“ lassen sich in drei Situationen unterscheiden.27

Die unstrukturierte Situation zeigt die spontanen Entwicklungsinitiativen von Kindern und korrespondierende Fähigkeiten der Eltern.28 Gemeint sind damit also Freispiele, in denen das Kind ohne Regeln nach seiner Fantasie entweder eigene Ideen für Beschäftigung findet oder die Eltern im besten Fall miteinbezieht.

Der Blick auf jenes Spiel bedeutet eine explorative Einschätzung des kindlichen Entwicklungsniveaus gibt auch einen Eindruck davon, wie ausgereift die Bindung zwischen Eltern und Kind ist.

Durch die Möglichkeit zu einer freien, ungezwungenen Kommunikation ist beobachtbar, ob die Eltern ihr Kind in seinen Handlungen und Ideen unterstützen oder ob die verbalen Initiativen des Kindes (z.B. „Spiel doch mit, du nimmst diese Figur und ich die andere“) oder die nonverbalen Signale (Blickkontakt, Lächeln, physische Nähe) als Kontaktversuche verstanden und aufgenommen werden. Außerdem erhält der Beratende einen Eindruck von dem normativen alltäglichen Spielverhalten innerhalb der Familie und inwiefern sich die gefilmten Personen aufeinander abstimmen und interagieren.

Die strukturierte Situation dagegen ist eine zielorientierte. Dazu zählen Aufräum-, oder Hausaufgaben-Situationen.29 In diesem Kontext ist sichtbar, inwiefern Erwachsene ihre Kinder „[…] anleiten, mit ihnen kooperieren und die innere und äußere Strukturierungsfähigkeit unterstützen.“30

In diesem Rahmen der erforderlichen Lenkung durch die Eltern kann anhand der Reaktion des Kindes erahnt werden, wie routiniert solche Abläufe im Alltag funktionieren oder eben nicht. Nach einer Aufforderung („Die Stunde ist vorbei. Räum‘ bitte die Spielsachen auf.“) ist relativ schnell feststellbar, wie der Elternteil seine Aufgabe angeht, wie viel er erklärt oder wie energisch er sein Anliegen dem Kind vermittelt.

Ein anderer Aspekt ist der Umgang mit einer möglicherweise noch nicht ausgereiften Frustrationstoleranz, der es den Kindern erschwert, „unschönen“ Tätigkeiten nachzugehen.

Die halbstrukturierte Situation beschreibt einen Zwischenbereich, nämlich Situationen, die ein Ziel verfolgen aber gleichzeitig Spielräume für kreative Prozesse lassen und den Blick für die Kooperations- und Konfliktlösungsmomente der Beteiligten öffnet.31 Dazu zählen beispielsweise Regel- oder Bewegungsspiele. Diese Situation ist erzieherisch dahingehend aufschlussreich, weil sie die Eltern und Kinder in einem ungezwungenen Spielprozess zeigt, aber auf der anderen Seite auch die elterliche Kompetenz zeigt, Grenzen zu setzen und auf die Einhaltung zu dringen.

Besonders während des Regelspiels lässt sich beobachten, wie das Kind mit der Herausforderung des Abwartens und Abwechselns zurechtkommt. Bei sehr unruhigen, energetischen Kindern kann die Aufgabe schon daran scheitern, dass das Sitzenbleiben am Tisch schwer auszuhalten ist und das Kind immer wieder aufspringt und sich eine andere, bewegungsorientierte Beschäftigung sucht. Eltern befinden sich dann in der kritischen Situation, wie streng sie Grenzen durchziehen sollen und können.

Welche der drei Situationen für den Anfang gewählt wird, wird je nach Beratungsziel und -Fragestellung individuell vereinbart.

Da die erste Situation möglichst positive Kommunikationsmuster als Grundlage für den weiteren Förderungsprozess zeigen soll, ist es sinnvoll herauszufinden, welche Situation Eltern und Kind am leichtesten fällt. Meist ist dies eine unstrukturierte Situation, in der ohne großen Druck das ungezwungene Miteinander erlebt wird.

Die Videoaufnahme selbst hat in der Regel eine Länge von ungefähr fünf bis zehn Minuten. Währenddessen beinhaltet die Rolle des Beraters ausschließlich die des „Kameramanns“ mit der vorherigen Ankündigung, nicht auf die Situation einzuwirken. Stattdessen agiert er in einer freundlichen und zugewandten Abstinenz.32

2.3.3 Videointeraktionsanalyse

Die Videointeraktionsanalyse, kurz „VIA“, geschieht ohne Beisein der Eltern. Der Berater geht dafür die Aufnahme aufmerksam durch und wählt entscheidende Filmausschnitte aus.33 Definiert wird die Videointeraktionsanalyse konkret durch „[…] ein Verfahren zur Analyse von Interaktionen, die auf Videodaten abgebildet sind.“34

[...]


1 Vgl. Von Schlippe, A./Lösche, G./Hawellek, C. (Hrsg.): Frühkindliche Lebenswelten und Erziehungsberatung. Die Chancen des Anfangs. Münster 2001, S. 104..

2 In der Literatur wird oft von der Mutter als Ansprechpartnerin gesprochen, in dieser Arbeit werde ich meist die Form „Elternteil“ oder „Klient“ verwenden, da ich von der allgemeinen Theorie ausgehe. Selbstverständlich kann der Erwachsene abgesehen von den Eltern auch eine andere Bezugs- und Betreuungsperson des Kindes sein.

3 Hawellek, C.: Entwicklungsperspektiven öffnen. Grundlagen beobachtungsgeleiteter Beratung nach der MarteMeo-Methode. Göttingen 2012, S. 114.

4 Zentner, M.: Passung. Eine neue Sichtweise psychischer Erkrankungen. In: Petzold, H. G. (Hrsg.): Frühe Schädigungen – späte Folgen? Psychotherapie und Babyforschung. Paderborn 1993, S. 170.

5 Degrell, A./Fenner, S./Kambeitz, M./Thomas, M.: Bedeutung der Elternbegleitung und –beratung an den Beispielen „Marte Meo“ und „Familienzentrum“. In: Gemeinsam hinsehen. Interdisziplinäre Frühförderstellen Bruchsal, Karlsruhe und Rastatt, S. 2.

6 Hawellek 2012, S. 92.

7 Vgl. Bünder, P.: Entwicklungsförderung von Risikokindern und ihren Eltern mit Hilfe von Videoberatung nach der Marte-Meo-Methode. Heft 60. In: Prax. Kinderpsychologie Kinderpsychiatrie. Göttingen 2011, S. 336.

8 Bünder, P./Sirringhaus-Bünder, A./Helfer, A.: Lehrbuch der MarteMeo-Methode. Entwicklungsförderung mit Videounterstützung. Göttingen 2015, S. 13.

9 Vgl. Aarts, M.: MarteMeo. Ein Handbuch. 2. überarbeitete Ausgabe, Eindhoven 2008, S. 88ff.

10 Von Schlippe/Lösche/Hawellek 2001, S. 105.

11 Vgl. Ebd., S. 104.

12 Schrömer, K.: MarteMeo. Eine videogestützte Beratungsmethode. Ausgabe 6/7 In: Kindergarten heute. Eine Fach-zeitschrift. Freiburg 2013, S. 11.

13 Bünder 2011, S. 336.

14 Vgl. Aarts, M.: Marte Meo. Ein Handbuch. 3. Überarb. Ausg. Harderwijk/Eindhoven 2009, S. 94.

15 Vgl. Grüber, Stankowski: MarteMeo – ein Video-Interaktionsmodell in der Frühförderung. In: Leyendecker, Christoph (Hrsg.): Gefährdete Kindheit. Risiken früh erkennen, Ressourcen früh fördern. Stuttgart 2010, S. 252.

16 Vgl. Leyendecker, C. (Hrsg.): Gefährdete Kindheit. Risiken früh erkennen, Ressourcen früh fördern. Stuttgart 2010, S. 251.

17 Vgl. Bünder/Sirringhaus-Bünder/Helfer 2015, S. 17.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Die Ausdifferenzierung einzelner Sitzungen eines Fallbeispiels ist nicht Teil dieser Arbeit, da ich auf wissenschaftlich-theoretische und nicht empirischer Grundlage arbeite.

21 Vgl. Hawellek 2012, S. 84.

22 Hawellek 2012, S. 86.

23 Vgl. Schepers, G./König, C.: Video-Home-Training. Eine neue Methode der Familienhilfe. Weinheim und Basel 2000, S. 28.

24 Vgl. Bünder, P./Sirringhaus-Bünder, A.: Elterliche Kompetenzen nachhaltig fördern mit Hilfe der Videoberatung: Die Arbeitsweise der MarteMeo-Methode. In: Aus Klinik und Praxis. Heft 57. Göttingen 2008, S. 333.

25 Vgl. Bünder/Sirringhaus-Bünder 2008, S. 333.

26 Hawellek 2012, S. 86.

27 Vgl. Ebd., S. 85.

28 Vgl. Ebd.

29 Vgl. Hawellek 2012, S. 85.

30 Ebd.

31 Vgl. Ebd., S. 87.

32 Vgl. Hawellek 2012, S. 87.

33 Vgl. Ebd., S. 88.

34 Tuma, R./Schnettler, B./Knoblauch, H.: Videographie. Einführung in die interpretative Videoanalyse sozialer Situationen. Wiesbaden 2013, S. 43.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Die Potenziale des reflexiven Coachings durch Marte Meo und dem Video-Einsatz im Rahmen der Frühförderung
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Pädagogik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
44
Katalognummer
V979365
ISBN (eBook)
9783346329905
ISBN (Buch)
9783346329912
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, martemeo, frühförderung, video, beratung, kinder, Coaching, eltern, reflexion
Arbeit zitieren
Linda Schmoll (Autor), 2018, Die Potenziale des reflexiven Coachings durch Marte Meo und dem Video-Einsatz im Rahmen der Frühförderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979365

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