Produktivitätsparadox oder säkulare Stagnation? Ein Beitrag zur Zukunft von Wirtschaftswachstum und Arbeit


Bachelorarbeit, 2018

40 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Schwaches Produktivitätswachstum – temporär oder systemisch?
2.1 Produktivitätsparadox
2.2 Erklärungsansätze
2.3 Schwaches Wirtschaftswachstum als simultaner Begleiter

3 Produktivitäts dilemma – Von der Produktion zur Realisation
3.1 Zwang zur stetigen Produktivitätssteigerung
3.2 Das Dilemma der Produktivitätssteigerung
3.3 Externe Nachfragequelle als temporärer Ausweg

4 Die Säkulare Stagnation nach der Großen Depression ab
4.1 Vorstellung einer „reifen Wirtschaft“
4.2 Theorie der säkularen Stagnation
4.3 The Golden Age of Capitalism – Ein Interregnum

5 Die aktuelle säkulare Stagnation und die regressive Moderne
5.1 Die säkulare Stagnation 2.0
5.2 Die langsame Entstehung eines Nachfrageproblems
5.3 Verstärkende Effekte des Nachfrageproblems

6 Wachsende Ungleichheit: eine weitere Wachstumsbremse

7 Fazit

8 Anhang

9 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität in den OECD-Ländern

Abb. 2: Produktivität als Motor des Wachstums

Abb. 3: Paritätische Entwicklung von Arbeitsproduktivität und Lohn

Abb. 4: Entwicklung des BIP pro Kopf in der BRD und in den OECD-Ländern

Abb. 5: Divergente Entwicklung von Produktivität und Lohn in Industrieländern

Abb. 6: Entwicklung der Lohnquote

Abb. 7: Das Kapital-Einkommens-Verhältnis in der Welt, 1870-2100

Abb. 8: Produktivitätsparadoxon der Informationstechnologie

Abb. 9: Entwicklung der Bruttoinvestitionsquote in BRD und OECD

Abb. 10: Entwicklung der Profitrate in den USA

Abb. 11: Entwicklung der Lohnquote in Deutschland (bereinigt)

Abb. 12: Verteilung und Wachstum in Deutschland

Abb. 13: Einkommensungleichheit in Deutschland, 1991-2014

1 Einleitung

„Wir stehen erneut vor der Frage, wie man das menschliche Leben in einer Maschinengesellschaft organisieren soll“, schrieb der polnische Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1979:129) vor knapp 40 Jahren. Die damaligen Industriemaschinen, die zur wiederholten Ausführung für von Menschen einprogrammierte Tätigkeiten in der Lage waren, haben sich seitdem zu Maschinen (Roboter) weiter entwickelt, die nicht nur schnell und unermüdlich rund um die Uhr arbeiten, sondern auch die Fähigkeit zu autonomem Lernen, zum weltweiten Informationsaustausch mit anderen Maschinen in Echtzeit und zum Zugriff auf das ganze Weltwissen (Big Data) besitzen. Digitale Techniken verändern unser gesamtes Leben, insbesondere die Wirtschaft.

Technologischer Fortschritt gilt seit je als Inbegriff ökonomischen Wachstums, weil er die Produktivität steigert, also die Produktion pro eingesetzte Arbeitseinheit. In Bezug auf digitalen Techniken zeigen die Statistiken allerdings eine paradoxe Entwicklung: Trotz weitreichender Digitalisierung der Wirtschaft ist das Wachstum der Arbeitsproduktivität seit den siebziger Jahren in allen entwickelten Ökonomien tendenziell gesunken (Abb. 1) , ein Phänomen, das im wirtschaftswissenschaftlichen Fachkreis als Produktivitätsparadox bezeichnet wird.

Die Statistiken belegen zudem den parallelen Abwärtstrend des Wirtschaftswachstums in den entwickelten Staaten. In den OECD-Ländern ist die durchschnittliche Wachstumsrate des Pro-Kopf-BIP seit 1970 von 4% auf ca. 1% gesunken (Abb. 4), eine Entwicklung, die viele Ökonomen mit der chronischen Produktivitätsschwäche der digitalen Technologien in Verbindung bringen, weil sie die Produktivität als Hauptquelle wirtschaftlichen Wachstums erachten – ein logischer Zusammenhang, wenn man nur die Angebotsseite im Blick hat.

Die beschriebenen Entwicklungen, vor allem die langsame Erholung der Wirtschaft nach der Wirtschaftskrise ab 2007, veranlasste die beiden führenden amerikanischen Ökonomen Larry Summers und Paul Krugman Parallelen zur Situation nach der großen Börsencrash von 1929 zu ziehen und zur Kennzeichnung der aktuellen Situation den Begriff der säkularen Stagnation verwenden (Nachtwey 2016: 43). Damit vertreten sie die „keynesianische“ Theorie, fehlende Investitionstätigkeit bzw. -nachfrage sei die Ursache für die aktuelle wirtschaftliche Stagnation.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die vorliegende Arbeit der Erklärung der aktuellen Stagnation der Wirtschaft: Ist die gegenwärtige chronische Wachstumsschwäche eine Folge des digitalen Produktivitätsparadoxes oder umgekehrt.

Nach der kritischen Darstellung der Erklärungsansätze für das Phänomen des Produktivitätsparadoxes (Kapitel 2) wird versucht, dem Zusammenhang zwischen langfristiger Produktivitätssteigerung und Wirtschaftswachstum in den kapitalistischen Marktwirtschaften auf den Grund zu gehen und eine theoretische Argumentationsbasis für die vorliegende Arbeit zu entwickeln (Kapitel 3). Die These dieser Arbeit lautet: Hinter der aktuellen säkularen Stagnation steckt das Produktivitätsdilemma der kapitalistischen Wirtschaftsweise, das sich aus der permanenten Produktivitätssteigerung mit der Folge des Nachfragerückgangs der erwerbseinkommensbeziehenden Haushalte ergibt. Im Kapitel 4 geht es darum, inwieweit die Theorie der säkularen Stagnation der 1930er Jahren die aktuelle stagnierende Situation erklären kann. Im 5. Kapitel wird der Versuch unternommen, anhand der entwickelten Theoriebasis die Entwicklung der aktuellen chronischen Wachstumsschwäche (säkulare Stagnation 2.0) in ihrem historischen Kontext zu erklären. Vor dem Fazit wird im Kapitel 6 auf die zunehmende Ungleichheit als eine weitere Wachstumsbremse eingegangen.

2 Schwaches Produktivitätswachstum – temporär oder systemisch?

2.1 Produktivitätsparadox

„We can see the computer age everywhere but in the productivity statistics“, schrieb der US-amerikanische Nobelpreisträger Robert Solow 1987 (36) und wies auf eine bisher unbekannte paradoxe Entwicklung in der Wirtschaft hin: das Produktivitätsparadox. Begriffe wie smart fabrics, Industrie 4.0, Wirtschaft 4.0, Artificial Intelligence, intelligente Vernetzung und smart Office bezeugen den zunehmenden Einsatz neuer digitaler Technologien (Abb. 8 im Anhang), der allerdings im Widerspruch zu volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen steht. Denn neue Innovationen sollten die Arbeit erleichtern, beschleunigen, rationalisieren, automatisieren und somit deren Produktivität steigern. Aber die ökonomischen Statistiken zeigen, dass das Wachstum der Arbeitsproduktivität sich seit den 1970er Jahren in allen entwickelten Ökonomien ständig verlangsamt (Abb. 1 & Fritsche und Harms 2017: 93). Dieses Phänomen des abnehmenden Arbeitsproduktivitätswachstums trotz zunehmender Digitalisierung der Wirtschaft wird als Produktivitätsparadox bezeichnet. Das Paradox besteht also darin, dass trotz Investitionen in die digitalen Techniken der Ertrag der Arbeit immer weniger gesteigert und/oder der Einsatz von Arbeit tendenziell immer weniger verringert werden konnten.

Abb. 1 : Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität in den OECD-Ländern

(Wachstum des realen BIP pro Arbeitsstunde in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: OECD {https://stats.oecd.org/} (Stand: August 2018), eigene Darstellung.

Abb. 1 zeigt die durchschnittlich abnehmende Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität in den OECD-Staaten von ca. 2% auf 0.5% seit 2001. Dieses Phänomen ist seit den 1970er Jahren in allen entwickelten Staaten zu verzeichnen, sodass von einer „globalen Abflachung“ der Arbeitsproduktivität die Rede ist (Fritsche und Harms 2017: 92f.).

Viele Ökonomen rätseln darüber, warum die digitale Revolution, die den Anspruch hat, mit den ersten Industriellen Revolutionen gleichgestellt zu sein, kaum Produktivitätsfortschritte mit sich bringt. Da die Verbesserung der Arbeitsproduktivität als Hauptquelle des ökonomischen Wachstums gilt, beabsichtigen sie zudem mit der Lösung des Produktivitätsrätsels der chronisch schwachen Wachstumsentwicklung der entwickelten Volkswirtschaft seit den 70er Jahren auf den Grund zu gehen und entsprechende Politikempfehlungen liefern zu können. Hier sind ihre Erklärungsansätze in Kürze dargestellt.

2.2 Erklärungsansätze

Erfassungs- und Bewertungsproblem

Nach Brynjolfsson & McAfee (2014) ist der schwache Produktivitätszuwachs auf Probleme der statistischen Erfassung volkswirtschaftlicher Wertschöpfung zurückzuführen. Das Produktivitätswachstum sei also existent, aber unsichtbar, da große Mengen digitaler Güter keinen Preis hätten und deshalb von der amtlichen Statistik nicht oder mangelhaft erfasst würden (Uebele 2016: 6f.). Das BIP zeige nur, was mit heutigen statistischen Messverfahren erfassbar sei. Vor allem Qualitätsverbesserungen durch den technischen Fortschritt würden nicht berücksichtigt. Ähnlich argumentiert Grömling (2016: 135ff.) und fordert deshalb, das Konzept der wirtschaftlichen Leistungserfassung (BIP) zu überdenken.

Adaptions- und Diffusionsproblem

Der Mensch gilt beim Einsatz von Technologien als „kritischer Faktor“ (Weiber & Kramer 2001: 189). Letztendlich sind sie für die Transformation des technischen Erfolgspotenzials in Effektivität und Effizienz und damit für den ökonomischen Erfolg zuständig. Oft kommt es gerade in der Innovationsphase zu Fehlern bei IT-Investitionen und Technologien. Alte Verhaltensweisen und Erneuerungsresistenz des Personals können zur Wachstumsverzögerung führen. Die Beharrungstendenz erschwert die Annahme und den Umgang mit digitalen Techniken (ebd.: 155), sodass es z. B. in Büros zur digitalen Speicherung von Schriftsätzen kommt, trotzdem werden aber immer noch die gleichen Schriftsätze auch ausgedruckt. Hinter der Einführung fundamentaler digitaler Techniken verbirgt sich meist ein Generationen- und Bildungsproblem zur Anpassung.

Hübner (2006: 38ff.) bezeichnet die neuen Informations- und Kommunikationstechnologie als „General Purpose Technology“ (GPT) – bei Schumpeter „Basisinnovation“ genannt (Kurz 20013: 87) –, die ein neues technologisches Paradigma („digitale Revolution“) zu definieren imstand sind. In ihrem Lebenszyklus sind sie zunächst unstrukturiert (Invention) und entwickeln sich allmählich zu einer Innovation, die sektorenübergreifend imitiert werden (ebd. 86). Zurzeit befinden wir uns also in einer Phase zwischen Markteinführung und -etablierung digitaler Technologien, die in der Zukunft zu einem Produktivitätszuwachs und ökonomischen Aufschwung führen können und werden (Hübner 2006: 38ff.). Auch McAfee und Brynjolfsson zufolge sind digitale Technologien mit der Basistechnologien wie Dampfkraft und Elektrizität gleichzusetzen. „Die Folgeinnovationen der Digitalisierung seien noch nicht annährend ausgeschöpft, vielmehr befänden wir uns derzeit erst am Beginn eines Innovationszyklus unvorstellbaren Ausmaßes“ (Staab: 61/62). Die Anfangsphase der Digitalisierung liegt allerdings weit zurück, sodass die Erwartung eines enormen Wachstumsschubs sehr unwahrscheinlich erscheint.

Innovationsproblem

Der amerikanische Ökonom Robert Gordon (2012: 3ff.) hält die Produktivitätsgewinne durch die Einführung der Computertechnik und des Internets seit 2004 schon ausgeschöpft. Digitalisierungsprozesse hätten vor allem nur im Unterhaltungs- und Kommunikationsbereich stattgefunden. Grundsätzliche Anstöße für Wirtschaftswachstum seien von ihr nicht ausgegangen und wären auch nicht zu erwarten, weil die „dritte industrielle Revolution“ nicht einen ähnlich tiefen Wandel wie die „zweite industrielle Revolution“ in vielen Technologiefeldern, Konsum- und Lebensweisen nach sich ziehen würde. Allein schon wegen des weit geringeren Investitionsaufwandes gegenüber dem des Industriezeitalters mit seinen Maschinenparks, um Wachstum und Produktivitätssteigerung zu generieren, wird es schwer sein, hohe gesamtwirtschaftliche Wachstumsraten zu erreichen (Gordon 2015: 54ff.).

„Relative Rationalisierungsresistenz“ des Dienstleistungssektors

Das Produktivitätsparadox kann aber auch damit zusammenhängen, dass der produktivitätsschwache Dienstleistungssektor in den entwickelten Ökonomien zunehmend an Bedeutung gewinnt (Dauderstädt 2012: 41). Im Dienstleistungsgewerbe sind die Möglichkeiten technischer Innovationen zur Produktivitätssteigerung menschlicher Tätigkeit begrenzt. Viele Dienstleistungsberufe sind sogar mit Technik nicht kompatibel und daher vor Automatisierung geschützt. Dies gilt besonders für Dienstleistungen, die besonderes Wissen oder Geschick voraussetzen (Ärzte, Rechtsanwälte, Künstler) oder solche, die in direkter Beziehung zu Kunden erbracht werden (Pflegekräfte, Frisöre, Servicepersonal) (Staab 2016: 70).

Der Anteil des Dienstleistungssektors an der deutschen Bruttowertschöpfung betrug 2017 68,7% mit zunehmender Tendenz. Während im Industriesektor die Beschäftigung abnimmt, aber die Produktivität anhaltend mit 2 bis 3 Prozent wächst, nimmt die Beschäftigung im Dienstleistungssektor beständig zu, aber mit wesentlich niedrigeren Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität (Dauderstädt 2012: 41f.). Deswegen mindern sie die Wachstumsraten des gesamtwirtschaftlichen Ergebnisses.

Fehlende Investitionstätigkeit

Viele Ökonomen wie Summers (2013) und Krugman (2014), die die gegenwärtige Entwicklung der Wirtschaft als säkulare Stagnation bezeichnen, bringen die schwache Produktivitätsentwicklung der Gegenwart mit der fehlenden Investitionstätigkeit und -nachfrage in Zusammenhang. Da dieser Erklärungsansatz sich auf die Theorie der säkularen Stagnation bezieht und somit in enger Verbindung mit der Argumentation der vorliegenden Arbeit steht, wird in nächsten Kapiteln darauf eingegangen.

Alle dieser Erklärungen analysieren die chronische Produktivitätsschwäche auf der betrieblichen Ebene, indem sie es als ein technisches (Innovationsproblem) oder menschliches Problem (Adaptions- und Diffusionsproblem) sehen. Sie vernachlässigen somit den gesamtwirtschaftlichen und historischen Kontext des Themas. Der Ansatz der zunehmenden Tertiarisierung der Wirtschaft mit seiner relativen Rationalisierungsresistenz ist ebenso unzureichend, weil sie nicht die Ursache, sondern die Folge des Problems ist, wie unten gezeigt wird. Aufgrund dieser verengten Perspektive können sie das Phänomen nur unzureichend erklären, weshalb auch ihre Lösungsvorschläge nur kurzfristige Wirkungen haben. Im folgenden Kapital wird das Phänomen der chronischen Produktivitätsschwäche im gesamtwirtschaftlichen Kontext zu behandelt.

2.3 Schwaches Wirtschaftswachstum als simultaner Begleiter

Die abflachende Entwicklung der Arbeitsproduktivität wird seit ihrem Beginn in den siebziger Jahren von sinkenden Raten des Wirtschaftswachstums in fast allen Industriestaaten begleitet (Abb. 4). Das simultane Erscheinen beider Entwicklungen ist ein Indiz für deren kausalen Zusammenhang, wobei Produktivitätssteigerungen üblicherweise als eine Hauptquelle ökonomischen Wachstums angesehen werden. Dieser Kausalzusammenhang gilt allerdings nicht immer, weil Wachstum sowohl extensiv als auch intensiv entstehen kann. Während intensives Wachstum durch Steigerung der Arbeitsproduktivität, also durch Mehrproduktion pro Arbeitseinheit, erreicht wird, setzt extensives Wachstum auf eine Erhöhung der eingesetzten Arbeitseinheiten, um Mehrproduktion erzielen zu können (Leibiger 2016: 39). Das Wirtschaftswachstum kann also auch ohne Produktivitätssteigerungen zustande kommen. Auch im Falle intensiven Wachstums ist der Wirkungszusammenhang, höhere Produktivität bedeute automatisch mehr ökonomische Prosperität, kein Naturgesetz. Die eine These der vorliegenden Arbeit ist vielmehr:

Erreicht eine geschlossene Volkswirtschaft einen hohen technologischen Entwicklungsstand, d. h. ein hohes Arbeitsproduktivitätsniveau, ist das Wirtschaftswachstum nicht mehr primär vom technischen Fortschritt abhängig, weil die effektive Nachfrage als limitierender Faktoren die Oberhand gewinnt.

Fritsche und Harms (2017: 94f.), die diese Wechselbeziehung anhand ökonometrischer Parameter über einem großen Zeitraum analysierten, sind zu dem Schluss gekommen, dass im Falle des Produktivitätsparadoxes „das Wirtschaftswachstum die Arbeitsproduktivität verursacht, aber nicht umgekehrt“, im Umkehrschluss also weniger Wachstum geringere Zunahme der Arbeitsproduktivität zur Folge hat. Allerdings empfehlen sie keynesianische Nachfragestärkung durch expansive Fiskalpolitik zur Lösung des aktuellen Produktivitätsproblems. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass die langanhaltende Wachstumsflaute tiefreichende strukturelle Ursachen hat, auf die die Produktivitätsabschwächung eine folgerichtige Reaktion ist.

3 Produktivitäts dilemma – Von der Produktion zur Realisation

3.1 Zwang zur stetigen Produktivitätssteigerung

Da sich auf einem privatwirtschaftlich organisierten Markt Anbieter substituierbarer Waren gegenüberstehen, entsteht Wettbewerb. Aus dieser Wettbewerbssituation ergibt sich für sie die Notwendigkeit zur Produktivitätssteigerung, um Marktanteile zu sichern. Die Wettbewerbsfähigkeit erweist sich über die Preisgestaltung, die wiederum von den Stückkosten, d. h. dem Produktivitätsniveau der Unternehmen abhängt. Deswegen streben Schumpeters „ energische Unternehmer“ stets eine Steigerung der Produktivität an und führen z. B. neue Produktionsverfahren ein (vgl. Kurz 2013: 86). Damit werden auch technologisch inaktive Unternehmen gezwungen, ihre Wertschöpfungskette zu rationalisieren und zu optimieren, um keine Marktanteile zu verlieren oder gar ganz aus dem Markt gedrängt zu werden (Saam 2017: 96). Entscheidungen auf Betriebsebene erfolgen zudem unter Unsicherheit, also unvollkommener Information über Marktvoraussetzungen und -folgen, weshalb kostensenkende Maßnahmen meist vorauseilend „blind“ erfolgen (Deutschmann 2008: 140f.).

Verstärkt wird die Wettbewerbssituation durch die fortschreitende Globalisierung, da sowohl Betriebe als auch nationale Volkswirtschaften nun auf globaler Ebene miteinander konkurrieren müssen (Altvater & Mahnkopf 1996: 31f.). Auf dem globalen Arbeitsmarkt konkurrieren zudem Arbeitskräfte aus Ländern mit unterschiedlichen Lebenshaltungskosten direkt oder indirekt miteinander1, verstärkt durch neue digitale Kommunikationstechnologien (Crowdworking), deren Wirkung durch Währungsunterschiede nur zum Teil ausgeglichen werden können. Für die entwickelten Industriestaaten führt dies zu Druck auf die Löhne und damit zur Notwendigkeit von Produktivitätssteigerungen.

3.2 Das Dilemma der Produktivitätssteigerung

Aus der Marktwirtschaft mit ihrer Konkurrenzlogik folgert also eine permanente Produktivitätsdynamik, die mit einem Prozess sinkender Preise und einer Reduktion der Unternehmensgewinne einhergehen kann (Abb. 2 & vgl. Herrmann 2014: 134 f.).

Der deflationäre Prozess in kapitalistischen Marktwirtschaften ergibt sich aus zwei produktivitätsbedingt gegenläufigen Entwicklungen: Steigerung der Produktionsmenge bei gleichzeitigem Rückgang der effektiven Nachfrage der Haushalte, deren Einkommen großenteils aus Erwerbseinkommen besteht. Diese gegenläufige Entwicklung in den hochentwickelten Wirtschaften wird hier als Produktivitätsdilemma bezeichnet.

Abb. 2 : Produktivität als Motor des Wachstums

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Jackson (2011).

Volkswirtschaftlich ist Arbeitsproduktivität das Verhältnis von Bruttoinlandsprodukt (Output) zu geleisteten Arbeitsstunden (Input) einer Ökonomie. Betriebswirtschaftlich relevant ist allerdings nicht die Arbeitsstunde, sondern der Lohn bzw. die anfallenden Lohnkosten (Input) pro Outputmenge. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität hat also einen Rückgang des aggregierten Erwerbseinkommens in Relation zu produzierten Gütern (Waren und Dienstleistungen) und somit einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage2 zur Folge, da sie in zwei Richtungen gehen kann, in Richtung Mehrproduktion oder/und in Richtung Kostensenkung. Die letztere kann durch Reduktion von Arbeit und/oder durch Lohnsenkung erfolgen. Eine geschlossene Volkswirtschaft ist demnach auf lange Sicht „ nachfragebeschränkt“, so auch die Überzeugung von Keynes (Kurz 2013: 92). Was also kurzfristig einem Betrieb Gewinn bringt, kann langfristig für eine Volkswirtschaft nachteilig sein, da die privatorganisierte Betriebswirtschaft eine verengte Perspektive auf Arbeit als alleinigen Produktionsfaktor hat und die volkswirtschaftliche Bifunktionalität der Arbeit als „Nachfragefaktor“ nachrangig im Blickfeld hat.

Die besondere Bedeutung des Erwerbseinkommen für die aggregierte Nachfrage einer Volkswirtschaft ergibt sich aus seinem großen Anteil am Gesamtkonsum. In Deutschland stammen 53% der Gesamtausgaben aus privaten Haushalten3, wovon wiederum 63% aus Erwerbseinkommen bestritten werden4.

In einer autarken Volkswirtschaft führt eine Abschwächung der Nachfrage zu einer Preis-Mengen-Anpassung auf immer niedrigerem Niveau. Versuche, durch weitere Produktivitätssteigerungen Kostenvorteile zur Aufrechterhaltung der Gewinnmargen sind kontraproduktiv, da sie die Nachfrage weiterhin schwächen, indem sie den Druck auf die Preise erhöhen. Die daraus resultierende Entwicklung kann auf ein Niveau sinken, ab dem sich weitere Produktion nicht mehr lohnt. Diese Dynamik lässt sich auch auf die Weltwirtschaft übertragen, da im Nullsummenspiel des Außenhandels dem Exportüberschuss eines Landes dem Exportdefizit des Auslands entspricht.

[...]


1 Im Prinzip sind alle Arbeitnehmer dem Wettbewerb ausgeliefert, wobei die sogenannten Arbeitskraftunternehmer (Voß & Pongratz 1998) dabei aktiver vorgehen.

2 Da die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sich aus Konsum- und Investitionsnachfrage zusammensetzt – wir lassen die staatliche Umverteilungsfunktion und der Außenhandel zunächst außer Acht –, geht mit den sinkenden Löhnen auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurück.

3 Quelle:{https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/VGR/Inlandsprodukt/Tabellen/VerwendungBIP.html} (Stand August 2018).

4 Quelle:{https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/EinkommenKonsumLebensbedingungen/EinkommenEinnahmenAusgaben/Aktuell_Bruttoeinkommen.html} (Stand: August 2018).

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Produktivitätsparadox oder säkulare Stagnation? Ein Beitrag zur Zukunft von Wirtschaftswachstum und Arbeit
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Sozialökonomie
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
40
Katalognummer
V979378
ISBN (eBook)
9783346329691
ISBN (Buch)
9783346329707
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Produktivitätsparadox, Wachstum, Postwachstum, säkulare Stagnation
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Produktivitätsparadox oder säkulare Stagnation? Ein Beitrag zur Zukunft von Wirtschaftswachstum und Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979378

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