Die Darstellung des Todestags von Josip Broz Tito im Jahr 1980 und heute

Ein medialer Vergleich


Essay, 2017

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Josip Broz Tito – als verehrte Schlüsselfigur für die politische Entwicklung des Balkans oder als gnadenloser Diktator übernimmt er in der medialen Welt eine gespaltene Rolle. Im nachfolgenden Essay werden die Berichterstattungen an seinem Todes- und in den drei Folgetagen analysiert und mit der Darlegung in den Medien der heutigen Zeit verglichen. Dabei wird der Personenkult um ihn rückblickend in objektiver Weise diskutiert und mit dem Wiederaufleben des Titoismus seit dem Jahr 2000 in der Jugosphäre in Bezug gesetzt.

„Die ganze Nation hat geweint.“

Mit Pauken und Trompeten: So wird der Leichnam des ehemaligen jugoslawischen1 Präsidenten Josip Broz,, bekannt als Tito, in den Boden gelassen. Um ihn herum tausende trauernde Menschen, darunter führende Staatspolitiker Deutschlands, Russlands und Pekings. In einer Einblende sieht man einen Zug, an den Gleisen Tausende des trauernden Volks – ein Bild, das sich von Ljubljana durch Zagreb bis Belgrad durchzieht. Es handelt sich um den „Blauen Zug“, der den Leichnam Titos birgt. Laut der jugoslawischen Nachrichtenagentur Tanjug sind 95% der Weltbevölkerung bei der Beisetzung durch führende Staatsmänner repräsentiert. Dagegen werden diejenigen, die nicht teilnehmen, darunter der damalige US-Präsident Jimmy Carter und der kubanische Diktator Fidel Castro aufgrund ihrer Entscheidung kritisiert.

Die Berichterstattungen der Tagesschau (1980), die sowohl den Todestag als auch die darauffolgenden drei Tage behandeln, zeigen: Dieser Mann wurde respektiert und hatte eine wichtige weltpolitische Rolle inne. Live und global wurden die Aufnahmen übertragen. Hierbei zeigt sich der große politische Wert, der hoch angesetzt wurde. Ein Fehlen bei der Beisetzung bedeutete ein Missachten seiner Errungenschaften, die sich Tito in 35 Jahren mühevoll für sein Land erarbeitet hatte. Der Respekt in der Welt für die positiven Entwicklungen im Balkan war groß. Titos Tod rief eine außenpolitische Diskussionsrunde hervor, wogegen die innenpolitische Krise ausblieb. Auch wenn die Menschen erschüttert waren, waren sie sich sicher, dass durch seine sozialistische Politik der richtige Stein gelegt wurde, um aus Jugoslawien ein starkes Land zu machen. Ein Beweis für das neue Selbstbewusstsein der Balkanländer war, dass die Menschen ihre „ Konten nicht leergeräumt hätten “ (BiHDoku 2014, Min. 8), um das Land schnellstmöglich zu verlassen und der Dinar, die Währung Jugoslawiens, nicht an Wert verloren hatte. Der Sozialismus war die Hoffnung des Balkan: er bekräftigte einen wirtschaftlichen Aufschwung, gab dem kleinen Arbeiter eine Chance und betonte eine starke Brüderlichkeit und Einheit. Hier war niemand Serbe, Kroate oder Mazedonier. Hier war man einfach nur ein „ Jugo “. Durch sein zielstrebiges Regime war der Balkan kein armes Land mehr, sondern genoss Ansehen und Respekt. Dadurch gewann er die Gunst des Volkes. Seine Außenpolitik wird hier sogar als freundschaftlich beschrieben. Sein kurzzeitiger Nachfolger, der Vizepräsident Lazar Kolisevski betonte: Er sei überzeugt von der Richtigkeit der Blockfreiheit in Titos politischem Kurs und Jugoslawien werde weiterhin der Welt die Hand der Freundschaft, Gleichheit und Zusammenarbeit reichen (ebd., Min.14). Die Amtszeit Kolisevskis endete jedoch schnell, und es zeigte sich, dass es schwierig war einen geeigneten Nachfolger zu finden. Es entwickelte sich eine unbeständige Politik, geführt von kollektiven Führungsgremien der Parteien. Niemand schien den Staat führen zu können, wie es Tito tat.

Die Figur Titos wurde durch den Personenkult, der ihn umgab, auf ein Podest gestellt, das kein anderer erreichen konnte. Er war der „Heilsbringer“ Jugoslawiens, der das Beste für sein Volk und für die Zusammenarbeit mit den Ländern der Welt wünschte. Die Verehrung der Menschen wurde deutlich durch die großen, respektvollen Feierlichkeiten seiner Beisetzung. Der Kult, der ihn umgab hat bis heute überlebt. Diese Jugo-Nostalgie hat ihren Beginn bereits im Jahr 2000 gefunden. Schon wenige Jahre nach dem Tod Titos ließ aber der Optimismus des Volkes nach; die Balkankriege in den 90ger Jahren erschütterten die Jugosphäre (eine Bezeichnung für das ehemalige Staatsgebiet Jugoslawiens) und der vermeintliche Zusammenhalt wurde gesprengt. Durch die Erzählungen und Erinnerungen an die „guten alten Zeiten“, als die Menschen noch einen gewissen Wohlstand genossen, wurde der Wunsch nach der Führung des ehemaligen Staatspräsidenten groß. Dabei ist es von Bedeutung zu wissen, dass nicht alle das Land unter der Führung Titos kannten: Besonders Kinder und Kindeskinder hörten die nostalgischen Berichte ihrer Eltern (noch heute!) und bauen sich dabei das Bild eines perfekten Staates in ihrer Vorstellung auf. Ein Beispiel dafür ist das Cafe „Pavle Korcagin“, in dem alte Fotos, Flaggen, Portraits und jegliche Souvenirs mit dem Gesicht Titos ihren Platz finden (vgl. Götzke 2016). Es ist ein Ort, an dem sich Jung und Alt treffen, um über die „gute“ Zeit Jugoslawiens zu sprechen und Lieder darüber zu singen.

Die Medienberichte der damaligen Zeit äußern sich von deutscher Seite aus wenig objektiv und ähneln fast schon einer sozialistischen Propaganda. Hier stellt sich die Frage, inwieweit die Politik Titos tatsächlich dem Willen des Volkes entsprach, und was die Schattenseiten seines Sozialismus waren, von denen in den Tagen nach seinem Tod nicht berichtet wird. Stattdessen wird seine Unersetzlichkeit betont und der Verlust eines wichtigen Staatsmannes für die Entwicklung des Balkan und die Weltpolitik. Hier wäre es interessant, die Medienberichte der Seiten der serbischen Nachrichtenagenturen selbst zu analysieren. Dies würde jedoch den Rahmen dieses Essays sprengen. Stattdessen wird ein Vergleich der damaligen und jetzigen Berichte über die Darstellung Titos nach seinem Tod angestrebt.

„Tito konnte nichts anderes als Charisma.“

Mediale Berichte der heutigen Zeit äußern sich kritisch gegenüber dem Titoismus. Neben zahlreichen Dokumentationen über sein Leben als gnadenloser Dikator gibt es Nachrichtenberichte, die sich mit seinem politischen Einfluss und seinem Streben nach einem sozialistischen Staat auseinandersetzen. Besonders interessant 2 ist der Bericht des deutschen Nachrichtensenders N24 aus dem Jahre 2016: Dieser setzt sich mit der Frage auseinander, wie ein Diktator zu so einem großen, weltpolitischen Ansehen gelangen konnte, ohne dabei selbst als solcher bezeichnet zu werden. Bereits hier zeigt sich der Unterschied zur damaligen Darstellung: Während in den gewählten Berichten aus den 80ger Jahren nach seinem Tod Tito als starker ehrenvoller Führer gezeigt wurde, werden in den neuen Medienberichten die Schattenseiten seines Regimes aufgedeckt und reflektiert. Die Unterdrückung der Meinungsfreiheit im Balkan, Tötungen von Regimegegnern und innenpolitische Konflikte zwischen den verschiedenen Nationalitäten, die es auch damals schon gab, über die aber niemand sprach, gehören unter anderem dazu. Hierbei stellt sich die Frage, wie Tito seine versteckte Diktatur ungehindert leiten konnte. Der vorliegende Bericht von N24 bietet einen zu simplen Lösungsweg, der weiter reflektiert werden müsste: Tito schaffte sich durch Gesten der Macht, durch einen luxuriösen Lebensstil also, ein unwiderstehliches Charisma, das die Menschen in den Bann zog. Er schaffte es damit sogar bis in das Amt des jugoslawischen Präsidenten. Er war ein Spieler, der wusste, wie er sein dogmatisches Talent dazu nutzen konnte, die Menschen, sowohl Volk als auch Politiker, in seinen Bann zu ziehen. Durch seinen bescheidenen Start als Mechaniker konnte er sich dem Volk als einfacher Arbeiter zeigen, so wie es der Großteil der Bevölkerung selbst war. Seine Erfahrungen im Krieg wiederum lehrten ihn als erfolgreicher kommunistischer Partisanenkämpfer im Zweiten Weltkrieg Führungskraft und Durchsetzungsvermögen, das er später bewies, als er Stalins Konzept eines Moskauer Kommunismus im Balkan ablehnte und dadurch seinem Land Emanzipation gewährte (ebd). Tito wird hier also als ein gerissener Politiker gesehen, der durch seine Geselligkeit und Kontaktfreudigkeit seine neutrale blockfreie Politik ausbauen konnte, ohne sich dabei den Weg zu einem möglichen starken Partner in der Weltpolitik zu verschließen. Deutlich wird dies im zweiten Bericht aus dem Jahr 2017 gezeigt, der vom Onlinemagazin Zeitgeschichte-Online veröffentlicht wurde. Hier wird Titos Todestag als ein neutraler „Begegnungsort“ im Kalten Krieg beschrieben, bei dem sich beide Seiten des Eisernen Vorhangs in einer Hochphase der Konfrontation zusammenfanden (vgl. Sprute 2016). Damit hatte er eine integrative Rolle inne, die die Fronten zu einer Diskussion über die zukünftige Zusammenarbeit veranlasste.

[...]


1 Vgl. Götzke 2016: Ein Land, das es so nicht gegeben hat

2 Vgl. Reichwein, Marc 2016: Wie konnte ein Diktator nur so beliebt sein?

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Todestags von Josip Broz Tito im Jahr 1980 und heute
Untertitel
Ein medialer Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Soziologie)
Veranstaltung
Medien und Propaganda: Soziologie der Meinungsbildung im Autoritarismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
7
Katalognummer
V979547
ISBN (eBook)
9783346330277
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Medien, Propaganda, Meinung, Diktatur, Politik, Meinungsbildung, Autoritarismus
Arbeit zitieren
Sanja Belic (Autor), 2017, Die Darstellung des Todestags von Josip Broz Tito im Jahr 1980 und heute, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979547

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