C.G. Jung - Psychologie und Religion


Seminararbeit, 2000

13 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Zur Biographie

3. Die Lehre
3.1 Zur Methode
3.2 Das kollektive Unbewusste
3.3 Archetypen
3.4 Das Selbst
3.5 Symbole & Synchronizität
3.6 Individuation

4. Jung und die Religion
4.1 Zur religiösen Funktion der Seele
4.2 Gott, Glaube, Dogmen und religiöse Erfahrungen
4.3 Persönlicher Glaube

5. Einige Kritische Aspekte

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Um ehrlich zu sein, erscheint es mir als ein Ding der Unmöglichkeit, das Leben, die Lehren und Erkenntnisse von Carl Gustav Jung (im Speziellen diejenigen im Zusammenhang mit der Religion) und die Äusserungen derer, die sich mit ihm befasst haben, innerhalb dieser Arbeit angemessen darzustellen. Die Tatsache, dass es mit dieser Arbeit nicht das erste Mal ist, dass ich mich mit dieser Person vertieft beschäftige, erleichtert die Aufgabe nicht sehr. Denn nach wie vor sehe ich mich einem riesigen Berg von Theorien, Ideen, Kritiken und anderen Aussa- gen gegenübergestellt, der mir unüberwindbar scheint. Jungs Werk ist derart umfassend, dass ich hier nur einige wenige Aspekte seiner Erkenntnisse herausarbeiten werde, ohne dabei ins Detail gehen zu können. Die Schwierigkeit besteht auch darin, Jungs Aussagen über Psycho- logie, Religion und Selbsterfahrung zu differenzieren, da diese Begriffe bei Jung teilweise untrennbar ineinander verflochten sind. Mitunter ist die Sprache, die er spricht, schwer zu verstehen und hin und wieder kommt man bei der Lektüre seiner Bücher auf keinen grünen Zweig. Natürlich gibt es auch einige positive Punkte zu nennen. Zum einen finde ich einige seiner Gedanken persönlich sehr interessant, unter anderem die Idee des kollektiven Unbe- wussten und die der Archetypen, die Erkenntnis, das alle Menschen, egal woher sie kommen oder wie sie aussehen, einen gewissen ‚Grundtenor‘ teilen, der der Menschheit ein gemeinsa- me Richtung gibt. Weiter fasziniert mich der Begriff der ‚Individuation‘, die Selbstfindung des Menschen; ein Weg nach innen, auf dem wir unterstützt werden durch die Symbole, die das Leben für uns ‚bereithält‘, sei es in Träumen oder dem täglichen Leben, eng verbunden mit dem Begriff der Synchronizität, wo sich aus scheinbar zufälligen und unabhängigen Er- eignissen eine tiefere Bedeutung ergibt, als Wegweiser auf dem Pfad zur Selbstwerdung. Vielleicht könnte man ja noch weitergehen und spekulieren, dass all dies zu einem allumfas- senden Plan (Gottes?) gehört, der uns schliesslich zur Vollendung der Welt führen könnte, was auch immer das heissen mag. „Die Vorstellung, zur Vollendung der Welt gebraucht zu werden, nötig zu sein, weil diese der Individuation jedes einzelnen bedarf, gibt der Lebensar- beit eines jeden an sich selbst und an der Welt einen tiefen Sinn (...)“1

Zugegeben, solche Vorstellungen sind sehr verlockend und aus irgend einem Grund fühlen sich Menschen seit jeher schon von Ideen angezogen, die die Kraft haben, der Welt und unse- rem Leben einen tieferen Sinn zu geben. Auch ich fühle bei einigen von Jungs Aussagen tiefe Verbundenheit. Wo immer jemand dem Menschen einen gewissen Sinn vermitteln konnte, fand dieser seine Anhänger. Um es im Sinne Jungs auszudrücken: Auch der Suche und dem Streben nach einem Sinn im Leben liegt ein sogenannter Archetypus zugrunde, der verwirk- licht werden will. Dieser bringt seinerseits eine grosse Anziehungskraft mit sich - und gleich- zeitig grosse Gefahr. „Es ist gerade das archetypische Bedürfnis nach Sinngebung, welches Menschen so sehr für sektiererische, pseudoreligiöse und/oder fanatische politische Ideen verführbar macht. Letztere versprechen meist emotionelle und geistigen Beheimatung in einer Gemeinschaft, die sich im Besitz der einzigen allgültigen Wahrheit wähnt.“2

Obwohl es wahrscheinlich nie Jungs Ziel gewesen war, eine grosse Anhängerschaft hinter sich zu scharen, hat er dies doch erreicht. Ob einige seiner Anhänger dem oben genannten Archetypus zum Opfer gefallen sind, möchte ich hier nicht unterstellen, dennoch scheint es mir im Zuge seiner ganzen Lehre ein wichtiger Punkt.

Weiter interessant finde ich die Tatsache, dass Jung als einer der ersten grossen Psychologen dieses Jahrhunderts (zudem noch als Schweizer) einen kleinen bis gar keinen Stellenwert in der heutigen akademischen Psychologie hat. Dies mag mit der oben genannten Verflechtung von empirischen psychologischen Erkenntnissen mit eher subjektiven Aussagen über die Er- fahrungen, die er Zeit seines Lebens mit sich selbst und anderen machte, zu tun haben. Den- noch denke ich, hat die heutige Wissenschaft den Reichtum seines Gedankenguts zu leicht abgetan und ich glaube, es wäre für die psychische Gesundheit (was ja eines der Ziele der Psychologie ist) des einen oder anderen modernen Menschen wichtig, auf einige der Erkennt- nisse Jungs zurückzukommen.

2. Zur Biographie

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Carl Gustav Jung wird am 26. Juli 1875 in Kesswil am Bodensee als Sohn des reformierten Pfarrers Johann Paul Achilles Jung und der Emilie Jung geb. Preiswerk geboren. Ein halbes Jahr nach seiner Geburt zieht die Familie für vier Jahre nach Laufen bei Schaffhausen, dann weiter nach Klein-Hünigen bei Basel. Fünf Jahre später, 1884, kommt seine Schwester Gertrud zur Welt. In Basel besucht er das Gymnasium und studiert im Anschluss daran Naturwissenschaften und Medizin an der Universität. Nach dem Studium (1900) beginnt er eine zweijährige Tätigkeit als Assistent an der Psychiatrischen Klinik „Burghölzli“ in Zürich unter der Leitung von Prof. Eugen Bleuler.

Nach einem Jahr bei Prof. Pierr Janet in Paris, kehrt er zurück in die Klinik nach Zürich. 1903 heiratet er Emma Rauschenbach, die Tochter eines Industriellen aus Schaffhausen. 1905 kann Jung sich habilitieren und übernimmt die Funktion eines Oberarztes. Er wird im gleichen Jahr Privatdozent für Psychiatrie an der Universität Zürich, vielfältige Einladungen zu Vorlesun- gen im Ausland, insbesondere der USA, folgen. 1909 gibt er seine Kliniktätigkeit zu Gunsten seiner neu eröffneten Privatpraxis in Küsnacht bei Zürich auf. Zwischen 1905 und 1913 pflegt Jung engen Kontakt mit Sigmund Freud, was Jung zu einer Vertiefung mit der Lehre der Psy- choanalyse führt. Unterschiedliche Ansichten, im Besonderen hinsichtlich der Sexualtheorie Freuds, führen schliesslich zum Bruch, der Jung in eine schwere innere Krise stürzt. Eine Zeit der Unsicherheit, Desorientierung und innerer Aufruhr ist die Folge (1912 - 1917) und Jung sieht sich der ungeheuren Macht seines Unbewussten gegenübergestellt. „Der Bearbeitung des Materials, das es da aus den Tiefen des Unbewussten angespült hat, wird von dieser Zeit an sein ganzes Werk und Leben gewidmet sein.“3 Im Zusammenhang mit seinen Interessen am kollektiven Unbewussten unternimmt er diverse Reisen zu primitiven Völkern, um deren Psy- chologie zu studieren. Seine Expeditionen führen ihn nach Nord-Afrika, zu den Pueblo- Indianern, Kenya, Uganda und Indien. Jung übernimmt vorübergehende akademische Lehr- aufträge an der Universität Basel und der Technischen Hochschule in Zürich. 1955 stirbt seine Frau Emma, Jung selbst am 6. Juni 1961 im Alter von 86 Jahren in Küsnacht bei Zürich. Für Jung waren nicht die äusseren Daten seines Lebens entscheidend sondern die inneren Er- lebnisse.4 Diese Auseinandersetzung mit dem Innenleben machte ihn teilweise zu einem sehr einsamen Menschen. „Schon meine ganze Jugend kann unter dem Begriff des Geheimnisses verstanden werden. So war damals schon meine Beziehung zur Welt vorgebildet, wie sie heu- te ist: auch heute bin ich einsam, weil ich Dinge weiss und andeuten muss, die die anderen nicht wissen und meistens auch gar nicht wissen wollen.“5 Genannt seien hier zwei seiner inneren Erlebnisse, die auf Jung einen tiefen Eindruck hinterliessen und ihn sein Leben lang begleiten sollten. Das erste war ein Traum, den er im Alter von drei oder vier Jahren erlebte. Es war ein furchteinflössender Traum, den er später (er erzählte ihn nicht vor dem 65. Lebens- jahr) als „eine Art Initiation in das Reich des Dunkeln“6 einordnete. Er handelte von einem unterirdischen, angsteinflössenden Phallustempel, der für Jung einen Widerpart der Lichtfigur Christi, der er von da an mit erheblichem Misstrauen entgegen trat, darstellte. „Der Phallus dieses Traumes scheint auf alle Fälle ein unterirdischer und nicht zu erwähnender Gott zu sein. Als solcher ist er mir durch meine ganze Jugend geblieben und hat jeweils angeklungen, wenn vom Herrn Jesus Christus etwas zu emphatisch die Rede war. Der „hêr Jesus“ ist mir nie ganz wirklich, nie ganz akzeptabel, nie ganz liebenswert geworden, denn immer wieder dachte ich an seinen unterirdischen Gegenspieler als an eine von mir nicht gesuchte, schreck- liche Offenbarung.“7 Mitunter dieser Traum war somit dafür verantwortlich, dass es Jung nicht gelang, ein positives Verhältnis zum verkündeten Christus der Kirche zu gewinnen. Das zweite prägende Ereignis hatte er im Alter von zwölf Jahren. Es war die Vision eines unge- heuren Exkrements, das er vom Thron Gottes auf das Basler Münster fallen sah. Für Jung war es ein unglaublich befreiendes Erlebnis, ja er fühlte sich, als hätte er die endlose Gnade Gottes soeben erfahren.8 Dies führte ihn zur Überzeugung, dass Gott „eine der allersichersten, unmit- telbaren Erfahrungen“9 ist.

Diese beiden Ereignisse wiesen Jung darauf hin, dass Religion nur basierend auf eigener, innerer Erfahrungen gelebt werden kann. Ohne die Einsichten, die der eigenen Seele entspringen, ist es nicht möglich, Religion zu praktizieren. Sie wird schal und hohl, „wie wenn einer eine Geschichte erzählte, die er selber nicht ganz glauben kann oder nur vom Hörensagen kennt.“10 Dies ist die Kritik, die er an seinem Vater übte, der ihn mit seiner „theologischen Religion“ nicht zu berühren vermochte. Im Gegenteil, Jung begann Mitleid mit seinem Vater zu haben, der krampfhaft die leblosen Dogmen der Kirche verfolgte, und schliesslich, nach Jungs Ansicht, an seinen Glaubenszweifeln zerbrach.

Ein weiterer Aspekt des Lebens von C.G. Jung ist die Überzeugung, „in Wirklichkeit zwei verschiedene Personen“11 zu sein. Die eine Person ist der Aussenwelt zugewandt, „während die andere Persönlichkeit mit Weisheit und Reife die Innenseite des Lebens vertritt, in der auch die Religion eine zentrale Rolle spielt und in der die überwältigende Beziehung des Menschen zu Gott erlebt wird. Dieser Persönlichkeit gibt Jung in seinem Leben schliesslich den Vorrang.“12

3. Die Lehre

Wie schon im Vorwort erwähnt, wird es mir hier unmöglich sein, die Lehre Jungs in ihrem ganzen Umfang auch nur annähernd darzustellen. Ich versuche, eine Auswahl derer Begriffe zu geben, die nach meiner Meinung am meisten in Verbindung mit Jungs Religionsverständnisses gebracht werden können.

3.1 Zur Methode

C.G. Jung versteht sich selber als Empiriker, der durch Sammlung von Tatsachenmaterial, vergleichende Beobachtungen, Erfahrungen und Experimenten zu Erkenntnissen gelangt, Hypothesen und Theorien formuliert, die sich jederzeit einer neuen Beobachtung und Expe- riment auszusetzen haben.13 Grundthese und Ausgangsbasis aller Jungschen Überlegungen ist die Annahme der „Wirklichkeit der Seele“. „Wirklichkeit ist, was wirkt“14. Dies gilt auch für religiöse Aussagen, denn sie belegen „die Selbstständigkeit des Geistes gegenüber der physi- schen Wahrnehmung und eine gewisse Unabhängigkeit der seelischen Erfahrung von der psy- chischen Gegebenheiten. Die Seele ist ein autonomer Faktor, und religiöse Aussagen sind seelische Bekenntnisse, die in letzter Linie auf unbewussten, also transzendentalen Vorgängen fussen.“15 Es ist aber nicht unumstritten, wie solche Aussagen nun bewertet werden sollen, zumal sie sehr subjektabhängig sind. Darum wurde und wird Jungs empirisches Vorgehen aufgrund mangelnder Objektivität von vielen Wissenschaftlern kritisiert. Es besteht ein gros- ser Spielraum dafür, wie ein psychisches Erlebnis geschildert wird, wie auch für Interpretati- onen und Deutungen der gesammelten ‚Tatsachen‘.

3.2 Das kollektive Unbewusste

Im Gegensatz zu Freud, der das Unbewusste als einen Behälter hauptsächlich verdrängter Inhalte sieht, unterscheidet Jung zwei verschiedene Arten des Unbewussten. Er differenziert zwischen dem persönlichen, welches sich weitgehend mit dem Begriff des Unbewussten Freuds deckt, und dem kollektiven Unbewussten. Im letzteren sieht Jung psychisches Material innewohnend, das von der Person weder verdrängt noch vergessen worden ist, d.h. von der Person in gewissem Masse unabhängig vorhanden ist. Aufgrund verschiedener Erfahrungen mit sich selbst und seiner Patienten nimmt Jung an, „dass das Unbewusste nicht nur Persönli- ches, sondern auch Unpersönliches, Kollektives in Form vererbter Kategorien oder Archety- pen enthalte. (Er) habe daher die Hypothese aufgestellt, dass das Unbewusste, in seinen tie- fern Schichten gewissermassen, relativ belebte, kollektive Inhalte besässe. (Er) spreche darum von einem kollektiven Unbewussten.“16 Für das Individuum stellt dieses kollektive Unbewuss- te eine Faszination wie auch eine Gefahr dar. Ihm entspringen unbekannte Gefühle, Emotio- nen und Bilder, die auch religiöse Aussagen beinhalten mögen. Diese Eindrücke können sich in Träumen, Visionen oder anderen psychischen Erlebnissen ausdrücken. Um der Gefahr die- ses ungebändigten, übernatürlichen Einflusses Einhalt zu gebieten, strebt die Menschheit schon seit Urzeiten danach, ihm Grenzen zu setzten. Diese äusserten sich in Form der Riten, Institutionen und Überzeugungen. Mitunter die christliche Kirche übte eine vermittelnde und beschützende Funktion zwischen diesen Einflüssen und den Menschen aus.17

3.3 Archetypen

Vom etymologischen Standpunkt aus gesehen bedeutet dieses Wort ‚Urform‘ oder ‚das von allem Anfang an Geprägte‘. Die im vorangehenden Abschnitt erwähnten Aussagen oder Bil- der entstehen nicht willkürlich, ihnen liegen die sogenannten Archetypen zugrunde. Ein Ar- chetyp ist nicht als solches beschreibbar, denn er ist kein fest zu umgrenzender Begriff. Viel- mehr bedeutet er ein emotional geladenes Grundprinzip, das sich in den vom Individuum er- fahrenen Bilder äussert. Somit kann der Archetyp nur aus den aus ihm heraus entstehenden Aussagen, Bilder oder Gefühle ergründet werden. Bei seinem Studium der menschlichen Psy- che stellte Jung fest - ausgehend von seinem Begriff des kolletiven Unbewussten - dass den Menschen allen gleichartige Archetypen inhärent sind. Im Verlauf seiner diversen Reisen zu den primitiven Völkern der Welt beobachtete er Gemeinsamkeiten zwischen ihren verschie- denen mythologischen Motiven (die ja auch, so Jung, Äusserungen der Archetypen sind). So gab es überall Mythen zur Entstehung der Welt, von Mensch & Tier, der Schöpfung an sich wie auch einen Mythus des Göttlichen oder einer höheren Macht. Natürlich gab es auch Un- terschiede, die Jung auf verschiedenartige Umwelteinflüsse zurückführte. Weiter faszinierend war, dass die archetypischen Bilder sich nicht nur in den Mythen der Völker äusserten, son- dern auch in seinen eigenen Träumen & Phantasien und den Delirien und Wahnideen seiner Patienten.18

Die Äusserungen der Archetypen beziehen sich auch im Speziellen auf die Religion. Die spontanen religiösen Bilder, die die Seele hervorbringt19 besitzen eine gewisse Autonomie d.h. sie werden nicht frei erfunden sondern treten vielmehr „als fertige Gebilde in die innere Wahrnehmung“.20

Erwähnt sei hier noch, dass die Ausgestaltungen der Archetypen dem Wandel der Weltan- schauungen (wie auch den bereits genannten unterschiedlichen Umwelteinflüssen) unterlegen. Sie befinden sich also in einem stetigen Wandel - dennoch: Das Grundprinzip, die initiale Energie bleibt immer die Gleiche.

3.4 Das Selbst

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Das Selbst veranschaulicht den Archetyp der Ganzheit, der sich am besten in den verschiedenen Ganzheitssymbolen Kreis, Mandala, heiliger Stein oder als geeinte Zweiheit (z.B. Yin & Yang) darstel- len lässt. Als Vertreter dieser Ganzheit können auch die Figuren von Christus, Buddha oder eines Propheten erwähnt werden. Das Selbst steht immer in engem Zusammenhang mit dem Göttlichen, ja die Symbole des Selbst könnten auch als „ ‚der Gott in uns‘ be- zeichnet werden.“21 Im Selbst findet der Mensch die Wiederverei- nigung mit Gott. Es geht darum, bewusste und unbewusste Inhalte des Menschen zu vereinigen, die projizierten Illusionen zurückzunehmen, seinen Schatten zu erkennen, ihn für sich persönlich zu akzeptieren und somit im „Hause der Selbstbesinnung“22 zu leben.

3.5 Symbole & Synchronizität

Symbole erleben wir in Träumen, Phantasien, im täglichen Leben, sie drücken sich in Kunst- werken aus, zeigen sich in der Natur, kurz: in den unterschiedlichsten Erfahrungen des Men- schen. Ein Symbol verweist auf die existentielle Situation eines Individuums und deutet auf Hintergründiges - es offenbart etwas. Dabei hängt es immer davon ab, wie empatisch wir uns auf die jeweiligen Symbole einlassen. Sie sind Lebensäusserungen des Unbewussten, zeigen Schwierigkeiten auf und bilden gleichzeitig Entwicklungsmöglichkeiten ab. Sie sind eine Art Wegweiser, zeigen die inneren Begebenheiten, Probleme, Ziele und Wünsche auf, versetzen uns mit neuen Ideen bzw. geben uns neue Impulse. Die Symbole können sowohl persönlicher als auch kollektiver (i.bes. religiöser) Natur sein. Es geht darum, die Symbole zu beachten und sie als Leitfiguren in das Leben einzubinden.23

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Nach Jung sind Symbole Ausdruck der „unveränderlichen Strukturver- hältnisse des Unbewussten“.24 Ihre Grundlage sind die Archetypen, die Ausdruck u.a. in religiösen Bildern und Aussagen geben können. „Die Archetypen besitzen als numinose Strukturelemente der Psyche eine gewisse Selbständigkeit und Energie, mit der sie entsprechende Inhalte des Bewusstseins anzuziehen vermögen.“25 Die daraus entspringenden Symbole wirken auf das Individuum sehr anziehend und erzeugen „natürlicherweise Glauben“.26 Sie sind überall zu finden - um hier nur einige der christlichen Symbole zu nennen: Das Kreuz, als „eines der ursprünglichsten Ordnungssymbole“27, Altar und Taufe als Muttersymbol, oder die Libidosymbole28 Feuer, Fisch und Wasser.

Das mehrmalige, scheinbar unabhängige Erscheinen von Symbolen innerhalb eines gewissen Zeitraumes, benennt Jung mit dem Begriff der ‚Synchronizität‘. Jung begegnete diesem Phä- nomen zum ersten Mal 1949, als er bei seinen Tätigkeiten sonderbarerweise mehrmals das gleiche Symbol, damals war es das Symbol eines Fisches, antrifft. Obwohl dabei keine kausa- len Zusammenhänge vorhanden zu sein schienen, gab es doch seltsam anmutende Gemein- samkeiten. Diese Koinzidenzen beschrieb er selber als „ein sinnvolles zeitliches Zusammen- treffen von zwei Ereignissen, (...) ohne dass diese kausal voneinander abhängig wären“.29 Mit diesem Begriff bringt er diejenigen Symbole in Zusammenhang, denen der Mensch in seinem täglichen Leben begegnet, in den eigenen Träumen und Visionen wie auch in der Aussenwelt.

3.6 Individuation

Bei der Individuation geht um einen Prozess der Selbstverwirklichung. Dies geschieht über den Kontakt mit dem Unbewussten, den der Mensch oft dann versucht zu finden, wenn er eine Phase der Stagnation und Depression durchlebt.30 Ziel der Individuation ist das Erreichen ei- ner Ganzheit, die wie schon früher erwähnt, am ehesten durch das Symbol des Mandalas versinnbildlicht werden kann.31 Für Jung gehört es u.a. zum Individuationsprozess, dass weniger bewusste und entwickelte Funktionen der menschlichen Psyche, sei es denken, fühlen, empfinden oder die Intuition, ins Bewusstsein gerufen werden um sie zur besseren Lebensbewäl- tigung zu verwenden. Oft blockiert etwas Nichtzugelassenes die Entwicklung des Menschen. Individuation stellt einen subjektiven Integrationsprozess und einen objektiven Beziehungsvorgang dar. Subjektiv in dem Sinn, dass der Mensch zu sich selbst findet und sich kennenlernt, objektiv, in dem er seine Mitwelt mit ihren Bezugspersonen in den Prozess miteinbezieht. Somit ist die Aussenwelt keine simple Projektionsfigur: „Die Beziehung zum Selbst ist zugleich die Beziehung zum Mitmenschen“.32

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Nach Jung sind Selbstwerdung und Christuserfahrung eng aufeinander bezogen.33 Den Weg der Individuation kann der einzelne nun auf zwei verschiedene Arten verfolgen: Er kann den Weg der traditionellen Glaubensbekenntnisse gehen (den Jung durchaus als legitimer Weg der religiösen Erfahrung sieht), oder er sucht die eigene, innere Erfahrung und findet die Antwor- ten auf seine Fragen in sich selber. Da dem modernen Mensch in vielen Fällen der Bezug zum traditionellen Glauben mit seinen Dogmen und Symbolen verloren ging, wird er sich dem Weg nach innen widmen müssen, wo sich ihm „die einzigartige geistige Möglichkeit der un- mittelbaren religiösen Erfahrung“34 eröffnet. Diesen Weg kennzeichnet Jung auch als Indivi- duation. Zumeist von der Frage nach dem Sinn des Lebens ausgelöst, führt dieser Prozess zum Inneren, zur kosmischen Wirklichkeit. Er mündet in einer „geistigen Wiedergeburt“.35 Der Weg der Individuation ist beschwerlich und voller Gefahr. Die Auseinandersetzung mit sich selber kann den einzelnen zur Besessenheit bringen und den Menschen einer Belastung aussetzen, der er nicht gewachsen ist. Die minderwertigen und furchterregenden Aspekte sei- ner eigenen Persönlichkeit (seines ‚Schatten‘) zu integrieren, ist ein schwieriges Unterfangen.

4. Jung und die Religion

Vieles das Jung in Bezug auf die Religion geäussert hat, steht fest im Zusammenhang mit seiner Lehre, ja man könnte sagen, seine Lehre und sein Religionsverständnis haben sich ge- genseitig in vielen Aspekten beeinflusst. Manche Gesichtspunkte in Bezug auf die Religion habe ich bereits oben erwähnt und ich versuche hier, die noch nicht genannten Punkte darzu- stellen.

Unter Religion versteht Jung selber „eine sorgfältige und gewissenhafte Beobachtung dessen, was RUDOLF OTTO (In: Das Heilige. 1917.) treffend das „Numinosum“ genannt hat, nämlich eine dynamische Existenz oder Wirkung, die nicht von einem Willkürakt verursacht wir.“36 Die Ursache dieser Wirkung ist ausserhalb des Individuums einzuordnen, sie entspringt also nicht der Phantasie oder Vorstellungskraft des einzelnen. Mit dieser Wirkung verändert sich das Bewusstsein des Menschen: „Man könnte also sagen, der Ausdruck „Religion“ bezeichne die besondere Einstellung eines Bewusstseins, welches durch die Erfahrung des Numinosum verändert worden ist.“37

4.1 Zur religiösen Funktion der Seele

Alles der menschlichen Psyche entstammende qualifiziert Jung als seelisch wahr. Die Seele ist ein autonomer Faktor, und die Aussagen daraus begründen ihre Existenz auf unbewussten, also transzendentalen Vorgängen.38 Dies gilt auch für religiöse Aussagen und er betrachtet es als Faktum, dass die Psyche eine religiöse Funktion besitzt. Jung versucht diesen Standpunkt zu verteidigen mit der Begründung: „Nicht ich habe der Seele eine religiöse Funktion ange- dichtet, sondern ich habe die Tatsachen vorgelegt, welche beweisen, dass die Seele ‚naturali- ter religiosa‘ ist, das heisst eine religiöse Funktion besitzt: eine Funktion, die ich nicht hinein- gelegt oder -gedeutet habe, sondern die sie selbst von sich aus produziert, ohne durch ir- gendwelche Meinungen oder Suggestionen dazu veranlasst zu sein“.39 Vielfach ist es für den einzelnen schwierig den Zugang zu dieser inneren Funktion zu finden und so sieht es Jung mitunter als die Aufgabe der Psychologie, dem Menschen diesen Zugang zu öffnen. Für Jung ist die religiöse Funktion der Seele darum von Wichtigkeit, weil sie einen wichtigen Teil dazu beiträgt, die seelische Ganzheit zu finden.

4.2 Gott, Glaube, Dogmen und religiöse Erfahrungen

„Diejenige psychologische Tatsache, welche die grösste Macht in einem Menschen besitzt, wirkt als ‚Gott‘, weil es immer der überwältigende psychische Faktor ist, der ‚Gott‘ genannt wird.“40 Der Gottesbegriff ist von Jung psychologisch gefasst und gewollt, er bezeichnet eine psychische Wirkung, die empirisch feststellbar ist. Überall auf der Welt, in der Vergangenheit wie auch heute, wird diese Kraft erfahren, sie ist nicht ein Produkt der Phantasie, sie wird als fremd und übermächtig erlebt. Dies kann somit als Ausdruck einer transzendenten Wirkung qualifiziert werden. Jung bringt diese Transzendenz mit dem Begriff des kollektiven Unbewuss- ten in Verbindung, dessen Archetypen ja auch den einer höheren Macht beinhalten. Er will keine metaphysischen Erklärungen abgeben, son- dern beschränkt sich auf die Aussagen der Seele des Menschen mit ih- ren Symbolen und Bildern. Dennoch will er das Gottesbild nicht als rein psychisch abtun: „Das Gottesbild ist keine Erfindung, sondern ein Erlebnis, das sua sponte (freiwillig) den Menschen antritt.“41

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Wie schon oben angetönt, entfernte sich der Mensch vom religiösen Leben und Glauben frü- herer Zeiten. Durch rationales Denken distanzierte er sich von den Symbolen, die den Men- schen und die Religion miteinander verbanden. Viele leben deshalb mit einem aufgepfropften Glauben, der im Grunde genommen aber nichts weiter als eine hohles Gefäss verkörpert. Ist es somit nicht möglich, eine wahre Beziehung zur Religion über den Glauben zu finden, bleibt nur der Weg nach innen. Deshalb ist die innere Erfahrung für Jung grundsätzlich, denn sie hat damit zu tun „dass ein (innerer) Weg der Wahrnehmung, des Ergreifens und des Er- griffenwerdens beschritten wird“.42 Religiöse Erfahrung ist das Wichtigste, sie ist absolut, sie ist Grundlage jedes lebendigen Glaubens. Sie ist tiefgreifend und erschütternd. Sie ist diejeni- ge Erfahrung, die durch die höchste Wertschätzung charakterisiert ist.

Jung sieht den Zweck der Konfessionen darin, „unmittelbare Erfahrung zu ersetzen durch eine Auswahl passender Symbole, die in ein fest organisiertes Dogma und Ritual eingekleidet sind“.43 Der Mensch wird somit gegen unmittelbare religiöse Erfahrung verteidigt, die Kir- chen bestimmen über das religiöse Leben des einzelnen. Die gelehrten Dogmen sind aber nicht inhaltslose Lehren, denn auch sie basieren auf unmittelbaren religiösen Erfahrungen. Es gilt, den Äusseren Bezug der verkündeten Lehren, den äussern Gott, in sich selbst (wieder) zu entdecken d.h. die ursprünglichen religiösen Erfahrungen wieder aufleben zu lassen. Reli- gion soll nicht als etwas aussenstehendes betrachtet werden, man muss erkennen, das wahre Religion nur im Menschen selbst gelebt werden kann. Denn „Religion (...) ist Erfahrung der eigenen Seele“.44 Jung verweist auf Paulus (dessen Erlebnis von Damaskus sein (Jungs) gan- zes Leben begleiten und inspirieren sollte) , der sagt: „Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir“. (Galater 2,20a).

Zur Sprache bringt Jung auch die östlichen Religionen, denen er auf seinen Reisen und Lektü- ren da und dort immer wieder mal begegnete. Seine eigenen Aussagen bezüglich der Selbster- fahrung, des inneren Gottes und des Zugangs zum Unbewussten mit seinen Archetypen glaubt er in der Religion östlicher Menschen wieder zu entdecken und zieht Parallelen. Besonders von den Meditationstechniken wie Yoga zeigt sich Jung sehr angetan und praktiziert diese eine Zeit lang selbst. Er warnt den westlichen Menschen aber auch ausdrücklich davor, östli- che Weisheiten einfach zu übernehmen und in seine Leben integrieren zu wollen. Denn nach seiner Meinung sind die meisten Menschen hier nach wie vor stark in der christlichen Traditi- on verwurzelt und er rät, eigene, der westlichen Lebensart angepasste Wege zu finden.45

4.3 Persönlicher Glaube

Gerhard Wehr zufolge, einem wichtigen Biographen Jungs, habe auch Jung seinen Weg zu Christus gefunden. Dies sei nicht über den Weg der institutionellen Kirche geschehen, sondern über den inneren Weg. Inspiriert vom Erlebnis des Paulus suchte und fand Jung den Zugang zum inneren Christus, räumt aber auch gleichzeitig ein, dass dies von der Gnade abhing und keine religiöse Einzelleistung war.46

5. Einige Kritische Aspekte

In Folge seines ganzen Lebenswerks sind wohl unzählige Aussagen gemacht und Schriften herausgegeben worden, die Kritik an Jung üben. Seine Zuhörer und Leser sind in zwei Lager gespalten worden, die wohl kaum weiter von einander entfernt sein könnten. Da gibt es die schon beinahe fanatischen Anhänger Jungs wie auch die schärfsten Kritiker, die sein Werk gänzlich verwerfen (möchten). Aus der schier unendlichen Weite des Meeres der Kritik, möchte ich hier nur einige nennen, die mir wichtig erscheinen.

Als erstes ist es zum Teil überaus schwierig, die Sprache Jungs zu verstehen, sie ist kompliziert, doppeldeutig und durchzogen mit schwer zu begreifenden Ausdrücken, mitunter mit vielen lateinischen Begriffen. Dies mag ein Problem des ungebildeten Lesers sein, trotzdem verstrickt sich Jung von Zeit zu Zeit in seiner eigenen Sprache und widerspricht sich da und dort. Die Verwendung zwei oder mehrdeutiger Begriffserklärungen nennt Peter Lüssi eine „terminologische und systematische Inkonsequenz“.47

Als wichtigsten Kritikpunkt sehe ich Jungs wissenschaftliches Vorgehen. Er sagt zwar immer wieder, dass er sich als Empiriker verstehe, der aufgrund von Tatsachensammlungen Hypothesen und Theorien aufstellt, die es gilt, fortwährend zu prüfen und zu ändern. Das Hauptproblem des psychologischen Forschens liegt darin, dass die Gültigkeit der Operationalisierung z.T. sehr schwierig zu erreichen ist und somit fragwürdig wird. Psychische Erlebnisse werden unterschiedlich erfahren und führen zu unterschiedlichen Aussagen. Es besteht ein grosser Spielraum zur Interpretation und Deutung psychologischer Aussagen, ob diese nun Gespräche zwischen dem Psychologen und dem Patienten betreffen oder ob es darum geht, Symbole, Träume und Mythen zu interpretieren. So kritisiert auch Raimar Keintzel: „Jungs Psychologie ist zum grossen Teil nicht wissenschaftliche Forschung, sondern Intuition. Das systematische Denken tritt hinter der Imagination zurück.“48

Bei Aussagen über die Religion im Zusammenhang mit der Psychologie besteht die grosse Schwierigkeit, eine Trennlinie zwischen den beiden Gebieten zu finden. Ich frage mich: Wo endet der Bereich rein psychologischer, empirisch belegbarer Aussagen und wo beginnen Äusserung die in den Bereich der Religion und der Metaphysik fallen? Besteht eine derartige saubere Trennung und ist es überhaupt sinnvoll, den Versuch zu unternehmen, diese Grenze zu suchen? Diese Fragen sind wohl auch dafür verantwortlich, dass Jung heftigster Kritik von psychologischer wie auch von theologischer Seite ausgesetzt war und ist. Die Problematik von Jungs Aussagen liegt auch darin, „dass er zwar alle Fragen und Probleme des Religiösen, wie Gott und Christus, in seine Untersuchungen einbezieht, dass er sie aber allein vom empi- rische Psychischen her zu interpretieren versucht und zugleich die theologischen Begriffe beibehält.“49

Als letzten Kritikpunkt möchte ich Jungs Stellung gegenüber dem Nationalsozialisten nennen. Seine Aussagen hinsichtlich der Juden und dem Tun der Nationalsozialisten sind teilweise bedrohlich den letzteren zugeneigt, was ihn zu einer Zielscheibe der Kritik werden liess. Um hier nur einige zu nennen: „Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann“.50 Oder: „Das arische Unbewusste hat ein höheres Potential als das jüdische; das ist der Vorteil und der Nachteil einer dem Barbarischen noch nicht völlig entfremdeten Jugendlichkeit“.51 Und: Sollten wir wirklich meinen, dass ein Volksstamm, der seit einigen tausend Jahren als das ‚auserwählte Volk‘ durch die Geschichte wandert, nicht durch besondere seelische Eigenart zu einem solchen Gedanken ermächtigt wäre“.52 Jung revidiert zwar einige seiner Aussagen nach dem Krieg, dennoch bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

6. Schlussbemerkungen

Trotz der anfänglichen Zweifel um das Gelingen dieser Arbeit habe ich, so denke ich, zumin- dest einen besseren Einblick in das Leben, die Lehren und das Religionsverständnis C.G. Jungs gewonnen. Einige der Unklarheiten sind beseitigt worden, andere sind geblieben. Das Hauptproblem scheint mir nach wie vor die Trennlinie, oder besser gesagt, der Übergang von Psychologie zur Religion zu sein. Ich bin mir nicht immer sicher, ob Jung nun ein Aussage über rein psychologisch und empirisch feststellbare Vorgänge im Menschen macht, oder, ob er nun über eine höhere, aussenstehende Macht berichtet, die den Men- schen beeinflusst und ihn führt. Ich denke, als empirischer Wissen- schaftler versucht er sich so gut wie möglich auf das erst genannte zu beschränken, auf der anderen Seite hingegen, als spiritueller Mensch, weiss er auch ‚vom ganz anderen‘, vom Göttlichen53 - daher auch sei- ne häufigen Verstrickungen in Debatten um Psychologie und Religion und die Kritiken der (anderen) Vertreter dieser Richtungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Vorwort erwähnte ich, dass es für mich etwas verwunderlich war, festzustellen, dass Jung in der modernen akademischen Psychologie keinen grossen Stellenwert mehr hat. Damit meinte ich natürlich insbe- sondere diejenige Psychologie, die hier an den Schweizer Universitäten gelehrt wird. Es stellte sich aber heraus, dass dies nicht überall so ist: geht man etwa ins Inter- net findet man eine ungeheure Fülle von Informationen, hauptsächlich aus den USA kom- mend, über den Schweizer Psychologen. Jenseits des Atlantiks scheint dieser eine sehr popu- läre Person zu sein und über den ganzen nordamerikanischen Kontinent verteilt gibt es Jung- Institute, Gesellschaften und Vereinigungen, die sich ihm und seinen Lehren widmen. Davon sind auch die Universitäten nicht ausgeschlossen. Es ist aber auch zu erwähnen, dass es etwas schwierig ist, bei den Informationen, die man im Internet erhält, zu trennen zwischen den Er- kenntnissen Jungs und denjenigen, die ihm angedichtet wurden. Denn das Spektrum reicht von wissenschaftlicher psychologischer Forschung bis zu esoterischen Spekulationen und Phantastereien.

Das Ziel einer Ganzheit des Menschen scheint mir ein wichtiger Aspekt der Lehre Jungs. Vielleicht ist es für den einen oder anderen ein utopisches Bestreben, dennoch sehe ich die Individuation als einen wichtigen Weg zur Selbstwerdung des Menschen. Es geht nicht dar- um, Jung blind zu folgen, er sagt ja immer wieder selbst, dass für ihn das Wichtigste die eige- ne innere Erfahrung sei - denn ohne diese findet man keine Erfüllung des Lebens. Ich glaube nicht, dass es das Ziel von ihm gewesen war, ein neues Dogma zu gründen, denn genau von den Dogmen wollte er doch wegführen. Er ist seinen eigenen Weg gegangen (und dieser mag ihn durchaus zu gewissen Auffassungen geführt haben, die Kritik verdienen). Es liegt an je- dem anderen auch, den eigenen Weg zu finden. Jungs Ideen mögen gewisse Hilfestellungen geben, doch darüber hinaus liegt es beim einzelnen, wie er sein Leben führen will und wohin es ihn bringt.

Die Religion ist, so Jung, mitunter ein wichtiger Aspekt auf dem Weg zur Ganzheit des Men- schen. „Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heisst jenseits 35, ist nicht ein einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre.“54 Wird die Spiritualität aus dem Leben verbannt oder lässt man sie nicht zu, verhindert dies nach meiner Meinung innere Zufriedenheit - es wird immer etwas fehlen. Wenn dieser Punkt von der heutigen akademischen Psychologie ausgeklammert wird, schiesst sie an ihrem Ziel vor- bei. Genau wie alle andern wichtigen Aspekte sollte sie auch diesen in ihre Methoden mit einbeziehen.

7. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- „du“: Carl Gustav Jung: Person, Psyche und Paradox, Die Zeitschrift der Kultur, Zürich, 54 (1995) 8, 24-93
- Gesammelte Werke, hg. v. M. Niehus-Jung; L. Jung-Merker; F. Riklin et al., 19 Bde., Olten - Freiburg i. Br. 1985.
- Hark, Helmut: Lexikon Jungscher Grundbegriffe, Olten 1988.
- Jacobi, Jolande: Die Psychologie von C.G. Jung. Eine Einführung in das Gesamtwerk, Zürich, Stuttgart 1967 und Frankfurt am Main 41982. · Jung, Carl Gustav: Aion. Untersuchungen zur Symbolgeschichte, Zü- rich 1951.
- Jung, Carl Gustav: Antwort auf Hiob, Olten 1973
- Jung, Carl Gustav: Briefe II, hg. von A. Jaffé in Zusammenarbeit mit Gerhard Adler, Ol- ten 1972.
- Jung, Carl Gustav: Das Wandlungssymbol in der Messe, in: ders., Gesammelte Werke, Bd.11, Zürich 1963.
- Jung, Carl Gustav: Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten. Olten 1971.
- Jung, Carl Gustav: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Solothurn und Düsseldorf 91995.
- Jung, Carl Gustav: Psychologie und Religion, Olten 31982.
- Jung, Carl Gustav: Psychologie und Religion. In: ders.: Gesammelte Werke. Bd.11. Olten 2 1973.
- Jung, Carl Gustav: Symbole der Wandlung. Analyse des Vorspiels zu einer Schizophre- nie, in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 5, Olten 1973.
- Jung, Carl Gustav: Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge, Gesammelte Werke, Bd.11, Zürich 1963.
- Jung, Carl Gustav: Versuch einer psychologischen Deutung des Trinitätsdogmas, in: ders., Gesammelte Werke, Bd.11, Zürich 1963.
- Jung, Carl Gustav; Wilhelm, Richard: Das Geheimnis der Goldenen Blüte, Olten und Freiburg i. Br. 101973.
- Keintzel, Raimar: C.G. Jung: Retter der Religion? Auseinandersetzung mit Werk und Wirkung. Stuttgart 1991 (=Unterscheidung).
- Keintzel, Raimar: Individuation, in: G. Condrau (Hg.), Die Psychologie des 20. Jahrhun- derts, Bd.15, Zürich 1979.
- Kolbe, Christoph: Heilung oder Hindernis. Religion bei Freud, Adler, Fromm, Jung und Frankl. Stuttgart 1986.
- Lüssi Peter, Atheismus und Neurose, Göttingen 1979.
- Michaels, Axel (Hg.): Klassiker der Religionswissenschaft. Von Friedrich Schleiermacher bis Mircea Eliade. München 1997.
- Stich, Hans: C.G. Jung und die Transzendenz. Abensberg 1983.
- Wehr, Gerhard: Stichwort: Damaskus-Erlebnis. Der Weg zu Christus nach C.G. Jung, Stuttgart 1982.
- Wehr, Gerhard: Wege zu religiöser Erfahrung. Analytische Psychologie im Dienste der Bibelauslegung, Olten o.J. (1973).

Anzumerken sei hier noch, dass vor allem die mit rot gekennzeichneten Werke als Hauptlite- ratur dienten, während die anderen vorwiegend als Quellen für Zitate verwendet wurden.

[...]


1 Ingrid Riedel, du, S. 57.

2 Mario Jacoby, du, S. 33.

3 Katarina Holländer, du, S. 56.

4 Vgl. C. G. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken, aufgez. und herausgegeben von Aniela Jaffé, S. 11f.

5 Ebd., S. 47.

6 Ebd., S. 21.

7 C. G. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken, S. 19.

8 Vgl. ebd., S. 45f.

9 Ebd., S. 67.

10 Ebd., S. 48.

11 Ebd., S. 40.

12 Christoph Kolbe, Heilung oder Hindernis, S. 149.

13 Vgl. Hans Stich, C.G. Jung und die Transzendenz, S. 5.

14 N. Niehus-Jung (Hg.) u.a., Gesammelte Werke XI, S. 530.

15 C.G. Jung, Antwort auf Hiob, S. 6.

16 C.G. Jung, Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewussten, S. 25.

17 Vgl. C.G. Jung, Psychologie und Religion, S. 26.

18 Vgl. zu diesem Abschnitt Mario Jacoby, du, S. 27-34

19 Vgl. C.G. Jung, Erinnerungen, Träume, Gedanken, S. 6.

20 C.G. Jung, Antwort auf Hiob, S. 8.

21 N. Niehus-Jung (Hg.) u.a., Gesammelte Werke VII, S. 398f.

22 C.G. Jung, Psychologie und Religion, S. 101, ebenso S. 96f.

23 Vgl. zu diesem Abschnitt Verena Kast, du, S. 35- 42.

24 C.G. Jung, Versuch einer psychologischen Deutung des Trinitätsdogmas, S. 205.

25 Christoph Kolbe, a.a.O., S. 178.

26 C.G. Jung, Symbole der Wandlung, S. 296.

27 C.G. Jung, Das Wandlungssymbol in der Messe, S. 254.

28 Li|bi|do: 1. Begierde; Trieb, bes. Geschlechtstrieb (Med., Psychol.). 2. allen psychischen Äußerungen zugrundeliegende psychische Energie (Psychol.).

29 Helmut Hark, Lexikon Jungscher Grundbegriffe, S. 164.

30 Vgl. zu diesem Abschnitt Ingrid Riedel, du, S. 50.

31 Vgl. Christoph Kolbe, a.a.O., S. 186.

32 C.G. Jung, zit.n.: Ingrid Riedel, du, S. 51.

33 Vgl. Christoph Kolbe, a.a.O., S. 184.

34 C.G. Jung, Psychologie und Religion, S. 63.

35 C.G. Jung und Richard Wilhelm, Das Geheimnis der Goldenen Blüte, S. 61

36 C.G. Jung, Psychologie und Religion, S. 3.

37 Ebd., S. 5

38 Vgl. C.G. Jung, Antwort auf Hiob, S. 6.

C.G. Jung gebraucht den Begriff „transzendental“ im Sinne der Herkunft aus dem Unbewussten; er ist nicht zu verwechseln mit einem theologischen Transzendenzbegriff.

39 N. Niehus-Jung (Hg.) u.a., Gesammelte Werke XII, S. 14

40 C.G. Jung, Psychologie und Religion, S. 98.

41 C.G. Jung, Aion. Untersuchungen zur Symbolgeschichte, S.281. Vgl. C.G. Jung, Antwort auf Hiob, S. 9.

42 G. Wehr, Stichwort: Damaskus-Erlebnis, S. 43.

43 C.G. Jung, Psychologie und Religion, S. 56.

44 Christoph Kolbe, a.a.O., S. 183.

45 Vgl. dazu Gerhard Wehr, du, S. 45

46 Vgl. C.G. Jung, Briefe II, S. 495; Vgl. G. Wehr, Wege zur religiösen Erfahrung, S. 39-49, insbes. S. 47-49; Vgl. G. Wehr, Stichwort: Damaskus-Erlebnis, S. 24-44.

47 Peter Lüssi, Atheismus und Neurose, S. 149.

48 Raimar Keintzel, Individuation, S. 270.

49 Hans Stich, a.a.O., S. 142.

50 C.G. Jung, zit.n.: Katarina Holländer, du, S. 64.

51 Ebd.

52 Ebd.

53 Vgl. J. Jacobi, Die Psychologie von C.G. Jung, S. 145.

54 C.G. Jung, Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge, S. 362.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
C.G. Jung - Psychologie und Religion
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V97971
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jung, Psychologie, Religion
Arbeit zitieren
Pascal Krapf (Autor), 2000, C.G. Jung - Psychologie und Religion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97971

Kommentare

  • Gast am 4.3.2002

    kurz und klar.

    Seehr gehrter Herr Krapf,
    Wie schön, dass Sie so einen Artikel veröffentlicht haben...

    Ich Abdülkerim BAHADIR, bin in der Türkei an der Theologische Fakultät bei der Selcuk Universiät tätig. Mein wissenschaftliches Fach ist Religionspsychologie. Zur Zeit habe ich vor mir ein wesentliches Projekt. Es handelt sich über das Zusammenhang zwischen Jungschen Denk-System und Religion. Ob ich das so ausdrücken kann, möchte ich die Religionspsychologie bei Jung untersuchen. Das halte ich für sehr wichtig, da wir in unsere fach sehr über Jung interressiert sind.
    Wie sie wissen, gilt Carl Gustav Jung als einer der gossen Tiefenpsychologen der zwanzigsten Jahrhunderts. Von psychoanalitischer Aussicht machte er als erster die Religiösität zum zentralen Problem im menschlichen Leben. Jungs Wurzeln für die Erkenntnisse seiner Gedanken liegen neben seiner Persönlichkeit in den Studien anderer Kulturen. Deshalb unternimmt er mehrere Reisen und Expeditionen zu primitiven Völkern, um deren Psychologie zu studieren. Er dehnt die ethnologischen und religionspsychologischen Forschungen weiter aus und wendet sich der philosophischen und religiösen Symbolik der Fernen Ostens zu.
    Jung äussert sich besonders über seine religiöse Überlegungen. Kein anderer Tiefenpsychologe -soviel ich weiss- hat sich so intensiv mit religionspsychologischen und religionswissenschafftlichen Fragen in seinem Gesamtwerk beschäftigt und kein anderer Tiefenpsychologe ist allerdings auch so umstritten gerade wegen dieser Ausführungen.
    Obwohl es in der Türkei manche Untersuchungen und Übersetzungen von Jungs Werke gibt, reicht dies länst nicht für unsere Psychologiesche Zustand. Darum finde ich es unbedingt mindestens eine drei monatliche Reise nach Ausland zu machen. Ob es klapt, habe ich mich für die Reise an der Deutschen Akademiker Austauschungs-Dienst beworben.Da meine Fremdsprache Deutsch ist, möchte ich gerne nach Deutschland und nach Schweitz. Soviel ich untersucht habe gibt es in die genannte Ländern viele Instutionen und Werke über Jungschen Psychologie. Gerne möchte ich während meine lange Reise, von Institut zu Institut und von Bibliothek zu Bibliothek... In diesen Zusammenhang möchte ich gerne wissenschafftliche Bekanntschaften schliesen. Da Sie sich mit dem gleichen Thema beschaeftigt haben, möchte ich Sie auch persönlich kennenlernen.
    In diesen Zustand,möchte ich gerne wissen ob sie sich für eine wissenschafftliche Kommunikation offen halten. Könnten sie mir Literatur (Werke, Artikeln, Kopien...) über die Bziehungen zwischen Jung Psychologie und Religion/Religiösität schicken oder wenigstens behilflich sein? Habe ich nach Ihre meinung irgend andere gelegenheiten?

    Ých würde mich sehr vom Herzen bedanken, wenn sie mich per e-mail informieren würden... Bis nachher...
    Mit den besten Grüssen Dr. Abdülkerim BAHADIR

    Adresse: S.Ü. Ýlahiyat Fakültesi
    Din Psikolojisi A.B.D. Konya/Türkei
    Tlf: 0332 323 82 50 Fax: 0332 323 82 54
    e-mail: akerim@selcuk.edu.tr
    abahadir@hotmail.com
    Homepage: http://karatay1.cc.selcuk.edu.tr/~akerim

  • Gast am 4.12.2002

    applaus.

    Nicht schlecht, sehr kurz und doch verständlich geschrieben.
    Insbesondere den kritischen Teil muss
    ich loben, auf diese Informationen wäre ich wohl sonst nie gestossen.
    Und ich muss auf jeden Fall laut beipflichten dass man Jungs Werke immer als Gedankenanregung, und nicht als die ultimative Wahrheit ansehen sollte. So wie bei jedem Autor....

    Vielen Dank für diese Arbeit!
    Georg Fritzsche

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