John Stuart Mills Methoden der experimentalen Forschung und Peter Liptons Schluss auf die beste Erklärung

Ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Induktion und der Schluss auf die beste Erklärung

3. Mills Methoden

4. Liptons Schluss auf die beste Erklärung versus Mills Methoden
4.1 Geschlussfolgerte Unterschiede
4.2 Mehrfache Unterschiede
4.3 Explanatorische Tugenden

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Weil der Schluss auf die beste Erklärung bisher mehr einem Slogan als einer klar aus­formulierten philosophischen Theorie gleiche, versucht Peter Lipton in seiner Mono­grafie Inference to the Best Explanation, eben jenen Slogan in einen theoretischen Rahmen zu bringen. Zentral für seinen Vorschlag ist die sogenannte Differenzbedin­gung („Difference Condition“). Ihr zufolge lässt sich die beste Erklärung eines Ereig­nisses durch den Vergleich zwischen einem Phänomen P und einem weiteren Phäno­men Q herausfinden, bei dem sich auf einen Unterschied in der kausalen Vorge­schichte von P und der von nicht-Q berufen wird, der aus einer Ursache von P und der Abwesenheit eines korrespondierenden Ereignisses im Falle von Nicht-Q besteht (vgl. Lipton 2004: 42).

Bereits in der ersten Auflage von Inference to the Best Explanation macht Lipton auf die große strukturelle Ähnlichkeit zwischen seiner Differenzbedingung und der erst­mals von John Stuart Mill beschriebenen Differenzmethode aufmerksam (vgl. Lipton 1993: 112f). Wegen dieser Nähe sieht Lipton sich dem Einwand ausgesetzt, dass sei­ne Version des Schlusses auf die beste Erklärung womöglich nur eine aufgehübschte Variante eines mit Mills Methoden operierenden Ansatzes des kausalen Schließens ist. Ich werde in diesem Aufsatz darlegen, dass die von Lipton als Reaktion behaupte­ten Vorzüge des Schlusses auf die beste Erklärung gegenüber Mills Differenzmethode nicht ausreichen werden, um diesen Einwand zurückzuweisen.

Hierzu werde ich im nachfolgenden Kapitel die wichtigsten Aspekte von Liptons Ver­sion des Schlusses auf die beste Erklärung rekonstruieren, nachdem ich zuvor kurz darauf eingegangen bin, inwiefern sich Lipton durch seinen Ansatz einen Fortschritt gegenüber alternativen Modellen des induktiven Schließens erhofft. Anschließend werde ich im nächsten Kapitel Mills vier Methoden mit ihren Anwendungsmöglich­keiten und Einschränkungen vorstellen. Darauf aufbauend erfolgt im abschließenden Kapitel eine Gegenüberstellung von Mills Methoden und Liptons Schluss auf die bes­te Erklärung, bei der ich die von Lipton behaupteten Probleme der Differenzmethode im Hinblick auf geschlussfolgerte Unterschiede („inferred differences“) und mehrfa­che Unterschiede („multiple differences“) zurückweisen werde. Am Ende der Gegen­überstellung bespreche ich, was zu Liptons bisherigen Ausführungen zum Schluss auf die beste Erklärung hinzukommen müsste, um tatsächlich einen merklichen Vorteil gegenüber dem kausalen Schließen darzustellen.

2. Induktion und der Schluss auf die beste Erklärung

Lipton beginnt mit einer Abgrenzung der Induktion bzw. des induktiven Schließens von der Deduktion. Während deduktive Schlüsse allein aufgrund ihrer Form die Wahrheit ihrer Konklusion garantieren, gehe es bei induktiven Schlüssen um die Ein­schätzung der Wahrscheinlichkeit, mit der diese Schlüsse wahr sind. Liptons Indukti­onsverständnis ist dabei ein sehr weites. Im Gegensatz zu den deduktiven Schlüssen seien die induktiven Schlüsse all jene Schlüsse, bei denen es möglich ist, dass die Prämissen wahr sind, die Konklusionjedoch nicht (vgl. Lipton 2004: 5). In Bezug auf wissenschaftliche Theorien werde diese grundsätzliche Fehlbarkeit induktiver Schlüs­se oft auch als „Unterdeterminiertheit“ bezeichnet: „To say that an outcome is under­determined is to say that some information about initial conditions and rules or prin­ciples does not guarantee a unique solution“ (ebd.).

Durch die Unterdeterminiertheit ergebe sich für das induktive Schließen sowohl ein Beschreibungs- als auch ein Rechtfertigungsproblem. Auch wenn die Konklusion ei­nes induktiven Schlusses per defmitionem trotz wahrer Prämissen nicht zwingend wahr sein muss, werde zumindest der Anspruch gestellt, dass sie dazu neigen, von wahren Prämissen zu einer wahren Konklusion zu führen (vgl. Lipton 2004: 7). Diese Behauptung lasse sich aufgrund der Unterdeterminiertheit allerdings nicht vollends rechtfertigen. Die Hypothese, dass die Sonne mit Sicherheit am nächsten Tag auch wieder aufgehen werde, mag eine noch so beeindruckende Bilanz wahrer Vorhersa­gen haben. Der skeptische Einwand, dass die Sonne morgen nicht aufgehen werde, lasse sich trotzdem nie ganz ausräumen. Theorien wie der sogenannte „Big Whimper“ zeigen sogar, dass dieses Szenario prinzipiell möglich und denkbar ist (vgl. Strobach 2018: 26).

Das für Liptons Schluss auf die beste Erklärung entscheidendere Problem ist jedoch die Suche nach einer einheitlichen Beschreibung unserer induktiven Praxis. Obwohl wir tagtäglich mit induktiven Schlüssen operieren und sie in den meisten Fällen ver­lässlich sind, klaffe zwischen dem, was wir zu tun im Stande sind, und unserer Be­schreibung hiervon eine große Lücke (vgl. Lipton 2004: 12). Es kommen gleich meh­rere, teils konkurrierende Prinzipen infrage, die unsere induktiven Schlüsse leiten könnten. Weil unsere Induktionsprinzipienjedoch weder der Introspektion zugänglich noch anderweitig beobachtbar seien, gleiche das Projekt der Beschreibung unserer induktiven Prinzipien einer Blackbox, mit der versucht werde, die verborgenen Me­chanismen der Induktion auf indirektem Wege zu rekonstruieren (vgl. Lipton 2004: 13).

Lipton sieht insgesamt fünf Modelle in der engeren Auswahl für die Beschreibung unserer „Praxis“ des induktiven Schließens (vgl. ebd.):

1) Konservatives Induktionsmodell: Das diesem Modell zugrunde liegende Prin­zip, welches wohl auch David Hume bei seiner Diskussion des Induktions­problems vor Augen gehabt haben muss (siehe Hume 2007), lässt sich am ein­gängigsten mit der Formel „Mehr von dem Gleichen“ beschreiben. Ein gutes induktives Argument prognostiziere demnach mit der Konklusion die Fortset­zung eines in den Prämissen beschriebenen Musters. Das konservative oder auch enumerative Induktionsmodell könne aber höchstens eine „Karikatur“ eines überzeugenden Induktionsmodells sein, da entscheidende induktive Schlüsse nicht abgebildet würden (vgl. Lipton 2004: 13f.).
2) Instanzielles Modell: Die offenkundigen Mängel des konservativen Indukti­onsmodells sollen durch das zweite Modell ausgebessert werden. Nach dem instanziellen Modell induktiver Bestätigung ist eine Hypothese der Form „Alle As sind B“ gestützt durch Wxq positiven Instanzen, d.h. durch alle beobachte­ten As, die tatsächlich auch B sind. Liegen ausreichend positive Instanzen vor und wurden weiterhin keine negativen Instanzen beobachtet, ist es zulässig, auf die Hypothese zu schließen und von dieser abzuleiten, dass das nächste A ebenfalls B sein wird (vgl. Lipton 2004: 14). Abgesehen davon, dass dieses Modell strenggenommen keine Beschreibung eines induktiven Verfahrens sei, verweist Lipton darauf, dass es viel zu nachgiebig im Hinblick auf zulässige Hypothesen sei (vgl. ebd.).
3) Hypothetico-deduktives Modell: In diesem in der Wissenschaftstheorie beson­ders einflussreichen Modell wird davon ausgegangen, dass eine Hypothese oder eine Theorie dann als bestätigt gilt, wenn sich von ihr eine bestimmte Tatsache deduktiv ableiten lässt (vgl. Lipton 2004: 15). Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen Induktionsmodellen habe das hypothetico-deduktive Modell einen deutlich größeren Anwendungsbereich. Dennoch sei es im Hin­blick auf vermeintlich zulässige Hypothesen ebenso nachgiebig wie das in- stanzielle Modell (vgl. ebd.).
4) Bayesianisches Wahrscheinlichkeitstheorem: Das auf den englischen Mathe­matiker Thomas Bayes zurückgehende Theorem beschreibt die bedingte Wahrscheinlichkeit P (H/E) einer Hypothese H im Hinblick auf eine Beobach­tung E.1 Bezogen auf einen wissenschaftlichen Kontext haben Hypothesen nach dem Bayes-Theorem einen besonders hohen Bestätigungsgrad, wenn sie eine unwahrscheinliche Vorhersage enthalten, die sich als wahr herausstellt (vgl. Lipton 2004: 17). Lipton sieht seine Version des Schlusses auf die beste Erklärung grundsätzlich als kompatibel mit dem Bayesianismus an, da ex- planatorische Überlegungen eine wichtige Rolle bei der Durchführung der Bayesianischen Wahrscheinlichkeitskalkulation spielen.2
5) Kausales Schließen: In der Wissenschaft, aber auch im alltäglichen Leben, ba­siert eine Vielzahl unserer induktiven Schlüsse auf dem Schließen von Wir­kungen oder Effekten auf ihre vermuteten Ursachen. Eine der bekanntesten Theorien des kausalen Schließens erkennt Lipton in John Stuart Mills System der deduktiven und induktiven Logik (vgl. Lipton 2004: 18f.). Wie bereits an­gekündigt, werde ich im nächsten Kapitel noch genauer auf das mit Mills Me­thoden operierende Modell des kausalen Schließens eingehen und die von Mill vermuteten Schwachstellen im darauffolgenden Kapitel ausführlich diskutie­ren.

Da keines dieser fünf Modelle seinem Anspruch einer zufriedenstellenden Beschrei­bung unserer induktiven Praxis gerecht wird, entfaltet Lipton in den darauffolgenden Kapiteln von Inference to the Best Explanation schrittweise seinen eigenen Entwurf einer Theorie des induktiven Schließens.3 Im Zentrum seines Ansatzes befindet sich der Begriff der Erklärung, der in einem engen Verhältnis zum Begriff des Schließens steht:

Our inferred beliefs are guides to action that help us to get what we want and to avoid trouble. Less practically, we also sometimes simply infer because we want to leam more about the way the world is. Often, however, [...] we want to know why. Thus, our inferences may be used to provide explanations, and they may themselves be explained. The central question about our explanatory practices [...] can then be put this way: What has to be added to knowledge to yield understanding? (Lipton 2004: 21)

Wie bei der Induktion sieht Lipton auch bei der Erklärung ein Rechtfertigungs- und ein Beschreibungsproblem. Ersteres ist schnell zusammengefasst: Wir können nicht wissen, ob unsere vermeintlichen Erklärungen - vorausgesetzt, sie sind wahr - einen Sachverhalt wirklich vollständig erklären. Zu groß ist das Risiko, in einen unendli­chen Regress an Warum-Fragen zu geraten (vgl. Lipton 2004: 21). Obgleich dies nicht zu unterschätzen sei, lasse sich der Gefahr eines Warum-Regresses entgegenhal­ten, dass die Erklärungen ihrerseits nicht verstanden werden müssen, um als zufrie­denstellende Erklärung zu gelten. Lipton illustriert dies am Beispiel des Zusammen­hangs zwischen einer Dürre und einer schlechten Ernte: Die Tatsache, dass es zu einer Dürre gekommen ist, erkläre zufriedenstellend, warum die Ernte in diesem Jahr schlecht ausgefallen ist, ohne dass es dabei zwingend notwendig ist, die Gründe für das Auftreten der Dürre zu kennen (vgl. Lipton 2004: 22).

Auch im Falle der Erklärung sei das Beschreibungsproblem entscheidender als das Rechtfertigungsproblem. Analog zur Induktion sieht Lipton eine klaffende Lücke zwischen unserer Erklärpraxis und der Beschreibung davon, wie etwas erklärt wird: „We discriminate between things we understand and things we do not, and between good explanations and bad explanations, but we are strikingly poor at giving any sort of principled account of how we do this“ (Lipton 2004: 23). Ebenfalls kommen hier deshalb mehrere konkurrierende Ansätze für die Beschreibung der Erklärpraxis infra­ge. Ich werde aus Platzgründen auf eine Übersicht der einzelnen Erklärungsmodelle verzichten und mich stattdessen direkt der Beschreibung des von Lipton favorisierten kausalenModells kontrastiver Erklärung zuwenden.4

Ein bestimmtes Phänomen werde nach dem kausalen Modell entweder erklärt, indem Informationen über dessen kausale Vorgeschichte („causal history“) angegeben wür­den, oder, indem - für den Fall, dass das Phänomen selbst eine kausale Regularität („causal regularity“) darstelle - Informationen über den Mechanismus angegeben würden, der Ursache und Wirkung verbindet (vgl. Lipton 2004: 30). Das kausale Mo­dell sei nicht nur natürlich und plausibel, es komme auch besser mit den Schwierig­keiten der anderen Erklärungsmodelle zurecht (vgl. Lipton 2004: 30f.).

Trotzdem sieht Lipton drei mögliche Einwände gegen das kausale Modell: Erstens gibt es bisher keine vollkommen adäquate Analyse von Verursachung. Dies sei je­doch kein Grund, das Modell von vornherein zu verwerfen. Auch ohne eine solche Analyse wisse man genug über das Konzept der Verursachung, um es als aussichts­reichen Kandidaten in Erwägung zu ziehen (vgl. Lipton 2004: 31). Zweitens gibt es auch eine nicht unerhebliche Anzahl nicht-kausaler Erklärungen. Sie deuten darauf hin, dass das kausale Modell der Erklärung nicht vollständig sein kann. Lipton ist trotzdem überzeugt, dass das kausale Modell in Anbetracht der Unterlegenheit alter­nativer Konzepte die beste Wahl sei (vgl. Lipton 2004: 32).

Drittens könne eingewendet werden, dass das kausale Modell zu nachgiebig sei. Der größte Teil der Kausalgeschichte eines Phänomens sei für dessen Erklärung irrele­vant. Deshalb muss ein Ansatz gesucht werden, der der Interessenrelativität unserer Erklärungen gerecht wird. Lipton schlägt hierzu den Weg über eine, wie er es nennt, kontrastive Analyse vor:

What gets explained is not simply ‘Why this’, but ‘Why this rather than that?’ [...]. A con­trastive phenomenon consists of a fact and a foil, and the same fact may have several different foils. We may not explain why the leaves turn yellow in November simpliciter, but only for example why they turn yellow in November rather than in January, or why they turn yellow in Novemberratherthantumblue. (Lipton2004: 33)

Den zentralen Mechanismus fur die kontrastive Analyse eines Phänomens bzw. fur kontrastive Erklärungen nennt Lipton kausale Triangulation. Für die kausale Erklä­rung eines Ereignisses werden dabei mithilfe der Differenzbedingung explanatorische Gegensätze ausgewählt, die auf die Ursachen dieses Ereignisses hinweisen:

To explain why P rather than Q, we must cite a causal difference between P and not-Q, con­sisting of a cause of P and the absence of a corresponding event in the case of not-Q. (Lipton 2004: 42)

Lipton nennt daraufhin verschiedene Beispiele kontrastiver Erklärung unter Zuhilfe­nahme der Differenzbedingung. Sie deuten darauf hin, dass die geforderte Abwesen­heit eines Ereignisses im Falle von Nicht-Q typischerweise sein Nichtvorhandensein in der kausalen Vorgeschichte von Nicht-Q meint (vgl. ebd.).5 Frage man sich etwa im Falle der Autoren Frank und Kate, warum Kate den Essaypreis gewonnen hat, aber nicht Frank, so sei die Tatsache, das beste Essay zu schreiben, ein kausaler Unter­schied, der sich in der kausalen Vorgeschichte von Kate (P) finden lasse, aber nicht in der von Frank (Q).

Dies sollte, für einen grundsätzlichen Eindruck, wie Lipton den Begriff der Erklärung versteht, genügen: Von den verschiedenen Modellen der Erklärung macht sich Lipton das kausale Modell zu eigen und verfeinert dieses mithilfe der Differenzbedingung zu einem Modell kontrastiver kausaler Erklärung (,Warum P eher als Q?‘). Wie es der Name schon andeutet, verlangt der Schluss auf die beste Erklärung aber nicht irgend­eine, sondern die beste Erklärung. Auch hier herrschen verschiedene Ansätze vor: Zunächst müsse man sich fragen, ob die gesuchte beste Erklärung, die beste tatsächli­che Erklärung oder die beste potenzielle Erklärung sein muss; die zweite Frage lautet, ob nach der wahrscheinlichsten (der Erklärung, die am wahrscheinlichsten wahr ist) oder nach der reizvollsten Erklärung (der Erklärung, die das höchste Maß an Ver­ständnis mit sich bringt) gesucht wird (vgl. Lipton 2004: 57).5

Die bisherigen Anmerkungen zum induktiven Schließen zeigen, dass diese Schlüsse trotz wahrer Prämissen zu einer falschen Konklusion führen können. Nichtsdestotrotz nimmt Lipton an, dass diese Schlüsse zumindest „wahrheitstropisch“ („truth-tropic“) sind (ebd.). Das Schlussziel sei eine wahre Konklusion und induktive Schlüsse neigen zumindest dazu, zu diesem Ziel hinzuführen (vgl. ebd.). Setze man nun voraus, mit dem Schluss auf die beste Erklärung auf die beste tatsächliche Erklärung zu schlie­ßen, würde dies Liptons Modell stärker machen, als es eigentlich ist.

Bei einer tatsächlichen Erklärung steht fest, dass sie (zumindest annähernd) wahr ist (vgl. ebd.). Würde mit dem Schluss auf die beste Erklärung immer auf die tatsächli­che, also wahre, Erklärung geschlossen, würde dies gerade ausschließen, dass induk­tive Schlüsse auch fehlbar sind: ,,We are trying to describe the way we go from evi­dence to inference, but Inference to the Best Actual Explanation would require us to have already arrived in order to get there” (Lipton 2004: 58). Erst wenn man die strenge Voraussetzung vorher feststehender Wahrheit fallen lasse, können mehrere Erklärungen eines Phänomens miteinander konkurrieren. Mit dem Schluss auf die beste Erklärung solle also nicht auf die beste tatsächliche Erklärung, sondern auf die beste der verfügbaren potenziellen Erklärungen geschlossen werden, bei der wahr­scheinlich ist, dass sie auch eine tatsächliche Erklärung ist (vgl. ebd.).

Die zweite Unterscheidung zwischen wahrscheinlichster und reizvollster Erklärung ist schwieriger nachzuvollziehen. Obwohl beide Kriterien oft im Einklang sind, kön­nen sie aufgrund unterschiedlicher Herangehensweisen zu unterschiedlichen Ergeb­nissen kommen. Während es bei der wahrscheinlichsten Erklärung um Wahrheit gehe, ziele die reizvollste Erklärung auf potenzielles Verständnis („potential under­standing“) ab (vgl. Lipton 2004: 59). Zunächst scheint es, dass die wahrscheinlichste Erklärung der reizvollsten vorzuziehen ist. Schließlich solle der Schluss auf die beste Erklärung ein starkes induktives Argument darstellen und bei einem starken indukti­ven Argument würden die Prämissen die Konklusion wahrscheinlich machen (vgl. Lipton 2004: 60). Allerdings würde dies eine petitio principii bedeuten. Ein geeigne­tes Modell zur Beschreibung unserer induktiven Praxis müsse Prinzipien zur Beurtei­lung der relativen Wahrscheinlichkeit eines Schlusses angeben (vgl. ebd.). Ein Mo­dell, in dem die wahrscheinlichste Erklärung eine bestimmte Konklusion am wahr­scheinlichsten macht, erscheine da nicht besonders hilfreich.

Die reizvollste sei deshalb der wahrscheinlichsten Erklärung vorzuziehen. Sie zeige einen Weg auf, wie sich auf die wahrscheinlichste Ursache bzw. auf die wahrschein­lichste Erklärung eines Phänomens schließen lasse: „This version claims that the ex­planation that would, if true, provide the deepest understanding is the explanation that is likeliest to be true“ (Lipton 2004: 61). Lipton buchstabiert den „Slogan“ damit aus als „der Schluss auf die reizvollste potenzielle Erklärung“. Ich schließe dieses Kapitel mit einigen Anmerkungen zu den Vorzügen und Schwächen, die Lipton bei dieser Version sieht.

Zu den Vorzügen zähle, dass sie selbst nicht nur eine relativ reizvolle Erklärung unse­rer induktiven Praxis darstelle, sondern auch die Einwände gegen die weiter oben vorgestellten konkurrierenden Modelle des induktiven Schließen vermeide (vgl. Lip­ton 2004: 64-67). Weiterhin stelle die konjunktivistische Natur der Frage: ,Wie gut wäre diese Erklärung, wenn sie wahr wäre ?" einen entscheidenden Vorteil dar. Oft frage man sich bei der Entscheidung der Frage, ob etwas wahr ist, was der Fall sein müsste, wenn es wahr wäre, anstatt einfach nach der wahrscheinlichsten Möglichkeit zu suchen (vgl. Lipton 2004: 65). Lipton illustriert dies am Beispiel der Suche nach der Ursache, warum sein Kühlschrank nicht funktioniert. Die wahrscheinlichste Er­klärung hierfür wäre eine durchgebrannte Sicherung. Wäre sie tatsächlich durchge­brannt, würde auch die Küchenuhr nicht mehr funktionieren. Als nächsten Schritt zur Klärung der Frage, warum der Kühlschrank nicht funktioniert, könnte man also schauen, ob die Küchenuhr noch funktioniert. Mit anderen Worten: Es lasse sich durch die vorrübergehende Annahme der Wahrheit einer Vermutung herausarbeiten, welche weiteren Beobachtungen relevant für eine bestimmte Schlussfolgerung sein könnten (vgl. Lipton 2004: 65).

[...]


1 P (H/E) = P(E/H) * P(H)/P(E).

2 Für Liptons ausführliche Erörterung des Verhältnisses zwischen Bayesianismus und seinem Schluss auf die beste Erklärung siehe Lipton 2004: 103-120.

3 Dass Lipton den Schluss auf die beste Erklärung als ein induktives Schlussverfahren einordnet, ist nicht selbstverständlich. Viele Theoretiker setzen den Schluss auf die beste Erklärung auch mit der Abduktion gleich, die neben der Induktion und der Deduktion die dritte große Klasse von Schlussver­fahren bildet. Siehe hierzu beispielsweise Douven 2017.

4 Für eine ausführliche Darstellung der einzelnen Erklärungsmodelle siehe Lipton 2004: 23-29.

5 Im englischen Original nennt Lipton dies die „loveliest explanation . Die hier gewählte Übersetzung mit „reizvoll“ bzw. „reizvollste Erklärung“ und die im weiteren Verlauf des Aufsatzes mehrfach vor­kommende Substantivierung „Reizvollkeit“ kommen der hier gesuchten Bedeutung von „lovely“ am nächsten. Wenn eine Erklärung besonders interessant oder aufschlussreich ist, übt sie dadurch einen gewissen Reiz aus.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
John Stuart Mills Methoden der experimentalen Forschung und Peter Liptons Schluss auf die beste Erklärung
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
29
Katalognummer
V979861
ISBN (eBook)
9783346332158
ISBN (Buch)
9783346332165
Sprache
Deutsch
Schlagworte
john, stuart, mills, methoden, forschung, peter, liptons, schluss, erklärung, vergleich
Arbeit zitieren
Jeremias Düring (Autor), 2019, John Stuart Mills Methoden der experimentalen Forschung und Peter Liptons Schluss auf die beste Erklärung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979861

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