Angstzunahme in der Generation Z? Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Entwicklung von Angstsymptomen bei Kindern und Jugendlichen

Eine empirische Analyse


Bachelorarbeit, 2020

62 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Verlauf der SARS-CoV2-Pandemie von Januar bis Mai 2020 im Hinblick auf Kinder und Jugendliche von 11-16 Jahren in Baden-Württemberg
2.2 Situation von Kindern und Jugendlichen von 11-16 Jahren in der SARS-CoV2-Pandemie im Juni 2020 am Beispiel Baden Württemberg
2.3 Spezifische kognitive Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen
2.3.1 Einfluss des Entwicklungsstandes auf die Situationsbewertung
2.4 Angst
2.5 Entwicklungsspezifische Ängste
2.6 Angststörungen
2.6.1 Generalisierte Angststörungen
2.6.2 Soziale Angststörung
2.6.3 Trennungsangst
2.6.4 Phobische Störungen
2.6.5 Ätiologie und Pathogenese
2.6.6 Komorbiditäten
2.6.7 Prävention

3. Gegenwärtige Studienlage

4. Wissenschaftliche Hypothesenbildung

5. Methodisches Vorgehen
5.1 Zielgruppe
5.2 Fragebogenkonstruktion
5.3 Fragebogenentwurf
5.3.1 Pretest

6. Ergebnisse der Datenerhebung
6.1 Stichprobenbeschreibung
6.2 Mittelwerte
6.3 Überprüfung der Hypothesen

7. Interpretation der Ergebnisse
7.1 Diskussion
7.2 Reflexion der Forschungsmethodik

8. Zusammenfassung

9. Literaturverzeichnis

Abstract

Um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV2, dessen Gefährlichkeit nicht einzuschätzen war, zu verhindern, wurde in Deutschland eine Reihe von Maßnahmen angeordnet. Betriebe, Schulen und Kindergärten wurden zeitweise geschlossen, Spielplätze gesperrt und Kontaktverbote erlassen, so dass das soziale Leben weitestgehend zum Erliegen kam. Es entwickelte sich eine diffuse Bedrohungslage.

Bei Kindern ist in bestimmten Altersgruppen die Angst vor Krankheiten entwicklungsbedingt normgerecht. Durch diese ohnehin schon vorhandene Angst liegt die Vermutung nahe, dass Kinder und Jugendliche von der Ausbreitung des SARS-CoV2 und den angeordneten Maßnahmen in einer vulnerablen Phase im Hinblick auf das Ausbilden einer pathologischen Angststörung getroffen werden.

Ziel dieser Arbeit war die Klärung der Frage, welche Auswirkungen die SARS-CoV2-Pandemie und die Maßnahmen zur ihrer Bekämpfung auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen im Alter von 11-16 Jahren im Hinblick auf Angstsymptome hatte.

Um dieser Frage nachzugehen, wurden in einer Kinderarztpraxis Kinder und Jugendliche dieser Altersgruppe zu ihrem aktuellen Angstempfinden im Vergleich zu der Zeit vor der SARS-CoV2-Pandemie befragt. Dafür wurde ein Fragebogen eingesetzt, der Fragen zu Symptomen verschiedener Angststörungen beinhaltete. Die Möglichkeit, dass sich Angstsymptome verbessert haben könnten, wurde dabei nicht explizit berücksichtigt.

Im Ergebnis ist die Angstentwicklung ingesamt sehr unterschiedlich bewertet worden, so dass weiterer Klärungsbedarf besteht. Überraschenderweise gaben einige Probanden spontan an, dass sich ihre Symptomatik verbessert habe.

Für künftige Datenerhebungen zu dieser oder ähnlicher Fragestellung scheint eine Kombination aus qualitativen und quantitativen Methoden empfehlenswert.

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Fortschreibung des Bevölkerungsstandes (vgl. Statistisches Bundesamt, 2020)

Tab. 2: Items des Pretests

Tab. 3: Probandenstruktur im Pretest

Tab. 4: Reliabilität und Trennschärfe

Tab. 6: Mittelwerte der einzelnen Items

Tab. 7: Mittelwerte der Skalen

Tab. 8: Vergleich des Konstruktes Trennungsangst mit anderen Konstrukten

Tab. 9: Vergleich des Konstruktes spezifische Krankheitsphobie mit anderen Konstruk- ten

Tab. 10: Vergleich zwischen Probanden mit und ohne chronischen Atemwegserkran- kungen

Tab. 11: Altersgruppenvergleich

Tab. 12: Geschlechtervergleich

Tab. 13: Vergleich zwischen Schülern des Gymnasiums und Schülern anderer Schul- formen

Tab. 14: Vergleich zwischen Familien mit und ohne Großeltern im Haushalt

Tab. 15: Korrelation zwischen den Konstrukten generalisierte Angststörung, soziale Ängstlichkeit, Trennungsangst und Krankheitsphobie

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Stärke der Krankheitsangst (nach Häufigkeit) (vgl. Elefanten Kinderschuhe in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinderschutzbund, 2012, S. 39)

Abb. 2: Angstreaktion auf verschiedenen Ebenen

Abb. 3: Ungünstige Einflüsse auf die Entwicklung von Ängsten nach dem biopsychoso- zialen Modell (eigene Darstellung in Anlehnung an Egger, 2015, S. 62)

Abb. 4: Entwicklung des individuellen Angstempfindens während der SARS-CoV2- Pandemie (eigene Darstellung in Anlehnung an Egger, 2015, S. 62 ; Schneider, 2004b, S. 56)

Abb. 5: Geschlechterverteilung

Abb. 6: Altersgruppen

Abb. 7: Chronische Atemwegserkrankungen

Abb. 8: Schulformen

Abb. 9: Haushaltsmitglieder

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gender-Erklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die Sprachform des generischen Maskulinums angewandt. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig zu verstehen ist.

1. Einleitung

Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV2 seit Anfang des Jahres 2020 hat weltweit zu tiefgreifenden Veränderungen geführt, die auch Kinder und Jugendliche direkt oder indirekt betreffen: so wurden in Deutschland Schulen und Kindertagesstätten geschlossen und Unterricht via Homeschooling eingeführt, Spielplätze gesperrt und das gesamte soziale Leben weitgehend eingeschränkt; darüber hinaus wurden viele Betriebe vorübergehend geschlossen, Eltern arbeiteten bzw. arbeiten zum Teil im Homeoffice oder in Kurzarbeit (vgl. SWR, 2020). Das Ausmaß der wirtschaftlichen Folgen dieser Maßnahmen ist noch nicht absehbar. Die Eigenschaften des Virus sind noch weitgehend unerforscht. Das führt dazu, dass auch Experten in öffentlichen Diskussionen in den Medien unterschiedliche Ansichten vertreten und begründen (vgl. Meyer-Wellmann, 2020; Streng, A., Hartmann, K., Armann, J. et al.,2020; Hamburger Morgenpost, 2020), was zusätzlich zu Verunsicherung führt.

Einschränkungen, Veränderungen und Verunsicherungen betreffen auch Kinder und Jugendliche. Ihre Rechte, Interessen und Bedürfnisse fanden und finden in der Diskussion meist nur insoweit Beachtung, als es darum geht, eine Betreuungsstruktur wiederherzustellen, die es Eltern ermöglicht, ihre gewohnte Berufstätigkeit wieder aufzunehmen (vgl. Peter; Schneider; Oberle et al., 2020).

Die Auswirkungen dieser Situation auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen werden zwar wiederkehrend thematisiert, die Sichtweise der Betroffenen wurde aber bis heute kaum untersucht.

Generell sind unsichere, unkontrollierbare Abläufe geeignet, vermehrt Ängste zu verursachen (vgl. Butcher; Mineka; Hooley, 2009, S. 257). Übersteigerte Ängste können für Kinder und Jugendliche einen hohen Leidensdruck bedeuten und die Entwicklung beeinträchtigen; darüber hinaus sind Ängste, die sich zu pathologischen Störungen entwickeln, ein Risikofaktor für die Ausbildung von Angststörungen, affektiven Störungen und Abhängigkeitsstörungen im Erwachsenenalter (vgl. Blanz, Schneider, 2008, S. 749).

Daraus ergibt sich die Fragestellung der vorliegenden Thesis: Wie wirken sich die SARS-CoV2-Pandemie und die in Deutschland ergriffenen Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung auf das psychische Befinden von Kindern und Jugendlichen im Alter von 11-16 Jahren bezogen auf Angstsymptome aus?

2. Theoretischer Hintergrund

Grundsätzlich ist die Entwicklung von Ängsten auch bei völlig gesunden Kindern und Jugendlichen Bestandteil einer normalen Entwicklung. Von einer Angsterkrankung wird erst dann gesprochen, wenn die Ängste länger anhalten und das Kind bzw. den Jugendlichen beeinträchtigen; mit einer Prävalenz von 6-20% zählen Angststörungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter (vgl. Weninger.; Nestler; Schulze, 2013, S. 46).

Die Symptomatik von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen gleicht, mit Ausnahme der Trennungsangst, im wesentlichen der bei Erwachsenen; allerdings stellt sich bei jungen Patienten die Erkrankung eher als übersteigerte Ausprägung der normgerechten Ängste dar, nicht in Form von gänzlich unangemessenen, pathologischen Ängsten (vgl. Blanz, Schneider, 2008, S. 745). Zu den typischen Ängsten der Zielgruppe zählen bei den Kindern bis zu 12 Jahren die Angst vor der Schule, vor Verletzungen und Krankheiten, vor sozialen Situationen sowie vor Gewitter; im Alter ab 13 Jahren treten Ängste bezogen auf Verletzungen und Krankheiten, soziale Situationen und Sexualität in den Vordergrund; persistieren die physiologischen Ängste über die definierte Altersgruppe hinaus, liegt ebenfalls eine pathologische Störung vor (vgl. Blanz, Schneider, 2008, S. 745).

Da die Angst vor Krankheiten in dieser Altersgruppe als normgerecht definiert werden kann, liegt die Vermutung nahe, dass Kinder und Jugendliche der Zielaltersgruppe von der Ausbreitung des SARS-CoV2 in einer vulnerablen Phase im Hinblick auf die Ausbildung einer pathologischen Angststörung getroffen werden. In der vorliegenden Arbeit geht es allerdings nicht primär um die Identifikation von behandlungsbedürftigen Angststörungen, sondern um die Erfassung einer möglichen Zunahme von Ängsten seit Beginn der SARS-CoV2-Pandemie.

Nachfolgend wird exemplarisch für die Kinder und Jugendlichen in Deutschland die Situation der Kinder und Jugendlichen in Baden-Württemberg skizziert. Die einzelnen Bundesländer haben jeweils eigene Verordnungen erlassen, die sich zum Teil unterscheiden, im wesentlichen aber hinsichtlich der Einschränkungen sehr ähnlich sind.

2.1 Verlauf der SARS-CoV2-Pandemie von Januar bis Mai 2020 im Hinblick auf Kinder und Jugendliche von 11-16 Jahren in Baden-Württemberg

Nachdem Ende des Jahres 2019 die ersten Fälle der Erkrankung, welche durch das neue Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht wurde, aufgetreten waren, entwickelte sich die Erkrankung rasch zur Pandemie. Die einzelnen Länder entwickelten jeweils eigene Konzepte für den Umgang mit der Erkrankung, in Deutschland galten und gelten bis heute unterschiedliche Regelungen in den verschiedenen Bundesländern (vgl. z.B. Verordnung der Landesregierung über infektionsschützende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus SARS-CoV2 (Corona-Verordnung - CoronaVO); Vierte Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (4. BayIfSMV); Verordnung zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV2 in der Freien und Hansestadt Hamburg (Hamburgische SARS-CoV2-Eindämmungsverordnung – HmbSARS-CoV2-EindämmungsVO)).

In Baden Württemberg stellte sich der Verlauf für Kinder und Jugendliche der oben genannten Altersgruppe konkret wie folgt dar (vgl. Südwestrundfunk, 2020):

28.01.2020: erster nachgewiesener Fall in Bayern, insgesamt werden dort 14 Per- sonen positiv getestet

25.02.2020: erste Fälle auch in Baden Württemberg und Nordrhein Westfalen

03.03.2020: erste prophylaktische Unterrichtsausfälle in Baden Württemberg

10.03.2020: nachgewiesene Infektionen in allen Bundesländern

11.03.2020: Baden Württemberg verschiebt den Semesterstart an Universitäten bis nach Ostern

13.03.2020: Schulen und Kindertagesstätten in Baden Württemberg werden ab 17.03.2020 geschlossen (14:08 Uhr), öffentliche Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmern werden in Baden Württemberg untersagt (14:11Uhr) Bundesbildungsministerin spricht sich gegen Schulschließungen aus (14:38 Uhr)

16.03.2020: Schließung von Spielplätzen sowie Geschäften mit Ausnahme von Le- bensmittelgeschäften, Apotheken, Tankstellen und Banken, Aussetzen von Gottesdiensten

22.03.2020: Kontakte von mehr als 2 Personen werden untersagt, Ausnahmen gel- ten nur für Familien, Lebenspartner, wichtige berufliche Gründe, den öf- fentlichen Nahverkehr und Beerdigungen. In der Öffentlichkeit soll ein Mindestabstand von1,5 m zu anderen Menschen eingehalten werden

26.03.2020: alle Klassenfahrten, die in Baden Württemberg bis zum Ende des Schul- jahres geplant waren, werden storniert

27.04.2020: im öffentlichen Nahverkehr sowie im Einzelhandel besteht die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nase-Maske

04.05.2020: Abschlussklassen werden wieder im Präsenzunterricht unterrichtet

18.05.2020: die vierten Klassen der Grundschulen erhalten wieder Präsenzunterricht

Die oben exemplarisch aufgeführten Maßnahmen machen deutlich, dass es sich bei der SARS-CoV2-Pandemie um eine absolute Ausnahmesituation handelt. Aufgrund der Neuartigkeit des Virus und der damit verbundenen fehlenden wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden von den politischen Entscheidungsträgern Maßnahmen veranlasst, die demzufolge nur auf Hypothesen einzelner Wissenschaftler gründeten.

In besonderem Maß betroffen waren und sind Patienten mit chronischen Atemwegserkrankungen. Für diese Patienten gab bzw. gibt es in der Öffentlichkeit eine Diskussion, die zu einer starken Verunsicherung geführt hat: z.B. wurde einerseits zu Beginn der Pandemie von Virologen empfohlen, eine immunsuppressiv wirkende Dauertherapie mit Glukokortikoiden abzusetzen, andererseits widersprachen dem die Pneumologen (vgl. Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin, 2020, S. 62). Diese Besonderheit könnte dazu geführt haben, dass innerhalb dieser Gruppe eine stärkere Verunsicherung vorherrscht, als bei gesunden Kindern und Jugendlichen.

Eine derartige Situation hatten weder die Kinder und Jugendlichen, noch ihre Eltern bisher erlebt. Durch die Schulschließungen, die Kontaktbeschränkungen sowie die Schließungen von Sport- und Freizeiteinrichtungen erlebten die Kinder und Jugendlichen eine soziale Isolation. Kontakt mit Lehrern und Mitschülern war nur noch sehr eingeschränkt und nur über Telefon und elektronische Medien möglich.

2.2 Situation von Kindern und Jugendlichen von 11-16 Jahren in der SARS-CoV2-Pandemie im Juni 2020 am Beispiel Baden Württemberg

Im weiteren Verlauf wurden die Einschränkungen teilweise gelockert. Seit dem 14.06.2020 wurde z.B. der Präsenzunterricht in Baden Württemberg schrittweise wieder aufgenommen (vgl. Verordnung des Kultusministeriums über die Wiederaufnahme des Schulbetriebs (Corona-Verordnung Schule - CoronaVO Schule) vom 27. Mai 2020), seit dem 29.06.2020 ist an allen Grundschulen, Grundstufen sonderpädagogischer Einrichtungen sowie Schulkindergärten und Grundschulförderklassen in Baden Württemberg wieder Regelbetrieb möglich, allerdings sollen die Kinder ausserhalb ihrer Klasse keine Kontakte zu anderen Kindern haben, auch nicht in den Pausen (vgl. Verordnung der Landesregierung über infektionsschützende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus SARS-CoV2 (Corona-Verordnung – CoronaVO)-Vierte Verordnung der Landesregierung zur Änderung der Corona-Verordnung).

Nach wie vor (Stand 16.09.2020) gilt darüber hinaus die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nase-Schutzes im Einzelhandel, in öffentlichen Verkehrsmitteln sowie zum Einhalten eines Mindestabstandes von 1,5m in der Öffentlichkeit. Ob mit Beginn des Schuljahres 2020/2021 in Baden Württemberg wieder alle Schulen unter welchen Voraussetzungen den Regelbetrieb aufnehmen werden, war zum Zeitpunkt der Erhebung noch nicht abschließend geklärt.

2.3 Spezifische kognitive Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen

Die Wahrnehmung ändert sich im Verlauf der Entwicklungsphasen der Kinder und Jugendlichen; so werden sensorische Eindrücke im Laufe der Zeit immer enger an kognitive Fähigkeiten gekoppelt (vgl. Schick, 2011, S. 104). Erst ab einem Alter von ca. 12 Jahren ist ein Kind in der Lage, zu abstrahieren; die Fähigkeit zum deduktiv-hypothetischen Schlussfolgern entwickelt sich ebenso wie die Fähigkeit, Perspektiven nicht nur von realen Personen, sondern auch z.B. von Institutionen und Gesetzen zu übernehmen (vgl. Schneider, 2004, S.12).

Die Pandemie und die angeordneten Maßnahmen werden demzufolge dem persönlichen Entwicklungsstand entsprechend von Kindern und Jugendlichen sehr unterschiedlich und anders als von Erwachsenen wahrgenommen. Insbesondere Kinder vor Vollendung des 12. Lebensjahres sind noch nicht in der Lage, ohne entsprechende Unterstützung durch ihrer Bezugspersonen die möglicherweise gegebene Notwendigkeit behördlicher Anordnungen erfassen und einordnen zu können.

2.3.1 Einfluss des Entwicklungsstandes auf die Situationsbewertung

Kinder und Jugendliche sind entwicklungsbedingt gefährdeter für die Ausbildung psychischer Probleme als Erwachsene; Gründe hierfür sind z.B. (vgl. Butcher; Mineka; Hooley, 2009, S. 665):

- noch nicht abgeschlossene Identitätsfindung

Werden Situationen als Bedrohung bewertet, die eigenen Bewältigungsstrategien dagegen nicht als ausreichend, kann dieser Zustand zu Störungen in der Identitätsbildung führen; Voraussetzung hierfür ist u.a., dass die Situation als subjektiv bedeutsam gewertet wird, unvorhersehbar war und soziale Unterstützung nicht oder nicht in ausreichendem Maß gegeben ist (vgl. Haußer, 1995, S. 107ff).

- fehlende Relativierungsstrategien und eingeschränkte Perspektive

Kinder und Jugendliche verfügen über weniger Strategien, eine als bedrohlich wahrgenommene Situation einzuordnen oder z.B. anhand von persönlichen Erfahrungen zu relativieren, als Erwachsene. Der Theorie der kognitiven Entwicklung Piagets folgend, bildet sich ab ca. einem Alter von 11 Jahren die Fähigkeit, abstrakt logisch zu denken, abstrakte Zusammenhänge zu erfassen und dadurch auch die Logik verbaler Aussagen zu beurteilen (vgl. Berk, 2020, S. 579f).

In (vermeintlich) bedrohlichen Situationen, wie der SARS-CoV2-Pandemie, sind Kinder und Jugendliche auch noch in der zu untersuchenden Altersgruppe von 11-16 Jahren demzufolge in besonders hohem Maß auf die Unterstützung ihres Umfeldes angewiesen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass der Grad der Gefährdung sowie die eigenen Ressourcen hinsichtlich der Bewältigung unrealistisch eingeschätzt werden könnten. Insbesondere bei der Verarbeitung von Medienberichten zu SARS-CoV2 bzw. CoViD19 sowie durch die in den Schulen und Kindertagesstätten angeordneten Maßnahmen könnte eine mangelnde Unterstützung zu Entwicklung von Ängsten führen.

2.4 Angst

Im Gegensatz zur Furcht, die sich als Basisemotion als eine Reaktion auf einen als Gefahr wahrgenommenen, konkreten Anlass zeigt, ist Angst eine komplexe Mischung aus verschiedenen Emotionen und Kognitionen, die sich sowohl auf aktuelle Umstände, als auch auf zukünftige Ereignisse beziehen können (vgl. Butcher; Mineka; Hooley,, 2009, S. 24). Ist die unspezifische Angst grundsätzlich vorhanden, kommt es demnach schneller zur spezifischen Furcht.

Sowohl Angst als auch Furcht können neben psychischen auch somatische Ursachen haben. So können etwa Störungen im endokrinen System, wie z.B. Schilddrüsen- oder Nebennierenrindenerkrankungen, Angst- und/ oder Furcht auslösen (vgl. Kasten, 2010, S. 17). In einer klinischen Diagnostik wäre demzufolge eine somatische Abklärung von Angstsymptomen durchzuführen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird aber auf mögliche körperliche Ursachen nicht weiter eingegangen.

Grundsätzlich zu unterscheiden sind Angst als Zustand (state anxiety) und Angst als Eigenschaft (trait anxiety) (vgl. Walitzka; Melissen, 2019, S. 266):

Angst als Zustand wird definiert als eine vorübergehende Emotion als Reaktion auf eine als Gefahr wahrgenommene Situation; durch Anpassungs- und Lernprozesse kann das Maß der individuell tolerierten Angst verändert werden.

Angst als Eigenschaft bezeichnet eine Disposition zur Ängstlichkeit im Sinne einer Persönlichkeitseigenschaft, die dazu führt, dass Umstände ohne objektive Bedrohung subjektiv als Bedrohung wahrgenommen werden.

Ängste bewirken Reaktionen auf vier Ebenen (vgl. Pinquart; Schwarzer; Zimmermann, 201, S. 300); die Ausprägungen der Reaktionen auf der jeweiligen Ebene werden auch zur Abgrenzung zwischen noch entwicklungsbedingten, nicht behandlungsbedürftigen Ängsten und pathologischen Angststörungen herangezogen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Angstreaktion auf verschiedenen Ebenen (eigene Darstellung in Anlehnung an Pinquart; Schwarzer; Zimmermann, 201, S. 300)

Neben realen Gefahrensituationen, die Angstreaktionen hervorrufen, sind viele Ängste erlernt, d.h., dass objektiv neutrale Reize als bedrohlich wahrgenommen werden können, wenn sie wiederholt mit negativen Reizen verknüpft werden (vgl, Butcher; Mineka; Hooley,, 2009, S. 24).

Dass Angst grundsätzlich konditionierbar ist, wurde schon früh nachgewiesen: so wurde bereits 1920 in einem heute ethisch fragwürdigen Experiment einem 9 Monate altem Jungen die Angst zunächst vor Ratten und schließlich vor allem Fellartigen vermittelt: Dem Jungen wurden zunächst befellte Gegenstände und Tiere (z.B. auch weiße Ratten) dargeboten. Er zeigte keine Angst sondern Neugierde und spielte mit den Tieren bzw. Dingen. Zwei Monate später wurde jedes Mal, wenn er etwas Fellartiges berührte, mit einem Hammer auf eine Eisenstange direkt hinter seinem Kopf geschlagen. In der Folge entwickelte er Furcht vor allem Befellten. Aus dem Experiment wurde abgeleitet, dass wahrscheinlich eine Vielzahl von spezifischen Phobien direkt oder indirekt erlernte Reaktionen sind (vgl. Watson; Rayner, 1920, S. 14).

Bei Kindern kommen auch die elterlichen Reaktionen als Angstauslöser infrage. Ein Experiment hierzu wurde z.B. im Jahr 2010 in den Niederlanden durchgeführt (vgl. Muris, P.; van Zwol, L.; Huijding, J.; Mayer, B. 2010): Eltern von 88 acht- bis 13-jährigen Kindern wurden Bilder eines unbekannten, australischen Tieres gezeigt, verbunden mit entweder positiven (z.B. „riecht gut“ oder „spielt gerne mit anderen Tieren“), neutralen (z.B. macht Geräusche“ oder „hat weiße Zähne“) oder negativen (z.B. „hat lange, scharfe Zähne“ oder „trinkt gerne Blut“) Informationen zu dem Tier. Anschließend sollten sie sich verschiedene Situationen mit diesem Tier vorstellen, wie z.B. ihr Kind wünscht sich das Tier zum Geburtstag oder ihr Kind spielt im Park und plötzlich taucht das Tier auf. Schließlich sollten die Eltern ihren Kindern von dem Tier erzählen und berichten, was in den vorgestellten Situationen passieren würde. Je nachdem, welche Informationen die Eltern erhalten hatten, berichteten sie positiv, neutral oder negativ über das Tier. Eine Ausnahme bildeten Eltern mit einer ängstlichen Persönlichkeit. Diese berichteten auch nach neutralen Informationen eher negativ von dem Tier. Die Kinder, welche negative Informationen zu dem Tier erhalten hatten, waren ängstlicher bezogen auf das Tier als solche, die neutrale Informationen bekommen hatten. Die Entstehung von Ängsten wurde also durch die von den Eltern vermittelten Informationen beeinflusst.

Vor diesem Hintergrund wäre bei einer Datenerhebung zu Ängsten bei Kindern und Jugendlichen in der Zielaltersgruppe idealerweise auch eine Erhebung bei den unmittelbaren Bezugspersonen durchzuführen, um diese Einflüsse bei der Auswertung entsprechend berücksichtigen zu können. Da dies den Umfang dieser Thesis übersteigen würde, wird darauf verzichtet.

2.5 Entwicklungsspezifische Ängste

Je nach Entwicklungsstufe können Kinder und Jugendliche vorübergehend mehr oder weniger stark ausgeprägte, zur normalen Entwicklung gehörende Ängst entwickeln (Entwicklungsängste); Gründe hierfür sind eine inkorrekte Einschätzung der Realität sowie ein Unterschätzen der eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung von Situationen (vgl. Blanz; Schneider, 2008, S. 744). In der Zielaltersgruppe dieser Arbeit sind dies bis etwa 12 Jahren Angst vor der Schule, vor Verletzungen und Krankheiten, vor sozialen Situationen sowie vor Gewitter; im Alter ab 13 Jahren treten Ängste bezogen auf Verletzungen und Krankheiten, soziale Situationen und Sexualität in den Vordergrund.

In einer Studie zur Kindergesundheit, deren Daten im Jahr 2011 erhoben und 2012 veröffentlicht wurden, wurde explizit die Frage nach der Angst vor Krankheiten gestellt (vgl. Elefanten Kinderschuhe in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinderschutzbund, 2012, S. 39). Die Stichprobe setzte sich zusammen aus 4.691 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 2 (42%) und 3 (58%) aus 11 Bundesländern. Die Geschlechterverteilung lag bei 53% Mädchen zu 47% Jungen. Daten aus den Bundesländern Bayern, Bremen, Hamburg, Thüringen sowie aus dem Saarland lagen nicht vor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Stärke der Krankheitsangst (nach Häufigkeit) (vgl. Elefanten Kinderschuhe in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kinderschutzbund, 2012, S. 39)

Die Daten zeigen, dass bereits bei Grundschulkindern im Alter von ca. 7-9 Jahren die Angst vor Krankheiten zum Zeitpunkt der Datenerhebung, ohne aktuelle Pandemie, eine erhebliche Rolle spielte. Auf die Frage, ob, und wenn ja, inwieweit bei der Datenerhebung noch die H1N1/09 („Schweinegrippe“)-Pandemie in der Grippesaison 2009-2010 eine Rolle spielte, kann nicht geklärt werden. Als grundsätzlich entwicklungsgerecht gilt die Angst vor Krankheiten in einem Alter von etwa 6 - 18 Jahren (vgl. Blanz, Schneider, 2008, S. 744f).

Davon ausgehend, dass die in der oben genannten Studie erhobenen Daten nicht unter dem Einfluss einer Pandemie standen, ist zu erwarten, dass bei der hier durchzuführenden Datenerhebung die Angst vor Krankheiten im Verlauf der SARS-CoV2-Pandemie gestiegen sein dürfte.

2.6 Angststörungen

Angststörungen gehören zu den häufigsten Beeinträchtigungen im Kindes- und Jugendalter (vgl. Blanz, Schneider, 2008, S. 745), wobei Mädchen 2-4 Mal häufiger betroffen sind, als Jungen (vgl. Schneider, 2004b, S. 63).

Im Gegensatz zu den normgerechten Ängsten, die vorübergehend auftreten und mit Entwicklungsschritten assoziiert sind, sind pathologische Ängste gekennzeichnet durch Unangemessenheit hinsichtlich der Situation und Stärke der Angstreaktion sowie ausgeprägtes Vermeidungsverhalten (vgl. Walitzka; Melissen, 2019, S. 267). Sie persistieren über einen längeren Zeitraum und beeinträchtigen die kindliche Entwicklung (vgl. Schneider, 2004, S. 11).

Dementsprechend ist eine über den alterstypischen Bereich hinaus persistierende Angstsymptomatik, wie z.B. Trennungsangst, die typischerweise bis etwa 4 Jahren auftritt (vgl. Schneider, 2004, S. 10), in der Adoleszenz, ebenfalls als unangemessen und pathologisch zu werten.

Nachfolgend werden diejenigen Angststörungen charakterisiert, aus welchen die Items für den Fragebogen abgeleitet wurden.

2.6.1 Generalisierte Angststörungen

Die generalisierte Angststörung des Kindesalters ist gekennzeichnet durch anhaltende, unkontrollierbare und übermäßige Sorgen und Ängste, die sich über verschiedene Lebensbereiche erstrecken; so können z.B. schulische Versagensängste und Sorgen über das eigene Verhalten in zurückliegenden Situationen Inhalte sein (Blanz; Schneider, 2008, S. 750), ebenso aber auch Ängste vor zukünftigem Unglück oder Sorgen hinsichtlich familiärer Belange (vgl. Schulze; Freyberger; Fegert, 2009, S. 282).

Die Kinder und Jugendlichen, die unter einer generalisierten Angststörung leiden, sind davon überzeugt, zukünftige Situationen nicht bewältigen zu können und beschäftigen sich gedanklich nahezu ständig mit ihren Sorgen und der Frage, was zukünftig passieren wird und was bereits passiert ist (vgl. Lyneham; Rapee, 2004, S. 198). Sie haben im Regelfall ein starkes Bedürfnis nach Rückversicherung und Rückmeldung über ihr gezeigtes Verhalten und ihre Leistungen sowie nach Leistungsanerkennung; somatisch zeigt sich die Störung in Anspannung im Sinne eines Hyperarousals und den daraus resultierenden Symptomen wie Ein- und Durchschlafstörungen, Muskelverspannungen, Müdigkeit sowie Reizbarkeit (vgl. Blanz; Schneider, 2008, S. 750).

Der Unterschied zwischen einer generalisierten Angststörung und einem „normalen“ sich sorgen besteht im wesentlichen in der Stärke der Symptomausprägung sowie in der Beeinträchtigung des täglichen Lebens durch die Angstsymptome und nicht in der Art der Sorgen (vgl. Lyneham; Rapee, 2004, S. 202). Darüber hinaus müssen die Symptome für die Diagnose einer generalisierten Angststörung über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten andauern (vgl. Lyneham; Rapee, 2004, S. 199).

Sich um den weiteren Verlauf und die Konsequenzen der SARS-Cov2-Pandemie zu sorgen ist demzufolge auch in der Zielaltersgruppe nicht pathologisch, solange die Sorgen und Ängste das tägliche Leben nicht nachhaltig beeinflussen und nicht länger als 6 Monate andauern.

Als Einflussfaktoren, die an der Bildung einer generalisierten Angststörung beteiligt sind, gelten die Genetik, das Temperament sowie Umwelteinflüsse (vgl. Lyneham; Rapee, 2004, S. 204). Die Frage, ob bzw. inwieweit die Auswirkungen der SARS-CoV2-Pandemie auch die Symptome einer generalisierten Angststörung in der Zielaltersgruppe verstärken können, soll mithilfe dieser Erhebung überprüft werden.

2.6.2 Soziale Angststörung

Charakteristisch für die soziale Angststörung ist die Furcht vor Situationen, in denen eine Bewertung des eigenen Verhaltens oder der eigenen Leistung durch Andere erfolgt; die Angst ist auf diese Situationen begrenzt, allerdings häufig so stark ausgeprägt, dass das Vermeidungs- und Fluchtverhalten in Schulverweigerung und Vermeidung altersangemessener Aktivitäten, die zu den angstbesetzten Situationen führen können (z.B. Sport), münden kann (vgl. Walitzka; Melissen, 2019, S. 275). Aufgrund des reduzierten Sprechverhaltens in der Schule bleiben die betroffenen Kinder und Jugendlichen häufig unter ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit („underachiever“) (vgl. Schulze; Freyberger; Fegert, 2009, S. 281).

Unterschieden werden die spezifische soziale Phobie, bei der sich die Angst auf eine bestimmte Situation bezieht und die generalisierte soziale Phobie, bei der die Angst mehrere oder den überwiegenden Teil sozialer Situationen umfasst (vgl. Melfsen; Warnke, 2004, S. 167).

Kinder und Jugendliche mit einer sozialen Angststörung haben tendenziell selbstabwertende Gedanken verbunden mit einem hohen Selbstfokus; sie neigen zu einem internal-stabilen Attributionsstil (vgl. Melfsen; Warnke, 2004, S. 168). Im Gegensatz zu Erwachsenen mit einer sozialen Angststörung haben Kinder in angstauslösenden Stressituationen nicht den Eindruck, von negativen Gedanken überrollt zu werden, sondern berichten von einer Unfähigkeit in diesen Situationen zu denken (vgl. Melfsen; Warnke, 2004, S. 169).

Die im Fragebogen verwandten Items sind angelehnt an die Diagnosekriterien der sozialen Ängstlichkeit im Kindesalter, die eine pathologische Entwicklung physiologischer Ängste aus der frühen Kindheit beschreibt, die auf die Angst vor Fremden beschränkt ist (vgl. Melfsen; Warnke, 2004, S. 170). In Hinblick auf die SARS-CoV2-Pandemie stellt sich die Frage, ob und wenn ja, inwieweit die besondere Situation mit Abstandsregeln u.ä. bei Kindern und Jugendlichen vermeintlich entwicklungsbedingt überwundene Ängste wieder hervorrufen kann.

2.6.3 Trennungsangst

Die Trennungsangst kann definiert werden als Zustand der Furcht bei einer realen oder befürchteten Trennung von der Hauptbezugsperson oder bei einer unrealistischen, überzogenen Besorgnis um die Hauptbezugsperson (vgl. Walitzka; Melissen, 2019, S. 273). Die Kinder befürchten, ihre Hauptbezugsperson zu verlieren, z.B. durch „Verschwinden“ oder den Tod der Bezugsperson oder durch den eigenen Tod oder eine Entführung (vgl. Heinrichs; Lohaus, 2011, S. 115). Diese Angst führt dazu, dass eine Trennung von der Hauptbezugsperson bzw. den Hauptbezugspersonen starke Angst auslöst und von den Betroffenen, soweit möglich, vermieden wird, zum Teil auch durch Weigerung, allein die Schule zu besuchen. (vgl, Schneider; In-Albon, 2004, S. 109).

Im Säuglings- und Vorschulalter gilt die Trennungsangst als entwicklungsbedingt; erst, wenn sie über einen längeren Zeitraum besonders intensiv erlebt wird, den Alltag einschränkt oder in einer höheren Altersstufe auftritt, liegt eine Störung vor (vgl. Walitzka; Melissen, 2019, S. 273).

Kinder und Jugendliche, die unter Trennungsangst leiden, zeigen eine vermehrte Angst vor Krankheiten, dem Sterben und dem Tod (vgl. Schneider; In-Albon, 2004, S. 110). Sie reagieren darüber hinaus sensitiv auf mit CO2 angereicherte Luft (vgl. Pine; Klein; Coplan et al, 2000, S. 964): Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 17 Jahren mit Trennungsangst reagieren auf mit CO2 angereicherte Luft mit einem weitaus höheren Atemnot- bzw. Belastungsempfinden sowie mit vermehrten Paniksymptomen als Kinder und Jugendliche ohne Angststörungen, mit sozialer Angststörung oder generalisierter Angststörung.

Im Zusammenhang mit der SARS-CoV2-Pandemie könnte die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes aufgrund der dadurch hervorgerufenen CO2-Rückatmung demzufolge bei Kindern und Jugendlichen mit Tendenz zu Trennungsängsten zu einer weiteren Verschlechterung der Symptomatik führen oder möglicherweise einen negativen Einfluss auf die spätere Entwicklung einer Panikstörung nehmen. Um diesem möglichen Zusammenhang weiter nachzugehen, bedarf es weiterer Untersuchungen. In der vorliegenden Arbeit soll lediglich erfasst werden, ob sich seit Beginn der Pandemie Trennungsängste verstärkt haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Angstzunahme in der Generation Z? Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Entwicklung von Angstsymptomen bei Kindern und Jugendlichen
Untertitel
Eine empirische Analyse
Hochschule
APOLLON Hochschule der Gesundheitswirtschaft in Bremen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
62
Katalognummer
V980330
ISBN (eBook)
9783346334534
ISBN (Buch)
9783346334541
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Corona, Kinder und Jugendliche, Angststörungen, Pandemie
Arbeit zitieren
Nadine Fehr (Autor:in), 2020, Angstzunahme in der Generation Z? Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Entwicklung von Angstsymptomen bei Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980330

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Angstzunahme in der Generation Z? Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Entwicklung von Angstsymptomen bei Kindern und Jugendlichen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden