Aristotelische Tugendethik und kantische Pflichterfüllung im moralischen Dilemma. Ein kurzer Aufriss


Essay, 2020

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Aristotelische Tugendethik und kantische Pflichterfüllung im moralischen Dilemma

Aristoteles ist sicherlich einer der berühmtesten Philosophen der Antike. Der Schüler des Platon war nicht nur wegweisend für die Philosophiegeschichte, er fungierte auch als Lehrer Alexanders, Beiname "der Große", welcher später große Teile Kleinasiens unter griechische Herrschaft zwang.

Philosophiegeschichtlich steht Aristoteles einerseits für einen die Naturwissenschaften fundierenden Materialismus, andererseits ist sein ethisches Hauptwerk, die "Nikomachische Ethik" (es ist nicht ganz klar, weshalb sie so heißt, Nikomachos war auch der Name seines Sohnes), ein bedeutsamer Schritt zur Grundlegung einer eudämonistischen Ethik, wie sie im Hellenismus und später in Rom praktiziert wurde. Eudaimonia heißt so viel wie "einen guten Dämon haben" und die Zielsetzung dieser philosophischen Richtung zeigt sich wesentlich in der Anleitung zu einem glücklichen Leben. Aristoteles beginnt seine ethische Überlegung mit der Analogie des Bogenschützen - wie dieser kann der Denker sein Ziel besser erreichen, wenn er mit klarem Blick exakt "ins Schwarze" zielen kann. Um das richtige Ziel zu identifizieren schaut sich Aristoteles bei allgemein bekannten Lebenswegen die Erfolgschancen, zum Glück zu gelangen, präzise an und schließt jene aus, welche er für "am Ziel vorbei" schießend erachtet. In seinen Augen gibt es drei Strategien um das Glück zu erlangen: eher grobe Naturen versuchten oft in der Anhäufung von materiellen Reichtümern ihr Glück zu finden, der persische König Krösus (Croesus) ist ein Beispiel für diese Strategie. Da das Streben aber nie abgeschlossen ist, man faktisch nie satt wird, sondern eher immer hungriger, zudem die Angst vor Verlust des Reichtums die Lebensqualität schnell schmälert, verwirft Aristoteles diese Idee bald. Die nächste Strategie, welche Menschen häufig probieren, ist der Weg des Ruhms. Aristoteles scheint hier in erster Linie an Politiker zu denken, aber es ließe sich auch problemlos ein moderner Rockstar oder Spitzensportler denken, wenngleich der Ausflug ins Psycho-logische heut in erster Linie das Bild eines orangehäutigen "Politikers" entstehen lässt... der Weg des Ruhms, die Anerkennung oder gar Liebe des Publikums zu bekommen, krankt an dem, was man heute "narzistische Abhängigkeit" nennen würde. Es gibt keine Autonomie in diesem flüchtigen Glück, jederzeit kann die Laune des Publikums umschlagen und aus Verehrung Gefahr werden, ob man nun etwas dafür kann oder nicht.

Epikur empfiehlt hier sogar einen völligen Rückzug ins Private, um nicht der Unruhe und Angst politischer Verfolgung anheimfallen zu können, Aristoteles lehnt das Ruhmstreben als Glücksstrategie aber ebenfalls ab. Die Empfehlung des Aristoteles geht also in eine Richtung, die Kriterien von Autonomie und Maß erfüllen muss. Wenig überraschend nennt Aristoteles das Philosophieren, die Anschlusstätigkeit an das Staunen (thaumazein) als Weg zum Glück. Erstens ist Weisheit nicht skalierbar und unendlich steigerbar wie monetärer Reichtum, zweitens ergibt sich eine Struktur, in der der Philosophierende rein aus sich selbst heraus, autopoietisch, autonom und unabhängig vom Votum Dritter, zu einem Selbstzweckthema tätig sein kann. Während Geld und Ruhm mittelbare und indirekte Wege zur Erlangung (hoffentlich) glücklich machender weiterer Dinge sind, ist Philosophieren (ich könnte mir auch Kunst als "art pour l'art" vorstellen) die Tätigkeit, die ich ihrer selbst willen unternehme. Insofern ist Philosophieren mit dem Glück in eins zu setzen, macht es doch keinen Sinn, danach zu fragen wozu das eine wie das andere da ist. Glück ist ein Selbstzweck, eigeninteresseloses Denken/Neugier/Staunen, also der Gebrauch der Vernunft, ebenfalls. Naturalistisch betrachtet erfüllt der Mensch hier sein speziesimmanentes "Ergon". Konkret inhaltlich expliziert Aristoteles, was der Gebrauch der Vernunft im praktischen Urteilen empfiehlt: Tugend stellt sich dort ein, wo der Weise zwischen Extremen in eine "goldene Mitte" steuert. Aristoteles meint hier keine arithmetische Mitte, sondern einen Mittelbereich, eine Synthese zwischen radikaler These und ebenso radikaler Antithese. So ist die Mitte zwischen Feigheit und Kühnheit der Mut - eine Tugend. Gleichsam lehnt Aristoteles manche Bereiche menschlicher Handlungen rundweg ab. Mord, Diebstahl oder Ehebruch sind von Grund auf falsch und kennen keine Antithese mit der sie eine vernünftige Synthese ergeben könnten. Ethische Dilemmata wie einen Tyrannenmord oder Mundraub durch Verhungernde kann Aristoteles nur schwierig und ohne Differenzierung handhaben, da lohnt der Blick auf eine moderne ethische Konzeption, die deontologische Ethik nach Immanuel Kant.

Der Aufklärer Kant geht wie Aristoteles von einer Explikation richtigen Handelns via Vernunft aus, allerdings appelliert Kant an die Vernunft des Einzelnen, nicht an den Menschen als Menschen, sondern an den Menschen als Inhaber einer (kritischen) Vernunft oder gar an jedes vernunftbegabte Wesen, welchesje wird auftreten können.

"Handle stets nach der Maxime, von der Du zugleich wollen kannst, dass sie Grundlage allgemeiner Gesetzgebung wäre!"1 Der Imperativ ist kategorisch, er stellt keine wenn-dann- Relation auf, sondern beansprucht "stets" Beachtung. Der kategorische Imperativ ist vielfach als das Zuchtinstrument eines strengen preußischen Lehrmeisters interpretiert worden, aber eigentlich liefert Kant mit dem kategorischen Imperativ einen Maßstab, an dem jedes Individuum sein eigenes Verhalten auf Moralität abprüft. Da es laut Kant nichts gibt, was man als "absolut gut" ansehen kann, außer dem reinen guten Willen, hilft dieser Maßstab, sich selbst auf die Reinheit des eigenen guten Willens zu überprüfen. Helfe ich dem Mann aus der Überzeugung, dass ich Helfen gern als allgemeines Gesetz verwirklicht sähe, oder weil ich vermute, dass er reich ist, Einfluss hat, ich ihn sympathisch finde, etc.? Letztere Motive zählt Kant zu den Neigungen und den strengen Ruf hat er sich eingehandelt, weil er Handlungen aus Neigung nicht für moralisch hält, sondern nur solche, die aus Pflicht gegenüber der Maxime, von der man will, dass sie Grundlage allgemeiner Gesetzgebung werde.

Konkret auf ein moralisches Dilemma bezogen entfaltet Kant tatsächlich einen gewissen Anleitungscharakter, jedoch, in dieser Hinsicht abstrakter als Aristoteles, ohne dem Individuum die inhaltliche Bewertung abzunehmen. Der kategorische Imperativ scheint einen Tyrannenmord auch erst einmal nicht zuzulassen, kann doch niemand wollen, dass Mord allgemein akzeptiertes Verhalten sei. Andererseits ist der kategorische Imperativ eine Aufforderung zu aktivem ethischen Verhalten und nicht passiv wie die "goldene Regel": "Was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg' auch keinem Anderen zu!". Demnach kann auch niemand wollen, dass das Zuschauen beim Durchführen von Grausamkeit zu einem allgemein akzeptierten Verhalten oder gar zu Gesetzen würde. Es kommt also darauf an: Kann das Individuum bei ehrlicher Innenschau die Absicht zum Tyrannenmord widerspruchsfrei vor dem kategorischen Imperativ rechtfertigen. Es ist durchaus eine Stärke von Kants Deontologie, dass Sie nicht ein gutes Gefühl oder eine ähnlich unpräzise Grundlage wählen muss, sondern die Widerspruchsfreiheit vor der Vernunft postulieren kann. Kant kritisiert nicht ohne Grund den von ihm sonst recht hoch verehrten Hume, der ein moralisches Gefühl in der Ethik stark machte.

Allgemein lässt sich die eudämonistische Ethik der Antike und die deontologische Ethik der Moderne nur schwer miteinander vergleichen, wenn man nicht konkrete Fälle betrachtet, da ihre Zugangsweisen und sogar Ziele nicht übereinstimmen und es somit eventuell eher zwei verschiedene Disziplinen innerhalb der Philosophie sein sollten. Absolut auffällig ist der Unterschied in der "psychologischen" Herangehensweise. Während der Mensch bei Aristoteles im eudämonistischen Denken und Handeln mit seiner Natur im Reinen ist und emotionale Neigung und Ergebnisse des Denkens zusammen gedacht werden, weist Kant hier einen scharfen Widerspruch aus: besondere Skepsis ist meinem eigenen Urteil gerade dann geboten, wenn ich gefühlsmäßig stark zuneige!

[...]


1 Immanuel Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre. In: Kants Werke. Akademie Textausgabe. Bd. 6. de Gruyter, Berlin 1968 1797, S. 230.

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Details

Titel
Aristotelische Tugendethik und kantische Pflichterfüllung im moralischen Dilemma. Ein kurzer Aufriss
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
6
Katalognummer
V980756
ISBN (eBook)
9783346333070
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aristotelische, tugendethik, pflichterfüllung, dilemma, aufriss
Arbeit zitieren
Adam Ladkani (Autor:in), 2020, Aristotelische Tugendethik und kantische Pflichterfüllung im moralischen Dilemma. Ein kurzer Aufriss, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980756

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