Literarische Methoden der Erinnerung in W. G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter" aus "Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen"


Hausarbeit, 2017

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Autor W. G. Sebald
2.1 Kurze Vorstellung des Werks „Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen“
2.2 Kurze Vorstellung der Erzählung „Paul Bereyter“

3 Analyse des Primärtextes „Paul Bereyter“
3.1 Zur Erzählperspektive
3.2 Zum Sprachstil
3.3 Zur Verwendung von Fotografien und Bildern
3.3.1 Schienen oder der letzte Blick?
3.3.2 Tafelbild oder Sinnbild eines Plans?
3.4 Zur Transtextualität

4 Zusammenfassung und Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Die Vergangenheitsaufarbeitung des Einzelnen, ebenso wie für soziale Gruppen und Systeme ist für ihr Fortbestehen und ihre Weiterentwicklung von gravierender Wichtigkeit. Die deutsche Gesellschaft tat sich mit der Aufarbeitung ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit lange schwer. Die Auseinandersetzung der Shoa begann in Deutschland nicht sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.1 Während die unmittelbare Generation sich zumeist darauf zurückzog, „nichts gewusst zu haben“ oder schlicht schwieg, versuchte die folgende Generation die eigene Familiengeschichte und vor allem eine mögliche Mittäterschaft der Eltern zu ergründen. Die Enkelgeneration erlebte eine massenmediale Thematisierung der Shoa, konnte die eigenen, doch geliebten Großeltern jedoch nicht mit dem Dargestellten in Beziehung setzen. Das kommunikative Gedächtnis, das auf Gesprächen mit Zeitzeugen, also einem lebendigen Bezug basiert, löst sich nach drei bis vier Generationen oder nach etwa 80 bis maximal 100 Jahren auf. Um das Wissen aus dem kommunikativen Gedächtnis darüber hinaus zu bewahren, es in ein kulturelles Gedächtnis übergehen lassen zu können, wird Schrift als Hilfsmittel und Medium genutzt. Astrid Erll und Ansgar Nünning erläutern dazu:

„Literarische Werke sind erstens bezogen auf außerliterarische Gedächtnisse, stellen zweitens deren Inhalt und Funktionsweisen im Medium der Fiktion dar und können drittens individuelle Gedächtnisse und Erinnerungskulturen mitprägen.“2

Der 1944, im vorletzten Kriegsjahr des Zweiten Weltkrieges, geborene W. G. Sebald verurteilte die in Deutschland vorhandene „Nachkriegs-Verschwiegen- heitskultur“, die er als Jugendlicher wahrnahm. Für ihn stellte das Verhalten seiner Eltern und der heimatlichen Dorfgemeinschaft in Bezug auf die Geschehen während des Nationalsozialismus eine beschämende, stille, Verschwörung des Schweigens‘ dar.3 Themen des Zweiten Weltkrieges, wie der Krieg selbst, Ver- treibung, Exil und seelische Verletzungen sind es auch, möglicherweise gerade wegen oder vielleicht auch trotz dieser Erfahrung, von denen die Prosa W. G. Sebalds handelt. Begriffe wie Erinnerung und Gedächtnis spielen demnach die zentrale Rolle in ihnen. In einer Rede anlässlich seiner Aufnahme in die Deutsche Akademie bekannte Sebald, dass er von England aus, wo er seit den 1960er Jahren wohnte, also in größerer räumlicher Entfernung zu Deutschland, sich endlich eine Vorstellung von seinem Vaterland machen könne.4 Neben diesem Blick aus räumlicher und zeitlicher Distanz zu „seinem Thema“ entwickelte er einen sehr eigenen, für ihn bald charakteristisch gewordenen Arbeitsstil, der nach wie vor das Interesse der Forschung hervorruft und für kritische Auseinandersetzungen mit seinen Werken sorgt. Die Grundebene dieser Arbeit bildet die Frage, wie Sebald die Erinnerung in seinen Werken konstituierte. Welche literarischen Methoden der Erinnerung, welche Strategien nutzte Sebald und welche Wirkung wollte, beziehungsweise hat er jeweils mit seiner Auswahl spezifischer Mittel hervorgerufen? Um sich einer Beantwortung dieser Fragen annähern zu können und dabei den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird im Folgenden ein Kapitel aus Sebalds Werk „Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen“ exemplarisch untersucht werden.5 In einem ersten Schritt wird der Autor selbst vorgestellt sowie sein 1992 veröffentlichtes Werk kurz umrissen werden. Zur Analyse wird lediglich die darin enthaltene Erzählung „Paul Bereyter“ herangezogen. Ihr Inhalt wird daher vorbereitend zusammengefasst dargestellt werden. Anschließend, im Kernkapitel dieser Arbeit, wird der Primärtext zunächst bezüglich der vom Autor gewählten Erzählperspektive analysiert. Es folgt eine Untersuchung des Sprachstils sowie der zur sprachlichen Gestaltung verwendeten Mittel. Im Weiteren wird die Verwendung von Fotografien und Bildern durchleuchtet, wozu exemplarisch zwei der in der Erzählung abgedruckten Abbildungen klassifiziert und hinsichtlich ihrer Qualität, des Dargestellten und ihres Montageortes betrachtet werden. Zum besseren Verständnis sollen sie in den Text der Hausarbeit eingegliedert werden. Ein Abbildungsverzeichnis mit Quellenangabe findet sich im Anschluss an das Literaturverzeichnis. Weiterhin wird der Text auf möglicherweise vorhandene transtex- tueller Bezüge analysiert. In Kapitel fünf, welches den Abschluss dieser Hausarbeit bildet, werden alle erzielten Ergebnisse zusammengefasst und die dieser Arbeit zugrunde gelegten Fragen beantwortet werden.

2 Der Autor W. G. Sebald

Die Narrative des 1944 in Wertach geborenen, in Sonthofen aufgewachsenen und 2001 in seiner Wahlheimat Norwich verstorbenen Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers W. G. Sebald lassen sich keiner Textsorte zweifelsfrei zuordnen. Der Autor selbst lehnte eine Zuordnung seiner Werke ab und nur im Fall „Die Ausgewanderten“ gibt er selbst im Titel mit dem Zusatz „Vier lange Erzählungen“ eine Gattung an.6 Die Schrecken der Shoa und die seelischen Verletzungen der Menschen, die ausgegrenzt, geflohen, exiliert und stets heimatsuchend oder für den Rest ihres Lebens heimatlos sind, ebenso wie die Erinnerung und das kollektive Gedächtnis bilden die Kernthemen seiner Prosa.7 Sebald transportierte die der Seelenlast dieser Kriegsversehrten entspringende Melancholie in seinen Narrativen, die stets zwischen Fakt und Fiktion schweben.8 Immer lassen sich Abbildungen, Verweise zu von ihm bewunderten Schriftstellern und oft Hommagen an für ihn wertvolle Menschen in seinen Werken finden. Dass die Figuren in seinen Werken und ihre Lebensläufe der Realität zumindest teilweise entlehnt sind, sagt er selbst in einem Interview.9 So diente ihm beispielsweise der Volksschullehrer Armin Müller aus Sonthofen als Vorlage für seine literarische Figur des „Paul Bereyter“, um den es im zweiten Kapitel in „Die Ausgewanderten“ geht.10

2.1 Kurze Vorstellung des Werks „Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen“

Durch das, den formalen Rahmen dieser Arbeit bildende, 1992 erschienene Werk führt ein homodiegetischer Ich-Erzähler. Behandelt werden darin die teils fiktiven Lebensläufe von vier männlichen, zum Zeitpunkt der Erzählung zumeist bereits aus dem Leben geschiedenen Ausgewanderten respektive Exilanten zumeist deutscher Herkunft und mit jüdischem Hintergrund. Allen ist gemeinsam, dass sie ihre territoriale Heimat verloren und ihr Leben in späteren Jahren aus den Fugen geriet, sodass sie sich in ihrem jeweiligen Leben nicht mehr zurechtfanden. Alle vier Männer waren älter als der Erzähler, alle vier standen in einer Verbindung zum Erzähler. So handelt die erste Erzählung von dessen ehemaligem Vermieter, die zweite Erzählung vom ehemaligen Volksschullehrer, die Erzählung „Ambros Adelwarth“ vom Großonkel des Erzählers und der Maler „Max Aurach“ wird dem Leser schließlich als zufällige Bekanntschaft des Erzählers vorgestellt.11 In allen Erzählungen rekonstruiert der Erzähler die Biografien der - wie auch in seinen anderen Werken - häufig jüdischen Protagonisten, wofür er Gespräche führt, Fotos einbringt, Tagebücher liest und/ oder die Erinnerungsorte der betreffenden Figuren aufsucht. Stets ist er selbst in Bewegung.

2.2 Kurze Vorstellung der Erzählung „Paul Bereyter“

Die Erzählung bildet das zweite Kapitel des Werkes. Der Ich-Erzähler erfährt durch einen ihm postalisch zugesandten Nachruf vom Freitod seines ehemaligen Grundschullehrers Paul Bereyter. Die Formulierungen im Nachruf, die Erinnerungen des Erzählers und die Erkenntnis, Paul Bereyter nicht wirklich gekannt zu haben regen den Erzähler an, über die Person des Lehrers und dessen Leben nachzudenken und schließlich, um den Lehrer zumindest postum besser kennenzulernen, weitergehende Nachforschungen anzustellen. Er besucht die Heimatstadt „S.“ und führt dort vor Ort einige Gespräche, deren Inhalt die im Nachruf enthaltene Formulierung „Trauer um einen beliebten Mitbürger“ konterkarieren und den Verstorbenen zudem als Sonderling charakterisieren. Er lernt Lucy Landau kennen, die ihm viele, für ihn neue Informationen über Bereyters Leben gibt. So erfährt er, dass Paul Bereyter im Sommer 1935 die junge Wienerin Helen Hollaen- der kennen- und wohl auch lieben lernte, bevor sie, wie Lucy Landau vermutet, bald darauf schon in einem Konzentrationslager ermordet wurde. Als „Vierteljude“ mit einem Berufsverbot belegt, war Bereyter zwischen 1935 und 1939 als Hauslehrer u.a. im französischen Besan9on tätig. Sein Vater Theodor Bereyter, ein Halbjude und Besitzer eines Warengeschäftes, litt unter der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten und starb am 05.04.1936. Die Mutter Thekla Bereyter starb kurz darauf ebenfalls, in Abwesenheit ihres Sohnes. Paul Bereyter kehrte erst 1939 nach Deutschland zurück, arbeitete kurze Zeit als Bürokraft in Oranienburg und wurde schon bald in die Wehrmacht eingezogen, wo er sechs Jahre in verschiedenen Ländern in der Artillerie eingesetzt war. Nach dem Krieg, ab 1946, übte Bereyter seinen Beruf als Lehrer in der offenbar als Heimat empfundenen, aber dennoch verhassten Kleinstadt S. bis zu seiner Pensionierung aus. 1971 lernte er Lucy Landau im französischen Salins-les-Bains kennen und zog nach Bon- lieu, vermutlich zu Lucy Landau, wo er sich mit Gartenarbeit und der Lektüre ausgewählter Schriftsteller beschäftigte. In S. unterhielt er jedoch weiterhin eine Wohnung. Er entwickelte ein auffallendes Interesse am Thema Selbstmord.12 Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er, in der Zwischenzeit stark sehbehindert, im schweizerischen Yverdon. Kurz vor seinem Tod kehrte er, gemeinsam mit Lucy Landau, nach S. zurück, um die Zweitwohnung endgültig aufzulösen. Kurze Zeit nach der Ankunft in S. beging er Schienensuizid. Die Erzählung findet ihren Abschluss in der Thematisierung Bereyters „Eisenbahnmanie“, die er in der Erinnerung des Erzählers bereits als dessen Lehrer pflegte.

3 Analyse des Primärtextes „Paul Bereyter“

3.1 Zur Erzählperspektive

Der bereits erwähnte Ich-Erzähler tritt bereits zu Beginn als Figur in der erzählten Welt auf und ist, im Sinne Gérard Genettes, als homodiegetisch zu bezeichnen. Beginnend mit dem Erhalt der Todesanzeige, deren Absender unerwähnt bleibt, schildert er, ähnlich einem Chronisten, das von ihm beobachtete respektive erfahrene weitere Geschehen. Er fungiert zudem selbst als Zeuge, wenn er von eigenen Erfahrungen als Schüler Paul Bereyters berichtet.13 Das Erzählte ist bereits geschehen. Der Ich-Erzähler rekonstruiert den Lebensverlauf seines ehemaligen Volksschullehrers. Dabei ist er um Objektivität bemüht und drückt dies explizit aus:

„Solche Versuche der Vergegenwärtigung brachten mich jedoch, wie ich mir eingestehen mußte, dem Paul nicht näher, höchstens augenblicksweise, in gewissen Ausuferungen des Gefühls, wie sie mir unzulässig erscheinen und zu deren Vermeidung ich jetzt aufgeschrieben habe, was ich von Paul Berey- ter weiß und im Verlauf meiner Erkundigungen über ihn in Erfahrung bringen konnte.“14

Der Autor lässt seinen Erzähler die aufkommende Empathie als „unzulässig“ empfinden, denn für die im Zuge seiner Nachforschungen betriebene biographische Arbeit wirkt sie blockierend und möglicherweise verfälschend. Der Wunsch nach Vermeidung von Empathie ist im Hinblick auf die sich anschließende dokumentarisch anmutende Biographie-Rekonstruktion zunächst nachvollziehbar und wirkt insofern als Authentizitätsbeweis. Das sich Erinnern und nach Erinnerung „graben“ ist hier zugleich auch Erinnerung selbst, über die berichtet wird. Nie kann mit Sicherheit gesagt werden, dass das Erinnerte wahr ist. Der Autor wies auf diese Unsicherheit wiederholt an verschiedenen Stellen des Werkes hin.15 Unsicher ist auch, wie in allen Erzählungen des Werkes, die Identität des nachforschenden Ich-Erzählers, der trotz aller Gemeinsamkeiten dennoch nicht eindeutig als Autor des Werkes zu identifizieren ist. Wie im ersten Kapitel des Werks, wird er dem Leser auch in den nachfolgenden Kapiteln in keiner Weise vorgestellt. So bleibt der Leser stets im Unklaren darüber, ob es sich bei dem Erzähler um den Autor oder eine andere Person handelt. Peter MacIsaac erläutert dazu, dass der Leser mit den ihm im Narrativ geschickt zur Verfügung gestellten Informationen unvermeidbar ein individuelles Bild des Erzählers formt.16 Das Narrativ, das als biographische Rekonstruktion ohne Authentizität zur reinen Fiktion werden würde, benötigt zur Beglaubigung einen autobiographischen Pakt im Sinne Philippe Lejeunes: die Annahme des Lesers, der Autor sei der Erzähler, beruht auf einer impliziten oder expliziten Vereinbarung zwischen ihm und dem Autor. Sie wird über konventionelle Markierungen, wie es paratextuelle Hinweise oder auch Kommentare sein können, geschlossen. Sebald deutet die Personalunion jedoch nur an, bestätigt sie aber niemals. Der Leser ist geneigt Authentizität anzunehmen, kann sich aber doch schließlich niemals sicher sein. Dass Sebald in seinen Wer- ken bewusst abwesend und anwesend zugleich ist und den Leser geradezu dazu verführt, ihn mit dem Ich-Erzähler zu verwechseln, legt dazu Hannes Veraguth dar.17 Als „raffiniertes Verwirrspiel“ bezeichnet Sigrid Löffler Sebalds Erzählinstanz, die mit dem Autor alle biographischen Eckdaten gemeinsam hat und dennoch nicht mit ihm identisch ist.18 Dass der Ich-Erzähler die Unbekannte in der Gleichung des Narrativs bleiben muss, verdeutlicht auch Michael Niehaus: . .erst wenn der Autor auf diese Weise implizit das Amt des Dichters beansprucht, gibt es die „Melancholie als Widerstand“, gibt es sentimentalische Dichtung als Streben nach dem, was Schiller „moralische Einheit“ nennt.“19

Unterstützend wirkt dabei auch der Verzicht darauf, die direkte Rede mit Anführungszeichen zu kennzeichnen. Der Leser nimmt den Erzähler dadurch in den Berichten der Zeugen weniger wahr. Der Erzähler tritt quasi als Figur zurück und lässt die Zeugen „vortreten“:

„Sie erinnere sich, so erzählte Mme. Landau, zum Beispiel noch mit großer Deutlichkeit an ihren achten Geburtstag. “20

Die Darstellung des Ich-Erzählers ist in Art und Weise in allen Werken Sebalds, wie auch in dieser Erzählung und den dem Werk zugehörigen Kapiteln, konsistent. Wenn der Erzähler in allen Narrativen derselbe ist, drängt sich der Gedanke auf, dass es einen delphischen Zusammenhang zwischen Sebalds Erzählungen insgesamt gibt.

3.2 Zum Sprachstil

Melancholie und Sentimentalität schwingen zwischen allen Zeilen stets als Grundstimmung mit. Der Autor beschreibt sie ausdrücklich, wenn er die emotionale Verfasstheit des Protagonisten nachzeichnet, der angesichts des Geigenspiels eines Schülers weint „als wäre er, der immer gut gelaunt und frohsinnig zu sein schien, in Wahrheit die Untröstlichkeit selber“.21 Deutlicher tritt sie in der Schilderung der Auswirkungen in Erscheinung, die der Tod der Eltern, insbesondere der des Vaters und dessen Ausgrenzung, die noch in dessen Beerdigung Ausdruck findet, auf die Verfassung Bereyters als „Lähmung seiner Entschlußkraft“.22 Lucy Landau bezeichnet Bereyter einmal als „le pauvre Paul“ (der arme Paul) und berichtet sentimental über die gemeinsamen Unternehmungen.23 An anderer Stelle wird Paul Bereyters Vater als „kultivierter Melancholiker“ charakterisiert.24 Der Autor versteht die Melancholie als eine Form des Widerstandes, was sich in dem oben angeführten Zitat von Michael Niehaus widerspiegelt. Das Unglück kann, erklärt er dazu, überwunden werden, wenn das Unglück beschrieben wird, wenn beschrieben wird, was gewesen ist und gelesen wird, was und wie es war, sich also erinnert wird.25 Insofern erscheint ihm die Melancholie als notwendiges Mittel zur Erinnerung, wie auch der für ihn charakteristisch gewordene Wortschatz, dessen er sich bedient. Im Narrativ lassen sich noch weitere sprachliche Mittel ausfindig machen. So beginnt die Erzählung mit einer Paraphrase, wenn der Autor davon berichtet, dass sein ehemaliger Volksschullehrer „seinem Leben ein Ende gemacht hat“.26 Eine euphemistische Umschreibung für einen Außenseiter, jemanden, der nicht der Gemeinschaft der Gesellschaft zugehörig ist, scheint auch „der Ruf des Exzentrischen“ zu sein, der Bereyter anhaftet.27 Das Stilmittel findet in der Erzählung häufig Anwendung und wird in folgender Textstelle recht deutlich: „...das Gesicht überwölbt von den Heerzügen der Gestirne...“.28 Anachronistische Begriffe wie der „Plafond“, für Zimmerdecke, die „Glufe“, die aus dem schwäbischen Raum stammt und eine Stecknadel meinte; die sommerliche „Schlafstatt“ oder der „geschindelte Altan“, ein veralteter Ausdruck für eine abgeflachte, wenig geneigte und damit begehbare Gebäudedachart; oder auch „Viktua- lien“ für Lebensmittel, „Emporium“ für Markt und die Kleinhäuslerfamilie, für die kleinste Landwirtschaftsform, um nur einige wenige zu nennen, zeigen einen nicht mehr zeitgemäßen, aber offenbar bewusst gewählten altmodisch wirkenden Sprachduktus.29 Neben weiteren antiquierten Ausdrücken, wie beispielsweise „ohngeachtet“, finden sich auch Neologismen, die häufig schon durch die Abweichung von den heutigen Rechtschreibregeln entstanden.30 Als Beispiele für die zahlreichen Wortschöpfungen Sebalds sollen hier nur einige wenige genannt sein, wie „nurmehr“ statt nunmehr, „Sichbeugen“ oder auch „Sichversenken“.31 Ebenso häufig sind Sätze zu finden, in denen entgegen der üblichen deutschen Syntax, das Prädikat vorgezogen wird, wie „Ich sah ihn liegen auf dem…“ oder auch „…ich sah ihn eislaufen im Winter…“.32 Als eine weitere Eigenheit erscheinen die für das gesamte Werk charakteristischen Inversionen, wie „…hatte aber in dieser Wohnung kaum je sich aufgehalten, …“, „Es erinnerte mich dies daran…“ oder auch „…dass ich den Pestalozzi ihm vorlesen würde.“33 Dieser Sprachduktus irritiert durch seine Besonderheit und zwingt den Rezipienten genauer, konzentrierter zu lesen. Der Autor, der sein Narrativ „um ein, zwei Ecken herum“ erzählt – also nicht nur einen Erzähler, sondern auch weitere Zeugen zu Wort kommen lässt, und sich dabei auf Thomas Bernards „periskopisches Erzählen“ bezog, erläuterte die Gründe dafür in einem Interview. Damit das Erzählte zum Erinnerten passe, müssen Sätze, Satzbau und verwendetes Vokabular möglichst komplex sein.34 Dass der verwendete Wortschatz, den er selbst vor damals 28 Jahren aus S. in seine Wahlheimat mitgenommen habe, regionale Anklänge enthält, wirkt im Hinblick auf den Ort des Geschehens zudem authentifizierend. Sonderlich erscheint das Ausschreiben von Zahlen, wie der Altersangaben der Opfer des Gunzenhausener Pogroms.35 Einer früher gültigen Buchdruckerregel nach waren Zahlen von eins bis 12 generell in Buchstaben, ab 13 in Ziffern zu schreiben. Derzeit werden Zahlen ab 10 üblicherweise in Ziffern dargestellt.36 Es scheint, als solle mit dieser ungewöhnlichen Ausschreibung der Altersangaben der Sachverhalt verdeutlicht werden. Tatsächlich hießen die getöteten Opfer nicht Ahron Rosenfeld, sondern Max Rosenau, der nicht 75, sondern 64 Jahre alt war und nicht Siegfried Rosenau, sondern Jakob Rosenfelder, der, wie im Narrativ, tatsächlich 30 Jahre alt war.37 Hypotaktische Satzkonstruktionen, für den der folgende Satz, der 13 Zeilen einnimmt, exemplarisch zitiert werden soll, ziehen sich durch die gesamte Erzählung: „Diese dauernde Abwesenheit vom Ort sowie das bereits mehrere Jahre vor der Versetzung in den Ruhestand sich abzeichnende und in zunehmendem Maße auffällig fremde Verhalten hatten den Ruf des Exzentrischen, der Paul Bereyter aller pädagogischer Befähigung ohngeachtet die längste Zeit schon anhing, befestigt und, was seinen Tod betraf, in der Bevölkerung von S., unter der Paul Bereyter aufgewachsen war und mit gewissen Unterbrechungen stets gelebt hatte, die Auffassung hervorgebracht, daß es so gekommen sei, wie es habe kommen müssen.“38

[...]


1 Die Bezeichnung Holocaust wird kritisiert, weil damit das Verbrechen der Nationalsozialisten an den Juden verharmlost werde. In Israel wird seit 1948 stattdessen die Bezeichnung „Ha-Shoah“, was so viel bedeutet wie „Zerstörung“, „Katastrophe“, verwendet. In Europa wurde der Begriff 1985 durch den Dokumentarfilm „Shoah“ von Claude Lanzmann bekannt. Er soll auch in dieser Arbeit verwendet werden. Quelle: Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung. URL: https://www.politische-bildung-brandenburg.de/node/8934 (letzter Zugriff 30.01.2017).

2 Astrid Erll, Ansgar Nünning: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft: theoretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven. Unter Mitarbeit von Hanne Birk und Birgit Neumann (Hrsg.) Berlin/New York: de Gruyter, 2005, S. 17.

3 Uwe Schütte: W. G. Sebald : Einführung in Leben und Werk. Stuttgart: UTB Verlag, 2011, S. 19, 27.

4 W. G. Sebald: Vorstellungsrede am 24.10.1997. In: Jahrbuch Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Darmstadt: Wallstein Verlag, 1997. URL: https://www.deutscheakademie.de/de/akademie/mitglieder/w-g-sebald/selbstvorstellung (Letzter Zugriff 30.01.2017)

5 Der Einfachheit halber wird der Titel des Werks im Folgenden verkürzt als „Die Ausgewanderten“ benannt.

6 W. G. Sebald: „Auf ungeheuer dünnem Eis“ Gespräche 1971 bis 2001. Hrsg. von Torsten Hoffmann, 2. Aufl., Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 2012, S. 4, 198-199.

7 Uwe Schütte: W. G. Sebald, S. 9, 14, 222.

8 Sigrid Löffler: „Melancholie ist eine Form des Widerstands“. In: Zeitschrift für Literatur: W. G. Sebald, Heft 158, 2. Aufl. München: Verlag Edition Text + Kritik im Richard Boorberg Verlag, 2012, S. 106-107.

9 Lynne Sharon Schwartz: The Emergence of Memory: Conversations with W.G. Sebald. New York: Seven Stories Press, 2007, S. 104.

10 Kay Wolfinger: (Un)Heimliches Allgäu. W. G. Sebald und seine ,Heimat‘. In: Über W.G. Sebald: Beträge zu einem anderen Bild des Autors. Uwe Schütte. Berlin/ Boston: De Gruyter, 2017, S. 168.

11 Um den Lesefluss nicht unnötig zu erschweren oder zu stören und soweit für das Verständnis nicht notwendig, wird die Erzählinstanz des Ich-Erzählers im Folgenden lediglich Erzähler genannt werden.

12 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen. 7. Aufl. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 2002, S. 86.

13 Jan Ceuppens: Im zerschundenen Papier herumgeisternder Gesichter, In: Germanistische Mitteilungen 55, Hrsg. von BGDV Deutschland. Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2002, S. 79-96.

14 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 44-45.

15 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 51, 55, 62, 72 ff.

16 Peter MacIsaac: Autorschaft und Autorität bei W. G. Sebald. In : Deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit 1989. Zwischenbilanzen - Analysen - Vermittlungsperspektiven. Hrsg. von Clemens Kammler, Torsten Pflugmacher. Krottenmühl: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, 2004, S. 141, 146.

17 Hannes Veraguth: W.G. Sebald und die alte Schule. In: Zeitschrift für Literatur: W. G. Sebald, Heft 158, 2. Aufl. München: Verlag Edition Text + Kritik im Richard Boorberg Verlag, 2012, S. 33.

18 Sigrid Löffler: „Melancholie ist eine Form des Widerstands“, S. 107 und Kay Wolfinger: (Un)Heimliches Allgäu, S. 175-176.

19 Michael Niehaus: W. G. Sebalds sentimentalische Dichtung. In: W.G. Sebald: Politische Archäologie und melancholische Bastelei. Hrsg. von Claudia Öhlschläger, Michael Niehaus. Berlin: Ernst Schmidt, 2006, S. 184.

20 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 64.

21 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 62.

22 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 80.

23 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 66.

24 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 75.

25 W. G. Sebald: Die Beschreibung des Unglücks. Zur österreichischen Literatur von Stifter bis Handke. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 12.

26 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 41.

27 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 43.

28 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 44.

29 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 44, 48, 49, 55, 56, 75.

30 Johann Christoph Adelung / Franz Xaver Schönberger/ Dietrich Wilhelm Soltau: Grammatischkritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 3. Wien: Anton Pichler, 1808, S. 597. URL: http://ds.ub.uni-bielefeld.de/viewer/image/1323499/300/ (letzter Zugriff 30.01.2017).

31 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 44, 77, 85.

32 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 44.

33 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 42, 43, 89.

34 W. G. Sebald: „Auf ungeheuer dünnem Eis“, S. 108.

35 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 75, 81.

36 Duden online. URL: http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/schreibung-von-zahlen (letzter Zugriff 30.01.2017).

37 Jüdisches Leben in Gunzenhausen. Projekt Stephani-Mittelschule Gunzenhausen in Zusammenarbeit mit der Hochschule Ansbach. URL: http://jl-gunzenhausen.de/de/nuernberger-strasse-4.html (letzter Zugriff: 30.01.2017).

38 W. G. Sebald: Die Ausgewanderten, S. 43.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Literarische Methoden der Erinnerung in W. G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter" aus "Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen"
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
28
Katalognummer
V980882
ISBN (eBook)
9783346333919
ISBN (Buch)
9783346333926
Sprache
Deutsch
Schlagworte
W.G. Sebald, Paul Bereyter, Die Ausgewanderten, Erinnerung, Methoden, Literatur, literarische Methodik, kulturelles Gedächtnis, Gedächtnis
Arbeit zitieren
B. A. Sylvia Ellert (Autor), 2017, Literarische Methoden der Erinnerung in W. G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter" aus "Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980882

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Literarische Methoden der Erinnerung in W. G. Sebalds Erzählung "Paul  Bereyter" aus "Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden