Inwiefern beeinflusst die Aufnahme der Mona Lisa in das Œuvre Duchamps dessen Rezeption in der Pop-Art?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Forschungsstand

3. Marcel Duchamps Reproduktion der Mona Lisa
3.1. Grundlage der Reproduktion
3.2. zum Titel
3.3. Attribute
3.4. zur Datierung
3.5. Einordnung in zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext

4. die künstlerische Entwicklung Duchamps bis1919

5. Aufarbeitung der Darstellung der Mona Lisa in der Pop-Art
5.1. Andy Warhol
5.2. Vergleich der Aufarbeitungstechniken von Marcel Duchamp und Andy Warhol

6. Fazit: Welche Bedeutung trägt Marcel Duchamps ttuvre für die Entwicklung der Kunst und speziell der Pop-Art?
6.1. Allgemein
6.2. Beeinflussung der Pop-Art durch L.H.O.O.Q

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

„I am interested in ideas, not merely in visual products/'1

Der französische Künstler Marcel Duchamp gilt bis heute durch die Erfindung der Readymades und dessen Etablierung in die Kunst des 20. Jahrhunderts, als Wegbereiter der modernen Kunst

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Form die Aufnahme der Mona Lisa als eine Reproduktion wegweisend für die Entwicklung der Pop Art ist. Ich zeige auf, wie Marcel Duchamp die Mona Lisa reproduziert und damit eine neue Kunstauffassung geprägt hat. Um dies deutlich zu machen, werde ich mich auf verschiedene Anschauungsweisen des Werkes, wie Reproduktionsgrundlage, Titel, Attribute und Datierung beziehen und den gesellschaftlichen und zeitlichen Hintergrund zur Entstehungszeit kurz erläutern. Da Vincis Werk spielt in sofern eine Rolle, da die Mona Lisa bis dato als das Aushängeschild der Renaissance galt. Duchamp war jedoch nicht an da Vincis künstlerischem Talent interessiert, sondern an der Resonanz des Publikums auf die Mona Lisa als Massenobjekt. Folgend stelle ich Duchamps Werk in Beziehung mit der Reproduktion der Mona Lisa speziell durch Andy Warhol in der Pop Art. Inwiefern sich Duchamps Reproduktion als wegweisend etabliert und das Kunstverständnis des beginnenden 20. Jahrhunderts geprägt hat, mache ich durch einen Vergleich deutlich. Um den vorherigen Einfluss des Künstlers zu verstehen, werde ich eine kurze biografische Einordnung anführen.

2. Forschungsstand

Eine werkimmanente Beschreibung und Deutung des Schaffens Marcel Duchamps ist in Bezug auf die Readymades kaum möglich. Die Literatur bezieht sich deshalb auch nur oberflächlich auf die Rezeptions- und Wirkungsgeschichte bezieht. Es wird deutlich, dass, durch die erst in den 50er Jahren einsetzende Be- und Aufarbeitung seines ^uvres, zahlreiche Fehlinterpretationen über die Kunst Marcel Duchamps kursieren. Durch zeitlich stark verzögerte Veröffentlichungen und falsche Datierungen sind Unklarheiten über viele Werke festzustellen. Duchamp gab selbst widersprüchliche Interviews und tätigte bewusst falsche Aussagen. Aufschlussreich sind jedoch die Interviews, die Duchamp gegeben hat insofern, dass ein Eindruck vermittelt wird, wie er sich selbst als Künstler sieht und einordnet. Jedoch müssen diese Aussagen kritisch gesehen werden, da Duchamp seine eigene Künstleridentität damit beeinflussen wollte. Ein sehr bekanntes und aufschlussreiches Interview führte der Künstler mit Pierre Cabanne.2

Um den Begriff der Readymades einordnen zu können, muss deutlich sein, dass in einigen kunstgeschichtlichen Enzyklopädien diese als fertiger Gebrauchsgegenstand beschrieben werden, die aus dem normalen Umfeld herausgerissen und in das Museum gestellt werden.3 Das „ins-Museum-stellen“ wird als Voraussetzung für die kunstgeschichtliche Auseinandersetzung mit den Readymades gesehen, es ist zu bedenken, dass die Readymades erst ab den 50er Jahren ihren Weg in die Museen fanden, der Künstler sich jedoch schon ab 1913 mit diesem Thema auseinandersetzte. Hier wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Marcel Duchamp oft nur oberflächlich geschah und deshalb Äußerungen zu Readymades kritisch gesehen werden müssen.

Ein Aufsatz von Elisabeth-Christine Garner Überlegungen zur Interkonizität. Malewitsch, Duchamp, Warhol und die Mona Lisa4 gibt treffend die Beziehungen der jeweiligen Künstler zum Werk Leonardo da Vincis und die Rezeption der Mona bis ins 20. Jahrhundert wieder. Sie bezieht sich in dem Aufsatz auf die Aufarbeitung der Mona Lisa durch Kasimir Malewitsch in Komposition mit Mona Lisa aus dem Jahr 1914, durch Marcel Duchamp mit L.H.O.O.Q. im Jahr 1919 und durch Andy Warhol im Jahr 1963 in Thirty Are Better Than One. Deutlich werden Bezüge zwischen den verschieden Werken hergestellt und den jeweiligen Themenschwerpunkten der Künstler gegenübergestellt. Die Autorin bezieht außerdem sich auf die Interkonizität der vorgestellten Werke, was ich aber im Kontext zur Pop-Art nicht detailliert berücksichtigten werde.

Verschiedene Zeitungsberichte sind über das Werk Duchamps, speziell über die Reproduktion der Mona Lisa, erschienen, jedoch ist hier zwischen zeitgenössischer und zur Entstehungszeit aktueller Literatur zu unterscheiden. Picabia veröffentlicht eine Reproduktion des Readymades L.H.O.O.Q. erstmals im März 1920 in seiner dadaistischen Zeitschrift „391“. Es wird deutlich, dass Veröffentlichungen zur Entstehungszeit lediglich den Kreis der Dadaisten ansprachen, wobei man seit den 60er Jahren bis heute ein starkes Interesse in der gesamten Gesellschaft spürt.

Ein Vergleich Duchamps gegenüber Andy Warhol ist in einer Monographie von Michael Lüthy5 erschienen, die aufschlussreich darüber Auskunft gibt, wie weit sich die Reproduktion Andy Warhols auf Duchamps L.H.O.O.Q. und andere Werke stützt und inwiefern die Künstler alte Themen aufgenommen und neu rezipiert haben. Der Titel der Monografie deckt sich mit dem bekanntesten Werktitel Warhols zur Reihe der Mona Lisa. Thirty Are Better Than One beschreibt kritisch und deutend den Hintergrund und die Einordnung der Mona Lisa in das Werk des Pop-Art Künstlers und nimmt immer wieder kritisch und objektiv Bezug auf die Reproduktion Duchamps und das Original da Vincis.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass eine Fülle von Literatur zu Duchamps Readymades und auch speziell zum hier behandelten Werk existiert, die jedoch oft sehr allgemein gehalten ist und nicht auf die Interpretation des Werkes im eindeutigen Bezug zur Pop-Art verweist. Weiter gibt es verschiedene Überblickswerke über die Kunst des 20. Jahrhunderts, zu nennen ist hier unter anderem das Werk Die Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts von Uwe M. Schneede6, der sich umfassend mit den vorherrschenden Themen des 20. Jahrhunderts beschäftigte. Es wird jedoch deutlich, dass die Forschungsliteratur die Aufarbeitung und Rezeption in der Pop-Art noch nicht ausführlich genug beleuchtet hat. Hier ist oft nur eine Andeutung, eine oberflächliche Einordnung oder lediglich der Vergleich mit Andy Warhol zu finden.

3. Marcel Duchamps Reproduktion der Mona Lisa

Marcel Duchamp erwirbt im Jahr 1919 eine Reproduktion der Mona Lisa in Postkartengröße. Diese Postkarte zeigt die Mona Lisa von Leonardo da Vinci. Duchamp verwendet diese qualitativ minderwertige Reproduktion als sogenanntes Readymade und versieht das Gesicht der Mona Lisa mit einem gezwirbeltem Schnurr- und einem Spitzbart und dem neuen Titel L.H.O.O.Q. in plakativen Großbuchstaben.2 Der Künstler platziert diesen Titel mittig unter dem Werk auf einem aufgeklebten, weißen Papierstreifen. Der Forschungsliteraturfolgend befindet sich unter dem aufgeklebten Streifen die ursprüngliche Beschriftung der Reproduktion. Am rechten unteren Rand auf der Reproduktion ist die Signatur Duchamps und die Jahreszahl zu finden, sowie links der Entstehungsort Paris. Auffällig ist, dass die Signatur auf der Mona Lisa selbst zu finden ist und nicht auf dem weißen Rand. Christine Garner erklärt das insofern, dass Duchamp mit diesem Akt das Werk da Vincis lediglich zur Vorarbeit seines Werkes macht. Duchamp behauptet demnach, dass die Mona Lisa erst durch seine Veränderungen zu einem Kunstwerk wird. Schnurr- und Spitzbart werden mit schwarzem Bleistift gezeichnet. Die Reproduktion ist heute bekannt als die „Ikone des Dadaismus“.3 Duchamp führt vor, dass für ihn eine künstlerische Leistung nicht nur mit Handwerk zu tun hat, sondern genauso auch mit geistigem Talent, das der Künstler mit dem Akt des Auswählens als Kunstgriff verbindet. Diese Haltung wird in seinen vorherigen Readymades deutlich, in denen er Alltagsgegenstände zu Kunst erklärt und damit einen eigenen Kunstbegriff prägt, der deutlich gegen die herrschende Kunstauffassung des beginnenden 20. Jahrhunderts spricht, die sich weiterhin auf vorherrschende künstlerische Ideale bezieht.

Marcel Duchamp beschäftigt sich erstmals in L.H.O.O.Q. mit dem Themengebiet der high and low culture. Hier entsteht eine erste deutliche Verbindung zwischen high culture in Form der alten Kunstauffassung des Idealbildnisses der Mona Lisa und low culture durch die Nutzung der Postkarte als Alltagsobjekt. Er holt das Renaissancekunstwerk von seiner erhabenen Position, verunglimpflicht dieses durch „Kritzeleien“ und macht seine Kunst dadurch zugänglich für die Gesellschaft.

3.1. Grundlage derReproduktion

Das zwischen 1503 und 1506 entstandene, hochformatige Ölgemälde auf Holz mit den Maßen 77 cm x 53 cm, welches sich heute im Louvre in Paris befindet, zeigt Lisa del Giocondo. Das Brustbild stammt von dem Renaissancekünstler Leonardo da Vinci und trägt den italienischen Titel „la Gioconda“.4

Die etwa 15 Jahre alte Frau ist vor einer Brüstung auf einem Hocker zu sehen. Oberkörper und Kopf sind dem Betrachter nahezu komplett zugewandt. Die auf dem Schoß platzierten, übereinandergelegten Hände heben sich deutlich von der dunklen Kleidung der Mona Lisa ab. Im Hintergrund sind durchbrochene, bewaldete Gebirgszüge zu erkennen, die sich im grün-blau schimmernden Himmel auflösen. Diese extrem karg dargestellte Landschaft wirkt sehr bedrückend. Genaue Konturen sind nicht zu erkennen. Im Vordergrund der Gebirgslandschaft befindet sich ein blau-grauer, düster wirkender See, der in den rechten Bildteil auszulaufen scheint und nur noch durch eine Brücke zu erkennen ist. Links ist ein ausgetrockneter Flusslauf zu erkennen. Die Elemente der vegetationslosen Landschaft geben weder Bezug auf Ort, noch auf Zeit der dargestellten Szenerie.5

Durch die wirklichkeitsgetreue, detaillierte Darstellung der Mona Lisa und dessen Bezug auf die vorherrschenden Kleidungs- und Gesellschaftskonventionen ist eventuell auf eine reale Szene zu schließen. Der Blick der Mona Lisa hat einen rätselhaften und mysteriösen Ausdruck, deutet jedoch ein Lächeln an. Die Haare wirken sehr fein und fallen teilweise über die Schultern. Die detailreichen, geometrischen Stickereien und senkrecht verlaufenden Fältchen der Kleidung unterhalb des Brustausschnittes zeigen einen Zusammenhang zur vorherrschenden, zeitgenössischen Mode Leonardos. Die groben Fältchen des senffarbenen Stoffes lassen diesen schwer wirken.

Das Abbild der Lisa del Giocondo galt bis Ende des 18. Jahrhunderts als „vollkommener Ausdruck malerischen Könnens und als ein Beispiel der Naturnachahmung durch die Kunst“.6 Giogio Vasari hält Mitte des 16. Jahrhunderts bereits fest, dass die Mona Lisa ein Musterbeispiel für malerische Perfektion und Wahrhaftigkeit der Kunst sei. Er erkannte im Werk da Vincis ein Leitmotiv der Portraitmalerei.1213 Bis heute gibt es eine unüberschaubare Masse der Nachahmungen in verschiedenen zeitlichen und gesellschaftlichen Kontexten. Durch die sich entwickelnde Fotografie im ausgehenden 19. Jahrhundert verliert die Mona Lisa jedoch an Vorbildcharakter, erlangt aber gerade durch diesen Faktor das Interesse der Künstler, wie Kasimir Malewitsch, Marcel Duchamp und Andy Warhol. Die Mona Lisa wird, unter anderem durch den spektakulären Raub im Jahr 1911, zu einem Rätsel und einem Publikumsmagnet.

3.2. zum Titel

Der rätselhaft abgekürzte Titel L.H.O.O.Q beinhaltet ein phonetisches Wortspiel, welches sich erst durch den Nachlass Duchamps aufklären ließ. Wenn die einzelnen Buchstaben des Titels schnell hintereinander und unsauber auf französisch ausgesprochen werden, entsteht der Satz „Elle a chaud au cul.“ („Ihr ist heiß am Hintern.“)7 8 9 Diese ordinäre Bemerkung geht über die Abbildung selbst hinaus, da der sogenannte Hintern der Mona Lisa nicht zu sehen ist. Der Literatur folgend spielt Duchamp auf die angebliche Homosexualität Leonardo da Vincis an, die er aus den Lektüren Freuds entnahm. Allerdings ist in der Literatur nicht eindeutig belegt, dass Duchamp zum Entstehungszeitpunkt die Aufsätze Freuds kannte. Der obszöne Titel wird ergänzt durch Spitz- und Schnurrbart, die den androgynen Charakter der reproduzierten Mona Lisa unterstreichen. Um diese Ambivalenz zwischen männlichen und weiblichen Attributen beizubehalten, steht das L des Titels für das weibliche französische Pronomen eile. Hier stehen sich männliche Merkmale, der Bärte, und weibliche Merkmale in Form des Pronomens eile und der eigentlichen Darstellung der Mona Lisa gegenüber. Die Verspottung, die ein typisches Merkmal dadaistischer Kunst ist, findet sich hier sowohl im Titel, als auch in den verschiedenen Attributen des Bildes wieder und lassen so das Geschlecht der Mona Lisa zweifelhaft erscheinen.

Es wird deutlich, dass der Titel des Werkes in direkter Wechselwirkung mit dem Bildnis steht und dadurch zum wesentlichen Bestandteil des Werkes wird.

3.3. Attribute

Duchamp selbst äußerte sich laut einem Artikel Calvin Tomkins' wie folgt: ,,[d]as Kuriose an diesem Schnurrbart und dem Ziegenbärtchen ist, daß die Mona Lisa, wenn man sie anschaut, zu einem Mann wird. Es ist nicht eine als Mann verkleidete Frau; es ist ein wirklicher Mann, und das war meine Entdeckung, ohne das damals zu bemerken."10

Nach dieser Äußerung will Duchamp die durch die Veränderung entstandenen männlichen Züge erst im Nachhinein erkannt haben, dies ist jedoch ein Streitpunkt in der Literatur. Weiter hebt der Künstler die Ambivalenz zwischen männlichen und weiblichen Attributen nicht auf, sondern zeigt vielmehr eine androgyne Person mit Brüsten, einem Schnurr- und Spitzbart in Frauenkleidung. Das Hinzufügen der Bärte bezeichnet Marcel Duchamp selbst als „ikonoklastischen Dadaismus“.11 Diese offensichtliche Verspottung und das malerische Zerstören eines der Hauptwerke der Kunstgeschichte gilt als eines der Themen des Dadaismus.

3.4. zurDatierung

Es ist davon auszugehen, dass die erste Reproduktion der Mona Lisa L.H.O.O.Q. im Jahr 1919 entstand und nicht, wie in mancher Literatur wiederholt erwähnt 1930. In den Folgejahren nach 1919 entstanden eine Vielzahl von Reproduktion der L.H.O.O.Q. von Duchamp, die aber nicht für die originale Reproduktion gehalten werden dürfen, sondern lediglich als Reproduktion der Reproduktion. Für diese Vermutung sprechen mehrere Faktoren. Erstens anhand biografischer Daten ist festzustellen, dass Marcel Duchamp im Entstehungsjahr 1919 von New York wieder nach Paris zog und André Breton und weitere Künstler aus dem Kreis der Dadaisten und Surrealisten traf und sich mit dem Unterschied von high and low culture auseinandersetzte. Das 1911 gestohlene Gemälde der Mona Lisa befand sich ab 1913 wieder im Louvre in Paris. Die Mona Lisa ist eines der bekanntesten Beispiele für die high culture und fand aus diesem Grund Zugang in das Interessenfeld der Künstler. Hinzu kommt, dass man im Jahr 1919 den 400. Todestag da Vincis feierte und so die Mona Lisa ein erneutes Interesse erntete. Ein letzter, alles entscheidender Faktor für die Entstehung im Oktober oder Dezember 1919, lässt sich daraus folgern, dass eine weitere Reproduktion der L.H.O.O.Q. von Picabia bereits in der Märzausgabe von Picabias Zeitung „391“ im Jahr 1920 erschien.17 Er musste Duchamps Reproduktion gekannt haben.

Allerdings istfestzuhalten, dass 1930 eine weitere, sehr bekannte Reproduktion der Reproduktion Duchamps erschienen ist, auf die diese Uneindeutigkeit in der Literatur zurückzuführen ist. Es ist zu vermuten, dass die Reproduktion von 1930, die ebenfalls den Titel L.H.O.O.Q. trägt und keine Veränderungen aufweist, oftmals in der Pop-Art als Grundlage genutzt wurde, sich die eigentliche Aussage jedoch auf die Erstfassung von 1919 bezieht.

3.5. Einordnung in zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext

Nach Lüthy reagiert Marcel Duchamp mit der Reproduktion der Mona Lisa auf die Stimmung der Gesellschaft. Er nimmt erotisch - sinnliche Auffassung des fin-de- siècle auf und stilisiert die Mona Lisa zu einer mysteriösen femme fatale.' - Weiter setzt sich der Künstler über die vorherrschenden Konventionen des Bürgertums hinweg und lässt jeglichen Anstand, der bisher gegenüber der alten Kunst vorherrschte, unberücksichtigt.

Das Jahr 1919 war in sofern gesellschaftlich-politisch interessant, da der erste Weltkrieg gerade beendet war und Frankreich sich, trotz politischer Siegesmacht des Krieges, sehr geschwächt, im gesellschaftlichen, wie auch politischen und kulturellen Wiederaufbau befand. Das Bürgertum suchte geregelte Verhältnisse und war interessiert an kultureller Bildung nach alter Tradition. Duchamp setzte sich mit L.H.O.O.Q nicht nur über diese Wünsche hinweg, sondern provozierte mit Absicht.

In den Kunstströmungen ist ein weiterer Umbruch zu verzeichnen, der den Expressionismus letztendlich aufbricht und ablöst. Es bilden sich kleine Künstlergruppen und Vereinigungen, die sich zu verschiedenen Kunstrichtungen entwickeln. Hier ist vor allem der Stil DADA zu nennen, der stark von Duchamp beeinflusst wurde und sich unter anderem mit dem Durchbrechen der alten Traditionen beschäftigte. Weitere Ismen, die vor, mit, durch und nach Dada entstanden, waren unter anderem Kubismus, Surrealismus und Futurismus.

Eine weitere, im Kontext stehende Entwicklung des beginnenden 20. Jahrhunderts, ist die Entwicklung der Fotografie. Die Fotografie löst mehr und mehr die Portraitmalerei ab und macht diese quasi überflüssig. Diese Entwicklung greift Duchamp auf und nutzt die Reproduzierbarkeit und dessen Veränderung als Stilmittel seiner Kunst.

4. die künstlerische Entwicklung Duchamps bis 1919

Der französisch-amerikanische Objektkünstler und Maler, Henri Robert Marcel Duchamp, wurde 1887 in Blainville-Crevon in einer künstlerisch-orientierten Familie geboren. Er besuchte ab 1897 das Internat École Bousset in Rouen und fing mit 15 Jahren an zu malen. Der Künstler ließ sich früh vom Impressionismus beeinflussen. Ab 1904 studierte er am Lycée Corneille in Rouen und absolvierte die Kunsthandwerkerausbildung. Duchamp war also sowohl technisch als auch künstlerisch gut ausgebildet. Im Jahr 1909 stellte Marcel Duchamp erstmals im Salon des Independants und im Salon d'Automne aus, bis er sich ab 1911 durch Bekanntschaften mitGuillaume Apollinaire und Picabia dem Kubismus zuwandte.12

Ab 1913 entstanden die ersten sogenannten Readymades, Fahrrad-Rad (1913), Flaschentrockner (1914) und Fountain (1917), um nur die bekanntesten zu nennen. Duchamp ging davon aus, dass bereits die Auswahl des Gegenstandes Kunst sei.13 Diese Annahme löste weitverbreitet Skandale in der Kunstszene aus. Bereits 1915 siedelte der Künstler nach New York um, ein prägender Schritt seiner künstlerischen Entwicklung, da die Rezeptionen in Europa und Amerika nicht unterschiedlicher hätten sein können. In Amerika gilt er bis heute als einer der bekanntesten und berühmtesten französischen Künstler. In Frankreich erntete er jedoch viel Kritik für seine, aus heutiger Sicht fortschrittlichen Kunst. In New York traf er wieder auf Picabia, dessen Bekanntschaft ihn auch während der Arbeit an seinem Readymade L.H.O.O.Q. prägte.14

[...]


1 Marcel Duchamp, 1946 (Interview mit Unbekannt, veröffentlicht 1968)

2 Seigel, Jerrold E.; The private worlds ofMarcel Duchamp, desire, liberation, and the self in modern culture, University of California Press, 1995

3 Gamer; Überlegungenzur Interkonizität

4 Zöllner, Frank; Leonardos Mona Lisa, Vom Porträt zur Ikone der freien Welt, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006 (2. Auflage)

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Lüthy, Michael; Andy Warhol, Thirty Are Better Than One, Monografie, Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig, 1995

8 Zöllner, Frank; Leonardos Mona Lisa, Vom Porträtzurlkone der freien Welt, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006 (2. Auflage)

9 Garner; Überlegungenzur Interkonizität

10 Tomkins in: Garner; Überlegungenzurlnterkonizität

11 Lüthy, Michael; Andy Warhol, Thirty Are Better Than One, Monografie, Insel Taschenbuch, Frankfurt am Main und Leipzig, 1995

12 Seigel, Jerrold E.; The private worlds ofMarcel Duchamp, desire, liberation, and the self in modern culture, University of California Press, 1995

13 Cabanne, Pierre; Gespräche mit Marcel Duchamp, Verlag Galerie der Spiegel, Köln 1972

14 Garner; Überlegungenzurlnterkonizität

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Inwiefern beeinflusst die Aufnahme der Mona Lisa in das Œuvre Duchamps dessen Rezeption in der Pop-Art?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V981084
ISBN (eBook)
9783346336743
ISBN (Buch)
9783346336750
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mona Lisa, Duchamp, Pop-Art, Portrait
Arbeit zitieren
Ina Lohmeyer (Autor), 2013, Inwiefern beeinflusst die Aufnahme der Mona Lisa in das Œuvre Duchamps dessen Rezeption in der Pop-Art?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/981084

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Inwiefern beeinflusst die Aufnahme der Mona Lisa in das Œuvre Duchamps dessen Rezeption in der Pop-Art?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden