Inklusion in der beruflichen Bildung. Fachpraktikerberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abstract

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

2 Fachpraktikerberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft
2.1 Das Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft
2.2 Das Berufsprofil Fachpraktiker

3 Inklusion in der beruflichen Bildung am Beispiel der Fachpraktikerberufe
3.1 Inklusionsverständnis
3.2 Bedeutung der Inklusion in der beruflichen Bildung
3.3 Diskussion zu Inklusion und Fachpraktikerausbildung

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Empfehlung für eine Ausbildungsregelung zum Fachpraktiker Küche (Beikoch)/zur Fachpraktikerin Küche (Beiköchin) gemäß § 66 BBiG/§ 42m HwO, § 8

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Qualitätsstufen der Behindertenpolitik und -pädagogik

Abkürzungsverzeichnis

BA Bundesagentur für Arbeit

BDA Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

BiBB Bundesinstitut für Berufsbildung

BBiG Berufsbildungsgesetz

BFS Berufsfachschule

CRPD Convention on the Rights of Persons with Disabilities

EuH Ernährung und Hauswirtschaft

HA Hauptausschuss

HwO Handwerksordnung

IAB Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der

Bundesagentur für Arbeit

IHK Industrie- und Handelskammer

KldB Klassifikation der Berufe

NRW Nordrhein-Westfalen

ReZA Rehabilitationspädagogische Zusatzqualifikation für

Ausbilder

SGB Sozialgesetzbuch

UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural

Organization

Abstract

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenkonvention im Jahr 2009 erhielt derInklusionsbegriffeinen rechtsverbindlichen Charakter. Unterschiedliche gesellschaftliche Barrieren sollen abgebaut werden, die Behinderung und Benachteiligung begünstigen bzw. vergrößern. Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit sollen Menschen mit Behinderung die gesellschaftliche Teilhabe durch eine Berufsausbildung ermöglichen. Fachpraktikerausbildungen nach § 66 BBiG/§ 42m HwO sind spezielle Ausbildungen für Menschen mit Behinderung, die im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft stark nachgefragt werden. Zunehmend wird in Frage gestellt, ob dieses Ausbildungskonzept die Anforderungen eines inklusiven Bildungssystems erfüllen kann. Fachpraktikerausbildungen bieten im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft Menschen mit Behinderung eine Berufsausbildung mit Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Jedoch erfordert die Realisierung einer inklusiven beruflichen Bildung eine Verbesserung struktureller und rechtlicher Rahmenbedingungen.

1 Einleitung

Für Menschen mit Behinderung gibt es spezielle Ausbildungsregelungen. Die Nachfrage nach diesen Ausbildungsmöglichkeiten ist im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft (EuH) im Vergleich zu anderen Berufszweigen hoch (Kettschau, 2013, S. 8). Der Anteil der Ausbildungen mit Rehabilitationsauftrag mit über 50 % Anteil an den Neuabschlüssen deutet auf Fördermaßnahmen hin. Die Ausbildungskonzepte verfolgen vermutlich neben der beruflichen Ausbildung eine Vermittlung von hauswirtschaftlichen Basisfertigkeiten für den eigenen Haushalt und die Bewältigung des eigenen Lebens (Kettschau, 2008, S. 5f.). Die Ausbildungszahlen insgesamt und besondere Maßnahmen zur Teilhabe behinderter Menschen gehen zurück, obwohl der Bedarf vor dem Hintergrund von Inklusionsbestrebungen steigt (Bundesagentur für Arbeit (BA), 2019, S. 10).

1.1 Ausgangslage

Technologischer Fortschritt, fortschreitende Digitalisierung und gesellschaftlicher Wandel stellen hohe Anforderungen an die Qualifikation der Erwerbstätigen. In nahezu allen Berufsfeldern verändern sich die Anforderungsprofile (Autorengruppe Bildungsberichtserstattung, 2018, S. 30). Ziel ist es, den Anteil junger Menschen zu reduzieren, die keine Berufsausbildung in einem anerkannten Beruf abschließen. Denn der prognostizierte Bedarf an qualifizierten Fachpersonal steigt bis 2035. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Helfertätigkeiten. Den Erfordernissen des Arbeitsmarktes kann die Gesellschaft nur gerecht werden, wenn sie das Humankapital optimal berufsspezifisch nutzt (Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB), 2018b, S. 2ff.; BiBB & Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB), 2018). Als universellen Bildungsanspruch formuliert das UNESCO-Programm „Bildung für alle“. Die Verabschiedung der Global Nachhaltigkeitsagenda bekräftigt diese Forderung. Bis 2030 soll weltweit hochwertige, inklusive und chancengerechte Bildung für alle Menschen möglich sein (Deutsche UNESCO-Kommission, 2019).

Aufgabe einer inklusiven Berufsausbildung ist es, Exklusionsrisiken zu mindern und Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben, eine Berufsausbildung in einem anerkannten Beruf zu absolvieren. Dadurch können sie gesellschaftliche Teilhabe erreichen und Bildungsgerechtigkeit sowie Chancengleichheit erfahren (Bylinski, 2015, S. 51). Für Menschen mit Behinderung, die überwiegend lernbehindert sind, sind in § 66 BBiG/§ 42m HwO spezielle Berufsausbildungsmöglichkeiten geregelt. Nach einer amtlichen Prüfung der Behinderung ist eine theoriegeminderte Fachpraktikerausbildung möglich. Das Angebot der Fachpraktikerberufe ist im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft vielfältig. Diese Ausbildungsmöglichkeiten fragen Menschen mit Behinderung am meisten nach. Wahrscheinlich bedingen die Praxis- und Alltagsnähe der Tätigkeiten die hohen Ausbildungsabschlüsse (Kettschau, 2013. S. 8f.).

1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit

Die aktuelle Problematik zur Einbindung von Menschen mit Behinderung in die duale Ausbildung, die nicht regulär nach § 64 sowie § 65 des BBiG beschult werden können, sondern eine Fachpraktikerausbildung nach § 66 BBiG/§ 42m HwO absolvieren können, wird unter wissenschaftlichen Aspekten aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Die unterschiedlichen Haltungen zu den Fachpraktikerausbildungen beziehen sich hierbei vor allem auf die Aspekte des tatsächlich nachhaltigen inklusiven Nutzens jener Ausbildungsform sowie der Meinung nach „realistischen“ Ausbildungsmöglichkeiten. Vor dem Hintergrund dieses Diskurses wird diese schriftliche Ausarbeitung nach folgenden Fragestellungen untersucht:

1) Sind Fachpraktikerausbildungen nach § 66 BBiG/§ 42m HwO ein inklusives Ausbildungsangebot für Menschen mit Behinderung, das die Leitlinien zur Inklusion der UN-Behindertenkonvention erfüllt?
2) Welche Chancen und Grenzen bieten Fachpraktikerberufe im Berufsfeld EuH im Kontext von Inklusion?

Zu Beginn erfolgt eine Vorstellung des Berufsfelds EuH und die Beschreibung des Berufsprofils des Fachpraktikers1 unter expliziter Vorstellung der Fachpraktikerausbildung Küche (Beikoch). Thema des nächsten Kapitels ist die Inklusion in der beruflichen Bildung am Beispiel der Fachpraktikerberufe. Nach einer Erläuterung der Unterschiedlichkeit des Inklusionsverständnisses wird die Bedeutung der Inklusion in der beruflichen Bildung herausgestellt. Daran schließt sich eine Diskussion zu Inklusion und Fachpraktikerausbildungen an. Den Schluss der Arbeit bildet das Fazit, das die Fragen zu beantworten versucht.

2 Fachpraktikerberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft

Menschen mit Behinderung sollen grundsätzlich in staatlich anerkannten Ausbildungsberufen ausgebildet werden. Bei Bedarf können sie einen Nachteilsausgleich erhalten. Wenn sie nicht eine Berufsausbildung in einem anerkannten Beruf wegen Art und Schwere ihrer Behinderung absolvieren können, haben sie die Möglichkeit einer theoriegeminderten Fachpraktikerausbildung (Zöller, Srbeny & Jörgens, 2017, S. 10f.).

2.1 Das Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft

Das Berufsfeld EuH vereint sowohl Berufe gewerblich-technischer und handwerklicher Ausrichtung als auch branchenspezifische Verkaufsberufe, Gastgewerbeberufe und andere personenbezogene Dienstleistungsberufe (Kettschau, 2013, S. 3). Die Klassifikation der Berufe 2010 (KLdB 2010) der BA gliedert die Berufe nach zwei Dimensionen. In den vier obersten Ebenen erfolgt die Gruppierung nach den ähnlichen berufsspezifischen Tätigkeiten und den dafür notwendigen Fertigkeiten und Kenntnissen. Die Unterteilung in Komplexitätsgrade der Tätigkeit auf der untersten Ebene berücksichtigt die Anforderungsniveaustufen eins bis vier, d.h. von Helfer- und Anlerntätigkeiten bis zu hoch komplexen Tätigkeiten (Fegebank, 2015, S. 48f.). In der Berufssystematik der BA sind die EuH-Berufe nicht in Berufsgruppen und -ordnungen gebündelt, sondern verteilen sich in verschiedenen Berufsfeldern, wie z.B. Dienstleistung, Gesundheit und Produktion/Fertigung. Darunter befinden sich 32 Ausbildungsberufe der EuH, differenziert nach dualen Ausbildungen, Berufsfachschulausbildungen (BFS) und Ausbildungen nach § 66 BBiG/§ 42m HwO. Diese Berufe haben teilweise eine deckungsgleiche wissenschaftliche Basis, da sie mit Ernährung und Nahrung zu tun haben. Jedoch weisen sie sehr unterschiedliche Berufsbilder auf (ebd., S. 50ff.; Kettschau, 2013, S. 3).

Die Berufe des Berufsfeldes EuH werden von Schülern in der Phase der Berufsorientierung nicht als hinreichend attraktive Berufe oder überhaupt nicht wahrgenommen. Jedoch bildet der Beruf des Kochs eine Ausnahme (Rahn, Brüggemann & Hartkopf, 2013, S. 22). Jugendliche mit besonderem Förderbedarf bevorzugen ebenfalls eine Ausbildung im Bereich Küche (BiBB, 2016, S. 24) Die Ausbildung von Behinderten in einem staatlich anerkannten Beruf ist in § 64 BBiG/§ 42k HwO festgelegt. Bei Bedarf können Unterstützungen nach § 65 BBiG/§ 42l HwO gewährt werden, um Nachteile auszugleichen (Zöller, Srbeny & Jörgens, 2017, S. 10f.). Ein Nachteilsausgleich soll dem mit einer Behinderung und/oder einem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung und/oder einer Erkrankung verbundenen Nachteil dienen. Dabei dürfen das Anspruchsniveau und die Qualität der Ergebnisse durch den Ausgleich nicht herabgesetzt werden (Vollmer & Frohnenberg, 2014, S. 12). Wenn die Behinderung aufgrund der Art und Schwere diese Ausbildung nicht zulässt, kann auf Antrag die zuständige Stelle eine theoriegeminderte Fachpraktikerausbildung nach § 66 BBiG/§ 42 m HwO gewähren (Zöller et al., 2017, S. 10f.). Im Bereich EuH existieren z.B. Fachpraktikerausbildungen für Hauswirtschaft, für Küche (Beikoch), für Fleischer und Bäcker sowie im Nahrungsmittelverkauf (BA, 2018a).

2.2 Das Berufsprofil Fachpraktiker

Die Ausbildung in einem Fachpraktikerberuf gem. § 66 BBiG/ § 42 m HwO dürfen ausschließlich Menschen mit Behinderung aufnehmen, deren Art und Schwere keine reguläre Ausbildung zulässt. Voraussetzung ist ein Antrag bei der zuständigen Stelle, in dem die Art und Schwere der Behinderung festgestellt werden muss.

Nach dem Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD)) entwickelt sich das Verständnis von Behinderung ständig weiter. Menschen mit langfristigen Beeinträchtigungen sind behindert, wenn für sie Barrieren entstehen, die einstellungs- und umweltbedingt sind. Körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen können diese Menschen hindern, voll, wirksam und gleichberechtigt an der Gesellschaft teilzunehmen (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, 2017, S. 8). Gemäß § 2 Abs. 1 SGB IX (Neuntes Sozialgesetzbuch (SGB)) ist eine Barriere längerfristig, wenn sie mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Zeitraum von sechs Monaten überschreiten könnte. Eine Beeinträchtigung liegt vor, wenn eine Abweichung des Körper- und Gesundheitszustandes vom Zustand vorliegt, der für das Lebensalter typisch ist (SGB, 2016).

Die Grundlage der Fachpraktikerausbildungen gem. § 66 BBiG/ § 42 m HwO bilden die Ausbildungsinhalte der anerkannten Ausbildungsberufe. Im Dezember 2010 verabschiedete der BiBB-Hauptausschuss als Empfehlung die Rahmenregelung für Ausbildungsregelungen für behinderte Menschen nach § 66 BBiG/§ 42 m HwO (HA-Empfehlung 136). Sie soll sicherstellen, dass die Fachpraktikerausbildungen bundeseinheitliche Richtlinien und Standards haben. Das Verzeichnis der anerkannten Ausbildungsberufe vom 19.06.2018 enthält annähernd 300 Ausbildungsregelungen nach § 66 BBiG/§ 42m HwO (BiBB, 2018a, S. 2). Auf der Basis der Rahmenregelungen verfasst der BBiB-Hauptausschuss berufsspezifische Musterregelungen als bundeseinheitliche Empfehlung. Für das Berufsfeld EuH verabschiedete der BBiB-Hauptausschuss berufsspezifische Musterregelungen für die Fachpraktikerausbildungen Hauswirtschaft im Dezember 2010 und Küche im September 2011 (Zöller et al., 2017, S. 10). Jedoch bestehen keine bundeseinheitlichen rechtlichen Regelungen. Die zuständigen Kammern erlassen Ausbildungsregelungen in Anlehnung der entsprechenden BBiB-Empfehlungen. Im Vergleich zur Ausbildung im anerkannten Ausbildungsberuf sind für Menschen mit Lernschwierigkeiten die Ausbildungsinhalte theoriegemindert, andererseits kann der praktische Ausbildungsanteil reduziert werden, wenn eine körperliche Behinderung die Ausführung nicht zulässt. Die Ausbildung kann im Betrieb und in speziellen Ausbildungsstätten absolviert werden (Rehadat-Bildungsportal, 2019). Die vertraglichen Regelungen zwischen den Auszubildenden und den Ausbildungsbetrieben ermöglichen jederzeit den Durchstieg von der Fachpraktikerausbildung zur regulären Ausbildung. Die Auszubildenden besuchen die reguläre Berufsschule oder eine Berufsschule mit besonderem Förderschwerpunkt. Die betrieblichen Ausbilder sollen über eine rehabilitationspädagogische Zusatzqualifikation für Ausbilder (ReZA) verfügen. Davon kann abgesehen werden, wenn die Qualität der Ausbildung auf andere Weise sichergestellt werden kann (Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), 2019).

Im Weiteren erfolgt die exemplarische Darstellung eines Fachpraktikerberufsprofils für das Berufsfeld EuH anhand der Fachpraktikerausbildung Küche (Beikoch).

Fachpraktiker Küche (Beikoch) helfen bei der Zubereitung und Anrichten von Speisen mit. Weitere Tätigkeitsfelder sind die Warenannahme, Qualitätsprüfung der Lebensmittel und deren Lagerung. Die Ausübung des Berufes erfordert Handgeschick, einen guten Geruchs- und Geschmackssinn, Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein (BA, 2016). Die duale Ausbildung Fachpraktiker Küche (Beikoch) ist nach den Kammerregelungen gemäß § 66 BBiG/§ 42m HwO festgelegt. Die Ausbildung orientiert sich an der Ausbildung zum Koch und soll auf der Grundlage der Empfehlung des Hauptausschusses des BiBB vom 30.09.2011 durchgeführt werden. Die Ausbildung kann in ausbildungsrechtlichen Ausbildungsbetrieben und -einrichtungen stattfinden, die für behinderte Menschen geeignet sind und in denen geeignete Ausbilder tätig sind. Jedoch wird eine Ausbildung in Bildungseinrichtungen empfohlen, zu denen betriebliche oder schulische Ausbildungsstätten nicht zählen. Findet die Ausbildung in einer Ausbildungseinrichtung statt, soll diese mindestens 12 Wochen in einem oder in mehreren geeigneten Ausbildungsbetrieben innerhalb des Ausbildungszeitraumes erfolgen. Empfohlene spezielle Förderphasen vor der Zwischen- und der Abschlussprüfung ermöglichen die Unterstützung des/der Auszubildenden bei seiner Entwicklung. Die Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten der Ausbildung werden in § 8 Abschnitt 2 der Ausbildungsregelung über die Berufsausbildung zum Fachpraktiker (Beikoch) explizit genannt (s. Anhang, S. 20). Die berufliche Handlungsfähigkeit wird erreicht, wenn der Auszubildende mindestens einfache arbeits- und küchentechnische Verfahren bei der Vor- und Nachbereitung von Speisen sowie das Anrichten von Gerichten beherrscht und dabei die Geräte, Maschinen und Gebrauchsgüter wirtschaftlich unter Berücksichtigung des Arbeits-, des Umwelt-, des Gesundheitsschutzes und der Hygiene einsetzt. Gemäß des Ausbildungsrahmenplans soll ein individueller Ausbildungsplan erstellt werden, der dem Auszubildenden eine Ausübung einer qualifizierten beruflichen Tätigkeit ermöglicht. Bei der beruflichen Handlungskompetenz, die selbstständiges Planen, Durchführen und Kontrollieren umfasst, soll nicht gesondert herausgestellt werden, dass der Auszubildende Hilfestellungen benötigt. Bei der Bewertung der schriftlichen Prüfungsaufgaben soll sich die Bewertung darauf beziehen, ob die Lösungen fachlich richtig sind und ob die fachlichen Zusammenhänge verstanden sind (Hauptausschuss des BiBB, 2011).

3 Inklusion in der beruflichen Bildung am Beispiel der Fachpraktikerberufe

In Deutschland haben sich die Arbeitskonzepte in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Einerseits fand eine Verberuflichung vieler Tätigkeiten statt, anderseits gibt es immer weniger Arbeitsplätze für ungelernte und geringqualifizierte Arbeitskräfte. Daher besteht für junge Menschen keine Alternative zur beruflichen Qualifikation, um gute berufliche Perspektiven zu haben. Um geringqualifizierten Jugendlichen eine Chance zur Berufsausbildung zu geben, sollte eine Inklusion dieser schwächeren Schulabgänger in die duale Berufsausbildung ermöglicht werden (Heimann, 2013, S. 1f.). Denn insbesondere der Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung ist ein Exklusionsrisiko (Bylinksi & Rützel, 2016, S. 12). Im Berufsfeld EuH werden einige Fachpraktikerausbildungen angeboten, z.B. Fachpraktiker Küche (Beikoch) und Fachpraktiker Hauswirtschaft (Kettschau, 2013, S. 8).

3.1 Inklusionsverständnis

Der Inklusionsbegriff ist aktuell in der Gesellschaft fast allgegenwärtig. Dennoch weichen die Begriffsdefinitionen und Zielvorstellungen voneinander ab, da oft nicht das Gleiche gemeint ist (Friend, Cook, 2010, S. 297f.). In der im Jahr 1994 verabschiedeten Salamanca-Erklärung der UNESCO ist der Inklusionsbegriff weit gefasst. Danach sollen Diskriminierungen vermieden werden und Gemeinschaften, die alle Menschen aufnehmen, geschaffen werden. Ziel ist es, mit Heterogenität und Vielfalt wertschätzend umzugehen (Löser & Werning, 2015, S. 18; UNESCO, 1994, S. 4).

Erst mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 erhielt der Inklusionsbegriff in Deutschland einen rechtsverbindlichen Charakter. Der Schwerpunkt dieser Konvention liegt auf Menschen mit Behinderung, die gemäß Artikel 24 Absatz 1 c befähigt werden sollen, wirklich an der freien Gesellschaft teilnehmen zu können (Löser & Wernig, 2015, S.18).

Diese Teilhabe kann dadurch erreicht werden, indem die unterschiedlichen gesellschaftlichen Barrieren abgebaut werden, die Behinderung und Benachteiligung begünstigen bzw. verursachen (Lindmeier & Lindmeier, 2012, S. 16ff.).

Nach Wocken (2010, S. 2) verliert der Mensch mit Behinderung erst in der Phase der Inklusion den Status der Andersartigkeit, da die Individualität des Menschen in den Vordergrund rückt und die Behinderung bei vollständiger Integration nicht mehr existiert. Er unterscheidet fünf Qualitätsstufen der Behindertenpolitik und -pädagogik: Extinktion, Exklusion, Separation, Integration und Inklusion (s. Tabelle 1, S. 11). Auf der jeweils höheren Qualitätsstufe werden die Werte der vorherigen Stufe transferiert und ein höheres Rechtsgut hinzugefügt, das realisiert werden soll. Menschen mit Behinderung haben auf der Stufe Extinktion (Vorstufe) keinerlei Rechte. Sie gelten als „lebensunwertes“ Leben. Auf der Stufe Exklusion erhalten sie das Recht auf Leben. Ein berechtigter Zugang zum Bildungs- und Erziehungssystem bleibt verwehrt. Auf der nächsten Stufe Separation besteht das Recht auf Bildung in einem separierten Sonderschulwesen. Auf der Stufe der Integration haben Menschen mit Behinderung das Recht auf Gemeinsamkeit und Teilhabe. Sie können mit nichtbehinderten Menschen gemeinsam Bildungseinrichtungen besuchen und erhalten durch Fördermaßnahmen Teilhabe an der allgemeinen Bildung. Jedoch ist das Recht auf Teilhabe daran gebunden, ob äußere oder individuale Bedingungen erfüllt werden können. Die höchste Stufe bildet die Inklusion. Sie ist erreicht, wenn Selbstbestimmung und Gleichheit gegeben sind. Menschen mit Behinderung müssen keine Vorbedingungen erfüllen. Sie haben sich nicht an die Normalität anzupassen, sondern Barrieren müssen abgebaut werden, indem jede Umwelt ausnahmslos „integrationsfähig“ wird.

Tabelle 1: Qualitätsstufen der Behindertenpolitik und -pädagogik (angelehnt an Wocken, 2010, S. 2)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Hinz (2014, S. 17) ist für die Entwicklung von Menschen und für ihr Zusammenleben im inklusiven Verständnis die Vielfalt von Menschen förderlich. Der Blick bezieht sich auf die Gesamtheit der Aspekte, die zu einer gesellschaftlichen Diskriminierung führen können. Inklusion bedeutet unter Beachtung der universellen Menschenrechte und der Bürgerrechtsbewegungen die Ablehnung jeglicher Form der Diskriminierung und Marginalisierung. Jedem Menschen muss das Recht auf Selbstbestimmung und auf eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden. Die Vision, weltweit eine inklusive Gesellschaft zu realisieren, erfordert konkrete Entwicklungsschritte. Nach Prengel (2015, S. 31) werden durch Inklusion vielfältige Lebens- und Lernweisen im Bildungswesen anerkannt. Das Gleichheitsprinzip und das Freiheitsprinzip können dadurch verwirklicht werden, dass alle Menschen die Chancengleichheit und Teilhabe an Bildung erhalten und individuell eigenständige Lernweisen ermöglicht werden, die fürsorglich und unterstützend begleitet werden. Die inklusive Pädagogik muss alle Gestaltungsebenen von Bildung tangieren, damit Inklusion in der Praxis gelingen kann. Unter anderem gehören dazu die Öffnung der wohnortnahen Schule für alle Schüler, eine inklusive Didaktik und eine ausreichende Ausstattung mit Ressourcen (ebd., S. 32f.). Nach El-Mafaalani (2011, S. 39ff.) kann Inklusion in einer heterogenen Gruppe gelingen, wenn nicht Homogenisierung und Selektion das Ziel sind, sondern „die pädagogische Leitidee von Normalität im Hinblick auf Entwicklung, Begabung und Leistungsfähigkeit durch jene ersetzt wird, die Ungleichheit erkennt, akzeptiert und als Potential nutzbar macht“. Jeder Einzelne soll sich entwickeln können und entsprechen seiner Fähigkeiten, Schwächen und Interessen individuell gefördert werden.

[...]


1 Mit der gewählten Form (= männliche Geschlechtsform) werden stets alle drei Geschlechter (männlich, weiblich, divers) angesprochen.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Inklusion in der beruflichen Bildung. Fachpraktikerberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft
Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V981536
ISBN (eBook)
9783346333759
ISBN (Buch)
9783346333766
Sprache
Deutsch
Schlagworte
inklusion, bildung, fachpraktikerberufe, berufsfeld, ernährung, hauswirtschaft
Arbeit zitieren
Sabine Scholle (Autor:in), 2019, Inklusion in der beruflichen Bildung. Fachpraktikerberufe im Berufsfeld Ernährung und Hauswirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/981536

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