Welchen Einfluss hat "Germany’s Next Topmodel" auf das Körperbild von Mädchen in der Adoleszenz und wie kann Mädchenarbeit darauf reagieren?


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Identitätsarbeit in der Adoleszenz

3. Der Einfluss der Show „Germany’s Next Topmodel“ auf das Körperbild junger Mädchen
3.1. Auswirkungen auf Schönheitsideale und Identität
3.2. Selbstpräsentation im Netz
3.3. Die Auswirkung auf Essstörungen

4. Ziele, Aufgaben und Methoden der Mädchenarbeit

5. Möglichkeiten der Nutzung von Mädchenarbeit in Bezug auf die Identitätsarbeit von Mädchen in der Adoleszenz

6. Fazit

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Welche Sendungen sehen Mädchen am liebsten im TV? Mehrfachnennungen möglich, Auswahl (Angaben in %), Basis: n=725 Mädchen, 6-19 Jahre. (IZI, 2020, S. 23)

Abbildung 2: Frage: Wie zufrieden bist du denn mit deinem Gewicht? (gestützt, Listenvorlage) Angaben in Prozent. Eigene Darstellung in Anlehnung an BRAVO, 2009, S. 46

Abbildung 3: Anteil der Mädchen mit dem Gedanken, zu dick zu sein, und Anteil der Mädchen,die Germany’s Next Topmodel ansehen, nach Alter (Götz & Mendel, 2015, S. 56)

Abkürzungsverzeichnis

GNTM Germany’s Next Topmodel

IZI Internationales Zentralinstitut

SJR Stadtjugendring

WG Wohngemeinschaft

1. Einleitung

Immer wieder werden medial Stimmen laut, die der Sendung „Germany’s Next Topmodel“ einen schlechten Einfluss auf junge Mädchen vorwerfen. Mit diesen Vorwürfen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Dabei wird zunächst in Kapitel 2 die theoretische Grundlage für die Identitätsentwicklung adoleszenter Mädchen anhand einiger Entwicklungstheorien geschaffen. Im 3. Kapitel wird der Einfluss der Model-Show auf das Körperbild junger Mädchen anhand wichtiger Studien dargelegt. Hier wird auch untersucht, wie der Konsum der Show sich auf die Selbstdarstellung von Mädchen auswirkt. Auch der viel kritisierte Gesichtspunkt der Auswirkung auf Essstörungen bei jungen Frauen wird hier beleuchtet.

In einem nächsten Schritt wird in Kapitel 4 und 5 darauf eingegangen, welche Möglichkeiten Mädchenarbeit im Kontext medial vermittelter Schönheitsideale, Körpernormen und damit implizit vermittelten Rollenbilder hat. Vor dem Hintergrund der Entwicklungstheorien aus Kapitel 2 werden deshalb zunächst Aufgaben, Ziele und Methoden der Mädchenarbeit erläutert. Danach werden schon existierende Projekte der Leipziger Mädchenarbeit „Girlz*Space“ vorgestellt, die als Schaffung einer Basis für junge Frauen dienen können, um mit vermittelten Idealen umgehen zu können. Zuletzt werden weitere Projekte vorgestellt und neue erdacht, die ebenfalls den Umgang mit „Germany’s Next Topmodel“ erproben lassen.

2. Identitätsarbeit in der Adoleszenz

Die Adoleszenz ist eine Zeit, in der besonders viele Veränderungen auf den Menschen zukommen. Ein Einblick in einige wichtige Entwicklungstheorien soll hier exemplarisch erfolgen. Eriksons Stufenmodell (Erikson, 1973) weist jedem Lebensalter entsprechende Entwicklungsprozesse zu. Auf der Stufe der Adoleszenz, zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr, sind Identität und Rollendiffusion zu bewältigen. Hier sind Peergroups und Rollenmodelle wichtige Bezugspunkte, der Aufbau der lch-ldentität soll aber erfolgen, ohne Rollenzwängen zu erliegen (Erikson, 1973). Marcia führt die Gedanken seines Lehrers weiter zu einem Phasenmodell der Auseinandersetzung mit der Identität. Er postuliert die vier Teilphasen Identitätsverwirrung, übernommene Identität, kritische Identität und erarbeitete Identität (Marcia, 1966, S. 151f.). Die Identitätsverwirrung ist die Phase, in der Jugendliche sich noch nicht mit ihrer Identität auseinander gesetzt, keine besonderen Interessen entwickelt haben und keine Verantwortung zu tragen bereit sind. In der Phase der übernommenen Identität ist der Explorationsgrad gering, Werte und Überzeugungen der Familie oder Kultur werden nicht hinterfragt, sondern akzeptiert. Die kritische Identität ist die Phase der Identitätskrise, in der Werte und Ziele erforscht werden und mit ihnen experimentiert wird. Es werden jedoch keine bindenden Entscheidungen darüber getroffen. In der Phase der erarbeiteten Identität hat eine Auseinandersetzung mit Normen und Werten stattgefunden, Entscheidungen wurden getroffen und so eine Identität geformt (Marcia, 1966, S. 151f.). Jugendliche, die eine Identität erarbeitet haben, sind darin gefestigter und selbstsicherer als diejenigen, die eine Identität unhinterfragt übernommen haben (Marcia, 1966, S. 152ff.).

Nach Havinghurst (1952, zitiert nach Flammer, 2017, S. 291) gehört zu den Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz der Aufbau von Beziehungen zu Gleichaltrigen, der Erwerb einer männlichen bzw. weiblichen sozialen Rolle, die Akzeptanz des eigenen Körpers und der richtige Umgang damit, das Erlangen emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern, der Aufbau einer eigenen ökonomischen Unabhängigkeit, das Treffen einer Berufswahl, die Vorbereitung auf eine spätere Familiengründung, der Erwerb intellektueller Fertigkeiten und die Bereitschaft zu sozial verantwortlichem Verhalten. Diese Arbeit beschränkt sich auf die Betrachtung der Akzeptanz des durch die Pubertät veränderten Körpers in Bezug zu dem Bild der geschlechtlichen Rolle. Beide Entwicklungsaufgaben wirken zusammen, sodass sie schwer gesondert betrachtet werden können. Hurrelmann stellt heraus, dass der Übergang zur Pubertät für Mädchen schwieriger zu meistern ist als für Jungen. Zum einen wird für sie mit Einsetzen der Menstruation ein anderer Umgang mit dem Körper und der Körperhygiene notwendig. Dies wird dadurch erschwert, dass auch in der heutigen Zeit nicht erschöpfend darüber gesprochen wird, sodass Unsicherheiten bei Mädchen entstehen. Zum anderen entspricht die biologische Entwicklung von Mädchen in vielen Punkten nicht den in den Medien vermittelten Schönheitsidealen. Besonders frühreife Mädchen leiden unter pubertätsbedingter Gewichtszunahme (Hurrelmann & Quenzel, 2012, S. 160ff.).

Zusammenfassend als Basis für die folgenden Ausführungen kann man sagen, dass gemäß der erwähnten Theorien Jugendliche in ihrer Identitätsfindung durch äußere Einwirkung beeinflusst werden, sei es durch Gleichaltrige, Erwachsene, Institutionen oder Medien. Sie sollten dabei verschiedene Werte und Normen kennen lernen und ausprobieren, um für sich selbst die passenden zu finden. Gleichzeitig ist die Adoleszenz eine Phase, die besonders Mädchen verunsichern kann, vor allem dann, wenn erprobte Normen und Werte nicht zu ihrem Körperbild passen. Die Auswirkungen dieser Passungenauigkeit soll Thema der nächsten Kapitel sein.

3. Der Einfluss der Show „Germany’s Next Topmodel“ auf das Körperbild junger Mädchen

„Germany’s Next Topmodel“ ist eine Castingshow, die seit 2006 jedes Frühjahr für einige Monate auf Pro7 ausgestrahlt wird. Moderiert wird sie von Heidi Klum, die aus mehreren Tausend Bewerberinnen etwa zwei Dutzend junge Frauen auswählt, von denen eine die Show gewinnt und damit einen Geld- oder Sachpreis, ein Covershooting für ein bekanntes Modemagazin und einen befristeten Vertrag bei einer Modelagentur (Götz & Mendel, 2016, S. 80f.). Durch gezielte Zusammenstellung dokumentarischen Materials werden aus den Kandidatinnen bestimmte Typen kreiert, von denen Reaktionen durch künstlich geschaffene Situationen wie extreme Fotoshootings, Castings bei potentiellen Kunden, Jury-Rückmeldungen oder das Leben in der WG mit vielen ande- renjungen Frauen provoziert werden (Götz & Mendel, 2016, S. 82f.).

Der Einfluss von Peers, Eltern und anderen Bezugspersonen ist wie erwähnt eine wichtige Größe, die neben dem Einfluss der Medien und Institutionen besteht. Medien sind nicht allein prägend für junge Menschen. Die Untersuchung des Zusammenspiels aller Einflussfaktoren würde jedoch den Rahmen der Arbeit sprengen. Zwar ist „Germany’s Next Topmodel“ nicht die einzige prägende Sendung im deutschen Fernsehen, allerdings ist sie in der Gruppe der adoleszenten Mädchen besonders beliebt. Die Studie vom Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) aus dem Jahr 2016, die hier noch häufig Verwendung finden wird, untersucht 705 Mädchen und 757 Jungen zwischen 6 und 19 Jahren im Kontext von Körpergefühl, Essstörungen und dem Konsum von Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“. In dieser Studie wurde festgestellt, dass etwa 30% der neunjährigen Mädchen, aber schon über 60% der zehnjährigen die Show sehen, bei den 16-jährigen sind es 92% (Götz & Mendel, 2016, S. 12f.). In den „Grunddaten Jugend und Medien 2020“, wo 725 Mädchen zwischen sechs und 19 Jahren befragt wurden, ist die Show mit 31% der befragten Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren und noch bei 20% der 17- bis 19-jährigen neben „Deutschland sucht den Superstar“ die beliebteste Fernsehsendung (IZI, 2020, S. 23, Abb. 1) und Heidi Klum mit 14% bei den 13- bis 16-jährigen und 12% bei den 17- bis 19-jährigen das meistgenannte Idol (IZI, 2020, S.25).

Mit einer solchen Reichweite in der zu untersuchenden Zielgruppe verbreitet die Show ein Schönheitsideal der Modelwelt, mit einer Körpergröße von mindestens 1,75 m bei einer maximalen Kleidergröße von 36, dem nur eine von 40000 Frauen entspricht (Götz et al., 2015, S. 61). Durch die Vielzahl der Kandidatinnen wird der Eindruck vermittelt, dass es sich bei diesem Ideal um Normalität handelt (Götz et al., 2015, S. 65).

Durch die Nähe der Kandidatinnen zu den Konsumentinnen von „Germany’s Next Topmodel“, die ein ähnliches Alter und ähnliche Lebensumstände aufweisen, wird eine Identifikation ermöglicht und eine Projektionsfläche für eigene Wünsche geschaffen (Götz & Mendel, 2016, S. 86; Götz & Gather, 2010, S. 53). Gleichzeitig wird bei den Kandidatinnen der Blick konstant auf die äußere Erscheinung als elementarer Teil der Identität gerichtet, die von anderen Leuten bewertet wird (Götz & Mendel, 2016, S. 88). Diese Identität bestimmen aber nicht die Kandidatinnen selbst, sondern die Modeindustrie verkörpert durch Heidi Klum. Beim sogenannten „Umstyling“ werden die jungen Frauen oft gegen ihren ausdrücklichen Willen an den Markt angepasst (Goldmann & Herbst, 2019, S. 8).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Welche Sendungen sehen Mädchen am liebsten im TV? Mehrfachnennungen möglich, Auswahl (Angaben in %), Basis: n=725 Mädchen, 6-19 Jahre. (IZI, 2020, S. 23)

3.1. Auswirkungen auf Schönheitsideale und Identität

„Germany’s Next Topmodel“ wurde erstmals 2006 ausgestrahlt. Im ersten Jahr erreichte die Show Einschaltquoten von 3,02 Millionen Zuschauern. Die höchsten Einschaltquoten wurden 2009 mit 3,83 Millionen erreicht. Seitdem ist ein leichter Abstieg zu bemerken. 2020 verfolgten noch 2,38 Millionen Zuschauer die Sendung (Götz & Mendel, 2016, S. 83f.). Eine Studie von BRAVO Dr. Sommer stellt ein Absinken der Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen von Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren zwischen 2006, dem Jahr der erstmaligen Ausstrahlung von GNTM, und 2009, dem Jahr der höchsten Einschaltquoten, fest (BRAVO Dr. Sommer, 2009, S. 43). Befragt wurden 1228 11- bis 17-Jährige. Der Studie nach sind 2009 nur knapp über die Hälfte der Mäd chen, aber über zwei Drittel der Jungen mit ihrem Aussehen zufrieden (BRAVO Dr. Sommer, 2009, S. 43). Auch die Zufriedenheit mit dem Körpergewicht hat bei den Mädchen zwischen 2006 und 2009 erheblich abgenommen. Waren 2006 noch 69% der 16- bis 17-jährigen zufrieden damit, sind es 2009 nur noch 48% (BRAVO Dr. Sommer, 2009, S. 46, Abb. 2). In der Studie wurde anhand der persönlichen Angaben zu Alter, Größe und Gewicht ermittelt, dass 80% der befragten Mädchen Normalgewicht hatten (BRAVO Dr. Sommer, 2009, S. 47). Dennoch hatten 34% der Mädchen schon eine Diät versucht, 9% haben ein schlechtes Gewissen beim Essen und 27% antworteten auf die Gewissensfrage mit „teils, teils“ (BRAVO Dr. Sommer, 2009, S. 49f.). Damit ist allerdings zunächst nur eine Korrelation zwischen dem Konsum der Show und einer zunehmenden Körperunzufriedenheit nachgewiesen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Frage: Wie zufrieden bist du denn mit deinem Gewicht? (gestützt, Listenvorlage) Angaben in Prozent. Eigene Darstellung in Anlehnung an BRAVO, 2009, S. 46

Auch in einer im FORUM Sexualaufklärung und Familienplanung beschriebenen Studie, in der 5832 von Schülerinnen und 3413 von Eltern ausgefüllte Fragebogen eingeholt wurden, zeigt sich, dass knapp die Hälfte der Mädchen (47%) sich zu dick fühlen, aber nur 22% der Jungs (Haffner et al., 2007, S. 12). In dieser Studie fühlen sich 45% der normalgewichtigen Mädchen zu dick und 15% der untergewichtigen. 62% der untergewichtigen Mädchen empfindet sich als genau richtig (Haffner et al., 2007, S. 13). Die Körpernorm scheint sich also für die Mädchen eher in Richtung Untergewicht zu verlagern. In der erwähnten IZI-Studie von 2016 wird über diese Tendenzen hinaus festgestellt, dass der Gedanke, zu dick zu sein, bei denjenigen Mädchen, die „Germany’s Next Topmodel“ sehen, bei 64% liegt, bei denen, die die Sendung nicht sehen, dagegen nur bei 41%. Von den Mädchen, die die Sendung nach eigenen Angaben immer sehen, fühlen sich 69% zu dick (Götz & Mendel, 2015, S. 56, vgl. Abb. 3). Auch hier handelt es sich nicht zwingend um eine Kausalität, sondern erneut ist von einer Korrelation zu sprechen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Anteil der Mädchen mit dem Gedanken, zu dick zu sein, und Anteil der Mädchen,die Germany’s Next Topmodel ansehen, nach Alter (Götz & Mendel, 2015, S. 56)

Auffällig ist, dass Mädchen von der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper in allen Studien stärker betroffen sind als Jungs. Dass die Körper von Mädchen in Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ der Betrachtung ausgesetzt sind, beurteilt und als Teil der Identität dargestellt werden, könnte auch für die Konsumentinnen den Fokus stärker auf das Körperbild legen als dies bei Jungs der Fall ist. Die Sendung liefert dabei Anhaltspunkte, wie Mädchen versuchen können, ihr Aussehen durch gezielte Inszenierung zu optimieren (Götz & Gather, 2010, S. 55).

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Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Welchen Einfluss hat "Germany’s Next Topmodel" auf das Körperbild von Mädchen in der Adoleszenz und wie kann Mädchenarbeit darauf reagieren?
Hochschule
Hochschule Fresenius Idstein
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V981709
ISBN (eBook)
9783346356734
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welchen, einfluss, germany’s, next, topmodel, körperbild, mädchen, adoleszenz, mädchenarbeit
Arbeit zitieren
Sabrina Kohl (Autor), 2020, Welchen Einfluss hat "Germany’s Next Topmodel" auf das Körperbild von Mädchen in der Adoleszenz und wie kann Mädchenarbeit darauf reagieren?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/981709

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