Goethe und der Pantheismus. Eine Analyse der Motive in drei ausgewählten Werken mit dem Fokus auf "Liebe" und "Natur"


Bachelorarbeit, 2014

45 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Religiosität in der Zeit der Empfindsamkeit
2.1 Der junge Goethe in der Genieperiode des Sturm und Drang
2.2 Goethes Bezug zum Pietismus

3 Pantheistische Denkweisen
3.1 Goethe und der Pantheismus
3.2 Verschiedene Auslegungen und Formen des Pantheismus

4 Analyse und Interpretation ausgewählter Texte des jungen Goethe
4.1 Das Gedicht „Mailied“ (1771) als Erlebnislyrik
4.2 Die mythologische Hymne „Ganymed“
4.3 Werthers „Brief vom 10. Mai“

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Die Jahre von Goethes Anfängen als Schriftsteller - zwischen 1765 (dem Beginn seines Jurastudiums in Leipzig) und 1775 (dem Jahr seines Umzuges nach Weimar) - gelten in der Literaturgeschichtsschreibung als kritischer Zeitraum des Wandels von der Aufklärung zum Sturm und Drang. Für die Illustration dieses Prozesses wird Goethe mit seinem ganzen frühen Werk beansprucht wie kein anderer Autor seiner Generation. Das schriftstellerische Schaffen des jungen Goethe war der Anfang eines neuen Zeitalters der Dichtkunst (Poesie). Das Jugendwerk Goethes gibt deutlich etwas von seinem Naturverständnis preis. Hinzu komme - so Thorsten Valk - eine ausgeprägte Natursehnsucht, die nicht nur, aber auch auf die fortschreitende Verstädterung im späten 18. Jahrhundert reagiere. Im Rückgriff auf Jean-Jaques Rousseaus kulturkritische Schriften werde die unberührte Natur idealisiert, während der zivilisatorische Fortschritt als unumkehrbares Zerstörungswerk interpretiert werde.1

Gerade diese Natur - aber auch die Liebe - warfen Goethe von einem Extrem in das andere. Zeugnis für diese Polarität legen die Figurationen in seinen Dramen und Romanen (Epik) ab, wie Faust und Mephisto, Werther und Albert. Im Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ meidet der Protagonist Werther zum Beispiel die Stadt, um sich ihrem angeblich negativen Einfluss zu entziehen und durchwandert auf seinen ausgedehnten Streifzügen eine ihn stimulierende Frühlingslandschaft. Aber auch insbesondere in der Lyrik des jungen Goethe kann man deutlich pantheistische Denkweisen (alles ist Gott oder Gott ist alles) erkennen. Genau dieser Pantheismus ist Untersuchungsgegenstand und Thema der vorliegenden Arbeit. Doch wie wird der Pantheismus eigentlich genauer definiert?

Der Pantheismus entwickelte sich im Zeitalter der Aufklärung. Er wurde 1709 von dem niederländischen Theologen Jaques de La Faye in einer gegen den irisch-englischen Freidenker und Religionsphilosophen John Toland (1670-1722) gerichteten Streitschrift geprägt.2 John Toland hatte die Lehre der Pantheisten, von denen er erstmals 1705 schreibt, in seinen „Origines Judaicae“ von 1709 auf die Formel gebracht:

„es gebe kein von der Materie und diesem Weltgebäude unterschiedenes göttliches Wesen, und die Natur selbst, d. i. die Gesamtheit der Dinge, sei der einzige und höchste Gott.“(„nullum dari Numen a materia & compage mundi hujus distinctum, ipsamque naturam, sive rerum Universitatem, unicum esse & supremum Deum.“)3

Die bedeutendsten literarischen und philosophischen Vertreter des Pantheismus sind Baruch de Spinoza, Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Schleiermacher und Friedrich Schelling (im weiteren Sinne).

Grundlegender Gedanke des Pantheismus ist, dass der Mensch die Einsicht gewinnt, die uns gegebene Natur mit ihren Gesetzen oder Ideen (Erscheinungen / Gestalten) sinnlich wahrzunehmen und dabei „Göttliches“ empfindet, das von keinem Materialismus und Sensualismus erklärt werden kann. Dieses „Göttliche“ entziehe sich immer einer vollen Erkenntnis. Wir haben von ihm nur eine „bildliche Vorstellung“ im Reich der Poesie und nur eine „hypothetische Erklärung“ im Reich der Philosophie.4 Aus historischer Perspektive der Philosophie diene der Terminus zur Kennzeichnung der antiken Philosophie der Eleaten (Xenophanes, Parmenides, Zenon).5

Der Begriff Pantheismus (von altgriechisch: „alles Gott“ beziehungsweise „Allgottvorstellung“) bezeichnet also demnach die Anschauung, Gott sei eins mit dem Kosmos und der Natur, Welt und Gott sind identisch. Die Welt beziehungsweise Natur sei Gott (Einheits- und Ursprungsgedanke Goethes). Es entsteht gedanklich also eine Einheit des „Ich“ (Gott) mit der Welt. Das „Lexikon der philosophischen Begriffe“ von Alexander Ulfig liefert folgende Definition:

„Als alleinige SUBSTANZ gilt Gott. Da Gott allgegenwärtig in der Welt ist, wird im Pantheismus der Gedanke der TRANSZENDENZ Gottes abgelehnt. Die weltlichen Gegenstände (auch Menschen) sind Modi Gottes.“6

Um genauer zu verstehen, was diese Definition bedeutet, muss man sich klar machen, dass es Attribute der Substanz gibt: Diese wären das Denken und die Ausdehnung. Im „Lexikon der philosophischen Begriffe“ von Alexander Ulfig wird diese Substanz wie folgt definiert: „Gott ist die alleinige Ursache des Seienden. Das Seiende ist von der Ursache kausal abhängig.“7 Viele beschreiben ihren Gott als Person und seine Substanz, Transzendenz, Allgegenwart, Allmacht, Allwissenheit, aber keiner kennt ihn. Sie glauben also an ihr Nichtwissen. Insofern der Pantheismus in der Totalität alles Seienden die Manifestation einer einzigen Substanz begreift, erscheine er als die religiöse Form des Monismus.8

Was aber hat Goethe mit dem Pantheismus zu tun, welche verschiedenen Formen und Auslegungen des Pantheismus gibt es, und wie sieht es mit der Problematik von Liebe und der Natur aus? Diese Fragen werden in dieser Arbeit sowohl anhand zweier Gedichte - dem „Mailied“ (1771) als Erlebnislyrik und der mythologischen Hymne „Ganymed“ - als auch anhand des „Brief vom 10. Mai“ aus dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ (1774) erörtert. Dabei wird genauer auf die Ähnlichkeiten, Differenzen und Entwicklungen in Bezug auf das Göttliche der drei Texte eingegangen und hinterfragt, wo es eine Distanz vom Überschwang der Empfindungen gibt.

Der Beginn der vorliegenden Arbeit beschäftigt sich mit der Religiosität in der Zeit der Empfindsamkeit und es wird genauer untersucht, was es mit dem Geniegedanken auf sich hat und von welchen Glaubensrichtungen der junge Goethe beeinflusst wurde.

2 Religiosität in der Zeit der Empfindsamkeit

Die Forderung, nur das sinnlich Wahrnehmbare anzuerkennen, führe laut Wucherpfennig gelegentlich zum Atheismus9 (Nichtglauben). Dies wäre die Überzeugung, dass es keinen Gott und keinerlei Götter gibt. Doch zumeist glauben die Aufklärer aus dem Zweck und gesetzmäßigen Funktionieren der Welt auf die Existenz eines Schöpfers schließen zu können. Darüber hinausgehende Aussagen über Gott schienen ihnen aber nicht vernunftgemäß. Sie lehren somit den Deismus10 (lateinisch deus = Gott), das heißt die Verehrung eines unerkennbaren Weltschöpfers, weniger den Glauben an Christus und die Sündenvergebung. Der Deismus - aus Angst, Ehrfurcht, Staunen und der Frage nach dem „Woher?“ - gelte als natürliche Religion, die der natürlichen Vernunft entspreche und allen einzelnen, geschichtlich sich entwickelnden Religionen zugrunde liege. Da über weitergehende Glaubensfragen nicht vernunftgemäß entschieden werden könne, sollen alle Einzelreligionen untereinander Toleranz üben.11

Die Auflösung ständischer Bindungen, die ja auch einen inneren Halt bedeuten können, Eigennutz und Konkurrenzdenken, die aller Vernunftmoral zum Trotz häufig genug zusammen mit dem Streben nach irdischem Glück auftraten, führten leicht zu Gefühlen der Unsicherheit, Vereinzelung und Einsamkeit. Es lag demgegenüber nahe, die gesellschaftliche Harmonie im rauschhaften Gefühl allgemeiner Einheit der Welt vorwegzunehmen, ohne die menschlichen Unzulänglichkeiten und die Probleme alltäglichen Zusammenlebens zu berücksichtigen. Wucherpfennig ist der Ansicht, dass diese Haltung von den Aufklärern als Schwärmerei verurteilt werde. Trotz dieser Verurteilung entsteht etwa ab 1740 eine literarische Strömung, die Empfindsamkeit12, welche die neuen, widersprüchlichen Gefühle erkundet. Die Empfindsamen suchen Tugend nicht in vernünftiger Einsicht, sondern im Gefühl zu begründen. Ihr Gefühlskult lasse sie schwanken zwischen einsamer Melancholie und Enthusiasmus, dem Ergriffensein von der unsagbaren Ganzheit der Welt. Fühlend genießen sie, dass sie fühlen. Vor allem aber stelle die Empfindsamkeit eine Verweltlichung von Gefühlen und Haltungen dar, die sich im Pietismus entwickelt hatten.13

Im Sturm und Drang lebe, wie Wucherpfennig schreibt, der so verstandene individuelle Mensch aus dem fühlenden Herz heraus, von dem schon die pietistisch-empfindsame Bewegung spreche. Zwischenmenschliche Beziehungen seien nur dann von Wert, wenn das ganze Herz, also der ganze Mensch, völlig in ihnen aufgehen, wenn einem das jeweilige Gegenüber alles sein könne. Liebe und Freundschaft werden mit dem Gefühl des Unendlichen verbunden, aber auch überfordert.14 Wegen der Verherrlichung des Originalgenies als Archetyp des Künstlers wird diese Strömung auch als Geniezeit oder Genieperiode bezeichnet.

2.1 Der junge Goethe in der Genieperiode des Sturm und Drang

Die literaturwissenschaftliche Forschung habe - so Thorsten Valk - den Sturm und Drang lange Zeit in eine strikte Opposition zur Aufklärung gerückt.15 Der Zeitraum „um 1770“ gilt heute als „Sattelzeit“ des Übergangs von der frühen Neuzeit zur Moderne und der Sturm und Drang als jene Bewegung, die diesen „Paradigmenwechsel“ literaturhistorisch mit herbeiführt und als kulturgeschichtliches Ereignis spiegelt.16 Dem neueren Beschreibungsmodell zufolge teile der Sturm und Drang das emanzipatorische Anliegen der Aufklärung.17 Goethes Rückkehr aus Leipzig im August 1768 kündigte den Wandel zur Lyrik des Sturm und Drang an.18 Die gesamte Epoche erstreckt sich von zirka 1765 bis 1785 und wird auch als Geniezeit oder Genieperiode bezeichnet. Die Poesie erhebe laut Kemper nun selbst den Anspruch, ein einzigartiges, durch keine andere Wissenschaft oder Kunst ersetzbares Organ der Selbstwahrnehmung und Weltdeutung zu sein, deren Wahrheit in der Einzigartigkeit des Dichtergenies gründet.19 Schon bei dem Dichter der Empfindsamkeit - Friedrich Gottlieb Klopstock - gibt es eine Rangerhöhung des Dichters und der Dichtung. In der Lyrik löst das freie Lied das Gedicht der Aufklärung ab, welches durch seine strenge Formvorschriften und Normen stark eingeengt ist. Der Stil des einfachen Volksliedes wird wiederentdeckt und aufgearbeitet. Dieses Kapitel soll dieser neuen Art der Lyrik und der Hymne als Gedichtform und Ausdruck des Genies gewidmet werden.

Die großen Themenbereiche der neuen literarischen Strömung des 18. Jahrhunderts heißen: „Natur“, „Liebe“, „Genie“ sowie „Kunst“ und „Künstler“. Die Gesamtheit der Gedichte zu dieser Zeit entfaltet ein breites Spektrum allein von Aussagen über die „Natur“. „Die rührend-erhabene „Mutter Natur“ wird abgelöst von einer Natur, deren göttlich-vitale Macht tradierte Personifikationen immer wieder überschreitet und sprengt.“20 Unter den Naturbildern dominieren der Morgen, Frühling und Herbst, Strom und See, Gebirge und ländliche Szenarien. Kaum weniger prägend für die Lyrik sind Gedichte mit Liebesmotiven. Goethes Lyrik des Sturm und Drang wurde neben Natur und Liebe auch durch das Geniethema gekennzeichnet. Alle großen Gedichte befassen sich damit, sodass der erhabene Stil der Vereinigung mit der Gott-Natur vorbehalten bleibt.

Die Jahre zwischen der Rückkehr aus Wetzlar und der Abreise nach Weimar gelten als die produktivsten in Goethes Leben. Goethes Lyrik zwischen 1770 und 1775 unterscheidet sich wesentlich von seiner Lyrik der Leipziger Zeit und ist durch eine große Gattungsvielfalt gekennzeichnet: liedhafte Liebeslyrik, dem Volkslied nahe Gedichte und Balladen, Hymnen in freien Rhythmen und empfindsame freirhythmische Oden. Zusammenfassend kann man diese Lyrik als Erlebnislyrik charakterisieren. Ihre leitenden Ideen sind nicht mehr Richtigkeit im Sinn einer sprachlichen und metrischen Norm, sondern Vielfalt, Kraft, Bewegung und Gefühlsintensität. Dieses neue Formkonzept bedeutet einen Akt der Befreiung und der Vers gewinnt eine bis dahin unbekannte, kraftvolle Flexibilität. Metrik und Rhythmus stehen nicht mehr im Dienst einer Ordnung des Verses, sondern des intensiven Gefühlsausdrucks. Diese Merkmale sind Träger einer neuen literarischen Gattung, der Hymne, die eine der Hauptformen der Dichtung in der Epoche des Sturm und Drang darstellt. Andere nicht nur von Goethe bevorzugte Lyrikformen dieser Zeit sind Volkslieder, Kunstballaden, Elegien, wodurch eine Distanzierung von der vorherrschenden anakreontischen Poesie der Rokoko-Literatur gemacht wurde.

Dem heute oft verwendeten Begriff „Hymne“, der für uns am ehesten einer von großem Pathos beseelten und an keine strophischen oder metrischen Normen gebundene Lyrik adäquat erscheint, entspricht im 18. Jahrhundert der Begriff der „Ode“. Unter Ode verstand man, mit Berufung auf die Etymologie, den unmittelbaren „Gesang“.21

Die Hymne ist eine besondere Gattung, gekennzeichnet durch freirhythmische Gedichte in den Siebzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts. Das Bild, das wir heute von Goethes Gedichten des Sturm und Drang haben, wurde von den problemlos zu identifizierenden Formen der Lieder, Hymnen und Balladen geprägt. Es sind die Formen, von deren Semantik aus leicht eine Brücke zu anderen Gattungen und allgemeinen Konzepten der Epoche, wie zum Beispiel Natur und Genie, zu schlagen ist.

Die Ausdrücke hymnos (griech.) beziehungsweise hymnus (lat.) bedeuteten in der Antike Lob- und Preisgesänge auf Götter und Helden. Gegenwärtig dient der ursprünglich gegebene Bezug auf Götter und Helden der Gattungsgeschichte vielmehr als Modell für die Charakterisierung eines Sprechers, der sich immer in Bezug auf etwas „Anderes, Höheres“ besinnt.22 Das wurde in der Literaturforschung bei dem Literaturhistoriker, Schriftsteller und Übersetzer Max Kommerell als „Hochgefühl“ definiert, welches ein leitender Bestimmungsfaktor einer Hymne ist: „Auf Hochgefühl sind diese Hymnen gestimmt, und Hochgefühl ist die Mitte, um die sie ihren mythischen Horizont beschreiben (…).“23

In freien Rhythmen hat Goethe in den Jahren 1772-1775 zehn Gedichte geschrieben. Davon werden sechs kategorial und editionspraktisch seit langem als Hymnen erfasst. Dabei handelt es sich um folgende Gedichte: „Wanderers Sturmlied“, „Der Wanderer“, „Prometheus“, „Mahomets Gesang“, „Ganymed“, „An Schwager Kronos“.24 Im Corpus der Gedichte mit freien Rhythmen stehen reimlose, metrisch ungebundene Verse mit unbestimmter Silbenzahl und unterschiedlich vielen Hebungen und Senkungen. Zuerst hatte Klopstock die freien Rhythmen in religiösen Oden angewandt. Lessing griff diese Form in seinen Briefen auf und empfahl sie für die musikalischen Kompositionen und sogar für das Drama. Er sieht in dieser Form einen Mittelweg zwischen den beiden Systemen der poetischen und der prosaischen Abfassung des Dramas. Diese beiden Autoritäten leiteten Goethe, wenn er sich solcher frei-rhythmischen Form bei seinen Oden und Hymnen bediente.25 Was das Metrum dieser Hymne betrifft, schreibt der Germanist Christoph Perels folgendes: „Das Metrum dominiert nicht den Rhythmus (…), vielmehr werden Metrum und Rhythmus (…) zu Medien subjektiven (…) Gefühlsausdrucks.“26

Genauso wie das Metrum verhalten sich die Syntax und die Wortfolge. Inversionen, Ellipsen, Apostrophe und Ausrufe erlauben zusätzlich rhythmische Emphasen durch die Positionierung bestimmter Wörter an exponierte Stellen im Versverlauf. Beide Befreiungen, die des Verses und die der Syntax, schaffen dem Ich-Ausdruck bis dahin unbekannte Spielräume.27

Goethes Hymnen sind nach Rudolf Brandmeyer weder religiös noch heroisch. In der Geschichte der Form hätten sie ihren herausragenden und innovativen Platz, weil sie eine neue, dritte Semantik einführen würden. Es sei die der Größe, die aus der Selbststeigerung des Subjekts komme.28 Alle Hymnen des Sturm und Drang sind in einem emphatischen Sinn nicht nur in Stil und Struktur, sondern auch dem Thema nach Geniedichtung. Das heißt, der Vers bleibt freirhythmisch, und die Erfordernisse eines erhabenen Subjekts werden erfüllt. Auch Kulturhistoriker Viktor Hehn gemäß sind Goethes Hymnen die natürliche Form für Erhabenheit der Gesinnung und Größe der Phantasie. Obwohl sie, wegen der ungleichen Form und Quantität, nicht rein lyrisch seien, würden sie die Empfindung tragen, wie sie gewaltig „aus der Brust eines ernsten Mannes hervorbricht.“29 In den Goethe‘schen Hymnen, so der Viktor Hehn, sei vielmehr der sinnliche Vorgang und die Naturanschauung von dem intensiven inneren Leben erfüllt, das Bild sei unmittelbar Konkretes, durch die Phantasie Geschaffenes, voll Blut und Mark, durch sich selbst sich tragend und ergreifend.30

Nach diesem Exkurs zu der Hymne als Ausdruck des Genies in der Zeit des Sturm und Drangs beschäftigt sich das folgende Kapitel mit den religiösen Einflüssen des Pietismus, durch welche Goethe geprägt wurde.

2.2 Goethes Bezug zum Pietismus

Der Pietismus sei - so Wucherpfennig - eine religiöse Strömung, die schon im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts einsetze. Wie die Aufklärung gehe auch er von den selbstständigen und gleichberechtigten Einzelmenschen aus, die sich nicht in Streitereien über einzelne Dogmen verlieren, sondern in brüderlicher praktischer Liebe wirken. Aber nicht die Vernunft leite sie, sondern das Herz, durch das sie sich unmittelbar mit Gott verbunden fühlen, nicht mit einem abstrakten Gott im Sinne des Deismus, sondern mit der konkreten Gestalt Christi. Wie die Empfindsamen zwischen Melancholie und Enthusiasmus, so schwanken die Pietisten zwischen tiefer Trauer über ihr sündiges Wesen und einer überfließenden Freude, wenn sie sich aufgrund göttlicher Zeichen im Zustand der Gnade und Sündenvergebung fühlen. Da sie ständig in ihrem Herzen nach solchen Zeichen suchen, entwickeln sie eine Psychologie der Selbstbeobachtung, die zur Grundlage für die Gattungen des Tagebuchs und der neuzeitlichen Autobiographie werde. Dabei trete vor allem die Herrnhuter Brüdergemeine in Erscheinung, die Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760) 1722 gründete.31 Diese Brüdergemeine ist eine aus der Reformation herkommende überkonfessionell-christliche Glaubensbewegung, welche vom Protestantismus geprägt wurde. Goethe selbst wurde von seiner Freundin Katharina von Klettenberg (1723-1774) vom Pietismus beeinflusst, verhält sich jedoch in mancherlei Hinsicht kritisch diesem gegenüber. Grundlage der folgenden Ausführungen ist das Buch „Goethe und der Pietismus“ von Hans-Georg Kemper.

Die Missionsbegeisterung Klettenbergs teilt der junge Goethe zum Beispiel in keinerlei Hinsicht. Klettenberg hört von den Missionsreisen der Herrnhuter ins Nordmeer und nach Grönland. Goethe ist dennoch von ihrer radikalen Frömmigkeit und ihrem Hang zum Hermetismus fasziniert. Die Hermetik bezeichnet eine in der Antike wurzelnde religiöse Offenbarungs- und Geheimlehre. Im weiteren Sinn ist Hermetik ein Synonym für Alchemie32 und okkult-esoterische Lehren überhaupt. Die Hermetik beeinflusste das naturwissenschaftliche Weltbild bis in das 17. Jahrhundert hinein und prägte den abendländischen Okkultismus. Noch viele Jahre nach ihrem Tod inspirierte die „Gestalt Klettenbergs“ Goethes fiktive Autobiographie der „schönen Seele“ im sechsten Buch des Romanwerks „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.33 Im Folgenden werden drei Schritte des radikalen Pietismus vorgestellt, in denen sich dieser entfaltet.

Klettenberg hatte erstens eine auffällig religiöse Selbstbewusstheit, die auf einer für den Radikalpietismus typischen Verbindung ihrer Weiblichkeit mit dem Göttlichen beruht. Aus dieser Nähe des Weiblichen zum Göttlichen resultiert ein ausgeprägtes sinnliches Empfinden, welches aus Klettenbergs Sicht den Glauben bewirkt und vervollkommnet. Von zentraler Bedeutung ist dabei zweitens die von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf formulierte Lehre von der geistlichen und psychophysischen Wirksamkeit der Imagination. Im Sinne dieser auf Klettenberg einflussreichen Lehre wird Christus durch die Einbildungskraft im Diesseits dauerhaft leiblich-sinnlich erfahrbar. Der hier postulierte Einbezug des Leibes und der Sinne in die mystische Christuserfahrung deutet drittens auf den Kontext der Alchemie, die das radikalpietistische Frömmigkeitsprofil Klettenbergs besonders nachhaltig und wirkungsreich prägt.34

In „Dichtung und Wahrheit“ schreibt Goethe der Freundin zugleich ein deutliches Vorrangstreben hinsichtlich ihrer religiösen Entfaltung zu: Sie „glaubte (…), in Absicht auf religiöse Bildung sehr viel vor mir voraus zu haben.“ Die Vervollkommnung des sinnlichen Empfindens nimmt die Mystikerin als ersten Schritt für sich bereits im Diesseits in Anspruch.35 Sie sieht in Christus ihren „Geliebten“. Die leiblich-sinnliche Christuserfahrung schätzt der junge Goethe unter Klettenbergs Einfluss sehr hoch ein.36 In den leiblich-sinnlichen Bildern dieser Poesie gleicht sich das weibliche Subjekt in kühner Weise Christus an. Im mystisch vertieften Gefühl ihrer Christuserfahrung glaubt Klettenberg sogar, die Wunden des Passionsleibes an sich selbst körperlich zu empfinden und auf diese Weise schon im Diesseits dauerhaft mit Christus vereinigt zu sein. Eine solche den Leib und die Sinne einbeziehende Selbsttransformation des Subjekts in die Christusförmigkeit wird nach Klettenbergs Auffassung durch das Medium der Imagination als zweiten Schritt ermöglicht.37

In offenbar enger Verbindung mit ihrem radikalpietistischen Frömmigkeitsprofil verfügt Klettenberg tatsächlich über profunde Kenntnisse der Naturmystik und der hermetischen Künste (dritter Schritt des radikalen Pietismus). Sie beschäftigte sich mit der Chemie und der Natur der Farben.38 Klettenberg selbst führte mit dem jungen Goethe in der Zeit seiner gesundheitlichen Krise gemeinsame alchemistische Experimente durch. Dabei halten sie sich unter anderem an Schriften des Paracelsus.39 In der „magischen Chemie“ der Liebe dienen die Prozesse der Alchemie der Hervorbringung des Göttlichen im Menschen wie in der Natur. Das Konzept der Alchemie weist dem menschlichen Subjekt eine kreative und gottähnliche Schlüsselrolle im Heilsgeschehen zu. Klettenberg war der Ansicht, dass ihr eigener irdischer Körper vom Gold der ewigen Schöpfung durchtränkt sei.40 Gegen Ende ihres Lebens vertritt sie ein nach außen aufgeklärt-tolerantes Religiositätskonzept, das wohl auf den Einfluss Goethes zurückgeht.41

Gott hat zunächst die Bibel („Buch der Bücher“) und seine Schreiber inspiriert. Dieser Glaube ist für die Pietisten entscheidend. Klettenberg vertrat zugleich die Position Zinzendorfs, für den Religion „Herz-Sache“ war. Eine analoge Entwicklung vollzieht sich bei der Lektüre des „Buchs der Natur“. Zunächst versuchte die frühaufklärerische Physikotheologie aus der geordneten Struktur und Gesetzmäßigkeit der Schöpfung die Existenz und die Eigenschaften eines weisen, gütigen, zugleich allmächtigen Schöpfers zu erweisen.42 Obwohl Gut und Bös - alle Gegensätze und Widersprüche in großer Zahl betrachtet - sich gemäß Verteilungskurve und fast dualistisch die Waage halten.

Der geistvoll pietistische Umgang mit den beiden Offenbarungs-„Büchern“ zeigt, dass das Materielle, Buchstäbliche, Zeitbedingte des Werks unwichtig sei gegenüber dem Erspüren und Erfühlen des darin waltenden Geistes beziehungsweise Gefühls, das dann zum Entscheidenden führt: zum Geist dessen, der das Werk hervorgebracht hat und der nun mit dem Geist des Betrachters harmonisch zusammenstimmen kann.43 Doch wie sieht das Verhältnis Goethes zur Bibel aus?

Im 18. Jahrhundert diente die Bibel Schriftstellern als eine Art Lexikon von bedeutungsträchtigen Sprüchen, Beispielen, Fabeln, Gleichnissen und Metaphern. Goethe selbst sah seit seiner frühen Jugend die Bibel als das keineswegs einheitliche Zeugnis einer nicht dogmatisch festzulegenden Religiosität vieler Jahrhunderte an, die nicht mit dem Christentum gleichzusetzen sei, von dem er sich in mancher Hinsicht distanzierte, ohne sich gleichzeitig von Bibel und Bibelstudien abzuwenden. Seine pietistische Phase dauerte nur kurz, aber sein Interesse für biblische Fragen erlosch keineswegs. Goethe wandte sich kritisch gegen den kirchlichen Dogmatismus und den rationalistischen Unglauben und seine kirchenfeindliche und glaubenskritische Haltung nahm in Rom zu.44

[...]


1 Vgl. Valk 2012, S. 25.

2 Bollacher, Martin: Pantheismus, S. 828, in: Goethe-Handbuch Band 4/2. Personen. Sachen. Begriffe. L-Z. Stuttgart 1998, S. 828-831.

3 Historisches Wörterbuch der Philosophie 1989, S. 59.

4 Vgl. Walther 1930, S. 56 (ebd., S. 242).

5 Vgl. Essen / Danz 2012, S. 93.

6 Ulfig 2003, S. 302.

7 Ulfig 2003, S. 302.

8 Bollacher, Martin: Pantheismus, S. 828, in: Goethe-Handbuch Band 4/2. Personen. Sachen. Begriffe. L-Z. Stuttgart 1998, S. 828-831.

9 Goethe benutzt den Begriff des „Atheismus“ erstmals im Zusammenhang mit dem von Friedrich Heinrich Jacobi ausgelösten Pantheismusstreit, nachdem der Spinoza-Gegner in seiner Abhandlung seine Glaubensphilosophie in der provozierenden These: „Spinozismus ist Atheismus“ hatte gipfeln lassen. In seinem Brief an Jacobi weist Goethe diese Gleichsetzung entschieden zurück. (Goethe-Handbuch in vier Bänden. Personen. Sachen. Begriffe A-K. Stuttgart 1998, S. 82f.).

10 Bezeichnet den Glauben an einen Gott aus Verstandesgründen im Gegensatz zum Gottesverständnis der Offenbarungsreligionen mit heiligen Schriften. Im engeren Sinne sind Deisten diejenigen, die das Göttliche zwar mit dem Ursprung des Universums in Verbindung bringen, ein weiteres Eingreifen Gottes jedoch bestreiten. Der Begriff Deismus entstand in der Mitte des 17. Jahrhunderts in England. (Vgl. Wucherpfennig 2009, S. 76).

11 Vgl. Wucherpfennig 2009, S. 76.

12 Tendenz in der europäischen Aufklärung, die etwa von 1720 bis zur Französischen Revolution (1789–1799) reicht. (Vgl. Wucherpfennig 2009, S. 78).

13 Vgl. Wucherpfennig 2009, S. 78.

14 Vgl. Wucherpfennig 2009, S. 95.

15 Vgl. Valk 2012, S. 23.

16 Kemper 2001, S. 171.

17 Vgl. Valk 2012, S. 24.

18 Vgl. Perels, Christoph: Lyrik des Sturm und Drang, in: Goethe-Handbuch in vier Bänden. Band 1. Gedichte. Weimar 1996, S. 54-77, hier S. 54.

19 Vgl. Kemper 2001, S. 171.

20 Perels 1996, S. 62.

21 Schmidt 1988, S. 196.

22 Brandmeyer 1998, S. 130.

23 Kommerell 1985, S. 434.

24 Brandmeyer 1998, S. 113.

25 Vgl. Hehn 1912, S. 151.

26 Perels 1996, S. 62.

27 Vgl. Perels 1996, S. 62.

28 Vgl. Brandmeyer 1998, S. 135.

29 Hehn 1912, S. 153.

30 Vgl. Hehn 1912, S. 149.

31 Vgl. Wucherpfennig 2009, S. 78.

32 Eine „Art Aberglauben“: Unter anderem Herstellung von Gold mithilfe des magischen „Steins der Weisen“ als Ursubstanz. Poetische Fassung in „Faust II“: Der von Wagner entwickelte Homunculus als künstlich geschaffener Mensch ist unverkennbar das opus magnum der Alchemisten. (Goethe-Handbuch in vier Bänden. Personen. Sachen. Begriffe A-K. Stuttgart 1998, S. 15f.) Diesen „Aberglauben“ kann man als „Irrlehre“ oder „Vorurteil“ in der Naturmystik sehen. Goethe bezeichnet den „Aberglauben“ auch als „die Poesie des Lebens“. (Goethe-Handbuch in vier Bänden. Personen. Sachen. Begriffe A-K. Stuttgart 1998, S. 1f.).

33 Vgl. Kemper 2001, S. 111.

34 Vgl. Kemper 2001, S. 112.

35 Kemper 2001, S. 113f.

36 Vgl. Kemper 2001, S. 115.

37 Vgl. Kemper 2001, S. 116.

38 Vgl. Kemper 2001, S. 121.

39 Vgl. Kemper 2001, S. 122.

40 Vgl. Kemper 2001, S. 124.

41 Vgl. Kemper 2001, S. 126.

42 Vgl. Kemper 2001, S. 179.

43 Vgl. Kemper 2001, S. 187.

44 Vgl. Goethe-Handbuch in vier Bänden. Bd.1. Personen. Sachen. Begriffe A-K. Stuttgart 1998, S. 112ff.

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Goethe und der Pantheismus. Eine Analyse der Motive in drei ausgewählten Werken mit dem Fokus auf "Liebe" und "Natur"
Autor
Jahr
2014
Seiten
45
Katalognummer
V983516
ISBN (eBook)
9783346339393
ISBN (Buch)
9783346339409
Sprache
Deutsch
Schlagworte
goethe, pantheismus, eine, analyse, motive, werken, fokus, liebe, natur
Arbeit zitieren
Elisabeth Monika Hartmann (Autor), 2014, Goethe und der Pantheismus. Eine Analyse der Motive in drei ausgewählten Werken mit dem Fokus auf "Liebe" und "Natur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983516

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Goethe und der Pantheismus. Eine Analyse der Motive in drei ausgewählten Werken mit dem Fokus auf "Liebe" und "Natur"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden