Musik und Literatur. Die musiktheoretische Formenlehre des Rondos in der Novelle "Eulen fliegen lautlos"


Seminararbeit, 2020

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Überblick über die Forschungsliteratur

3 Musik und Literatur

4 Formenlehre des Rondos
4.1 Geschichtlicher Abriss
4.2 Struktureller Aufbau
4.3 Wiederholung als zentrales und universelles Gestaltungsmittel
4.4 Wiederholung als Grundstruktur des menschlichen Lebens

5 Novelle Eulen fliegen lautlos und Formenlehre des Rondos - eine Beziehung
5.1 Analyse Szene 1
5.2 Strukturtheoretische Begründung Szene 1
5.3 Analyse Szene 2
5.4 Strukturtheoretische Analyse Szene 2
5.5 Analyse Szene 3
5.6 Strukturtheoretische Begründung Szene 3
5.7 Fazit der strukturtheoretischen Analyse
5.8 Offenes Ende in doppelter Hinsicht
5.9 Literarisches Rondo

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis
7.1 Primärliteratur
7.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Das Rondo, eine musiktheoretische Formenlehre mit der mehrfachen Wiederholung eines bestimmten Hauptthemas als zentrales Gestaltungsmittel, ist seit dem 18. Jahrhundert eine oft verwendete Struktur in der Musik. Dass das Stilmittel der Wiederholung, auch in der Literatur, eine nicht zu vernachlässigende Funktion einnimmt ist unumstritten, es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern der musiktheoretische Aufbau des Rondos auf die Novelle Eulen fliegen lautlos von der Autorin Carolina Schutti umgelegt werden kann.

Zunächst wird ein kurzer Überblick über die aktuelle Forschungsliteratur des komparatisti- schen Forschungsfeldes gegeben, bevor anhand der Sekundärliteratur und im speziellen den Ausführungen von Nicola Gess, Alexander Honold sowie Pascal Nicklas folgend eine theoretisch fundierte Basis erstellt wird. Diese gibt einen allgemeinen Einblick in die Bezüge zwischen der Musik- und der Literaturwissenschaft.

Im Anschluss wird die Formenlehre des Rondos in musiktheoretischer Hinsicht erläutert und die Wiederholung als das zentrale und universelle Gestaltungsmittel sowohl in der Musik, der Literatur und auch als Grundstruktur des menschlichen Lebens näher analysiert.

Im praktischen Teil der Arbeit wird die Novelle Eulen fliegen lautlos anhand der Ausführungen in den vorangehenden Kapiteln betrachtet und der Versuch unternommen, die Formenlehre des musikalischen Rondos auf die literarische Erzählung zu übertragen. Auf Grundlage dieser Analyse wird anschließend geprüft, in welcher Quantität sich das Rondo in der Novelle finden lässt, und welche Problematik in diesem punktuellen Phänomen des komparatistischen Forschungsfeldes zwischen der Musik und der Literatur eventuell auftritt.

In einer abschließenden Zusammenfassung werden die wichtigsten Analyseergebnisse nochmals kurz wiedergegeben und ein Ausblick auf weitere interdisziplinäre Analyseansätze erstellt.

2 Überblick über die Forschungsliteratur

Wechselseitige Beziehungen, Interferenzen sowie das Zusammenspiel zwischen den musikalischen und literarischen Gattungsformen können seit Anbeginn der Entwicklung dieser beiden Kunstformen nachgewiesen werden und eröffnen ein umfangreiches Forschungsfeld. Nicola Gess führt im Handbuch der Literatur und Musik aus, dass die „Überschreitung eines gattungs- oder medienspezifisch begrenzten Kunstverständnisses längst zur ästhetischen Praxis gehört“.1 Dennoch wurden umfangreiche und vor allem breitgefächerte Forschungen betreffend die Beziehungen von Musik und Literatur bis dato noch nicht durchgeführt; die gegenseitigen Einflüsse der beiden Künste finden besonders in der Literaturwissenschaft immer noch geringe Beachtung. Nicola Gess führt als Grund an, dass die Analyse und Erforschung derartiger Beziehungen eine Doppelqualifikation in beiden Wissenschaften voraussetzt und die wenigsten Wissenschaftler*innen verfügen über literatur- und musikwissenschaftliche Kompetenzen.2

Daher werden in der bisherigen literaturwissenschaftlichen Forschung die umfangreichen Beziehungen zwischen der Literatur und der Musik bislang nur anhand punktueller Phänomene erforscht. Hinsichtlich einer motivgeschichtlichen Sichtweise werden bekannte musikalische Werke, deren Komponisten*innen und auch spezielle Aufführungen und Akteure*innen in diversen literarischen Werken thematisiert. Die formalästhetische Betrachtung setzt den Fokus auf die wechselseitige Adaption und die damit einhergehende Bereicherung sowohl der literarischen als auch der musikalischen Formen.3 Durch die Übernahme musikalischer Verfahren und Formentheorien - in dieser Arbeit vor allem die Wiederholung in der Struktur des Rondos - entstehen neue literarische Strukturen. Jedoch nicht nur die Musik nimmt Einfluss auf die Literatur, sondern auch umgekehrt finden sich literarische Übernahmen in den verschiedensten „musikdramatischen Genres und lyrischen Ausdrucksformen“.4 Besonders interessant erscheint, dass die Musik- und Literaturwissenschaft von den gleichen Entwicklungen getroffen wird und sich synchron neue, medienspezifische Formen - den Wandel der Zeit widerspiegelnd - entwickelt haben.

Es ist unumstritten, dass Wechselbeziehungen zwischen der Literatur und den unterschiedlichsten musikalischen Dimensionen bestehen und diese aufeinander einwirken. Dennoch gibt es bis heute nur vereinzelte Arbeiten, die sich mit dem komparatistischen Forschungsfeld auseinandersetzen. Die Komparatistik beschäftigt sich mit den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden zwischen der Literaturwissenschaft und den Künsten mit denen sie in Verbindung steht; in diesem Fall ist dies die Musikwissenschaft. Das aktuell bedeutsamste Werk ist das deutschsprachige, von Nicola Gess und Alexander Honold unter der Mitarbeit von Sina Dell Anno herausgegebene Handbuch der Literatur und Musik. Ebenso bedeutend ist das Handbook of Intermediality von Gabriele Rippl. Pascal Nicklas veröffentlichte 2019 ein Werk mit dem Titel Literatur und Musik im Künstevergleich, erschienen im Spektrum der Literaturwissenschaft. Dies ist die aktuellste Literatur und wagt den Versuch, die zwei vorhergenannten Werke zu vereinen und die bisherigen Forschungsgegenstände strukturiert darzulegen. Der Fokus liegt abermals auf punktuellen Phänomenen; ein breitgefächerter Überblick über die zahlreichen Beziehungen bleibt jedoch aus.

3 Musik und Literatur

Die Musik und die Literatur haben eine „lange geteilte kulturelle und ästhetische Geschichte und sind in der physiologischen Wahrnehmungsstruktur und neuronalen Signalverarbeitung des Menschen engstens verbunden“.5 Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft definiert die Literatur entweder als die „Gesamtheit des Geschriebenen bzw. Gedruckten“ oder als die „Gesamtheit der Texte mit gleichem Thema bzw. gleichen Merkmalen bzw. gleichem Wert“.6

Bei der Literatur tritt somit die „Buchstäblichkeit des Mediums“7 in den Vordergrund. Die Sprache und die damit einhergehenden spezifischen literarischen Merkmale lassen sich jedoch keinesfalls auf das Geschriebene und das Erfassen visueller Buchstaben beschränken, denn die Grundstruktur der Literatur bildet das Auditive; die Stimme und der Klang. Das Lesen an sich war lange Zeit vorwiegend ein lautes Vorlesen beziehungsweise auch ein Erzählen mit dem damit einhergehenden Einsatz der Stimme. Dies lässt sich dadurch begründen, dass in früherer Zeit nur wenige Gelehrte Zugang zur Literatur und die Möglichkeit diese zu dekodieren hatten. Neben der „auditiven Qualität“8 ist auch der „kommunikative Vorteil“9 und die Zugänglichkeit mehrerer Menschen zur Literatur durch den oralen Vortrag hervorzuheben. Erst mit der Erfindung des Buchdrucks und der damit einhergehenden Vervielfältigung von Büchern hat das stille Lesen Einzug gehalten.

Heutzutage nimmt das digital verfügbare Hörbuch wieder einen höheren Stellenwert ein und referiert quasi auf die „früheste Form oraler Literatur“.10 Der Begriff orale Literatur steht an sich jedoch im Widerspruch, denn als Literatur wird, wie anfangs definiert, die Verschriftlichung von Buchstaben verstanden. Diese Definition ist bei einer rein literaturwissenschaftlichen Betrachtung vollkommen legitim, bei einem komparatistischen Vergleich werden jedoch sehr schnell die Grenzen ersichtlich. Die Literatur rein auf die Buchstaben zu reduzieren ist in der vergleichenden Literatur- und Musikwissenschaft nicht möglich, denn das sprachliche Gesamtkunstwerk lebt von den „musikalischen Qualitäten, Stimme, Klang, Rhythmus, Melodie und das nicht nur in übertragener Bedeutung“.11

Die Musik in der Literatur orientiert sich anhand dieser Qualitäten und grenzt sich dementsprechend von der Musikwissenschaft, die sich auf Gesang und Instrumentalmusik fokussiert, ab. Das lebhafte Erzählen durch den Einsatz von verschiedenen Tonlagen, einem an die Erzählung angepassten Rhythmus sowie das Gestalten von verschiedenen Klängen und den Figuren entsprechenden Stimmen kann als musikalisches Erzählen definiert werden, wobei es „nicht unerheblich ist, wer dem Text Stimme verleiht“.12 Die Verwendung dieser Formelemente ist essentiell, um ein eintöniges Erzählen zu vermeiden und sie trugen sehr stark zur steigenden Beliebtheit von Hörbüchern bei. Die Stimme im Sinne der Musikwissenschaft ist von dem Ausdruck Stimme in der Erzähltexttheorie jedoch zu unterscheiden. Die literarischen Texte haben einen Erzähler, der die Geschichte wiedergibt und im übertragenen Sinne der Erzählung eine Stimme verleiht. Die Begriffe Erzähler, Stimme und Erzählinstanz werden in der Fachliteratur synonym gebraucht.13 Die Erzählstimme fungiert somit in der Literaturwissenschaft als „zentrale Vermittlungsinstanz“.14 Nach der Erzähltheorie von Martinez und Scheffel hat jede Erzählung eine Stimme.15 In der Musikwissenschaft ist die Stimme hingegen einerseits eine gewisse Anzahl an zusammenhängenden Tönen oder ein durch die Stimmlippen des Menschen produzierter Ton, der einen musikalischen Charakter besitzt.

Die Bezüge zwischen der Literatur und den musikalischen Dimensionen sind somit unumstritten, denn die beiden Künste weisen einige Ähnlichkeiten auf und lassen sich anhand gemeinsamer Parameter definieren. Im Gegenzug dazu lassen sie sich jedoch auch abgrenzen und es besteht ein Spannungsfeld zwischen der Klanglichkeit in der Musikwissenschaft, der Text- lichkeit in der Literaturwissenschaft und den Einwirkungen diverser Strukturen.16 Boris Pre- visic präzisiert, dass trotz der intermedialen Bezüge die systemischen Abgrenzungen immer im Bewusstsein bleiben sollten; „literarischer Klang ist nie musikalischer Klang. Literarische Stimme ist nie musikalische Stimme, literarische Struktur als Partitur nie Musikpartitur“.17 Die Musik beziehungsweise der Klang in literarischen Werken ist jedoch per se lautlos. Sie bleiben in der Stille und im Zeichengehalt der Literatur gefangen, bis sich jemand ihrer annimmt und sie verbreitet. Somit gewinnt die Musik beziehungsweise der Klang der Sprache erst an Bedeutung, wenn der Text in gesprochener Sprache zur Geltung kommt.

Literarische Texte weisen Bezüge zur Musik auf, wobei ein eventuell vorhandenes musikalisches Wissen des/der Autor*in die literarischen Schreibweisen stärker beeinflusst, während auch ein literarisches Wissen die musikalische Notation der Komponist*innen verändert.18 Bezugnehmend auf die Novelle Eulen fliegen lautlos beantwortet die Autorin Carolina Schutti die Frage nach der Beeinflussung des literarischen Schreibprozesses durch das musikwissenschaftliche Wissen folgendermaßen: „Das Meiste passiert auf Basis meines „abgelegten“ Wissens eher unbewusst, ich erkenne das eine oder andere erst wieder bei Lesungen“.19 Anzumerken ist hierbei, dass Carolina Schutti eine universitäre Musikausbildung in den Bereichen Gesang und Konzertgitarre abgeschlossen hat.

Es erscheint nicht verwunderlich, dass sich das unterbewusste musikalische Wissen auf die literarische Arbeitsweise auswirkt und die musikalischen Elemente zumeist erst durch den oralen Vortrag erkennbar werden. Musikwissenschaftliche Formentheorien lassen sich im Gegensatz dazu jedoch auch während des stillen Lesens erkennen. Zusammenfassend kann daher gesagt werden, dass Musik nicht nur anhand des Klanges, und die Literatur nicht nur anhand des Textes rezipiert werden kann.20

4 Formenlehre des Rondos

Es stellt sich nun die Frage, in welcher Art und Weise sich literarische Texte an musikalischen Vorgaben und Formgesetzen orientieren. Dazu wird exemplarisch die Formenlehre des Rondos und die Wiederholung als das zentrale Gestaltungsmittel anhand der Novelle Eulen fliegen lautlos von Carolina Schutti analysiert.

[...]


1 Nicola Gess, Honold, Alexander (Hgg.): Handbuch Literatur & Musik. Berlin: De Gruyter 2017 (Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie Bd. 2). S.1.

2 Vgl. Gess u. Honold 2017, S.12.

3 Vgl. ebd., S.1.

4 Ebd., S.2.

5 Literatur und Musik im Künstevergleich. Empirische und hermeneutische Methoden. Pascal Nicklas (Hg.). Berlin: De Gruyter 2019. S.1.

6 Klaus Weimar: Literatur. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Georg Braungart, u.a. (Hg.). Berlin: De Gruyter 1997 (2007). S.443.

7 Pascal 2019, S.1.

8 Ebd., S.1.

9 Ebd., S.1.

10 Ebd., S.2.

11 Ebd., S.2.

12 Ebd., S.11.

13 Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. 3.Auflage. Stuttgart; J. B. Metzler 2016. S.73.

14 Lahn, Meister 2017, S.73.

15 Vgl. Matias Martines, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 10., überarbeitete und aktualisierte Auflage. München: C.H.Beck 2016. S.89.

16 Vgl. Gess u. Honold 2017, S.7.

17 Boris Previsic: Klanglichkeit und Textlichkeit von Musik und Literatur. In Gess, Nicola, Alexander Honold (Hg.): Handbuch Literatur & Musik. Berlin u. Boston: De Gruyter 2017 (Handbücher zur kulturwissenschaftlichen Philologie Bd. 2). S.52.

18 Vgl. Gess u. Honold 2017, S.40.

19 Carolina Schutti: AW: Eulen fliegen lautlos. [E-Mail].[constantin.haider@gmail.com; 07.05.2020].

20 Vgl. Previsic 2017, S.39.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Musik und Literatur. Die musiktheoretische Formenlehre des Rondos in der Novelle "Eulen fliegen lautlos"
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V983756
ISBN (eBook)
9783346340115
ISBN (Buch)
9783346340122
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturwissenschaft, Neuere deutsche Literatur Eulen fliegen lautlos
Arbeit zitieren
Constantin Haider (Autor:in), 2020, Musik und Literatur. Die musiktheoretische Formenlehre des Rondos in der Novelle "Eulen fliegen lautlos", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983756

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