Der Freundschaftsbegriff in Aristoteles Werk "Die Nikomachische Ethik"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1 Einleitung

Bereits im frühsten Kindesalter strebt der Mensch nach sozialen Kontakten und zwischenmenschlichen Beziehungen, die als Freundschaft gewertet werden können. Heutzutage spielen Freundschaften besonders im digitalen Bereich eine große Rolle. Diese werden über Fa- cebook, Instagram oder WhatsApp geschlossen sowie gepflegt und zumindest die Kommunikation auf freundschaftlicher Ebene ist mithilfe des Internets schneller und einfacher als je zuvor. Doch das Konstrukt der Freundschaft spielt nicht nur in der Gegenwart eine große Rolle. Bereits in der Antike wurden der Begriff und die sich dahinter verbergende Bedeutung der Freundschaft untersucht. Besonders Philosophen widmeten sich der Freundschaft als Gegenstand ihres Interesses. Grundlegende Überlegungen hinsichtlich der Fragen, welche Art von menschlichen Beziehungen Freundschaft genannt wird oder warum der Mensch nach Freundschaften strebt und wie mit Freunden umzugehen ist, um die Freundschaft zu erhalten, überdauern die Zeit und sind so alt wie der Freundschaftsbegriff selbst. Aristoteles’ Werk Nikomachische Ethik zählt zu den ältesten und bedeutendsten Schriften, welche sich der fortwährend aktuellen Thematik der Freundschaft widmen. Da Freundschaft ein zwischenmenschliches und gesellschaftliches Konstrukt darstellt, welches mit Werten und Normen verbunden ist, ist sie ein für die Ethik interessantes Themengebiet, welches bereits ausgedehnt untersucht wurde. Diese Untersuchung wird auch von Aristoteles in Nikomachische Ethik in den Büchern Acht und Neun durchgeführt (2018, S.251ff.). Die Gründlichkeit und Ausdehnung seiner Untersuchungen zu Freundschaft, welche alle anderen Untersuchungen des Werkes an Länge übertreffen, deuten auf die bedeutende Rolle hin, welche Freundschaft in der Gesellschaft und zwischen Individuen annimmt. Das eben erwähnte Werk soll als Primärliteratur für diese Arbeit dienen.

Ziel dieser Arbeit ist es, Aristoteles' Untersuchungen zu den Arten der Freundschaft detailliert darzustellen und somit die Bedeutung dieser hervorzuheben. Außerdem ist zu prüfen, ob der heutige Freundschaftsbegriff, besonders in den sozialen Netzwerken, noch von aristotelischer Auffassung geprägt ist. Zu diesem Zweck werden die drei Arten der Freundschaft nach Aristoteles definiert, nachdem zuvor die Gründe für die Behandlung von Freundschaft aufgegriffen wurden. Anschließend erfolgt eine Diskussion über den heutigen Freundschaftsbegriff in Bezug auf soziale Medien in Verbindung mit dem aristotelischen Freundschaftsbegriff. Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse in Form eines Fazits ab.

2 Gründe für die Auseinandersetzung mit Freundschaft

Wie bereits erwähnt, widmet sich Aristoteles in seinem Werk Nikomachische Ethik (nachfolgend als EN bezeichnet) intensiv dem Begriff der Freundschaft. Es stellt sich hierbei die Frage, warum er dies in diesem Maße in einem Werk tut, in dem die Hauptfrage sich dem oberstem menschlichen Gut, dem Streben nach einem Gut-Leben, widmet. Grundlegend ist hierfür, dass das Erreichen eines guten Lebens nur durch Handlungen und Tugenden verwirklicht werden kann. Es ist somit von hoher Bedeutung, festzustellen, wie und durch welche Handlungen der Mensch dieses oberste Gut erreichen kann. Für Aristoteles stellt die Freundschaft einen wesentlichen Bestandteil der Beantwortung dieser Frage dar (vgl. Siemens 2007, S. 17-19). Außerdem sei sie „[...] eine bestimmte Tugend (aretë) oder mit Tugend verbunden, zudem ist sie äußerst notwendig für das Leben“ (Aristoteles 2018, S. 251). Die Untersuchung der Freundschaft (philia) ist daher ein wichtiger Baustein zur Beantwortung der Hauptuntersuchung, die in der EN durchgeführt wird, und entwickelt sich somit zum Gegenstand ethischen Interesses. Die Betrachtung der Freundschaft als Tugend und Lebensnotwendigkeit ist ein Grund dafür, dass die Untersuchungen zur Freundschaft über die Soziologie und Psychologie hinausgehen und im ethischen Bereich auftauchen. Hier wird die Freundschaft als Notwendigkeit für das gute Leben erforscht. Außerdem können ethische Aspekte in Bezug auf Parteilichkeit durch Freundschaft beispielsweise dahingehend untersucht werden, wie moralisch es ist, einem Freund mit etwas zu helfen, mit dem einem Mensch, der nicht als Freund/-in bezeichnet wird niemals geholfen werden würde (vgl. Siemens 2007, S.18). Wie moralisch wäre es beispielsweise, einem Freund einen hohen Geldbetrag zu leihen oder sogar zu schenken, während einem/einer Fremden selbst der kleinste Betrag verwehrt würde. Szenarien und Fragestellungen dieser Art sollten selbst den letzten Kritiker umstimmen, der behauptet, Freundschaft hätte keine Verbindung zur Ethik. Aristoteles jedenfalls betrachtet Freundschaft nicht nur als Notwendigkeit, sondern auch als moralisch schön (2018, S.252) und als unterschiedlich funktional, nicht nur für Menschen, von denen erwartet wird, dass sie Freundschaften benötigen, sondern auch für diejenigen, die bereits alles besitzen zu scheinen. Daher ist es wohl für alle Menschen von Interesse, die Thematik der Freundschaft zu untersuchen, besonders auch deswegen, weil sie Bestandteil eines guten Lebens ist und ihren Nutzen in den verschiedensten Lebenslagen findet sowie als wertvoll beschrieben werden kann (vgl. Wolf 2002, S.213).

Des Weiteren sei das Freundschaftliche das Gerechteste und es sichere den Zusammenhalt der Staaten, da die Gesetzgeber sich mehr um Freundschaften bemühen würden, welche Gerechtigkeit mit sich bringen würden, als um Gerechtigkeit, die nicht unbedingt Freundschaft mit sich bringe (vgl. Aristoteles 2018, S.252). Es finden somit mehrere Aspekte anklang, warum der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Freundschaft ein hohes Maß an Relevanz zukommt und wodurch die Verbindung zu Aristoteles' Hauptuntersuchung in der EN und der Ethik gezogen werden kann.

3 Freundschaft nach Aristoteles

„[...] ob Freundschaft unter allen Menschen entsteht oder ob Menschen die schlecht sind keine Freunde sein können und ob es nur eine Art (eidos) der Freundschaft gibt oder mehrere“ (Aristoteles 2018, S.253). Dies sind einige Gedanken und Fragen, welche Aristoteles zu Beginn seiner Untersuchungen zu Freundschaft aufkommen lässt. Er betont außerdem, dass naturwissenschaftliche Beobachtungen zurückzustellen seien (2018, 1155b S.253). Bevor nun aber eine Definition der Freundschaft erfolgt, sei es nach Aristoteles sinnvoll, vorerst den Begriff der Liebe und des Liebenswerten (philëton) zu untersuchen. Denn Lieben und etwas Liebenswertes zu finden und zu besitzen, sei ein fester Bestandteil des Freundschaftsbegriffs.

3.1 Das Liebenswerte und die Freundschaft zu leblosen Dingen

Um die Freundschaft zu untersuchen, ist es unabdinglich, zuvor das Liebenswerte zu untersuchen. Denn das Lieben kann nicht ohne ein Objekt auskommen, welches wegen seiner Liebenswürdigkeit geliebt wird, die wiederum ein fester Bestandteil von Freundschaft ist. Allerdings kann nicht jedes Objekt geliebt werden, denn als liebenswerte Objekte gelten nach Aristoteles nur das Gute, das Nützliche und das Angenehme, auch Lust genannt (2018, S.253). Das Liebeswerte kann auch als Erstrebenswert angesehen werden und alle eben genannten Objekte kreieren verschiedene Szenarien und Arten der Freundschaft, auf die im späteren Verlauf dieser Arbeit eingegangen wird (vgl. Wolf 2002, S.214). Wenn ein Objekt jedoch weder gut oder nützlich noch angenehm erscheint, kann es nicht geliebt werden, da es nicht liebenswürdig ist. Auch kann keine Freundschaft entstehen, denn die Liebenswür- digkeit tritt als Bedingung für Freundschaft auf. Wichtig ist hierbei, dass Liebe oder Liebenswürdigkeit nicht automatisch eine Freundschaft darstellen, sondern nur eine Bedingung sind, Freundschaft entstehen und andauern zu lassen.

„Nicht jeder, der eine Liebe hat, ist auch ein Freund. Das, was Freunde tun, das Lieben, setzt nicht nur das Vorhandensein einer Liebe voraus. Das Lieben, über das Aristoteles die Freundschaft bestimmt, verlangt eine bestimmte Haltung in bezug [!] auf den Affekt der Liebe“ (Siemens 2007, S.33).

Unabhängig von jeder Liebenswürdigkeit und Liebe ist es jedoch nicht möglich, eine Freundschaft mit leblosen Dingen zu pflegen, wie beispielsweise das Erstreben von Zielen. Der erste Grund dafür ist wohl an Nachvollziehbarkeit kaum zu übertreffen: Eine Freundschaft mit einer Sache ist von einseitiger Natur. Es ist keine Gegenliebe möglich und diese zu bekommen, ist ein wichtiger Bestandteil von Freundschaft. Der zweite Grund dafür, dass eine Freundschaft mit einer Sache unmöglich ist, liegt in der Problematik, dass nach Aristoteles der Kern einer Freundschaft nicht vorhanden sei. Dieser besteht darin, Freunden etwas Gutes zu wünschen und ihnen Wohlwollen entgegenzubringen (vgl. Wolf 2002, S.215). Beides würde in Bezug auf leblose Dinge keinen Sinn machen und es würde vergeblich auf eine Gegenreaktion gewartet werden. Mit Freundschaft wird somit nach Aristoteles jede Art von positive menschliche Beziehung gemeint, in der eine Person der jeweils anderen Person Gutes wünscht. Besteht diese Art von Beziehung, spricht Aristoteles von Freundschaft und Freund (philos). Ein wesentlicher Bestandteil von Freundschaft ist außerdem, dass dieses Wohlwollen erwidert wird - ein Bestandteil, den eine leblose Sache nicht erbringen kann. Somit würde das Ziel, das Freundschaften verfolgen, verfehlt werden. Ein Beispiel hierfür ist ein neues Smartphone, von dem sich inständig erhofft wird, dass es vorbildlich funktioniert und nicht zu Schaden kommt. Dieser Wunsch besteht nicht aus dem Wohlwollen gegenüber dem Smartphone heraus, sondern aus dem Wunsch oder Gedanken, dieses für sich selbst so gut und lange wie möglich nutzen zu können. Dieses Beispiel lässt sich auf sämtliche leblose Dinge anwenden, an denen zwar etwas Liebenswertes gefunden werden kann, dies jedoch nicht von der Sache widergespiegelt werden kann und sämtliches Wohlwollen nur aufgrund eigener Vorteile besteht. Es ist jedoch wichtig, darauf hinzuweisen, dass in der EN manchmal auch der Begriff des Freundes verwendet wird, obwohl das eben beschriebene Entgegenbringen fehlt. Denn genau genommen kann nur ein anderes menschliches Wesen dieses Wohlwollen wieder entgegenbringen (vgl. Wolf 2002, S.215). Der zentrale Punkt des Wohlwollens besteht darin, dem Mensch, an den das Wohlwollen ausgerichtet ist, Gutes zu wünschen und dabei das Gute für diesen Menschen im Vordergrund zu sehen, dieses also um seiner selbst willen zu wünschen. Dieses Wohlwollen (eunonia) (vgl. Aristoteles 2018, S.254) ist von zentraler Bedeutung im aristotelischen Freundschaftsbegriff. Der Mensch ist dann - im Gegensatz zu leblosen Dingen - in der Lage, diese guten Wünsche anzunehmen und auf seinem weiteren Weg bei sich zu behalten.

3.2 Zusammenfassung der bisherigen Aspekte zur Freundschaft

Werden nun das Liebenswerte und die Bedingung, dass mit keinem leblosen Ding eine Freundschaft hervorgehen kann und das Wohlwollen vorhanden sein muss, zusammengesetzt, wird deutlich, dass „[...] Liebe nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung für die Freundschaft darstellt“ (Siemens 2007, S.36). Zur Liebe kommen zwei weitere Aspekte hinzu, die ausgehend von Aristoteles für eine Freundschaft notwendig zu sein scheinen. Zum einen muss der Liebende dazu fähig und bereit sein, dem Geliebten Gutes zu wünschen, und zum anderen muss die Liebe von einem Menschen hervorgerufen werden, welcher diese Liebe in einer Gegenliebe erwidern kann (vgl. Aristoteles 2018, S.254). Des Weiteren sei ein gegenseitiges Bewusstsein von Bedeutung. Empfindet ein Mensch für einen anderen Menschen Wohlwollen, ohne dass der Mensch, dem das Wohlwollen zuteilwird, davon weiß, beispielsweise durch Unwissen oder gar Unbekanntheit des Wohlwollenden gegenüber, dann sei nicht von Freundschaft zu sprechen. Dieses Bewusstsein des gegenseitigen Wohlwollens und das Wohlwollen an sich seien Grundsteine für die Freundschaft und das Lieben in einer Freundschaft denn „[...] das Wohlwollen (eunoia), das gegenseitig ist, nennt man Freundschaft“ (Aristoteles 2018, S.254). Es könnte fast als Kettenreaktion beschrieben werden, denn Freundschaft entsteht dann, wenn Menschen liebenswert sind und in anderen Menschen Liebe auslösen sowie Wohlwollen, bei dem kein Eigennutz im Vordergrund steht. Die Gründe für diese ausgelöste Liebe können aus den Aspekten gut, nützlich oder angenehm entstanden sein und legen die Grundsteine für verschiedene Arten der Freundschaft, auf die im nächsten Kapitel eingegangen wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Freundschaftsbegriff in Aristoteles Werk "Die Nikomachische Ethik"
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V983929
ISBN (eBook)
9783346365095
ISBN (Buch)
9783346365101
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freundschaftsbegriff, aristoteles, werk, nikomachische, ethik
Arbeit zitieren
Jana Held (Autor), 2019, Der Freundschaftsbegriff in Aristoteles Werk "Die Nikomachische Ethik", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983929

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