Kreativität als Kompetenz? Überlegungen zu Kreativität und Kompetenz sowie Möglichkeiten der Verknüpfung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kompetenz - ein Überblick über Definition und Diskurse

3. Kreativität

4. Kreativität als Querschnittskompetenz

5. Fazit und Ausblick

Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit möchte die im Seminar „Zukunft gestalten: Gesellschaftliche Transformationen braucht Kompetenzen“ besprochenen Konzepte und Theorien zu und Diskurse über Kompetenz sowie deren Kritikpunkte aufgreifen. Ein zentrales Ergebnis des Seminars war die Erstellung einiger Kompetenzprofile für ein Tätigkeitsfeld in der transformativen Wissenschaft auf Basis des Kompetenzatlas nach Volker Heyse und John Erpenbeck. Auffallend dabei war die häufige Thematisierung von Innovationsbereitschaft und Offenheit für neue Ideen und Konzepte, die eine bedeutende Rolle für ein transformatives Wissenschaftstätigkeitsfeld zu spielen scheinen. Daran anknüpfend möchte sich die Arbeit mit der Bedeutung der Kreativität als ein Innovationsmotor innerhalb der Kompetenzkonzepte beschäftigen. Gerade im alltagspsychologischen Sinn wird hinsichtlich der Kreativität oft von schöpferischer Kraft und dem Streben nach Innovation gesprochen. Eine ähnliche Umschreibung findet sich auch im bereits angesprochenen Kompetenzatlas. Dort wird die „schöpferische Fähigkeit“1 als Teil der personalen Kompetenz betrachtet als „Fähigkeit, sachliche und situative Probleme und Aufgaben in Form neuer Bedingungen, Strukturen, Produkte usw. zu lösen. Schöpferische Personen sind Neuem gegenüber offen und suchen selbst nach neuen Mitteln und Wegen.“2

Auch in Management-Handbüchern wird immer wieder von kreativer Kompetenz oder KreativKompetenz - im Allgemeinen also von Kreativität als Kompetenz gesprochen. Zwei eher dem populärwissenschaftlichen Spektrum zuzuordnende Ratgeber und deren Inhalte werden im weiteren Verlauf der Arbeit noch thematisiert werden. Im Gegensatz zu den umfangreichen Ausführungen hinsichtlich Kreativität und Kompetenz in Ratgebern, finden sich in wissenschaftlichen Texten jedoch wenige direkte Verknüpfungen von Kreativität und Kompetenz. Zwar wird das ,kreative Handeln‘ stets mit Kompetenz in Verbindung gebracht - so auch bei Erpenbeck selbst, wissenschaftlich fundierte Belege hinsichtlich einer Kreativität als Kompetenz lassen sich allerdings kaum finden. Die vorliegende Arbeit versteht sich vor diesem Hintergrund nun als einen Versuch, verschiedene Grundlagen hinsichtlich der Theorien zu Kompetenz einerseits und Kreativität andererseits zusammenzutragen. Im darauffolgenden Schritt soll eine Verbindunglinie beider recht umfangreichen Konzepte gezogen werden, um herauszufinden, in wie weit möglicherweise eine Kreativ-Kompetenz oder Kreativität als Querschnittskompetenz fungieren.

2. Kompetenz - ein Überblick über Definition und Diskurse

Historische Entwicklungslinien In der historischen Entwicklung der etymologischen Bedeutung des Kompetenzbegriffes lassen sich zwei Konnotationen von Kompetenzen identifizieren: Zum einen nutzte bereits im 19. Jahrhundert Max Weber den Begriff als eine Bezeichnung für juristische und staatsorganisatorische Sachverhalte, deren Bedeutung gleichzusetzen sind mit ,Zuständigkeit‘ oder ,Befugnis‘.3 Zum anderen - und diese Bedeutung spielt gerade in der heutigen Erziehungsund Bildungswissenschaft eine übergeordnete Rolle - kann Kompetenz mit ,Fähigkeit‘ und ,Befähigung‘ übersetzt werden.4 Der größte Unterschied beider Konnotationen liegt im Deutungsbezug beider Begriffe. Während die juristische Begriffsbedeutung Kompetenz vor allem organisationsbezogen, also personenunabhängig beschreibt, meint die auch heute noch gebräuchliche Kompetenzbedeutung einen ausschließlich individualitätsbezogenen Zugang.5 Auch die gesellschaftliche Veränderung hin zu einer Wissensgesellschaft identifiziert Thomas Kurtz als einen (historischen) Ausgangspunkt der Entwicklung des Kompetenzbegriffs. In dieser , Wissensgesellschaff, deren Schlagwortartigkeit Kurtz sogleich enttarnt, geht es, so Kurtz, neuerdings darum Kompetenzen in der Wissensaneignung zu entwickeln anstatt darum, konkret kompetent zu wissen. Unterstützt wird diese Entwicklung durch die Komplexitätszunahme in den modernen und postmodernen Wissensgesellschaften, die zu einem Verlust von Handlungssicherheit führt. Denn die „Multioptionalität des Handelns [birgt] zugleich auch das Risiko, die falschen Entscheidungen zu treffen“6, weswegen der Wunsch nach der „Kompetenz, mit Unsicherheit und Ungewissheit umzugehen“7 steigt. Kurtz subsummiert die Unterschiede der historischen wie der aktuellen Kompetenzbegriffe mithilfe der verschiedenen Reaktionswege auf Unsicherheiten. Während Max Weber das Unsicherheitsproblem durch starre Regeln lösen zu können [glaubte, spielen] heute eher Kompetenzen im Sinne von Kreativität und Reflexivität eine Rolle [.. ,].“8 Sowohl Individuen als auch Organisationen sind daher gezwungen, stets auf Veränderungen zu reagieren und erworbene Kompetenzen stetig voranzutreiben und weiterzuentwickeln. Dieter Gnahs analysiert im Zusammenhang mit der Entwicklung der Wissensgesellschaft die Bedeutung der Veränderung von der Input- zur Output-Orientierung. In schulischer und beruflicher Bildung werden demnach Lernergebnisse und ihr jeweiliger Nutzen sowie deren formale Überprüfung, Zertifizierung und Vergleichbarkeit wichtiger.9

Definitionen und Merkmale Aufgrund dieser historisch gesellschaftlich nachhaltigen Veränderungen haben sich in verschiedenen Ansätze Kompetenzkonzepte mit unterschiedlichen Schwerpunkten entwickelt. Die eben erwähnte Outputorientierung lässt sich so in der PISA Debatte Anfang des 21. Jahrhunderts wiederfinden, in der sich eine Klassifikation des Kompetenzbegriffes in Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz hervorgetan hat.10 Aber auch in der Berliner Arbeitsgemeinschaft Qualifikations-Entwicklungs-Management (QUEM) wurden Überlegungen zu einem zentralen, mehrdimensionalen Kompetenzkonzept vorgenommen.11 Darin wird geistiges, instrumentelles, kommunikatives und reflexives Handeln unterschieden und jeder dieser Handlungsformen eine Kompetenzklassifikation zugeordnet. Unterschieden wird somit Fach-, Methoden-, Sozialkompetenz und personelle Kompetenz, sowie im Hinblick auf das gesamtheitliche Handeln Handlungskompetenz.12 Auch der bereits erwähnte Kompetenzatlas von Erpenbeck und Heyse ist nach unterschiedlichen Kompetenzkategorien aufgebaut. Im Allgemeinen definieren Erpenbeck und Heyse Kompetenzen wie folgt: „Kompetenzen sind geistige und physische Selbstorganisationsdispositionen, sie umfassen Fähigkeiten, selbstorganisiert und kreativ zu handeln und mit unscharfen oder fehlenden Zielvorstellungen und Unbestimmtheit umzugehen. Unter Dispositionen werden die bis zu einem bestimmten Handlungszeitpunkt entwickelten inneren Voraussetzungen zur Regulation der Tätigkeit verstanden. Damit umfassen Dispositionen nicht nur individuelle Anlagen, sondern auch Entwicklungsresultate.“13

An dieser Stelle soll bereits auf die Aspekte der Voraussetzung der Selbstorganisation und der Idee von kreativem Handeln aufmerksam gemacht werden, die Erpenbeck in seinen Publikationen häufig beschreibt, und die im vierten Kapitel noch einmal aufgegriffen werden. Darüber hinaus wird in der Literatur zwischen einem engen und einem weiten Kompetenzverständnis unterschieden. Im engen Sinne kann Kompetenz - und dies ist das in der Psychologie gängige Verständnis - demnach beschrieben werden als eine „Befähigung zur Bewältigung unterschiedlicher Anforderungssituationen, im weiteren Verständnis, das Ensemble aller ,Fähigkeiten, Wissensbestände und Denkmethoden [...], die ein Mensch in seinem Leben erwirbt und betätigt‘“14 Dieser weite Kompetenzbegriff bildet die Grundlage für das in der Erziehungs- und Bildungswissenschaft dominierende Verständnis, welches die Mündigkeit und Handlungsfähigkeit in kognitiver, motivationaler und affektueller Hinsicht hervorhebt.15 Es zielt auf eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung ab und damit immer verbunden auch eine (individuelle) Kompetenzentwicklung.

Michaela Pfadenhauer schlägt hinsichtlich der gängigen Definitionen von Kompetenz vor, nicht nur die Fähigkeit zum problemlösenden Handeln in den Vordergrund zu rücken, sondern ebenso die dazu notwenige Bereitschaft zur Problemlösung zu betrachten. Somit tritt zur Befähigung die Motivation zum Handeln in den Fokus: „Für kompetentes Handeln bedarf es einer durch Relevanzen und Interessen bedingte Motivation, die insofern über die gewöhnliche Handlungsmotivation, den Entwurf in die Tat umzusetzen, hinausgeht, als hierfür eine analytisch-synthetische Haltung zur Problemdurchdringung erforderlich ist, die nicht naturgegeben ist, sondern ,künstlich‘ eingenommen werden muss.“16

Als dritten Aspekt von Kompetenz ergänzt Pfadenhauer in Anlehnung an Ingo Schulz- Schaeffer die soziale Zuschreibung als „situationsbezogene Handlungsfähigkeit“17. Hier spielt die bereits beschrieben Normation von Kompetenz als ein erwarteter Standard hinein. Die Zuschreibung erfolgt jedoch nicht ausschließlich von außen, sondern auch in Verquickung mit der Motivation. Pfadenhauer subsummiert, dass der Akteur demnach zum einen gegenüber jemandem, zum anderen für sein Tun verantwortlich zeichnet. Daraus ergibt sich folgende Definition: „Kompetenz ist als ein Problemlösungsvermögen zu begreifen, über das ein Akteur nicht nur situativ ,verfügt‘, sondern das ihm ,gehört‘, das er sozusagen habituell besitzt bzw. aus ihm sogar inkorporiert zuhanden ist, und das von ihm bewahrt, gepflegt und ausgebaut werden kann. Dieses ,Vermögen‘ kann vielseitig d.h. zur Lösung unterschiedlicher Arten von Problemen ,abgerufen‘ und eingesetzt werden. Es versetzt den Akteur in die Lage, Probleme nicht nur zufällig, sondern absichtsvoll, nicht nur ,irgendwie, sondern systematisch, nicht nur einmalig, sondern wiederholt zu bewältigen.“18

An dieser Stelle lassen sich somit drei zentrale Aspekte des Kompetenzbegriffes zusammenfassen: Befähigung, Motivation zum Handeln und situationsbezogene Handlungsfähigkeit.

Erpenbecks Versuch einer Systematisierung von Kompetenz, wie sie im Kompetenzatlas sichtbar wird, hat auch die Herstellung einer Messbarkeit zum Ziel. Grundsätzlich, so Erpenbeck, wird Kompetenz erst durch das Handeln selbst sicht- und messbar, jedoch soll die Klassifizierung der Kompetenzen etwa in verschiedene Kompetenzklassen ein Augenmerk auf die jeweiligen dazugehörigen Handlungsdispositionen legen. Personale Kompetenz - und dazu wird auch die schöpferische Fähigkeit gezählt - fasst alle Dispositionen einer Person zusammen, die das selbstorganisierte, reflexive Handeln betreffen, d.h. „sich selbst einzuschätzen, produktive Einstellungen, Werthaltungen, Motive und Selbstbilder zu entwickeln, eigene Begabungen, Motivationen, Leistungsvorsätze zu entfalten und sich im Rahmen der Arbeit und außerhalb kreativ zu entwickeln und zu lernen.“19 Dazu zählen beispielsweise Selbstmanagement, Eigenverantwortung, Offenheit für Veränderungen, Lern- und Hilfsbereitschaft, ganzheitliches Denken und Zuverlässigkeit.20 Aktivitäts- und handlungsbezogene Kompetenzen beschreiben alle Dispositionen, die auf ein aktives und selbstorgansiertes, planvolles und gesamtheitliches Handeln abzielen, wie Gestaltungswille, Tatkraft, Initiative, Ergebnis- und Zielorientierung sowie Innovationsfreudigkeit. Fach- und Methodenkompetenz klassifiziert die notwendigen physischen und geistigen Dispositionen zur Problemlösung sowie den Umgang mit Wissen. Dazu zählen etwa Organisationsfähigkeit, Fachwissen, Beurteilungsvermögen, Konzeptionsstärke und Systematisch-methodisches Vorgehen. Die Kompetenzklasse der sozial-kommunikativen Kompetenz umfasst alle Dispositionen „kommunikativ und kooperativ selbstorganisiert zu handeln“21, wie Kooperationsfähigkeit, Problemlösefähigkeit, Kommunikations- und Teamfähigkeit sowie Konfliktlösefähigkeit.

Vor diesem Hintergrund sollen anschließend die grundlegenden Theorien und Konzepte von Kreativität kurz zusammengefasst werden.

[...]


1 FH Wien, Institut für Tourismusmanagement: Kompetenzatlas, online: http://kompetenzatlas.fh-wien.ac.at, letzter Zugriff: 31.05.2019.

2 Ebd.

3 Vgl. Thomas Kurtz (2010): „Der Kompetenzbegriff in der Soziologie", in: Soziologie der Kompetenz, hrsg. v. Thomas Kurtz und Michaela Pfadenhauer, Springer: Wiesbaden, S.9.

4 Vgl. Michaela Pfadenhauer (2010): „Kompetenz als Qualität sozialen Handelns", in: Soziologie der Kompetenz, hrsg. v. Thomas Kurtz und Michaela Pfadenhauer, Springer: Wiesbaden, S.150.

5 Vgl. Thomas Kurtz (2010): „Der Kompetenzbegriff in der Soziologie", S. 10.

6 Ebd., S. 15.

7 Ebd., S. 15.

8 Ebd., S. 17.

9 Vgl. Dieter Gnahs (2010): Kompetenzen - Erwerb, Erfassung, Instrumente, wbv: Bielefeld, S. 17.

10 Vgl. Michaela Pfadenhauer (2010): „Kompetenz als Qualität sozialen Handelns", S. 157.

11 Vgl. ebd., S. 157.

12 Vgl. ebd., S. 159.

13 John Erpenbeck, Lutz von Rosenstiel u.a. (2017): Handbuch Kompetenzmessung. Erkennen, verstehen und bewerten von Kompetenzen in der betrieblichen, pädagogischen und psychologischen Praxis, Schäffer-Poeschel Verlag: Stuttgart, S. XIIf.

14 Johannes Weinberg (1996): „Kompetenzerwerb in der Erwachsenenbildung", in: Hessische Blätter für Volksbildung, H. 3, S. 213, Zit. nach Michaela Pfadenhauer, S. 150f.

15 Vgl. Michaela Pfadenhauer (2010): „Kompetenz als Qualität sozialen Handelns", S. 151.

16 Ebd., S. 153.

17 Ebd., S. 153.

18 Ebd., S. 155.

19 John Erpenbeck, Lutz von Rosenstiel u.a. (2017): Handbuch Kompetenzmessung, S. XXV.

20 Vgl. FH Wien, Institut für Tourismusmanagement: Kompetenzatlas, online: http://kompetenzatlas.fh- wien.ac.at, letzter Zugriff: 31.05.2019.

21 John Erpenbeck, Lutz von Rosenstiel u.a. (2017): Handbuch Kompetenzmessung, S. XXV.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kreativität als Kompetenz? Überlegungen zu Kreativität und Kompetenz sowie Möglichkeiten der Verknüpfung
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Fakultät Bildung)
Veranstaltung
Zukunft gestalten – Transformation braucht Kompetenzen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
17
Katalognummer
V984003
ISBN (eBook)
9783346339720
ISBN (Buch)
9783346339737
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kompetenz, Transformation, Kreativität
Arbeit zitieren
Sabrina Zubke (Autor:in), 2019, Kreativität als Kompetenz? Überlegungen zu Kreativität und Kompetenz sowie Möglichkeiten der Verknüpfung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/984003

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