Deviantes und delinquentes Verhalten bei Jugendlichen. Vorstellung einer Jugendarrestanstalt


Hausarbeit, 2004

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Dennis – ein jugendlicher Dauerarrestant

3. Erklärungsmöglichkeiten für abweichendes und delinquentes Verhalten bei Jugendlichen
3.1. Die Anomietheorie nach Merton
3.2. Soziale Einflüsse

4. Kriminalitätsentwicklung bei Jugendlichen und Heranwachsenden

5. Vorstellung der Jugendarrestanstalt

Männlich

Weiblich

6. Leitlinien für die Gestaltung des Arrestes

7. Gesetzesvorschriften

8. Möglichkeiten der Sanktionierung nach dem JGG

9. Rechtliche Folgen des Urteils zum Arrest

10. Jugendkriminalitätsprävention

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Thematik des devianten und delinquenten Verhaltens in der Jugend gewinnt in unserer Gesellschaft an immer mehr Bedeutung. Mit Devianz ist das (norm-) abweichende Verhalten allgemein gemeint, welches nicht unbedingt mit der Straffälligkeit in Verbindung gebracht wird. Dieses Verhalten steht nicht im Einklang mit den erwünschten angesehenen sozialen Werten und Normen einer Gesellschaft (vgl. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge, 2002, S. 5). Delinquenz betrachtet die psychische Entwicklung devianter Persönlichkeitseigenarten, die häufig oder mit hoher Wahrscheinlichkeit Straffälligkeit nach sich ziehen (vgl. Seitz/Götz, 1979, S. 5).

Im Rahmen meines Studiums habe ich in dem Seminar „Lebenswelten von Jugendlichen“ ein Referat über Jugendliche und Kriminalität gehalten. Dadurch wurde mein Interesse für die Thematik geweckt und ich wollte mich tiefgründiger mit dieser Problemstellung befassen.

Im folgendem werde ich zuerst den Fall des Dauerarrestanten Dennis1 schildern. Um als Sozialarbeiter/in so effektiv wie möglich handeln zu können, bedarf es einem Hintergrund-wissen, welches unter anderem mögliche Erklärung für abweichendes Verhalten impliziert. Dazu führe ich die Anomietheorie von Merton aus und gehe auf einige soziale Einflüsse ein. Anschließend zeige ich den Aspekt der Kriminalitätsentwicklung auf. Des Weiteren stelle ich eine Jugendarrestanstalt vor, einschließlich der Leitlinien zur Gestaltung des Arrestes. Darauf folgen Erläuterungen der Gesetzesvorschriften und Sanktionierungsmöglichkeiten nach dem Jugendgerichtsgesetz sowie die rechtlichen Folgen des Arresturteils. Abschließend erkläre ich die Jugendkriminalitätsprävention und gehe kurz auf sozialpädagogische Interventionsmöglichkeiten ein.

2. Dennis – ein jugendlicher Dauerarrestant

Dennis lernte ich in der Jugendarrestanstalt kennen. Er berichtete aus seiner Kindheit und Jugend darüber, wie er straffällig wurde und wie es zum Dauerarrest kam. Zur Tatzeit vor zwei Jahren war er 18 Jahre alt. Seine Mutter war alleinerziehend. Dennis hat noch einen älteren Bruder. Als Dennis vier Jahre alt war, lernte seine Mutter einen neuen Mann kennen („Stiefvater“), der in die mütterliche Wohnung mit einzog. Die Beziehung war durch Gewalt geprägt, denn wenn Dennis zum Beispiel zu spät von der Schule kam, gab es Ärger, das hieß er wurde geschlagen und bestraft. Diese Verhältnisse dauerten an bis Dennis 13 war. Dann hielt die Mutter es nicht mehr aus und verließ den Partner. Sie lernte erneut einen Mann kennen, den sie später heiratete. Mit 17 zog Dennis von zu Hause aus, weil es auch mit dem neuen Mann Streitigkeiten gab. Er zog zu seinem Freund, der noch bei seinen Eltern wohnte. Auf der Suche nach einer Berufstätigkeit hatte er einige Vorstellungsgespräche. Eine plötzliche Erkrankung bedingte einen Krankenhausaufenthalt, weshalb er keine Arbeit beginnen konnte. Die Eltern des Freundes wollten keine Verantwortung für ihn übernehmen und bestanden auf seinen Auszug. Sie rieten, wieder zur Mutter zu ziehen. Die Mutter war aber seinerzeit mit Dennis` Wegzug von zu Hause nicht einverstanden. Nun wollte sie nicht, dass er wieder nach Hause zurückkam. Dennis zog deshalb zu einem anderen Freund. Beide Jungen hatten kein Geld und brachen deshalb mehrfach in Bäckerein, Bauwagen und

Einkaufsmärkte ein. Nach anfänglichen Bedenken machte Dennis mit. Bei einem Einbruchs-delikt wurde Dennis durch die Polizei gestellt. Durch richterliche Anweisung wurden ihm 50 Arbeitsstunden verhängt, die er nicht ableistete. Als Erziehungsmaßnahme, ebenfalls richterlich angewiesen, folgt dann der Jugendarrest. Der Termin für den zweiwöchigen Dauerarrest wird zwischen dem Jugendlichen und der Anstalt abgestimmt, da den Betroffenen möglichst kein Nachteil in ihrer derzeitigen Ausbildung entstehen soll. Zu seiner Mutter hatte Dennis, um ihr Sorgen zu ersparen, gesagt, er fahre für zwei Wochen zu einem Freund. In der Arrestanstalt ist Dennis in der Küche beschäftigt, treibt Sport treibt und baut an einem Carport mit. Ansonsten ist er in seiner Zelle und hat nur eine Stunde Ausgang. Das ist für ihn sehr abschreckend, denn es gibt kaum eine Ablenkung wie Fernsehen oder Telefonieren. Dennis hat viel Zeit zum Nachdenken und möchte nach dem Arrest seine Arbeitsstunden ableisten und dann nichts mehr mit Kriminalität zu tun haben. Was die Zukunft angeht, so möchte er seinen Realschulabschluss nachholen. Ein früherer Versuch an der Abendschule scheiterte daran, dass er sich der Belastung durch Schule und Vollzeiterwerbstätigkeit nicht gewachsen fühlte. Nach erfolgreichem Realschulabschluss möchte er Kfz-Mechaniker werden. Sein größter Wunsch ist eine eigene Wohnung und bis er sich den erfüllen kann, wird er wieder zu seiner Mutter ziehen.

Dennis hatte eine Kindheit, die durch Gewalterfahrung geprägt war. Die Mutter war überfordert und kümmerte sich wenig. Der Auszug mit 17 war eine Flucht aus der familiären Misere. Die materielle Notlage versuchten die beiden Freunde zu bewältigen, indem sie Einbrüche begingen. Gut möglich, dass Dennis, wäre er unter weniger schwierigen Umständen aufgewachsen, nicht straffällig geworden wäre. Beim Interview machte Dennis einen sehr gepflegten Eindruck, konnte sich sehr gut artikulieren und zeigte Einsicht für das begangene Unrecht. Damit ist eine wichtige Voraussetzung für die Vermeidung weiterer Delinquenz gegeben.

3. Erklärungsmöglichkeiten für abweichendes und delinquentes Verhalten bei Jugendlichen

In diesem Kapitel möchte ich auf einige mögliche Ursachen für abweichendes und delinquentes Verhalten eingehen. Einen soziologischen Erklärungsansatz für die Entstehung von Kriminalität hat Robert Merton mit der Anomietheorie entwickelt. Weitere begünstigende Bedingungen für abweichendes und delinquentes Verhalten werden in sozialen Einflüssen, wie beispielsweise Familie, Peer- Groups, Jugendarbeitslosigkeit, Schule, Milieu, Sozialraum und Medien gesehen. Ich möchte aus Gründen des enormen Umfangs nur auf die ersten drei genannten sozialen Einflüsse näher eingehen.

3.1. Die Anomietheorie nach Merton

Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton entwickelte die Anomietheorie als Erklärungsansatz zur Entstehung von delinquentem Verhalten. In der Theorie unterscheidet Merton zwischen kultureller und sozialer Struktur (vgl. Merton in: Sack/König (Hrsg.), 1979, S. 292). Der Begriff der „kulturellen Struktur“ umfasst zum einen die Ziele, Absichten und Interessen, die es in einer Gesellschaft oder Gruppe als lohnenswert zu verfolgen gilt, und zum anderen die durch die Normen legitimierten Mittel zur Erlangung dieser Ziele. Unter der „sozialen Struktur“ versteht Merton die sozial unterschiedlich strukturierten Möglichkeiten, diese Ziele zu erreichen. Damit meint er hauptsächlich die wirtschaftlichen Mittel einer Person, die ihr zur Erlangung ihrer Bedürfnisse und Wünsche zur Verfügung stehen. Merton definiert also die „kulturelle Struktur“ als „Komplex gemeinsamer Wertvorstellungen“ und die „soziale Struktur“ als „Komplex sozialer Beziehungen“ innerhalb einer Gesellschaft (vgl. Merton in: Sack/König (Hrsg.), 1979, S. 292). Als Ziel sollte demnach jede Gesellschaft den Ausgleich dieser Strukturen verfolgen, mit dem Anspruch der optimalen Verwirklichung durch das Individuum.

Entsteht ein starkes Ungleichgewicht zwischen gesellschaftlich geweckten Bedürfnissen, Zielen und Werten einerseits und den sozialen Möglichkeiten und Mitteln andererseits, so spricht man von einer Wert-Mittel-Diskrepanz, die von Merton als „Anomie“ bezeichnet wird (vgl. Wurr/Trabandt, 1986, S. 21). Individuen mit einer bestimmten Position in der Gesellschaft ist es ohne weiteres möglich, durch normadäquates Handeln kulturelle Werte zu realisieren, anderen dagegen ist dies erschwert oder gänzlich unmöglich (vgl. Merton in: Sack/ König (Hrsg.), 1979, S. 292). Die Betroffenen, welche sich vermehrt in den unteren sozialen Schichten befinden, versuchen durch bestimmte Verhaltensmuster die Wert-Mittel-Diskrepanz zu bewältigen. Merton unterscheidet dabei fünf Arten der Anpassung.

Die Innovation möchte ich in Bezugnahme der im Kapitel 2 beschriebenen Fallschilderung erklären, die weiteren Formen werde ich nur nennen:

1. Konformität (Anpassung)
2. Innovation (Neuerung)
3. Ritualismus (Scheinanpassung)
4. Apathie (Rückzug)
5. Rebellion (Protest) (vgl. Merton in: Sack/ König (Hrsg.), 1979, S. 293).

Unter Innovation versteht Merton die Annahme der gesellschaftlichen Erfolgsziele eines Individuums, nicht aber die Internalisierung der durch Normen vorgeschriebenen Mittel zur Erlangung dieser Ziele (vgl. Merton in: Sack/ König (Hrsg.), 1979, S. 294). Bei Wurr und Trabandt wird dieses Reaktionsmuster in deviante und nicht-deviante Innovation unterschieden. Die Unterteilung präzisiert den Sinn der Innovation. Denn Merton bezeichnet ebenfalls als Innovation, die legitimen, aber bisher noch nicht praktizierten Verhaltensweisen, mit denen anerkannte Ziele verfolgt werden. Diese können beispielsweise die Nutzung von technischen Erfindungen oder die Verwendung neuartiger Materialien sein (vgl. Wurr/ Trabandt, 1986, S. 23). Der Erklärung von Merton entspricht hier die deviante Innovation, welche zielkonform, jedoch normabweichend bei der Wahl der Mittel ist.

Der Dauerarrestant, beschrieben im Kapitel 2, verhielt sich nach dem Anpassungs-mechanismus der devianten Innovation. Die Jungs hatten keine Möglichkeit, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Die beiden handelten zielkonform, jedoch benutzten sie keine finanziellen Mittel zur Bedürfnisbefriedigung bzw. Zielerreichung, sondern begingen Diebstahldelikte. Hier zeigt sich ganz deutlich die Theorie der Wert-Mittel-Diskrepanz.

Diese erklärt abweichendes Verhalten „als Ergebnis der Diskrepanz zwischen den Zielen bzw. Wünschen oder Bedürfnissen einer Person und den Mitteln, die diese Person für die Ziel-verwirklichung oder Bedürfnisbefriedigung zur Verfügung hat“ (Wurr/Trabandt, 1986, S. 20).

Die Anomietheorie von Merton stellt eine mögliche Erklärung für abweichendes Verhalten bei Jugendlichen dar, erfasst jedoch nicht die gesamte Bandbreite jugendlicher Delinquenz, sondern versucht hauptsächlich die Eigentums- und Vermögensdelikte zu erklären (vgl. Menzel, Stefan, 1989, S. 23). Delinquent verhalten sich überwiegend die Jugendlichen aus unteren sozialen Schichten, die häufig nicht über die ökonomischen Mittel verfügen wie Gleichaltrige der sozialen Mittel- und Oberschicht. Um eine weitere Theorie für abweichendes Verhalten zu erfassen, möchte ich auf die „ökonomische Wert-Mittel-Diskrepanz“ (gleichbedeutend mit der Anomietheorie von Merton) und die „soziokulturelle Wert-Mittel-Diskrepanz“ von Wurr/ Trabandt verweisen.

3.2. Soziale Einflüsse

Familie Die Familie stellt für die Entstehung und Entwicklung von abweichendem bis hin zu delinquentem Verhalten eine zentrale Bedeutung dar. Als wichtig gilt dabei der Aspekt der familiären Interaktion, hier beispielsweise unterbleibende emotionale Unterstützung, defizitäre und konfliktgeladene Wechselbeziehungen und Eltern- Kind- Konflikte sowie zurückweisender, bestrafender, inkonsistenter, restriktiver und gewalttätiger Erziehungsstil. Dies sind Risikofaktoren für die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung eines Kindes und stehen somit im Zusammenhang mit Gewalttätigkeit und Kriminalität bei Jugendlichen (vgl. Raithel/Mansel, 2003, S. 26). Ein weiterer begünstigender Faktor für kriminell abweichendes Verhalten bei Jugendlichen ist die Schichtzugehörigkeit. Eltern von delinquenten Jugendlichen haben mit höherer Wahrscheinlichkeit finanzielle Sorgen, beziehen eher Unterstützung vom Sozialamt, beispielsweise aufgrund langanhaltender und dauerhafter Arbeitslosigkeit, und verfügen weniger über ausreichend große Wohnungen, die auch Komfort bieten, als Eltern von nicht- delinquenten Jugendlichen (vgl. Wollenweber, 1980, S. 153).

Ein interessanter Aspekt in der Erziehung ist die übermäßige Verwöhnung, welche zu delinquentem Verhalten führen kann. Ich möchte hier speziell auf die Mutter-Verwöhnung eingehen. Die Mutter bringt dem Kind enorme Aufmerksamkeit und Zuwendung entgegen, nimmt auch unerwünschtes Verhalten hin, ohne dieses negativ zu verstärken oder das Kind zu bestrafen. Diese verwöhnende Haltung ist nach lernpsychologischen Forschungsergebnissen von erheblichem Nachteil für den Aufbau der Gefühlskontrolle (vgl. Seitz, Götz, 1979, S. 101). „Die Kinder bleiben unfähig, Bedürfnisse aufzuschieben bzw. deren Realisierung unter Ausnutzung differentieller Erfahrungen strategisch zu planen“ (Seitz, Götz, 1979, S.101).

In der heutigen Gesellschaft ist das Thema des materiellen Überflusses bei Kindern und Jugendlichen bedeutsam. Viele Eltern nehmen sich für ihre Kinder nicht mehr so viel Zeit oder können diese nicht aufbringen, da Mutter und Vater arbeiten gehen müssen, um eine gesicherte Existenz zu haben. Sie versuchen dies durch die Erfüllung von unangemessenen Wünschen und übermäßigen Geschenken etc. bei ihren Kindern „wiedergutzumachen.“

Dadurch steigt der Anspruch der Kinder immer mehr an und sie sind frustriert, wenn sie nicht alles bekommen, was sie wollen. Die Unzufriedenheit über, ihrer Meinung nach, zu wenig emotionaler, materieller und finanzieller Zuwendung, ist häufig eine der Folgen solcher Erziehungsmethoden, welche zu aggressivem oder aggressiv erscheinendem Verhalten führen kann. Diese Erscheinung wird in der Fachliteratur zunehmend als „Wohlstands- verwahrlosung“, teilweise „emotionale Verwahrlosung“ diskutiert.

Peer-Groups Die Peer-Group bezeichnet die Gruppe der Altersgleichen (oder Gleichaltrigen). Innerhalb der jugendlichen Peer-Group haben alle Jugendlichen ungefähr den gleichen Entwicklungsstand, ähnliche Probleme und häufig vergleichbare Zukunftsaussichten. Die Clique gewinnt mit zunehmendem Altem an Bedeutung für die Herausbildung und Festigung von Normen, Einstellungen und Verhaltenstendenzen. Dies kann positiv im Sinne eines unterstützenden Netzwerks für die Jugendlichen sein, es kann aber auch die Möglichkeit der Herausbildung eines delinquenzbegünstigenden Umfelds bestehen (vgl. Raithel/Mansel, 2003, S. 27). Im Jugendalter versuchen viele Jugendliche sich von den Eltern abzugrenzen. Dadurch gibt es oft Konflikte in den Familien, da das Abgrenzen nicht selten durch deviante Verhaltensmuster erfolgt. „Die Jugendlichen erlangen durch delinquentes Verhalten im Kontext delinquenter Peer-Groups ihre fehlende Wertschätzung und Anerkennung“ (Raithel/Mansel, 2003, S. 27). In Cliquen herrschen Normen und Regeln, an die sich die Jugendlichen halten, um nicht ausgeschlossen zu werden. Die Gruppe verfolgt bestimmte Ziele, welche auch delinquentes Verhalten von den Mitgliedern verlangen kann. Nicht jeder Jugendliche, der einer delinquenten Peer-Group angehört, hat die Einstellung, sich kriminell abweichend zu verhalten. Diese Jugendlichen sind eher Mitläufer. Sie werden oft von den Gruppenanführern beeinflusst bzw. unterliegen dem Gruppenzwang. So bekommen sie Anerkennung und werden in der Peer-Group akzeptiert. Das deviante oder delinquente Verhalten in diesen Cliquen zeigt sich beispielsweise durch Zigaretten-, Alkohol und Drogenkonsum bzw. durch Sachbeschädigung, Diebstahlkriminalität und Gewalttaten.

Ich möchte näher auf die Sachbeschädigung, speziell auf das Sprayen eingehen. In Deutschland hielt das Sprayen, stammend aus der amerikanischen Kultur, Anfang der 80er Jahre Einzug. Die Betrachtung richtet sich auf alle unaufgefordert angebrachten Bilder und Symbole sowie Silben, Worte und Gestalten, die „Geheimzeichen“ der „Künstler“ darstellen. Die genannten Sachen werden von Jugendlichen vornehmlich mit Filzstiften, Markern und Spraydosen auf Türen, Wänden, Zügen, Sitzflächen und anderen öffentlich einsehbaren immobilen und mobilen Flächen aufgetragen. Das „Sprayen“ meint das unaufgeforderte Anbringen von Symbolen oder Bildern mittels einer oder mehrerer Farbsprühdose(n). Dies kann man als jugendtypisch bezeichnen, da der Täterkreis am häufigsten im Jugendalter zu finden ist (vgl. Raithel/Mansel, 2003, S. 226).

Signaturen und Schriften auf freien Flächen hat es zu allen Zeiten der Geschichte gegeben. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe hat beispielsweise sein Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ auf der Innenwand eines Jagdhauses bei Ilmenau eingeritzt (vgl. Raithel, Mansel, 2003, S. 227). Diese Form der Kommunikation, Kennzeichnung oder Selbst-darstellung hat uns viele wichtige Informationen unserer Vorfahren geliefert. Die Archäologen waren die ersten Forscher, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzten. Sie bezeichneten diese Botschaften als „Graffiti“, welches heute „alle Formen inoffizieller Mitteilungen“ bezeichnet (vgl. Raithel/Mansel, 2003, S. 227). Ende der sechziger Jahre in New York diente Graffiti als „gewaltfreie“ Handlungsalternative, um die Stadtteile bzw. die territorialen Grenzen der verschiedenen Gangs festzusetzen. Zuerst wurden die Spraydosen nur für individuelle Zeichen und Symbole verwendet, danach wurden Größe und Farbe der Symbole erweitert. Die ersten großflächigen Bilder mit Gestalten, Zeichen und Signaturen entstanden 1971. Später wurden auch U-Bahnen besprüht, die über weite Strecken die Sprayer bekannt machten (vgl. Raithel/Mansel, 2003, S. 228). In einem Interview mit einem Sprayer wird die Frage gestellt, welcher Reiz im illegalen Sprayen liegt (vgl. Hartmann, 2001, S. 33). „Weil man durch das Sprayen über Nacht zum Star werden kann“ (Hartmann, 2001, S. 33).

Die Sprayer haben neben dem oben genanntem das Ziel ihre Konkurrenten zu übertrumpfen. Sie sprühen die Graffitis an immer bessere Flächen, an denen es noch gefährlicher ist, erwischt zu werden. Weiterhin werden die „Kunstwerke“ immer größer und farbintensiver gestaltet.

Um strafrechtlich gegen die Sprayer vorzugehen, muss ein Straftatbestand vorliegen. Die Erfüllungsvoraussetzung ist im § 303 des Strafgesetzbuches zu finden, der den Tatbestand der Sachbeschädigung beschreibt. Kriminologisch werden die Wandschmierereien der meist jugendlichen Täter eher dem Bereich des Vandalismus zugeordnet (vgl. Tröndle/Fischer, 2001, S. 1777). Das Prinzip der Sanktionierung resultiert nicht hauptsächlich auf der Tatsache des Vergehens, sondern auf die Persönlichkeit und die Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen. Die jugendlichen Straftäter befinden sich in einer besonderen Phase der Entwicklung und Sozialisation. Insofern wird auf die Täter Rücksicht genommen, da davon ausgegangen wird, dass auf die einmalige Verfehlung keine kriminelle Karriere folgt (Hartmann, 2001, S. 64). Die jugendlichen oder heranwachsenden Sprayer werden demzufolge nach dem Jugendgerichtsgesetz (JGG) verurteilt. Der Anwendungsbereich wird im § 1 JGG definiert. Dieser gilt, wenn ein Jugendlicher oder Heranwachsender ein Vergehen verübt, welches nach den allgemeinen Vorschriften als strafbar deklariert wird (vgl. KJHG, 1998, S. 308). Mit dem Problem des illegalen Sprayens haben sich schon viele Berufszweige beschäftigt, wie beispielsweise Polizei, Sozialpädagogen, Sozialarbeiter und einzelne Firmen. Es entstanden einige sozialpädagogische Projekte, in denen das Sprayen nicht generell als Verbot galt, sondern freie Flächen zur Verfügung gestellt wurden, auf denen die Jugendlichen legal sprühen durften. Auch einzelne Firmen sind nicht untätig geblieben. Eine Aktion in Mecklenburg/ Vorpommern ist mir bekannt, wo der Stromanbieter e-dis alle Stromkästen als freie Flächen zur Verfügung gestellt hat. So entstanden auf diesen Flächen Landschaften, Blumenbilder etc., welche zur Verschönerung der Städte beitrugen und nicht als Schmierereien gesehen wurden. Die Ideen der Freigabe bestimmter Flächen ist sehr gut, wird aber wahrscheinlich das Problem des illegalen Sprayens nicht lösen. Sicher werden einige Jugendliche dieses Angebot nutzen und sich auf den genannten Flächen verewigen. Der eigentliche Reiz, nämlich der Kick des Illegalen bzw. die Präsentation der Machtposition gegenüber Konkurrenten, ist damit aber nicht gegeben.

[...]


1 Name geändert.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Deviantes und delinquentes Verhalten bei Jugendlichen. Vorstellung einer Jugendarrestanstalt
Hochschule
Fachhochschule Kiel
Veranstaltung
Lebenswelten von Jugendlichen
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
24
Katalognummer
V984938
ISBN (eBook)
9783346346452
ISBN (Buch)
9783346346469
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um die Hausarbeit zum Vordiplom. Die Arbeit beschreibt deviantes und delinquentes Verhalten bei Jugendlichen.
Schlagworte
deviantes, verhalten, jugendlichen, vorstellung, jugendarrestanstalt
Arbeit zitieren
Alexandra Horn (Autor:in), 2004, Deviantes und delinquentes Verhalten bei Jugendlichen. Vorstellung einer Jugendarrestanstalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/984938

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