Die Große Koalition und Gustav Stresemann 1923


Essay, 2019

6 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Die Große Koalition und Gustav Stresemann 1923

Gustav Stresemann wird trotz seiner kurzen Amtszeit als Reichskanzler der Weimarer Republik in der geschichtswissenschaftlichen Forschung als einer der erfolgreichsten und populärsten Politiker der Weimarer Republik wahrgenommen. Historiker kommen zu dieser Einschätzung, da sie dem Wirken des Kabinetts Stresemann und auch seiner späteren Tätigkeit als Außenminister, eine außerordentlich wichtige politische Leistung attestieren. Hierbei anzumerken ist, dass das Kabinett Stresemann den Übergang, einer ersten innenpolitisch wie außenpolitisch schwierigen Phase der Weimarer Republik, hin zu einer wirtschaftlichen und politisch prosperierenden Phase einleitete. Diese Phase des Aufschwungs war gekennzeichnet durch die Befreiung der jungen Republik aus der außenpolitischen Isolation und die Verständigung mit den Siegermächten, was insbesondere der Person Stresemann angerechnet werden kann. War Stresemann doch schließlich derjenige, der die Außenpolitik der Weimarer Republik kontinuierlich über einen Zeitraum von 7 Jahren bestimmte und sich die Verständigung und Versöhnung zum Ziel gesetzt hatte. Hierbei ist auch sein politisches Geschick anzumerken - verstand er sich doch als „Realpolitiker“, der die Gegebenheiten anerkannte, im Gegensatz zu vielen Weimarer Politikern die in ihren Milieus verhaftet eine Politik betrieben die ihre politischen Rahmenbedingungen nicht überschritten. Dies kennzeichnete seine Koalitionsbildung seiner Zeit als Kanzler und Außenminister: Um seinen politischen Kurs durchsetzen zu können, verstand er es als ein vom Pragmatismus gekennzeichneter Politiker, ideologische Interessen außen vor zu lassen und bildete Koalitionen bestehend aus allen Parteien die sich als demokratisch und verfassungstreu zu erkennen gaben.

Der Weg hin zur Ernennung von Stresemann als Reichskanzler war geprägt durch die Ereignisse des Jahres 1923, welches ein einschneidendes Erlebnis für die politische Landschaft der Weimarer Republik seien sollte. Es war gekennzeichnet durch die Ruhrbesetzung der französischen und belgischen Truppen, welche mit dieser Besetzung ein wirtschaftliches Pfand auf ausbleibende Reparationszahlungen erhoben. Die Regierung unter Wilhelm Cuno, sowie das breite Spektrum der Weimarer Parteien sahen hierin ein Vertragsbruch des Versailler Vertrages. Im Vorfeld der Ruhrbesetzung war eine selbst deklarierte Zahlungsunfähigkeit von deutscher Seite verkündet worden. Das Kabinett Cuno rief zu einem passiven Widerstand auf. Die streikenden Arbeiter des Ruhrgebiets wurden von der Reichsregierung für ihren passiven Widerstand gegen die französische und belgische Besatzung finanziell entlohnt. Um diese Finanzierung zu gewährleisten wurde seitens der Reichsbank auf Anweisung der Regierung vermehrt Geld gedruckt. Dadurch leitete die von staatlicher Seite beschlossene rasante Geldvermehrung eine enorme Entwertung der Mark ein. Die sogenannte Hyperinflation schadete der deutschen Wirtschaft. Die Ruhrbesetzung traf das Herz der deutschen industriellen Fertigung und die Wirtschaftsleistung sank enorm. Viele Unternehmen mussten folglich ihre Belegschaft entlassen. Der Kostenvorteil, den die Inflation in den Jahren 1921 und 1922 den deutsche Unternehmen brachte und diese zu nutzten wussten, indem sie vermehrt Arbeitnehmer einstellten, schwand. Mit Beginn der Hyperinflation machte sich eine aufkommende Massenarbeitslosigkeit bemerkbar. Die Politik des Kabinetts Cunos trug zu einem rasanten Abfall der Löhne und Gehälter bei, welche deutlich der wachsenden Teuerungsrate hinterherhinkten. Die angespannte soziale Spannung entlud sich in einer zu erwartenden Hungerkatastrophe - waren doch die Industrie und Landwirtschaft darauf bedacht ihre Waren und Güter zurückzuhalten, um sich vor der Geldentwertung zu schützen.

In diesem sozioökonomischen Spannungsfeld übernahm Gustav Stresemann - vom Reichspräsidenten Ebert zur Regierungsbildung beauftragt - das Amt des Reichskanzlers und folgte auf das zurückgetretene Kabinett Cunos.

Dem Kabinett Stresemann stand eine große Koalition bestehend aus den Weimarer Parteien (Zentrum. DDP und SPD), sowie Stresemanns Partei, der DVP vor und das, obwohl Stresemann der SPD nicht angetan war. Die Einbindung der SPD in seine Regierungsarbeit, galt der Überlegung dass es schwierig seien würde, politische Ziele durchzusetzen, ohne die Arbeiterbewegung miteinzubeziehen. Die Bereitschaft zur Koalition diente auch dem Aspekt eine breite politische Landschaft im Reichstag für seine Regierungsziele zu besitzen. Diese Bereitschaft Stresemanns zur Koalitionsbildung endete allerdings bei den extremen Parteien - rechts wie links. Auf Seiten der SPD und DVP war die Erkenntnis nur langsam gereift, dass nur im Zusammenspiel die Krise überwunden werden konnte.

Stresemann, der bis 1919 Mit-Vorsitzender und Begründer des Bundes der Industriellen war, gelangte zur Erkenntnis, dass ein weiterer Währungsverfall der durch den passiven Widerstand nicht nur die Ökonomie der Weimarer Republik schadete, sondern auch das Bestehen der Republik gefährdete. Dieser Aufruf zur Beendigung des passiven Widerstands im Ruhrgebiet folgte eine große Empörung in der politischen Landschaft. Die Vorlage eines entsprechenden Ermächtigungsgesetz zur Stabilisierung der Währung, bildete die Grundlage für Teile seiner eigenen Partei, die er 1918 eigens gründete und somit die Liberalen in DDP und DVP spaltete, auf die Sprengung der großen Koalition hinzuarbeiten. Besonders der rechte Flügel seiner DVP wollte die Koalition mit der SPD beenden. Sie arbeiteten in dem Sinne gegen Stresemann, da sie bestimmte sozialpolitische Forderungen ins Ermächtigungsgesetz aufnehmen wollten, welche nicht für die SPD tragbar gewesen wären. Stresemann trat wegen dieser politischen Konfrontation zurück, bildete aber sogleich wieder - mit der Regierungsbildung durch Ebert beauftragt, ein Kabinett, welches ein Kompromiss für das Ermächtigungsgesetz ausarbeitete und somit die Währungsreform mit der Einführung der „Rentenmark“ einleitete.

Mit der Einführung der „Rentenmark“ wurde der Währungsabfall vermindert und stabilisierte sich zunehmend. Dieser politische Eingriff - Aufhebung des passiven Widerstands und Währungsreform, wurde die außen- sowie wirtschaftspolitische Lähmung überwunden. Die Stabilisierung der Währung sollte das Verdienst seines Finanzministers Hans Luther sein. Die Aufhebung des passiven Widerstands und die Währungsreform sollte sich als ein erster Schritt erweisen, die Einheit des Staates der Weimarer Republik zu wahren und die Separatismus­Bestrebungen - welche überwiegend durch die französische und belgische Seite gefördert wurden, zu beenden. Dadurch wurde die außenpolitische Lähmung Deutschlands überwunden. Insbesondere dadurch, dass Stresemann es schaffte, die von Frankreich beherrschte Reparationskommission durch neutrale Experten zu ersetzen. Mit dem Londoner Dawes Plan, welcher Stresemann als Außenminister unter Marx im August 1924 mithilfe der Billigung der SPD im Reichstag ratifizieren ließ, wurden zwar hohe Reparationszahlungen festgesetzt, jedoch wurde auch für die Weimarer Republik die Tür für diplomatischen Spielraum geöffnet, hinsichtlich Großbritanniens und amerikanischen Bankiers, Druck aus Frankreich auszuüben und letztlich die Zusage Frankreichs zu erhalten, das Ruhrgebiet zu räumen.

Innenpolitisch war das Kabinett Stresemanns konfrontiert mit der Gefährdung der Reichseinheit hinsichtlich von Aufstandsversuchen von links und rechts in Mitteldeutschland und Bayern. In Sachsen und Thüringen verfügten Sozialdemokraten und Kommunisten im Landtag über die parlamentarische Mehrheit und bildeten im Oktober 1923 Koalitionsregierungen auf Landesebene. Aus sozialdemokratischer Sicht war dies die Möglichkeit erstmals seit der Novemberrevolution reine Arbeiterregierungen zu bilden, während es für die KPD darum galt, eine legale Ausgangslage zu bilden um die verelendete Bevölkerung zu einer proletarischen Revolution zu bewegen. Bewaffnete Arbeitergruppen, sogenannte proletarische Hundertschaften wurden gebildet. Diese sollten gegen rechten Aggressoren und Putschisten entgegentreten und ein Abwehrblock bilden, um mögliche nationalistische Umsturzversuche aus Bayern - welches seit der Münchner Räterepublik zu einem Sammelsurium rechtsnationaler Kräfte wurde, zu verhindern. Die Reichsregierung unter Stresemann wollte diesen möglichen Umsturzversuchen in Thüringen und Sachsen nicht tatenlos zusehen und mittels des reichsweiten Ausnahmezustandes - welcher die Befehlsgewalt der Reichswehr übertrug, wurden die proletarischen Hundertschaften verboten. In Sachsen marschierten Reichswehrtruppen mit Zustimmung Stresemanns ein, nachdem die Landesregierung unter dem Sozialdemokraten Erich Zeigner den Aufforderungen aus Weimar nicht nachkam und mehrere KPD-Minister zum proletarischen Kampf aufriefen. Stresemann forderte den sächsischen Ministerpräsidenten dazu auf, eine Regierung ohne die KPD zu bilden, was dieser verneinte. Mittels einer Reichsexekution - bezogen auf den Notverordnungsartikel 48 der Weimarer Verfassung, wurde die sächsische Regierung schließlich für abgesetzt erklärt und ein Reichskommissar übernahm die Regierungsgeschäfte. Ähnliches war auch zeitgleich in Bayern der Fall. Der Ministerpräsident des Landes - Gustav Kahr, hatte sich mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet und sich selbst zum Generalstaatskommissar erhoben und arbeitete auf eine entsprechende Loslösung von Weimar hin. Hierbei widersetzte er sich den Anweisungen der Reichsregierung und arbeitete zusammen mit dem Kommandeur der in Bayern stationierten Reichswehrtruppen auf eine Errichtung einer Diktatur hin Die Gegebenheiten für eine Reichsexekution waren auch hier mehr als gegeben. Stresemann hielt jedoch eine Reichsexekution für nicht durchführbar. Höhepunkt in Bayern bildete der Hitlerputsch vom 9. November 1923, der den Höhepunkt der innenpolitischen Krise markierte. Hier agierte die Reichsregierung nun entschlossen und Kahr, der die Erfolgslosigkeit der Aktion Hitlers erkannte, stellte sich wieder ganz in den Dienst der Republik.

Bereits Am 3.November hatte die SPD unter Protest die Regierung Stresemanns verlassen, aus ihrer Sicht unverhältnismäßigen Maßnahmen der Reichsregierung hinsichtlich sozialdemokratisch geführter Länder -Sachsen und Thüringen auf der einen Seite und konservativ-national geführtem Bayern auf der anderen Seite. Auf Druck der SPD stellte 20 Tage nach ihrem Regierungsaustritt Stresemann von sich aus im Reichstag die Vertrauensfrage und verkündete noch am selben Abend seinen Rücktritt.

Das Kabinett Stresemann kann als zweiteilig erfolgreich gewertet werden. Einerseits gelang es ihm mittels der Währungsreform und der Aufhebung des passiven Widerstands die Wirtschaftliche Lage in Deutschland zu stabilisieren und langfristig in eine neue außenpolitische Ausgangslage zu führen, andererseits eskalierte die innenpolitische Lage und wirft einen Schatten auf die knapp 100 Tage Amtszeit des Kanzlers Stresemann, der in seinem diplomatischen Konstrukten doch so auf politischen Ausgleich und Einbeziehung verschiedener Parteien aus war.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die Große Koalition und Gustav Stresemann 1923
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Geschichte)
Note
2.0
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V985502
ISBN (eBook)
9783346344588
Sprache
Deutsch
Schlagworte
große, koalition, gustav, stresemann
Arbeit zitieren
Thibaut Rivière (Autor), 2019, Die Große Koalition und Gustav Stresemann 1923, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/985502

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