Das Französisch in Québec und auf La Réunion im Vergleich

Phonetik, Phonologie, Morphosyntax und Lexik im Vergleich


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sprachgeschichte auf La Réunion und in Québéc
2.1 Historische Entwicklung
2.1.1 Französische Besiedlungsphase
2.1.2 Entwicklung zur kolonialen Diglossie
2.2 Aktuelle Sprachsituation

3 Sprachproduktion auf La Réunion und in Québéc
3.1 Phonetik und Phonologie
3.2 Morphosyntax
3.3 Lexik

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bemerkenswerterweise treten trotz enormer geographischer Distanz spezifische Sprachphänomene deckungsgleich in den frankophonen Regionen La Réunion und Québéc auf. Dies ist umso erstaunlicher, da sich naheliegende Vermutungen, wie beispielsweise dieselbe Ausgangsvarietät der französischen Siedler als unzutreffend herausstellen. In der vorliegenden Arbeit stehen daher die Fragen im Fokus, in welchem Maße Überschneidungen im frangais réunionnais und frangais québécois auftreten und wie sich diese erklären lassen.

Dabei wird chronologisch auf die historischen - und damit einhergehend auch soziokulturellen - Bedingungen eingegangen, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: während Québéc für die kolonialen Bestrebungen der Grande Nation in Nordamerika von höchster Priorität ist und als neues Zentrum der Frankophonie in Nordamerika etabliert werden soll, ist La Réunion aufgrund seiner marginalen Lage und geringen Größe von untergeordneter Relevanz. Auch unterscheiden sich die Ausgangsbedingungen der französischen Besiedlungsphase grundlegend: die Kolonisten treffen an der Küste des Nordatlantiks auf verschiedene indigene Kulturen, wohingegen sie auf der unbewohnten Insel im Indischen Ozean mit Herausforderungen ganz anderer Art konfrontiert werden. Auch die weiteren historischen Entwicklungen zeigen Differenzen auf, so verstricken sich die Frankokanadier im Verlauf des 18. Jhs. in militärische Auseinandersetzungen mit den englischen Kontrahenten, während fernab vom Kriegsschauplatz die Siedler auf La Réunion mithilfe der Schaffung einer Sklavenhaltergesellschaft um ihr Überleben kämpfen. Auch Rückschlüsse auf die Sprachentwicklung weisen hier in unterschiedliche Richtungen, denn in Québéc tritt das Französische in Konkurrenz mit dem Englischen, auf La Réunion hingegen entwickelt sich das Kreolische zur Muttersprache der Bevölkerungsmehrheit. Einschneidende politische Maßnahmen im 20. Jh. verändern nachhaltig den Status dieser beiden Sprachen und sind bis heute eng mit der nicht unproblematischen Suche nach einer Identität und entsprechenden Sprachnorm verbunden. Im Rahmen dieser Arbeit werden weiterführend auf der Grundlage der gegenwärtigen Sprachrealitäten übereinstimmende Aspekte des frangais réunionnais und frangais québécois im Bereich der Phonetik und Phonologie, sowie der Morphosyntax und Lexik ausgewählt und einander gegenübergestellt. Dabei lassen sich einerseits Erklärungsansätze aus den spezifischen (sprach)geschichtlichen Entwicklungen ableiten, andererseits kristallisieren sich Phänomene heraus, die generell auch in anderen Varietäten des Französischen auftreten. In einem abschließenden Fazit werden die Ergebnisse zusammenfassend dargestellt und kritisch reflektiert.

2 Sprachgeschichte auf La Réunion und in Québéc

Ein Blick in die Geschichte auf La Réunion und in Québéc ist nicht nur notwendig, um die jeweils gegenwärtige Sprachrealität nachvollziehen, sondern auch um einen entsprechenden Vergleich zwischen den beiden diatopischen Varietäten des Französischen vornehmen zu können. So handelt es sich bei bestimmten sprachlichen Überschneidungen nicht etwa um Zufälle, sondern um historisch begründbare Phänomene. In Bezug darauf sollen im folgenden Kapitel relevante Unterschiede und Gemeinsamkeiten auf La Réunion und Québéc mit besonderem Augenmerk auf den Zeitpunkt der Kolonialisierung, die Intensität der Französisierung durch das Mutterland und Sprachkontaktszenarien herausgearbeitet werden.

2.1 Historische Entwicklung

2.1.1 Französische Besiedlungsphase

Die koloniale Expansion Frankreichs beginnt theoretisch im 16. Jh. mit den Entdeckungsreisen von Jacques Cartier und der anschließenden Gründung der Nouvelle France, faktisch setzt die Kolonialisierung jedoch erst im 17. Jh. ein. Während im Jahr 1608 Québéc bereits als eine der ersten französischen Städte in Nordamerika gegründet wird, beansprucht die Grande Nation indes die mehr wie 14 000 km entfernte Inselgruppe der Maskarenen im Indischen Ozean, darunter auch die Ile Bourbon, die im Verlauf der Französischen Revolution zu La Réunion umgetauft wurde. Letztere wird wegen einer erfolglosen Inbesitznahme Madagaskars erschlossen und spielt aufgrund des abgelegenen Standorts eine - in Hinblick auf Frankreichs damalige koloniale Ambitionen - verhältnismäßig unwichtige Rolle. (vgl. Chaudenson 2003: 1122) Während La Réunion zuvor unbewohnt ist, treffen die Franzosen in Nordamerika auf verschiedene indigene Kulturen mit denen teilweise Handelsbeziehungen und militärische Bündnisse eingegangen werden.1 Die erste Besiedlungsphase in den Territorien ist auf unterschiedliche Weise vom damaligen weltpolitischen Interesse Frankreichs geprägt, was sich auch in der unterschiedlichen demographischen Entwicklung wiederspiegelt: auf La Réunion erfolgt der Nachschub nur langsam und sporadisch, in Québéc hingegen werden im Zuge von strategischen Maßnahmen Bewohner aus den Gebieten der Normandie und der Ile de France angeworben. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass neben Handwerkern, Bauern und Seeleuten, auch gezielt Vertreter aus höheren und gebildeten Kreisen angesiedelt werden, die in den nordamerikanischen Kolonien eine gesellschaftliche Elite etablieren und eine kulturelle Anbindung an Frankreich gewährleisten sollen (vgl. Neumann-Holzschuh 2017: 111). In Québéc ist in der zweiten Hälfte des 17. Jhs. ein deutlicher Zuwachs der französischen Bevölkerung festzustellen, wogegen auf La Réunion dringend auf eingeschiffte serviteurs aus Madagaskar zurückgegriffen werden muss, um überhaupt das Überleben zu sichern. Wirtschaftlich stützen sich die nordamerikanischen Kolonien Frankreichs auf Fischerei und Pelzhandel, während aufgrund der klimatischen Bedingungen auf den Inselgruppen des Indischen Ozeans Kaffee- und Zuckerrohranbau im Zusammenhang mit Sklavenarbeit lukrativ umgesetzt werden.

2.1.2 Entwicklung zur kolonialen Diglossie

Im Folgenden werden die fortschreitenden Entwicklungen der französischen Kolonien La Réunion und Québéc separat dargestellt, da diese stark voneinander abweichen.

Für die schwere körperliche Arbeit auf den Plantagen werden ab dem 18. Jh. in massiver Weise Menschen aus Ostafrika nach La Réunion verschleppt, was zu einer deutlichen Mehrheit der nicht-europäischen Bevölkerung führt und den sprachlichen Status Quo nachhaltig verändert. Gemäß dem Sprachwissenschaftler Chaudenson setzen zu diesem Zeitpunkt erste Kreolisierungsprozesse ein: das Regionalfranzösisch der vornehmlich aus den Gebieten westlich der Linie Bordeaux - Paris stammenden Siedler mischt sich mit den Muttersprachen der Sklaven. Das Französisch der sogenannten Grands Blancs bleibt zwar weiterhin als Prestigesprache erhalten, wird aber als L1 von der inselspezifischen Kreolvarietät abgelöst. (vgl. Chaudenson 2003: 1124) Mit der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1848 reißt der Bevölkerungszustrom auf La Réunion nicht ab, sondern wird durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus Indien und China sowie Händlern aus arabischen Ländern ersetzt. Damit schreitet der Kreolisierungsprozess weiter fort, denn die neuen Migranten lernen das mittlerweile linguistisch schon weit vom Französischen entfernte Réunion-Kreol und verlieren innerhalb einer Generation ihre Muttersprache. Ab etwa 1930 endet die Einwanderung und es bahnt sich die Phase der klassischen kolonialen Diglossie an: übernahm bisher das Kreolische als Sprache der Bevölkerungsmehrheit die Integration der Neuankömmlinge, verstärkte sich nun der Einfluss und Machtanspruch des Französischen als Sprache der Kolonialmacht. (vgl. Ehrhardt 2003: 956f.) Diese Konstellation konsolidiert sich im Jahr 1946 mit der départementalisation - La Réunion wechselt vom Status einer Kolonie zur eingegliederten Überseeregion Frankreichs - und zeigt bis in die jüngste Gegenwart seine Auswirkungen. So verhilft die verstärkte Bindung an die Metropole der Insel zwar zu wirtschaftlichem Wachstum, bringt aber auch gleichzeitig einen höheren Druck des hexagonalen frangais standard mit sich.2

Was geschieht parallel zu den oben aufgeführten (sprach)geschichtlichen Umwälzungen in Québéc? Während die Intensität der Französisierung auf La Réunion als konstant, dafür aber niedrig eingestuft werden kann, ist diese in Hinblick auf die nordamerikanische Kolonie vergleichsweise hoch, reißt aber durch die Niederlagen infolge der englisch-französischen Kolonialkriege früh wieder ab. Frankreich verliert sukzessiv die Gebiete der Nouvelle France - mit der Conquète Anglaise im Jahr 1763 fällt auch Québéc als letzte Region - wodurch die verbleibenden Frankokanadier sprachlich und kulturell vom Mutterland isoliert werden. Es entsteht eine diglossische Situation mit dem Englischen, dessen sprachliche Dominanz die normgebende Kraft und Bedeutung der frankophonen Elite stark einschränkt. (vgl. Neumann­Holzschuh 2017: 111) Es werden zwar weiterhin vereinzelt Schulgrammatiken aus Frankreich nach Québéc verschickt, diese enthalten aber keine Kapitel zur Aussprache, was zur Folge hat, dass in der gesprochenen Sprache Besonderheiten, die typisch für das Französische im 17. und 18. Jh. sind, bis in die heutige Zeit konserviert wurden. (vgl. Wolf 1987: S. 18) Der kanadische Staat wird seit seiner Gründung 1867 offiziell zweisprachig organisiert, dennoch bleibt das Englische de facto dominante Sprache in Wirtschaft und Politik. Erst Anfang des 20. Jhs. wird den Quebeckern zunehmend bewusst, dass für das Überleben der französischen Sprache in einer rein anglophonen Umgebung eine organisierte Sprachpflege notwendig ist. Im Bereich der Sprachpolitik können zunächst bescheidene Erfolge gefeiert werden3, allerdings etabliert sich erst in den 1960ern im Zuge der sogenannten Révolution Tranquille eine mentalitätsverändernde Bewegung. In Reaktion auf eine mehr als 200 Jahre andauernde Dominanz der englischsprachigen Bevölkerungsmehrheit erstarkt das Selbstbewusstsein der Frankokanadier für das eigene Sprach- und Kulturerbe und gipfelt im Jahr 1977 in der Charte de la langue franqais. Mit dem Loi 101 wird Québéc offiziell zum einsprachigen französischen Territorium und räumt dem Englischen nur noch den Status einer Minderheitensprache ein. (vgl. Neumann-Holzschuh 2017: 111) Die Charta sieht u.a. als wichtige Bestimmungen vor, dass ausschließlich die französische Version von Gesetzestexten offiziellen Charakter hat und im öffentlichen Raum (Schilder, Plakate etc.) nur Französisch verwendet werden darf. In den Folgejahren müssen einige Punkte juristisch jedoch wieder abgemildert werden, um mit dem auf föderaler Ebene geltenden Gesetz der Zweisprachigkeit vereinbar zu bleiben.4

2.2 Aktuelle Sprachsituation

In den nachfolgenden Ausführungen wird die aktuelle Sprachsituation in Wechselwirkung zur Norm- und Identitätsfindung kurz skizziert. Da es sich hierbei um eine bis in die heutige Zeit andauernde, polemisierende Problematik handelt, sollen im Rahmen dieser Arbeit lediglich die Grundzüge, die als Ausgangspunkt für das anschließende Kapitel zur Sprachproduktion dienen, dargestellt werden. Nachdem sich die sprachwissenschaftliche Forschungsmeinung in Hinblick auf den Status zwischen dem Réunion-Kreolischen und Französischen maßgeblich verändert hat, wird darauf im Besonderen eingegangen.

[...]


1 Die Kontakte mit den Premières Nations manifestieren sich auch auf sprachlich-kultureller Ebene, demgemäß leitet sich beispielsweise der Name Kanada vom irokesischem Wort kanata 'Dorf, Siedlung' ab. (vgl. Pöll 2017: 93)

2 Der Anthropologe Christian Ghasarian bewertet La Réunions wirtschaftliche Abhängigkeit infolge der départementalisation kritisch und sieht darin eine zunehmende Verdrängung der kreolischen Kultur und Sprache durch das westliche Modell Frankreichs. (vgl. Ghasarian 2002: 663-676) Der Sozilologe Laurent Médéa geht sogar noch weiter und spricht in seinen Ausführungen von einer neuen Form des Kolonialismus, die einer Herausbildung der reunionesischen Identität verhindert. (vgl. Médéa 2005: 169-204)

3 Ab 1910 werden beispielsweise zweisprachige Tickets im öffentlichen Transportwesen eingeführt und ab 1935 kommen des Weiteren die ersten zweisprachigen Banknoten auf Bundesebene in den Umlauf.

4 Der aktuell gültige Gesetzestext findet sich unter www.oqlf.gouv.qc.ca, [letzter Aufruf am 12.03.2018]

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Details

Titel
Das Französisch in Québec und auf La Réunion im Vergleich
Untertitel
Phonetik, Phonologie, Morphosyntax und Lexik im Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V985915
ISBN (eBook)
9783346342379
ISBN (Buch)
9783346342386
Sprache
Deutsch
Schlagworte
französisch, québec, réunion, vergleich, phonetik, phonologie, morphosyntax, lexik
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Das Französisch in Québec und auf La Réunion im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/985915

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