Geschlechterdifferenz in der Literaturgeschichte am Beispiel des bürgerlichen Trauerspiels


Hausarbeit, 2019

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das bürgerliche Trauerspiel

3. Vorstellung der ausgewählten Trauerspiele
3.1. ‚Miß Sara Sampson‘ von Gotthold Ephraim Lessing
3.2. ‚Emilia Galotti‘ von Gotthold Ephraim Lessing
3.3. ‚Kabale und Liebe‘ von Friedrich Schiller

4. Geschlechterdifferenzen in den ausgewählten Trauerspielen
4.1. Kulturelle Geschlechterdifferenz: Ehre und Tugend
4.2. Natürliche Geschlechterdifferenz: Biologie und Sexualität

5. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturquellen

Internetquellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Sowohl aufgrund des religiösen – in der Bibel heißt es unter anderem „[…], das Haupt der Frau [..] ist der Mann.“1 oder „[…] und er soll dein Herr sein.“2 – als auch aufgrund des antiken Denkmusters, welches vor allem auf die Annahme ‚Das Maß des Menschen ist der Mann‘ des griechischen Philosophen Aristoteles zurückzuführen ist, herrschte in Europa bis zum 17. Jahrhundert insbesondere das androzentrische, d.h. ein den Mann in den Mittelpunkt des Denkens stellende3, Weltanschauung4.

Trotz der Frühaufklärung, welche im 18. Jahrhundert einsetzte und die Gleichheit aller Menschen – also sowohl für jeden Mann als auch jede Frau – vertrat5, begann sich ab Mitte des 18. Jahrhunderts dennoch ein anderes Geschlechterbild zu etablieren, das vor allem anhand der kulturellen und der natürlichen Differenzen von Mann und Frau festzumachen und unter anderem in den bürgerlichen Trauerspielen von Lessing Miß Sara Sampson und Emilia Galotti aus der Aufklärungszeit6 sowie Schillers Kabale und Liebe, welches in der Sturm-und-Drang-Zeit entstand7, festgemacht werden kann.

Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit diesen Differenzen am Beispiel der drei genannten Werke auseinander. Dafür wird in einer kurzen Einführung zunächst die literarische und gesellschaftliche Bedeutung des bürgerlichen Trauerspiels erläutert, bevor die drei Werke inhaltlich vorgestellt und im Anschluss daran deren geschlechtsspezifischen Charakteristika genauer beleuchtet werden.

2. Das bürgerliche Trauerspiel

Das bürgerliche Trauerspiel ist eine Untergattung der Tragödie, die im 18. Jahrhundert zunächst in England und Frankreich eine Rolle spielt. In deutscher Sprache schrieb Gotthold Ephraim Lessing im Jahr 1755 das erste bürgerliche Trauerspiel Miß Sara Sampson 8.

Der Aufbau des bürgerlichen Trauerspiels ist zumeist mit dem eines klassischen Dramas identisch: Es besteht aus fünf Akten, welche aus einer Einleitung (Exposition), einer Steigerung der Spannung (erregendes Moment), einem Höhepunkt (Peripetie), einer Verzögerung zum Aufbauen von Spannung (retardierendes Moment) und abschließend der Katastrophe gebildet werden9. Im Gegensatz zur klassischen Tragödie, welche üblicherweise in Versform verfasst wurde, ist es in Prosa – d.h. eine „nicht durch Reim, Verse, Rhythmus gebundene Form der Sprache“10 – abgefasst11.

Ausgehend vom Namen des ‚bürgerlichen Trauerspiels‘ stellt sich die Gattung als eine Synthese von heterogenen Elementen der Tragödie und der Komödie dar. Als ‚Trauerspiel‘ reiht es sich in die Geschichte der tragischen Gattung ein, wohingegen es als ‚bürgerlich’ auf die Tradition der Komödie verweist. Dies ist insofern von literarischer Bedeutung, als dass mit dem bürgerlichen Trauerspiel beide Untergattungen des Dramas kombiniert werden, welche zuvor nicht oder nur in seltenen Ausnahmefällen zusammenkamen12.

Der Ausdruck ‚bürgerliches Trauerspiel’ ist zur Zeit seiner Entstehung ein Oxymoron, d.h. eine rhetorische Figur, welche der Darstellung eines mehrdeutigen, sich im Grunde wiedersprechenden Inhalts dient13. Dies liegt vor allem dem Prinzip der Ständeklausel zu Grunde, bei der es darum geht, dass das Tragische bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich der hohen Stände bzw. den Adeligen vorbehalten war, da nur bei diesen – im Gegensatz zur Bürgerschaft – eine soziale und gesellschaftliche Fallhöhe gegeben sei14.

Das bürgerliche Trauerspiel entstand somit im Zuge der Emanzipationsbewegung und der gesellschaftlichen Entwicklung des Bürgertums, wodurch eine Präsentations- und Identifikationsplattform für die Bürgerschaft entstand15. Die Hauptfiguren der Werke stammen aus dem Bürgertum oder dem niederen Adel, die Tragik entfaltet sich in der Mitte der Gesellschaft16 und der Protagonist (Held) bzw. die Protagonistin (Heldin) ist dem Zuschauer ähnlich17.

Durch den Wandel der Protagonisten ändern sich im bürgerlichen Trauerspiel auch die Spielorte. Zeigten ältere Tragödien vor allem die Welt der Politik und des Staates sowie das Leben am Hof und ein höfisches Umfeld, trifft das Setting nun den Privatraum von Familien, ist betont bürgerlich und vom Adeligen abgegrenzt18.

3. Vorstellung der ausgewählten Trauerspiele

3.1 ‚Miß Sara Sampson‘ von Gotthold Ephraim Lessing

Miß Sara Sampson von Gotthold Ephraim Lessing ist das erste bürgerliche Trauerspiel der neueren deutschen Literatur. Es erschien und wurde uraufgeführt im Jahr 1755. Schauplatz des Stückes ist ein Gasthof in England.

Protagonisten Die Protagonisten sind Sir William Sampson, dessen Tochter Sara, Mellefont und seine alte Geliebte Marwood sowie Arabella, das Kind von Mellefont und Marwood.

Handlung Da William Sampson den Liebhaber seiner Tochter bisher nicht akzeptierte, sind die tugendhafte Miß Sara Sampson und ihr Geliebter Mellefont auf der Flucht nach Frankreich, wo sie heiraten wollen.

Dem flüchtigen Paar sind sowohl der Vater der Braut, Sir William Sampson, als auch die ehemalige Geliebte Mellefonts, Marwood, auf der Spur. Er möchte seine Tochter zurückzuholen und sich mit ihr versöhnen. Marwood hingegen möchte Mellefont zurückgewinnen, allerdings nicht aus Liebe, sondern wegen eines verletzten Ehrgefühls.

Die wesentliche Handlung des Stücks setzt ein, als William Sampson mit seinem Diener Waitwell an dem Gasthof, in welchem die beiden Flüchtigen untergetaucht sind, ankommt. Er verfasst einen Brief an seine Tochter, in dem er den beiden vergibt und sie auffordert, zu ihm zurückzukehren.

In der Zwischenzeit treffen sich Mellefont und Marwood, welche sich in einem anderen Gasthof in der Nähe ein Zimmer genommen hat. Sie hat ihn vorher in einem Brief um ein Treffen gebeten. Mellefont erörtert ihr, dass er kein Interesse mehr an ihr habe. Als Druckmittel lässt Marwood schließlich Arabella, ihre gemeinsame Tochter, bringen, welche ihn versucht umzustimmen. Trotz dieses Versuches entscheidet sich Mellefont gegen Marwood und er fordert sie auf, wieder nach London zurückzukehren.

Von Hinterlist getrieben willigt Marwood der Rückreise unter dem Vorwand ein, vor ihrer Abreise nochmal Sara kennenzulernen und sich ihr als eine Verwandte von Mellefont vorstellen zu können. Mellefont willigt dem ein, da eine freundschaftliche Beendigung der Beziehung in seinem Interesse ist.

Bei dem Abschiedstreffen möchte Marwood Sara davon überzeugen, sich von Mellefont abzuwenden. Sara traut ihr jedoch nicht und verliert zu keinem Zeitpunkt das Vertrauen zu ihrem Geliebten. Letztlich verrät sich die Lady im Gespräch und gibt zu, dass sie Marwood sei und mit Mellefont eine Tochter namens Arabella habe. Geschockt flieht Sara und verfällt in eine kurze Ohnmacht.

Nachdem Sara wieder aufwacht, stellt sie ihren Geliebten zur Rede. Von Liebe getrieben verzeiht sie ihm und bietet sogar an, Arabella als ihr eigenes Kind großzuziehen. Allerdings verschlechtert sich der Gesundheitszustand Saras zunehmend. Wird die Ursache anfangs noch auf die Folgen der Ohnmacht geschoben, stellen Mellefont und Sara alsbald fest, dass Sara von Marwood vergiftet wurde.

Sara merkt und vernimmt zunehmend, dass sie eventuell sterben wird. Sie möchte vorher aber nochmal ihren Vater sehen. Vor Ort am Sterbebett erkennt Sir William Mellefonts Liebe zu Sara und er verzeiht den beiden ihre Flucht. Sara verzeiht sogar Marwood und bittet ihren Vater, sich Mellefont und dessen Tochter Arabella anzunehmen. Der Vater, nicht zuletzt von Schuldgefühlen geplagt, willigt ein.

Aufgrund Saras Edelmut und dem ihres Vaters schafft es Mellefont nicht, sich an Marwood zu rächen. Er schafft es allerdings auch nicht, sich selbst zu verzeihen und bringt sich daher vor Ort noch selbst um.

3.2 ‚Emilia Galotti‘ von Gotthold Ephraim Lessing

Emilia Galotti, ebenfalls von Gotthold Ephraim Lessing verfasst, ist ein Trauerspiel in fünf Aufzügen, das 1772 uraufgeführt wurde19.

Protagonisten Die Hauptpersonen sind einerseits Emilia Galotti, ihre Eltern Odoardo und Claudia sowie der Graf Appiani, den sie heiraten soll. Auf der anderen Seite stehen der Prinz Hettore Gonzaga, sein Kammerherr Marinelli und die Gräfin Orsina.

Handlung Das Stück beginnt im Kabinett des Prinzen Hettore Gonzaga, wo er durch seinen Kammerherrn Marinelli von der bevorstehenden Hochzeit Emilia Galottis, in welche der Prinz heimlich verliebt ist, mit dem Grafen Appiani erfährt. Schockiert von dieser Nachricht berichtet er Marinelli von seinen Gefühlen, woraufhin jener einen Plan schmiedet, um Appiani daran zu hindern, auf seiner eigenen Hochzeit zu erscheinen.20

Der Plan sieht zunächst vor, dass der Graf aus der Stadt geschickt werden soll. Dafür trifft sich Marinelli mit dem Grafen und erzählt ihm von einem angeblichen Auftrag für eine Gesandtschaft. Das Gespräch verläuft jedoch nicht wie geplant: der Graf weigert sich, den fingierten Auftrag auszuführen bzw. die Stadt zu verlassen.

Marinelli übermittelt dem Prinzen die Nachricht des Scheiterns. Allerdings besitzt er noch einen Notfall-Plan: ein Überfall auf die Hochzeitskutsche von Appiani und Emilia, dessen Verwundung und deren anschließende Entführung. Der Überfall gelingt und Emilia wird in ein Schloss des Prinzen gebracht – angeblich zu Ihrer Sicherheit. Emilia berichtet Gonzaga verstört von dem Angriff, allerdings ahnt sie noch nicht, dass er dessen Drahtzieher ist. Zudem weiß sie auch noch nicht, dass ihr vorgesehener Gemahl, Graf Appiani, bei dem Überfall ums Leben gekommen ist.

Auch der Prinz erfährt schließlich, dass der Rivale bei dem Überfall nicht wie ursprünglich geplant verwundet wurde, sondern umgekommen ist. Er begreift sofort, dass der Verdacht gegen ihn erhoben werden könnte, da er ein eindeutiges Motiv hat.

Zu diesem Zeitpunkt trifft ebenfalls seine frühere Mätresse, Gräfin Orsina, auf dem Schloss ein, da sie ihn zurückerobern möchte. Da sie von ihm jedoch nicht empfangen wird und sie zudem Kenntnis von Emilias Anwesenheit erhält, wird sie Misstrauisch und schöpft kurzerhand den Verdacht, dass der scheinbare Raubüberfall in Wahrheit ein geplanter Anschlag war.

Nicht zuletzt trifft auch Emilias Vater, Odoardo Galotti, welcher sich nach dem Erhalt der Nachricht über den Überfall auf den Weg gemacht hat, auf dem Schloss ein. Er wird von der gekränkten Gräfin Orsina, welche gezielt den Hass des Vaters auf den Prinzen schürt, über den Vorfall aufgeklärt. Schließlich gibt sie Odoardo ein Messer – mit diesem wollte sie den Prinzen eigentlich selbst ermorden – und rät ihm, Appiani zu rächen.

[...]


1 AT. 1. Kor. 11,3

2 AT. 1. Mos. 3,16.

3 https://www.duden.de/rechtschreibung/Androzentrismus

4 Vgl. Schabert Ina: Gender als Kategorie einer neuen Literaturgeschichtsschreibung. In: Genus- zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Hrsg. von. Hadumod Busmann/Renate Hof: Stuttgart 1995 (Kroners Taschenausgabe; Bd. 492). S. 162-205. Hier S. 169.

5 Schosler, Franziska: Einführung in die Gender Studies. Berlin 2008. S. 23.

6 Vgl. J. K. Lee: Geschlechterdifferenz und Mutterschaft im bürgerlichen Trauerspiel von Lessing bis Hebbel (2012); S. 1

7 Vgl. ebd.; S. 2

8 https://lektuerehilfe.de/merkmale-textsorten/drama/das-buergerliche-trauerspiel

9 Vgl. ebd.

10 https://www.duden.de/rechtschreibung/Prosa

11 F. Krausse: Das bürgerliche Trauerspiel am Beispiel von Lessings „Miß Mara Sampson“ und „Emilia Galotti“ und Schillers „Kabale und Liebe“ (2002), S. 4

12 aus: „Bürgerliches Trauerspiel“ und Empfindsamkeit)

13 Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur (= Kröners Taschenausgabe, Band 231). 4., verbesserte und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 1964, S. 483,

14 https://wortwuchs.net/buergerliches-trauerspiel/

15 Israel, I. J./Mulsow, M. (Hrsg.): Radikalaufklärung, Frankfurt am Main 2014, S. 115

16 https://www.inhaltsangabe.de/wissen/textsorten/buergerliches-trauerspiel/

17 (aus: Einf. i.d. bürgerliche Trauerspiel und d.soz. Drama)

18 https://wortwuchs.net/buergerliches-trauerspiel/

19 https://wortwuchs.net/werke/emilia-galotti/

20 Vgl. G. E. Lessing: Emilia Galotti (####). Aufzug 1, Auftritt 6

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Geschlechterdifferenz in der Literaturgeschichte am Beispiel des bürgerlichen Trauerspiels
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V986897
ISBN (eBook)
9783346358776
ISBN (Buch)
9783346358783
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlechterdifferenz, literaturgeschichte, beispiel, trauerspiels
Arbeit zitieren
Anne Osterhoff (Autor:in), 2019, Geschlechterdifferenz in der Literaturgeschichte am Beispiel des bürgerlichen Trauerspiels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/986897

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